Lesermeinung - Spektrum.de

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  • Skepsis, Alternativlosigkeit und der ethische Impact der Energiewende

    07.06.2016, Dr. rer.nat. Wolfgang Epple
    Die Frage nach der Alternative musste ja kommen. Ich beantworte sie unten. Vorweg: Eine Wende, auch eine Energiewende ist alternativlos. Und noch einmal der Kunstgriff diffuser Gleichsetzung durch Herrn Silberg: Wer die Zerstörung unserer letzten halbwegs intakten Naturlandschaften durch die Windkraftindustrie mit Skepsis sieht, der muss ja entweder von der Atomlobby oder der Kohleindustrie gesteuert sein, oder er ist ein ewig Gestriger mit Trauma und "German Angst".

    Nur zur Vollständigkeit, anlässlich solch typischer Belehrungen: Ich (Jahrgang 1953) gehöre zum Urgestein der Skepsis- und Widerstands-Bewegung gegen die Atomenergie und bin deshalb - aus verantwortungsethischen Gründen - Verfechter erneuerbarer Energien und insgesamt der "Dekarbonisierung" unseres Lebensstils. Ich habe in "Erneurbare" mehrere zigtausend Euro in eine Photovoltaik-Anlage, verbunden mit Thermosolar, investiert, konkret zur autarken Versorgung eines Anwesens. Soviel zur Unterstellung der Technikfeindlichkeit eines Droschkenfahrers und der "German Angst" - auch dies dürftige und abgedroschene Allgemeinplätze, die sich bei der fanatischen Verteidigung der völlig aus dem Ruder laufenden "Energiewende" ständig gegen Kritiker und Skeptiker wiederholen.

    Die entscheidende Alternative zur Zerstörung unserer Lebensgrundlagen ist die bewusste, fundierte und gut vorbereitete Änderung unseres (kollektiven) Lebensstils, insbesondere die Verkleinerung des in den westlichen Ländern um ein vielfaches zu hohen "ökologischen Fußabdruckes". Dies, und nicht der von mir kritisierte Energiewende-Aktionismus ist alternativlos, wollen wir diesen Planeten lebensfähig und lebenswert halten, und zwar nicht nur für den Menschen, sondern die gesamte uns begleitende, ernährende und evolutiv hervorgebracht habende Biosphäre in all ihrer Vielfalt. Dazu gehört selbstverständlich die Aufbietung aller Kraft, um vom "Leben auf Pump", zu dem unter anderem das Verbrennen von fossilen oder nicht erneuerbaren atomaren Energieträgern gehört, wegzukommen. Nicht nur unsere Energieversorgung, sondern unser gesamter Lebensstil einschließlich der Ernährungsindustrie lebt im Sinne einer Scheintragfähigkeit der von uns okkupierten Flächen von nicht erneuerbaren Rohstoffen und künstlich erzeugten Fremdmitteln.
    Nicht zur Zukunftgerichtetheit gehört aber, dass die politisch korrekten Protagonisten dieser "Energiewende" glauben machen wollen, wir könnten ohne Hinterfragen der Wachstum-Mainstream-Ökonomie im Glauben an "Fortschritt" und Wirtschaftswachstum (der insgesamt gefährlichste aller bisherigen Mythen, die die Menschheit in ihrer Geschichte bisher pflegt) die Natur durch ihre weitere Technisierung und Industrialisierung retten.
    Da ist der nicht funktionierende Emissionshandel (hier stimmen wir wohl überein) nur eine Facette einer Denk-Fehlentwicklung, die in einen viel größeren Irrtum-Zusammenhang eingebettet ist. Die in ihren Ansprüchen an den Planeten und auch zahlenmäßig überbordende Menschheit macht - und hierfür ist diese sogenannte "Energiewende" bedrückendes Beispiel - ihre Rechnung weiterhin in großem Stil ohne den Wirt, die "Natur". Die Natur durch ihre Industrialisierung retten zu wollen ist ein Widerspruch in sich. Der Glaube daran ist ein Irrglaube.

    Skepsis gegen für Kollateralschäden blinden Aktionismus (speziell, aber nicht nur der Windkraftindustrie) als Maschinenstürmerei zu diffamieren, ist beileibe nicht überzeugend. In der Tat: Viele Menschen, die vor Ort und hautnah mit den Kollateralschäden der Windkraftindustrie konfrontiert sind, die zusammengefasst mit einer umfassenden Schädigung der Habitate, auch der des Menschen, beschrieben werden können, erleben so etwas wie ein "Trauma". Um durch die Beschädigung der Umwelt traumatisiert zu sein, bedarf es eines Mindestmaßes an Empathie, das über den Horizont des persönlichen Umkreises und den engen Horizont der ethisch anthropozentrischen Umhüllung hinausführt. Dass inzwischen der Artenschutz und selbst die Gesundheitsvorsorge für die Menschen als "Hindernis" der Energiewende weggeräumt werden, zeigt die konkreten Auswüchse einer engstirnig ausgerichteten "Problembehandlung" innerhalb der "Energiewende".

    Dort, bei der Hinterfragung des Anthropozentrismus, allerdings würde der hier angebrachte Diskurs erst beginnen, der der ethischen Frage nach gehen müsste, was dem Menschen im Rahmen seiner Technik-Gläubigkeit, seines "Energiehungers" und seiner Hybris erlaubt ist. Einen solchen Diskurs wünscht man sich frei von Diffamierung und diffuser Unterstellung. Er müsste schließlich - ein Kennzeichen der Verantwortung, die in der von uns überschaubaren Welt nur der Mensch tragen kann - auch im Namen der gegen Eingriffe in ihr Lebensrecht Wehrlosen ohne Herabwürdigung dieses nicht-anthropozentrischen Standpunktes geführt werden dürfen.