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Sprache und Gehirn

Hirnforscher und Linguisten bürsten gängige Ansichten über unsere kommunikativen Fähigkeiten gerne gegen den Strich. So etwa die Vorstellung, dass Mehrsprachigkeit das kindliche Gehirn verwirre und in seiner Entwicklung störe. Oder dass Gebärdensprache keine "richtige" Sprache sei. Oder dass Gespräche mit 6-Jährigen weniger komplex seien als solche mit 16-Jährigen.
Seit Paul Broca (1824-1880) das Gehirn seines legendären Patienten "Monsieur Tan" untersuchte, haben Forscher immer klarer herausgearbeitet, welche Hirnregionen welche Aufgaben erfüllen, damit wir Sprache verstehen oder selbst produzieren können. "Monsieur Tan" gab den Sprachgelehrten seiner Zeit Rätsel auf, weil er ganz offenbar in der Lage war, alles zu verstehen, was man ihm sagte – dennoch aber bis auf die Silbe "tan" keine eigenen Äußerungen mehr hervorbrachte. Ursache dafür war eine Läsion im linken Stirnhirn, wie Paul Broca nach dem Tod des Patienten feststellte. Heute können Wissenschaftler dank moderner bildgebender Verfahren dem lebenden Gehirn bei der Arbeit zusehen. So entdeckten Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften um die Neurolinguistin Angela Friederici in den vergangenen Jahren, dass beim Spracherwerb des Kindes nacheinander verschiedene Hirnregionen aktiv werden – in einer festen zeitlichen Reihenfolge. Die linke Hemisphäre ist dabei für Syntax und Semantik zuständig, die rechte für die Prosodie – die Satzmelodie.

Das wachsende Wissen gerade um die erstaunlich früh ausgebildete passive Sprachfähigkeit von Säuglingen und Kleinkindern hat auch handfeste Implikationen für den Umgang mit unserem Nachwuchs: Wer viel mit seinem Baby spricht und ihm vorliest, fördert auf natürliche Weise dessen geistige Entwicklung. (ck)
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