Die andauernde Debatte über Wissenschaft und Religion nimmt eine neue Wende: Forscher suchen nach den biologischen Wurzeln des Glaubens. Für den Religionswissenschaftler Michael Blume von der Universität Heidelberg spricht vieles dafür, Spiritualität und Frömmigkeit als "segensreiche" Produkte der Evolution zu begreifen
In der mittleren Altsteinzeit, vor mindestens 120 000 Jahren, taten Homo sapiens und Neandertaler etwas, was bis dahin keiner anderen Spezies auf unserem Planeten in den Sinn gekommen war: Sie bestatteten ihre Toten in rituellem Rahmen. Zahl und Komplexität dieser ersten Grablegungen nahmen sehr schnell zu. Das lassen archäologische Funde vermuten. Heute sind Trauerfeiern in jeder Kultur selbstverständlich – ja selbst entschieden atheistische Bewegungen geleiten ihre Toten rituell ins Jenseits: Um Lenin, Mao oder Atatürk etwa wurde ein geradezu religiöser Kult inszeniert, indem ihre Anhänger sie in Bildern und Zitaten verewigten, vor Kritik abschirmten und ihnen sogar prachtvolle Mausoleen bauten. Die Vermutung liegt nahe: Stand die Sorge um die Toten am Beginn menschlicher Religiosität?
Insgesamt ein informativer Artikel. Aber das Bild der Neandertaler-Bestattung ist offensichtlich falsch interpretiert. es handelt sich nicht um Sorge um die Toten, sondern Angst vor den Toten. Die Fesselung der Leiche ist ja wohl ein eindeutiges Indiz. Es könnte gut sein, dass die erste Spiritualität in der Angst bestand, dass die Toten den Weg zu den Lebenden zurück finden.
Mit anderen Worten, die Religiosität beginnt als objektiv falsche Annahme über die Natur der Seele und verpasst den ersten Menschen gleich Alpträume. Wahrscheinlich ist das eine unvermeidliche Folge zunehmender Gehirnkomplexität, aber nichts, was man bejubeln müsste.
Bekanntermaßen hat nicht alles, was die Evolution hervorbringt, einen evolutionären Nutzen.
Und die Aussage, dass der Unglaube abnimmt, scheint nicht zu stimmen. Eine riesige Umfrage mit 50 000 Befragten (ARIS) und Daten aus dem Jahr 2008 zeigt im Vergleich zu 1991 eine Verdoppelung der "keine-organisierte-Religion"-Gruppe auf 15 Prozent der Bevölkerung und im Vergleich zu 2001 eine leichte Zunahme in den USA. Die Zahl der Atheisten verdoppelte sich sogar zwischen 2001 und 2009 (auf immer noch kümmerliche 3,5 Millionen US Bürger).
Was die Bemerkung angeht, dass bei der Totenverehrung auch die Angst "vor" den Toten eine Rolle spielt, gebe ich Ihnen völlig Recht. Wir haben bei Bestattungsbräuchen Hinweise auf Sorge (wie Grabbeigaben) wie auch auf Angst (wie Abscheidung, später Fesselung etc.). Und auch Götter bzw. Gott werden ja durchaus ambivalent geliebt wie auch gefürchtet (vgl. Ehrfucht!).
Bei der Frage vom Glaubenszuwachs ist die längerfristige, evolutionäre Entwicklung von den kurzfristigen Wellenbewegungen zu unterscheiden. Selbstverständlich gibt es gerade (aber nicht nur!) in der Neuzeit v.a. in wohlhabenden und sicheren Populationen Säkularisierungsprozesse. Gleichzeitig gilt jedoch auch: Auch in solchen Gesellschaften haben die religiöse Minderheiten (z.B. fromme Katholiken und Muslime in Frankreich) mehr Kinder als ihre nichtreligiösen Nachbarn. Und während viele religiöse Gruppen über Generationen hinweg Kinderreichtum aufweisen, fielen die Geburtenraten bislang aller bekannten nichtreligiösen Populationen, Gruppen und Bewegungen ausnahmslos unter die Bestandserhaltungsgrenze (2,1 Kinder/Frau). Wir hier in Deutschland sind ja ein Beispiel dafür: Wir mögen uns für die Spitze des Fortschritts halten, doch in evolutionärer Perspektive implodieren wir mangels Kindern.
1. Keine Sorge um die Toten, sondern Angst vor den Toten
22.12.2009, Sophie AmrainMit anderen Worten, die Religiosität beginnt als objektiv falsche Annahme über die Natur der Seele und verpasst den ersten Menschen gleich Alpträume. Wahrscheinlich ist das eine unvermeidliche Folge zunehmender Gehirnkomplexität, aber nichts, was man bejubeln müsste.
Bekanntermaßen hat nicht alles, was die Evolution hervorbringt, einen evolutionären Nutzen.
Und die Aussage, dass der Unglaube abnimmt, scheint nicht zu stimmen. Eine riesige Umfrage mit 50 000 Befragten (ARIS) und Daten aus dem Jahr 2008 zeigt im Vergleich zu 1991 eine Verdoppelung der "keine-organisierte-Religion"-Gruppe auf 15 Prozent der Bevölkerung und im Vergleich zu 2001 eine leichte Zunahme in den USA. Die Zahl der Atheisten verdoppelte sich sogar zwischen 2001 und 2009 (auf immer noch kümmerliche 3,5 Millionen US Bürger).
http://bhascience.blogspot.com/2009/02/new-aris-survey-will-show-that-us.html
2. Antwort auf dem neuen spektrum.de :-)
17.12.2011, Michael Blumehaben Sie herzlichen Dank für Ihren Kommentar!
Was die Bemerkung angeht, dass bei der Totenverehrung auch die Angst "vor" den Toten eine Rolle spielt, gebe ich Ihnen völlig Recht. Wir haben bei Bestattungsbräuchen Hinweise auf Sorge (wie Grabbeigaben) wie auch auf Angst (wie Abscheidung, später Fesselung etc.). Und auch Götter bzw. Gott werden ja durchaus ambivalent geliebt wie auch gefürchtet (vgl. Ehrfucht!).
Zumindest in den zeitgenössischen Religionen überwiegen aber klar die positiven Erfahrungen, hier eine interkulturelle Vergleichsstudie:
http://www.scilogs.de/chrono/blog/natur-des-glaubens/evolutionspsychologie/2011-12-01/religionen-und-religi-se-erfahrungen
Bei der Frage vom Glaubenszuwachs ist die längerfristige, evolutionäre Entwicklung von den kurzfristigen Wellenbewegungen zu unterscheiden. Selbstverständlich gibt es gerade (aber nicht nur!) in der Neuzeit v.a. in wohlhabenden und sicheren Populationen Säkularisierungsprozesse. Gleichzeitig gilt jedoch auch: Auch in solchen Gesellschaften haben die religiöse Minderheiten (z.B. fromme Katholiken und Muslime in Frankreich) mehr Kinder als ihre nichtreligiösen Nachbarn. Und während viele religiöse Gruppen über Generationen hinweg Kinderreichtum aufweisen, fielen die Geburtenraten bislang aller bekannten nichtreligiösen Populationen, Gruppen und Bewegungen ausnahmslos unter die Bestandserhaltungsgrenze (2,1 Kinder/Frau). Wir hier in Deutschland sind ja ein Beispiel dafür: Wir mögen uns für die Spitze des Fortschritts halten, doch in evolutionärer Perspektive implodieren wir mangels Kindern.