Der Alltag umfasst jedoch weit mehr, als Filme wie Grzimeks "Serengeti darf nicht sterben" plakativ vorstellen. Mücken plagen, stets gilt es auf der Hut vor hungrigen Raubtieren oder giftigen Schlangen zu sein, tagein, tagaus gibt es nur Reis mit Bohnen oder Bohnen mit Reis zu essen, das Tropenklima schadet der Technik et cetera. Und neben all diesen potenziellen Unbilden muss man auch stur statistische Daten sammeln, ohne die eine wissenschaftliche Arbeit heute kaum noch auskommt – selbst wenn es sich um olfaktorisch äußerst anspruchsvolle Aufgaben handelt.
Immerhin können die Rüsseltiere per Infraschall miteinander kommunizieren – und das über mehrere Kilometer hinweg. Bis zu siebzig verschiedene tiefe Töne übermitteln untereinander verschiedene Droh- oder Begrüßungsbotschaften, die das menschliche Ohr ohne Hilfsmaßnahmen nicht wahrnehmen kann. Lassen sich damit aber stets Verwandte von Fremden unterscheiden? Und was tun, wenn Geländehindernisse oder zu große Distanzen den Austausch von Botschaften stören?
Wahrscheinlich spielen dann andere Sinnesreize eine entscheidende Rolle, dachten sich Bates und ihre Kollegen: der Geruch zum Beispiel. Wer jemals im Zoo in einem Elefantenhaus war, dürfte wohl bestätigen, dass dort ein ganz besonderes Odeur in der Luft liegt, das offenkundig von den in großen Mengen anfallenden Ausscheidungen der Tiere herrührt: Immerhin lässt ein ausgewachsenes Tier täglich mindestens 120 bis 150 Kilogramm Mist fallen, und jede Blasenentleerung kann mit dreißig Litern Urin zu Buche schlagen.
Mit der wertvollen Fracht durchkurvten sie dann die einzelnen Herden und platzierten etwa zwanzig Meter vor einem herannahenden Tier zwei Schöpfer der zuvor eingesammelten Brühe, bevor sie sich wieder dreißig Meter weit zurückzogen und das Geschehen mit der Videokamera festhielten. Reckte ein Elefant seine Nase Richtung Riechprobe, signalisierte dies gesteigertes Interesse, ebenso wie deren Berührung mit Fuß oder Rüssel.
Wie lange sie sich den olfaktorischen Signalen widmeten, machten die Dickhäuter nicht davon abhängig, ob es sich um ein Herdenmitglied oder ein fremdes Individuum handelt, zumindest unterschieden sich die Zeiten nicht signifikant. Ganz anders sah es hingegen bei der direkten Kontaktaufnahme mit der Urinprobe aus – noch dazu, wenn sie überraschende Informationen preiszugeben schien: So berührten die Tiere den Duftstoff nicht, wenn er von einem fremden Elefanten stammte und auch nicht, wenn der Produzent unmittelbar vor ihnen die Stelle passiert hatte, er also noch sichtbar war.
Handelte es sich dagegen um das potenzielle Signal eines verwandten, aber absenten Artgenossen, wandelte sich die Aufmerksamkeit rapide. Mehrfach pendelte dann der Rüssel über der feuchten Stelle, sie wurde angestupst und betastet: ganz so, als wollte der Riechende auch ja kein Jota an Information verschenken – erst recht, wenn sie einen verwirrende Beigeschmack hatte. Denn am längsten befummelt wurden die Ausscheidungsprodukte von Herdenmitgliedern, die doch eigentlich hinter einem marschiert waren, deren Geruch nun allerdings direkt vor der eigenen Nase in der Luft hing. Mehrfaches Vergewissern war daher wohl angesagt, um anschließend vielleicht den neuen Standort des Gruppenmitglieds im Gehirn abzuspeichern.
Wahrscheinlich verantworten individuelle Gehalte an Lipocalinen – Proteine, die Geruchsfaktoren transportieren können – oder so genannten MHC-Markern die verschiedenen Duftwolken. Schätzungsweise bis zu dreißig verwandte Individuen sowie deren Positionen könnten die einzelnen Elefanten darüber ausmachen und so die Herde zusammenhalten, vermuten die Forscher und mahnen weiteren Forschungsbedarf vor Ort an. Denn auch wenn selbst Urinproben statistisch untermauert werden müssen: Afrikanische Sonnenuntergänge untermalt von Löwengebrüll dürften für jede anrüchige Arbeit entschädigen.




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