John-Dylan Haynes
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Im Jahr 1979 machte der amerikanische Physiologe Benjamin Libet eine Entdeckung, die Natur- und Geisteswissenschaftler in Aufruhr versetzte. Er maß die Aktivität des Gehirns vor und während der motorischen Reaktion eines Menschen und stellte Erstaunliches fest: Schon bevor die Entscheidung zur Ausführung einer Bewegung ins Bewusstsein dringt, wird diese im motorischen Kortex vorbereitet. Libet folgerte, die Handlungen eines Individuums wären nicht auf dessen Willen zurückführbar, doch obwohl bald heftige Kritik an der Durchführung des Experiments geübt wurde, konnten die Zweifel an der Willensfreiheit bis heute nicht zerstreut werden. Ein Forscherteam um den Psychologen und Hirnforscher John-Dylan Haynes, Professor am Berliner Bernstein Center for Computational Neuroscience, liefert mit neuesten Erkenntnissen auf dem Gebiet der Entscheidungsfindung den Befürwortern des Determinismus neuen Nährboden.


Herr Haynes, die Ergebnisse Ihrer jüngsten Studie zum Prozess der neuronalen Entscheidungsfindung könnten die Gemüter in der Debatte um den Begriff der Willensfreiheit erneut erhitzen. Wie hat man sich den Hergang des Experiments genau vorzustellen?

Wir führen Testpersonen zur Messung ihrer Hirnaktivität in einen Kernspintomografen ein. Mit Hilfe dieses bildgebenden Verfahrens erreicht man eine sehr hohe räumliche Auflösung der Prozesse im Gehirn und kann so die Gedanken einer Person gut sichtbar machen. Die Probanden bekommen in die linke und die rechte Hand jeweils einen Knopf. Sie werden schließlich gebeten, sich zu irgendeinem vollkommen selbstbestimmten Zeitpunkt für die linke oder rechte Seite zu entscheiden und dann den entsprechend Knopf zu drücken. Parallel dazu laufen auf einem Bildschirm Buchstaben mit, die sich jede halbe Sekunde ändern. Die Probanden merken sich, welcher Buchstabe auf dem Bildschirm zu sehen ist zu dem Zeitpunkt, da sie ihre Entscheidung fällen. Damit können wir dann zurückrechnen und uns die Hirnaktivität anschauen, die einer bewussten Entscheidung vorausgeht. Auf der Basis der gewonnenen Daten versuchen wir vorherzusagen, wie sich jemand entscheiden wird. Dazu verwenden wir spezielle Mustererkennungssoftware – vergleichbar mit den Programmen, die man benutzt, um Fingerabdrücke zu erkennen.

Wie früh kann man eine solche Entscheidung detektieren?

Bereits etwa sieben bis acht Sekunden vor einer Entscheidung können wir diese anhand der gemessenen Hirnaktivität vorhersagen. Allerdings weist die Kernspintomografie eine drei- bis viersekündige Verzögerung auf. Das bedeutet, es vergehen tatsächlich mindestens zehn Sekunden, bevor die Information zu einer Entscheidung im Gehirn präsent ist.

Bereits der Physiologe Benjamin Libet führte ein ähnliches Experiment durch und stieß mit seinen Schlussfolgerungen auf große Kritik. Warum sind gerade die von Ihnen zutage geförderten Erkenntnisse so bahnbrechend?

Ich würde niemals über eigene Erkenntnisse sagen, sie seien bahnbrechend – das müssen andere beurteilen. Wenn man sich die Frage stellt, warum wir dieses Experiment ursprünglich durchgeführt haben, dann gibt es zwei Hintergründe: Zum Einen betreiben wir seit einigen Jahren Forschung, die sich mit der Frage beschäftigt: Wie können wir aus der menschlichen Hirnaktivität auslesen, was ein Mensch gerade denkt – und zwar mit eben jenen Mustererkennungsprogrammen? Das funktioniert deswegen so gut, weil jeder Gedanke einer Person mit einem unverwechselbaren Muster der Hirnaktivität einhergeht, und wenn man dieses Muster erkennen kann, kann man auch auslesen, was eine Person denkt – zumindest bis zu einem gewissen Grad.
Zum Anderen war das Libet-Experiment sehr umstritten. Erstens kritisierte man die Kürze der gemessenen Zeitspanne zwischen Aktivierung des Gehirns und bewusster Entscheidung. Ein Einwand war, es könnten vielleicht Messfehler vorliegen. Der zweite Kritikpunkt ist der, dass Libet zu sehr auf das so genannte Bereitschaftspotenzial fokussiert war – eine EEG-Auslenkung, die geschieht, kurz bevor Menschen Bewegungen ausführen. Dieses Bereitschaftspotenzial kommt aus motorischen Hirnregionen, genauer: aus dem supplementärmotorischen Kortex und teilweise aus dem Motorkortex. Libet hatte somit überhaupt nicht die Möglichkeit, festzustellen, ob nicht vielleicht woanders im Gehirn noch frühere Aktivitäten auftreten. Drittens, gab es viele Leute, die das Libet-Experiment als Beleg dafür ansahen, dass das Gehirn zuerst entscheidet und unser Bewusstsein dem hinterher hängt – in ihren Augen ein Beleg gegen die Willensfreiheit.

Libet ermittelte einen Zeitraum von einigen hundert Millisekunden, der zwischen neuronal beobachtbarer Vorbereitung im motorischen Kortex und bewusster Wahrnehmung der Entscheidungsfindung liegt. Ein Zeitraum von sieben oder sogar zehn Sekunden erscheint dagegen immens. Wären alternative Erklärungen für das Auftreten einer so frühen Hirnaktivität denkbar – beispielsweise das Ablaufen rein kognitiver Vorgänge des Erwägens einer Handlung?

Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist, ob sich Menschen nicht möglicherweise schon vorher entschieden haben und einfach nur warten, bis sie die Hand heben. Wir haben diese Erklärung jedoch in unseren Experimenten ausschliessen können: Wenn Menschen wissen, welchen Knopf sie drücken wollen, kann man die Information aus den motorischen Hirnregionen auslesen. Aber diese frühe Information, die wir messen, ist allein beschränkt auf höhere Hirnregionen und kommt gar nicht aus dem Motorkortex. Genau gesagt: Wir würden annehmen, dass wir frühe Entscheidungen aus dem Motorkortex auslesen können. Das können wir aber nicht.

Haben die Menschen Ihrer Meinung nach Grund, sich angesichts solcher neuen Befunde aus der Hirnforschung in ihrem Gefühl, frei zu sein, bedroht zu fühlen?

Die Frage ist, ob Menschen wirklich glauben, dass ihr Wille frei ist. Wir wissen ja, dass unsere Wünsche von zahlreichen Einflüssen in unserem Leben abhängen. In meinen Augen besteht das Problem des Gefühls einer bedrohten Willensfreiheit nur, wenn die Menschen glauben, sie würden durch diese Forschungsergebnisse zu willenlosen Automaten der Aktivität ihres Gehirns. Darin steckt meiner Meinung nach aber ein Denkfehler, weil wir damit das Gehirn als von unserer Persönlichkeit und unseren Erfahrungen getrennt erleben. Aber unsere Persönlichkeit und unsere Erlebnisse spielen sich im Medium des Gehirns ab. Das Gehirn ist der Träger unser Erlebnisse, der Träger unserer Persönlichkeit. Insofern können wir im Hinblick auf unsere Entscheidungen sagen, dass es unsere Entscheidungen sind – weil es unser Gehirn ist, das diese getroffen hat. Und deswegen sind diese Entscheidungen auch konsistent mit unserem Willen.

Dennoch würde man aber intuitiv annehmen, dass die Vorbereitung einer Handlung erst dann geschieht, wenn die Entscheidung bewusst gefallen ist. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum die Menschen sich nicht damit abfinden können, dass Gehirnprozesse einer bewussten Entscheidung vorausgehen sollen.

Unsere Ergebnisse sind ja nicht dazu in der Lage, alles komplett vorherzusagen. Allein unsere Messtechniken sind ja noch nicht ausgereift. Vielleicht sind unsere Entscheidungen aber auch gar nicht so früh determiniert. Was unsere Ergebnisse zeigen ist, dass unsere Entscheidungen zwar stark vorgebahnt sind. Wir können aber nicht ausschließen, dass Menschen möglicherweise dazu in der Lage sind, diese vorgebahnte Entscheidung des Gehirns noch umzupolen. Ich halte das persönlich zwar für sehr unplausibel. Aber es gibt tatsächlich momentan in der Hirnforschung keine Daten, die zweifelsfrei belegen, dass Menschen sich nicht tatsächlich noch einmal umentscheiden könnten.

Beeinflussen Forschungsresultate, die etwa fundamentale Anschauungen wie die der Willensfreiheit ins Wanken bringen, Ihr eigenes Selbstverständnis als Mensch?

Nein, in meinen Augen gibt es keine Dichotomie zwischen meinen Erlebnissen und meinen Hirnaktivitäten. Ich habe kein Problem damit, die unbewussten Prozesse meines Gehirns zu akzeptieren. Ich freue mich über die Hilfe, die mir die unbewussten Verarbeitungsprozesse meines Gehirns leisten, indem sie mir eine ganze Menge von Alltagsentscheidungen und Prozessen abnehmen, ohne dass ich groß darüber nachdenken muss. Ich möchte mich an dieser Stelle bei den unbewussten Verarbeitungsprozessen in meinem Gehirn bedanken! (lacht)


Das Interview führten Carolin Sprenger und Jeanne Gevorkian, Studierende des Studiengangs "Philosophie – Neurowissenschaften – Kognition" an der Universität Magdeburg, im Rahmen des Seminars "Medienpraxis" unter der Leitung von G&G-Chefredakteur Carsten Könneker.