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Science Notes

Wissenschaft in appetitlichen Häppchen

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Um 19.30 Uhr macht der Veranstalter die Tür auf für das Event, das um 20 Uhr beginnen soll – und sieben Minuten später schon wieder zu. Wegen Überfüllung. Der große Andrang hat am vergangenen Donnerstag (1. 2. 18) die "Mathematik-Informatik-Station" (MAINS) der Heidelberg Laureate Forum Foundation in Heidelberg aus allen Nähten platzen lassen. Allem Anschein nach war es die Kombination aus dem Thema "Künstliche Intelligenz" zusammen mit einer neuen Präsentationsform. Die "Science Notes" bieten Wissenschaft in mundgerechten Häppchen – fünf Vorträge zu je 15 Minuten – und in "Clubatmosphäre", das heißt mit Pausenbeschallung aus dem handgesteuerten Synthesizer.

Letzteres ist nichts für einen alten Knacker wie mich, der sich lieber mit den anderen Besuchern unterhalten hätte. Und offen gestanden war ich skeptisch, wie das gehen sollte: ein so großes und schweres Thema wie Künstliche Intelligenz in fünf Viertelstündchen zu packen.

Es stellt sich heraus: Es geht, und zwar sogar richtig gut. Ich muss mich bloß von meiner Printredakteurs-Grundhaltung lösen und vor allem von dem Anspruch, die Sache vollständig zu beschreiben und möglichst nichts unerklärt zu lassen. (Das dauert ein Weilchen, nachdem ich gerade erst zu just diesem Thema einen umfangreichen Artikel mit Zubehör bearbeitet habe.) Stattdessen gibt es Schlaglichter!

Zum Auftakt entwirft Christian Bauckhage vom Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS) in St. Augustin bei Bonn ein Bild einer goldenen Zukunft. In der Tat hat die Künstliche Intelligenz, nachdem sie vor Jahren aus einem langen Dornröschenschlaf erwachte, in jüngster Zeit revolutionäre Fortschritte zu verzeichnen. Wesentliche, aber keineswegs einzige Triebkraft dieses Fortschritts sind die künstlichen neuronalen Netze, vor allem in der vielschichtigen ("tiefen") Version. Da häufen sich in der Zeittafel in den letzten Jahren die "Kränkungs"-Ereignisse: Ein Weltmeister nach dem anderen (Schach, Jeopardy, Poker, Go) muss sich der Maschine geschlagen geben.

Während das Bauckhages optimistische Weltsicht kaum trüben kann, zeichnet Dirk Helbing von der ETH Zürich ein dramatischeres Bild: Für ihn eröffnet sich ein "neues Kapitel der Menschheitsgeschichte", was mit großen Umwälzungen einhergehen wird. Für den Zustand nach der Revolution stellt Helbing zahlreiche Forderungen auf – aber bevor er auch nur andeutet, wie dieser Zustand zu erreichen wäre, ist die Viertelstunde um.

Die drei anderen Vortragenden gehen konkreter an das Thema heran – mit Berichten über ihre eigene Arbeit. Katharina Morik von der TU Dortmund hat für die künstliche Intelligenz, die sie zur Datenanalyse nutzt, nicht viel Platz zur Verfügung – und Zeit schon gar nicht: So wie die Signale – zum Beispiel – in die zahlreichen Hohlspiegel eines weitgestreuten Messinstruments einprasseln, wollen sie intelligent und platzsparend verarbeitet werden. Sie zu speichern ist wegen ihrer schieren Masse aussichtslos.

Volker Tresp, in Personalunion Professor an der Universität München und Forscher bei Siemens, arbeitet für die Analyse vor allem von Sprachdaten mit dreidimensionalen Datenklötzen, "Tensoren".

Kleines Mädchen spielt mit Klötzchen
Neuronales Netz in der Trainingsphase

Aber den Vogel schießt der einzige Nicht-Professor in der illustren Runde ab: Kai Polsterer vom Heidelberg Institute for Theoretical Studies, der auch mal bei Katharina Morik studiert hat. Nicht dass sein Arbeitsgebiet bedeutender wäre als die der Kollegen – es geht um Datenanalyse, diesmal sind es unzählige Fotos von fernen Galaxien, die klassifiziert werden wollen; er zeigt uns zunächst, wie ein neuronales Netz an einer scheinbar einfachen Aufgabe scheitert. Es handelt sich um seine ungefähr dreijährige Tochter bei dem Versuch, ein Spielklötzchen ins richtige Loch zu stecken. Und quasi nebenbei bekommen wir die Nachricht eingeprägt, dass für ein – echtes oder künstliches – neuronales Netz ein schweres Problem manchmal etwas ganz anderes ist als für unsereinen.

Das Konzept der Veranstaltung ist am Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen entwickelt worden, mit Unterstützung der Klaus-Tschira-Stiftung, die auch hinter der Heidelberg Laureate Forum Foundation steht. Nach gut vier Jahren kehrt "Science Notes" damit in die Stadt seines ersten Auftritts zurück.

Zeitgleich kommt ein von derselben Gruppe entwickeltes neues Wissenschaftsmagazin namens "Science Notes" auf den Markt. Jeder Teilnehmer bekam ein Exemplar in die Hand gedrückt – auch die vielen, die wegen der Überfüllung enttäuscht nach Hause gehen mussten. Man wird sich um einen Wiederholungstermin bemühen.

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