Serie Mathematik (Teil VI)
Wie real ist das Unendliche?
Das bedeutet insbesondere, dass die natürlichen Zahlen nicht nur im Kopf irgendwelcher Menschen existieren, sondern außerhalb von ihnen: nicht persönliches Hirngespinst, nicht bloße soziale Konvention, sondern Objekte eigenen Rechts. Gleiches gilt für die reellen und sogar die komplexen Zahlen; auch sie haben ihre Unentbehrlichkeit für die Beschreibung der Natur über jeden Zweifel erhaben unter Beweis gestellt. Das passt zu der alltäglichen Erfahrung der Mathematiker: Sie erleben ihre Funktionen, Operatoren und natürlich auch die natürlichen Zahlen als Gegenstände, die nicht der Willkür des Betrachters, sondern – häufig zu dessen Unmut – ihren eigenen Gesetzen folgen.
Es passt allerdings nicht zur offiziellen Lehrbuchweisheit. Angesichts der Frage »Was genau sind denn nun die natürlichen Zahlen?« greifen die Mathematiker ausdrücklich nicht auf irgendwelche Beobachtungen in der Realwelt zurück oder nehmen einen besonderen Zugang zur platonischen Ideenwelt für sich in Anspruch. Vielmehr berufen sie sich auf Axiome. Das sind möglichst einfach gehaltene Aussagen, die ohne Beweis zu glauben einem nicht sonderlich schwerfallen sollte. Aus ihnen leiten die Mathematiker durch logische Schlussfolgerungen die ganze reichhaltige Vielfalt an Sätzen her, die – in diesem Fall – die Arithmetik und die Zahlentheorie ausmachen.
Das Problem ist nur: Ein Axiomensystem ist ohne Zweifel eine soziale Konvention. Für die natürlichen Zahlen wurden verschiedene Systeme diskutiert


Jean-Paul Delahaye ist Professor
für Informatik an der Université
de Lille.
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1. Rhetorischer Nebel von Canterbury
21.02.2009, Jakob Thomsen, München2. Kategorial oder ontologisch?
24.02.2009, Paul-Gerhard Schank, BerlinMir scheint, das ist bezüglich Anselms Beweis die Frage.
Soweit ich ihn verstehe, will er uns sagen:
Wenn wir erst einmal begonnen haben, dass wir Gott mit-denken, dann können wir diesen Schritt nicht mehr rückgängig machen. Er bleibt dann als notwendige Kategorie in unserem Denken.
Wer ernsthaft über Gott spricht und nachdenkt, hat diesen Schritt bereits vollzogen.
Dass sich für Anselm Gott auf diese Art erweist, ist insofern nur konsequent und nicht etwa "sein Problem". Es ist ein Wechsel der Denkungsart, nicht ein greifbarer Beweis.
3. Das Streben nach Wahrheit
03.03.2009, Prof. K. Löhr, Technologie- und Innovationsberatung, UlmObwohl der Mathematik die physischen Anschauungsobjekte fehlen, erkennt man daran sehr gut die drei wissenschaftlichen Denkweisen, die bereits Sextus Empiricus treffend beschrieb: "Wenn sich jemand der Untersuchung irgendeiner Sache widmet, dann ist es natürlich, dass er am Ende das Gesuchte findet, oder dass er behauptet, das Gesuchte sei unauffindbar [...], oder aber, dass er seine Untersuchungen fortsetzt. Damit sieht man leicht, dass es offenbar drei Hauptrichtungen im Streben nach Wahrheit [Philosophie] gibt: die dogmatische, die akademische und die skeptische."
Und somit gilt wohl auch für die Mathematik das, was bereits Schopenhauer so forsch über das wissenschaftliche Arbeiten konstatierte: "Die Physik vermag nicht auf eigenen Füßen zu stehen, sondern bedarf einer Metaphysik, sich darauf zu stützen; so vornehm sie auch gegen diese thun mag!"
4. Weibliche Barbiere
05.05.2009, Sandra OttHerzlichen Dank überigens für die vielen Anstöße, beim Denken die gewohnten Bahnen mal wieder zu verlassen.
5. Realität des Unendlichen
08.05.2009, Rudi Trumpfheller, EssenIrgendein Objekt (z. B. die Menge der natürlichen Zahlen, die Größe eines Raumes oder einer Zeit) kann in meiner Vorstellungswelt auch dann als unendlich denkbar sein, wenn ich mir zu einem in beliebiger Größe vorgegebenem Objekt dieser Art ein noch größeres vorstellen kann. Die Gesamtheit der als unendlich vorstellbaren Objekte kann ich in meiner Vorstellungswelt als die Unendlichkeit betrachten. Diese ist damit real.
6. Welche Konsequenzen hätte die Falschheit der Kontinuumshypothese?
24.05.2009, F.-J.Kusnierek, Schwerte7. Kontinuumsproblem ein Scheinproblem
02.06.2009, Prof. a. D. Dr. F. Ischebeck, MünsterDas Prinzip des ontologischen Maximalismus ist nun wirklich Glaubenssache. Ein Prinzip, mit dem sich die Existenz Gottes beweisen lässt, ist doch per se verdächtig. Auf diesem Prinzip ein mathematisches Universum zu errichten, ist sicher nur eine von mehreren Möglichkeiten. Es gibt auch ein Prinzip der "pragmatischen Bescheidenheit": Man beschränke sich auf das mathematische Universum der im gödelschen Sinne konstruktiblen Mengen.
Der gödelsche Beweis der relativen Konsistenz der Kontinuumshypothese zeigt gerade, dass in diesem Universum die Kontinuumshypothese gilt. Warum ist dieses Prinzip sinnvoll, und zwar für mich in gleichem Maße wie das des ontologischen Maximalismus? Antwort: Ich kenne keinen mathematischen Satz (der sich nun nicht gerade mit der Kontinuumshypothese oder großen Kardinalzahlen beschäftigt), der sich in diesem Universum nicht aussprechen und beweisen ließe. (Oliver Deiser schreibt in seinem schönen Buch "Reelle Zahlen" (Springer 2007) im Kleingedruckten auf Seite 392, er könne sich durchaus vorstellen, dass die Mathematik den Weg dieses Prinzips historisch gegangen wäre.)
Darüber hinaus möchte ich folgende Wette eingehen: Es werden irgendwann auch "gute" Axiome der Mengenlehre gefunden werden, auf Grund derer sich zeigen lässt, dass es unendlich viele Kardinalzahlen zwischen ℵ 0 und 2 ℵ 0 gibt, und nicht nur eine.
Dies soll kein Angriff gegen Delahaye sein, dessen Artikel ich mit Interesse gelesen habe. Schon gar nicht möchte ich gegen Cantor polemisieren, dessen Beweis der Überabzählbarkeit der Menge der reellen Zahlen zu meinen beeindruckendsten Jugenderlebnissen zählt. Ihm musste sich das Kontinuumsproblem doch ganz natürlich stellen.