Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

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  • Sind Wissenschaftler nicht verantwortlich?

    26.10.2012, Gerhard Lindemann
    Vorweg, ich kenne den Wortlaut des Urteils nicht.

    Natürlich fand auch ich das Urteil weit überzogen. Die eine Sache ist, dass es bislang unmöglich ist, auch nur vorher zusagen, ob es überhaupt zu einem größeren Erdbeben kommen wird, geschweige denn, wann.

    Andererseits haben Wissenschaftler auch eine Verantwortung für ihre Äußerungen. Wenn es dabei geblieben wäre, dass man ein starkes Erdbeben in dieser Region nicht ausschließen könne, würde ihnen wohl auch niemand einen Vorwurf machen. Denn zu mehr ist die Forschung in diesem Bereich noch nicht in der Lage.

    Doch das Risiko geringer einzuschätzen, als von der Bevölkerung befürchtet oder sogar zu behaupten, die kleinen Vorbeben hätten das Risiko eines starken Bebens verringert, ist nicht nur wissenschaftlich unhaltbar, sondern in diesem Zusammenhang durchaus kriminell. Denn auf was sonst als die Aussagen dieser Wissenschaftler soll sich die Bevölkerung verlassen können? Insoweit tragen sie auch die Mitschuld an 308 Toten.

    Eine ganz andere Sache ist die Verharmlosung von Naturgewalten und daraus resultierender Bauvorschriften oder gar das überhebliche ausschließen von möglichen Naturgewalten. Doch das kennen wir zur Genüge auch aus Deutschland, beispielsweise bei den Sicherheitsvorschriften für Atomkraftwerke. Obwohl in diesem Fall sogar Millionen von Menschen bedroht sein können. Diese Überheblichkeit hat immer wieder zu Katastrophen geführt.

    Das hat jedoch nichts mit dem aktuellen Fall zu tun. Im aktuellen Fall haben wir es einfach mit einer Region zu tun, in der bekanntermaßen viele Gebäude einem Erdbeben nicht standhalten würden. Man kann nicht innerhalb von wenigen Tagen Häuser erdbebensicher machen. Wohl unter anderem deshalb hat man diese Wissenschaftler zurate gezogen. Doch anstatt schulterzuckend festzustellen, dass man mit wissenschaftlicher Seriosität weder das eine noch das andere vorhersagen kann und deshalb jeder Einwohner der Region für sich selbst entscheiden muss, ob er sich dem Risiko aussetzen möchte, wurde die Gefahr drastisch verharmlost, wider besseres Wissen. Dieser Druck lastet auf diesen Wissenschaftlern.

    Ich erwarte nicht nur von Wissenschaftlern, dass sie Unwissen zugeben und nicht irgendwelche Spekulationen anstellen, wenn sie etwas nicht mit hinreichender Sicherheit behaupten können. Diesen Wissenschaftlern kann man jedoch vorwerfen, dass sie stattdessen spekuliert und damit unverantwortlich gehandelt haben. Ob sie deshalb die Schuld daran tragen, dass die Region nicht evakuiert wurde, steht auf einem ganz anderen Blatt. Vermutlich hätten ohnehin die meisten trotz der konkreten Bedrohung Letztere verharmlost und wären dort geblieben. Denn das umgekehrte, vor einem starken Erdbeben zu warnen, obwohl man es nicht wissen konnte, wäre ebenso unverantwortlich gewesen. Wissenschaft ist schließlich keine Religion, in der man etwas glaubt oder auch nicht. Glauben ist nichts anderes als die Umschreibung von Nichtwissen.

    In Italien ist man in vielen Regionen gewohnt, mit einer stetig drohenden Gefahr durch Vulkanausbrüche oder Erdbeben zu leben. Im übrigen ist Italien ein Land mit einer teilweise jahrtausendealten Baukultur, gerade Letztere sorgt auch für eine kulturelle Vielfalt, die es so nur in wenigen anderen Ländern gibt. Weitab der Vulkane ist das Erdbebenrisiko zwar deutlich größer als beispielsweise in Norddeutschland, jedoch nicht annähernd so groß wie traditionell in Japan, wo man sich mit der Bauweise mal abgesehen von Atomkraftwerken längst mit dem Naturgewalten gewissermaßen arrangiert hat. Außerdem hat das Erdbebenrisiko in Italien offensichtlich erst in den letzten 100 Jahren deutlich zugenommen. Wie viele Jahrhunderte stand beispielsweise die Kirche in Assisi, ohne jemals schwer beschädigt zu werden? Ich habe sie noch vor dem Erdbeben erlebt. Man kann nicht von heute auf morgen ein ganzes Land Erdbeben sicher machen. Wobei Sicherheit natürlich auch nur sehr begrenzt ist, ich kann mich noch gut an die Bilder eines Erdbebens in Tokio erinnern, die deutlich zeigen, dass erdbebensicheres Bauen seine Grenzen hat.

    Verzeihen Sie, wenn ich in diesem Zusammenhang, trotz eines weit überzogenen Urteils, umgekehrt Ihnen den Vorwurf machen muss, von der Verantwortlichkeit der Wissenschaftler für ihre Aussagen abzulenken.
  • Wilhelm Buschs "Spritzefisch"

    25.10.2012, Ing. Peter Sinnl
    "Der Spritzefisch ist ein gar listiger Geselle, gib acht und hüte dich fein, leichtsinnige Libelle!" beschreibt der Weise aus Wiedensahl die Jagdtechnik.
    Wie viele seiner Zeit meinte Busch den Pinzettfalterfisch (chelmon rostratus) für den Spritzefisch, der schon 1764 benannt wurde. Der Irrtum wurde erst im 20. Jhdt korrigiert. Der Schützenfisch (toxotes jaculatrix) ist hier gemeint. Aber auch andere "Jäger" benützen diese Technik, z.
    B. der Toxotes chatareus und die Fadenfische schießen mit Wasserstrahl nach ihrer Beute.

  • On-Line Petition für ein faires Verfahren

    25.10.2012, Thomas Altorfer
  • Sind wir im Mittelalter?

    24.10.2012, Manfred Holl
    Das Urteil macht sprachlos und erinnert an die Hinrichtung von "Gelehrten", die in früheren Zeiten verurteilt wurden, weil sie eine Sonnenfinsternis nicht vorhergesagt haben und das im Jahr 2012!
  • skandalös!

    24.10.2012, Fritz Kronberg
    Der Artikel macht keine Aussage darüber, ob das ein letztinstanzliches Urteil ist. Wenn das so wäre, wäre es in der Tat skandalös, denn selbst ein Vollidiot sollte die Aussage der Verurteilten in der Pressekonferenz, daß man Erdbeben nicht voraussagen kann und ein solches zum fraglichen Zeitpunkt nicht auszuschließen ist, verstehen. Hier wird wieder einmal die persönliche Verantwortung des Einzelnen für sein Wohlergehen anderen zugeschoben. Eine Tendenz, die dem amerikanischen (schlechten) Vorbild folgend auch in Europa immer stärker um sich greift, nach dem Motto: "Jeschieht meiner Mutter janz recht, wenn ick mir die Pfoten erfriere; wat kooft se mir keene Handschuhe." So, wie hier die Mutter dafür vantwortlich gemacht wird, daß das Kind zu blöd ist, die Hände in die Hosentaschen zu stecken, werden dort Wissenschaftler dafür verantwortlich gemacht, daß Bewohner einer erdbebengefährdeten Region nicht wissen, wie man mt der Gefahr umgeht, obwohl sie es wissen müßten.
  • Von der kosmologischen Evolution her bekannt

    24.10.2012, Paul Kalbhen, Gummersbach
    Meiner Meinung nach findet der Mathematiker und Biologe Martin Nowak mit seiner Anwendung der Spieltheorie auf kooperative Verhaltensweisen innerhalb der biologischen Evolution auch hier statistische - wahrscheinlichkeitsbedingte - Naturgesetzlichkeiten, wie sie von der kosmologischen Evolution her bekannt sind. Freilich setzt er in seinen Schlusssätzen "der Erziehung des Menschengeschlechtes" zum Altruismus meines Erachtens bereits auf "mentale", d. h. geistige Effekte - und auch seine familiäre Motivation zur Gasersparnis weist in diese Richtung.
  • Unbefriedigend und unspekulativ

    24.10.2012, Michael Schröder, Iserlohn
    Wieder einer, der spekulative Physik in die Religion verweist, um mit unbändigem Fachwissen "Ratschläge" zu vergeben. Die Dummheit zeigt sich am "Higgs-Teilchen", das philosophisch nicht so uninteressant ist, wie der Herr meint, zumindest, wenn man gerne mal Hegel liest. Die hegelsche Naturphilosophie scheint aber so abseits zu liegen (weil sie so logisch ist), dass es den Herren Philosophen schon gar nicht mehr zu Bewusstsein kommt. - Kriechen wir halt mit den Menschen unseren Weg des Nichtwissens. Viel Spaß dabei, Herr Gethmann.
  • skandalös?

    24.10.2012, Delio Mugnolo
    Sind Sie sicher, dieses Urteil als skandalös beurteilen zu können? Sie wissen wahrscheinlich nicht ganz genau, welches die Aufgaben der Kommission sind - dazu zählt nicht die Einschätzung, ob "das Erdbebenrisiko selbst oder eher die wachsende Panik der Bevölkerung in der Region" gefährlicher sei. Vielmehr halten die Richter für kritikwürdig, dass sie bewusst die Bevölkerung beruhigt haben - und das haben sie auch so gemacht, weil (laut Telefonabhörungen) sie dazu von Politikern und Katastrophenschützer aufgefordert wurden.

    Dass diese Politiker und Katastrophenschützer ebenfalls vor Gericht gehören, ist unumstritten. Dieses wird hoffentlich auch nicht der einzige Prozess über das Erdbeben in L'Aquila bleiben - wenn es doch so wäre, dann hätten Sie allerdings absolut Recht, von "Sündenböcken" zu sprechen.
  • 80-20- oder 20-80-Projektbeteiligung?

    24.10.2012, Daniel Schiller
    Vielen Dank, ein interessanter Artikel, der diese aktuellen Vorgänge in der Raumfahrt gut einordnet.

    Zuletzt habe ich vernommen, dass die ESA für Kooperationsprojekte jetzt die Leitlinie verfolgen soll: Entweder eine 80-20-Beteiligung oder eine 20-80-Beteiligung, aber quasi keine Kooperation mehr auf Augenhöhe (50-50). Im ersten Fall kann man die Mission, wie im Artikel genannt, reduzieren und allein durchführen. Im zweiten Fall hat man keinen zu hohen Verlust, wenn der starke Partner aussteigt und damit die Mission kippt.

    Trifft das zu? Oder ist es doch "glücklicher Zufall", wenn solche Konstellationen eingenommen werden?
  • "Tiger Woods lässt grüßen"

    23.10.2012, Dr. Jörg Kampmann
    Ganz im Ernst, dass Golfplätze viel Wasser benötigen, ist klar. Dass es in Südspanien viele Golfplätze gibt, ist auch bekannt.

    Aber das ist wohl nicht der einzige Verbraucher von Wasser. Wenn man an der Küste mit dem Auto lang fährt, sieht man dort riesige Tomatenfelder (von Holländern und Dänen) bis dicht ans Meer ... nebenbei absolut hässlich ...

    Tja, und auch dort muss wohl der spanische Staat eingreifen ...

    Auf der anderen Seite steht natürlich die Schaffung von Arbeitsplätzen, wobei ich denke, es sind Arbeitsplätze, die nicht teuer sind ...
  • Gehirn-PC

    23.10.2012, Horst Peter, Heidelberg
    Ich denke, unser Gehirn entspricht genau einem PC, wenn die Speicher voll sind, muss man gewisse Bereiche überschreiben und verliert damit durch neues Wissen alte "Intelligenz". Wir müssen also permanent unser Gehirn updaten, um immer auf dem neuesten Stand zu sein.
    Das Problem zwischen IQ 130 und IQ 80 ist ausschließlich der größere Speicherplatz von 130, womit die 80ger benachteiligt sind.
    Die 80iger können dies nur ausgleichen durch ein perfektes Betriebssystem, zumindest Win xp, was durch Studium, Eltern und Umwelt erreicht werden kann. Dies bedeutet, dass wir alle die gleiche Intelligenz erreichen können, dass aber die 80iger einen wesentlich größeren Einsatz als die 130iger zu erbringen haben. Dies ist, wie ich denke, die Regel, Ausnahmen sind Jahrhunderttalente, die sich mit sieben Jahren an einer Uni einschreiben. Gehe hier allerdings davon aus, dass hier ein Gendefekt vorliegt, der sich positiv ausgewirkt hat.
  • Der Mensch ist unersättlich

    23.10.2012, Robert Orso
    "Der Grundwasserspiegel ist an dieser Stelle seit 1960 um ganze 250 Meter gesunken"

    Dass man durch Grundwasser Gewinnung Erdbeben auslösen kann, damit musste nun wirklich keiner grundsätzlich rechnen. Dass das Absenken des Grundwasserspiegels um 250(!)m eine ganze Reihe von Problemen aufwerfen wird, dazu muss man weder Geologie, noch Ökonomie, noch Soziologie studiert haben, um das zu kapieren. Hier wird offenbar deutlich mehr Wasser *verbraucht*, als in der Region anfällt. Das wird früher oder später zwangsläufig dazu führen, dass alles aufgebraucht ist und spätestens dann kommt der große Katzenjammer. Aber vielleicht findet sich bis dahin jemand, dem man es wegnehmen kann.

    In einem intakten Ökosystem leben an einem Fleck nicht mehr Organismen, als die Region dauerhaft versorgen kann. Nur der Mensch lebt von der Substanz - bis nichts mehr davon da ist.
  • Die Unvernunft ist grenzenlos - oder ?

    23.10.2012, howetzel
    Das Grundwassergewinnung zu Schäden führen kann, insbesondere wenn Unvernunft reagiert, ist an diesem Beispiel sehr gut zu sehen. Den Schluss zu ziehen, dass man nun vorsichterweise in Zukunft auf Grundwassergewinnung verzichten sollte, wäre aber nicht minder Unvernunft.
    Das Fatale an dieser Art Horrormeldung ist aber, dass gerade solche Schlussfolgerungen von Möchtegern-Weltverbesserern gezogen werden!
  • Insolvenz ist kein Verbrechen (mehr)

    22.10.2012, J. T.
    "[...] habe der Schuldner immer etwas von einem Kriminellen."

    Nun, früher mag dies durchaus der Fall gewesen sein - wer seine Schulden nicht zurückzahlen konnte, kam in den Schuldturm, wurde als Verbrecher behandelt oder (je nach Kulturkreis) als Sklave "einbehalten".
    Heute gibt es Gesellschaften mit beschränkter Haftung, der Aktionär haftet nur mit dem eingesetzten Kapital, und auch dem überschuldeten Konsumenten steht die Privatinsolvenz offen.

    Warum aber jemand Kredit für eine Immobilie aufnehmen und bei Zahlungsunfähigkeit die Immobilie dann behalten können sollte - das scheint Diebstahl zu sein.


    "Immerhin benennt Graeber dort ihre [der Finanzkrise] Ursache: die Entkopplung des Dollars vom Goldstandard."

    Es ist nicht ganz einzusehen, warum eine permanent wachsende Weltwirtschaft als Tauschmittel an ein begrenzt vorkommendes Metall gebunden sein sollte. Idealerweise sollte die Geldmenge doch analog zur Wirtschaftsleistung zu- und abnehmen.
    Die Ursache der Finanzkrise ist die Entkopplung von Risiko und Gewinn. Banken müssen pleite gehen dürfen, dann wird die Kreditvergabe auch weniger exzessiv.
  • In den meisten Fällen sind Schätzungen über die Verfügbarkeit von Kohle zu linear gedacht.

    22.10.2012, Tom Schülke
    Wesentlich relevanter als die Kohlereserven, ist die Verfügbarkeit von Öl. Öl wird seinen Peak gemittelt über verschiedene Untersuchungen gegen 2020 erreichen. Einschließlich der unkonventionellen Öle.

    Das Problem ist, dass der Abbau anderer Energierohstoffe einen starken Energieinput an Öl erfordert. Ohne Öl können wir die Maschinen, die Kohle abtragen, nicht betreiben, um es überspitzt auszudrücken. Insofern müssen bei der Betrachtung der Kohleverfügbarkeit auch die vielfältigen Rückkopplungsmechanismen berücksichtigt werden.

    So betrachtet, steht Kohle viel früher vor dem Aus, als es uns bei vereinfachter Betrachtung erscheinen mag.

    Das Schlüsselelement zum Verständnis unsere Energieversorgung ist damit das Öl.