Das bekannteste internetbasierte Selbsthilfeangebot für Depressionen im deutschsprachigen Raum ist das Programm Deprexis. Der Zugang für drei Monate kostet rund 280 Euro. Über simulierte Dialoge und vorgefertigte Antwortalternativen klickt sich der Nutzer durch zehn Module, die größtenteils auf bewährten Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie basieren.

Unter "Service Depression" kann der interessierte Besucher zunächst einiges über Depressionen und ihre mögliche Behandlung nachlesen. Doch zum Programm selbst bleiben Fragen offen: Wie es genau funktioniert und ob es anderen Teilnehmern geholfen hat, erfährt man nur, wenn man sich die verlinkten Presseberichte ansieht. Sollte man zusätzlich auf jeden Fall einen Fachmann aufsuchen? Oder genügt das Programm, um die psychischen Beschwerden zu überwinden? Der vage Hinweis auf der Website: "Depressionen erfordern oft einen Besuch beim Arzt oder Psychotherapeuten." Erst die Nutzungsbedingungen, die beim Anmeldeprozedere auftauchen, sprechen Klartext. Das System biete Unterstützung, aber eine professionelle Diagnose könne es nicht ersetzen.

Ob der User selbst eine Depression hat, wird erst nach der Anmeldung mit Hilfe eines entsprechenden Fragebogens geprüft. Etwaige andere psychische Erkrankungen wie Süchte oder Psychosen, die möglicherweise mit den Depressionen zusammenhängen, werden nicht systematisch erfragt. Für eine fachgerechte Abklärung bedürfe es eines qualifizierten Arztes oder Psychologischen Psychotherapeuten, so heißt es.

Ein weiterer Kritikpunkt: Der Eingangstest erfragt zwar Suizidgedanken, zieht daraus aber keine Schlussfolgerungen. Kleingedruckt unter dem Fragebogen steht allerdings ein Hinweis: "Sprechen Sie bitte so schnell wie möglich mit Ihrem Therapeuten darüber."

Das Programm selbst macht einen guten Eindruck. Es umfasst viele Interventionen, die in der Regel auch Bestandteil einer kognitiven Verhaltenstherapie sind: Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen, Aufklärung über die Macht der Gedanken, Motivation zum Aufbau von Aktivitäten und Erfolgserlebnissen. Der Nutzer wird unter anderem in kurzen Hörstücken von einer sympathischen Stimme dazu angehalten, die eigenen Gedanken kritisch zu hinterfragen oder sie aus der Vogelperspektive zu betrachten. Zum Abschluss animieren die Bausteine zu Kindheitserfahrungen und Träumen dazu, belastende Erinnerungen aufzuschreiben. Am Ende jeder Sitzung kann der Nutzer eine Zusammenfassung und Anleitungen zu praktischen Übungen ausdrucken und bei Bedarf nochmals einen Blick in die Lektionen der vergangenen Sitzungen werfen.

Die Tipps und Übungen sind natürlich nicht in dem Sinn persönlich maßgeschneidert, wie das im Rahmen einer echten Psychotherapie möglich ist. Laut Angaben eines Deprexis-Mitarbeiters wird das Programm derzeit so weiterentwickelt, dass es sich in eine Psychotherapie einbinden lässt. Schon jetzt hätten Behandler bei schriftlichem Einverständnis ihrer Patienten die Möglichkeit, deren Verlaufsdaten zu verfolgen.

Menschen, die lediglich an einer leichten Depression leiden, kann das Programm offenbar schon jetzt helfen, aus dem seelischen Tief herauszufinden. Darauf deuten die Ergebnisse von drei Studien hin, etwa die von Forschern am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Sie berichten allerdings von eher schwachen bis mäßigen Effekten.

Die Forscher halten es trotzdem für denkbar, dass Psychotherapeuten Programme wie Deprexis als Bestandteil einer auf den Patienten abgestimmten Behandlung "verschreiben" könnten. Dass eine solche therapeutische Begleitung das Ergebnis von Deprexis verbessert, zeigte 2011 eine Studie der Universität Bern. Das Programm könne aber auch mit moderaten Effekten in der Summe eine große Wirkung haben, so die Forscher. Denn online erreiche es möglicherweise eine große Zahl Betroffener, die sonst gar nicht behandelt würden.

Die DAK prüft jetzt in Zusammenarbeit mit mehreren deutschen Universitäten, ob das dreimonatige Programm bei leichteren Depressionen die Wartezeit bis zu einer Psychotherapie überbrücken helfen kann. Das Projekt soll mit mehr als 5000 Teilnehmern die bislang größte derartige Studie werden. Eine kostenfreie Anmeldung ist für DAK-Versicherte möglich unter www.deprexis.de.

Mehr über internetbasierte Therapie lesen Sie in der Titelgeschichte von GuG 1-2/2013: "Log-in auf die Onlinestation".