Der Glaube an Geister oder Götter ist vermutlich seit frühester Zeit ein zentraler Bestandteil der menschlichen Natur, die Religionen vergangener Völker faszinieren dementsprechend Fachleute wie Laien. Kunstvolle Götterbilder holen Besucher in die Museen, Fotos von Ritualobjekten verleihen archäologischen Berichten den letzten Schliff. Doch wie gesichert sind Erkenntnisse über den Glauben längst verschwundener Kulturen? Insbesondere solcher, die im Unterschied etwa zur ägyptischen Hochkultur keine schriftliche Überlieferung entwickelt hatten, Rituale und Götternamen also nicht für die Nachwelt fixieren konnten?
Religion an sich kann nicht ergraben, sondern nur indirekt aus den Hinterlassenschaften der Praktizierenden erschlossen werden. Funde aber lassen sich oft unterschiedlich deuten. Für die Religion der Olmeken konkurrieren deshalb zwei Theorien: Die meisten Forscher halten diese älteste Hochkultur Mesoamerikas für schamanistisch, dochReligionsarchäologie
Spuren des Glaubens
Die Olmeken, Mittelamerikas älteste Hochkultur, kannten nach vorherrschender Meinung keine Priester, sondern Schamanen. Doch neue Indizien weisen in eine andere Richtung.
Dieser Artikel ist eine aktualisierte Fassung des gleichnamigen Artikels in Spektrum der Wissenschaft, April 2005, S. 118.
Der Altamerikanist René Dehnhardt promovierte am Institut für Altamerikanistik und Ethnologie der Universität Bonn über die Religion der Olmeken. Er arbeitet als freiberuflicher Ethnologe in Brasilien. 

1. Vorstellungen des Jenseitigen
15.04.2013, Claus-Peter Peters, LangenfeldEs sind nur fünf Elemente vorstellbar, aus denen eine Glaubenslehre generiert werden kann: Erstens aus den mystischen Erlebnissen eines Stifters, die zunächst gerichtet sein sollten auf den Erwerb von Selbsterkenntnis. Bekannt ist hier etwa Buddhas Bericht von dem sich in sein Spiegelbild verwandelnden Erdgeist, ein Bild, welches er für Erkenntnisse zerschlägt. Im Anschluss ist im weiteren Leiden, dem „Brennen der Seele“ göttliche Selbsterkenntnis erfahrbar. Die Bibel umschreibt ein solches Brennen bei Moses (im Anschluss an die von ihm begangene Tötung eines Ägypters) als Begegnung mit Gott getrennt durch einen „brennenden Dornbusch“. Oder nehmen Sie dazu, wenn keine Bibel im Hause ist, das Märchen „Das junggeglühte Männlein“ der Brüder Grimm.
Als zweites wäre das Schamanentum zu nennen, in dem nicht Wissen um die eigene Person das zentrale Thema darstellt, sondern das Reisen mit der Freiseele zu den Geistern (bei großen Schamanen sogar bis zur Mutter der Tiere, siehe hier Müller, „Schamanismus“). Diese Reisen sind gerichtet auf den Transfer von Wissen aus dem Jenseits, welches früher sonst durch den Tod des Trägers verloren gegangen wäre. Eine durchaus sinnvolle Beschäftigung, als es noch keine schriftlichen Aufzeichnungen gab.
Beide Richtungen sind im Übrigen nur durch einen Seelenentscheid voneinander getrennt. Aus der Literatur hierzu anzuführen, sind besonders Hesses Tötung der schönen Frau (im „Steppenwolf“), die ihn in das Schamanentum führte, nämlich ins „Magische Theater“, oder Nietzsches „Torweg namens Augenblick“ im „Zarathustra“. Goethe führte uns seinen Fehlentscheid im „Faust I“ vor Augen ebenso wie Dante seinen im ersten Teil der „Göttlichen Komödie“. Alle nahmen diesen Entscheid (etwa: Faust II, Komödie Teil 3) im Angesicht des Irrtums wieder zurück. „Große Schamanen“, so Müller, kennen nämlich weitere Initiationen, die – dafür machen sich besonders die vorgenannten Schriftsteller stark – zu einem Wechsel auf die mystische Seite genutzt werden können. Vor diesem Hintergrund mag der Leser über die Qualität der Untersuchungsergebnisse des ins Feld geführten amerikanischen (was auch sonst?) Anthropologen Winkelmann („Schamanismus sei signifikant mit einer nichtagrarischen Lebensweise verbunden, Stichwort Jäger- und Sammlerkulturen“) selbst entscheiden. Doch zurück:
Die Kontaktaufnahme zu Geistern, ohne dafür mit der Seele zu reisen, wäre als Drittes zu nennen. Von ihr ist mangels eigenen Einsatzes der Seele, daher nur geringen, teils sogar falschen Einsichten abzuraten. Merke: Nur von Geist – des Schamanen – zu Geist – des Toten – ist ein glaubwürdiger Wissenstransfer gewährleistet.
Als Viertes muss philosophische Fortentwicklung an geringe Erkenntnisse eines Stifters anknüpfen. Mit anderen Worten, es wird Nichtwissen durch Interpretation und Überinterpretation „aufgepeppt“. Anstatt also mit weiteren Fragestellungen Mitmenschen aufzufordern, sich am Erwerb von Erkenntnissen zu beteiligen, wird jeglicher mögliche Zugewinn bereits im Keim erstickt. Besonders hieran beteiligt ist die fünfte Gruppe der Mitwirkenden, die Priester, die sich überdies mit magischen Ritualen präsentieren und Kontakte mit dem Göttlichen vortäuschen (die nur der ersten und gegebenenfalls zweiten Gruppe möglich sind). Ihnen geht es dabei nicht um Seelsorge, sondern um Körpersorge in eigenen Diensten, weshalb man – sinnfällig – auch Psychologen gewähren lässt.
Mit diesem Grundgerüst aus Mystik, Schamanentum, Okkultismus/Spiritismus, Philosophie und priesterlichen Riten lassen sich Religionen bereits recht gut untersuchen, vorausgesetzt, man kümmert sich um mystische Einsichten und wissenschaftliche Erkenntnisse zum heute praktizierten Schamanentum. Schnell offenkundig dürfte da die Fehlinterpretation des Paulus aus eigenem Unvermögen heraus werden (2. Korintherbrief, 12), als er nämlich schon seine eigene Seelenreise nicht als eine solche erkannte, weshalb er die des Jesus, allen Naturgesetzen zum Trotz, als Wiederauferstehung deutete. Insoweit wäre die (im Artikel leider jedoch verworfene) hypothetische Schlussfolgerung eines Archäologen, auf Grund der Symbolik des Christentums in ihr eine schamanistische Religion zu vermuten, absolut zutreffend.
Kommen wir noch zu den Olmeken: Wenn diese über eine ähnliche Symbolik wie das Christentum verfügten, werden sie deshalb ebenfalls schamanische Rituale gekannt haben. Dem widerspricht nicht, dass es im Christentum keine Menschenopfer gegeben hat. Dem widerspricht ebenso wenig, dass heutige Priester nicht schamanisch mit der Seele reisen und dass es damals eine Vielzahl von Göttern gegeben haben könnte. Denn aus der Auflösung der Abtreibung (die Frauen wie Männern möglich ist) lässt sich zur Seele konstatieren, dass diese von Gott geboren wurde und im ganzen Körper vorhanden ist. Auf Grund ihrer dualen Natur, nämlich männlich/weiblich, existiert der Entscheid der Seele für Mystik oder Schamanentum. Und wegen ihrer göttlichen Abkunft, strebt sie nach Rückvereinigung mit dem Göttlichen, der innere Beweggrund aller Religionslehren. Daraus lässt sich auf die Entwicklung der Glaubenslehren schließen: Der Mensch suchte zunächst das Göttliche in der Natur und schuf sich Naturgottheiten, die personifiziert wurden (eine Form der Religionsschöpfung durch reine „Philosophie“). Erst mit den weiter entdeckten Möglichkeiten wuchsen die Erkenntnisse und es wurden differenziertere Modelle des Kosmos entwickelt. Damit wird zudem die Vermutung bezüglich eines bereits früh einsetzenden Glaubens an Götter hinfällig, stattdessen seine Annahme zur Gewissheit. Einzig mag man noch darüber streiten, ob auch alle Tiere auf ihre Art in der Lage sind, Vorstellungen des Jenseitigen zu entwickeln.