Als Tim Berners-Lee 1989 das World Wide Web (WWW) erfand, hatte er mehr als die heute allgegenwärtige Stichwortsuche mit Suchmaschinen im Sinn. Das Netz sollte "Bedeutung" bereitstellen, und jeder Computer – auch die schmalbrüstigen Handgeräte – sollte im Stande sein, nach dieser Bedeutung zu handeln. Vor sieben Jahren stellte Berners- Lee gemeinsam mit James Hendler und Ora Lassila eine Vision namens "semantisches Netz" (semantic web) vor, die dieser ursprünglichen Vorstellung Geltung verschaffen sollte (das griechische Stammwort sema zu "Semantik" heißt "Zeichen" oder "Bedeutung"). Spezialisierte Programme, so genannte intelligente Agenten, würden ins Internet ausschwärmen, automatisch Flüge und Hotels für unsere Reisen buchen, unsere Patientenakte auf dem Laufenden halten und uns auf eine konkrete Frage eine konkrete Antwort liefern, ohne dass wir die Datei, in der diese Antwort steht, auch nur anschauen, geschweige denn aus dem Wust irgendwelcher Suchergebnisse herauskramen müssten.

Die drei Visionäre beschrieben auch gleich die technischen Mittel, mit denen das Internet zu derartigen Leistungen fähig werden würde:

- eine gemeinsame Sprache für die Repräsentation von Daten, die alle Softwareagenten verstehen;

- Ontologien – Listen von Definitionen –, die Informationen aus unterschiedlichsten Quellen in allgemein verständliche Begriffe umzusetzen gestatten; und

- Regeln, mit deren Hilfe ein Softwareagent aus den so erschlossenen Informationen Schlüsse ziehen kann.

Alle drei zusammen sollten sich dem Nutzer gegenüber verhalten wie ein einziges riesiges Programm, welches das gesamte WWW umfasst. Es analysiert für seinen Nutzer nicht nur Informationen, die in hochformalisierter Weise in Online-Datenbanken gespeichert sind, sondern auch Daten zu Texten, Bildern, Videos und anderen Inhalten: die ganze wilde Vielfalt des Netzes.

Wie das Internet selbst sollte das semantische Netz auf anarchische Weise wachsen. Jeder kleine Webseitenanbieter trägt ein bisschen zu dem großen Werk bei, indem er seine Inhalte mit dem notwendigen Zubehör versieht. Eine Zentralgewalt gibt es nicht. Die unvermeidliche Koordinierungsarbeit erledigt das bereits etablierte World Wide Web Consortium (W3C), das allerdings in diesem Fall etwas mehr zu tun hat.

Nun – so schnell wie ursprünglich vorgesehen hat die Idee vom verstehenden Netz die Welt nicht erobert. Skeptiker haben von Anfang an befürchtet, sowohl die Bereitstellung als auch die Nutzung derart angereicherter Daten sei zu schwierig für den Allerweltsnutzer. Das glauben wir nicht. Die erforderlichen Technologien sind inzwischen den Kinderschuhen entwachsen. Eine hochaktive Gemeinschaft früher Anwender hat Standards erarbeitet, die allmählich die Nutzung immer bequemer gestalten. Einige Großunternehmen betreiben umfangreiche Entwicklungsprojekte mit dem Ziel, das semantische Netz für firmeninterne Zwecke oder wissenschaftliche Recherchen zu nutzen…