Die Vernunft "ist die höchste Hur, die der Teufel hat". "Wer ein Christ sein will, der steche seiner Vernunft die Augen aus." Keine Frage: Solche Äußerungen muss man vor ihrem historischen Hintergrund lesen, in diesem Fall der Reformationszeit. Und man sollte Martin Luthers Position nicht mit solchen polemischen Spitzen verwechseln. Aber sind solche Sprüche nicht typisch für eine verbreitete Einstellung im Verhältnis von Vernunft und Glaube? Häufig treffe ich auf diese Gegensätze: Entweder jemand ist rational, denkt nach und zweifelt, oder er glaubt eben einfach. Entweder einer ist modern und weltoffen, oder er verschanzt sich hinter traditionellen Riten und Ansichten. Entweder man kann als Philosoph radikal Fragen stellen, oder man ist "verkommen in der Verbrämung mythischer und theosophischer Metaphysik und Mystik" (Heidegger). Wie steht es wirklich um das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Religion und Wissenschaft?
Das Christentum hat in seiner Geschichte immer beide Tendenzen gekannt, hat sich mal der Vernunft geöffnet und sich dann wieder ängstlich vor ihr verschlossen. Schon Paulus schrieb der Gemeinde von Kolossai folgende Warnung ins Stammbuch: "Gebt Acht, dass euch niemand mit seiner Philosophie und falschen Lehre verführt, die sich nur auf menschliche Überlieferung stützen und sich auf die Elementarmächte der Welt, nicht auf Christus berufen" (Kolosser 2,8). Auf der anderen Seite hat kaum ein anderer biblischer Autor so sehr vernünftig für den Glauben argumentiert wie Paulus.
Die grundsätzlich positive Haltung zur Vernunft hat besonders in der katholischen Tradition stets dominiert. Doch gab es immer auch einen gewissen Argwohn gegenüber allzu kritischem Denken. Und das nicht ohne Grund: Denn dem Selbstverständnis der Christen zufolge ist der Glaube nichts, was man sich selbst gemacht hat, sondern ein Geschenk, das man durch eine lange Traditionskette hindurch aus Gnade erhalten hat.
Was aber heißt hier "der" Glaube? Schließlich ist es keineswegs deckungsgleich, was in kirchlichen Lehrtexten steht, in Predigten verkündet, im Religionsunterricht gelehrt oder von Christen tatsächlich geglaubt wird


Christian Tapp studierte Philosophie, Mathematik
und Katholische Theologie, promovierte 2004
zum Dr. rer. nat. sowie 2007 zum Dr. phil. Er
wurde 2008 als Professor an die Ruhr-Universität
Bochum berufen. Dort leitet er den Lehrstuhl
für Philosophisch-Theologische Grenzfragen und
eine Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe.
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1. Vernunft und Verstand
15.12.2011, Hermann AicheleMich würde weiterführend - und besonders im Blick auf manchen oben angedeuteten widersprüchlichen Sprachgebrauch - eine Differenzierung von Vernunft und Verstand interessieren. Also die Bedeutungsfelder beider Begriffe, die sich womöglich im Zug der Theologie- und Philosophiegeschichte verschoben haben.
Vorschlag für eine Grobeinteilung:
Verstand: intellektuelle Leistung(sfähigkeit). Vernunft: das, was unsere Werturteile und Entscheidungen bestimmt? Man kann ja z.B. fragen, ob es Vorhaben gibt, für die viel Verstand aufgebracht wird, die aber nicht vernünftig sind.
Ja, und wohin gehört der Logos?
2. Bei Religion geht es meist um völlig andere Sachen
16.12.2011, Gilbert Brands, KrummhörnAn der Geschichte dieses Ordens kann man aber auch ablesen, dass es bei der institutionalisierten Religion um etwas ganz anderes geht: um Ausübung von Macht, und zwar durchaus weltlicher. Die religiöse Gehirnwäsche setzt auf subtile Beherrschung des Einzelnen, die weltliche Macht auf physische Präsenz. Dass letztendlich die weltliche Macht das Sagen hat, liegt daran, dass Widersprüche zwischen Dogmen und Realität irgendwo auch ihre Grenze haben, wenn die Religion noch ernst genommen werden soll.
Diese ständige Diskussion über so genannte "heilige Bücher" gehört ebenfalls hierhin und ist das letzte Bollwerk, um vom Thema abzulenken. Die Bücher sind genauso wenig heilig wie Hitlers Mein Kampf oder Breiviks Begründung für seine Terrortaten und behandeln obendrein, wenn man mal genau hinschaut, sogar in weiten Teilen die gleichen Themen (s.z.B. Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums).
Religion als Wissenschaft? Höchstens als Teilgebiet der Psychologie zum Thema unbewusste Manipultion.
3. Hervorragender Artikel
16.12.2011, Gerhard StremingerZurecht wird die herausragende Rolle des Theodizeeproblems betont. Dieses ist die entscheidende Schwierigkeit für jede Form von Theismus, die die Existenz eines gerechten oder gar barmherzigen Gottes behauptet.
Dazu noch ein Wort zur free will defence, dem wohl häufigten Versuch, das Problem zu lösen: Es gibt viele Übel, so wird von theistischer Seite behauptet, die von Menschen verursacht sind. Aber Gott griffe deshalb nicht ein, weil ER die Freiheit der Menschen respektiere.
Aber warum respektiert der Allgütige die Freiheit der Täter und nicht der Opfer? KEIN gütiger Mensch, der die Macht dazu besäße, würde nicht sofort eingreifen, wenn wieder einmal Monster in Menschengestalt ihr Unwesen treiben.
Gerhard Streminger, Österreich streminger@aon.at
4. Gärtner
16.12.2011, Anonym (bitte beim nächsten Mal Namen eingeben)Ich persönlich glaube an die Existenz des Spaghettimonster und bin damit ein Pastafari. Der wissenschaftlich Nachweis zur Existenz unseres Gottes und den Glaubensinhalten kann auf Wikipedia nachgelesen werden.
5. Konkretes Trinitätsmodell: Trimoeb
16.12.2011, Peter Kohler"Bestimmte Kernaussagen werden in Formeln übersetzt und bilden gemeinsam mit geeigneten Hintergrundannahmen und entsprechender Logik eine formale Theorie. Von dieser lässt sich durch Angabe eines Modells zeigen, dass sie widerspruchsfrei ist."
Das Trimöb (Möbiussches Dreikant) zeigt die Widerspruchsfreiheit anhand eines konkreten geometrischen Körpers.
http://www.unibuchladen.de/trimoeb
http://www.spektrumdirekt.de/sixcms/list.php?page=fe_seiten&article_id=773622&skip=0
6. Vernunft? Beliebigkeit!
16.12.2011, Dominique BoursillonWenn es keinen Gott gibt, dann ist jede Form von Theologie und Glauben Unsinn, weil Zeit- und Geldverschwendung. Und wenn es einen Gott gibt, dann ist dieser nicht diskutier- und auch nicht interpretierbar. Wenn es z. B. heißt „du sollst nicht töten“, dann ist das eine unverrückbare Voraussetzung für das Himmelreich. Dieser Gott wird, zu gegebener Zeit, entscheiden, ob ich in den Himmel komme oder nicht. Es gibt keine „Cheats“, nach der Art „ich habe mir meinen Glauben nach Abwägung dieses und jenes zurechtgebogen“. Wir meinen zwar, dass wir diesem Gott ins Handwerk pfuschen können. Aber Glaube macht nur Sinn, wenn diese Einschätzung fehlerhaft ist. Warum soll ich denn bitteschön religiös sein, wenn ich doch weiß, dass ich egal was ich tue in den Himmel komme, weil mein Glaube meiner Vorstellung entspricht? Die Vernunft spielt im Glauben keine Rolle. Ein Christlicher Frühling, der mehr Vernunft im Glauben fordert, verdirbt jede Chance auf Erlösung.
Unabhängig davon stellt sich auch die Frage, warum wir christlich geprägt sind. Die Religion soll doch auch Werte vermitteln und ein Leitfaden fürs Gute Leben sein. Wo aber bleibt die Glaubensbasis, wenn die Philosophie eines Gottes oder eines Jesus´ so sehr verwässert und mit eigenen, passenden Vorstellungen gespickt wird, dass am Schluss nur die Namen und die Gebete übrig sind? Uns geht es nur darum möglichst bequem in den Himmel zu kommen; Also machen wir den Glauben beliebig. Kurzum: Martin Luther hatte womöglich doch recht!
7. Die Wahrheit und ihr Rest
16.12.2011, NuminologeDenn wenn es einen allmächtigen Gott gibt, dann sollte er auch allmächtig sein dürfen. Das heißt zum Beispiel, die Physik, die Wissenschaften und die Logik als Ganzes können im Numinosen enthalten sein, etwa als das, was dem Menschen überhaupt erkennbar ist, aber kaum umgekehrt.
Ein solcher Gott kann Schöpfer und Geschöpf, kausal und akausal, logisch und unlogisch gleichermaßen sein.
Das ist die Crux der Vernunft und somit steht leider nicht der Gläubige im täglichen
Spannungsfeld, sondern der Wissenschaftler oder der Philosoph, der im immer dichter
werdenden Netz der menschlichen Erkenntnis, versucht einen letzten Rest an vernünftigen Argumenten für oder wider einer Gottesexistenz zu behalten.
8. Bindung des Menschen an die Vernunft?
16.12.2011, Werner GradwohlDoch was ist mit der Bindung des Menschen an die Vernunft? Letztlich muss man immer als "Glaubender" anfangen. Zwar gibt es außerhalb der Theologie ein größeres Widerlegungspotenzial, aber ganz ohne Grundannahmen kommt niemand aus und in diesem Punkt treffen sich Vernunft und Glaube in ihrem wahrem Wesen.
Eine Annahme ist dann quasi ein "vernünftiger Glaube". Denn Glauben kann ich nicht widerlegen, auch nicht die Vernunft, wohl aber den "vernünftigen Glauben".
Zweifellos sind dies Parallelen zum Bayesschen Wahrscheinlichkeitsbegriff, der schon einmal in Spektrum der Wissenschaft dem Falsifikationismus gegenübergestellt wurde. Tatsächlich ergänzen sich wohl beide Prinzipien in der wissenschaftlichen Arbeit.
Inwieweit Theologie nun den harten Kriterien einer Wissenschaft entspricht (auch bezüglich ihrer eigenen Wissenschaftsauffassung) ist wohl kaum endgültig zu entscheiden.
Ein Satz hat mir allerdings besonders gefallen, dem ich nur voll zustimmen kann.
"Eine Theologie, die sich tagtäglich der universitären Auseinandersetzung stellen muss, ist für unsere Gesellschaft allemal besser als eine Theologie in einer abgeschotteten Sonderwelt aus Fideismus, Biblizismus, Kreationismus, Traditionalismus oder gar Fundamentalismus."
9. Aufgabe der Wissenschaft, Konsensmöglichkeiten mit Irrsinn herzustellen?
17.12.2011, Michael Müller10. Wieso Theologie keine Wissenschaft ist.
17.12.2011, Daniel Dumke[Theologie als Wissenschaft]
"Ein Problem dahinter: Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition von Wissenschaft.[...] Der Kern des Streits liegt in der so genannten Glaubensbindung [der Theologie]."
Natürlich gibt es im wissenschaftlichen Diskurs unterschiedliche Definitionen wohl eines jeden Begriffs, die Wissenschaft an sich ist da sicherlich keine Ausnahme. Der Absatz täuscht geschickt über seine Auslassungen hinweg. Der Euphemismus der "Glaubensbindung" hat hier wohl Hauptanteil:
Kern einer Definition der Wissenschaft ist vor allem auch die Widerlegbarkeit von Hypothesen. Hypothesen werden aufgestellt und können wie der Name schon andeutet (Unterstellung) widerlegt werden.
Das bedeutet, dass Theologie nie Wissenschaft sein kann, da die Grundhypothese nicht widerlegt werden kann, sonst wäre es keine Theologie mehr.
Auch andere Textstellen deuten darauf hin, dass es sich bei diesem Artikel als alles andere als einer ausgewogenen Abwägung zwischen Vernunft und Glaube handelt.
Das Mindeste wäre daher gewesen einen weiteren Einzelartikel mit einer anderen Sichtweise mit anzufügen.
11. Mehr Windenergie, weniger Theologie
19.12.2011, Manfred PetersTheologen beschäftigen sich ungern mit der Frage, wann Gott in seiner unendlichen Güte die Entscheidung gefällt hat, das Säugetier Mensch von den anderen Spezies als eine besondere zu trennen. Alle evolutionären Merkmale der Herkunft sind erhalten geblieben, ganz wenige hinzugekommen. Verhalten, Gehirn, Stoffwechsel, DNA alles evolutiv herleitbar, mit offenem Lernpotenzial. Und dann noch die zahlreichen auserwählten Völker, aber andere nicht. Alles Verhalten herleitbar und plötzlich, irgendwann, wurde es zur Sünde. In der Geschichte der Religionen zeigen Gottes Befehle geradezu beispielhaft evolutiv Richtungslosigkeit. Und immer gab es Hermeneutiker und in deren Gefolge Dogmatiker bis hinunter zum Gemeindeaufpasser, die das alles zum Glauben verdichtet haben, der zahllosen Menschen Gottes Gnade nicht angedeihen ließ. Stattdessen in tiefstes Unglück stieß. Gelehrte Semantik macht das nicht leichter verdaubar.
Mehr Text zur Windenergie wäre hilfreicher gewesen.
12. Mastermind
19.12.2011, Hans-Jürgen Steffens"Dieses Spiel ist bei gewisser Betrachtung ein Glücksspiel" bemerkte ich seinerzeit zu einem Kommilitonen. Er verstand sofort: Die gegebenen Hinweise seien "Constraints", für die zu (fast) jedem Zeitpunkt mehrere konsistente Lösungen (also verträgliche Farbkodes) existierten. Diese Lösungen konnte man durch Brute-Force-Algorithmen (ein wirkliches "Denken" findet dabei nicht statt) berechnen. Der Glücksspielaspekt tritt genau dann auf, wenn man sich zwischen zwei oder mehr konsistenten Lösungen entscheiden muss: Es liegen nun keine weiteren Informationen vor, man kann (besser: muss) jetzt also "würfeln, für welchen der Kodes man sich entscheidet.
Ich denke, das ist genau die Situation, in der sich der Hermeneutiker befindet. Bis zu diesem Punkt ist er durchaus "wissenschaftlich" vorgegangen. In der Art und Weise, wie er sich entscheidet, verlässt er die Wissenschaft, er wird - von außen betrachtet - zum Glücksspieler. In seiner Innensicht beruft er sich jetzt auf die tradierte Offenbarung, die er - aus emotionalen Gründen - für wahr hält. Weitere Informationen gibt es nicht.
Ein Wissenschaftler, der diesen Namen verdient, wird alle Optionen (im obigen Bild: alle noch zulässigen Farbkodes) als gleichberechtigt stehen lassen. Er wird, in guter Tradition, eine Entscheidung erst dann treffen, wenn sie getroffen werden muss. (Die verschiedenen "friedlich koexistierenden" Weltmodelle in der Physik geben davon ein beredtes Zeichen.)
Es gibt einen zweiten Aspekt zur Widerspruchsreduktion via einer formalen Theorie im Artikel, der prima facie gut aussieht, dann aber im Abstrakten (Belanglosen) stecken bleibt. Die Angabe eines Modells einer solchen formalen Theorie erfordert eine Interpretation aller Objekte, Prädikate etc. Wenn in diesem Zusammenhang hier also explizit ein Modell der "Trinitätslehre"(!) postuliert wird, dann würde es hier sicher mehr als einen Leser geben, der ein wenig "elektrisiert" mit "Spannung" mehr über ein solches Modell erfahren würde (wie also das "ist Gott"-Prädikat und das "ist Person"-Prädikat genau aussehen soll - in der formalen Theorie).
Einige Bemerkungen zum sich anschließenden Streitgespräch zwischen Voland und Löffler (ohne auch hier auf alle Aspekte einzugehen).
Zweimal macht Löffler eine Aussage zur "zweiten Schicht" unserer "kognitiven Verfassung":
1. dass Gegenstände nicht plötzlich ihre Eigenschaften verandern...sei nicht empirisch überprüfbar.
(Und etws später:)
2. Alles was existiert, sind Felder, Teilchen oder andere materielle Phänomene. Das ist aber keine wissenschaftliche Aussage mehr...
Beim zweiten Mal sagt er es (für Voland) mindestens einmal zu viel. (Ich persönlich hätte es Löffler schon beim ersten Mal nicht durchgehen lassen.)
Solche Aussagen sind (nach allen Standards) falsifizierbare Aussagen, was (zumindest die katholische Kirche) operationell immer dann ausnutzt, wenn sie Wunder(!) postuliert.
Es ist in diesem Zusammenhang auch eine durch und durch naturwissenschaftliche Frage, ob sich ein Problem naturwissenschaftlich behandeln lässt. Schon bei der Frage nach der absoluten Ununterscheidbarkeit von Mikroteilchen haben wir es doch mit einem Problem zu tun, auf den der Ausspruch Nils Bohrs zutreffen würde: "Wenn ich das einem Philosophen erzählen würde, würde er es nicht glauben." (Geäußert beim Spülen von schmutzigen Geschirr mit schmutzigen Wasser.)
In einem spricht Voland mir aus der "Seele": Es gibt keinen Sinn des Universums. Es gibt keinen Sinn des Lebens und auch keinen Sinn des Leidens."
Aber Vorsicht!
Das ist nicht nihilistisch gemeint. Diese Aussage sollte so verstanden werden, dass wir nicht im Rahmen eines totalen (totalitären) Sinnkonzepts leben, sondern frei unseren Sinn definieren dürfen. Ich würde dies auch nicht als "Verdammung zur Freiheit" lesen - wenn wir uns denn als Erwachsene sehen (wollen). Ein Kind darf noch sagen: "Muss ich heute tun, was ich tun will?" Aber wollen wir das (geistige) Kindheitsstadium nicht doch irgendwann einmal abschließen?
13. Gott wollte den Zufall
19.12.2011, Paul Kalbhen, GummersbachSolange solche theologischen Fehldeutungen im Christentum vorherrschen - oder besser: vorgeschrieben werden -, kann ich den "fides et ratio"-Aussagen - im Sinn eines Thomas von Aquin - selbst höchster kirchlicher Würdenträger, wie des Papstes, nicht recht trauen beziehungsweise vertrauen!
14. Mehr Mut!
19.12.2011, Peter Robert15. Theologie eine Wissenschaft?
19.12.2011, Hans-Peter NicolaiEs gibt sicher Erscheinungen und Kräfte, die - wenn vielleicht nicht im gesamten Universum gültig sind - doch unabhängig von einem Betrachter oder Erleider vorhanden sind - die Schwerkraft, die Elementarteilchen, die Möglichkeit der Kernfusion mit allen Konsequenzen.
Die Auswirkungen dieser "absoluten", dem Raum-Zeit-Gefüge innewohnenden Eigenschaften erzeugt das Sonnensystem, das, was wir Erde nennen, erleidet der Urschleim, die Dinosaurier, die Affen und letztendlich auch der Mensch, aber es gibt sie auch unabhängig von der Anwesenheit eines kommentierenden Betrachters.
Zwar wird mehr und mehr nachgewiesen, dass auch Affen Gefühle haben und zeigen, auch Mitgefühl, auch sie täuschen, tricksen und töten, sie haben auch das, was wir "Selbstbewusstsein" nennen, aber bislang gibt es noch keinen Nachweis dafür, dass Affen einen Glauben an ein höheres Wesen haben, zumindest gibt es in der Affengesellschaft keine soziale Stellung "Priester". So ist der Mensch wohl - zumindest nach heutigem Wissen - das einzige Lebewesen, welches an Geister, Götter, Allmacht und dergleichen glaubt. Also ist doch die Frage nicht die, ob es einen Gott gibt, sondern wir müssen uns fragen, was bei der "Menschwerdung", beim Übergang von ...pithecus zum homo ... wohl geschehen ist, dass die Homo sapiens (sapiens) ein solches Gedankenkonstrukt aufbauen - unabhängig davon, ob es logisch ist, ob es so etwas gibt oder nicht - die Möglichkeit, das Vorhandensein eines Gottesglaubes ist eine (allein) dem Menschen innewohnende Eigenschaft, aber deshalb muss das Ergebnis des Konstrukts nicht notwendigerweise vorhanden sein.
16. Münchhausen grüßt
19.12.2011, Dirk GrafIm übrigen habe ich festgestellt, das für jeden Gläubigen die andere Religion IMMER die falsche und damit (ein Blick in die Nachrichten reicht) die zu bekämpfende ist.
Und spätestens da hört Wissenschaftlichkeit auf.
17. Nichts Neues seit Galileo
19.12.2011, Freda R. CarpinoBei einem legeren Religionsverständnis wie etwa von Planck, Einstein oder Freud, wird das unter den Teppich gekehrt. Ist aber trotzdem noch latent vorhanden.
Und ganz besonders krass wird es, wenn die verschiedenen Religionsgelehrten aufeinandertreffen: Dann denkt jeder, er wüsste ganz genau, was richtig und falsch sei. Und alle anderen, die sich der Meinung nicht anschließen seien im Zustand der Sünde und des Irrtums. Religion ist also latent intolerant. Nicht nur zu den Naturwissenschaften, sondern auch intern.
18. Vernunft und Glaube
19.12.2011, Michael StadlerDie Religionen sind ein durchaus weltliches Machtsystem, das es hier zu Lande immerhin ein Jahrtausend lang fertig brachte, den wissenschaftlichen Fortschritt zu unterdrücken. Die wissenschaftliche Weltsicht ist aber wesentlich geeigneter, die technische (und auch erkenntnistheoretische) Entwicklung voranzutreiben, als der Glaube an übernatürliche Wesen, die als sowohl allmächtig als auch völlig willkürlich agierend gedacht werden. Damit kann man alles erklären - und das Gegenteil genauso. Daher war die Religion zu einem Rückzug verdammt, der in verstreuten logikwidrigen Restbeständen von Glaubenssätzen endet. Selbst die Entstehung der Religiosität selbst ist hinreichend wissenschaftlich erklärt (vgl. z.B. Pascal Boyer "Und Mensch schuf Gott"). Die Theologie in eine Reihe mit ernsthaften Wissenschaften zu stellen, ist für eine Wissenschaftszeitschrift unangemessen.
Besonders schön ist die unbelegte Behauptung Herrn Tapps, ein Religionsunterricht würde "religionsmündig" machen (S. 62). Das wäre der Fall, wenn die Schulen ihrem Bildungsauftrag gerecht würden und einen Religionsunterricht anböten, der über Religionen aufklärt: über ihre Entstehung, ihre Unterschiede und ihre Historie, die in erster Linie eine Kette von Verbrechen ist. Ein "Religionsunterricht", der als konfessionelle Indoktrination betrieben wird, hat an einer staatlichen Schule keine Daseinsberechtigung.
Die oft strapazierten "Vorteile" der Religion für die Gesellschaft ließen sich wesentlich effektiver durch die Verbreitung humanistischer Ideale erreichen als durch die staatliche Alimentierung der Amtskirchen.
19. Religion ohne Vernunft
20.12.2011, Walter Weiss, KasselDanach sind Glaube und Religion nichts als Menschenerfindungen – mit zwei Zweckrichtungen:
(1) einer ursprünglichen: diejenigen Naturphänomene zu erklären, die – bisher – nicht naturwissenschaftlich erklärt werden können oder vor deren Erklärung Tabus bestehen (Beispiel: Tod);
(2) einer erst nach großer Vermehrung der Menschen (über die Größe einer Großfamilie hinaus) notwendig gewordenen: Empathie zwischen zusammen Lebenden zu schaffen, also die Überwindung des Eigennutzes zu lehren (meist mit dem Versprechen, im Nirwana dafür belohnt zu werden).
(1) dient dem Einzelnen, (2) einer größeren Gemeinschaft.
In (1) fehlt es nach Definition an jeder Ratio. In (2) kann die Ausgestaltung rational sein, ohne dass dies auf Religionen beschränkt wäre: Auch die ebenfalls menschliche Erfindung 'Demokratie/Menschenrechte' hat diese Eigenschaft, ohne die geschichtlich grauenhaften Erfahrungen mit den Religionen aufzuweisen und ohne auf Religionen angewiesen zu sein.
Allenfalls Teilaspekte von Religionen können rational sein, z. B. die Religionsgeschichte, die Sprachexhegese, die psychologisch-medizinische Untersuchung der Fragen, warum es gewissen Menschentypen/auf gewisse Weise erzogenen Menschen besser/schlechter als anderen Menschen geht, usw. Das sind indessen erkennbar ohnehin nur Teilaspekte installierter Wissenschaften (Geschichte, Sprachwissenschaften, Medizin, Psychologie usw.).
Nur soweit derartige Teilaspekte Gegenstand von Forschung und Lehre sind, ist es in unserer Gesellschaft vertretbar, sie an den Hochschulen zu lehren. Ansonsten haben sie dort nichts zu suchen und sind nichts anderes als Astrologie. Soweit Theologen gleichwohl auf Lehrstühlen bestehen, wird ihre Einstellung spätestens dann entlarvt, wenn es darum geht, auch für Islam-'Wissenschaftler' entsprechende Lehrstühle einzurichten.
Eine Trennung von Staat und Kirche kann gar nicht oft genug reklamiert werden.
Keine Religion ist von Vernunft oder Verstand ausgefüllt. Das wird bereits an dem verwandten Vokabular deutlich: Wer ständig Glaube mit Wahrheit, glauben mit wissen gleichsetzt oder gar an Wunder glauben möchte, pervertiert den eindeutigen allgemeinen Wortgebrauch, erst recht den der Naturwissenschaften; es kann ihm nicht gelingen, durch solche Verfälschungen die Religionen zur Wissenschaft zu machen.
Kein Naturwissenschaftler, der seine fünf Sinne beisammen hat, wird bestreiten, dass bestimmte Menschen mit Glauben glücklich (oder auch unglücklich!) sind – eben weil Glaube und Wissenschaft aus den genannten Gründen völlig heterogen sind. Und auch ein Naturwissenschaftler kann zu der Auffassung gelangen, dass es ordnende Mächte außerhalb der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse geben könnte – natürlich ohne seine Intention aufzugeben, auch in dieser Richtung noch weiter naturwissenschaftlich zu forschen.
Menschen sind nun einmal auf die Erkenntnisse beschränkt, die ihnen ihre körperlichen Sinne verschaffen – auf ehrlicher und logischer Ausnutzung dieser Erkenntnisse beruht jede Kultur, jedes Denken, jeder naturwissenschaftliche Fortschritt, aber eben gerade nicht Glaube und Religion.
20. Gottesglauben, Ungläubige und Wissenschaftlichkeit
20.12.2011, Dr. Wolfgang LüdgeAls Erstes fehlt die Begriffsbestimmung „Glauben“. Für Herrn Tapp ist Glauben identisch mit dem Gottesglauben der monotheistischen Religion. Der Vielgötterglaube im Hinduismus, der Glaube im Buddhismus, der Glaube an ein harmonisches Zusammenleben gemäß der konfuzianischen Lehre aber auch der Glaube der Atheisten an das moralische Verhalten der Menschen unabhängig von religiösen Dogmen wurde schlicht ignoriert, obwohl die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung diese Glaubensart bevorzugt.
Die Gleichsetzung des Begriffs Glauben mit dem Gottesglauben diskriminiert auf diese Weise den Glauben derjenigen, die keinen Gott für ihren Glauben an die moralischen Werte einer Gesellschaft benötigen, indem sie als Ungläubige bezeichnet werden, wie leider auch in diesem Artikel geschehen.
Zweitens: Das auch in diesem Artikel vertretene Dogma „Gott ist demnach der Grund für die Ordnungsstrukturen der Welt“ ist wissenschaftlich sowohl mit Blick auf die Entstehung des Lebens und insbesondere des Menschen durch die Evolution, die ohne eine Ordnungsstruktur auskommt, als auch durch die Ergebnisse der kosmologischen Forschungen widerlegt.
Drittens: Dogmen benötigen keine Wissenschaft. Sicher kann eine Religion mit Gottesglauben für ihre Argumentation eines moralischen Verhaltens mit Vernunft argumentieren. Wenn sie dies nicht täte, wäre sie unvernünftig, wissenschaftlich ist sie damit jedoch noch nicht. Wissenschaftlichkeit setzt Zweifel an Dogmen voraus, d. h. ohne Winkelzüge auch die Existenz eines Gottes in Zweifel zu stellen und mit wissenschaftlichen Methoden zu überprüfen, ob ohne Annahme einer Ordnungsstruktur, d. h. ohne einen ordnenden Gott, andere Ergebnisse sowohl in unserer physikalischen und biologischen Umgebung als auch im moralischen Verhalten der Menschen untereinander erhalten werden.
Die wissenschaftliche Fragestellung klingt sehr simpel, ist aber entscheidend: Kommt man mit der Annahme eines ordnenden Gottes zur besseren Erklärung der Entstehung des Kosmos, des Lebens auf der Erde, der menschlichen Gesellschaft und des moralischen Verhaltens der Menschen untereinander? Solange diese wissenschaftliche Fragestellung von einer gottesbezogenen Religion abgewehrt wird und das Dogma der Existenz eines Gottes als unantastbar gilt, ist Religion von Wissenschaftlichkeit weit entfernt.
21. Gelungenes Zeitgeist-Summary
20.12.2011, Werner Ivens, RottenburgDieses meines Erachtens elitäre Konzept entwarf Goethe:
Für die dümmeren Massen haben wir die Religion, die anderen können sich daüber erheben, weil sie Wissenschaft und Kunst besitzen.
Heute stehen Naturwissenschaftler an vorderster Front der Religionskritik und die Philosophen müssen nachziehen, weil sie dieses Thema lange verschlafen haben.
Dass Vernunft und Glaube als Doppelpack verschränkt sind, wie ein Möbius-Band, könnte im SdW-Cover-Foto [Vernunft/Glaube] assoziiert werden, oder ist das konkurriende Verhältnis doch eher beschreibbar als oxymoronmässiger Widerspruch wie ein „verheirateter Junggeselle“.
Es ist nicht entscheidend, ob ich an Gott glaube oder nicht.
Habe ich einen religiösen Zugang zur Wirklichkeit, gehe ich von heiligen Sätzen aus, die unbedingt geglaubt werden müssen.
Als philosophischen Zugang habe ich Hypothesen über Zustand und Entwicklung der Welt, die fehleranfällig sind und verbessert werden müssen.
Als agnostische Grundstruktur darunter, weiß ich nicht, was die Wahrheit ist.
Ich hab nur Hypothesen, die ständig durch neue Indizien aufgedated werden müssen.
Insgesamt halte ich Ihren Vernunft und Glaube Leitartikel für ein gelungenes Zeitgeist-Summary auf nur 16 Seiten.
22. Überflüssig...
20.12.2011, Kirsten SchmidtAber Gottes"beweise"? Die "Vernunft" eines angenommenen Weltenlenkers? Die "Vereinbarkeit" von Wissenschaft und Religion?
Nicht verifizierbar, nicht falsifizierbar - aber seitenweises Ausbreiten über die Annahme, es gäbe einen Gott. Nun gut, das menschliche Hirn funktioniert eben so, dass Lücken in der Erkenntnis mit Annahmen gefüllt werden...darüber würde ich lieber etwas lesen!
Mir kommt der ganze Artikel vor wie eine Verteidigung der Existenzberechtigung der Theologie - seht her, was wir Wichtiges zu diskutieren haben. Öde.
23. Zipfel verpasst
21.12.2011, Dr. Detlef SkaleyDer Redaktion von SdW wünsche ich ein gutes Händchen, damit wir in Zukunft nicht über den wissenschaftlichen Anspruch von, pars pro toto, Esoterik oder UFOlogie lesen müssen.
24. Thema verfehlt!
21.12.2011, K. Rust, Ahrensburg25. "Das Auge, das ins Universum schaut, ist das Auge des Universums selbst." (J. Gaarder)
21.12.2011, Julia Suchanka, WürzburgOhne Vorstellungskraft, Fantasie und Hoffnung geht es aber auch in der Wissenschaft nicht. "L’imagination est plus important que la connaissance." Dieser Satz stammt von Albert Einstein.
Hätten Forscher (beziehungsweise der denkende Mensch im Allgemeinen) nicht eine Idee, eine Vision an etwas auf Neues zu entdecken, säßen wir wahrscheinlich noch auf Bäumen, ganz zu schweigen von den neuesten enorm spannenden Entwicklungen in z. B. Astrophysik und Medizin.
"Ich weiß, dass ich nichts weiß" - selbst uns 2011 tut dennoch bei aller Erkenntnis Bescheidenheit immer noch gut. Und sie treibt uns an, nach neuen Erkenntnissen zu suchen.
Ich wollte immer schon wissen, wie der Mensch "funktioniert" und mein Leben sinnvoll verbringen - in dem ich anderen Menschen, denen es nicht gut geht helfe. Durch Politik und Philosophie lässt sich die Welt leider nicht so leicht zum Guten verändern ... sonst hätte ich diesen Weg gewählt.
26. Was ist denn die "allgemeine" Religionsdefinition - das ist hier die Frage
21.12.2011, Richard RiedhausMan wird sehr schnell feststellen, dass die Existenzbehauptung von "Religion" allein schon Propagandamittel ist, um eine Basis für Begrifflichkeiten wie "Seele/n" oder "Götter" erst zu erschaffen, welche selbst auch nur Projektionsworte sind, die nach Belieben und Situation, gedehnt, verdreht oder verbogen werden.
Man weiß überhaupt nicht, was diese Begriffe eigentlich meinen (daher gibt es so viele Auslegungen in "Glaubensfragen" wie es Menschen gibt), man verfängt sich lediglich in philosophische Luftschlössern, um mit jenen Agitationsbegriffen andere ganz klar definierte Begriffe völlig auszuhöhlen und zu unterminieren.
Wie zum Beispiel gesellschaftliche Regeln und Gesetze, Lebewesen oder Bewusstseinsinhalte.
Ich empfehle jedem, die ganze Diskussion einmal rein sprachmechanistisch zu betrachten.
Dies ist natürlich den Vertretern der so genannten "Theologie" schmerzlich bewusst (zumindest einem Teil), und so versuchen sie auch Hypothesen und Modellbildung innerhalb der Wissenschaft aufzuweichen (mit Hilfe von Agitationsbegriffen = Glaubenssatzungen), die wohl definierten Begriffe, wie eben den der Wissenschaftlichkeit zu relativieren, um dadurch selbst eine Existenzberechtigung ableiten zu können.
Eigentlich ist es eine einseitige Aufkündigung, der zuvor propagierten Kompatibilität zwischen der "Welt konkreter Symbole und verifizierbarer beziehungsweise falsifizierbarer Sprachbezüge und Eigenschaftszuweisungen" und der "Welt der Fantasiebegriffe und Schachtelsätze X und Y" (je nachdem welche Definition von "Religion" man auch immer heranzieht, sofern diese über sprachliche Entkernungsmechanismen verfügen.)
Ihre Grundlage findet der persönliche Glaube und Zusammenhänge, die so nicht da sind, in der Mustererkennung des Gehirns - Dopaminspiegel etc.
27. Wenn es keinen Gott gäbe
23.12.2011, G. SchufmannSehr geehrter Herr Tapp: Die unteren beiden Absätze Ihres Beitrages “Vernunft und Glaube” (Seite 56) haben mich etwas ratlos gemacht. Einerseits sagen Sie: „Denn dem Selbstverständnis der Christen zufolge ist der Glaube nichts, was man sich selbst gemacht hat, sondern ein Geschenk, das man durch eine lange Traditionskette hindurch aus Gnade erhalten hat.“
Im nächsten Absatz behaupten Sie: „Was aber heißt hier „der Glaube“? Schließlich ist es keineswegs deckungsgleich, was in kirchlichen Lehrtexten steht, in Predigten verkündet, im Religionsunterricht gelehrt oder von den Christen tatsächlich geglaubt wird.“
Da frage ich mich, wer oder was die lange Traditionskette zur Gnade hin aufrechterhält; und wie steht es mit der Gnade eines empfangenen Glaubens, der nicht das ist, woran die Christen tatsächlich glauben? Wenn es keine Kirchen, Synagogen, Moscheen gäbe, wie stünde es dann mit den Traditionsketten?
Zitat, Seite 56,57: „Fundamentaltheologie geht davon aus, dass Glaube etwas mit religiösen Überzeugungen zu tun hat, also mit bestimmten Inhalten, die für wahr gehalten werden; daneben aber auch mit Vertrauen und einer persönlich-existentiellen Antwort auf eine göttliche Offenbarung.“
Ihre Formulierung ist so keineswegs zwingend. Denn auch der Glaube „Gott existiert nicht“ ist eine persönlich-existentielle, religiös weltanschauliche Antwort mit bestimmten Inhalten, die für wahr gehalten werden, und sie deckt sich mithin mit der ersten Aussage über den Glauben in dem oben zitierten Absatz. Der zweite Teil, eingeleitet mit „daneben aber auch …“ sollte wohl eher simpel „und“ bedeuten, denn „daneben“ ist keine eindeutige logische Zuordnung.
Ich vermute, Sie wollten sagen: Fundamentaltheologie geht davon aus, dass religiöser Glaube das Vertrauen und die persönlich-existentielle Antwort auf die Inhalte einer für wahr gehaltenen göttlichen Offenbarung ist.
Auf Seite 61, vorletzter Absatz, erwähnen Sie Habermas’ These, dass Wissenschaftler für ihre Prämissen Gewissheit beanspruchen müssen und damit auf einen Akt der Anerkennung oder des Glaubens angewiesen sind. Dann fragen Sie, ob es sich dabei um etwas Ähnliches handelt, wie bei den Glaubensvoraussetzungen der Theologie. Das ist doch genau Ihr Thema! Und genau diese zentrale Frage lassen Sie ohne jedes weitere Wort im Raum stehen! Stattdessen schreiben Sie seitenweise über Dinge, die jeder an diesem Thema Interessierte ohnehin kennen wird und versuchen eine Rechtfertigung der Theologie als Wissenschaft.
Zu dem letzten Absatz Ihres Beitrages über die Unmöglichkeiten zweier Wahrheiten im Glauben einerseits und in den Naturwissenschaften andererseits: So „offenkundig unmöglich“ (Ihre Aussage) ist das nun wirklich nicht: Thomas von Aquino hatte damit keine Probleme. Für ihn gab es eine Wahrheit der Theologie, die für die außerweltlichen Erfahrungen galt, und eine philosophische Wahrheit, die sich auf die weltlichen Erkenntnisse bezog. Beide mussten nicht deckungsgleich sein, da sie nach Thomas für verschiedene Erkenntnisstufen galten. Diese Auffassung scheint in der katholischen Kirche immer noch dominant zu sein; so kann auch die Rede Benedikts XVI. in Regensburg verstanden werden.
Aber auch die Naturwissenschaften kennen zwei sich klassisch scheinbar widersprechende Wahrheiten für gleiche physikalische Objekte an. Beispiel: Aussage a) Elektronen verhalten sich wie Wellen. Aussage b) Elektronen verhalten sich wie Partikel. Es kommt hier also auch auf die Bedingungen des Experimentes, also die vom Beobachter gewünschte Wahrheit an, wie uns das Objekt Elektron erscheint. Ich zitiere Kolakowski: “Die Frage, was für uns wirklich oder unwirklich ist, entscheidet im praktischen und nicht im philosophischen Engagement; das Wirkliche ist, wonach Menschen sich wirklich sehnen.“ Das ist aber auch eine Frage der Kultur, in der wir leben.
Dieser Aspekt wird bei Ihnen überhaupt nicht erwähnt. Die abendländische, christlich geprägte Kultur - und nur diese - hat einen großen Teil ihres unverwechselbaren Charakters durch die Auseinandersetzungen der Theologie, der Philosophie und der Naturwissenschaft mit den Begriffen: göttliche Offenbarung (christliche), Wahrheit, Wissen, Glaube und Vernunft entwickelt. Die dabei entstandenen Gedankengebäude sind so prägend geworden, dass selbst ein überzeugter abendländischer Atheist sich dieser seit seiner Geburt wirksamen Prägung nicht entziehen kann. Bei allen Erkenntnistheorien beleuchtet die seit dreieinhalb Jahrtausenden andauernde Auseinandersetzung die Szene der heutigen Diskussionen. Aus diesem Grunde halte ich die Theologie in allen ihren Fassetten für würdig, an den Universitäten gelehrt zu werden.
28. Dogmatik – wissenschaftlich?
23.12.2011, Dr. Wolfram GorischWie wissenschaftlich ist nun die (katholische) Theologie?
1. Das poppersche Abgrenzungskriterium zwischen wissenschaftlichen und metaphysischen Theorien besteht in der Falsifizierbarkeit. Wenn wir dieses mal anerkennen wollen, dann wäre der Gottesglaube als eine empirische Theorie zu behandeln, die sich der Kritik stellen muss wie jede andere wissenschaftliche Theorie. Darüber hinaus muss der Gottesglaube deduktive Schlüsse zulassen, die sich daraufhin prüfen lassen, ob sie zutreffen oder nicht. Beispielsweise sollte der Theologe anerkennen, dass es einen Gott dann nicht gibt, wenn die systematischen Wirkungen, die er Gott zuschreibt, in der Lebenswelt nicht beobachtet werden. Immunisierungsstrategien sollten nicht erlaubt sein. Eine mögliche Immunisierung bestünde beispielsweise in der Behauptung, Gott entscheide immer selbst darüber, ob er wirken wolle oder nicht. Auch in der Naturwissenschaft sind Immunisierungen von Theorien unerwünscht, mindestens sehr suspekt. Was nicht falsifizierbar ist, hat den Charakter des Beliebigen. Andererseits fordert die Wissenschaftlichkeit nicht den Gottesbeweis. Keine empirische Theorie kann bewiesen werden. Die Quantentheorie ist zwar exzellent bewährt, sie ist aber nicht bewiesen. Auch der Urknall ist nicht bewiesen.
2. Der wissenschaftliche Diskurs soll herrschaftsfrei sein (Habermas). Da im wissenschaftlichen Diskurs selten Bestätigungen gesucht werden, meistens jedoch die Fetzen fliegen, ist Autorität ständig in Gefahr, vom Sockel gestoßen zu werden. Eine Institution, die um jeden Preis ihre Autorität bewahren will wie die katholische Kirche, muss deshalb den Diskurs lenken. Notfalls muss sie zu repressiven Maßnahmen greifen (siehe Absetzung von Hans Küng). Die freie Wissenschaft ist dagegen dem jeweiligen wissenschaftlichen Problem verpflichtet und sonst nichts und niemandem.
Diese beiden Kriterien halte ich für notwendig, vielleicht sind sie sogar hinreichend für den Anspruch der Wissenschaftlichkeit. Die katholische Theologie erfüllt keins davon.
Die im Artikel konstruierte Begriffsgegensätzlichkeit Vernunft-Glaube führt meiner Meinung nach nicht weiter. Vernunft halte ich nicht für ein Kriterium für Wissenschaftlichkeit. Ideologien usurpieren gewöhnlich den Vernunftbegriff für sich. Keine Ideologie gibt zu, dass sie unvernünftig wäre. Voraussetzung für einen gelingenden Diskurs ist vor allem, dass man sich über das Problem einig ist und dass ein gemeinsames Interesse an dessen Lösung besteht. Die „Vernunft“ stellt sich dann von selbst ein.
Da gibt es an deutschen Universitäten Lehrstühle für Dogmatik. Bei manchem hehren Wissenschaftler treibt schon die Lehrstuhlbezeichnung den Puls hoch. Soll der Steuerzahler aus seinem knappen Wissenschaftsbudget noch die Lehre von Dogmen finanzieren? Falls über diesen Weg noch ein intellektueller Austausch mit der katholischen Kirchenführung möglich sein sollte, dann spräche dies für die Beibehaltung dieser Lehrstühle. Außerdem bliebe die Universität weiter ein Sprachrohr für die kritischen Stimmen abgesetzter Kirchenlehrer.
29. Der Unterschied ist ...
23.12.2011, Frank Schock, Rohrschach (Schweiz)Dem könnte man zwei Dinge entgegenhalten:
1) Mit einer solchen Argumentation kann alles auf “Glaube” zurückgeführt werden, denn die Frage nach einer unverrückbaren Wahrheit konnte, soweit mir bekannt, noch nicht beantwortet werden. Alle Erfahrung ist letztendlich Glaube.
2) Stellt sich für einen “Nicht-Religionswissenschaftler” heraus, dass seine Glaubensprämissen (volkstümlich: Annahmen) nicht zutreffen, kann er diese anpassen. Sein Forschungsgebiet ändert sich, aber sein Wissen wächst.
Einem Religionswissenschaftler ist dies nicht möglich, da die Anpassung seiner Prämissen sogleich den Tod seiner wissenschaftlichen Disziplin nach sich zieht. Nicht nur das, auch sein Glaube ist zumindest erschüttert.
30. Welche Antworten erhalten wir denn?
23.12.2011, K. StoellgerSchade, dass dabei nicht klar wird, welche Antworten wir denn mit dem christlichen Glauben erhalten können! Gerade nachdem die gängigsten Widersprüche so klar aufgelistet wurden (interessant wäre ja auch, ob man den gegebenen Grundlagentexten je den "Kindergartenbereich" verlassen kann?) und es mal wieder keine "Auflösung" gab …
Wir sollen also für die Ausbildung der Theologen weiterhin bezahlen, damit diese nicht in den Fundamentalismus abdriften? Besteht da Gefahr? Warum? Liegt es an der Textsammlung einer alten Hirtenkultur und deren Auslegung? Das ist natürlich ein gewichtiges Argument …
Seltsam ist auch, dass immer wieder behauptet wird (s. o.), Fundamentalismus oder Gräueltaten haben nichts mit Glauben zu tun … wohl doch mit einer bestimmten Auslegung religiöser Texte und sind somit zumindest eine Ursache … so ein wenig scheint das zusammenzuhängen?!?
Was ist bitte genau "besserer" Religionsunterricht? Was soll bitte religionsmündig bedeuten? Wenn man Kindern ausschließlich von einer dominanten Religion berichtet? Obwohl es so viele auf der Welt gibt? So viele andere interessante Antworten auch aus der Philosophie?
Seltsam erscheint mir auch, dass es in unserer Zeit - da ja mittlerweile Vernunft und Wissenschaft eine weitaus größere Rolle spielen - Gott als "höchst-vernünftig" oder als "vom Wesen her vernünftig" beschrieben wird. Woher diese Wandlung? Eine neue Deutung? Eine Projektion?
In früheren Jahren galt Gott auch als strafend, eifersüchtig mitunter auch rachsüchtig. Oder auch mal hinterlistig: "Noch einmal sprach der Herr zu Mose, er sagte,"Wenn du nach Ägypten kommst, dann vollbringe vor dem Pharao die Wunder, zu denen ich dich bevollmächtigt habe. Ich werde ihn so starrsinnig machen, dass er das Volk nicht gehen lässt." Buch Ezechiel, Kap. 20, Vrs 21
Die Kinder der vergangenen Generationen können noch "ein Lied" davon singen, wie viel Angst und Schrecken dieses Bild von einem strafenden, allmächtigen Gott ihnen vermittelt hat. Ähnlich war ja die Gesellschaft strukturiert. Nur wer sich konform, gehorsam, demütig etc. verhielt, der würde mit der Güte desselbigen belohnt …
Die Vorstellung von Gott wird dem vorherrschenden Werten der Zeit angepasst? Sozusagen eine zeitgemäße Vorstellung und eine ge-update-te Version?
Was wäre, wenn wir wieder in andere Zeiten mit anderen Werten rutschen würden?
31. Konkrete Glaubensinhalte?
23.12.2011, Dr. Tina Gottwald, EschbronnIch würde gerne einmal auf sehr konkrete Glaubensinhalte zu sprechen kommen. Was glauben "wissenschaftlich geprägte" Christen eigentlich konkret?
Beispiele die genau so im Glaubensbekenntnis stehen wären:
- Jesus ist nach drei Tagen von den Toten auferstanden (und wurde laut Bibel danach von mehreren Zeugen lebendig gesehen)
- Das ewige Leben einer unsterblichen Seele
Andere Beispiele, an die üblicherweise geglaubt wird:
- Jungfrauengeburt beziehungsweise Zeugung durch den Heiligen Geist (oder ist das etwa auch im übertragenen Sinn zu verstehen?)
- Gott erhört Gebete
- Gott kann Sünden verzeihen aber gegebenenfalls auch betrafen
- Es gibt Wunder
Meiner Meinung nach widersprechen alle diese Beispiele sehr konkret allen uns bekannten Naturgesetzen.
Des Weiteren ergeben sich eine Menge problematische Fragen, wenn man an die oben genannten Beispiele glauben möchte. Beispiele:
- Wo und was ist der "Himmel", in denen die unsterblichen Seelen ewig weiterleben? Voraussetzung wäre zum Beispiel eine unendliche Aufnahmefähigkeit für neu hinzukommende Seelen.
- Wann genau verlässt die unsterbliche Seele den Körper? Was ist zum Beispiel bei einer schweren Demenz, wenn der Körper noch unter den Lebenden weilt, alle Charaktereigenschaften usw., die den Menschen einst ausmachten, aber längst verschwunden sind? Geht die Seele hier etwa stückchenweise in den Himmel? Geht die Seele vor dem körperlichen Tod?
- Apropos Ewigkeit: Was ist das genau? (Denn das Universum wie wir es kennen, ist, nach allem, was wir wissen, zwar sehr langlebig, aber nicht ewig)
- Wie kann jemand von den Toten auferstehen?
- Warum zeigte sich Jesus kurz nach seiner Auferstehung einer ganzen Reihe von Zeugen und taucht dann 2000 Jahre lang nicht mehr auf?
- Warum nimmt die Anzahl der "Wunder" in moderner Zeit ab?
- Warum kann man die Wirksamkeit von Gebeten (ähnlich Strafen für Sünden) nicht statistisch nachweisen?
Andere Religionen glauben in den konkreten Glaubensinhalten an ganz andere Dinge. Was ist nun "richtig"? Nach welchen Kriterien definiert sich, was Aberglaube, eine Sekte oder Blödsinn ist?
Wenn man an die genannten und ähnlichen Glaubensinhalte nicht glaubt, stellen sich die unangenehmen Fragen nicht. Vielmehr gibt es sogar eine Menge schlüssige, verifizierbare Erklärungen, wie zum Beispiel Menschen auf die Idee kamen, dass es eine unsterbliche Seele geben könnte.
Ich freue mich auf eine interessante Diskussion.
32. Elegant abgefertigt
23.12.2011, Bernhard Beckervon der Kirche daran gehindert wurde, den Nachweis zu führen, christlicher Glaube sei vernünftig: Denn wenn jeder das einsehen könnte, wozu dann noch Papst und Offenbarung? Ärgerlich ist jedoch, dass es hier - auch wenn von einem katholischen Theologen wohl erwartbar - nur um "Glauben" (als Substantiv) im Sinn einer festen Ordnung manifester kognitiver Gewissheiten geht. Denn gerade damit, so die "negative Theologie", geht es nicht: Wenn Benedikt z. B. Gott als "vernünftige Macht" beschreibt, so nimmt er mit eben dieser Festlegung "den Willen zur Macht als den Grundzug alles Seienden", d. h. für ihn ist Macht - und nicht etwa Liebe, so Heidegger 1943 in: Nietzsches Wort ,Gott ist tot' (Holzwege, Frankfurt 2003, S. 253), "das wirkend-wirksame Prinzip dessen, was jetzt geschieht". Eben das aber - nämlich, dass der Mensch der Moderne Macht und Vernunft verabsolutiert und vergöttlicht habe - sei "der metaphysische Sinn des metaphysisch gedachten Wortes ,Gott ist tot'". Zudem hängen solche angeblich verbindlichen "Inhalte" - ebenso wie sämtliche Religionslehren, Kirchen und Theologien! - letztlich parasitär (im Sinn von Serres) von der Tatsache ab, dass wir alle - ob Christen oder Atheisten - ja immer nur glauben können, dass es gut ist, weiterzumachen. Mit Hilfe eines wissenschaftlichen Wahrheitsbegriffs könnten wir jedenfalls niemals sagen: Wir wissen, dass unser Leben einen Sinn hat. Jener feine Unterschied zwischen glauben und wissen als Tätigkeit (bzw. Kants "praktischer Vernunft") wird allerdings auch für Agnostiker und "Freidenker" wichtig, wenn man keine Neigung hat, sich von heutigen utilitaristischen "Ethikern" vorzaubern zu lassen, wie sie (Popper zum Trotz) Tatsachen in angebliche "Werte" verwandeln. Bei so viel moralischer Alchimistenkunst des "Konsens" plädiere ich darum lieber gleich für Religion, bzw. Glaubensfreiheit als Menschenrecht: "Religion gibt die Kraft, das, was man tut, für gut zu halten. [.] Die Ethik scheint von der Illusion zu leben, dass es dafür gute, letztlich überzeugende, intersubjektiv stichhaltige Gründe geben könne. Diese Annahme ist aber heute kaum mehr zu halten." (Luhmann, "Die Moral der Gesellschaft", Frankfurt 2008, S. 208). Diese Ansicht findet sich jedoch bereits bei Platon: "Was gut ist und was nicht, o Phaidros, müssen wir dafür einen anderen fragen?"
33. Vernünftige Gründe für den Glauben
27.12.2011, Patrick SeleJoachim Bromand und Guido Kreis (Hgg.), Gottesbeweise von Anselm bis Gödel, Berlin 2011.
William L. Craig, Die Existenz Gottes und der Ursprung des Universums, Wuppertal und Zürich 1989.
Edward Feser, Aquinas: A Beginner’s Guide, Oxford 2009.
Was das Theodizeeproblem betrifft, so könnte die im Folgenden dargestellte Theodizee mit dem Namen "Theodizee aus der göttlichen Gerechtigkeit" eine Lösung hierzu bieten:
(1) Gottes vollkommene Gerechtigkeit hindert Ihn daran, Menschen mit unvergebenen Sünden von ihren Leiden zu befreien (siehe Jesaja 59,1-2).
(2) Im Unterschied zu Gott sind Christen nicht vollkommen gerecht, weswegen sie im Gegensatz zu Ihm in der Lage sind, Menschen mit unvergebenen Sünden von ihren Leiden zu befreien. Dadurch können sie bei denjenigen dieser Menschen, welche göttliche Erlösung nicht angenommen haben bewirken, dass diese für eine solche Annahme empfänglich werden (Matthäus 5.16, 1. Petrus 2,11-12 und 3,1-2), was wiederum zur Folge hat, dass das Leiden dieser Menschen im Jenseits vermindert wird.
(3) Je größer Gottes heilsame Kraft aufgrund Seiner Liebe ist, umso größer ist Gottes zerstörerische Kraft aufgrund Seiner Gerechtigkeit (siehe Matthäus 13,27-29). Darauf bedacht, so viel Leid wie möglich zu verhindern kann Gott nur in dem Masse eingreifen, dass die heilsame Auswirkung eines solchen Eingreifens nicht durch die zerstörerische Auswirkung desselben aufgehoben wird.
(4) Wer stirbt, bevor er die Fähigkeit hat, bewusst gegen sein Gewissen zu handeln (siehe Genesis 2,16-17, Deuteronomium 1,39 und Jesaja 7,16) hat im Jenseits keine Strafe zu erwarten. Aus diesem Grund mag Gott nicht geneigt sein, den Tod eines solchen Menschen zu verhindern.
(5) Eines Menschen Leiden in diesem Leben könnte eine sühnende Wirkung haben (Lukas 16,25) und dazu führen, dass auf diese Weise das Leiden des betreffenden Menschen im Jenseits vermindert wird; das Leiden in diesem Leben würde sozusagen von dem Leiden im Jenseits abgezogen. Dies könnte ein Grund sein, dass Gott nicht geneigt ist, das Leiden des betreffenden Menschen zu lindern.
(6) Eines Menschen Leiden mag ihn für Gottes Erlösungswerk empfänglich machen (siehe Lukas 15,11-21), was ihn vom Leiden im Jenseits bewahrt.
(7) Es gibt im Jenseits verschiedene Grade von Strafe, je nachdem wie sich jemand verhalten hat (Matthäus 16,27, 2. Korinther 5,10), wieviel jemand von Gott weiss (Matthäus 11,20-24, Lukas 12,47-48) und, wie bereits zuvor erwähnt, wieviel jemand im Diesseits gelitten hat (Lukas 16,25).
(8) Diejenigen Menschen, die im Diesseits mehr leiden als ihre Taten es erfordern erhalten als Ausgleich dafür im Jenseits Belohnungen.
34. Glauben ist nicht fragen
27.12.2011, Dietmar SchoderSolange Sie glauben, haben Sie eine Antwort. Sobald Sie fragen, riskieren Sie, dass Sie vielleicht nie eine Antwort finden werden.
Aber BEIDES geht nicht.
35. Religiöse Spekulationen und Wissenschaft
27.12.2011, Dr. Stefan Hahne, Bad HerrenalbHat Spektrum selbst in zahlreichen wissenschaftlichen Artikeln über den Urknall, die Multiversentheorie, die Evolutionstheorie sowie die Fähigkeit der Materie zur Selbstorganisation nicht schon längst den naiven Glauben an einen Schöpfer widerlegt?
Sie laufen Gefahr, Ihren Seriositätsanspruch und damit Leser zu verlieren, wenn Sie weiterhin den immer lächerlicher wirkenden Rückzugspositionen der Theologen Raum geben.
36. Mottenkiste?!?
27.12.2011, K. Stoellgerich schmeiße sofort die "atheistischen Argumente in die Mottenkiste",wenn in dieser doch wohl der Wissenschaft verpflichteten Zeitschrift jene Fragen beantwortet werden, die Fr. Dr. Tina Gottwald zu Recht gestellt hat. Ich warte schon seit Jahren darauf. Leider erhalte ich auch hier keine konkreten Antworten und/oder keine, die sich mit den Erkennnissen der Wissenschaft decken, schlimmmstenfalls gut geschwurbelte Hermeneutik oder auch das sei das "Geheimnis des Glaubens". Nun, ich bin immer noch gespannt und neugierig! Fröhliche Weihnachten!
37. Glauben und Denken
27.12.2011, Hans-Joachim Rein, BarsbüttelReligionsgemeinschaften fügen dieser religiösen Grundüberzeugung weitere von Gemeinschaft zu Gemeinschaft wechselnde Glaubensinhalte hinzu, deren Überzeugungskraft schon wegen der großen Anzahl der Religionen sehr gering ist und die von Außenstehenden leicht hinterfragt werden können.
Ein Gläubiger hingegen kann seine eigenen Glaubensinhalte nur schwer hinterfragen. Würde er dies nämlich tun, hieße das, den Heiligenschein von den Glaubensinhalten zu entfernen und sie zu bloßen Hypothesen zu degradieren. Hypothesen werden vermutet oder verworfen, aber niemals geglaubt. Das heißt ein Gläubiger kann seine Glaubensinhalte nicht hinterfragen, ohne wenigstens für die Dauer des Hinterfragens vom Glauben abzulassen.
Die Religionsgemeinschaften selbst haben seit Langem erkannt, dass Glauben und Denken sich nicht miteinander vereinbaren lassen. Weltweit und zu allen Zeiten wurden Menschen zum Teil mit brachialer Gewalt daran gehindert, zu denken und ihre Glaubensinhalte zu hinterfragen. Auch bei uns wird von Kirchen bevorzugt die Zeit, in der Kinder noch nicht richtig zu denken gelernt haben, dazu genutzt, sie mit naturwissenschaftlich seit Langem unhaltbaren Glaubensinhalten zu indoktrinieren.
38. Glaube oder Vernunft? Stones oder Beatles?
27.12.2011, Dr. Ursula HammelZunächst einmal ist es ein Affront, Glaube und katholische Kirche gleichzusetzen. „Glaube“ wurde in dem Artikel von Christian Tapp umgehend mit Religion, nämlich dem „Christentum“ und im weiteren Verlauf dem Katholizismus gleichgesetzt. Alle im Artikel beschriebenen Konflikte waren jene der katholischen Kirche mit der Wissenschaft. Wir durften dann ausführlich lesen, dass die Kirche ihre Probleme mit der Wissenschaft eigentlich eh nicht so meint, weil irgendwo in den unzähligen Einzelzitaten der Bibel lässt sich ja schon herauslesen, dass Gott ja eh mit Vernunft kein Problem hat. Schließlich sagt ja sogar der Papst, Gott ist „höchst-vernünftig“. Blasphemie vom Feinsten, wenn man es genau betrachtet. Mensch interpretiert Gott, maßt sich also an, zu wissen, was Gott für einer ist, was ihn aufregt und besänftigt, was er von der Wissenschaft hält. Z.B.
Natürlich fällt dann der nächste Blick auf die Qualifikationen des Autors – was dann wiederum einiges erklärt. Denn wie soll man von einem Menschen, der katholische Theologie studiert hat und der bei seinen Quellenangaben ausschließlich wissenschafts- und fundamentaltheologisches Material anführt, auch eine breitere Zugangsweise erwarten zu diesem Thema?
Von einer wissenschaftlichen Zeitung hätte ich mir aber allemal mehr erwartet, nämlich dass das Thema „Glaube“ und “Religion“ auch wissenschaftlich – nicht nur theologisch - abgehandelt wird. Das umfasst neben historischen Gegebenheiten zum Beispiel auch die Sicht der Psychoanalyse, die durchaus das Phänomen „Glaube“ oder „Gottesbilder“ ganz anders zu erklären vermag. Wer die Stadien der menschlichen Entwicklung kennt, weiß, dass es eine lange Phase in der Kindheit gibt (zirka zwischen dem 3. und 10. Lebensjahr), in der jedes Kind in einer magischen Realitätseinschätzung lebt. Eine Welt voller Magie und unerklärlicher Phänomene und imaginierter Glücks- und Unglücksgefühle – wer hat nicht Sehnsucht nach dieser einmal selbst durchlaufenen Phase der Entwicklung, wo man sich auf den Boden legte und bis fünf zählen musste, bevor man wieder aufstehen und weiterspielen durfte, wenn man bei „Cowboy und Indianer“ erschossen wurde? Religion und Glaube wird durchaus als eine Regression der Psyche auf frühkindliches Interpretieren der Realität gesehen. Eine Welt, wo alles, was geschieht, wieder reversibel ist, und in der die Eltern alles bestimmen - weswegen wir väterliche und mütterliche Gottesbilder schaffen. Religiöse beziehungsweise gläubige Menschen können sich auf diese magische Welt, die jeder Mensch aus seiner Erinnerung kennt, zurückziehen und dort verbleiben. Es sei ihnen gegönnt – sofern sie andere damit in Frieden lassen. Was aber leider selten der Fall ist.
Der Rückschluss, dass ja immerhin auch „Wissenschaftler für ihre Prämissen auf einen Akt des Glaubens angewiesen sind“, ist ebenfalls ein Affront! „Gott ist der Grund für die Ordnungsstrukturen der Welt“ – wozu dann „Spektrum der Wissenschaft“, wenn sich alles so einfach erklären lässt mit „Gott“? Wissenschaft kann staunen und kann Theorien jederzeit abändern, umstoßen oder auch nebeneinander existieren lassen, ohne dass irgendein „Glaube“ dadurch so sehr erschüttert wird, dass eine ganze Welt zusammen- und eventuell sogar ein Krieg ausbricht. Als Beispiel sei das Staunen der Messergebnisse gegenüber genannt, das den offenbar mit Überlichtgeschwindigkeit fliegenden Neutrinos entgegengebracht wird. Wir haben nicht an Einstein „geglaubt“, aber seine Denkergebnisse waren bislang extrem hilfreich. Kein Wissenschaftler hätte zum Beispiel jemals gesagt: Einstein hat „die Wahrheit verkündet“, wir „glauben“ an seine Rechenergebnisse. Dass mit den schnellen Neutrinos wieder einmal eine neue Tür aufgestoßen wurde und weitergedacht werden muss, ist keinerlei Bankrotterklärung der Wissenschaft – und Einstein hätte es als eine Herausforderung betrachtet, um noch mehr zu hinterfragen.
Glaube hat aber ständig Wahrheits- und Gültigkeitsansprüche. Der Wahrheitsanspruch des Glaubens kommt dadurch ständig in Konflikt mit dem Prinzip des Hinterfragens, das die Wissenschaft letztendlich ausmacht. In der Wissenschaft ist niemals irgendetwas ewig und für immer „wahr“, und genau das ist gut so. Glaube und Wissenschaft sind so unvereinbar wie Wasser und Öl – warum daher ständig das eine mit dem anderen konfrontieren wollen? Für wen? Für was? Wer ist besser – die Stones oder die Beatles?
Für mich war „Spektrum der Wissenschaft“ eben immer genau das, nämlich ein Spektrum der Wissenschaft. Nun hat es ein Theologe auf die Titelseite geschafft mit einem Artikel, in dem er sich seitenweise bei Gott entschuldigt für die Wissenschaft und der Wissenschaft erklärt, dass sie gnädigerweise von Gott geduldet wird. Da zieht es mir die Gänsehaut auf!
39. Thema verfehlt
28.12.2011, Bernhard SpintzykDann: „Gebt acht, dass euch niemand mit seiner Philosophie und falschen Lehre verführt, die sich auf die menschliche Überlieferung stützen und sich auf die Naturmächte der Welt, nicht auf Christus berufen.“
Ich überlege, wie Christus im Periodensystem ergänzt werden könnte und wie die katholische Kirche ohne Überlieferung aussähe.
Aber Paulus hat wohl keinen guten Vorschlag gemacht, denn: „Auf der anderen Seite hat kaum ein anderer biblischer Autor so sehr vernünftig für den Glauben argumentiert wie Paulus.“ Ich denke, jetzt kommen die vernünftigen Zitate – Fehlanzeige, der Autor wechselt das Thema. Genau so mit den zwei Arten von Glauben oder wie die Hermeneutik die Unstimmigkeiten der Bibel auflöst. Hätte mich interessiert. Aber er reiht Behauptung an Behauptung und führt nichts aus.
Die Aufzählung von „Glaubenssätzen“ hat mich amüsiert. Er erspart uns Fragen wie: Ist Mohammed der einzige relevante Prophet? Was ist das größere Verbrechen: Rindfleisch, Schweinefleisch oder Pferdefleisch zu essen? Wie viele Menschenherzen benötigt die Sonne täglich als Wegzehrung?
Er bringt: Dreht sich die Erde nicht doch um die Sonne, obwohl Galilei dem abschwören musste? Ja, das tut sie. Der katholischen Kirche zum Trotz. Schämt sich der Mann gar nicht?
Der Autor setzt „Vernunft“ zunächst mit Naturwissenschaft gleich. Die ist ihm suspekt. „Glauben“ ist für ihn katholische Dogmatik.
Später ist Gott ... eine vernünftige, den ganzen Kosmos schaffende, ordnende und erhaltende Macht.
Der Kosmos funktioniert auf Grund von Naturgesetzen. Sie laufen automatisch ab. Uns ist niemand bekannt, der einer Supernova sagt, sie solle bitte vernünftig sein und geordnet explodieren.
Auf die Naturwissenschaften zu schimpfen und gleichzeitig die Naturgesetze zu vergöttern lässt fragen, was der Autor von Logik hält. Oder handelt es sich um Hermeneutik? Aber es ist ja „schwierig, die Frage nach der Richtigkeit des Glaubens von außen zu beantworten“.
Der Autor ist seinem Thema nicht gerecht geworden. „Vernunft“ und „Glaube“ sind weitläufige und sehr „menschliche“ Begriffe, die einer ernsthaften Betrachtung würdig sind. Vernunft existiert im Bezug auf Menschen. Es geht um das Abwägen von Zielen, Maß und Moral. Und auch Naturwissenschaftler glauben: Wo es nicht für ein Urteil reicht, hat man ein Vorurteil. Unser Gehirn lässt nichts uninterpretiert. Aber man hat eine gute Chance, dass man beim ersten Versuch danebenliegt.
Und: Falls Sie in Zukunft mehr solche Artikel bringen wollen, werde ich Spektrum abbestellen und stattdessen den Osservatore abonnieren. Dann bekomme ich sie eher.
40. Vernunft – Glaube; Wissenschaft – Religion
28.12.2011, Utz Tannert, LemgoMan sollte berücksichtigen, dass viele klassische Begriffspaare nur wegen einer gewünschten ideologischen Wertung zu Gegensätzen gemacht wurden. Es gehört zu den wirkungsvollsten dialektischen Mitteln, Widersprüche zu konstruieren, um einen Begriff positiv vom anderen abzugrenzen. So ist es eben auch dem vermeintlichen Widerspruch zwischen Vernunft und Glaube ergangen.
41. Zur Klärung einiger Begriffe
04.01.2012, Rüdiger ThurmAber auch „Vernunft“ ist kein naturwissenschaftlicher Begriff, „Vernunft“ ist etwas anderes als eine Ableitung aus neurophysiologischen, ontogenetisch bewährten Vorgängen. „Vernunft“ ist ein zentraler philosophischer Begriff und gehört zu den Voraussetzungen der Erkenntnis, die von einer Theorie der Erkenntnis zu beschreiben sind.
Das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Theologie und Philosophie, ist darüberhinaus ein umfangreiches, anerkanntes und immer wieder diskutiertes Thema zwischen diesen beiden Disziplinen. Hier ist weit mehr und Systematischeres geleistet, als der Artikel von Herrn Tapp (eben aus der katholischen Perspektive) darstellt. Es lohnt sich, die Wirkung zum Beispiel der kantischen Philosophie innerhalb der Theologie nachzuzeichnen.
Naturwissenschaft, sofern sie nicht nur potenziell falsifizierbare Formeln, sondern Erkenntnis und also eine Vorstellung von der Welt liefern soll, setzt selbst eine Erkenntnistheorie voraus, die mehr enthält als allein fachwissenschaftliche Begriffe. Das ist übrigens auch dann evident, wenn Naturwissenschaft ihre eigene gesellschaftliche Sinnhaftigkeit darzustellen hat. Sinnhaftigkeit ist nur teleologisch und nicht allein kausal auszuweisen, denn bekanntlich folgt aus einem „Sein“ kein „Sollen“. Deshalb kommt konkrete, gesellschaftlich legitimierte und von bewusst handelnden Subjekten durchgeführte Wissenschaft nicht ohne Glaubens- und Wertüberzeugungen - welcher Couleur und mit welchem Reflexionsgrad auch immer - zu Stande. Eine Gesellschaft braucht deshalb die Debatte über leitende Glaubensüberzeugungen und Wertvorstellungen und ist dafür auf anerkannte Institutionen und Repräsentanten angewiesen. Weder der Staat noch „die Naturwissenschaft“ können solche Institutionen selbst hervorbringen, es sei denn, sie gebärdeten sich totalitär. Eine Pluralität der Repräsentanten und ein öffentlicher Streit um Überzeugungskraft ist ein Gewinn für eine demokratische Gesellschaft.
Glaube, Theologie und Kirche wiederum vermögen ihre Rolle in einer aufgeklärten Gesellschaft nur wahrzunehmen, wenn sie ihre Standpunkte in einem rationalen Diskurs zu vermitteln in der Lage sind. Dazu gehört der auch Respekt vor anderen Glaubensüberzeugungen, und dazu gehört auch die Fähigkeit zum eigenen Zweifel, der den Glauben in der Regel durchaus begleitet. Und dazu gehört eine Anerkennung wissenschaftlicher Standards und Ergebnisse der Einzelwissenschaften. Die Tatsache, dass die Gewissheit einer Glaubensüberzeugung nur subjektiv erfasst werden kann, hindert jedoch nicht, dass ihre Inhalte sich rational beschreiben und vermitteln ließen.
42. Religion ist vernünftig
08.01.2012, Wilfried Knapp43. Glauben bringt keine Erkenntnis
09.01.2012, Winfried Platz, BaiersdorfSehr fair wurde sogar ein Autor aufgeboten, der sowohl einen naturwissenschaftlichen als auch theologischen Abschluss hat. Der Grundfehler liegt aber darin, dass "Glaube" (oder allgemein jegliche metaphysische Vorstellung) allerhöchstens als wissenschaftlicher Gegenstand unter psychologischen oder auch anderen (etwa evolutionsbiologischen) Aspekten betrachtet werden kann. Nicht nur diese fehlerhafte Kategorisierung zeigt, wie hilflos die Redaktion bei dem Thema agiert, auch mit dem titelgebenden Gegensatzpaar Vernunft versus Glaube ist sie dem langjährigen Chefdogmatiker der katholischen Kirche und derzeitigen Papst in die Falle gegangen, der die Vernunft längst als Teil der Theologie vereinnahmt hat. Pseudowissenschaftliches Wortgeklingel (bestes Beispiel: der "doxastische Fallibilismus" als Terminus dafür, dass der Papst sich auch täuschen könnte) kann die schlichte Wahrheit höchstens vernebeln: Religion ist eine höchst subjektive Privatangelegenheit, die mit Wissenschaft nichts zu tun hat, denn Glauben bringt keine Erkenntnis.
44. Falsche Fragestellung
09.01.2012, Martin Schade, BützowMan kann sein Vorhaben, z. B. eine Brücke, zwar exakt berechnen, aber ob es dann gelingt, diese auch gemäß den Plänen zu errichten, ob alle Mitarbeiter richtig arbeiten, ob sich die Projektgegner wie angenommen verhalten, und wie sich die bisher Unbeteiligten dazu positionieren werden, das weiß man nicht. Hier kann man nur glauben, dass es gelingt, dass Vorhaben zu realisieren. Das heißt, Ihr Artikel engt unzulässig auf religiösen, insbesondere etablierte Varianten des christlichen Glaubens, ein. Den Glauben an den technischen Erfolg des Bauvorhabens und an den kaufmännischen Ertrag - und wie man Chancen und Risiken gegenüberstellen kann - betrachten Sie nicht. In [*] finden wir meines Erachtens richtig formuliert: "Bei beiden Spezies sitzt das Gefühl am Steuer, der Verstand pflastert nur die Straße" und meint, dass man mit dem Verstand nur Varianten ausarbeiten, aber sich nicht für eine entscheiden kann. Letztlich geht es darum, ob man vernünftig ist und es bleiben lässt, oder im Glauben an den Erfolg das Risiko eingeht. Und manchmal muss man seinen Verstand sehr anstrengen, um etwas Spaß zu haben.
Das Problem läuft meines Erachtens darauf hinaus, dass man einschätzen muss, wie sich die Leute, insbesondere die Mitarbeiter, gegenüber den auf sie zukommenden Aufgaben und Problemen verhalten werden, ob sie diese richtig und gemeinsam angehen werden oder ob Streit und Zwietracht mehr Aufmerksamkeit gewinnen als die vorliegende Aufgabe. Die Hermeneutik - deren Hintergrund unzureichend erklärt worden ist - sollte deshalb auch angewandt werden, dass Verhalten der Projektbeteiligten besser zu verstehen.
Die Atheisten haben zweimal versucht, das Problem zu lösen: Die Rechten haben in der genetischen Disposition die Ursache für alle Probleme gesehen, eine aufwändige Auswahl betrieben und viele Leute kaum mitwirken lassen. Und die Linken haben in materiellen Bedingungen zur Zeit der Kindheit die eigentliche Ursache für alle Abweichungen gesehen und versucht, diese auszugleichen. Von diesem Standpunkt ausgehend sind sogar Einsatzbereitschaft und überdurchschnittliche Ergebnisse als Fehler gewertet und bekämpft worden. Der Sozialismus hat damit geendet, dass viele Leute auf Positionen festsaßen, von denen sie nur noch wegwollten.
Eine Freund-Feind-Maschine wäre sicherlich hilfreich, aber aus dem Scheitern beider Diktaturen ergibt sich, daß man einen Menschen nicht unabhängig von seiner Persönlichkeit einschätzen kann. Gläubige Menschen gehen davon aus, dass Gott - ob absichtlich, oder weil auch er das nicht anders kann - die Seelen der Menschen mit unterschiedlichen Vororientierungen erschafft, oder dass diese bereits aus einem vorigen Leben vorgeprägt sind. Unser Apostel Paulus hat in seinem Ersten Brief an die Korinther erläutert: "12,4 Es gibt aber Verschiedenheiten von Gnadengaben, aber [es ist] derselbe Geist; 12,5 und es gibt Verschiedenheiten von Diensten, und [es ist] derselbe Herr; 12,6 und es gibt Verschiedenheiten von Wirkungen, aber [es ist] derselbe Gott, der alles in allen wirkt. 12,7 Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben. 12,8 Dem einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit gegeben, einem anderen aber das Wort der Erkenntnis nach demselben Geist; 12,9 einem anderen aber Glauben in demselben Geist, einem anderen aber Gnadengaben der Heilungen in dem einen Geist, 12,10 einem anderen aber [Wunder-]Kräfte, einem anderen aber Weissagung, einem anderen aber Unterscheidungen der Geister; einem anderen aber [verschiedene] Arten von Sprachen, einem anderen aber Auslegung der Sprachen. 12,11 Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist und teilt jedem besonders aus, wie er will." [aus dem Web]
Der Staat bzw. das Bildungssystem erhält daraus die Aufgabe, die mit der Seele gegebenen Anlagen der Menschen frühzeitig zu erkennen, auszubilden und die Menschen dementsprechend einzusetzen. Dazu ist auch zu klären, inwieweit ideelle Werte wie Orden und Ehrenzeichen sowie Titel zur materiellen Produkton erforderlich seien, und demzufolge auch Mittel aufzuwänden sind, um diese zu reproduzieren. Schwer verständlich ist für mich, dass das atheistische Gleichheitsgefasel immer noch Anhänger findet. Dabei ist mit Stirners "Einzigen" schon 1844 die schlechte Perspektive des atheistischen Standunktes offenbart worden.
Sowohl in der Technik als auch in der Ökonomie ist heute akzeptiert, dass Hard- und Software beide Arbeit erfordern und ihren Wert haben; sonst wäre das Urheberrecht gegenstandslos. Bei dem Kopieren von Information von einer CD auf eine Diskette, einen Flashspeicher oder andere Datenträger wird keine Materie übertragen, sondern nur Information weitergegeben - und diese verschwindet dabei nicht an ihrem Ursprungsort. Übliche Computer benötigen nach ihrer materiellen Fertigstellung noch ein Betriebssystem, welches auch von einer RAM-Disk laufen kann, aber nach dem Ausschalten weg ist.
Wieso bitte können die Geisteswissenschaftler schwerlich akzeptieren, dass ein Mensch sowohl den materiellen Körper auch eine Initialisierungssoftware - die Seele - erhält, bzw. dass diese überhaupt erst den Menschen ausmacht und dass diese aus einer anderen Welt stammt?
Für unser finales Projekt, die Rückkehr in die andere Welt, fragen wir uns, wie wir unsere Seele für den Übergang vorbereiten. Die Regeln, nach denen der Herr die Tür zum Paradies öffnet oder verschlossen hält, sind das Thema der Religion. Diese zu verstehen ist die Erkenntnis der Welt sicherlich nützlich; schließlich hat der Herr sie geschaffen, damit wir unsere Anlagen in ihr zu Fähigkeiten ausprägen. In einer Diskussion mit Zeugen Jehovas ist mir klargeworden, dass "Welt" für das im griechischen Original stehende "Kosmos" gesetzt ist; welches damals so viel wie das heutige "Wirtschaftssystem" bedeutet hat. In dessen der Verständnis liegt die Kirche auch einige Jahrhunderte hinter dem aktuellen Stand.
Meine Erfahrung ist, dass
* viele Vorgänge heute auf mehrere Leute aufgeteilt sind, so dass andere beeinflussen, ob das, was jemand tut, böse oder gut wird,
* die ausschlaggebende Entscheidung - während sich die klugen zurückhalten - oft von einem dummen Menschenen getroffen wird,
* von jeder Alternative immer weitere Leute un- oder günstig betroffen sind,
* wir dazu neigen, Menschen als Angehörige einer Gruppe zu sehen und als "einen von denen" zu beurteilen,
so dass eine moralische Wertung des Anteils einzelner schwer möglich ist. Die Kirche hat mir bisher keine Antwort darauf gegeben. Hier sollten sich Philosophen und Theologen um eine Klarstellung bemühen.
Da die Rückkehr in die andere Welt im Prinzip um die Verschiebung einer Datei vom diesseits an einen ihr entsprechenden Ort im Jenseits handelt, ist die Religion als ein Teilgebiet der Informatik anzusehen. Die überkommenen, ungenauen Begriffe der Theologie sollten in Begriffe der IT übersetzt werden; zuvor wäre allerdings die Begriffswelt der IT zu ordnen und sinnverändert übernommene Begriffe anderer Fachgebiete zu ersetzen.
[*] Richard Wrangham Dale Peterson : Bruder Affe, S. 237
45. Religion
09.01.2012, Christian Penn, Linz (Österreich)Um zu wissen, dass Götter existieren, müsste man nämlich meiner Meinung nach entweder direkt Kontakt zu ihnen haben oder jemanden kennen, der vertrauenswürdig scheint und behauptet, direkten Kontakt zu Göttern zu haben.
Zu wissen, dass etwas nicht existiert, ist auf der anderen Seite generell schwierig und eigentlich nur in Gedankenkonstrukten wie der Mathematik möglich.
Das einzig Interessante wäre vielleicht ein Versuch, die alltäglichen Begriffe Glauben und Wissen sauber zu definieren, ansonsten ist das Thema weder schwierig noch interessant, und ich verstehe nicht warum dem in Spektrum der Wissenschaft so viel Raum gegeben wird.
46. Vernunft & Glaube
10.01.2012, Ralf Sprenger, RavensburgEs mag durchaus sein, dass Richard Dawkins in vielen seiner Formulierungen "über das Ziel hinausschießt". Aber er ist in der Lage, hinter die aufgeblasenen Phrasen der Apologeten zu sehen und das Nichts dahinter zum Vorschein zu bringen. W. Löffler behauptet, fast alles, was Dawkins in Bezug auf Religionen behauptet, sei falsch - nur um ein paar Paragrafen weiter das müde alte kosmologische Argument zu bringen: Gott als ursachenlose Ursache des Universums. Dawkins und vor ihm andere (etwa Ernst Nagel) haben zu Recht gefragt, weshalb dieser Gott Ursache seiner selbst sein kann, das Universum aber nicht. Und auch andere "Gottesbeweise" werden von Dawkins durchaus angemessen behandelt. Wem dabei sauer aufstößt, dass Dawkins' Formulierungen einen höflichen Ton vermissen lassen, der kann sich ohne Weiteres anderen Philosophen, die dieselben Fragen weniger "schrill" formuliert haben (beispielsweise Russell), zuwenden.
Beide Artikel (Hauptartikel und Streitgespräch) lassen auch moderne wissenschaftliche Erkenntnisse vermissen. Was ist mit modernen neuro- und evolutionsbiologischen Forschungsergebnissen?
Theistische Auffassungen hatten lange genug Zeit, für ihre Behauptungen Belege zu bringen. Sie sind damit regelmäßig gescheitert. Zu keiner Zeit wurde ein direkter oder indirekter Beweis oder ein vernünftiges philosophisches Argument für die Existenz von Göttern oder anderen übernatürlichen Entitäten erbracht. Übernatürliche Deutungen für Phänomene sind immer wieder durch natürliche Erklärungen ersetzt worden. Religionsphilosophie, und dies verdeutlichte mir Christian Tapps Artikel wieder einmal, ist nur der verzweifelte Versuch, die letzten Reste vom Boden eines leeren Fasses zu kratzen.
47. Patt auf erkenntnistheoretischer Ebene
10.01.2012, Jürgen Jensen, BremenIn dem Gespräch zwischen Eckart Voland und Winfried Löffler werden viele Argumente genannt, die seit Langem in der Debatte um ,Glauben und Wissen' ausgetauscht werden. Hier das Problem der Theodizee, dort das Unvermögen dem Ganzen einen Sinn zu geben, einen Grund der Welt zu finden. Ob die Antwort der Religion befriedigt und sie nicht als dogmatischer Abbruch erscheint, ist eine andere Sache.
Auch auf der erkenntnistheoretischen Ebene scheint es nach einem Patt auszuschauen, wenn der Glaube des Wissenschaftlers an die Existenz einer Welt erwähnt wird. Hier möchte ich eine zuspitzende Anmerkung machen; kann man die Annahme einer existierenden Welt mit dem Glauben eines religiösen Menschen an einen, auch nicht hinterfragbaren, Gott vergleichen, von dem es bekanntlich mehrere Ausfertigungen gibt, was nicht verwundert, da er/sie menschliche Konstruktionen sind? Von der logischen Herangehensweise kann man die jeweiligen Annahmen wohl gleichsetzen, ich frage mich aber in eher pragmatischer Hinsicht: Ist der Glaube an die Existenz des Weihnachtsmannes das gleiche wie der Glaube an die Existenz eines Tannenbaums?
48. Religion nicht auf gleicher Stufe wie Naturwissenschaften
10.01.2012, Dr. J. Mueller-Schroeder49. Glaubensfragen
10.01.2012, Martin SchadeMan kann sein Vorhaben, z.B. eine Brücke, zwar exakt berechnen, aber ob es dann gelingt, diese auch gemäß den Plänen zu errichten, ob alle Mitarbeiter richtig arbeiten, ob sich die Projektgegner wie angenommen verhalten, und wie sich die bisher Unbeteiligten dazu positionieren werden, das weiß man nicht. Hier kann man nur glauben, dass es gelingt, das Vorhaben zu realisieren. Das heißt, Ihr Artikel engt unzulässig auf religiösen, insbesondere etablierte Varianten des christlichen Glaubens, ein. Den Glauben an den technischen Erfolg des Bauvorhabens und an den kaufmännischen Ertrag - und wie man Chancen und Risiken gegenüber stellen kann - betrachten Sie nicht. In [*] finden wir meines Erachtens richtig formuliert: "Bei beiden Spezies sitzt das Gefühl am Steuer, der Verstand pflastert nur die Straße" und meint, dass man mit dem Verstand nur Varianten ausarbeiten, aber sich nicht für eine entscheiden kann. Letztlich geht es darum, ob man vernünftig ist und es bleiben läßt, oder im Glauben an den Erfolg das Risiko eingeht. Und manchmal muss man seinen Verstand sehr anstrengen, um etwas Spaß zu haben.
Das Problem läuft meines Erachtens darauf hinaus, dass man einschätzen muss, wie sich die Leute, insbesondere die Mitarbeiter, gegenüber den auf sie zukommenden Aufgaben und Problemen verhalten werden, ob sie diese richtig und gemeinsam angehen werden oder ob Streit und Zwietracht mehr Aufmerksamkeit gewinnen als die vorliegende Aufgabe. Die Hermeneutik - deren Hintergrund unzureichend erklärt worden ist - sollte deshalb auch angewandt werden, das Verhalten der Projektbeteiligten besser zu verstehen.
Die Atheisten haben zweimal versucht, das Problem zu lösen: Die Rechten haben in der genetischen Disposition die Ursache für alle Probleme gesehen, eine aufwändige Auswahl betrieben und viele Leute kaum mitwirken lassen. Und die Linken haben in materiellen Bedingungen z. Zt. der Kindheit die eigentliche Ursache für alle Abweichungen gesehen und versucht, diese auszugleichen. Von diesem Standpunkt ausgehend sind sogar Einsatzbereitschaft und überdurchschnittliche Ergebnisse als Fehler gewertet und bekämpft worden. Der Sozialismus hat damit geendet, dass viele Leute auf Positionen festsaßen, von denen sie nur noch wegwollten.
Eine Freund-Feind-Maschine wäre sicherlich hilfreich, aber aus dem Scheitern beider Diktaturen ergibt sich, dass man einen Menschen nicht unabhängig von seiner Persönlichkeit einschätzen kann. Gläubige Menschen gehen davon aus, dass Gott - ob absichtlich, oder weil auch er das nicht anders kann - die Seelen der Menschen mit unterschiedlichen Vororientierungen erschafft, oder dass diese bereits aus einem vorigen Leben vorgeprägt sind. Unser Apostel Paulus hat in seinem Ersten Brief an die Korinther erläutert: "12,4 Es gibt aber Verschiedenheiten von Gnadengaben, aber [es ist] derselbe Geist; 12,5 und es gibt Verschiedenheiten von Diensten, und [es ist] derselbe Herr; 12,6 und es gibt Verschiedenheiten von Wirkungen, aber [es ist] derselbe Gott, der alles in allen wirkt. 12,7 Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben. 12,8 Dem einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit gegeben, einem anderen aber das Wort der Erkenntnis nach demselben Geist; 12,9 einem anderen aber Glauben in demselben Geist, einem anderen aber Gnadengaben der Heilungen in dem einen Geist, 12,10 einem anderen aber [Wunder-]Kräfte, einem anderen aber Weissagung, einem anderen aber Unterscheidungen der Geister; einem anderen aber [verschiedene] Arten von Sprachen, einem anderen aber Auslegung der Sprachen. 12,11 Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist und teilt jedem besonders aus, wie er will." [aus dem Web]
Der Staat bzw. das Bildungssystem erhält daraus die Aufgabe, die mit der Seele gegebenen Anlagen der Menschen frühzeitig zu erkennen, auszubilden und die Menschen dementsprechend einzusetzen. Dazu ist auch zu klären, inwieweit ideelle Werte wie Orden und Ehrenzeichen sowie Titel zur materiellen Produkton erforderlich seien, und demzufolge auch Mittel aufzuwänden sind, um diese zu reproduzieren. Schwer verständlich ist für mich, dass das atheistische Gleichheitsgefasel immer noch Anhänger findet. Dabei ist mit Stirners "Einzigen" schon 1844 die schlechte Perspektive des atheistischen Standunktes offenbart worden.
Sowohl in der Technik als auch in der Ökonomie ist heute akzeptiert, daß Hard- und Software beide Arbeit erfordern und ihren Wert haben; sonst wäre das Urheberrecht gegenstandslos. Bei dem Kopieren von Information von einer CD auf eine Diskette, einen Flashspeicher oder andere Datenträger wird keine Materie übertragen, sondern nur Information weitergegeben - und diese verschwindet dabei nicht an ihrem Ursprungsort. Übliche Computer benötigen nach ihrer materiellen Fertigstellung noch ein Betriebssystem, welches auch von einer RAM-Disk laufen kann, aber nach dem Ausschalten weg ist.
Wieso bitte können die Geisteswissenschaftler schwerlich akzeptieren, dass ein Mensch sowohl den materiellen Körper auch eine Initialisierungssoftware - die Seele - erhält, bzw. dass diese überhaupt erst den Menschen ausmacht, und dass diese aus einer anderen Welt stammt?
Für unser finales Projekt, die Rückkehr in die andere Welt, fragen wir uns, wie wir unsere Seele für den Übergang vorbereiten. Die Regeln, nach denen der Herr die Tür zum Paradies öffnet oder verschlossen hält, sind das Thema der Religion. Diese zu verstehen ist die Erkenntnis der Welt sicherlich nützlich; schließlich hat der Herr sie geschaffen, damit wir unsere Anlagen in ihr zu Fähigkeiten ausprägen. In einer Diskussion mit Zeugen Jehovas ist mir klargeworden, dass "Welt" für das im griechischen Original stehende "Kosmos" gesetzt ist; welches damals so viel wie das heutige "Wirtschaftssystem" bedeutet hat. In dessen der Verständnis liegt die Kirche auch einige Jahrhunderte hinter dem aktuellen Stand.
Meine Erfahrung ist, dass
* viele Vorgänge heute auf mehrere Leute aufgeteilt sind, so daß andere beeinflussen, ob das, was jemand tut, böse oder gut wird;
* die ausschlaggebende Entscheidung - während sich die klugen zurückhalten - oft von einem dummen Menschen getroffen wird;
* von jeder Alternative immer weitere Leute sowohl un- als auch günstig betroffen sind, so dass es keine Egoistischen Handlungen gibt;
* wir dazu neigen, Menschen als Angehörige einer Gruppe zu sehen und als "einen von denen" zu beurteilen;
so dass eine moralische Wertung des Anteils einzelner schwer möglich ist. Die Kirche hat mir bisher keine Antwort darauf gegeben. Hier sollten sich Philosophen und Theologen um eine Klarstellung bemühen.
Da die Rückkehr in die andere Welt im Prinzip um die Verschiebung einer Datei vom diesseits an einen ihr entsprechenden Ort im Jenseits handelt, ist die Religion als ein Teilgebiet der Informatik anzusehen. Die überkommenen, ungenauen Begriffe der Theologie sollten in Begriffe der IT übersetzt werden; zuvor wäre allerdings die Begriffswelt der IT zu ordnen und sinnverändert übernommene Begriffe anderer Fachgebiete zu ersetzen.
[*] Richard Wrangham Dale Peterson : Bruder Affe, S. 237
50. Wie viel Gramm Metaphysik dürfen’s denn sein? –: Naturalismus und Agnostizismus
10.01.2012, Dr. Josef Klein, BerlinDie Zersetzung des positivistischen Begriffs von Wissenschaft geht geistesgeschichtlich nicht nur einher mit dem Postszientismus (bzw. der Postmoderne) und der Aufkündigung aller erkenntniskritischen und wissenschaftstheoretischen Standards durch den Naturalismus. Freilich ist das Spektrum des Naturalismus breit gefächert, da W. Sellars (mit metaphysischem Anstrich), dort W. v. O. Quine und so weiter. Dabei bleibt bei Quine rätselhaft, wie sein Naturalismus einerseits und seine beträchtlichen Arbeiten zur Logik andererseits zusammen harmonieren sollen. Denn wie Logik und Mathematik empirisch sich herleiten und sonst in der Natur sinnlich wahrnehmbar gründen und per Beobachtung gleich kapitaler Hirsche und Elche im Forst sich bewahrheiten lassen sollen, bleibt Quines und der übrigen Naturalisten Geheimnis. Möglicherweise weiß da die eine Gehirnhälfte nicht, was die andere tut. Bei der Unterhöhlung des Begriffs von den exakten Naturwissenschaften tut das Erstarken der Biowissenschaften ihr Übriges. Zu erinnern wäre etwa an deren Nachweis tierischer Intelligenz bei Experimenten, von denen man sich wünschen würde, dass sie den Härtetest bestehen gleich den epochemachenden Forschungen des nobelpreisverdächtigen Nanophysikers Jan Hendrik Schön. Da haben doch die drolligen Tierchen so liebliche Namen wie Ulla, Udo, Kasimir und Cosima, damit auch noch dem letzten Begriffsstutzigen klar wird, welch groß angelegte Feldstudien die Generalisierung der tierischen Intelligenz bei Hund, Ratte, Affe und Katz belegen sollen, nämlich reduziert auf zumeist ein Exemplar der Gattung. Und so nimmt es nicht wunder, was solcherart in einem westfälischen Hühnerhof Großartiges beobachtet ward. Dort in Westfalen, wo sinnigerweise Voltaires „Candide“ bekanntlich in die Schule von Maître Pangloss am Hof des Leibniz-Land-schlosses von Baron von Thunder ten Tronckh ging, soll es Hennen geben, die beim Aufpicken der Körner tatsächlich ganz artig zählen, ja sogar Additionsspiele um die Wette betreiben und mitunter – als Höchstleistungen in Sachen höherer Mathematik – über den gödelschen Unvollständigkeitssatz sinnieren, indem sie, plötzlich innehaltend, sich hinterm Ohr verlegen mit dem rechten Hühnerbeinchen kratzen. Oder anders gesagt: Man weiß bei diesen Sensationsmeldungen nur allzu oft nicht, was Dressur, was intelligente Versuchsanordnung durch den Menschen und was überhaupt durch andere Experimente empirisch da überprüfbar ist. Aber wir haben eben alle so gerne unseren „echten“ Max Ernst, unseren „echten“ Picasso und unseren „echten“ Mann mit dem Goldhelm (Rembrandt respektive Rembrandtschule) über dem Kanapee hängen. Und ein Naturwunder zur Abwechslung ist doch auch mal schön. Es muss ja nicht immer gleich ein Marienwunder à la Fatima sein – da hätte die Gottesmutter denn wirklich viel zu tun. Aber nicht dass ich etwas gegen die These von der tierischen Intelligenz einzuwenden hätte! Als ich noch Pennäler war, hatte unser Hund zu Hause, ein Foxterrier, Bello geheißen, mein Lateinbuch aufgefressen, ganz wißbegierig, und fortan hat er immerzu Zitate von Tacitus, Caesar, Lukrez, Seneca und Cicero sowie von Sextus Empiricus gebellt, aber so deutlich und klar artikuliert, dass er nicht nur Petronius, den Verschwörer des guten Geschmacks, sondern auch Descartes derart entzückt hätte, dass letzterer über die Tiere etwas anthropomorpher gedacht haben würde. Seit geraumer Zeit weilt Foxterrier Bello indes in den ewigen Jagdgründen und paukt mit Winnetou und Old Shatterhand das Anglerlatein. Auf die Idee, ihm mein Mathematikbuch zu verfüttern, bin ich leider damals nicht gekommen. Sonst hätte ich Quines Naturalismusdoktrin sicherlich verifizieren können. Schade.
Bliebe also der Begriff vom „Naturalismus“. Kein Zweifel, dass das biologische Erkenntnisproblem ein eigenes biologisches Wissensideal zeitigt, das, auf die eigene WissenschaftrRegion begrenzt, neben dem der exakten Naturwissenschaften herläuft, ist mehr als selbstverständlich, nicht aber, dass dies für alle Wissenschaften – gleichgültig ob diese Natur- oder Geisteswissenschaften seien – allgemein-verbindlich sein soll. Den methodologischen Naturalismus, der nur die Naturwissenschaften auf die experimentell und logisch kontrollierbare Erfahrung verpflichtet, wollen wir dahingestellt bleiben lassen. Der „ontologische Naturalismus“ geht indes weiter in seinem Alleinvertretungsanspruch in Sachen Wissenschaft, der einzig der Naturwissenschaft gebühre. Ich kann hier die Widersprüchlichkeit desselben – zudem in all seinen Varianten, sei’s der von W. Sellars, sei’s der von G. Vollmer etc. – nicht im einzelnen ausbreiten.
Aber wie bereits mit dem Hühnerhofbeispiel zur höheren Mathematik angedeutet, ist der starke Begriff vom „ontologischen Naturalismus“ – von dem Christian Tapp meint, dass er der Theologie als Glaubenswissenschaft Kopfschmerzen bereiten würde – schon einmal ein theoretisches Unding, da ein Widerspruch in sich wie jene Figur von der Güte „rundes Viereck“; denn noch nie, seit sich die Erde um die Sonne dreht, war die Ontologie eine Naturwissenschaft, und wird wohl auch nie eine sein. Diese contradictio in adiecto läßt sich selbstverständlich ganz leicht umgehen, indem wir den Namen „ontologischer Naturalismus“ kurz in „starken Naturalismus“ abändern. Aber das hilft nicht viel. Denn alles, was zu diesem Thema überhaupt geschrieben und erörtert wird, ist metatheoretischer Natur und gehört nicht der ersten Natur noch der Objektsprache an. Die metatheoretischen Erörterungen gehören stattdessen der Welt III an – ich verwende nun der Einfachheit halber den Trialismus der Drei-Welten-Theorie von Popper; diese Drei-Welten-Theorie hat, wie Popper (in: Objektive Erkenntnis) zugibt, eine Ähnlichkeit mit Hegels Unterscheidung vom subjektiven und objektiven Geist; nur sei sie enttheologisiert. Welt I ist die Welt der Physik und der Biologie, Welt II ist die Welt des subjektiven Erlebens, Welt III ist die Welt der geistigen Gegenstände und der Gestalten des objektiven Geistes – also das Reich der Wissenschaften, der Mathematik nicht zuletzt, sowie zudem des Rechts etc.
Aber auch in Ansehung dessen, dass es von dem seit Pythagoras, Euklid und Archimedes nicht gerade geringsten Vertreter unter den Mathematikern, Kurt Gödel, einen mathematisch ontologischen Gottesbeweis gibt, der seiner Widerlegung erst harrt, muss festgehalten werden, dass einige Herrschaften da denn doch etwas zu voll den Mund in Sachen „Naturalismus“ als höchstes Stadium des wissenschaftlichen Atheismus nehmen. R. Dawkins geht im „Gotteswahn“ vorsichtshalber oder aus Unkenntnis gar nicht darauf ein; möglicherweise wäre ihm hierzu auch nur eine Sottise (von wegen Wissenschaftsblenderei) eingefallen wie zur Kontroverse Euler versus Diderot. Schon I. Kant muß Dawkins als „Atheisten“ verkaufen, was Kant nie war: Die Gottesbeweise (den ontologischen, den kosmologischen und den physiko-theologischen) hat Kant nur „deshalb“ widerlegt, um seinen eigenen Gottesbeweis, den moralischen mit dem Postulat Gottes, zu installieren (vgl. hierzu J. Klein, Semiotik des Geistes, Buch I, Berlin 2010, S. 761,771). Und ferner wird Frank J. Tipler – als Beiträger zum „anthropischen Prinzip“ – implizit zum Atheisten umfunktioniert und zurechtgebürstet, als ob der nicht sich in einer „Physik der Unsterblichkeit“ versucht hätte. Tiplers wissenschaftlich positives Argument für das Dasein Gottes, auf informationstheoretischer Basis, habe ich – neben dem von C. F. v. Weizsäcker – in der „Semiotik des Geistes I“ (S. 689, 692 ff.) freilich zurückgewiesen. Was Gödel anlangt, so bin ich allerdings selbst nicht der Auffassung, dass das quod erat demonstrandum unter Gödels Gottesbeweis allzu lange Bestand haben würde: Das q. e. d. steht freilich ohnehin nirgendwo darunter. (Ich selbst gehe erst in Buch II der „Semiotik des Geistes“ darauf ein; in SdG I – Berlin 2010 – habe ich mich nicht dazu geäußert.) Gleichwie. Haltbar ist einzig ein methodologischer Agnostizismus.
Auch E. Volands Eingeständnis, Naturwissenschaftler würden notgedrungen nicht voraussetzungslos arbeiten – hierin ganz Popper folgend, dass seine Prämisse vom Realismus nur eine metaphysische sein kann, da sie nicht wissenschaftlich überprüfbar sei (vgl. Popper, Objektive Erkenntnis) –, ist nicht ohne kurios pikante Würze, wenn er meint, trotzdem sei es den Naturwissenschaften vergönnt, empirisch zu arbeiten, obwohl sie gar nicht darüber entscheiden könnten, ob sie nun in einer Simulation leben oder nicht! Da können wir gleich an Wunder glauben. Was ist da noch der Unterschied zwischen kritischer Wissenschaft, Sciencefiction und Lourdes respektive Fatima? (Aber zum Thema Skeptizismus und Simulation habe ich schon im Sommer 2011 einen Vorschlag gemacht, wie externalistisches Wissen trotz des Gehirn-im-Tank-Problems nach Putnam & Brendel möglich ist: www.spektrumverlag.de/artikel/1073683, www.spektrumverlag.de/artikel/1115669 . Und dieser mein Vorschlag erfüllt sogar mit den Sherrington-Formeln die Mindestanforderungen des Galilei-Programms der Mathematisierung der Natur. (Trotzdem trete ich Quines Naturalisierungen der Erkenntnistheorie mitnichten bei, obgleich gerade meine Sherrington-Formeln genau diese wie nichts anderes sonst wohl zu bestätigen scheinen.)
Ähnlich wie Popper (der kein Naturalist ist) und wie Voland für den Realismus räumt für den Naturalismus unter anderem auch Vollmer ein bißchen Metaphysik ein, die sich nicht vermeiden lasse, schon um sich von den großen Systemen der Metaphysik abgrenzen zu können: Aber wie viel Gramm Metaphysik dürfen's denn sein? Wenn Johannes Paul II. äußert, dass der Geist nicht aus der Evolution stammen könne, so ist das für E. Voland schon eine gehörige Prise zu viel an Metaphysik. Dabei muss das päpstliche Statement vom Primat des Geistes in philosophie-systematischem Anbetracht mitnichten dem Prinzip der Evolution widersprechen, so etwa, nun rein als Hilfskonstruktion, wenn die Theologen sich der Grundannahme des objektiven Idealismus von Ch. S. Peirce bedienen würden, wonach (ähnlich wie im System Schellings), die Materie geronnener Geist sei; dies läßt sich desgleichen in die informationstheoretische Hypothese von C. F. v. Weizsäcker übertragen, wonach Materie gleich Form gleich Information sei (vgl. hierzu J. Klein, SdG I, S. 357, 404 f., 412, 481). Und Peirce ebenso wie Weizsäcker vertreten evolutionistische Positionen. Woher der Geist stammt, dies ist eine noch ziemlich ungeklärte Frage. Der (Inquisitions-)Fall Galilei liegt hier indes total außer jeder Vergleichbarkeit. Überdies rekurrieren nicht wenige Physiker auf platonistische bzw. neuplatonistische Positionen, so Weizsäcker, Heisenberg, Shimon Malin etc., welche immer auf den Primat des Geistes hinauslaufen. Wollen oder sollen wir diese Herrschaften nun aus der Science-Kirche exkommunizieren? Wer gäbe wem das Recht dazu? Die kritische Vernunft etwa? Womöglich die von der Vernunftreligion des Immanuel Kant! Mit dem stehen unsere Naturalisten ja auf bestem Fuß! War nur ein kleiner Scherz am Rande.
Nach alledem kurzum: Der Agnostizismus ist kein „windelweicher Atheismus“, wie die Spektrum-Redakteure fragend in den Raum stellen, sondern ein wissenschaftliches Gebot, aus dem Ignoramus-ignorabimus und aus der Einsicht, daß Gott keine wissenschaftlich überprüfbare Hypothese abgeben kann, eine wissenschaftliche Tugend zu machen, statt sich im Smalltalk (irgendwo zwischen den „Feuchtgebieten“, den „Schoßgebeten“ und „Harry Potter“) zu ergehen oder in verunglückter Poetry of Science, und möge auch laut Dawkins Wissenschaft die Poesie der Realität sein[1]. Da täte eine kritische Ästhetik wider naturalistische Spekulationen ohnehin not, ein „Candide“ à la Voltaire: Diesmal gegen den Pseudo-Galilei als Inbegriff der naturalistischen Spekulationen vom Biohühnerhof statt gegen die spekulative Metaphysik von Leibniz.
51. "Glaube ist die Illusion zu wissen, was niemand wissen kann."
11.01.2012, Rainer Rosenzweig, NürnbergDurch das Interview ist neben einem religiösem Standpunkt auch ein nichtreligiöser vertreten, insofern ist das Thema auch halbwegs ausgewogen behandelt, sofern das in der gebotenen Kürze überhaupt möglich ist. Den Hauptartikel einem Theologen zu überlassen, ist ein nahe liegender Gedanke der Redaktion. Allerdings weisen die einseitig aus der christlichen Ecke heraus formulierten Gedanken des Artikels von Herrn Tapp – obwohl sehr zurückhaltend und unter Einbeziehung kritischer Argumente vorgebracht – so viele Schwächen und Angriffspunkte auf, dass man sich wohl doch eher einen allgemeinen, vielleicht eher religionswissenschaftlichen Überblick gewünscht hätte.
Der christliche Glaube ist – wie bereits in einigen Kommentaren hier vermerkt – nur *ein* Angebot unter vielen anderen religiösen Weltbildern. Schon das ist eigentlich eines der wesentlichsten Argumente gegen jede Art von religiösem Glauben (im Sinne von "für wahr halten"): Dann müssten sich alle anderen religiösen Vorstellungen in anderen Teilen der Welt irren. Zufällig wir seien also im "wahren" Glauben aufgewachsen und erzogen worden? Schwer zu "glauben" …
Die im Artikel zu Beginn gemachte nötige Trennung des Wortes "Glaube" in ein emotionales Gefühl ("faith") und ein "für wahr halten" ("belief"), wird im Artikel dann leider wieder vermischt, etwa wenn zum Beispiel auf S. 58 von der Bibel als "Heiliger Schrift" und der dafür notwendigen "anderen Bedeutungsebene" die Rede ist.
Der Vorschlag (auf S. 62), am Wissenschaftsstatus der Theologie festzuhalten, solange die Unwissenschaftlichkeit nicht bewiesen ist, mutet gar abenteuerlich an. Würde Herr Tapp das Gleiche auch für den Glauben an UFOs, Elfen oder Klabautermänner vorschlagen? Da bleibt man doch lieber bei dem ontologisch sparsamen Gebot, eine (außergewöhnliche) These erst dann ernst zu nehmen, wenn relevante und mindestens ebenso außergewöhnliche Belege dafür zu finden sind, und nicht etwa dann, wenn es möglichst viele Menschen gibt, die daran geglaubt und Schriften darüber verfasst haben.
Die Theologie auf die Hermeneutik historischer Schriften zu beschränken, würde weder den Theologen noch ihren Kritikern gefallen – dann könnte man ja auch ganz auf "Theologie" verzichten und stattdessen gleich nur von Hermeneutik sprechen.
So bleiben am Ende des Artikels die vielen, auch vom Autor eingeräumten Gegenargumente gegen den Glauben: Von der Theodizee über die missglückten Gottesbeweise bis hin zur "umstrittenen" Wissenschaftlichkeit. Damit ist die Titelfrage des Spektrum-Hefts aus meiner Sicht klar beantwortet: Sind Wissenschaft und Religion vereinbar? Nach dem heutigen Stand von Wissenschaft und Theologie zu urteilen: definitiv nein.
52. Kritik an der reinen Unvernunft
11.01.2012, Martin Schmaude, EsslingenDas Gedankenspiel darf erlaubt sein: Was, wenn im Alten Testament tatsächlich durch historische Gründe bedingt kein unsichtbarer Gott, sondern ein Schuh angebetet werden würde und im Neuen Testament sagen wir, ein Schuhmachersohn für die Erlösung der Welt (was immer das sein soll) geopfert werden würde? Nun, man darf annehmen, dass die Theologie durchaus auch dies mit hermeneutischen Zirkeleien zu untermauern versuchen würde. Mit anderen Worten: Ganz gleich, was in den Grundtexten auch für Aussagen stehen mögen, würde eine entsprechende Theologie mit aller Macht versuchen, diese Aussagen zu rechtfertigen. Der Inhalt ist also gänzlich unwichtig, nur die Beweisführung ist wichtig. Was für eine Schande!
Bereits die Tatsache der im Lauf der Zeiten völlig unterschiedlichen religiösen und vorreligiösen spirituellen Systeme zeigt, dass Inhalte hier völlig irrelevant sind (und irr genug). Animismus, Schamanismus, Hinduismus, der Glaube der alten Ägypter, der Sumerer, Vielgötterei oder die Vorherrschaft weiblicher Gottheiten in so genannten Gartenbaukulturen zeigen doch schlagkräftig, wie unsinnig es ist, Inhalte (theologisch oder sonst wie) beweisen zu wollen. Es handelt sich ganz einfach bei all diesen literarischen Schöpfungen um historisch bedingte irreale Räume, die der menschliche Geist durchschwirrt und erfindet!
Zu einzelnen Abschnitten im Artikel:
„Wie aber kann man von Vernunftfreundlichkeit sprechen, wo sich doch der Glaub so häufig in Widersprüche verstrickt: mit den Ergebnissen der Naturwissenschaften, mit den Vernunfterkenntnissen der Philosophie und sogar mit sich selbst?“
Man muss unbedingt noch ergänzen: Mit den Glaubensvorstellung praktisch aller anderen religiösen Systeme und der auch in krassem Widerspruch zur so genannten Alltagsvernunft steht, die z.B. davon ausgeht, dass das, was immer im bekannten Lebensraum geschieht, auch im unbekannten geschieht (z.B. dass Menschen nicht vom Tod wiederaufstehen wie Lazarus).
Aber wem fällt da nicht fast automatisch Tertullian ein, der da schrieb:
»Gestorben ist Gottes Sohn; es ist ganz glaubhaft, weil es ungereimt (ineptum) ist. Und begraben, ist er auferstanden: es ist gewiss, weil es unmöglich ist.«
De carne Christi V.
Bei allem Respekt, aber eine Person, die solches von sich gibt, würde in einem anderen Kontext als schwer psychisch krank und dissoziiert gelten. Völlig fehlender Realitätsbezug. Vernunft aber hat doch mit Realität eine äußerst innige Beziehung. Das kann man vom Christentum (und anderen Religionen) wohl kaum behaupten.
„Die Texte der Bibel oder der frühen Konzilien sind in einer ganz anderen Zeit als der unsrigen geschrieben worden, mit anderen Absichten und Zielen, mit einem anderen geistigen Horizont. Nur selten ist es ihre Hauptabsicht, von einem historischen Geschehen zu berichten. Meist gehören sie zu anderen literarischen Gattungen.“
Nun, ich würde mal sagen sie gehören zusammen mit der Bibel hauptsächlich mal in die Gattung „Phantastische Literatur“. Ihr Wahrheitsgehalt dürfte den eines „Herrn der Ringe“ kaum übersteigen.
Interessanterweise gibt es ja wohl Hinweise darauf, dass z.B. das fünfte Buch Moses von den damaligen Priestern eigenhändig geschrieben, dann versteckt und hernach (Tusch) von denselben „gefunden“ wurde um es als große Göttliche Offenbarung herauszubringen. Literatur, die vorgibt eine Offenbarung zu sein bleibt natürlich trotzdem Literatur. Etwas, was die Theologie wohl nicht begreifen möchte!
„Das hermeneutische Problem hat sich seit der Antike weiterentwickelt. Heute liegen ausgearbeitete philosophische Hermeneutiken und Interpretationstheorien vor. Sie ermöglichen eine sorgfältige und methodisch kontrollierte Analyse, Einordnung und Interpretation biblischer Texte.“
Richtig! Und auch hier wird damit der Status der Bibel als Literatur (und nicht als Offenbarung und nicht als Wahrheit) deutlich. Literatur, derentwegen eine unglaubliche Menge an Sekundärliteratur entstanden ist und für die schrecklichste und blutigste und menschenunwürdigste Taten vollbracht worden sind.
„Exegeten müssen einen Text also dahin gehend sortieren, was als direkter Aussageinhalt gelten kann (zum Beispiel die Schöpfung durch Gott) und was der bildhaften Ebene zuzurechnen ist (der Schöpfungsablauf in sechs Tagen).
Woher nehmen die Exegeten denn die Unverschämtheit zu behaupten, die Welt sei durch Gott geschaffen worden? Auch dies sind, wie die Behauptung (die im Übrigen durchaus lange genug wortwörtlich geglaubt wurde) die Welt sei in sechs Tagen erschaffen worden, nur Worte auf Pergament. Mit anderen Worten: Literatur!
Nach einem Absatz über die Theodizee kommt der Autor zum Schluss: „Dann besteht zumindest für das harte, logisch Problem des Übels (logical problem of evil) Aussicht auf Lösung: Dass der gute Gott um das bestehende Übel weiß, es ändern kann und will, erzeugt keinen harten Widerspruch mehr.“
Was für eine Peinlichkeit. Hier wird mit allerlei (für mich schwer nachvollziehbaren) Winkelzügen etwas wegdiskutiert, um die Sehnsucht des Menschen nach der großen Vatergestalt zu befriedigen. Hier kann man eigentlich nur noch kurz an Ockhams Rasiermesser erinnern und sich hernach mit Grausen Abwenden.
„Theologen dagegen müssen beurteilen, ob die Kernaussagen selbst angemessen und die Theorien theologisch adäquat sind.“
Zumindest den ersten Teil dieser Aussage werden die Theologen ganz sicher NICHT erfüllen. Im Gegensatz zu den Wissenschaften dürften Theologen nämlich die Grundaussagen NICHT hinterfragen, sonst definieren sie sich sofort selbst weg (oder verwandeln sich in Literaturhistoriker, s.o.). Dies wird ja schön im Streitgespräch zwischen Herrn Voland und Herrn Löffler deutlich: „Das ist im dogmatisch geschlossenen Universum nicht möglich. Da wird derjenige anerkannt, der seine Dogmen nicht streng überprüft, sondern bestenfalls hermeneutisch interessant auslegt.“ (S. 65) und: „Auch Wissenschaftler machen unhinterfragbare metaphysische Annahmen. Aber sie sind offen für Revision.“ Dies beantwortet auch die hinterlistig eingefügte Bemerkung des Autors zu Habermas! (S. 61) Mehr ist dazu nicht zu sagen.
„Gerade weil der christliche Glaube beansprucht, wahr zu sein, muss er davon ausgehen, dass er Ergebnissen der Naturwissenschaften nicht wirklich widersprechen kann.(*) Denn wenn beides wahr wäre, Glaube und wissenschaftliche Erkenntnis, und beides sich widerspräche, müsste es zwei sich widersprechende Wahrheiten geben. Das ist aber offenkundig unmöglich. Die entscheidende Frage lautet hier, ob der Glaube seinen Wahrheitsanspruch auch berechtigterweise erheben kann.“
Ein feiner Absatz und eine feine Analyse. Und was bekommen wir als Antwort? „Es ist schwierig, die Frage nach der Wahrheit des Glaubens von außen zu beantworten." Das ist eine glatte Ohrfeige an jeden realistisch wissenschaftlichen Geist! Verzeihung, aber für wie dumm möchte uns der Autor denn verkaufen? Das ist doch wohl ein klassischer Zirkelschluß. Wenn nicht von außen, wie soll denn Wahrheit dann beantwortet werden? Die Aussage (Christentum = wahr) wird von bestimmten Personen postuliert und dann sagen uns diese Personen, dass es doch etwas schwierig wäre, die Wahrheit dieser Aussage außerhalb dieses Personenkreises zu beantworten. Uff. Auch der nächste Absatz arbeitet mit einem äußerst cleveren Argument: Wir sind vielleicht keine Wissenschaft, aber wir sagen mal, wir wären eine, und der Beweis, dass wir keine sind, wird sicher nicht vor dem Sanktnimmerleinstag erbracht werden. Bis dahin machen wir einfach weiter (und kassieren Steuergelder).
Zum Abschluß dieses Abschnitts noch so eine kleine Unverschämtheit: „Und schließlich geht es um eine der Gründungsdisziplinen im abendländischen Universitätskanon.“ Sehr gut. Die Theologie leitet ihren Anwesenheitsanspruch an den Universitäten also nicht aus ihrer Wissenschaftlichkeit her (denn die kann sie nicht beweisen), sondern aus der Historie. Gewohnheitsrecht gegen Sinnhaftigkeit sozusagen. Oder eine andere Spielwiese der Kirche(n) auf denen diese Tendenzbetriebe öffentliche Gelder für ihre eigenen Zwecke missbrauchen.
„Es schreibt der göttlichen Schöpfermacht zu, logos zu sein – was nicht nur Wort bedeutet, sondern auch Vernunft oder Sinn“ In einem ca. 1800 bis 2000 Jahre alten Text wird vom Wort Gottes geschrieben. Eine Konnotation dieses Wortes ist „Vernunft“. Nun will uns der Autor doch tatsächlich weismachen, dass diese konnotative Bedeutung mit der übereinstimmt, die unser heutiges (nachaufklärerisches) Wort „Vernunft“ hat? Schreibt er nicht weiter oben selbst: „Die Texte der Bibel oder der frühen Konzilien sind in einer ganz anderen Zeit als der unsrigen geschrieben worden, mit anderen Absichten und Zielen, mit einem anderen geistigen Horizont.“?
„Auf einen Punkt gebracht: Eine Religion, deren Gott vom Wesen her vernünftig ist, wird sozusagen von ihrer höchsten Instanz her auf ein positives Verhältnis zur Vernunft festgelegt.“
Hierzu möchte ich kommentarlos folgendes Zitieren:
„Es liegt vor, dass du, Galileo, Sohn des sel. Vincenzio Galileo aus Florenz [] angezeigt wurdest, dass du die von einigen gelehrte falsche Doktrin, die Sonne sei der Mittelpunkt der Welt und stehe still und die Erde bewege sich auch in einer täglichen Bewegung, für wahr hieltest; [] dass Du auf die der Heiligen Schrift entnommenen Einwände, die dir bisweilen entgegengehalten wurden, antwortetest, indem du besagte Schrift deinem Sinn gemäß auslegtest; [] Wir sagen, verkünden, urteilen und erklären, dass du dich, obengenannter Galileo, [] diesem Hl. Offizium der Ketzerei dringend verdächtig gemacht hast, nämlich dass du die falsche und den Heiligen und göttliche Schriften widersprechende Lehre für gültig gehalten und geglaubt hast, wonach die Sonne der Mittelpunkt der Welt sei [] und infolgedessen hast du dir alle kirchlichen Strafen und Bußen zugezogen, die von den Kirchensatzungen [] auferlegt und gegen sie verkündet werden. Wir sind es zufrieden, dass du von ihnen freigesprochen werdest, vorausgesetzt, dass du zuvor [] den obengenannten Irrtümern und Ketzereien und jeglichem anderen Irrtum und jeder Ketzerei wider die Katholische und Apostolische Kirche abschwörst, sie verfluchst und verabscheust [](1)
Zum Abschluss möchte ich noch folgende Bemerkung machen. Dieser Versuch, Theologie, und mithin das gesamt Christentum zu einer „rationalen“ Religion zu erheben sind nichts anderes, als letzte Anpassungen und Rückzugsgefechte! Wenn du deinen Feind nicht besiegen kannst, so gleiche dich ihm an! Die Aufklärung und das wissenschaftlich rationale Denken sind nicht durch oder wegen des Christentums in die Welt gekommen, sondern TROTZ und GEGEN dieses!
Erst mit dem Auftauchen von Aufklärung und Humanismus begann die Christenheit, all die unglaublichen Verstiegenheiten der biblischen „Berichterstattung“ als „Metaphern“ und „Bilder“ zu deuten, die für etwas anderes stünden, als für die wortwörtlich zu glaubende Wahrheit. Hier versucht sich eine völlig überkommene Geisteshaltung ein neues Mäntelchen umzulegen, um weiter ihr Unwesen treiben zu dürften. Seien wir auf der Hut!
Oder, um mit Thomas von Aquin zu enden, „wonach die Vernunft zum Gipfel irdischer Tugend leiten könne, wie den Alten geschehen, aber nur Glaube und übernatürliche Gnade […] über die Vernunft hinaus zum Sitz Gottes leiten könnten.“(2)
Verzichten wir doch weise auf den letzten Teil der Reise!
(1) „Urteil und Abschwörung, von 22. Juni 1633“ Übers. Christian Wagner, in Galileo Galilei; Schriften, Briefe, Dokumente, Hrsg. Anna Mudry, Band 2, Berlin 1987, S. 205-209
* Schreibt der Autor nicht gleich zu Beginn seines Artikels, „Wie aber kann man von Vernunftfreundlichkeit sprechen, wo sich doch der Glaub so häufig in Widersprüche verstrickt: mit den Ergebnissen der Naturwissenschaften, [...] mit sich selbst?“ Ja, was denn nun?
(2) J. Campbell „Schöpferische Mythologie“ Basel 1992 S. 141
53. Die Notwendigkeit einer zweiten Aufklärung
11.01.2012, Helmut HansenEs ist eine historisch seltsam anmutende Tatsache, dass gerade der Gegenstandsbereich, der allem zu Grunde liegen soll, bis heute wissenschaftlich unaufgeklärt geblieben ist. Wir haben die Struktur der Materie aufklären können, den Kode des Lebens entschlüsselt und sind im Begriff, die Energie der Sonne zu bändigen, doch das Transzendente ist nach wie vor Gegenstand diffuser Überzeugungen.
Um seine Existenz zu behaupten, beziehen wir uns auf Texte, deren Ursprünge sich im Dunkel der Zeit verlieren. Als Papst Johannes Paul II. 1998 seine Enzyklika FIDES et RATIO publizierte, war dies zugleich der Ruf nach einer modernen Metaphysik - ein Ruf, der bis heute allerdings unbeantwortet geblieben ist.
Doch Metaphysik als Wissenschaft ist möglich! Was sie möglich macht, sind gerade jene Eigenschaften, die auch dem christlichen GOTT zugeschrieben worden. Es sind beispielsweise Eigenschaften wie die der ALLGEGENWART (Psalm 139 und der UNSICHTBARKEIT (Röm 1, 20).
Es sind diese speziellen Eigenschaften, die das Transzendente von allen uns bekannten Forschungsgegenständen unterscheiden. Doch bis heute ist niemand systematisch der Frage nachgegangen: Wie muss eigentlich ein Universum aussehen, wenn sein letzter und ultimativer Grund durch diese speziellen Eigenschaften charakterisiert sein soll?
Es ist unmittelbar einsichtig, dass ein Universum mit unsichtbarem Grund sehr speziellen Bedingungen genügen muss. Der Physiker Albert Einstein hat sich stets die Frage gestellt, ob Gott bei der Schaffung des Universums eine Wahl hatte - oder ob spezielle Bedingungen, wie die der logischen Einfachheit, überhaupt eine Wahl zuließen. Es ist nahe liegend anzunehmen, dass Gott, wenn er auf der Bühne des sichtbaren Universums unsichtbar bleiben wollte, dasselbe auf eine sehr spezielle Weise einzurichten hatte.
Die durch die vorgenannten Eigenschaften diktierten Bedingungen lassen sich in der Tat spezifizieren - mit dem höchst überraschenden Ergebnis, dass u-n-s-e-r Universum eben diese Bedingungen empirisch (!) zu erkennen gibt; wenigstens näherungsweise.
Diese Art von wissenschaftsorientierter Metaphysik hat indessen einen Preis: Wenn die UNSICHTBARKEIT dieses ultimativen Grundes das ebenso zwangsläufige wie natürliche Ergebnis einer spezifischen Konzeption des Universums ist, dann wäre es einem solchermaßen definierten Gott nicht länger möglich, sichtbar in Erscheinung zu treten - weder zu Beginn noch am Ende der Zeit. Unsichtbarkeit wäre, so verstanden, eine temporär unaufhebbare Eigenschaft Gottes.
Mit anderen Worten: Eine moderne Metaphysik, die diesem Gedanken folgt und Bestand hätte, würde dramatische Folgen für unser Gottesbild haben.
Ob unsere "aufgeklärte" Gesellschaft an derlei Untersuchungen Interesse hat, ist indessen eine offene Frage.
54. Diskussionsbeitrag zum Thema "Vernunft - Glaube"
11.01.2012, Prof. Dr. Bernhart OhnesorgeKroto argumentiert als Naturwissenschaftler. Die Tatsache, dass Gott mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht nachweisbar ist, ist für ihn ein hinreichender Beweis dafür, dass er nicht existiert. Hierin sehe ich einen Schwachpunkt seiner Argumentation. Wie ich im Folgenden darzulegen versuche, ist eine Unmöglichkeit, etwas mit einer bestimmten Methode nachzuweisen, noch kein Beweis für seine Nichtexistenz. Man kann also die Nichtexistenz Gottes ebenso wenig mit naturwissenschaftlichen Methoden beweisen wie seine Existenz. Man kann an beides glauben. Mithin ist Krotos Auffassung gleichfalls ein Glaube, ein Glaube, den er mit gleicher Unduldsamkeit wie ein christlicher oder islamischer Fundamentalist vertritt.
Ich möchte meine Ansicht mit einer Reihe von Argumenten untermauern, angefangen mit dem Aufzeigen der Grenzen unseres Vorstellungsvermögens bis hin zu den Grenzen der naturwissenschaftlichen Kausalanalyse und dabei diejenigen Gründe nennen, die mich zum Glauben an Gott veranlassen.
1. Wenn wir die uns umgebende Wirklichkeit auf ihre Kausalität hin untersuchen, so stoßen wir sehr schnell auf Bereiche, die sich der direkten Wahrnehmung entziehen, und schließlich sogar auf Bereiche, die jenseits unseres Vorstellungsvermögens liegen. Die hier auftretenden Phänomene können in einem scheinbar unlösbaren logischen Widerspruch zueinander stehen. Einfaches Beispiel: Das, was wir als Licht wahrnehmen, erscheint bei näherer Analyse je nach der angewendeten Methodik einmal als Welle, das andere Mal als Teilchen. Beides lässt sich in unserer Vorstellung nicht miteinander vereinbaren: Ein Teilchen kann hier nicht gleichzeitig eine Welle sein. Wir müssen also annehmen, dass beiden Phänomenen ein Etwas zu Grunde liegt, das sich je nach der Fragestellung bzw. angewendeten Methode entweder als Welle oder als Teilchen manifestiert und das sich unserem Vorstellungsvermögen entzieht. Fazit: In der Wirklichkeit gibt es Bereiche, die jenseits unseres Vorstellungsvermögens liegen.
2. Verfolgen wir Kausalketten beginnend mit dem Bereich der Quantenphysik über diejenigen der physikalischen Chemie. Chemie, Molekularbiologie zur Biologie, so stoßen wir auf Strukturen immer höherer Organisationsstufe und gleichzeitig immer größerer Komplexität. An der Spitze finden wir uns selbst, den Menschen als Einzelwesen sowie in den mannigfaltigen Formen seines Zusammenlebens. Die Frage erhebt sich nun: Endet die Kausalkette hier, oder müssen wir mit einer Schicht der Wirklichkeit rechnen, die noch höher organisiert ist und in der infolgedessen eine noch höhere Vernunft herrscht, als sie uns gegeben ist? Derjenige, dem es vermessen erscheint, sich selbst als das höchste denkbare Wesen, gewissermaßen als die Krone allen Seins anzusehen, wird der zweiten Auffassung zuneigen.
3. Naturwissenschaft, sofern sie sich nicht auf die pure Beschreibung von Phänomenen beschränkt, will deren Ursachen analysieren; m. a. W., die Kausalanalyse ist ihr eigentliches Feld. Mit Recht beschränkt sie sich darauf, denn nur sie erlaubt, beweiskräftige Aussagen zu treffen. Teleologische Fragestellung, Fragen nach einem Ziel und Sinn bleiben ausgeklammert. Ein Fehler wäre es indessen, aus dieser – methodisch bedingten – Selbstbeschränkung abzuleiten, dass es im Weltgeschehen kein Ziel und keinen Sinn geben könne, dass also alles, was prinzipiell nicht durch Kausalanalyse erfasst werden kann, nicht existiere. Wer so argumentiert, gerät zuweilen in einen Erklärungsnotstand, denn es gibt zahlreiche Vorgänge, die offensichtlich zielgerichtet sind. Wenn ich meinem Gegenüber eine Information zukommen lassen will, setze ich eine Kausalkette in Gang: Mein Gehirn sendet Nervenimpulse zu meiner Sprachmuskulatur, die wiederum Schallwellen erzeugt, die wiederum das Trommelfell meines Gegenübers in Schwingungen versetzen, wodurch über die Druckschwankungen im Innenohr die dort vorhandenen Sinneszellen in Erregung versetzt werden, die über den Hörnerv in das Gehirn gelangt und dort zu der beabsichtigten Information verarbeitet wird. Das heißt, diese (sehr vereinfacht dargestellte) Kausalkette hat von vornherein ein Ziel. Dieses Dilemma ließe sich allerdings dadurch lösen, dass mein Entschluss, eine Information zu senden, selbst als das Endergebnis zahlloser komplexer Prozesse auf molekularer Ebene angesehen wird. Dies bedeutet aber: Wer die Welt und die in ihr ablaufenden Vorgänge rein kausalanalytisch deuten will, muss zwangsläufig das Vorhandensein jeden freien Willens abstreiten.
4. Aus dem eben Gesagten ergibt sich jedoch ein neues Dilemma: In der streng kausalanalytischen Argumentation erscheinen die subjektiven Elemente meiner Mitteilung an mein Gegenüber – also die Gedanken, die zu meinem Entschluss führen, die Emotionen, die meine Mitteilung in meinem Gegenüber hervorruft – für die kausale Erklärung des Vorgangs völlig überflüssig, nur unwesentliche Begleiterscheinungen. Aus den molekularen Prozessen, die dem Vorgang zu Grunde liegen, kann man nicht ableiten, dass es sie überhaupt gibt. Ja, ein extraterrestrischer Beobachter, der nur die Prozesse auf der molekularen Ebene erfassen kann, müsste den Gedanken, dass es so etwas wie Empfindungen gibt, als unwissenschaftlich ablehnen. Allenfalls könnte er eine gewisse Zweckmäßigkeit erkennen; dass dieser aber ein Denkvorgang zu Grunde liegt, müsste er abstreiten. Das Dumme ist nur: Unser Bewusstsein, unsere Empfindungen und unser Denken existieren trotzdem; das kann niemand leugnen. Fazit: Unser subjektiv erlebtes Ich, unser Fühlen, Empfinden, Denken, Planen, Wollen, lässt sich naturwissenschaftlich beziehungsweise kausalanalytisch nicht beweisen, nur erfahren.
5. Was für die Wirklichkeitsebene unseres Bewusstseins gilt, sollte erst recht für den darüber liegenden Bereich der Wirklichkeit – sofern es ihn gibt – gelten. Man kann ihn nicht beweisen, nur erfahren. Wie kann man ihn erfahren? Nun, zum einen über die Vernunft. Wenn man die Naturprozesse, die im Einzelnen meist ungerichtet und zufallsbedingt abzulaufen scheinen, in ihrer Gesamtheit betrachtet, so kann man sehen, dass sie sich auf ein (uns unbekanntes) Ziel hin entwickeln, offenbar zielgerichtet ablaufen. Wie Max Planck feststellte, legt dies den Gedanken an eine übernatürliche ordnungsstiftende Kraft nahe. - Zu denken gibt ferner die Tatsache, dass in allen Kulturen der Glaube an übersinnliche Mächte sowie das Bestreben, mit ihnen Verbindung aufzunehmen, vorhanden sind. Diese Empfindung für das Wirken übersinnlicher Kräfte, die offenbar in allen Menschen angelegt und vielleicht in Vorstufen auch in einigen höheren Tierarten vorkommt, ist die Basis für das Entstehen aller Religionen. – Und schließlich sind da die Erfahrungen, die einzelne Menschen gemacht haben. Erfahrungen sehr unterschiedlicher Intensität, von der einfachen Empfindung, dass in besonderen Situationen, die man erlebt, göttliches Walten geherrscht hat, etwa bei der Errettung aus großer Gefahr, bis hin zu den Visionen, die Propheten und die großen Religionsgründer erlebt haben. Gewiss, man kann auch diese Visionen rein natürlich deuten, was aber keineswegs ausschließt, dass sie nicht letztlich Ausdruck eines göttlichen Willens sind. Die Nervenimpulse, die unsere Muskulatur zu bestimmtem Handeln veranlassen, haben alle eine physikalisch-chemische Basis; aber es steht unser bewusster Wille dahinter. Alle diese Erfahrungen stellen keinen Beweis im klassischen Sinn dar, aber sie sind eine ausreichende Basis dafür, dass unser Glaube an eine göttliche Macht ein hinreichend begründeter Glaube ist.
6. Es widerstrebt der menschlichen Natur, sich mit der Tatsache abzufinden, dass es Dinge gibt, die jenseits unseres Vorstellungsvermögens liegen. Will sich der menschliche Geist eingehender mit ihnen beschäftigen, so schafft er sich in seiner Vorstellung Bilder von ihnen, die leichter zu begreifen und zu durchdenken sind. Auch eine so exakte Wissenschaft wie die Theoretische Physik folgt dieser Vorgehensweise. Das Atommodell eines von einem oder mehreren Elektronen umkreisten Kernes von Niels Bohr ist ein solches Bild, das die uns unvorstellbare Realität uns begreifbar macht. So ist es nur natürlich, dass in allen Kulturen die göttliche Macht in einer Vielzahl von Bildern unterschiedlichster Art vorgestellt und zum Teil auch bildliche dargestellt wurde. In den drei großen monotheistischen Religionen ist dies das Bild eines persönlichen, nach Menschenart handelnden Gottes. In zwei dieser Religionen - der jüdischen und dem Islam – ist die bildliche Darstellung Gottes verboten. Eine weise Vorschrift, denn mit der bildlichen Darstellung wächst die Gefahr, dem Gottesbild allzu menschliche Züge zu verleihen und damit auch göttliches Handeln nach menschlichen Maßstäben zu beurteilen. Die im Grunde unlösbare Frage der Theodizee, der Rechtfertigung Gottes angesichts des vielen Leidens, Elends und Ungerechtigkeit auf der Erde entspringt einer solchen vermenschlichenden Vorstellung. Wenn der Prophet Jesaja (55, 8-9) sagt: „… meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege“ spricht der Herr „sondern so viel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Wege höher denn eure Wege und meine Gedanken denn eure Gedanken“, so ist damit ausgedrückt, dass sich göttliches Handeln jedem Versuch einer Rechtfertigung entzogen ist.
Eine der vornehmsten Aufgaben der Theologie sollte daher sein, die biblischen Texte daraufhin zu analysieren, was an ihnen zeit- und kulturbedingtes Bild, also Mythos beziehungsweise in christlicher Terminologie Gleichnis ist und dabei ihre überzeitliche Kernaussage herauszuarbeiten.
55. Entgegnung an Herrn Stoellger
11.01.2012, Bernhard BeckerWerter Herr Becker, ich schmeiße sofort die "atheistischen Argumente in die Mottenkiste", wenn in dieser doch wohl der Wissenschaft verpflichteten Zeitschrift jene Fragen beantwortet werden, die Fr. Dr. Tina Gottwald zu Recht gestellt hat. Ich warte schon seit Jahren darauf. Leider erhalte ich auch hier keine konkreten Antworten und/oder keine, die sich mit den Erkenntnissen der Wissenschaft decken, schlimmstenfalls gut geschwurbelte Hermeneutik oder auch das sei das "Geheimnis des Glaubens". Nun, ich bin immer noch gespannt und neugierig! Fröhliche Weihnachten!
Frau Gottwald hatte ein paar angeblich "unangenehme Fragen" gestellt, was "wissenschaftlich geprägte" Christen "konkret" glaubten und nannte Jungfrauengeburt, Auferstehung Jesu, Gebetserhörung und vieles mehr. Zugleich war sie jedoch sicher, dass "alle diese Beispiele sehr konkret allen uns bekannten Naturgesetzen" widersprechen.
Sie möchten eine wissenschaftliche Antwort - nun gut: jene Gesetze entdecken zu wollen, denen "die Natur gehorcht"; zu enthüllen, wie diese Welt von einem vernünftigen Schöpfer geschaffen wurde, sie also, wie Platon forderte, "an den Gelenken zu zergliedern" war einst das kühne Programm der Neuzeit: Mathematik, meinte Galilei, sei die Sprache, in der "Gott das Universum geschrieben" habe. Wer sich nach ihr richte, werde am Ende, so Descartes, für alles einen Begriff oder eine Formel gefunden haben. Da ich davon ausgehe, dass weder Sie noch ich das heute noch glauben, versuche ich es mit dieser gemeinsamen Basis: Wissenschaft sucht mögliche Erzeugungsregeln, indem sie formal die Existenz eines "lógos" unterstellt. Sie reduziert auf diese Weise Komplexität und konkurrierte so als "Rationalismus" erfolgreich mit dem älteren Mythos, der Komplexität reduziert, indem er eine sinnvolle Geschichte erzählt. Diese "Vergötterung" (so Heidegger) technisch-instrumenteller Vernunft wird vermutlich erst enden, "wenn der Mythos vom lógos von der Lüge befreit wird, er könne begriffliche Wahrheit werden" (Bernhard Becker, Warum ich an GOTT glaube, Leipzig 2011, S. 124).
Die erste Antwort - die Ihnen sicher nicht genügen wird - setzt darum eigentlich nur voraus, Textsorten unterscheiden zu können: dass also eine Geschichte, in der Steine, Götter oder Esel sprechen, weniger "allen uns bekannten Naturgesetzen" widerspricht, sondern wohl eher schlicht eine Fabel o.ä. ist - und dass dieser Befund auch (bzw. gerade) dann zutrifft, wenn Dogmatiker sie als "wörtlich wahr" ansehen: Denn die wollten - wie z.B. die peinliche Posse um die "Unfehlbarkeit" des Papstes zeigte - bloß mit dem neuen Aberglauben der Moderne an eine allmächtige "Vernunft" gleichziehen. Ähnlich wie bei Tolkien oder Harry Potter hatte ich jedenfalls bei Jona & dem Wal nie Probleme, hier einen nichtdeskriptiven Sinn zu verstehen. Und wie bei Odysseus oder König Ödipus "existiert" dieser Sinn völlig unabhängig von dem kontingentem Faktum, ob das Erzählte "tatsächlich passiert" ist oder nicht. Dazu müsste man sich aber trauen, Bibeltexte als Story (und nicht als wissenschaftlichen "Sachtext") zu lesen: Die Emmaus-Erzählung der Bibel etwa verschweigt sogar den theologisch wichtigsten Teil (wie die Schrift Jesus zufolge nämlich "richtig" zu deuten sei). Hier geht es auch nicht um den historischen Beweis, dass Christus nach seinem Tod noch herumlief und essen konnte, sondern vor allem um die Bestätigung seines Wortes, dass das, was Du "dem geringsten deiner Brüder" Gutes tust, wahrer "Gottesdienst" sei. Die Jünger haben einen Fremden nicht allein in die Nacht gehen lassen: "Das gemeinsame Gespräch sowie das Brechen des Brotes ist die Gemeinschaft mit Gott; sie erkennt sich aber erst, wenn und indem es geschieht. Ihr geht eine Einladung voraus, sie verschwindet (wie Jesus) im Vollzug und muß darum ständig erneuert werden." So lautet meine(!) Deutung, die ,- sofern daraus praktische Folgen erwachsen - zu meinem "Glauben" wird.
Warum es zu allen Zeiten derart merkwürdig-metaphysische Geschichten geben wird (man denke etwa an Kafka, wo "vor dem Gesetz" ein Türhüter steht), könnte uns vielleicht Umberto Eco erklären, der als Agnostiker davon ausgeht, dass es keinen Gott gibt und "der Mensch durch einen Irrtum des täppischen Zufalls auf der Erde erschienen sei, nicht nur seiner Sterblichkeit ausgeliefert, sondern auch dazu verurteilt, ein Bewusstsein zu haben, mithin als das unvollkommenste aller Wesen." Gerade ein ohne jeden Sinn in die Welt geworfener Mensch, so seine Erklärung als Erzähler und Wissenschaftler, würde jedoch, "um den Mut zu finden, auf den Tod zu warten, notgedrungen ein religiöses Wesen werden, er würde sich bemühen, Erzählungen zu ersinnen, die ihm eine Erklärung und ein Modell liefern könnten, ein exemplarisches Bild."
Wem dazu als Kritik nicht mehr einfällt als Platons Urteil, Dichter würden halt lügen, hat dann wohl einiges nicht mitgekriegt. Aber vielleicht haben ja auch Sie (wie übrigens alle katholischen Theologen) mit Aristoteles gelernt, über diese Welt müsse und könne es (als wäre sie so eine Art Kreuzworträtsel) nur eine einzig richtige Beschreibung in dieser Welt geben: eben darum seien Bilder und Metaphern prinzipiell etwas Geringeres als exakte Begriffe. Doch dann hat Sie vermutlich noch nie jemand mit der gegenwärtig aktuellen Philosophie des "Konstruktivismus" beunruhigt - im Unterschied jedenfalls zu Eco, den das als gelernten Semiotiker jedoch nicht weiter aufregt. Denn wäre er "ein Reisender aus einer fernen Galaxie" und stünde vor einer Spezies, die es tatsächlich geschafft habe, (neben anderen eher peinlichen Versuchen) das Modell des Christus zu entwerfen, "das Modell der universalen Liebe, der Vergebung für die Feinde und des zur Rettung der anderen geopferten Lebens" - dann würde er "ihre enorme theogone Energie bewundern" und diese jämmerliche und niederträchtige Spezies, die so viele Gräuel begangen hat, allein dadurch als erlöst betrachten, daß sie es geschafft hat, sich zu wünschen und zu glauben, dies alles sei Wahrheit". (Carlo Maria Martini/Umberto Eco, Woran glaubt, wer nicht glaubt?, Wien 1998, S. 124)
Wenn Eco somit sagen kann: "Die Tatsache, dass diese Erzählung von ungefiederten Zweibeinern, die nur wissen, dass sie nichts wissen, erdacht und gewollt werden konnte, wäre ebenso wunderbar (wunderbar geheimnisvoll), wie dass der Sohn eines wirklichen Gottes wahrhaftig Mensch geworden sein soll", dann haben wir es offenbar mit einer anderen Art "Wahrheit" zu tun als diejenige, nach der Frau Dr. Gottwald fragt.
Sollten das für Sie nur "geschwurbelte Hermeneutik" sein, mache ich das nächste Fass auf: Wieso sollte wahres Wissen überhaupt für Sie hilfreich sein? Oder um mit Goethes "Maximen und Reflexionen" noch deutlicher zu werden: "Wäre es Gott darum zu tun gewesen, dass die Menschen in der Wahrheit leben und handeln sollten, so hätte er seine Einrichtung anders machen müssen." Darum dieses etwas drastische Beispiel: Falls Sie einigermaßen glücklich verheiratet sind, halten Sie es für eine verlässliche Tatsache, dass Ihre Frau sie liebt. Ein wissenschaftlich wahrer Sachverhalt wäre das jedoch erst dann, wenn sie endlich aufhören zu glauben und Poppers Falsifikationsprinzip zufolge gewissenhaft alle Bedingungen prüfen, unter denen diese Aussage unwahr wäre. Andererseits möchte ich Ihnen so etwas auch nicht raten, weil Ihre Ehe dann ziemlich schnell zuende sein könnte - und zwar (unabhängig vom möglichen Ergebnis) gerade deshalb, weil sie es mit Mitteln der Wissenschaft versucht haben. Sollte es Sie darüber hinaus etwa reizen, ihre vorwissenschaftliche Ansicht zu hinterfragen, ihr geliebtes Weib sei ein "geiler Feger", so könnten Sie auch das nur in einer standardisierten Reihenuntersuchung feststellen, die andererseits freilich aus methodischen Gründen scheitern wird: Unter dem Postulat der Wertfreiheit gilt als "wissenschaftlich wahr" nämlich nur das, was ohne eigenes Zutun gleichsinnig erlebt wird. Mit dieser Methodik allein ließe sich also nicht einmal die Wirksamkeit von Viagra testen. Denn auch die stellt sich ja nur dann ein, wenn eigene sexuelle Erregung vorhanden ist. Wenn man also z.B. in Intimbeziehungen (aber nicht nur dort) "Hypothesen bildet, die nur durch Herstellung entsprechender Verhältnisse verifiziert werden können", so Luhmann, dann "hat Habermas in gewisser Weise recht. Man kann nämlich fragen, ob diese Differenzierung von Erleben und Handeln als Grundlage des Wahrheitscodes auch in den Sozialwissenschaften durchhaltbar ist." (Habermas/Luhmann, Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie, Frankfurt 1971, S. 398)
Denn die mit den Mitteln der Wissenschaft geprüfte Wahrheit wird, "auch wenn durch Handlung mitbedingt, dem Handeln nicht zugerechnet." Obwohl also "Kausalität besteht und bekannt ist", so Luhmann, ist darum nicht Konrad Röntgen "schuld", wenn Patienten radioaktiver Strahlung ausgesetzt sind. Doch wissenschaftliches Wissen "ist nicht deshalb wahr, weil es die Welt getreulich abbildet, sondern entsprechende Komplexität hat und deshalb übertragbar ist". Erst die Reduktion auf gleichsinniges Erleben unabhängig vom Tun und Lassen beliebiger "Subjekte" erzeuge somit, so Luhmann, "die Form einer vorhandenen Welt, in der man sich handelnd bewegt." Es sieht also nur so aus, als ob wir die Welt von einem Standpunkt außerhalb der Welt objektiv sehen könnten: Tatsächlich steckt hinter diesem Schein eine Menge wissenschaftlicher Arbeit. Weiß man das nicht (oder retuschiert es), wird das Ideal zur Illusion: Unbeobachtbarkeit als Folge realer Beobachtungen erscheint dann als lösbares Zeitproblem des "noch nicht" - und erzeugt so das Trugbild einer uns allen zugänglichen "einen" Welt, wie sie z.B. die Philosophie eines John Locke, aber auch Kant als vernünftig-transzendentale Sicht eines singulären(!) Beobachters entwirft. Sie entspricht dem, was Hegel "natürliches Bewusstsein" nannte. Doch auch, wo man sich später materialistisch bzw. atheistisch gibt, ist und bleibt es formal die Philosophie des Idealismus, die ja nur mit Gottes Hilfe erklären kann, warum ausgerechnet wir die Welt so sehen, wie sie "ist". Funktional trat dann an die Stelle Gottes die kollektive Fiktion, "der Mensch" verfüge (im Unterschied zu Fledermäusen) über Vernunft. Wo die nun aber herkommen
soll, will man auch bei SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT meistens nicht so genau wissen. Vielleicht hilft Ihnen dieser kleine Exkurs, ein wenig zu verstehen, dass religiöse Texte in Bibel oder Koran in erster Linie appellativer Natur sind: sie fordern Leser/Hörer auf, ihre Lebenseinstellung zu ändern, und auch Vertrauen gegenüber Unbekannten, so die Erkenntnis der Sozialwissenschaften, kann erst einmal nur ins Blaue hinein gewährt (kontrafaktisch antizipiert) werden, ohne dass es hier vernünftige Gründe geben muss. Ob Gott also "Gebete erhören" oder "Sünden verzeihen" kann, die Frau Dr. Gottwald wissen möchte, wird sie darum schon selbst herausfinden müssen - und ganz gewiss nicht dadurch, dass sie unbeteiligt beiseitesteht, um es "objektiv" zu überprüfen. Religion, um ihre Eingangsfrage ohne theologische Floskeln zu beantworten, funktioniert daher vermutlich ebenfalls mit Hilfe von Hypothesen, "die nur durch Herstellung entsprechender Verhältnisse verifiziert werden können". Diese "Inhalte" wirken hier aber lediglich als Katalysator: d.h. wie bei der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus bleibt es letztlich unerheblich, ob sie kontrafaktisch gewesen sind oder nicht. Dieser Algorithmus ist so komplex, dass man ihn statt einer wissenschaftlichen Beschreibung noch am ehesten als Erzählung versteht - wie etwa jene Kalendergeschichte von Johann Peter Hebel, in der ein Wanderer bei einem geizigen Mann über Nacht Herberge gefunden hat, aber keinerlei Aussicht auf ein Abendbrot. Also zieht er aus seiner Tasche einen Kieselstein und fragt, ob er sich daraus eine Suppe kochen könne - ein einfaches, schmackhaftes und übrigens sehr sparsames Gericht, da die Kraft des Steines sich niemals erschöpfe. Der Wirt erlaubt es und ,- neugierig geworden - steuert er nicht nur Topf, Herd und Wasser bei, sondern auch ein wenig Gemüse und am Ende sogar ein Stückchen Fleisch. Die Suppe mundet beiden ausgezeichnet und am Ende bleibt, wie versprochen, der zauberhafte und immer wieder verwendbare Kiesel übrig.
Aus dieser Sicht sind "Inhalte" des religiösen Glaubens notwendige Ausgangsfiktionen, deren Faktizität unerheblich bleibt: ein "Malteserfalke" oder "McGuffin" wie bei Hitchcock, hinter dem alle her sind - eine Art "zwölftes Kamel" also, ohne das jedoch nichts beginnen könnte. Das, so lautet das Gesetz der Latenz, klappt aber nur, indem (und so lange) ich es nicht weiß - und die Hoffnung, Aufklärung könne hier etwas verbessern, kann nur jemand hegen, der die Logik dieses paradoxen Ablaufs nicht begriffen hat. Gälte dieser Befund jedoch allein für Religion, bliebe Misstrauen angesagt. Doch Viktor Frankl beschrieb ganz ähnliche Strategien, mit denen er vier KZs überlebte, und bereits die praktische Philosophie Kants gelang mit ihrer Quintessenz des "als ob" Vergleichbares. Die Methode des Descartes, alles in dieser Welt ließe sich klar und deutlich als vernünftiges Gesetz formulieren, ist jedenfalls gescheitert: Der Zweck unseres Verstandes, so Kant, sei ein "focus imaginarius", dessen Ziele unerreichbar blieben. Daher sah seine "Kritik der reinen Vernunft" ihre Aufgabe "wohl nur negativ": Vernunft sei eine "Disziplin zur Grenzbestimmung und Verhütung von Irrtümern", aber kein "Organon" zur Erweiterung unseres Wissens. Egon Friedell fasste das einmal so zusammen: "Unsere Vernunft ist nicht imstande, zu beweisen, dass der Mensch frei ist, dass er eine immaterielle und unsterbliche Seele besitzt, dass ein Wesen von höchster Weisheit und Güte die Welt regiert, aber sie darf und soll, ja muss vermöge ihrer metaphysischen Anlage die Welt und den Menschen so ansehen, als ob es sich so verhielte."
Ähnlich wie in Ecos "Der Name der Rose" sind es jedoch gerade dogmatische Fundamentalisten (auf allen Seiten: bei Gläubigen ebenso wie Aufklärern), denen wie Jorge dieses "Geheimnis des Glaubens" offenbar entgeht: "Du willst mir voller Stolz erklären, wie du auf mich gekommen bist, indem du dich an deine Ratio gehalten hast, und dabei sagst du mir, dass du ans Ziel gelangt bist, indem du eine falsche Fährte verfolgt hast. Was willst du mir damit klarmachen?" "Nichts. Jedenfalls dir nichts", lautet die Antwort des Detektivs: "Aber das spielt keine Rolle, denn eins steht fest: Ich bin hier."
Und so glaube auch ich als Christ "an die Auferstehung der Toten" - ohne mich dabei als Hinterwäldler oder Heuchler zu fühlen, auch wenn ich es nicht wie Augustinus für eine (natur)wissenschaftliche Tatsache halte. Damit erspare ich der Nachwelt nicht nur ein paar alberne Spekulationen, in welchem Alter mein Leib am besten in die Ewigkeit eingehe. Es bewahrt mich zudem vor dem Fehlschluss Pascals, klüger sein zu können als jener - oder meine vorläufigen Erklärungen ex cathedra bzw. als "wissenschaftliche Tatsache" zu verkünden. Das überlasse ich dann doch lieber atheistischen Päpsten wie Michel Onfray oder Richard Dawkins: So viel Vernunft muss schon sein. Religion, so Luhmann, transformiert unbestimmbare in bestimmbare Komplexität. Aus Sicht der Aufklärer liest sie daher im Kaffeesatz (was sich wissenschaftlich nur unwesentlich verbessern ließe), kommt aber gerade in den Fällen zu brauchbaren Entscheidungen, bei denen Wissenschaftler ehrlicherweise ignoramus bzw. syntax error sagen müssten. Ihr generell ein falsches Verhältnis zur Realität zu unterstellen, ist schon deswegen Unfug, weil ihre Funktion gerade die Evolution verschiedener kommunikativer Möglichkeiten des Umgangs mit dem "Unbeobachtbaren" sei. Wer meint, dies werde irgendwann überflüssig, weil hinter allem in der Welt ein verstehbares rationales Kalkül stecken müsse, glaubt an den Gott des Rationalismus, den toten Herrn im Lehnstuhl des Deismus. Als Katholik aber (wie ihnen Horkheimer/Adornos "Dialektik der Aufklärung" gern bestätigen wird) bin ich für solchen Unsinn leider viel zu "heidnisch".
56. Grundsätzliche Unvereinbarkeit nicht ausdiskutiert
11.01.2012, Werner Kohl, Freiburg i. Br.57. Glauben Theologen immer und ein Naturwissenschaftler nie?
12.01.2012, Dr. Peter Klamser, EgelnNur wo liegt eigentlich das Problem zum Thema Vernunft und Glaube, bzw. Theologie und Naturwissenschaft? Glauben Theologen immer und ein Naturwissenschaftler nie? So einfach machen es sich die Beiträge zwar nicht, trotzdem geht es kreuz und quer durch den Garten.
Zum Glauben in der Naturwissenschaft
Glauben in der Naturwissenschaft ist eine weit verbreitete und notwendige „Methode“, was auch in den übrigen Beiträgen deutlich wird, dazu muss man nur durch das Heft blättern: Der Welle-Teilchen-Dualismus (Beitrag „Hamlet in der Quantenwelt“) zeigt uns, dass wir permanent auf Widersprüchliches stoßen und wir nur durch den Glauben, dass wir uns in einem Fall auf die Teilcheneigenschaft und in dem anderen Fall auf die Welleneigenschaft verlassen dürfen, zu wissenschaftlich verwertbaren Ergebnissen kommen.
+ Kann sich ein Teilchen „zugleich nach rechts und links bewegen“ (Zitat aus der Seite 40, Ende des ersten Absatzes auf der zweiten Spalte)?
+ Kann ein Teilchen zugleich an zwei Orten sein (Bilokation – siehe gleiche Quelle kurz davor)?
Wissen wird das oder glauben wir das? Wir glauben das, da wir über genügend Experimente genügend Anhaltspunkte sammeln, dass es vernünftig ist, diesem Glauben anzuhängen. Wir glauben, dass wir auf dieses Wissen aus Experimenten vertrauen dürfen.
In dem Beitrag über David Hilbert wird natürlich auf Kurt Gödel und die Unvollständigkeitssätze verwiesen: Der erste Unvollständigkeitssatz besagt (siehe Wikipedia-Beitrag zu Kurt Gödel, Kapitel „Die Unvollständigkeitssätze“), dass „in einem widerspruchsfreien Axiomensystem, das genügend reichhaltig ist, um die Arithmetik (natürliche Zahlen) in der üblichen Weise aufzubauen, und das überdies hinreichend einfach ist, es immer Aussagen gibt, die aus diesem weder bewiesen noch widerlegt werden können“.
Wenn etwas bedeutsames - sonst würden wir uns damit nicht befassen - weder bewiesen noch widerlegt werden kann, dann müssen wir es wohl glauben (oder nicht glauben), wenn wir die Anwendung rechtfertigen wollen. Das ist weniger theoretisch, als es hier erscheint, wenn man z.B. die Beiträge beachtet, die zu den Navier-Stokes-Gleichungen im SDW unter der Reihe „Die größten Rätsel der Mathematik“ im Heft 6/2009 veröffentlicht wurden. Weite Bereiche unseres Lebens hängen von der sicheren Nährlösung dieses nur am Rande verstandenen Problems ab (Zitat aus dem Heft: „Echtes Wasser explodiert nicht plötzlich - aber noch kann man nicht beweisen, dass die Gleichungen, welche die Bewegung des Wassers beschreiben, genau das ausschließen.“). Wir glauben also, dass wir es insofern ausreichend verstanden wird und haben deswegen z.B. genügend Vertrauen in den sicheren Betrieb eines Flugzeugs oder eine sonstigen Strömungsmaschine. Wir glauben auch permanent, dass, was wir sehen und hören, der wahren Welt entspricht. Wie würden wir die Welt wahrnehmen, wenn wir weit ins Ultraviolett und Infrarot sehen könnten und gleichzeitig wie eine Fledermaus mit Ultraschall unsere Welt untersuchen könnten? Insofern hängt doch unsere Vorstellung von der Welt von „zufälligen“ Eigenschaft ab, welche Informationen wir aus der Umwelt wahrnehmen können und welche nicht. Wir glauben also mehr in dieser Welt zu sein, als dass wir es wissen.
Also so zu tun, als wenn Glauben der Wissenschaft fremd wäre, ist doch naiv. Wissenschaft, auch die Naturwissenschaft, ist also auch nie so exakt, wie gerne immer behauptet wird, sonst gäbe es keine Unvollständigkeitssätze, Plancklänge, heisenbergsche Unschärfe, Schwarzschildhorizont usw. Und es gäbe keine Überraschungen mehr, wie z. B. die Frage ob Neutrinos überlichtschnell sich bewegen können?
Zum Glauben bzw. Wissen und der Vernunft in der Theologie / Religion
Glauben können wir sicher heute nur, dass Maria ohne einen Zeugungsakt durch Josef Jesus zur Welt bringen konnte, denn durch autogenes Klonen hätte Maria nur eine Frau zur Welt bringen können. Wo sollte Maria das Y-Chromosom ohne die Hilfe eines Mannes hernehmen? Das kann man also nur glauben. Kein Theologe oder auch kein Priester behauptet, dass er das weiß.
Die sonstigen Fragen, die am Anfang des Beitrages „Vernunft und Glaube“ gestellt wurden, lassen sich z. B. wie folgt beantworten:
- Es geht nicht um die Frage, ob der Mensch ein paar Tage oder 13,7 Mrd. Jahre nach dem Anfang der Welt entstanden ist oder ob Gott die Welt in 7 Tagen schuf, denn beides schließt sich nicht gegenseitig aus: Wenn Gott sich während des Schöpfungsprozesses entsprechend der Gleichung über die Zeitdehnung der speziellen Relativitätstheorie fast mit Lichtgeschwindigkeit bewegte, dann können für ihn tatsächlich relativ 7 Tage vergangen sein und für die Welt 13,7 Mrd. Jahre. Wenn Gott kein materielles Wesen, sondern ein „Geist“ ist, der als Welle sich durch den Raum und Zeit bewegt, dann würde für den Fall, dass er dieses mit Lichtgeschwindigkeit tut, die Zeit sogar gar nicht existieren. Also schafft er das in 7 Tagen locker.
- Ein Toter kann von uns heute nach einer Zehntelsekunde nach dem Überschreiten der Todesschwelle nicht wieder zum Leben erweckt werden, aber Bärtierchen haben so erstaunliche Eigenschaften, dass man vermuten kann, dass ihnen nicht unmöglich ist (Winzlinge überleben Ausflug ins All: http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,577056,00.html oder Wikipedia dazu: „Die extremste Form der Anpassung ist jedoch die so genannte Kryptobiose, bei der die Tiere in einen todesnahen Zustand übergehen, in dem sich keinerlei Stoffwechselaktivität mehr registrieren lässt.“). Das ist der heutige Stand der Wissenschaft. Ob es uns gelingt in Zukunft dieses auch für höhere Lebensformen zu erreichen, wird die Zukunft zeigen. Es erscheint zwar aus heutiger Sicht als unmöglich, aber was war vor 100 Jahren scheinbar unmöglich oder gar undenkbar und ist heute in jedem Laden zu kaufen?
- Dreht sich die Erde um die Sonne …? Weder dreht sich die Sonne um die Erde noch die Erde um die Sonne, sondern wenn, dann beide um ihren gemeinsamen dynamischen Schwerpunkt. Welcher These sollte also Galilei eigentlich abschwören, wenn es noch nicht einmal hier, geschweige den im gesamten Universum ein räumliches Inertialsystem gibt, denn das Inertialsystem ist die Lichtgeschwindigkeit?
- Sind wir Menschen ein „kosmisches Randphänomen“, wenn wir mit unserem Planten ein blaues Juwel vorfinden, den wir aber nicht genug pflegen? Dieser blaue Planet ist zumindest in dem uns bekannten Universum bis heute der Mittelpunkt des Lebens und selbst wenn wir in Zukunft weitere Welten mit Leben entdecken, dann sind diese alle der Mittelpunkt des Teils der Galaxis, der sie beherbergt.
- Gibt es nicht genügend Beispiele für Erlösung von was auch immer? Hat Jesus uns nicht von der vom Menschen geschaffenen missbräuchlichen Nutzung Hierarchie erlöst, indem er dem niedrigsten die Füße wusch? Die legitime Nutzung der Hierarchie zum gegenseitigen Vorteil ist eine andere Frage, darauf beruht jede soziale Struktur.
- Zur angeblichen Frage des Glaubenmüssens, was der Papst sagt, ist festzustellen, dass der CJC festlegt (c. 219): „Alle Gläubigen haben das Recht, ihren Lebensstand frei von jeglichem Zwang zu wählen.“
Glauben müssen enthält einen Zwang, der dem katholischen Recht fremd ist. Prof. Dr. Ulrich Rhode SJ schreibt in seiner Vorlesung „Buch II des CIC: Das Volk Gottes“ (Stand Juli 2009, siehe http://www.ulrichrhode.de/lehrv/buch-ii/b-skriptum.pdf) hierzu: „Im Gegensatz zu einer „Ständegesellschaft“, wo man ohne eigenes Zutun einem bestimmten gesellschaftlichen Stand zugerechnet werden konnte, geht es bei den „kanonischen Lebensständen“ um eine bewusste und freiwillige Entscheidung, sein Leben als Christ in einer bestimmten, vom Recht vorgesehenen Weise zu führen.“
Ich darf oder kann glauben, was der Papst sagt, muss es also nicht; insofern enthält der c. 212 keinen Zwang: „Was die geistlichen Hirten in Stellvertretung Christi als Lehrer des Glaubens erklären oder als Leiter der Kirche bestimmen, haben die Gläubigen im Bewusstsein ihrer eigenen Verantwortung in christlichem Gehorsam zu befolgen.“
Glauben zu dürfen ist ein Gnade, ob mir diese Gnade zu allen Äußerungen des Papstes zuteil wird, ist eine andere Frage. Eine freiwillige Entscheidung werde ich also nur treffen, wenn sie mir vernünftig erscheint. Von Glauben müssen, was auch immer eine Kleriker sagt, kann also heute, zumindest bei den Katholiken, nicht die Rede sein.
- Das Leid der Welt ist nicht von Gott geschaffen, sondern von uns. Wir haben es in der Hand, das zu ändern, dafür hat Gott uns Vernunft und den freien Willen gegeben. Gott bewirft uns auch nicht mit kosmischen und sonstigen Katastrophen, das macht die Natur oder wir Menschen selbst, indem wir nicht die notwendige Sorgfalt walten lassen.
- In dem Beitrag wird darauf hingewiesen, dass die Trinität keinen formalen Widerspruch beinhaltet, also kann ich erst recht damit leben und daran glauben.
Insofern kann ich nicht erkennen, dass die rhetorischen Fragen auf der Seite 57 mit der nötigen Schärfe gestellt wurden bzw. im Beitrag beantwortet entsprechend wurden.
Ich glaube, dass in dem hier deutlich wird, dass Glaube, und Vernunft im Hinblick auf Theologie, Naturwissenschaft und Religion keine Widersprüche sind, sondern eines ohne das andere nicht auskommt.
Zur Frage der Existenz Gottes
Jeden Tag sind wir Menschen ohne Unterlass tätig und erzeugen dabei Sinnvolles, richten aber zum Teil auch ein Chaos an, das wir danach wieder aufräumen müssen. Ganz anders die Schöpfung, die mit minimalem Einsatz und extrem einfachen Mitteln zu einem sich selbst erhaltenden System kommt, dass sogar „extrem schöne“ Ergebnisse zeigt. Aus einem Zoo von subatomaren Elementarteilchen kondensieren Protonen, Elektronen, Neutrinos, Photonen. Aus zweimal einem Proton (eben zweimal Wasserstoff) und acht Protonen, die zusammen mit acht Neutronen und den entsprechenden Elektronen ein Sauerstoffatom bilden, entsteht Wasser, welches wiederum so komplex ist, dass es beim Gefrieren Steine sprengt und die Welt so verändert hat, dass sie in ihrer ganzen Schönheit uns heute als Heimat dient oder wir hier zu Gast sein dürfen.
Karl Barth hat dagegen 10 000 Seiten zum Thema Dogmatik geschrieben und dabei ist dieses Thema immer noch nicht vollständig abgehandelt. Das Geniale und Göttliche an der Schöpfung ist, dass sie gänzlich ohne korrigierende Eingriffe funktioniert und damit Gott nicht laufend persönlich in Erscheinung treten muss. Gibt es ihn deswegen tatsächlich nicht: Gerade indem man sagen kann, dass er nicht notwendig ist, um die heutige Welt zu erklären, ist er trotzdem in meinem Glauben existent, da nur er in der Lage ist die geniale Schöpfung zu vollbringen.
Ich glaube an die Vernunft, die Wissenschaft, an Gott und dass ohne Glaube, wie im obigen Text gezeigt, nichts funktioniert; keine Wissenschaft kommt ohne den Glauben aus und kein Mensch, an was er auch glauben mag, da er über den Gegenstand des Glaubens bis heute die letzte Gewissheit nicht erlangen konnte. Dann würde der Glauben durch Wissen ersetzt.
Das wird in den ganzen Texten nicht deutlich und musste hiermit mal gesagt werden.
58. Mehr Gemeinsames als Trennendes
12.01.2012, Dr. jur. Karl Ulrich Voss, BurscheidDas Erschreckendste aber ist für mich: Trotz ausgefeilter und sogar wegweisender Hermeneutik, trotz atemberaubender Erkenntnissprünge im Größten und im Kleinsten sind die Fortschritte und Beiträge beider Systeme beim verlässlichen Schutz von Grund- und Menschenrechten in den letzten 20 Jahren eine zu vernachlässigende Größe geblieben - eigentlich auch schon die diesem Ziel gewidmeten Ressourcen.
59. Wer kennt die Wirklichkeit?
13.01.2012, Peter AlbrechtWarum sollen wir glauben?
Man kann es drehen und wenden, wie man will. Unser Verstand kann sich ausschließlich mit den Erscheinungen beschäftigen, die in unser Bewusstsein treten. Trotz intensiver Bemühungen vieler großer Denker im Lauf der Geschichte der Menschen ist es nicht gelungen zu beweisen, ob diese Erscheinungen eine Entsprechung in einer wie immer gearteten Realität haben. Es lässt sich prinzipiell nicht entscheiden, ob eine Wirklichkeit außerhalb unseres Bewusstseins existiert.
Deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als daran zu glauben, dass die Erscheinungen in unserem Bewusstsein, die wir mit Vernunft für das tägliche Leben auswerten und mit wissenschaftlicher Akribie untersuchen, eine reale Entsprechung haben. Dieser Sachverhalt betrifft das tägliche Leben und natürlich alle Disziplinen der Wissenschaft.
Damit löst sich der vermeintliche Gegensatz zwischen Vernunft und Glauben auf. Da wir alle in letzter Konsequenz auf den Glauben an eine Realität angewiesen sind, steht auch die Theologie gleichberechtigt neben den anderen Disziplinen der Wissenschaft. Der Theologe glaubt nur etwas anderes als zum Beispiel der Naturwissenschaftler. Der einzige Unterschied zwischen den Disziplinen der Wissenschaft besteht darin, dass jeder Fachbereich sich schwerpunktmäßig mit einer anderen Klasse von Erscheinungen im Bewusstsein befasst.
Es gibt aber noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen der Theologie und anderen Bereichen der Wissenschaft. Jede Erkenntnis der Forschung wurde und wird untersucht, ob sie sich als Mittel zur Macht (als Waffe) einsetzen lässt. Bei der Theologie und den Naturwissenschaften ist dieser Sachverhalt offensichtlich. Man denke nur an die Religionskriege, deren blutige Spur die Geschichte der Menschen bis heute durchzieht. Auch sei an solche schrecklichen Dinge wie Massenvernichtungswaffen erinnert. Auf andere Bereiche der Wissenschaft trifft dies auch zu. Um einige Beispiele zu nennen: Geschichtsklitterung, Psychologie: Gehirnwäsche, Medizin: Folter, usw. An Fantasie lässt es der Mensch nicht fehlen.
Im Lichte des oben genannten Sachverhalts muss der Ruf nach Toleranz laut werden. Der Naturwissenschaftler darf daran glauben, dass seine mathematischen Modelle der Wirklichkeit nahekommen. Der Theologe darf an seinen Gott glauben. Aber immer dann, wenn eine Denkschule behauptet im Besitz der Wahrheit zu sein, Dogmen ins Spiel bringt und einen Alleinvertretungsanspruch formuliert, wird es problematisch. Das meiste Übel auf der Welt resultiert aus diesen Bestrebungen.
Gibt es einen Gott?
Rein rechnerisch beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass es einen Gott im Sinn von „Ursache für die Entstehung des Universums“ gibt, 50 Prozent. Dieser Gott existiert oder existiert nicht. Wenn es Gott aber gibt, dann ist mit der Erschaffung des Universums ein Zweck verbunden und die Entwicklung des Kosmos steuert auf ein Ziel zu. Nun ist es so, dass eine Entität, die in der Lage ist ein Universum mit allem was darin ist zu schaffen, für uns diesseitige Wesen allmächtig sein muss. Aus dieser Vorstellung der Allmächtigkeit folgt, dass es uns prinzipiell unmöglich ist, den Zweck und das Ziel zu erkennen.
Sollte es Gott nicht geben, so wäre alles, was auf der Welt und im Universum geschieht, völlig sinn- und zwecklos. Die schlimmsten Verbrechen wären ohne Bedeutung. Unser ganzes Leben wäre ohne Sinn. Die schlimmsten Verbrechen der Menschheit erhielten eine Rechtfertigung, da ja sowieso alles egal ist. Eine solche trostlose Vorstellung kann nur Schaudern hervorrufen. Deshalb verschiebt sich für mich die Wahrscheinlichkeit sehr stark im oben beschriebenen Sinn in die Richtung: „Gott existiert“.
Sollen wir an den Gott der Christen glauben?
Die christliche Religion ist eine unter mehreren Weltreligionen. Da wir es alle nicht besser wissen können, müssen wir auch hier Toleranz gegenüber anderen Religionen fordern. Die christliche Religion enthält zumindest eine logisch nachvollziehbare Komponente, aber auch einen fundamentalen Widerspruch. Die Logik drückt sich in der Vorstellung von der Vergebung der Sünden aus. Es ist ein nicht nachvollziehbarer Gedanke, dass ein Schöpfer seine Geschöpfe dafür bestraft, dass er sie geschaffen hat, wie sie sind.
Der fundamentale Widerspruch ist im christlichen Glaubensbekenntnis enthalten. Dort heißt es: "Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erden …" Wie kann ein Mensch behaupten, er kenne das Wort und die Intentionen eines allmächtigen Gottes? Alle heiligen Texte der Menschheit können doch nur entstanden sein, um das prinzipiell Unbegreifliche irgendwie fassbar zu machen.
Wenn wir davon ausgehen, dass sich im Rahmen der Evolution nichts von Dauer entwickelt, was nicht einen Überlebensvorteil bietet, müssen wir den Religionen einen tieferen Sinn zubilligen. Der Glaube gibt den Menschen Trost und Sicherheit in einer manchmal sehr feindlichen Welt. Auch haben die geistigen Inhalte des Christentums unsere westliche Gesellschaft über viele Jahrhunderte hinweg geprägt. Das ist Grund genug, sich diesem Thema mit wissenschaftlichen Methoden zuzuwenden.
Die Wirklichkeit werden wir Erdenbürger im Diesseits nie erfahren. Wenn wir uns dereinst anschicken diese Welt zu verlassen, könnten sich Antworten ergeben. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist mit dem Tod alles vorbei. In dieser Nichtexistenz sind alle Mühen und Plagen zu Ende. Oder wir treten in eine andere Form der Existenz ein. Wenn das so wäre, könnte es sehr spannend werden. Keine schlechten Aussichten, oder?
60. Wissenschaft und Theologie befruchtet gegenseitig
16.01.2012, Agnes Allenspach, Brunnen (Schweiz)Sie haben einen sehr wertvollen Artikel ins Spektrum geliefert: Glaube und Vernunft.
Immer wieder kamen im Spektrum Artikel, in denen sich Naturwissenschaft und Glaube berührten. Jedes Mal waren Stellen drin, die schmerzten.
Sie haben kompetent und vernünftig Wertvolles dargestellt. Man muss Fehler und Probleme nicht verschweigen, aber auch nicht alles an diesen aufhängen. Die Leute der Kirche und die Wissenschaftler wären keine Menschen, wenn sie nicht Fehler hätten und machen würden.
Das Nebeneinander und auch das Miteinander von Wissenschaft und Theologie befruchtet gegenseitig. Beide müssen suchen und beide suchen nach der letzten Wahrheit. Wir werden weder in der Naturwissenschaft noch in der Theologie die letzte Antwort finden. Dies ist gut und hält uns Menschen wach.
Auch ist die Wahrheit nicht abhängig von den Fehlern und Verirrungen der Sucher.
Heute, wo die Naturwissenschaft so rasant und exakt in die kleinsten Welten und in die Weite des Universums vordringt, wird auch das Staunen über den, der dahintersteckt, immer grösser. Vielen Dank.
61. Segen für die Menschheit
16.01.2012, Heinz J. Bredl, Schwäbisch GmündFür die Einordnung in die Kategorien „rationales Denken“ und „Wissenschaftlichkeit“ gelten Kriterien. Für beide Kategorien, als auch für Argumente simpler Alltäglichkeit, sind es dieselben. Sie wurden von vielen über einen langandauernden Prozess herausgearbeitet und erlangten Anerkennung. Sie sind anerkannt, nicht weil sie jeder Art der Hinterfragung standhalten, sondern weil sie praktisch sind. Praktisch sind sie, weil sie ermöglichen, Gehirngespinste, Märchen und Lügen von Aussagen zu unterscheiden, die das nicht sind. Bessere Kriterien werden jederzeit willkommen geheißen. Es gibt jedoch zurzeit keine; auch nicht in den erlauchtesten Kreisen der Natur- und Geisteswissenschaften, und schon gar nicht in der Theologie und Philosophie. Auch die Theologie muss sich ihnen stellen, wenn sie ernst genommen werden will; stellt sie sich jedoch diesen, kann sie nicht ernst genommen werden.
Erstes Kriterium: Eine Aussage, bzw. eine Hypothese muss „verifizierbar“ sein. Das heißt lediglich: Sie muss in einen Kontext plausibler Belege und Begründungen hineingestellt werden und diese müssen nachprüfbar sein.
Zweites Kriterium: Eine Hypothese muss „falsifizierbar“ sein. Das heißt: Sie muss widerlegbar sein. Nicht falsifizierbar ist z.B. eine Hypothese dann, wenn sie logisch so aufgebaut ist, dass sie selbstbestätigend ist,
oder sich selbst widerspricht oder wenn sie den Anspruch erhebt, nicht widerlegt werden zu können.
Drittes Kriterium: Wenn eine Aussage/Hypothese nur aus Begründungen besteht, die nicht verifizierbar/nachprüfbar sind, so darf diese nicht Bauelement weiterer Rückschlüsse, Hypothesen, Theorien- und Organisationsbildungen sein; auch solche Begründungen müssen jedoch falsifizierbar sein.
Viertes Kriterium: Da alle Hypothesen, welche die Vergangenheit betreffen, in der Gegenwart aufgestellt
werden -- da alle Hypothesen, welche die Zukunft betreffen, in der Gegenwart aufgestellt werden -- und da alle Hypothesen, welche die Gegenwart betreffen, in der Gegenwart aufgestellt werden, müssen Hypothesen aller Fälle mit Argumenten und Belegen der Gegenwart verifizierbar und falsifizierbar sein (es ist in allen Fällen gar nicht anders möglich).
Ob die Theologie mit ihrem Anspruch rationalen Denkens und Wissenschaftlichkeit diesen Kriterien standhält, ist leicht überprüfbar. Warum? Weil der Theologie das einfachste, weil überschaubarste Konzept aller natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen zu Grunde liegt: Sie hat eine einzige Basisaussage, nämlich: „es gibt einen Gott“, und von dieser einen hängen alle anderen (theologischen) Aussagen und Thesen existentiell ab. Eine Aussage „es gibt keinen Gott“ (egal, was immer darunter verstanden wird) oder die Hypothese „es könnte vielleicht einen Gott geben“ würde die Theologie zwangsweise auflösen.
Da die Theologie die in der (Natur-)Wissenschaft und auch im alltäglichen Leben geltenden Spielregeln und Grundsätze gemäß der genannten Kriterien missachtet, kann man ihr weder rationales Denken noch Wissenschaftlichkeit noch Vernunft zubilligen. Die Theologie – und mit ihr verwandte Geisteshaltungen – hält sich nicht wegen einer zu Grunde liegenden Rationalität oder aus Vernunftgründen am Leben. Sie überdauert, und damit der Glaube an einen Gott und an ein Jenseits, weil die Menschen die Unvernunft aus allerlei Gründen der Schwäche lieben und akzeptieren und weil diese Unvernunft mit Heilsversprechungen so effektiv als Religion und Kirche organisiert ist.
In der angespannten Rechtfertigungsdialektik und Wortakrobatik heutiger Theologie weisen Anzeichen darauf hin, dass man, nachdem man bereits gezwungen war, Himmel, Hölle und Teufel abzuschaffen, es für möglich hält, auch den „Gott“ abschaffen zu müssen. Es wäre ein Segen für die Menschheit und würde der intellektuellen Selbstkastration endlich ein Ende bereiten, welche sich die Theologen, die „Gläubigen“, die Religionsanhänger unterziehen.
62. Scholastische Metaphysik immer noch aktuell
17.01.2012, Patrick SeleWas die mittelalterliche Synthese aus Theologie und Philosophie anbetrifft, so ist Prof. Tapps Einschätzung möglicherweise zu pessimistisch. Wie der amerikanische Philosoph Edward Feser in seinem Buch „Aquinas: A Beginner’s Guide“ (Oxford: Oneworld Publications, 2009) aufzeigt, ist die auf der Metaphysik des Aristoteles aufbauende scholastische Metaphysik nie widerlegt worden.
63. Luther und die Vernunft
18.01.2012, Prof. Dr. Jürgen Hübner, Mauer bei Heidelberg64. Glaube vs. Vernunft
19.01.2012, Jakob ThomsenWenn das Thema "Glaube" schon drankommt, dann wäre es interessant, es wirklich wissenschaftlich zu untersuchen. Also zum Beispiel Neurologen und Psychologen zu Wort kommen zu lassen: Was passiert im Gehirn, wenn jemand an etwas glaubt? Gibt es so was wie ein "Glaubenszentrum" im Gehirn? Welche psychologischen Mechanismen wirken? So fällt zum Beispiel auf, dass das Positive in der Welt einer höheren Macht zugeschrieben wird, das Negative dagegen den Menschen. Wie kommt es zu dieser Spaltung?
Interessant wäre auch die evolutionäre Sicht: Ist "Glaube" ein evolutionärer Vorteil oder das psychische Äquivalent zum Schnupfen, also eine lästige aber meist harmlose Fehlfunktion des Gehirns, deren Ursache darin liegt, wie unser Gehirn die Welt abbildet? "Simuliert" unser Gehirn etwa alle Objekte mit demselbem Mechanismus, als "Aktoren" mit bestimmten Zielen und Absichten, egal ob es sich um Menschen, Tiere, Steine oder Götter handelt?
Interessant fand ich im Artikel den Ansatz zu versuchen, das Glaubenssystem widerspruchsfrei zu machen. Etwas, was nicht mit experimentellen Mitteln fassbar ist, mit mathematischen Mitteln zu untersuchen, erscheint sinnvoll. Die Mathematik, als Wissenschaft aller Muster und Strukturen, bietet vielleicht auch hier passende Werkzeuge an. Was mir hier fehlt, ist ein konsequentes Vorgehen. Bevor die "Arena" zur Diskussion "Glaube versus Vernunft" eröffnet wird, ist es notwendig, erst einmal die grundlegenden "Spielregeln" aufzustellen.
(1) Analog zum antropischen Prinzip ließe sich festlegen, dass ein Glaubenssystem sich an die Logik bzw. Mathematik halten muss. Nicht, weil die Logik über "Glaube" steht, sondern weil wir sonst von Anfang an aufgeben müssten überhaupt darüber zu reden. Insbesondere gilt das mathematische Werkzeug "Beweis durch Widerspruch".
Das reicht leider erfahrungsgemäß nicht aus, da in glaubensbezogenen Diskussionen oft "Logikfouls" auftreten. Vielleicht wäre ein logisch/rhetorisch gewandter Linguist hier gefragt, der übliche Fehler und Tricks aufzeigt und analysiert. Beispiel: Beliebt ist etwa, die implizierten Voraussetzungen zu wechseln, z. B. einen Gott mal als "allmächtig" darzustellen (erschafft die Welt, die Naturgesetze, das Jenseits etc.), anderseits als hilflos den Umständen ausgeliefert (muss hilflos mitansehen, wie die Menschen Übles tun). Begründet wird dies oft mit folgender Verneblungstaktik: Man könne nicht wissen, ob Allmächtigkeit oder Hilflosigkeit zutreffen.
Daraus folgt die nächste Regel:
(2) Die unterschiedliche Szenarien dürfen nicht vermischt werden. Entweder wir befinden uns im Szenario A, "dauerhaft allmächtiger Gott" oder im Szenario B "dauerhaft hilfloser Gott". Besteht jemand darauf, A und B zu kombinieren, eröffnen wir das Szenario C "variabel-mächtiger Gott" usw. Es können beliebig viele Szenarien sein, wichtig ist nur dass klar ist, über welches wir gerade sprechen. In diesem Beispiel gehört etwa die Formulierung "Gott lässt Leid zu" ins Szenario B oder C, die Formulierung "Gott verursacht Leid" hingegen in A oder C.
Ein weiteres verbreitetes "Foul" besteht darin, dass Widersprüche mit der Frame "warum?" oder dem Verweis auf ein "tiefes Geheimnis" verschleiert werden. Hier die Funktionsweise an einem trivialen (mathematischen) Beispiel:
Behauptung: Es gibt nur endlich viele natürliche Zahlen.
Überlegung: Wenn n die größte Zahl wäre, ließe sich n + 1 bilden.
Dieser Widerspruch zur Behauptung lässt sich nicht "reparieren". Weder durch die Frage "warum gibt es n + 1?" noch durch die Aussage "n + 1 ist ein tiefes Geheimnis". Die Behauptung ist ganz einfach und für immer widerlegt.
Das führt zu folgender Regel:
(3) Tritt in einem Szenario ein Widerspruch auf, so ist dieses Szenario damit ein für alle Mal erledigt, d. h. diese spezielle Kombination von Voraussetzungen existiert nicht. Dieses Szenario lässt sich nicht "reparieren". Man kann nur versuchen, eine oder mehrere Voraussetzungen zu ändern. Damit entwirft man aber ein neues Szenario, d. h. Schlussfolgerungen aus dem widerlegten können nicht ungeprüft übernommen werden. Stellt sich heraus, dass eine Voraussetzung in sich widersprüchlich ist, so sind alle Szenarien, die diese Voraussetzung enthalten, ungültig. Diese Regel scheint oft missachtet oder missverstanden zu werden, daher hier einige Beispiele:
Beispiel: der Allmächtigkeitsbegriff. Kann irgendetwas allmächtig sein? Angenommen X wäre allmächtig. Dann könnte X einen Gegenstand erschaffen, den nichts (auch X selbst) niemals verändern (z. B. zerstören) kann. Kann X so einen Gegenstand nicht erschaffen, so ist X trivialerweise nicht allmächtig. Gelingt es X anderseits so einen Gegenstand zu schaffen, so ist X auch nicht allmächtig, denn dann gibt es etwas, das X nicht kann: diesen Gegenstand verändern. (Erschafft anderseits X so einen Gegenstand und kann ihn doch verändern, so hat X "geschummelt": der Gegenstand war nicht unveränderbar). Alle Szenarien, die als Annahme einen allmächtigen Akteur voraussetzen, sind also hinfällig. Für jedes der betroffenen Szenarien (z. B. A, C, ...) können wir nur eine modifizierte Version (z. B. A', C', ...) untersuchen, die dann z. B. den Begriff "allmächtig" etwa durch "sehr mächtig" ersetzt.
Ein komplizierteres Beispiel:
Immer wieder wird der "freie Willen" ins Spiel gebracht. Der Begriff ist umstritten und nicht richtig definiert. Unterscheiden wir daher zwischen mehreren Typen "freien Willens", die es geben könnte: der "starken" und schwachen" Variante. "Starker" freier Wille besagt, dass eine Entscheidung nur frei ist, wenn sie nicht vorhergesagt werden kann. Könnte man sie vorhersagen, so wäre sie festgelegt und nicht mehr frei (könnte man sie entgegen der Vorhersage ändern, so wäre es keine richtige Vorhersage). "Schwacher" freier Wille würde dagegen akzeptieren, dass eine Entscheidung festgelegt bleibt auch wenn neue Informationen, hier eben in Form der Vorhersage des Verhaltens, eintreffen. Kombinieren wir das mit dem Begriff "Allwissenheit", so zeigt sich, dass "Allwissenheit" nicht mit "starkem" freien Willen verträglich ist: Allwissenheit" beinhaltet das eigene Verhalten im Voraus zu kennen. Nur "schwacher" freier Wille ist mit "Allwissenheit" verträglich. Es gibt in dieser Art weitere einander ausschließende Voraussetzungen. Leider scheinen diese Zusammenhänge wenig beachtet zu werden.
Eine Hypothese:
Glaubensssysteme sind in sich notwendigerweise widersprüchlich. Aus einem Widerspruch kann bekanntlich alles gefolgert werden, und genau das ist wohl das Ziel. Die Widersprüche werden durch Denkverbote ("kein Bild machen!") geschützt oder als "Geheimnisse" und "tiefe Wahrheiten" verschleiert, bzw. hinter Fragen versteckt, um keine Konsequenzen daraus ziehen zu müssen "Aber WARUM gibt es diesen Widerspruch?". Widersprüche zu verstecken statt ihre Konsequenzen zu akzeptieren bringt darüber hinaus immer neue Konzepte als "Ausrede" hervor, wie z. B. den "freien Willen" (der dazu dient zu verschleiern, dass ein Wesen, das die Welt erschafft auch die Verantwortung dafür trägt) so dass das resultierende Gebilde weit komplexer erscheint, als es ist. Auch der "Sinn des Lebens" dient zu dazu, von etwas abzulenken: Der Tatsache, dass die (meisten) Menschen sich eine gute Welt wünschen, aber stattdessen eine Welt vorfinden, in der es auch Leid gibt. Es ist nicht der Zweck des Konstrukts "Sinn des Lebens", gefunden zu werden. Kein Leid wäre weniger schlimm, wenn klar wäre, "warum"/"wozu" es passiert! Die Suche nach dem Sinn lenkt schlicht davon ab, das die Welt nicht so ist, wie wir sie gerne hätten. Um es auf den Punkt zu bringen: Der "Sinn des Lebens" ist irrelevant! Im Grunde möchte jeder Mensch doch nur ein glückliches Leben leben.
Fazit: wenn das Thema "Glaube" schon unbedingt im Spektrum vorkommen muss, dann wünsche ich mir eine Diskussion auf WISSENSCHAFTLICHEM Niveau!
65. Besser fragen: Warum glauben wir?
19.01.2012, Winfried FaasAber wie bereits mehrfach von vielen meinen Vorkommentatoren erwähnt wurde, ist es wissenschaftlich gesehen nicht zielführend, dieses aus der subjektiven Perspektive eines christlichen Theologen zu versuchen, der scheinbar nahezu blind für sämtliche anderen religiösen Strömungen ist, die es auf der Welt gibt, und Glaube auf ein christlich-religiöses Phänomen reduziert. Glaube ist keineswegs nur religiös! Es gibt einen Grund dafür, dass das kleine rote Buch Maos auch als Mao-Bibel bezeichnet wird, um nur ein Beispiel zu nennen!
Und es ist weiter historisch belegt, dass ein einziger Glaube in einer Gesellschaft eher die Norm war und ist. Religiöser Pluralismus war - um es verkürzend und damit nicht ganz korrekt auszudrücken - meist nur ein vorübergehendes Phänomen. Da ich hier ja gerade nur ein Kommentar schreibe, bitte ich diese sehr vereinfachende Verkürzung zu entschuldigen.
Die religiöse Vielfalt, die es in der Menschheitsgeschichte gab und gibt, ist enorm und in der neueren Geschichte kamen auch einige ideologische Glaubensysteme hinzu. Nun die Unterschiede aufzuzählen und zu erfassen, die die einzelnen Religionssysteme und sonstigen Glaubenssysteme ausmachen, würde die Frage, wieso Menschen glauben, kaum erklären können und dennoch Bibliotheken füllen.
Was allen Systemen aber gemeinsam ist, ist der Glaube, der aber gar nicht als Glaube angesehen wird, sondern als Selbstverständlichkeit (um es in den Worten der vieler Christen auszudrücken Glaubenswahrheit ist) und Glaube war und ist die Norm in menschlichen Gesellschaften und nicht die Ausnahme.
Die Frage, die mich interessieren würde ist daher: "Wieso glauben wir?" Die Thesen und Theorien von Verhaltensforschern, Psychologen und Ethnologen abzufragen und zu veröffentlichen, die eine Antwort auf diese Frage geben könnten, würde meines Erachtens zu Artikeln in Spektrum der Wissenschaft führen, die dieser Zeitschrift angemessen sind.
66. Enttäuschend
24.01.2012, Chris Hawel1.) Statt Glaube im Allgemeinen erweist sich der Artikel als ein kläglicher Apologieversuch der katholischen Theologie. Keine Spur von anderen Religionen oder größeren Zusammenhängen. Schade.
2.) Ein wichtiges Kriterium für Wissenschaftlichkeit scheint die Theologie nicht erfüllen zu können: Es ist doch nicht einmal hinreichend klar, ob es ihren Gegenstand ("Gott") überhaupt gibt. Zumindest ist dies mehr als umstritten. Mir fällt beim besten Willen keine Wissenschaft ein, bei der das in dieser Form der Fall wäre. Dies scheint mir doch ein wichtiges Indiz dafür zu sein, dass hier keine Wissenschaft vorliegt.
3.) Der Verweis auf die Tradition als Wissenschaft oder Universitätsfach rechtfertigt nicht den gegenwärtigen oder künftigen Status als Wissenschaft oder Universitätsfach.
4.) Nicht triviale Existenzaussagen können in der Regel nicht empirisch falsifiziert werden. Daher müssen solche Aussagen in der Regel empirisch verifiziert werden.
5.) Daraus folgt, dass in Bezug auf göttliche oder andere übernatürliche Wesen nicht die Zweifler beweisen müssen, dass Gott nicht existiert (das funktioniert empirisch nicht), sondern die "Glaubenden" sind in der Pflicht, empirische Belege für ihre Behauptungen vorzulegen.
6.) Diese Belege (sofern diese "stechen") fallen doch sehr mau aus und sind in der Regel auch anders (z. B. durch wissenschaftliche Theorien oder Erkenntnisse) erklärbar. Ein Mehrwert an Erklärung von Phänomenen durch theologische gegenüber naturwissenschaftlichen Erklärungen ist oft nicht erkennbar. Sofern man bereit ist, das Sparsamkeitsprinzip anzuwenden (Occams Razor) sind theologische Erklärungen in diesen Fällen damit überflüssig.
7.) Um es mit Dawkins zu formulieren: Ein göttliches Wesen, das sich nur noch in den immer kleiner werdenden Lücken (natur-)wissenschaftlicher Erklärungen finden lässt, ist schlichtweg erbärmlich und damit ebenfalls überflüssig.
8.) Das von Prof. Tapp vorgetragene "Argument": "Solange das Gegenteil nicht bewiesen ist, sollte man wenigstens vorläufig an ihrem Wissenschaftsstatus festhalten ..." (S. 62) ist absurd, da der empirische Beweis einer nicht trivialen Nichtexistenz nicht geführt werden kann (s. o.). Umgekehrt wird eher ein Schuh draus! Leider bleibt er den Lesern auch anschließend eine Erläuterung seiner These schuldig, dass die "... Theologie schließlich viele der anderen Kriterien für Wissenschaftlichkeit erfüllt." (ebd.) Ja, welche denn?
Zuletzt: Ich weiß nicht ob Gott existiert (oder auch nicht). Nach dem Stand der Belege dafür sieht es jedoch mit dieser Hypothese arg mau aus. Das rechtfertigt jedenfalls NICHT, die Theologie weiterhin als Wissenschaft gelten zu lassen. Geschweige denn diese weiterhin als Fach an öffentlichen Universitäten zu finanzieren. Das Geld kann man besser den Philosophen geben.
67. Bin ich von einer anderen Welt?
24.01.2012, Karl Hostettler, AadorfIch betrachte mich als strenggläubigen Christen.
Wie geht das zusammen?
Ich verstehe Tapp nicht. Ich verstehe die Kirchen nicht. Vieles, was in der Bibel steht, lässt sich sachlich nicht begründen. Weg damit! Warum sich darüber Gedanken zu machen? Trinität: Ist doch kein Thema für einen aufgeklärten Menschen! Wurde ja auch von Menschen erfunden, einige hundert Jahre nach Jesu Geburt. Jesus als leiblicher Sohn Gottes? Wir können als gewiss annehmen, dass er einem Fehltritt einer jungen Frau entsprang. Theologen wissen es, sie haben es im Studium gelernt: Jesus selbst hat von sich nie so etwas behauptet. Kinder Gottes sind wir schliesslich alle! Schaden meine Aussagen einer christlichen Überzeugung? Im Gegenteil. Uns von solchen Glaubensinhalten lösen lässt uns die Wahrheit in unserem Glauben richtig verstehen. Wir schaffen hier auf Erden nur gute Verhältnisse, wenn wir unseren Mitmenschen auf eine bestimmte Art begegnen, wenn wir uns vor falschen Lebenszielen lösen, vielleicht kann man auch sagen, wenn wir Gott helfen, eine möglichst gute Welt für alle zu gestalten. Diese Wahrheit ist mir heilig. Und darum betrachte ich mich, wie oben gesagt, als strenggläubigen Christen.
68. Der Wahrheitsanspruch macht den Glauben obsolet
24.01.2012, Daniel Schiller, Köln69. Wissenschaftlichkeit der Theologie
25.01.2012, Olaf SchlüterKonkret möchte ich zum Thema "Wissenschaftlichkeit der Theologie" sagen, dass der Einwand, wie er z. B. von Chris Hawel vorgebracht wurde, Theologie kann schon deswegen nicht wissenschaftlich sein, weil ihr Untersuchungsobjekt "Gott" nicht existiert, mir nicht stichhaltig erscheint. Dabei will ich die Frage nach der Existenz Gottes in welchem Sinn auch immer völlig offen lassen.
Aber auch die Mathematik beschäftigt sich mit Objekten, die existent nur im Sinn von "denkmöglich" sind. In der Realitiät wird man keinen exakten Punkt finden, keine gerade, zweidimensionale Linie, und einer der trivialsten Objekte der Mathematik, die natürlichen Zahlen, sind etwas rein Gedachtes. Genau so wie die Quadratwurzel aus -1.
In diesem Sinn kann man Theologie auch als die Lehre von der Hypothese "Gott" verstehen, und ihre Arbeit darin, eine widerspruchsfreie, denkmögliche Eigenschaftsbestimmung von Gott zu machen. Der Artikel von Herrn Tapp ist klar erkennbar ein Beitrag zu einer solchen Theologie.
Welchen Bezug kann Theologie zur Realität haben? Mit mathematischen Objekten können Physiker die Wirklichkeit funktional beschreiben. Die Aussagen von Physikern wie von allen Naturwissenschaftlern erschöpfen sich allerdings in "Es ist" und "Es ist nicht"-Sätzen, die Eigenschaften und Verhaltensweisen der Natur beschreiben. Eine Bewertung kann nicht stattfinden.
Religion beschäftigt sich hingegen von Haus aus mit Wertaussagen "Es ist gut" und "Es ist schlecht". Wertaussagen sind nicht objektiv im naturwissenschaftlichen Sinn. Allerdings gibt es das Phänomen, dass manche Wertaussagen in hohem Maß zustimmungsfähig sind unter den Menschen. Religionen waren schon immer ein Sammelbecken für solche Aussagen.
Der Zusammenhang zwischen Theologie und Realität ergibt sich dann meines Erachtens durch die These "Gott hat den Menschen gewollt", ist also für seine Natur und die seiner Lebenswelt verantwortlich, er hat die Regeln gemacht. Wenn dies so ist, so kann aus den Regeln und ihrer Bewertung auf die Eigenschaften Gottes geschlossen werden.
Die Theodizee-Frage ist dann eine zentrale Frage in einer solchen Theologie.
70. Heutige Theologie und Wissenschaft
26.01.2012, AaronDa die Physik nicht länger als grundlegende Wissenschaft gelten kann ( http://der-philosoph.cms4people.de/50.html ), kommt eine Ganzheitswissenschaft zu ihrem Recht, die ihrem Wesen nach Philosophie ist. Hier zeigt sich ganzheitliches Denken: http://geheimnisdesmenschen.blogspot.com/search/label/Vom%20Sinn%20des%20Kosmos
71. Religion kann keine Wissenschaft sein
30.01.2012, Dr. Joachim Hradetzky, NaturwissenschaftlerA: "Gott existiert" (Standpunkt der Theologie). Diese Behauptung ist nicht falsifizierbar, da Nichtexistenz grundsätzlich nicht bewiesen werden kann. Also genügt diese Aussage keinesfalls wissenschaftlichen Ansprüchen und das auf ihr beruhende Glaubensgebäude ist mit Wissenschaft nicht vereinbar. Diese Aussage ist ein Dogma.
B: "Gott existiert nicht" (Standpunkt der Wissenschaft). Diese Behauptung ist falsifizierbar, ein einziger objektiver und wissenschaftlich haltbarer Beweis für das Wirken eines Gottes würde ausreichen, um sie zu widerlegen. Den gibt es aber bislang nicht.
Wohlgemerkt: Die These „Gott existiert nicht“ wird hiermit nicht bewiesen, sie kann aber solange aufrechterhalten werden, solange kein Gegenbeweis vorgelegt wird.
72. Eine Zumutung
01.02.2012, K. J. DüsbergEs wird zwar über Versuche berichtet, das Theodizee-Problem zu lösen. Verschwiegen wird aber, dass diese Versuche längst als gescheitert erwiesen sind: Es gibt keine – haltbare – Lösung des Theodizee-Problems (was Löffler im anschließenden Streitgespräch bemerkenswerterweise zugesteht). Es sei hier nur auf den kurzen Übersichts-artikel von Andrea M. Weisberger verwiesen: „The Argument from Evil“ (in: Michael Martin [ed.], The Cambridge Companion to Atheism).
Überhaupt ist die Auswahl der erwähnten Literatur extrem selektiv und einseitig: Es kommt nur solche pro, keine kontra Religion vor. Kein einziges Wort zu dem Klassiker der modernen Religionsphilosophie (und -kritik): „The Miracle of Theism“ (dt.: „Das Wunder des Theismus“) von John Leslie Mackie geschweige denn eines zu neueren Publikationen wie „Breaking the Spell. Religion as a Natural Phenomenon“ von Daniel C. Dennett, „Religion Explained. The Evolutionary Origins of Religious Thought“ (dt.: “Und Mensch schuf Gott”) von Pascal Boyer, „The God Delusion“ (dt.: „Der Gotteswahn“) von Richard Dawkins, „Die Frage nach Gott“ von Norbert Hoerster, „God. The Failed Hypothesis. How Science Shows that God does not Exist“ von Victor J. Stenger oder “Irreligion. A Mathematician Explains why the Arguments for God just don’t Add up” von John Allen Paulos.
Dabei ist doch offenkundig, dass man erst dann von der Vernünftigkeit des religiösen Glaubens (und der Wissenschaftlichkeit theologischer Dogmatik) zu reden berechtigt wäre, wenn man die in diesen und vielen anderen Publikationen enthaltenen religionskritischen Argumente entscheidend entkräften würde. Nicht einmal eine Andeutung, wie das gehen soll, findet sich in dem Artikel. Jedenfalls ist der Hinweis darauf, dass die von vielen als widersprüchlich angesehene christliche Trinitätslehre sich doch als widerspruchsfrei herausgestellt habe, in diesem Zusammenhang eine ganz unerhebliche Marginalie.
Nebenbei bemerkt: „dass Wissenschaftler für ihre Prämissen Gewissheit beanspruchen müssen und damit auf einen Akt der Anerkennung oder des Glaubens angewiesen sind“ (und insofern wohl eine quasireligiöse Einstellung haben sollen), mag zwar eine These von Habermas wiedergeben, steht aber im Widerspruch zu dem in der Wissenschaftstheorie so gut wie unstrittigen Fallibilismus in bezug auf empirische Wissenschaften (siehe z.B. Gerhard Schurz, Einführung in die Wissenschaftstheorie). Was man von Habermas’ wissenschaftstheoretischen Eskapaden zu halten hat, kann man u. a. bei Adolf Grünbaum nachlesen (A. Grünbaum, Die Grundlagen der Psychoanalyse. Eine philosophische Kritik [dt. Übers. von: The Foundations of Psychoanalysis. A Philosophical Critique], etwa S. 66: Habermas kenne nicht einmal den „elementaren Lehrstoff der Wissenschaftsphilosophie“).
Zu drei von Löffler im anschließenden Streitgespräch mit Voland aufgestellten Behauptungen jeweils ein kurzer Kommentar:
1) Der Versuch, im Rahmen der Big-Bang-Kosmologie (ohne Inflation) den kosmologischen Gottesbeweis zu reanimieren, ist längst als misslungen nachgewiesen, auch ohne Rekurs auf Multiversum-Theorien, u. a. von Adolf Grünbaum in einer Reihe von Aufsätzen (z. B.: „Die Schöpfung als Scheinproblem der physikalischen Kosmologie“ [dt. Übers. von: „The Pseudo-Problem of Creation in Physical Cosmology“], „Theological Misinterpretations of Current Physical Cosmology“).
2) Löffler behauptet, dass auch Wissenschaft auf Grundannahmen basiere, die ihrerseits nicht überprüfbar seien; ein Beispiel sei das Kausalprinzip. Diese Behauptung ist schlicht falsch. Schon älteren wissenschaftstheoretischen Veröffentlichungen kann man entnehmen, dass das Kausalprinzip eine empirische Aussage macht, die zwar weder direkt verifizierbar noch direkt falsifizierbar, sehr wohl aber auf indirekte Weise überprüfbar ist. Das hat z. B. Wolfgang Stegmüller gezeigt im Abschnitt 7 von Kapitel VII seines Buchs „Probleme und Resultate der Wissenschaftstheorie und Analytischen Philosophie, Band I: Wissenschaftliche Erklärung und Begründung“. Man sollte deshalb besser nicht von einer Grundannahme, sondern von einer Oberhypothese sprechen. Wissenschaftliche Oberhypothesen sind zudem in hohem Maß bestätigt und damit – vermutlich – wahr. Das trifft für das Kausalprinzip zumindest dann zu, wenn man neben deterministischer auch probabilistische Kausalität mit einbezieht. Im Gegensatz dazu ist die für jede Religion konstitutive Oberhypothese „es gibt Übernatürliches“ – vermutlich – falsch. Denn für diese Existenzaussage gibt es nicht den Hauch eines Belegs. Und eine Existenzaussage, für die es keinerlei Beleg gibt und auch keine adäquate Erklärung dafür, warum, zumindest bisher, Belege ausgeblieben sind, sollte man rationalerweise als falsch ansehen. Der Unterschied zwischen Wissenschaft und Religion ist somit einer zwischen Wahrheit und Falschheit.
3) Man kann natürlich Fragen stellen, auf die die Wissenschaften keine Antworten geben. Das Problem ist nur, dass die von Religionen bereitgestellten Antworten auf diese Fragen nichts taugen. Löffler erwähnt die Frage „nach dem letzten Sinn der Gesamtwirklichkeit“. Die religiösen Antworten darauf unterstellen, dass es einen solchen Sinn überhaupt gibt. Bisher ist es jedoch noch niemandem gelungen, diese Existenzbehauptung auch nur halbwegs plausibel zu machen (worauf Voland zu Recht verweist; s. auch Bernulf Kanitscheider, Entzauberte Welt). Als weitere Fragen führt Löffler an: „Was ist wichtig im Leben?“, „Wo soll man sich engagieren?“. Dabei geht es offenbar um normative Angelegenheiten, etwa um Moral oder Politik. Dass in dieser Hinsicht Religionen Besseres zu bieten hätten als Ethik oder politische Philosophie, ist wohl kaum anzunehmen. Jedenfalls ist eine religiöse Begründung von Moral unhaltbar – was man im Wesentlichen schon seit Platon weiß. Eine kurze Zusammenfassung der zentralen Argumente gegen religiöse Begründungen von Moral findet sich in dem Artikel von David O. Brink: „The Autonomy of Ethics“ (in: Michael Martin [ed.], The Cambridge Companion to Atheism).
73. Homo sapiens: dümmer als vermutet?
06.02.2012, Friedrich WitteSehr geehrtes Redaktionsteam!
Im Allgemeinen sollte man wissen, was man denkt, bevor man schreibt, was man gemeint hat. Verwirrend ist, dass manche etwas schreiben, was sie zu wissen glauben, und sich nichts dabei denken. Wieder andere wissen nichts, behaupten aber, sie hätten sich dabei etwas gedacht, wenn sie etwas geschrieben haben. Am Schlimmsten sind jene, die das Gegenteil von dem glauben, was sie schreiben, meinen aber, sie wüssten, was sie gedacht haben.
Die Theologie reklamiert für sich rationales Denken und Wissenschaftlichkeit - trotz ihrer Bindung an die Religion schreibt Christian Tapp in Heft 1-2012. Praktisch hat der Rationalismus aber noch nie funktioniert. Rausch und Ratio sind zwei tödliche Feinde. Die Suche nach der Wahrheit ist eine hauptsächlich religiöse Sucht. Nur Theologen haben diese Sucht so rationalisiert, dass sie davon leben können. Eine alte Weisheit sagt, wer Glauben schenkt, ist ihn los. Manchmal sind Geschenke eine schöne Bescherung. Nur wer sich nichts schenkt, dem bietet die Natur alles. Die meisten und schlimmsten Übel, die der Mensch dem Menschen zugefügt hat, entsprangen dem felsenfesten Glauben an die Richtigkeit falscher Überzeugungen. Was eignet sich besser für eine moderne Überzeugung als eine zum Dauerzustand gewordene Lüge? Manche Theologen interessiert nicht das Thema, sondern nur die Interpretationshoheit.
Bibeltexte widerlegen keine Wissenschaft, schreibt Christian Tapp weiter. Selbst die neueste Bibel bleibt immer alt. Und die Bibel hat doch Recht! Wein läßt sich nicht nur aus Trauben gewinnen. Diejenigen, welche heute festlegen, was wissenschaftlich bewiesen ist, sind jene, über deren Unwissenheit man morgen schmunzeln wird. Eine Lehre, die weder auf wissenschaftlichen Gründen beruht, noch auf sichere und richtig gedeutete Erfahrungen sich stützt, kann auch nicht wissenschaftlich widerlegt werden. Wissenschaftliches Denken ist eine Methode zur Überprüfung von Vermutungen. Wenn ich vermute: »Im Kühlschrank könnte noch Bier sein ...«, und ich schaue nach, dann betreibe ich, banal gesagt, im Prinzip schon eine Vorform von Wissenschaft. In der Theologie dagegen werden Vermutungen in der Regel nicht überprüft. Wenn ich also nur behaupte: »Im Kühlschrank ist Bier«, bin ich Theologe. Wenn ich nachsehe, nichts finde, aber trotzdem behaupte: »Es ist Bier drin!«, dann bin ich Esoteriker. Theologen tun gerne so, als könnten sie Gott ins Notizbuch schauen. Woher nehmen sie eigentlich diese Anmaßung? Theologie ist die geistreiche Übersetzung des Unerklärlichen in das Unverständliche.
Menschen, die von Berufs wegen Recht behalten müssen, werden sich niemals freiwillig in die Fessel der Definition begeben. Konfessionelle Apologeten beanspruchen eine Art „Bildungsauftrag” und meinen, sie müssten die Leute nur religiös erziehen, dann ließen sie schon von ihren „Irrtümern” ab. Christian Tapp hat mir keine brauchbaren Erkenntnisse vermittelt. Gegen diese Theologie muss ich meine Werte verteidigen. Die da sind: Man hüte sich vor Wissenschaftlern, die die Weltformel suchen und von der Erdformel nichts wissen wollen. Verbildung und Irreleitung, Bildungsmangel und mangelndes Rechtsbewusstsein werden gedankenlos hingenommen, weil infolge eines versagenden Wertesystems nirgends mehr ein Halt geboten wird, der uns von Natur aus zusteht.
Es gibt zwei leidige Arten von Gläubigen: jene, die das Unfaßbare glauben, und jene, die glauben, der „Glaube” müsse verworfen und abgelöst werden durch die „wissenschaftliche Methode” (Max Born).
Selbstschöpfung ist der freieste Entscheid des einzelnen Menschen und kann Einklang mit dem Göttlichen im Einzelnen niemals geschaffen werden, wenn er am Gängelband eines anderen durch das Leben geht.
Den Wert von Theologen und Wissenschaftlern kann man erst ermitteln, wenn man sie aus der Fassung bringt. Das bunte Spektrum setzt sich aus vielen Farblosen zusammen. In ›Spektrum der Wissenschaft‹ vom März 2003 steht: „Homo sapiens: älter als vermutet!” Da haben sie noch was vergessen: und dümmer als vermutet! Wahrheit, die wir uns nicht leisten können, bekämpfen wir; sogar mit Gesetzen der Theologie. Sich dann auch noch verteidigen, heißt, stehen bleiben.
Mit freundlichen Grüßen
vom Seismografen des Friedrich Witte
74. Fehlende Interpretation führt zu scheinbaren Widersprüchen
07.02.2012, Johannes BrägelmannDennoch erscheint es ihn meinen Augen von Nöten ein paar Anmerkungen zu den am Anfang des Textes aufgelisteten Widersprüchen im Glauben zu machen.
Der erste Punkt ihrer "Liste" spricht über den Kreationismus. Durch aus ein Thema das scheinbar wahnwitzig allen wissenschaftlichen Erkenntnissen unserer Welt entgegensteht.
Die historisch-kritische Methode ist bereits Schülern des Religionsunterrichts in der gymnasialen Oberstufe bekannt und wenn man sie auf die Textstellen anwendet, die der Kreationismus einschließt, dann kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass Urknalltheorie und ein Schaffen der Welt durch Gottes Hand nicht gegeneinander stehen.
Wie allgemein bekannt sind alle Texte in der Bibel von hohen Alter. Die Texte darüber, dass Gott die Welt in sieben Tagen geschaffen hat, machen da keine Ausnahme. Folglich entstammen sie einer Zeit in der der Mensch mit einer völlig anderen Weltanschauung gelebt hat. Die Erzählungen und Texte dienten damals dazu die beobachteten Phänomene in der Natur zu beschreiben aber sie wahren auch Grundlage um den Sabbat zu begründen.
Auch wenn in heutiger Zeit das Monopol über die Beschreibung der Natur an die Wissenschaft gefallen ist so haben die Texte weiterhin Bedeutung. Der Gedanke, dass Gott in allen Arten von Handlungen, Gegenständen und auch Lebewesen wirkt, ist ein wichtiger Teil des christlichen Glaubens und Folge der Idee, dass Gott die Welt geschaffen hat.
Ob er die Welt nun durch sechstägige göttliche Intervention oder in dem er den Urknall zündete geschaffen hat, sei einmal dahingestellt.
Der nächste Punkt betrifft das Auferstehen und Auffahren in den Himmel.
Ich möchte nicht bestreiten, dass Bakterien und alle Arten von Mikroorganismen beinahe unmittelbar nach dem Tod daran arbeiten den menschlichen Körper abzubauen.
Jedoch muss man hier ein wichtige Unterscheidung treffen: Seele und Körper sind nicht das selbe und im "Sonderfall Jesus" muss der göttliche Teil seiner Person mit in die Überlegung eingebracht werden.
Nach dem Tod stirbt der weltliche Teil eines Menschen. Sein Körper wird zersetzt, gefressen, aufgelöst (suchen sich etwas aus es gibt noch mehr Möglichkeiten), doch seine Seele fährt auf in das Reich Gottes.
Ich will noch ein wenig weiter auf Jesu eingehen, den er ist der erste Mensch der in das Reich Gottes einzieht und es den Menschen öffnet. Jesus war ein "echter" Mensch, das zeigt sich z.B. in seinem menschlichen Leiden am Kreuz. Gleichzeitig war Jesus Gott selbst, der auf die Erde gekommen war um das Reich Gottes zu Öffnen.
Jesus Auferstehen am dritten Tag ist wichtiger Bestandteil in der Verkündung des gekommenen Reich Gottes, waren seine Jünger doch in tiefe Trauer gefallen bedurfte es eines Zeichens, dass das Himmelsreich nun den Menschen geöffnet ist. Danach zogen die Jünger los in alle Welt und verkündeten die frohe Botschaft (das "Evangelium"), dass Jesus den Tod stellvertretend für alle Menschen besiegt hatte.
Ich möchte noch auf zwei weitere Widersprüche in ihrer Liste eingehen, zuerst mit dem Problem um die Aussagen eines menschlichen Papstes.
Vorweg eine kleine Anmerkung: Kein Katholik sollte wahllos und wörtlich übernehmen was der Papst sagt. Man muss sich mit allem Auseinandersetzen und seine eigene Meinung bilden.
Dennoch will ich einen kleinen Vergleich schaffen zwischen dem Papst und der altbekannten Fünf-Prozenthürde im Deutschen Bundestag. Beide haben den selben Sinn und Zweck.
Nämlich für Ordnung zu sorgen. Genauso wie der kleine Paragraf bei den Wahlen im Volk sorgt der Papst dafür, dass die Mitglieder der katholischen Kirche nicht in unzählige Splittergruppen zerfällt. Er sichert die Stabilität im großen System der Kirche.
Zu guter Letzt betrachte ich noch den letzten Punkt auf ihrer Liste der Widersprüche.
Die Frage, ob die Dreifaltigkeit Gottes im christlichen Glauben im Widerspruch zum vom Judentum übernommen Monotheismus steht.
Ich mache keinen Hehl daraus, dass es in meinen Augen keine widersprüchlichen Aussagen gibt. Auch hier will ich zu einem Vergleich greifen. Nehmen wir die Kunst, würde kaum jemand verneinen, dass Musik, Lyrik und das Malen Teile davon sind. Jedoch sind sie alle nur Aspekte eines höheren Begriffs.
Genauso verhält es sich mit der Dreifaltigkeit Gottes. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind einzelne Aspekte die sich nicht gegenseitig im Weg stehen sondern nur Teile abbilden. Erst gemeinsam ergeben sie eine Vorstellung von Gott.
Genauso kann man nicht von Kunst im allgemeinen Reden und zum Beispiel die Musik verschweigen.
Ich habe mich hier nur mit einem kleinen Teil ihres Artikels beschäftigt (wie ich bereits gestanden habe, blieb mir das Ende vorbehalten). Doch es zeigt sich, dass die Widersprüche zwischen Glauben und dem Zusammenspiel aus Wissenschaft und Vernunft nur daraus hervorgehen, dass die Texte oder Sachlagen nur oberflächlichlich untersucht wurden und eine tiefere Interpretation versäumt wurde.
75. Gedanken über Erkenntnisvermögen, Wissen und Glauben
08.02.2012, Alfred EichhornStellen wir uns einmal vor, es gäbe zweidimensionale Wesen, die auf einer Fläche leben, z. B. auf einer Wand, und die nur zweidimensional denken können, also kein räumliches Vorstellungsvermögen haben. Diese Wesen sehen nun einen Zylinder. Was können sie von diesem Zylinder sehen? Sie sehen seine Projektion auf ihre Welt, d. h. so etwas wie seinen Schatten.
Der Schatten eines Zylinders auf einer Wand kann ein Kreis sein, er kann aber auch ein Rechteck sein, je nachdem, wie der Zylinder im Raum ausgerichtet ist. In der zweidimensionalen Welt bricht nun eine Diskussion darüber aus, wie das Ding nun wirklich ist: rund oder eckig? Es kann nur eins von beiden sein. Die einen wissen genau, dass das Ding rund ist, also nicht eckig sein kann; andere haben hieb- und stichfeste Belege dafür, dass es eckig ist, also nicht rund sein kann. Die Frage kann in der zweidimensionalen Welt nicht entschieden werden.
Wir als Wesen mit räumlichem Vorstellungsvermögen sehen auch sofort ein, warum das so ist: Kreis und Rechteck sind Bilder des Zylinders, die keine vollständige Beschreibung dieses Gegenstands liefern. Sie sind unvollständig, und der Widerspruch beruht auf der Unvollständigkeit dieser Bilder. Die zweidimensionalen Wesen sind sich dessen aber nicht bewusst. Ihnen fehlt die übergeordnete Sicht, die uns in diesem Fall zur Verfügung steht, und aus der heraus sich die Frage - rund oder eckig? - gar nicht mehr stellt.
Ähnlich gelagerte Widersprüche gibt es auch in unserer Welt. Wir sind uns dessen aber in der Regel nicht bewusst, weil in diesem Fall uns die übergeordnete Sicht fehlt. Ein Beispiel aus der Physik ist der Streit über die Natur des Lichts: Welle oder Teilchen? Für beide Bilder gab und gibt es überzeugende Belege, sie schließen sich aber - im Rahmen der klassischen Physik - gegenseitig aus. Erst die Quantentheorie lässt dieses Problem in einem anderen Licht erscheinen; sie liefert gewissermaßen die übergeordnete Sicht. Diese Theorie übersteigt unser anschauliches Vorstellungsvermögen, aber sie sagt uns, das Licht, je nachdem, wie wir es betrachten, uns als Welle oder als Teilchen erscheinen kann, dass aber beide Bilder keine vollständige Beschreibung des Lichts liefern.
Wir haben auch hier das Phänomen vorliegen, dass zwei zueinander scheinbar im Widerspruch stehende Aussagen beide gleichermaßen richtig sind, was von der Logik her eigentlich ausgeschlossen ist. Nach den Regeln der Logik kann eine Aussage nur entweder wahr oder falsch sein, und wenn sie wahr ist, dann ist ihr Gegenteil falsch.
In der Mathematik gilt der Satz - er wurde von Kurt Gödel bewiesen -, dass es in jedem abgeschlossenen System Aussagen gibt, die innerhalb des Systems nicht entschieden werden können. Ich denke, dass dies nicht nur für die Mathematik gilt, sondern für alle Bereiche des Lebens und des Denkens. Für mich bedeutet das auch, dass es zu jedem System ein übergeordnetes gibt, das einen "Blick von außen" auf die darunter liegenden gestattet, der uns Menschen allerdings nicht zur Verfügung steht. Wenn das so ist, dann ist die Folge dieser einander übergeordneten Systeme unendlich. Es geht dabei nicht nur um so etwas wie räumliche Dimensionen. Man könnte als Beginn dieser Folge von Ebenen auch Materie, Leben, Geist und Bewusstsein ... sehen. Jede dieser Ebenen beinhaltet neue "Qualitäten", die in den darunter liegenden völlig unbekannt sind. Gott ist für mich so etwas wie der Grenzwert dieser unendlichen Folge einander übergeordneter Systeme.
Von Gott können wir deshalb nicht anders als in Bildern denken und sprechen. Wir müssen uns dabei bewusst sein, dass unsere Bilder unvollständig sind, auch wenn wir uns nicht vorstellen können, in welcher Richtung sie vollständiger werden könnten. Hier beginnt für mich der Bereich des Glaubens, Glaube als Anerkennung der Tatsache, dass es vieles gibt, eigentlich das meiste, was wir prinzipiell nicht verstehen können und niemals verstehen werden. Glaube bezieht sich also nicht auf das, was wir - zumindest im Prinzip - wissen können. Glaube steht damit auch nicht in Konkurrenz zum Wissen, zu den Wissenschaften und zur Vernunft. Glaube ist dazu komplementär, d. h. er ergänzt diese Bereiche, die immer endlich sind, während der Glaube das Unendliche betrifft. Egal wie groß unser Wissen und unsere Erkenntnis werden, den Glauben können sie nicht ersetzen oder verdrängen.
Aus solchen Betrachtungen ergeben sich einige Schlussfolgerungen, die für Religion und Kirche von Bedeutung sind:
- Glaube ist nicht statisch, er entwickelt sich ständig weiter, und er muss Raum für diese Weiterentwicklung haben. Glaube kann nicht ein für alle Mal festgeschrieben werden.
- Kein Mensch und keine menschliche Institution, keine Religion, keine Kirche kann im Besitz der absoluten Wahrheit sein. Wir "sehen" von der Wahrheit immer nur Projektionen auf die Ebene unseres Erkenntnisvermögens, also Bilder. Diese Bilder können sehr unterschiedlich, scheinbar einander widersprechend und trotzdem gleichermaßen berechtigt sein. Es gibt nicht die eine richtige Religion mit der Folge, dass alle anderen falsch wären. Richtig und falsch sind keine geeigneten Kategorien, wenn es um den Glauben geht.
Welche Kategorien sind dann geeignet? Wir Menschen brauchen Glaube, Religion, Kirche, nicht Gott braucht diese Dinge. Religion und Kirche sind für die Menschen da. Die Frage, an der sich Religionen und Kirchen orientieren sollten, lautet also: Was ist gut für die Menschen? Hier sehe ich die Stärke des Christentums, das diese Frage in den Mittelpunkt stellt und Antworten darauf anbietet.
Zum Schluss noch eine Anmerkung zum Problem der Theodizee, der Rechtfertigung Gottes. Hierbei geht es um die Frage, wie Gott, der allmächtig, gütig und gerecht ist, unverschuldetes Leid zulassen kann. Auch diese Frage kann auf der Ebene, auf der sie gestellt ist, nicht beantwortet werden, ebenso wenig wie die Frage nach der Natur des Lichts. In meinen Augen wird auch hier der Widerspruch durch die Unvollständigkeit unserer Gottesbilder verursacht. Daraus den Schluss zu ziehen, es könne keinen Gott geben, ist so, als würde man aus dem Widerspruch zwischen Welle und Teilchen den Schluss ziehen, Licht könne es nicht geben.
So weit ein paar - natürlich auch unvollständige - Gedanken, zu Vernunft, Erkenntnis und Glauben.
76. Erwiderung zum Kommentar von Johannes Brägelmann
09.02.2012, Siegbert KistlerDer Versuch, den Glauben durch Verweise auf andere Interpretationen zu retten, widerspricht den ursprünglichen und oft eigentlichen Interpretationen, wie sie zu anderen Zeitpunkten und Gelegenheiten wieder herausgeholt werden.
Ganz ähnlich der Versuch, die Auferstehung Jesu mit der realen Welt zu vereinbaren. Je nach Situation werden einmal die göttlichen und einmal die menschlichen Eigenschaften Jesu benutzt, um jeweils unangenehme Widersprüche mit der real existierenden Welt abzuwenden oder den Glauben zu begründen. Das Menschsein ist wichtig, um die Menschen zu fischen, aber man möchte nicht die Verwesung haben. Das Gottsein ist wichtig, um das Heil zu begründen, aber man möchte, dass es möglichst realistisch ist. Man pickt sich die Rosinen heraus und ignoriert die intellektuelle Redlichkeit. Der Zweck heiligt die Mittel, dieser Gedanke steht dahinter. Aber was ist, wenn herauskommt, dass der Zweck auch sehr schädlich sein kann?
Der Papst hat in der Tat den schweren Job, es möglichst vielen recht machen zu müssen. Er muss die Konservativen im Boot behalten und darf gleichzeitig nicht die Liberalen vergrätzen. Bei den Pius-Brüdern macht er immer wieder Versuche, schafft es aber nicht. Das deutsche Theologen-Memorandum zeigt die andere Seite. Ein konkretes Beispiel ist die Haltung zur Evolutionstheorie. Einerseits kann er sich nicht offensichtlich gegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse stellen, andererseits kann er natürlich auch nicht einen Schöpfergott zur Disposition stellen, deshalb sagt er, die Kirche akzeptiere die Evolutionstheorie, obwohl er gleichzeitig die Zielgerichtetheit (und damit die Lenkung) der Naturprozesse durch Gott betont. Wie schon oben angedeutet, sind mit jedem Gottesbild unterschiedliche Vor- und Nachteile verknüpft. Der Trick ist nun, die Vorteile zu betonen und die Nachteile (z. B. grundlegende Verletzungen der Logik) so zu verstecken, dass sie nur noch auffallen, wenn man sie kennt oder sehr genau hinschaut. Das macht man aber nicht, wenn man das nicht sehen möchte.
77. Unbequeme Fragen an der Realität überprüfen
09.02.2012, N. Kriebitzsch, Erlensee78. Ballett der Denkfiguren
09.02.2012, Manfred PetersTheologen beschäftigen sich ungern mit der Frage, wann Gott in seiner unendlichen Güte die Entscheidung gefällt hat, das Säugetier Mensch, von den anderen Spezies als eine besondere zu trennen. Alle evolutionären Merkmale der Herkunft sind erhalten geblieben, ganz wenige hinzugekommen. Verhalten, Gehirn, Stoffwechsel, DNA alles evolutiv herleitbar, mit offenem Lernpotenzial. Und dann noch die zahlreichen auserwählten Völker, aber andere nicht. Alles Verhalten herleitbar und plötzlich, irgendwann, wurde es zur Sünde. In der Geschichte der Religionen zeigen Gottes Befehle geradezu beispielhaft evolutiv Richtungslosigkeit. Und immer gab es Hermeneutiker und in deren Gefolge Dogmatiker bis hinunter zum Gemeindeaufpasser, die das alles zum Glauben verdichtet haben, der zahllosen Menschen Gottes Gnade nicht angedeihen ließ. Stattdessen in tiefstes Unglück stieß. Gelehrte Semantik macht das nicht leichter verdaubar.
Mehr Text zur Windenergie wäre hilfreicher gewesen.
79. Theodizeeproblem
09.02.2012, Patrick SeleDies ist vielleicht nicht mehr lange der Fall. Im Thread zum unten stehenden Blog sind Argumente für die Vereinbarkeit des Übels in der Welt (einschliesslich des tierischen Leids) mit dem christlichen Theismus formuliert, die möglicherweise nicht widerlegt werden können:
http://www.greatplay.net/essays/is-god-good-part-ii
80. Zum Thema Realität
13.02.2012, J. SailerBezogen auf das Theodizeeproblem muss ich fragen, wieso uns Gott (falls er existiert) nur so viel Realität erleben lässt, dass wir als unvollkommene Schöpfung daraus schließen, dass Gott entweder nicht gut oder nicht allmächtig ist.
Und generell kommt hinzu, dass Gott uns den Verstand gibt, aber es nicht von Verstand zeugt an Gott zu glauben.
Wie um Himmels Willen soll man an ein allwissendes Wesen glauben, dass von vornherein wusste, dass es Fehler macht, die sich dann auch noch hochgradig negativ auf die Lebewesen auswirkt, die dieser Gott auch noch unendlich liebt? Ich gehe davon aus dass 99 % der Menschen auf unserem Planeten mit göttlichen Fähigkeiten besser handeln würden!
81. Antwort auf Herrn Eichhorn
13.02.2012, Rudi GemsJa, das Beispiel mit dem Licht, nehme ich auch gerne. Aber, auch die heisenbergsche Unschärferelation oder die Materiewellen von de Broogli. Ja, auch in der Physik, gibt es Dinge, die nachdenklich machen und einen Zweifeln lassen, ob wir wirklich so viel wissen, wie wir uns immer einbilden.
Ganz neben der Spur, finde ich es aber, wenn Religionen, solche Erkenntnisse nutzen wollen, um ihren Gott damit zu "beweisen". Insbesondere dieses Scheusal in der Bibel, das selbst in seinem Buch eine Unzulänglichkeit nach der anderen dokumentiert und zu dem Ergebnis kommen muss, dass alles, was es sich vorgenommen hat, in die Hose gegangen ist, dürfte kaum geeignet sein, dieses "Wesen" (Gott etc.) zu sein. Nichts hat letztlich dauerhaft funktioniert, so steht es jedenfalls in den Büchern.
Ob so ein "Wesen" (Erscheinung, Kraft, Gott, etc.) allmächtig ist, halte ich für eine gewagte Theorie. Dann sähe es hier auf der Erde wohl ganz anders aus. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass für so ein "Wesen" auch die physikalischen Gesetze gelten. Etwas anderes ist es mit der Weitsicht in die Zukunft. Hier scheint dieses Wesen, tatsächlich über Fähigkeiten zu verfügen, die wir nur bruchstückhaft wahrnehmen können, und wo er wohl über eine, dem Menschen nicht zugängliche "Dimension" verfügt. Aber auch hier ist es nicht allmächtig. Es passieren kleine Fehler, die es aber statistisch ausgleichen kann.
Die Erde ist für dieses Wesen ein Ball mit vielen Risiken. Der Tod hat kaum Bedeutung für dieses Wesen. Wenn es sein muss, knallt es einen Kometen auf die Erde und vernichtet damit über 90% der Lebewesen. Es gehört eben nicht zu seiner Gerechtigkeit, dass alle Lebewesen ein maximales Alter erreichen.
Für intelligente Menschen ist die Frage nach einem Gott nicht so wichtig. Wenn es ihn gibt, ist es gut, wenn es ihn nicht gibt, ist es auch gut. Intelligente Menschen, überlegen lieber, wie sich wohl dieses Wesen, ein Leben vorstellen könnte, das in seinem Sinn wäre, und danach leben sie. Für sie ist Gerechtigkeit, Gleichheit, Ethik, Humanismus, Vernunft und intelligenz im Zusammenleben wichtiger als die Suche nach einer Religion und nach einem religiösen Leben.
Bleibt also zum Schluss, die Frage, wo Raum für Glauben bleibt? Ganz ehrlich, ich bin überfragt.
82. Unbeweisbares lässt sich nur glauben
16.02.2012, Rainer Hamp, NeuburgHerr Tapp befasst sich nicht mit dem Titel „Vernunft und Glaube“, sondern beschreibt nur seine Auffassung vom Verhältnis des christlichen Glaubens zur Vernunft. Andere Glaubensrichtungen bzw. Weltanschauungen werden nicht erwähnt.
Inhaltlicher Hauptmangel: Er vermischt zwei Dinge: 1. Den Glauben an unbeweisbare Wesen, die den Naturgesetzen nicht unterworfen sind, ja diese sogar geschaffen haben sollen (Gott, Engel etc.). Dieser Glaube entzieht sich jeder vernünftigen, wissenschaftlichen Untersuchung; und 2. diesem Glauben nachrangige Fakten, hier vor allem die Bibel. Diese lässt sich auslegen, Entstehungsgeschichte und Inhalt lassen sich wissenschaftlich untersuchen, was oft schon geschah. Dabei zeigte sich, dass das Alte Testament im 7. Jahrhundert vor unserer Zeit entstand, um den Zusammenhalt des damals entstehenden jüdischen Staates zu sichern – es ist also keine göttliche Offenbarung, sondern Menschenwerk. Das neue Testament wurde im 4. Jahrhundert nach unserer Zeit aus politischen Gründen im Wesentlichen auf die vier Evangelisten reduziert, was aber nicht alle Schriften umfasst, die um die Figur Jesus herum entstanden sind.
Weil die Bibel Jahrtausende alt ist, ergeben sich Widersprüche für unsere Zeit; die von Herrn Tapp genannten und viele andere. Diese will er durch zeitgemäße Bibelauslegung lösen bzw. „abschwächen“. Ausgelegt wurde die Bibel schon oft, was zu mehr als 250 christlichen Religionsvarianten führte, deren Vertreter ihre Auffassung stets als die allein selig machende darstellen. Hier stehen einander Glaubens“wahrheiten“ unterschiedlicher Konfessionen und Religionen starr und hilflos gegenüber, was noch heute Gewaltkonflikte auslöst – eben weil sich „göttliche Wahrheiten bzw. Offenbarungen“, die Grundlagen des Glaubens, mit Vernunft und Wissenschaft nicht untersuchen lassen.
Allerdings gibt es Bibelstellen, die durch keine Hermeneutik weginterpretiert werden können, so das 1. Gebot, in dem der Christengott seine Rache sogar an Enkeln und Urenkeln von Abtrünnigen auszulassen droht. Viele Stellen zementieren Sklaverei, Frauenfeindlichkeit und fordern sogar zum Töten auf.
Besonders misslungen erscheint mir sein Versuch das „Theodizeeproblem“ zu relativieren, abzuschwächen. Es bezeichnet folgenden Widerspruch: Es gibt Leid und Elend auf der Erde, obwohl der christliche Gott doch allwissend, allmächtig und gütig sein soll, er also die Welt so hätte konstruieren können, dass es nichts Negatives gibt. Dazu meint Herr Tapp, Gott habe seine Allmacht „selbst beschränkt“! Das ist eine abenteuerliche Vorstellung. Gott schafft sich also – irgendwann? – eine Welt, gibt ein paar Naturgesetze hinein, von denen er genau weiß, dass sie Not und Elend beinhalten, und schaut zu, was passiert? Etwa so, wie bei Stier- oder Hahnenkämpfen, nur bombastischer mit Weltkriegen, Naturkatastrophen usw. Warum sollte er das tun? War ihm in der Ewigkeit langweilig, wie schon Georg Büchner („Dantons Tod“) mutmaßte? Aber eigentlich läuft ja nichts ab, was er nicht schon im Voraus weiß. Es bleibt für ihn also langweilig. „Das Übel“, so Herr Tapp, „könnte von Gott um eines höheren Guten willen in Kauf genommen worden sein.“ Worin besteht dieses „höhere Gute“? Was und wen fördert es? Und Gott muss etwas in Kauf nehmen? Er ist also einer anderen Macht unterlegen? Wann, warum und wie holt er sich seine Allmacht zurück? Was macht er dann? Fragen über Fragen. Der Widerspruch bleibt hart.
In dieser Art und mit vielen Fremdwörtern und sprachlichen Nebelgranaten (siehe auch den Kasten mit den „Gottesbeweisen“) versucht Herr Tapp dem Glauben einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Der Begriff Theologie ist in sich widersprüchlich. Theo meint Gott, aber der ist logisch, also mit dem Verstand nicht nachzuweisen. Inwiefern es für die Gesellschaft Vorteile hat, Theologie an staatlich finanzierten Universitäten zu lehren – ein teures Privileg für die beiden großen christlichen Konfessionen neben ihren vielen anderen Privilegien – bleibt unerfindlich. Die von Herrn Tapp genannten sind nicht stichhaltig.
Der Artikel bietet weitere Angriffsflächen. Wichtig ist meines Erachtens, dass in einer zunehmend globalisierten Welt der säkulare Staat die einander widerstrebenden Religions- bzw. Weltanschauungsauffassungen unter gesetzlicher Kontrolle hält. Seine Gesetze müssen über den diversen „Wahrheiten“ und Dogmen der Religionsgemeinschaften stehen. Grundlagen dieses Staates müssen allerdings Menschenrechte und Demokratie sowie eine strikte Trennung von Kirche und Staat sein.
83. Religion und Wissenschaft sind unvereinbare Gegensätze
16.02.2012, Dietmar BotheDie Frage, ob sich Wissenschaft und Religion vereinbaren lassen, mag einer philosophischen Erörterung wert sein. Dass sich aber eine Zeitschrift, sie sich seit Jahrzehnten der Wissenschaft verschreibt, damit befasst, finde ich doch recht befremdlich, und ich hoffe sehr, dass theologische Fragen, egal aus welcher Religion sie kommen, im Spektrum der Wissenschaft keinen weiteren Niederschlag finden. Folgende Gründe will ich hierfür aufführen:
1. Wissenschaft schafft, wie es (zumindest der deutsche) Name sagt, Wissen. Auch der lateinische Begriff "scientia", von dem sich die Formen in vielen europäischen Sprachen ableiten, wird mit "Kenntnis, Wissen, Wissenschaft" übersetzt, nicht jedoch mit Glaube, Magie oder Mysterium. Nicht umsonst wird in der lateinischen Ausgabe von Wikipedia die Theologie zusammen mit der Astrologie unter der Disziplin "Scientiae mysteriorum" geführt. Mindestens seit den griechischen Philosophen vor zweieinhalbtausend Jahren versucht der Mensch, durch Überlegungen, Beobachtungen, Berechnungen und Experimente die Natur an sich zu ergründen und die Kenntnis hierüber stetig zu erweitern, und er hat es dabei weit gebracht. Ein wesentliches Prinzip dieses "Wissen schaffen" durch Forschung ist, dass all die Ergebnisse weitergegeben, immer wieder in Frage gestellt und durch neue Erkenntnisse und Erfahrungen verbessert, fortgeschrieben oder ganz über den Haufen geworfen werden. Dies gilt auch für Prämissen, die die Forschung oft benötigt, um bestimmte Beobachtungen zu erklären oder die sie durch Experimente belegen will. Dieser Wissenschaft geht es darum, vorhandene Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, zu verstehen, ihre Richtigkeit zu belegen und anzuwenden. Was nicht bedeutet, dass alles, was durch Berechnungen, Experimente und Simulationen plausibel erklärbar wird, auch verstanden werden kann, der Mensch ist halt Gefangener seiner sechs Sinne und der damit erzielbaren Erfahrungen. Die Naturwissenschaften beschäftigen sich mit den Gesetzen des Universums, wie sie seit Anbeginn unverändert existieren, und jeden physikalischen, chemischen oder biologischen Vorgang bestimmen. Andere Zweige wie Ökonomie, Soziologie oder Geschichte sind abhängig von ihrem jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld und leisten in diesem Rahmen vielfältige Beiträge zur Vermehrung des Wissens.
Die Theologie kann all dies nicht. Sie beschäftigt sich mit der Lehre von Gott und dem Glauben an ihn und hat als einzige Quelle für Ihre Forschung einige uralte Bücher zur Verfügung, mehr nicht. Diese Bücher wurden über viele Jahrhunderte hinweg von unterschiedlichen Autoren geschrieben, dabei immer wieder überarbeitet, übersetzt und politischen und gesellschaftlichen Veränderungen angepasst. Manche gingen verloren, andere passten irgendwann nicht mehr ins Weltbild. So wurde nur eine Auswahl von Schriften im 4. Jahrhundert als "Neues Testament" als verbindliche Grundlage der christlich-katholischen Religion über das Leben Jesu festgelegt. Der orthodoxe Zweig war weniger wählerisch und verwendet weitere Texte. Die Wissenschaft der Theologie besteht darin, diese alten Bücher auszulegen und zu interpretieren. Über Jahrhunderte hinweg wurden die Bedeutung ganzer Passagen oder einzelner Wörter immer wieder neu beschrieben, je nach dem welche neuen, außerhalb der Theologie gewonnenen, Einsichten akzeptiert werden mussten, welche Machtposition die Kirche stützen musste oder selbst einnehmen wollte. Neues Wissen im Sinn neuer Erkenntnisse wurde dabei nicht geschaffen. Wissen über Vorgänge in der Natur lässt sich aus der Bibel heraus allenfalls auf einem 2.000 Jahre alten Stand gewinnen, Experimente oder eine Simulation Gottes ist der Theologie unbekannt.
Dies ist auch nicht möglich. Denn das, was in den alten Büchern steht, ist einerseits so unveränderlich wie die Naturgesetze, andererseits aber nicht vor Milliarden von Jahren von Natur geschaffen worden, sondern wurde vor 2000 Jahren von Menschen aufgeschrieben. Den Naturgesetzen vergleichbare Gesetzmäßigkeiten enthält die Bibel (und auch der Koran oder heilige Bücher anderer Religionen) nicht. Allenfalls können gesellschaftlich relevante Regelungen abgeleitet werden, z.B. "Du sollst nicht töten" oder "Liebe Deinen Nächsten". Dass solche Inhalte je nach Interessenlage diametral entgegengesetzt ausgelegt werden können, ist eine jahrhundertealte Erfahrungstatsache und vielleicht die einzige naturwissenschaftlich belegbare Gesetzmäßigkeit, die sich aus der Bibel ableiten lässt. Nur gelegentlich kommt es vor, dass eine ältere Urfassung eines bestimmten Textes aufgefunden wird, der Fehler in der bekannten Version aufzeigt und zu Neuinterpretationen zwingt.
Die Theologie ist oft auch nicht bereit, bestimmte Erkenntnisse der Naturwissenschaft oder allgemeinen Lebenserfahrung anzuerkennen und zu übernehmen. Immerhin, bei Galileis Erkenntnis, dass sich die Erde dreht und um die Sonne kreist, hat sie es nach 400 Jahren geschafft. Dass der Mensch ab einem bestimmten Alter körperliche Nähe zum anderen oder auch zum gleichen Geschlecht sucht und ein Trauschein oder ein bestimmtes Ritual hierfür völlig irrelevant sind oder dass Frauen dem Mann gleichberechtigt sind hat sich bislang weder bis zum Pabst noch zu den meisten Ajatollahs und Rabbinern herumgesprochen. Legenden, wie die Jungfrauengeburt, das Über-das-Wasser-Gehen, die Wiederauferstehung vom Tod oder vom brennenden Dornbusch kann die Theologie aus ihren Büchern heraus nicht nachprüfbar beweisen, weder allgemein gültig, noch bezogen auf einen von 2000 Jahren lebenden jüdischen Priester. Dabei gibt es für viele (vielleicht nicht alle) dieser "Wunder" seit Langen mehr oder weniger plausible naturwissenschaftliche Erklärungen oder historische Erkenntnisse. Würde die Theologie diese in ihren Erfahrungsschatz einbinden, ginge eine wesentliche Grundlage ihrer Existenz verloren und, würde sie zu dem, was sie im Grunde genommen seit Jahrhunderten bereits ist: überflüssig.
2. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaft sind allgemein gültig. Da jedes Staubkorn, jede Blume, jede Raumsonde, jede Galaxie und natürlich auch jeder Mensch den unabänderlichen Urgesetzen des Universums unterliegt, ist jedes Forschungsergebnis für jeden einzelnen Menschen bedeutend, unabhängig davon, ob er es akzeptiert oder nicht oder ob er überhaupt davon Kenntnis erhält oder es versteht. Es sind diese Gesetzmäßigkeiten, die seine Existenz überhaupt erst ermöglichen. Die Wissenschaft schafft diese Gesetze nicht, sie deckt sie nur auf und wendet sie an.
Der Autor betrachtet eine einzige Theologie, die römisch-katholische. Sie betrifft nur ungefähr ein Sechstel der Menschheit, nämlich die Menschen, die dem römisch-katholischen Glauben anhängen. Nur für diese Menschen haben die Bibel mit ihren Legenden, die vielfältigen Interpretationen hierzu und auch die Wunder und seltsamen Mysterien, ohne die dieser Glaube nicht auskommt, eine mehr oder weniger große Bedeutung. Für alle anderen sind sie völlig belanglos.
Dass die Lehre von Gott auch zu anderen, wesentlich lebensnäheren Interpretationen führen kann, fällt dabei unter den Tisch. Insbesondere aber übersieht der Autor, dass es noch ganz andere Theologien gibt, die jüdische zum Beispiel oder die islamische oder die der Bahai. Obwohl sie gleiche oder ähnliche Wurzeln und Textquellen haben und alle eine monotheistische Religion vertreten, haben sie ganz unterschiedliche Interpretationen von Gott und der Welt, dem Glauben und dem gesellschaftlichen Zusammenleben, und sie kennen andere oder auch gar keine Mysterien. Alle glauben beispielsweise an einen Messias, für die Christen aber war er schon da, für die Juden und Muslime wird er noch kommen. Was nebenbei zu der Frage führt, wer im Fall des Falles feststellt, ob er denn nun "da" ist und auch der "richtige" Messias ist und ob die Christen dabei überhaupt mitreden dürfen.
Diesem sehr eigeengten Bild von der Theologie fällt auch zum Opfer, dass es viele weitere Religionen gibt, die die Welt und ihren Ursprung seit alters her anders inter-pretieren als katholische Christen. Viele Hindus z. B. verehren einen Dreiklang von Gottheiten, die sie sich als für unsere Anschauungen seltsame Fabelwesen vorstellen, andere vor allem eine weibliche Gottheit. Buddhisten kommen ganz ohne einen Gott aus. Im Daoismus wurden im Lauf der Zeit Generäle, Heldinnen oder Philosophen nach ihrem Tod zu Göttern erklärt, sie werden auch heute noch verehrt und in eigenen Tempeln um Hilfe angerufen. Eine Vielzahl von kleineren Religionsgemeinschaften kann mit all dem nichts anfangen und vertraut lieber auf Wassergeister oder verkehrt mit den Ahnen. Jüngere Religionsgemeinschaften verehren z. B. Satan, nicht als bösen Gegenspieler Gottes, sondern als Bringer von Sinnesfreude. Manche Philosophen vergleichen gar unsere differenzierte Mülltrennung mit einem religiösen Kultopfer an den Gott des Konsums. Was ist an diesen Vorstellungen, den zugehörigen Büchern und Theologien so viel schlechter oder gar falsch, dass sie überhaupt nicht erwähnt werden? Könnten nicht vielleicht andere Theologien die Welt besser oder näher an der Realität erklären als die Auslegung der Bibel? Und was ist mit der Theologie einer Kultur auf einem fernen Planeten, mit uns gänzlich fremden Lebensumständen, die von Gott oder Göttern noch nie etwas gehört hat und deren religiöse Weltinterpretation, so sie dieser überhaupt bedarf, vollständig anders ist als das, was auf unserer Erde bekannt ist?
"Die Theologie" gibt es somit nicht. Es gibt eine Vielzahl von Theologien, die immer nur um den Gott oder die Götter kreisen, für die sie geschaffen wurden. Sie interpre-tieren jeweils die Schriften, aus denen heraus oder mit denen die zugehörige Religion entstanden ist und sie sind nur für den Kreis der Menschen relevant, die der jeweiligen Glaubensrichtung anhängen. Allein im Christentum gibt es wohl einige hundert oft sehr verschiedene Glaubensgemeinschaften, die Gott und die Heilige Schrift in vielfältigster Weise auslegen. Eine Theologie, egal, ob katholisch, sunnitisch, mormonisch, theravada-buddhistisch oder satanisch, die von sich behauptet, sie allein könne die Welt interpretieren und daher für alle Menschen verbindlich sein, wäre anmaßend oder schlimmeres. Auch die katholische Theologie ist nur eine von vielen und schon von daher keine Wissenschaft. Würde sie als Wissenschaft betrachtet wäre ihre Situation vergleichbar mit einer von Hunderten von verschiedenen Physiken, die jede für sich gänzlich andere Naturgesetze finden, welche obendrein nur für einen bestimmten Kreis von Anhängern Gültigkeit haben. Welche allgemein gültigen Gesetzmäßigkeiten ließen sich daraus ableiten?
3. Die Naturwissenschaft lebt davon, dass sie die Gesetzmäßigkeiten, die sie findet, immer wieder durch Experimente und Beobachtungen überprüft und schließlich bei genügender Absicherung und Widerspruchsfreiheit bestätigt. Dabei kommt es vor, dass jahrelang als sicher betrachtete Grundsätze sich als unrichtig erweisen oder in einen größeren Zusammenhang gestellt werden müssen. Insgesamt schafft sie so eine stetig, und bei den heutigen Forschungsaktivitäten fast schon exponentiell, wachsende Menge an Wissen, das kein einzelner Mensch auch nur annähernd vollständig erfassen kann.
Die Theologie kann zwar in der Bibel (oder im Koran, dem Abhidhamma oder Schriften andere Religionen) ebenfalls Aussagen finden, hierzu eine Interpretation liefern und diese durch weitere Quellen und andere Interpretationen bestätigen. Genauso gut können diese Aussagen aber durch gegenteilige Quellen und Deutungen widerlegt werden. Dies fällt meist nicht schwer, da die Bibel kein in sich geschlossenes und abgestimmtes Gesetzbuch ist, sondern eine Sammlung von vielen, über Jahrhunderte geschriebenen Aufzeichnungen einer großen Vielzahl von Autoren. Jeder hat zu seiner Zeit unter den gegebenen Umständen und Interessenslagen seinen Beitrag geliefert. Daher ist die Bibel, von den Zehn Geboten vielleicht abgesehen, kein Gesetzbuch und auch keine der Natur vergleichbare Quelle der Erkenntnis, aus der sich bestimmte Gesetzmäßigkeiten ableiten lassen, schon gar nicht naturwissenschaftliche. Selbst die Ableitung allgemein verbindlicher gesellschaftlicher Verhaltensregeln fällt schwer. So soll man dem 6. Gebot nach keinen Ehebruch begehen, Abraham zeugte aber mit seiner Sklavin Hagar und Gott mit Maria außereheliche Söhne.
Solche Widersprüche kann die Theologie aus ihren Büchern heraus nicht auflösen. Allein für das "Abschwächen des Problems des Übels" hat die Theologie über 2000 Jahre gebraucht, eine wirkliche Lösung ist nicht absehbar. Dabei muss sie annehmen, "dass Gott im Entschluss der Schöpfung seine Allmacht selbst begrenzt hat" und erzeugt damit gleich einen neuen Widerspruch. Denn in der Bibel und in vielen Gebeten und Predigten wird weiterhin vom "allmächtigen Gott" gesprochen. Wäre er nicht allmächtig, müsste z. B. das apostolische Glaubensbekenntnis umformuliert werden: "Ich glaube an Gott, den Vater, den begrenzt Allmächtigen ..."
Die Bibel ist in ihrem Inhalt auf die Kenntnisse, die die Menschen bis zum Ende ungefähr des ersten Jahrhunderts nach Beginn der Zeitrechnung in dem eng begrenzten Gebiet des vorderen Orients erworben haben, bezogen. Ganz andere Weltbilder, wie sie zur gleichen Zeit etwa in China, Peru, Indien oder Westafrika entwickelt wurden kommen nicht vor, nicht einmal eine Auseinandersetzung mit den römischen Glaubenslehren. Seiher wurden zwar Tausende von Büchern über die Bibel geschrieben und vielfältige Rituale erfunden und vervollkommnet, neues Wissen über die Zusammenhänge der Natur haben Theologen jedoch nicht geliefert. Dabei soll nicht unter den Tisch fallen, dass Theologen, soweit sie sich außerhalb ihrer Disziplin mit der wirklichen Wissenschaft beschäftigt haben, oftmals herausragende Beiträge zum Verständnis der Natur geliefert haben. Beobachtungen und Experimente sind der Bibel fremd, die Texte selbst können nicht verändert werden. Die gesamte Diskussion hierzu dreht sich in einem hermeneutischen Kreis, die Texte und selbst die einzelnen Begriffe müssen immer wieder "im Lichte neuer Situationen oder neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse gedeutet werden". Dabei wird nicht die Bibel an sich in Frage gestellt oder wenigstens einige Geschichten oder unglaubwürdige Mysterien, sondern allenfalls "Selbstverständlichkeiten der Bibelinterpretation". Solche Interpretationen sind seit mehr als zwei Jahrtausenden die eigentliche Beschäftigung der Theologen, mehr nicht.
Dies mag durchaus mit wissenschaftlichen Methoden geschehen, und niemand wird den Theologen Vernunft abstreiten, von einigen Ausnahmen vielleicht abgesehen. Aber die vierhundertfünfundvierzigste Interpretation zum siebenundzwanzigsten Psalm zu liefern, nur weil ein Biologe herausgefunden hat, wie zwei bestimmte Moleküle miteinander zu einer neuen Lebensform reagieren, oder weil Astronomen schwarze Löcher nachweisen oder weil mafiöse Geschäfte die Banco Ambrosiano zum Zusammenbruch geführt haben, ist weder Wissenschaft noch führt dies zu irgendeiner neuen Erkenntnis. Theologen können froh sein, wenn hin und wieder ein Textfragment gefunden wird, das älter oder besser übersetzt ist als die bekannten Fassungen. Nur dann haben sie eine Chance ein wenig wirklich Neues, wenn auch bereits Uraltes, ihren Schriften hinzuzufügen.
4. Weder naturwissenschaftlich noch theologisch lässt sich die Existenz Gottes beweisen, er ist und bleibt lediglich eine Prämisse theologischer Denkweisen. Alle Versuche hierzu sind lediglich Gedankenexperimente, zu denen sich immer auch Gegenbelege finden lassen. Ein Beweisversuch ist die Überlegung des Aristoteles zum "unbewegten Beweger", der am Anfang von allem gestanden haben müsse. Die Frage, warum hierfür ein Gott notwendig war, beantwortet die Überlegung nicht. Sie geht von dem menschlich sehr verständlichen Ansatz aus, "mein Haus wurde von den Bauleuten errichtet, das Pergament von den Gerbern zubereitet, und ich habe den Text darauf geschrieben. Also ist alles was da ist, Baum, Erde, Sonne, Himmel, irgendwie hergestellt, also muss es jemanden geben, der dies vollbracht hat". Dass etwas aus sich heraus, ohne äußeren Anlass oder Wirkung entstehen könnte, wird dabei nicht bedacht und fällt auch der modernen Naturwissenschaft schwer zu akzeptieren.
Wohl jede Kultur hat im Lauf der Zeit eine Schöpfungsgeschichte entwickelt. Eine von unzähligen steht in der Bibel. Es heißt dort "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" und es wird dann eine sechstägiger Prozess beschrieben, in dem Gott Tag und Nacht, Pflanzen und Tiere und schließlich den Menschen geschaffen hat und diese Zeit mit einem Ruhetag abschloss. Woraus und mit welchen Kräften Gott Himmel und Erde geschaffen hat und was davor war erzählt die Bibel nicht, und nur wenige christliche Glaubensgemeinschaften halten diese Erzählung heute noch in unterschiedlichen Varianten für wahr.
In der Naturwissenschaft findet sich mit dem Urknall, der am Anfang des uns bekannten Universums stand, eine Parallele zu dieser Geschichte. Die moderne Physik hat sich bis auf wenige millionstel Sekunden an diesen Schöpfungsakt herangetastet und herausgefunden, wie sich Materie von Strahlung schied, wie Galaxien, Sonne und Erde entstanden sind und wie sich darauf Leben entwickelt hat. Eine Antwort, was in den allerersten millionstel Sekunden geschehen ist, wie das, was den Urknall verursacht hat, ausgesehen hat oder gar was davor war, kann auch sie nicht liefern. Allenfalls an diesem Punkt kann man nach der Existenz eines Gottes fragen, der für diese Vorgänge verantwortlich war.
Diese Frage führt jedoch zu folgender Überlegung: Die Menschheit könnte mit fortschreitender Wissenschaft und Technik eines Tages in der Lage sein, einen Urknall zu erzeugen, nicht als bloße Computersimulation, sondern als reales Experiment, und dabei ein (Mini-)Universum entstehen lassen. Gott kann aber auch damit nicht bewiesen werden, eher im Gegenteil. Einerseits kann gesagt werden, ha, wir schaffen sogar einen Urknall, allein mit unserer Technik und ganz ohne Gott. Dem kann entgegengehalten werden, wenn ihr schon ein eigenes Universum erschaffen könnt, dann seid ihr für dieses Universum Gott, der Erschaffer. Eure technologisch hoch entwickelte Zivilisation hat ein Universum erschaffen. Dann stellt sich aber die Frage, ob nicht unser eigenes Universum durch eine andere Zivilisation, die in höheren, für uns nicht erreichbaren Dimensionen existiert, unser Universum und vielleicht noch viele Millionen andere erschaffen hat. Und wer hat dann diese Zivilisation erschaffen? Dies führt zu einer unendlichen Fragenkette nach den Ursache von allem, aber nicht mehr zu einem "unbewegten Beweger". Was ein starkes Indiz gegen die Existenz Gottes ist.
Und selbst wenn es durch irgend ein Experiment irgendwann gelingen sollte, einen "unbewegten Beweger" zweifelsfrei nachzuweisen, wäre dies noch lange kein Beleg dafür, dass dieser irgendein Interesse haben könnte an einer winzigen Minderheit von Spezies auf einem kleinen Planeten einer unbedeutenden Sonne in halber Entfernung zwischen Zentrum und Rand einer mittelgroßen Galaxis, die als eine von hundert Milliarden ihre Wege durch das Universum zieht. Und schon gar nicht wäre es ein Beleg dafür, dass dieser Beweger männlich ist und nicht weiblich oder anders geschlechtlich, dass er einem alten Mann auf einem Berg Gesetzestafeln überreicht hat, sich mit einem Weibchen dieser Spezies paaren würde oder, wie es viele Muslime glauben, Märtyrer zu sich holt und mit 72 Jungfrauen beglückt oder sonst irgendwelche "Wunder" vollbringt.
Auch zum Ende der Welt hat die Wissenschaft heute profunde Modelle entwickelt, die auf konkreten Daten, Beobachtungen und Berechnungen beruhen. Wirklich beweisen lassen sich diese Überlegungen bislang nicht, da solche Beweise Kenntnisse über Naturphänomene und Gesetzmäßigkeiten voraussetzen, die bislang noch nicht gefunden wurden. Es wird aber nur eine Frage der (vielleicht sehr langen) Zeit sein, bis Menschen ausreichend Wissen geschaffen haben und diese Modelle auf Basis belegbarer Gesetzmäßigkeiten weiterentwickeln und zu einer allgemein akzeptierten Theorie formulieren. Einige dieser Modelle beschreiben ein Universum, welches irgendwann wieder in sich selbst zusammenfällt und einen neuen Urknall erzeugt, also ein zyklisches Nacheinander immer neuer Universen ohne jeden Anfang und Ende, also auch ohne die Notwendigkeit eines Schöpfungsaktes. Und alle diese Modelle haben eines gemeinsam: Für das Ende bedarf es weder eines Gottes noch eines Jüngsten Gerichts, sondern nur der Wirkung allgemeiner Naturgesetze.
5. Der Versuch von Plantinga, "die Existenz Gottes durch den Hinweis auf die menschliche Freiheit zu verteidigen" ist fast so lächerlich wie der Kreationismus (der übrigens kein "Irrläufer einer amerikanischen Debatte" ist, wie Prof. Löffler meint, er ist auch in der islamischen Welt weit verbreitet). Gerade die Theologen müssten es besser wissen. Über viele Jahrhunderte hinweg hat die Kirche und ihre Hermeneutik der Bibeltexte entscheidend zur Unterdrückung und Unfreiheit der Menschen beigetragen, mal im eigenen Machtinteresse, mal zur Unterstützung von Kaisern und Königen. Sie hat Hexenverbrennungen durchgeführt und die Folterkeller der Inquisition geschaffen, und nebenbei wurden mit ihrer Hilfe in anderen Ländern ganze Kulturen ausgelöscht. Noch vor wenigen Jahren haben katholische, orthodoxe und muslimische Theologen in Bosnien Waffen gesegnet, mit denen die Freiheit der Menschen der jeweils anderen Religionsgemeinschaft blutig bekämpft wurde. Selbstverständlich immer mit der passenden Bibel- oder Koranauslegung in der Hand.
Erst Reformation und Aufklärung und später Kapitalismuskritik, soziale Bewegungen und Demokratie brachten die Möglichkeit, sich aus Knechtschaft zu befreien und frei und selbstverantwortlich zu handeln. Diese Freiheit mussten sich die Menschen in oft blutigen und langwierigen Kämpfen und Revolutionen erstreiten. Frauen haben Ihre Freiheit in Deutschland gar erst vor wenigen Jahrzehnten errungen, und prompt wird sie von Theologen z. B. beim Schwangerschaftsabbruch oder der Ehe mit Priestern gleich wieder angefochten. Und heute sehen wir, dass diejenigen Länder, in denen Theologen noch immer das Sagen haben, Saudi-Arabien zum Beispiel und der Iran, zu denen gehören, in denen die Menschen am wenigsten Freiheit genießen oder wie in Utah/USA mit einem weit überdurchschnittlichen Grad an Depressionen zu kämpfen haben.
Freiheit ist kein gottgegebenes Gut und schon gar nicht ein Gottesbeweis, Freiheit muss immer erkämpft werden, gerade auch gegen die Traditionen von Kirche und Religion. Freiheit wird nur dort wirklich erreicht, wo Glaube und Theologie (und auch die mit Theologie durchaus verwandte Ideologie) in den Hintergrund treten. Und nur dort ist auch die Freiheit des Glaubens, an Gott, Allah, Buddha oder an irgendetwas anderes oder auch an nichts, überhaupt erst möglich.
6. Ein theologischer Disput kann sehr vernünftig geführt werden, die Argumente können klug und mit wissenschaftlicher Akribie abgeleitet sein. Und wohl kaum ein heutiger Theologe wird dabei auf die Erkenntnisse moderner Natur- oder Gesellschaftswissenschaften verzichten oder diese gar leugnen. Aber kein Theologe kann dabei bestimmte Grenzen überschreiten, Grenzen, die ihm seine Religion vorschreibt und die sich aus den alten Schriften ergeben. Denn wie würde es klingen, wenn der Bischof in seiner Osterpredigt der fassungslosen Gemeinde erklären würde, Jesus sei kein Kind Gottes, sondern ganz natürlich dem vorehelichen Liebesleben von Maria mit Josef oder einem anderen, unbekannten Mann entsprungen, Maria sei keine "Jungfrau" gewesen, sondern nur eine "junge Frau", was aber irgendwann falsch übersetzt wurde, die Hochzeit von Kanaan sei in Wirklichkeit die für einen damaligen Prediger selbstverständliche Hochzeit von Jesus mit Magdalena gewesen, Jesus sei nicht für unsere Sünden, sondern als Aufrührer und Gotteslästerer ans Kreuz gebunden worden und sein Grab sei nur deshalb leer gewesen, weil es eine vorübergehende Leihgabe war und nach drei Tagen geräumt wurde, und seine Auferstehung habe eigentlich auch niemand wirklich beobachtet.
Dieser Bischof würde fundamentale Glaubenssätze der christlichen Religion nicht nur in Frage stellen, sondern vollständig widerlegen. Er würde damit im eigentlichen Sinn "Wissen schaffen" und althergebrachte Denkstrukturen durchbrechen. Mit seiner Vernunft würde er anerkennen, dass Bibeltexte keine Wissenschaft widerlegen können, die Wissenschaft aber sehr wohl Bibeltexte widerlegen kann. Täte der Bischof dies, wäre er seinen Job los und Glaube, Kirche und Theologie wären plötzlich völlig bedeutungslos. Aber gerade deshalb kann kein Theologe dieses Wissen in seinen Schriften und Predigten verbreiten oder gar verteidigen: Der Theologe hat zwar das Wissen, aber sein Glaube verbietet es ihm, sich dazu offen zu bekennen. Er wird gezwungen, unvernünftig zu argumentieren und zu handeln.
Und genau da scheiden sich Wissenschaft und Theologie. Während die Wissenschaft durchaus in der Lage ist, sich weiterzuentwickeln, durch neue Erkenntnisse alte Denkmuster und Theorien aufzugeben oder in einen höheren Rahmen zu stellen, kann die Theologie dies nicht. Sie ist in ihren alten Büchern gefangen, neue Erkenntnisse erschöpfen sich in veränderten Interpretationen. Theorien, die sich experimentell überprüfen und ggf. verwerfen lassen, gibt es allenfalls auf Gedankenebene. Eine höhere Ebene als Gott, in die sich dieses oder jenes einfügen und vielleicht besser erklären lässt, ist nicht vorstellbar.
Und vor allem: Ihr entscheidendes Fundament, nämlich Gott, kann keine Theologie der Welt zweifelsfrei beweisen. An ihn kann man nur glauben, und damit werden auch die vielen Mythen und Mysterien glaubhaft, oder man lässt es und betrachtet all die alten Geschichten der Bibel als das, was sie sind: alte Geschichten. Eine Disziplin aber, die ihre wesentliche Grundlage in dem den Glauben an etwas unbeweisbares hat, hat kein Wissen. Theologie (bzw. Religion, wie es der Titel vom Januarheft formuliert) und Wissenschaft, Glaube und Vernunft, sind daher unvereinbare Gegensätze.
84. Die Grundlagen der empirischen Wissenschaften
17.02.2012, Winfried StraubDas ermöglicht den empirischen Wissenschaften, in ihrer Entwicklung stets kreativ zu bleiben, sich aber nicht von der messbaren Wirklichkeit zu entfernen. Jeder Vorschlag einer Theorie muss letztendlich am Experiment nachvollzogen oder aber schließlich widerlegt werden können.
Dadurch wird grundsätzlich verhindert, dass man jemals dogmatische Begriffe wie die Weltformel oder Gott wissenschaftlich untermauern könnte. Dies eröffnet aber zugleich den Raum, dort, wo Wissenschaft nicht hinreichen kann, mit anderen Methoden zu füllen und zeigt gleichzeitig nachdrücklich auf, dass Wissenschaft kein Mittel ist, um Glaubensfragen zu beantworten. Denn Glauben ist letztendlich ein axiomatisches System, in dem nicht falsifiziert werden kann, sondern stattdessen eben geglaubt wird. Glaube hat meines Erachtens dort seine Berechtigung und stellt, richtig angewandt, ein wesentliches Hilfsmittel zur Stabilisation von menschlichen Gemeinschaften dar, kann seine axiomatischen Thesen jedoch nicht im Sinn der empirischen Naturwissenschaften erhärten.
Daher kann die Folge nur eine Koexistenz verschiedener Möglichkeiten sein, die jede mit ihren Methoden ein bestimmtes Terrain erschließt. Religion sollte dabei vermeiden, naturwissenschaftliche Antworten geben zu wollen. Sonst müsste sie sich spontan dem Kriterium der Falsifizierbarkeit unterwerfen, was nicht ihr Ansinnen ist.
85. Herr im Himmel...
20.02.2012, Dominique BoursillonAuf den Einwand Herrn Schoders (Nr. 34) meinte Herr Tapp glauben und fragen seien kompatibel und sogar aufeinander angewiesen. Das Argument sei die Unsicherheit bezüglich der Existenz Gottes!
Wer bis hier nicht verwirrt oder gar enttäuscht war über die Argumentationsarmut der Theologie, dem wird es jetzt nicht viel besser gehen … Zuerst stellt sich die Frage, warum die Möglichkeit der Existenz eines Gottes dem Ungläubigen ein Stachel sein sollte? Wenn es einen Gott gibt, dann ist doch alles in Ordnung. Nur mit dem Unterschied, dass er jetzt die Gewissheit hat nach dem Tod im Himmel zu landen. Mehr bedeutet das nicht … Andersrum aber: Wenn der Gläubige die Existenz Gottes hinterfragt und im dämmert, dass es keinen Gott gibt sind Jahre der Hingabe, des Glaubens und Strebens als sinnlos entlarvt – das ist die Hölle!
Herr Tapp endet seinen Kommentar damit: „Das Pathos, die Wahrheit zu besitzen, steht keinem gut an.“ Was aber und vor allem warum soll ich glauben, wenn der Glaube falsch sein könnte? Der Glaube beinhaltet die Wahrheit als fundamentales Prinzip! Früher war die Welt einfach: Die Gläubigen und Gottesfürchtigen kamen in den Himmel, die anderen in die Hölle. Da hatte Glauben ein Sinn und vor allem ein Ziel … Heute ist das aber nicht mehr so; die Theologie hat Gott so gütig und gnädig gemacht, seine Gebote so stark verwässert, dass der Glaube für das Himmelreich nicht mehr notwendig ist. Man kann also die Zeit, die man sonst für religiöse Zwecke verbringt, gefahrlos anderem widmen, das Himmelreich und die Liebe Gottes ist einem immer sicher!
Ich verstehe nicht, warum so ein Fass aufgemacht wird. Es soll und kann doch jeder glauben oder nicht glauben, was er will. Was die modernen Theologen bezwecken ist mir nach der Lektüre Ihres Beitrags schleierhafter denn je. Eines scheint aber sicher: Nachdem die Theologen nachweislich keinen wertvollen oder befriedigenden Beitrag zum Nutzen des Glaubens liefern können, ist doch das einzige wirklich sinnvolle, dass sie sich aus allen Glaubensfragen raushalten.
86. Nachtrag zur Theodizee
23.02.2012, Andreas PietschmannWenn wir davon ausgehen, dass Gott eine Wesenheit mit mehr Fähigkeiten ist als der Mensch, ist es nicht statthaft, wenn wir für Gott aus unserer beschränkten Wahrnehmungs- und Vorstellungswelt Attribute festlegen, die er dann nach unserer Definition zu erfüllen hat. Wenn wir dann mit den von uns für Gott gewählten Attributen angesichts des Negativen in der erlebten Welt in Widerspruch kommen, beweisen wir nicht, dass Gott nicht existiert, sondern, dass wir nicht die ausreichenden Möglichkeiten haben, ihn adäquat zu beschreiben, etwa so wie jemand der in einer zweidimensionalen Ebene lebt, kein ausreichendes Verständnis für ein dreidimensionales Gebilde haben kann. Die Folge ist meiner Meinung nach, dass es weder einen Gottesbeweis oder eine Gotteswiderlegung geben kann.
87. Peinliche Religionspropaganda
27.02.2012, Werner Borho, KarlsruheSie können das vielen Ihrer Leserbriefe entnehmen, oder zusammengefasst nachlesen etwa in Dawkins' Gotteswahn.
Schwer vorstellbar, dass Ihnen das nicht bekannt sein sollte.
Nur: auf einen entsprechenden sauber recherchierten Artikel, der den tatsächlichen Wissensstand zum Thema auch einmal einem größeren Publikum präsentiert, wird man bei Ihnen wohl lange warten müssen. Siehe hierzu auch Ihren meisterhaft selektiven Umgang mit Leserbriefen.
Denn stattdessen betreiben Sie in regelmäßiger Wiederholung offensichtliche - und im jüngsten Fall geradezu peinliche - Religionspropaganda. Da argumentativ nichts auszurichten ist, verfallen Sie hierzu auf die altbekannten Pfaffenmethoden der Verwirrung, im Wesentlichen aber der Ermüdung.
Wie läuft das eigentlich bei Ihnen?
Erhalten Sie direkte Order aus dam Hauptquartier oder haben Sie einfach den richtigen Riecher den man halt so braucht um in neuerer Zeit im "Wissenschaftsjournalismus" gegenüber den Herrschenden "erfolgreich" zu sein?