Eine Freundin meiner Mutter hat einen Neffen, der im vorigen Jahr als Staatsminister in die deutsche Bundesregierung berufen wurde. Wenn ich also auf persönlichem Wege eine wichtige Botschaft an den deutschen Bundeskanzler übermitteln wollte, könnte ich das über vier Ecken tun.

Einer Untersuchung des amerikanischen Psychologen Stanley Milgram aus dem Jahre 1967 zufolge lässt sich jeder Erwachsene, der nicht gerade als Einsiedler auf einer Insel lebt, mit jedem anderen über höchstens sechs jeweils miteinander bekannte Zwischenträger verbinden. Wir sitzen offenbar in einem hochgradig komplexen sozialen Netzwerk mit erstaunlich kurzen Wegen zwischen den einzelnen Punkten – eine Tatsache, die oft als "Kleine-Welt-Paradoxie" bezeichnet wird.

Solche Netzwerke zu untersuchen, ist bei Menschen relativ einfach. Eine Person kann man notfalls nach ihren Bekannten fragen oder auch vollelektronisch ihre Email- oder Telefonpartner ermitteln. Deutlich schwieriger wird die Analyse in der Welt der Zelle, wo gleichfalls tausende Akteure – in diesem Fall Proteine – miteinander kommunizieren, kooperieren oder sonstwie interagieren. Herauszufinden, wer hier mit wem Kontakt hat und warum, ist genau die Herausforderung, vor der die Biologie nach der Entschlüsselung zahlreicher Genome einschließlich des menschlichen steht. Für Bemühungen in dieser Richtung hat sich inzwischen der Begriff Proteomik eingebürgert.

Erste Ansätze auf diesem Gebiet zielten darauf ab, Eins-zu-eins-Beziehungen zwischen Paaren von Proteinen aufzudecken. Das entspricht dem Versuch, durch Analyse des Telefonverkehrs zu ermitteln, welche Menschen miteinander sprechen. Daraus erfährt man aber noch nicht, welchen Vereinen und Verbänden sie angehören oder welche Rolle sie im Beruf und Familienverbund spielen. Soziale Netzwerke sind komplizierter als eine Ansammlung von Linien zwischen jeweils zwei Pu