Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
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  • Freiheit und Moral

    04.03.2011, Stephan Sandhaeger
    Die Diskussion um die Willensfreiheit krankt meist schon an der Definition: Wenn Willensfreiheit die Fähigkeit wäre, zwischen Möglichkeiten ohne Zwang auszuwählen, dann wäre auch ein Schachcomputer willensfrei, wenn er nicht gerade unter Zugzwang steht. Das ist jedoch nichts anderes als die - völlig unumstrittene - Handlungsfreiheit: also zuweilen gemäß seiner Präferenzen zu handeln.

    Das reicht nun aber Philosophen wie Pauen nicht aus. Sie fragen sich, was sie "Willensfreiheit" nennen könnten, damit man weiterhin Schuld und Sanktion zuweisen kann.

    Pauen vollzieht zuerst einmal einen stillschweigenden Schwenk von der Sanktion zur Prävention und stellt fest, dass es nur dann sinnvoll ist, auf jemanden moralisch verstärkend oder hemmend einzuwirken, wenn dessen Gehirn auf Grund dieser Einwirkung vermutlich in einer zukünftigen vergleichbaren Situation gemäß der Präferenz des Einwirkenden entscheiden wird. Das könnte man trivial nennen, und dagegen wird selbstverständlich kein Inkompatibilist etwas einzuwenden haben.

    Wenn der Angesprochene keinen äußeren oder inneren Zwängen unterliegt, nennt Pauen das "Autonomie". Sehr wohl aber soll derjenige empfänglich sein für die moralische Determinierung in Form obiger Einwirkung. Das zeigt ein weiteres Problem mit der Willensfreiheit: Wir möchten uns bei Entscheidungen zwanglos und selbstbestimmt fühlen, aber die anderen sollen sich - jedenfalls bei wichtigen moralischen Entscheidungen - vorhersagbar und konform verhalten.

    Sind wir selbstbestimmt, wenn wir bei roter Ampel brav stehen bleiben? Oder bleiben für unsere "Freiheit" nur Entscheidungen wie die, ob wir Erdbeer- oder Aprikosenkonfitüre aufs Brot schmieren?
  • Ich-Gefühl und deterministische Freiheit

    04.03.2011, Wolfram Friedrich
    Zu "Wer bin ich?" von Albert Newen und
    "Eine Frage der Selbstbestimmung" von Michael Pauen

    Zunächst einmal bin ich ein biologisches Wesen mit einem lernfähigen Informationssystem. Dieses Informationssystem - unser Nervensystem - entwickelt durch jahrelanges Lernen ein bewusstes Sebstmodell (Metzinger) bzw. Ich-Gefühl und ein begriffliches Selbstbild (Newen). Diese sind als vom Gehirn realisierte geistige Konstrukte real. Wenn Metzinger sagt, das "ich" sei eine Illusion, dann meint er das "ich" in der Bedeutung "Seele" oder "Unbewegter Beweger" wie wir es alltäglich erleben. Was wir als unsere freien Entscheidungen erleben, sind aber ganz normale determinierte Ereignisse wie fast alle anderen in unserer makroskopischen Welt. Da wir keinen Zugang zu den gelernten Synapsengewichten der Realisierer von Gründen und Argumenten haben, können wir nicht anders, als diese Ereignisse als unsere freien Entscheidungen zu erleben. Newen macht leider keine Aussage zu der Kernfrage: Kann das von ihm postulierte Ich-Gefühl und begriffliches Selbstbild Erstursache für unser Wollen und Handeln sein?

    Pauen löst das Problem, indem er einen deterministischen Freiheitsbegriff einführt. Er sagt, wir sind frei, wenn unser Wollen und Handeln von unseren Wünschen und Überzeugungen bestimmt wird - wir also selbstbestimmt sind. Dagegen sind wir nicht frei, wenn äußere oder innere Zwänge unser Wollen und Handeln bestimmen. Aus naturwissenschaftlicher Sicht sind es, wenn man es genauer formulieren will, die neuronalen Realisierer von Wünschen und Überzeugungen, die unser Wollen und Handeln mit ihren gelernten Kausalbeziehungen bestimmen. Dieser deterministische Freiheitsbegriff hat aber mehrere gravierende Probleme.
    Zum Ersten weckt er immer Assoziationen zum alltagssprachlichen Freiheitsbegriff, was leicht zu Missverständnissen oder gar Unverständnis führt.
    Zum Zweiten ist nicht klar, ob es überhaupt Wünsche gibt, die von äußeren Umständen völlig unabhängig sind und damit selbstbestimmt bzw. frei sind.
    Zum dritten sind Wünsche und Überzeugungen Dispositionen, die ihre Kausalwirkungen nur entfalten können, wenn sie mit einem Ereignis interagieren. Wenn ein externes Ereignis eine ganze Kaskade von internen Ereignissen auslöst (wir nennen das Überlegen oder Nachdenken), dann kann man alltagssprachlich pragmatisch das Anfangsereignis vernachlässigen und von Selbstbestimmung bzw. Freiheit sprechen. In einem wissenschaftlichen explanatorischen Kontext kann man das aber nicht, weil das externe Ereignis insofern nicht irrelevant ist, als ohne es der ganze Prozess nicht abgelaufen wäre. Die Selbstbestimmung und damit die Freiheit kann demnach niemals vollständig sein.
    Zum Dritten sind unsere Wünsche und Überzeugungen nicht vom Himmel gefallen, sondern haben Ursachen gehabt. Und diese Ursachen kommen immer letztlich aus Bereichen, auf die wir keinen Einfluss hatten und für die wir nicht verantwortlich sein können. Die Selbstbestimmung schlägt deshalb in Fremdbestimmung um. Der deterministische Freiheitsbegriff aus Selbstbestimmung wird damit zu einer leeren Worthülse, die nichts anderes sagt, als was wir Naturalisten schon immer gesagt haben: Es kann keine Freiheit in unserer Welt geben. Das beste, was ein Kompatibilist haben kann, ist eine weit gehende Freiheit aus weit gehender Selbstbestimmung.

    Verantwortlichkeit kann man allerdings nicht aus einem so eingeschränkten deterministischen Freiheitsbegriff ableiten. Trotzdem ist es sinnvoll Menschen verantwortlich zu machen, also zu loben, zu tadeln und im Extremfall zu bestrafen, weil das in unseren Gehirnen ein moralisches Gewissen entstehen lässt und es damit auch moralisch gerechtfertigt ist.
  • Ende dieser Heuchelei und weniger Selbstgefälligkeit

    04.03.2011, Wilhelm Dyckerhoff
    Ich finde dies langsam als absolut heuchlerisch, was dort aus dem Doktoranden- und Professoreneck an Beiträgen kommt.
    Ein Professor geht mit seinem neuen Buch an die Öffentlichkeit, obwohl der Inhalt zu 90 Prozent von Hiwis des akademischen Systems zusammengetragen und verfasst worden ist. Es geht hier nicht um die aktuelle Leistung eines Professors, aber die akademische Arroganz mancher Professoren ist schon beeindruckend. Unterscheiden Sie doch bitte endlich zwischen formalen Fehlern und dem Plagiatvorwurf! Plagiat ist ein Ideenklau und nichts anderes. Und dann bekommt diese Arbeit von den Doktorvätern auch noch ein summa cum laude, was absolut selten ist.

    Die heftigste Stimme gegen Guttenberg (Prof. Lepsius) war übrigens 2007 bereit Staatsrechtler in Bayreuth und hat mit Sicherheit vor der endgültigen Titelvergabe diese Arbeit einmal gelesen. Warum hat er damals nicht aufgeschrien. Er forscht übrigens in diesem Bereich und beklagt sich auch noch über das Theoriedefizit der Rechtslehre in Deutschland. Alles sehr mysteriös.

    Also hören Sie auf, auf Herrn Guttenberg einzuschlagen. Es hat etwas von der typischen deutschen Selbstgefälligkeit. Kritisiert wird, wenn es nicht mehr zu verleugnen ist. Und dann gilt es nur noch in eigener Selbstgerechtigkeit, die betreffende Person klein zu bekommen. Hier wird alle Verhältnismäßigkeit außen vorgelassen. Also lassen Sie die Kirche im Dorf und zeigen Sie der Gesellschaft, dass Ihre intellektuelle Brillanz der Gesellschaft nutzt.

  • Mit einem "natürlichen Kolben" wird's nicht einfach

    03.03.2011, Johann H. Addicks
    Auch wenn die Idee bestechend ist:
    Überschlagsmäßig halte ich es für unmöglich, so etwas mit einem "natürlich gewachsenen" Granit hinzubekommen.

    Dieser müsste komplett frei von Störungen sein, denn sonst droht der Kolben -im schlimmsten Fall- in zwei Teile zu zerreißen. Aber selbst wenn nur kleine Bruchstücke abplatzen: Es geht schließlich um eine Fläche von Abertausenden Quadratmetern.
    Spätestens wenn der Kolben 500m ausgefahren einen Winter überstehen muss, dann wird es Frostsprengungsrisse geben. Es wird nicht viel Bruch benötigen, um den Kolben zu verkeilen.

    Man könnte natürlich sagen "geben wir dem Zylinder einen Stahlbetonmantel.
    Ein Statiker mag das sicher rechnen können, aber ich schätze, dass dieses die Kostenrechnung über den Haufen wirft.
    Vermutlich wird es günstiger, wenn man den Zylinder komplett abträgt, also alles im Tagebau erstellt, einen ausgesteiften Stahlzylinder einsetzt, der dann mit dem Verbruch verfüllt (oder billigerem Material, weil man für den hochwertigen Granit einen Abnehmer gefunden hat).


    Andere Aspekt: Wie verhält sich dieses System bei einem Erdstoß, sagen wir der moderaten Stärke 4? Werden die als "Balancierkammern" genutzten Wassertanks oberhalb der Dichtungen die Kräfte so übergeben können, ohne dass der Kolben an der Wand anschlägt und bei dieser Gelegenheit die Dichtungen zermahlt?
  • Nicht glaubwürdig !

    02.03.2011, E.Kohls, Bernsdorf
    Wenn ich von Gutachtern, Experten und Fachleuten im Zusammenhang mit Rohstoffen, Ölkatastrophen und überhaupt im Zusammenhang mit Geld höre, denke ich sofort an Bestechlichkeit, Korruption und Abhängigkeit vom großen Zaster. Der Satz "Gutachter widersprechen dieser Interpretation zwar;....". erzeugt bei mir Übelkeit, weil man an die Integrität dieser "Spezialisten" schon lange nicht mehr glauben kann.
  • Ehrlichkeit im Wissenschaftsbetrieb

    02.03.2011, Dr. jur. Max Josef Weigl
    " Die Wissenschaft " gibt es nicht. Es gibt nur die Personen die im Wissenschaftsbetieb aktiv sind.
    Zu meinen Studienzeiten - in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts - war es durchaus üblich, daß die Herren Professoren meiner Fakultät die " schriflichen Ausarbeitungen, Untersuchungen usw. " ihrer Assistenten und HIWIs in ihren wissenschaftlichen Publikationen " verwerteten ", ohne daß jemals diese Hilfen in den veröffentlichten Publikationen auch nur mit Namen, geschweige denn mit dem Umfang ihres Beitrags genannt oder gelistet wurden. Das muß kein Plagiat sein, wenn und soweit diese "Vorarbeiten" nicht wörtlich übernommen werden. Korrekt ist es dennoch nicht; denn der Verfasser einer Publikation nimmt mit der Veröffentlichung in aller Öffentlichkeit für sich in Anspruch, der alleinige Urheber dieser geistigen Leistung zu sein. Das ist aber nicht der Fall.
    Ob es heute anders gehandhabt wird, weiß ich nicht. Dazu stehe ich seit vielen Jahren dem Wissenschaftsbetrieb viel zu fern.
    Eine solche Praxis färbt ab, leider nicht positiv. Überspitzt gefragt: Besteht denn ein großer Unterschied zwischen einem Plagiat und der Verwertung fremder geistiger Leistungen der " Wasserträger" - außer daß wegen der wörtlichen Übernahme trotz des fehlenden Fundstellennachweises das Plagiat mit heutigen Suchroutinen leicht bewiesen werden kann.
    Wenn ich einen Aufsatz lese mit nur einem Autor als Verfasser frage ich mich immer, welcher Umfang der geistigen Leistung der "Wasserträger" verschwiegen wird?
  • Hirnphysiologische Vorgänge sind nicht determinierbar

    02.03.2011, Wolfgang Gorisch, München
    Willensfreiheit, Handlungsverantwortung und Gewissen des einzelnen Bürgers sind sowohl Prämissen als auch Forderungen unserer offenen Gesellschaft. Sowohl die demokratisch bestimmten Gesetze als auch deren geregelte Durchsetzung sind sehr hohe gesellschaftliche Güter. Es muss deshalb kritisch hinterfragt werden, ob es sich bei der willensfreiheitsnegierenden Determiniertheitsthese, die derzeit durch die Blätter rauscht, nicht vielleicht um eine irrige szientistische Idee, wenn nicht sogar um eine Ideologie handelt. Dieser notwendigen Untersuchung gibt Pauen leider nicht den gebührenden Raum.

    Die Verfechter der Determiniertheitsthese müssen sich fragen lassen, welche Widerlegung sie denn akzeptieren würden. Es ist sogar zu fragen, ob sich diese These überhaupt widerlegen lässt. Ließe sie sich nicht widerlegen, dann hätte die hirnphysiologisch begründete Determiniertheitsthese weder für die Hirnforschung noch gesellschaftswissenschaftlich irgendeine Relevanz. Die philosophische Erörterung baute dann auf Meinung auf und nicht auf empirischen Fakten.

    Die Behauptung, jeder bewussten Handlung entspräche ein materieller hirnphysiologischer Prozess, ist nicht gut zu widerlegen. Die anschließende, viel weitergehende Behauptung, das Gewissen oder der freie Wille an sich seien immateriell, gehirnphysiologisch in den bekannten neuronalen Aktivitätsschemata nicht zu verorten und deswegen per se nicht vorhanden, oder wenn vorhanden, dann als Illusion, gehört entweder in die Kategorie Gottesglauben oder ist, als wissenschaftliche Behauptung aufgefasst, jedenfalls nicht belegt. Ich weiß natürlich, dass die ideologische Position nicht zu erschüttern ist. Mein folgender Kommentar geht von der wissenschaftlichen, kritisierbaren Position aus.

    Die These von der Determiniertheit der hirnphysiologischer Vorgänge ist bis heute kein gesichertes wissenschaftliches Wissen. Zur Prüfung: Sucht man nach einer empirischen Methode, wie man die Determiniertheitshypothese überprüfen könnte, dann müsste man erheben, wie Menschen unter bestimmten gleichen Anfangsbedingungen handeln. Ergeben sich identische Handlungsweisen, dann könnte man auf Determiniertheit schließen. In der Tat gibt es eine Fülle psychologischer Forschungen zu Handlungsmaximen. Die Identität der Handlungen wurde jedoch nie überzeugend bewiesen. Schon bei wenigen Nachweisen von Handlungsvielfalt bei gleichen Anfangsbedingungen sähe es schlecht aus für die Determiniertheitsbehauptung.

    Hirnforscher erklären die Funktion des Gehirns letztlich mit biochemischen und biophysikalischen Gesetzen. Dieses reduktionistische Programm mag Erfolg versprechend sein, um manche Verhaltensweisen plausibel zu deuten, zugegeben. Es ist aber falsch, die prinzipielle hirnphysiologische Modellierbarkeit solcher Vorgänge mit Determiniertheit gleichzusetzen.

    Schon gar nicht die gesellschaftsrelevanten, nicht einmal die direkten Auswirkungen solcher hirnphysiologischen, letztlich physikalischen Vorgänge können je vorausbestimmt (determiniert) werden. Erstens verbietet die heisenbergsche Unschärferelation jegliche Voraussage im Einzelfall, selbst für ein einziges Elektron im Molekülverband (die eine Wellenfunktion, die geeignet sein soll, die Idee des Determinismus zu retten, ist meiner Meinung nach eine neuplatonische falsche Sichtweise). Zweitens verhalten sich rekursive, nichtlineare komplexe Systeme chaotisch. Das heißt, das Auftreten bestimmter makroskopischer Wirkungen ist in solchen Systemen nicht voraussagbar. Beim Gehirn handelt es sich nicht um ein einfaches System wie z.B. einen tropfenden Wasserhahn, der schon chaotisches Verhalten zeigt, sondern um eine vielfache Verschaltung von hundert Milliarden Nervenzellen. Ionenkanäle öffnen und schließen sich. Schwärme von Ladungsträgern werden periodisch ausgetauscht, triggern und behindern solchen Austausch an anderer Stelle. Zahllose Leitungsbahnen verbinden das Gehirn mit Millionen Sinneszellen. Zahllose Muskelzellen werden aktiviert oder gebremst. Das alles ist bekannt. Hier von Determiniertheit zu sprechen, halte ich schon für recht ‚mutig’.

    Insofern sieht das Gehirn eher wie ein extrem erratisches System aus. Jedoch: Faktisch ist das Gehirn nicht erratisch, denn offenbar sind seine körperlichen Auswirkungen bei Weitem nicht beliebig, der Mensch ‚flimmert’ nicht. Also: Wie hat es die Evolution geschafft, die jederzeit fast unendlich vielen möglichen individuellen Handlungsvarianten auf sinnvolles, vielleicht sogar intelligentes, problemlösendes Handeln so einzuschränken, dass das Überleben des Individuums und letztlich die Weitergabe der Gene möglich ist? In Wirklichkeit geht es meiner Auffassung nach also nicht um positive handlungsdeterminierenden Regeln oder Abläufe im Gehirn, sondern um seine negativen Diskriminierungsstrategien oder Mechanismen, welche die fast unendlich vielen Handlungsvarianten aussieben, so dass zu jedem Zeitpunkt ein einziges Handlungskonzept übrig bleibt, nämlich dasjenige, das momentan zur Wirkung kommt.

    Viele Wissenschaftler akzeptieren das Emergenzprinzip. Dieses besagt, dass komplexe Systeme in der Lage sind, neue überraschende, d.h. vorher unbekannte und aus den Systemregeln nicht ableitbare Effekte oder Phänomene entstehen zu lassen (z.B. Geld und Vertragsrecht in Handel treibenden Gesellschaften). Eine wichtige emergente Eigenschaft des Gehirns ist der Einbezug von Metaebenen in dessen Abbildungsleistung. Dazu gehören die Ich-Wahrnehmung als denkendes Wesen und als Körper, die Abstraktionsfähigkeit, das Lernen, das das Ich einbezieht, die Fähigkeit zur Entwicklung von Theorien einschließlich der Theorien über den Menschen und sein Gehirn, die Kreativität im Allgemeinen, die Empathiefähigkeit, das Gewissen, d.h. die Reflexion und Wertung der eigenen Handlung, die Möglichkeit, in abstrakten Begriffen zu denken, von denen der Wahrheitsbegriff vielleicht einer der abstraktesten ist, zu denen aber auch Begriffe gehören wie Ehre, Moral, Recht, Gerechtigkeit, Strafe usw., nicht zu vergessen die ganze Welt von Hemmungen und Antrieben. Selbstverständlich dann auch die Verschmelzung all dessen zum freien Willen, unter Einbezug und Bewertung von äußeren und inneren Beschränkungen, das alles unter dem Einfluss von unbewussten und bewussten Gefühlen. Die Möglichkeit, dass im menschlichen Gehirn Raum ist für die emergente Fähigkeit zur Selbstbestimmung ist nach meiner Meinung sehr viel plausibler als die willkürliche und durch nichts belegte Negierung dieser Möglichkeit.

    Dem Gedanken, dass das Gehirn in der Lage ist, mehrere Metaebenen zugleich zu verarbeiten folgt konsequenterweise der Gedanke, dass sich die Handlungssteuerung ebenfalls auf mehreren Ebenen gleichzeitig abspielt, von der Expression des Willens bis hinunter zur Muskelzell-Enervierung.

    Die Determiniertheitshypothese stellt sich mir letztlich nur als eine grob simplifizierende Vorstellung dar, wonach die menschliche Handlung nichts anderes ist als das Resultat einer mechanistisch bestimmten linearen Reiz-Wirkungs-Kette des Großhirns. Weder berücksichtigt sie die prinzipielle Nichtdeterminiertheit dieser Vorgänge überhaupt, noch gibt sie den reflexiven und emergenten Eigenschaften des hochkomplexen Systems Gehirn den Platz, den sie verdienen. Deren philosophische Behandlung im vorliegenden Text greift deshalb bezüglich der Selbstbestimmung viel zu kurz, sogar ohne überhaupt Nennenswertes zu diesem Begriff auszusagen. Es überrascht dann auch nicht, dass Pauen in den zwei letzten Abschnitten dieses Artikels („Halten wir also fest: …“) außer Gemeinplätzen zur Selbstbestimmung nichts wirklich Interessantes festhält. Enttäuschend.
  • ...wie in den Niederlanden, so in Schweden

    02.03.2011, Uwe Zimmermann, Uppsala
    ...abgesehen davon, daß Doktortitel im Ausland in der Regel nicht Bestandteil des Namens werden, und z.B. nicht als schmückendes Beiwerk im Pass auftauchen, so überwiegt wohl die Heranziehung externer Gutachter.

    Hier in Schweden gibt es mit dem Doktortitel keine Schulnoten (auch nicht auf Latein). Der Doktor allein zeigt, daß man etwas selbständig erarbeitet hat. Naturwissenschaftliche Dissertationen bestehen in der Regel aus einer vergleichsweise kurzen Einführung (ca. 100 Seiten), gefolgt von 5-10 beigefügten Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften und Konferenzen, die also bereits zuvor durch externe und unabhängige Stellen begutachtet worden sind.

    Abgeschlossen wird die Promotion durch eine Disputation vor einem externen Opponenten, der die Arbeit vor einem öffentlichen Publikum im Dialog mit dem werdenden Doktor durchgeht, der aber selbst kein Stimmrecht besitzt. Auch der Betreuer oder Professor des Doktoranden hat keinen direkten Einfluß, stattdessen wird über Werden oder Nichtwerden des Doktors durch eine Kommission aus 3-5 Gutachtern unterschiedlicher Herkunft - vor allem nicht aus derselben Arbeitsgruppe - entschieden. Und hier gilt einzig und allein das Urteil "Bestanden" oder "Durchgefallen".

    Letzteres kommt wohl außerordentlich selten vor, weil man die Kommission und den Opponenten erst dann einlädt, wenn man sich der Qualität der Doktorarbeit schon recht sicher ist.

    Uwe Zimmermann, Uppsala
  • Schaden für die Wissenschaft

    02.03.2011, Dr. H. Ullrich
    Berechtigt zeigt sich die Gemeinschaft der Wissenschaftler bestürzt über die Art und Weise, wie einige Zeitgenossen zu ihren akademischen Weihen gelangen.

    Aber genauso entzetzt sollten wir sein, wenn wir solch enstellende Überschriften lesen, die dem spannenden Befund einer Korrelation der Zapfenanordnung auf der menschlichen Netzhaut und den lokalen Lichtverhältnissen vorangestellt wurde: "Afrikas Licht beeinflusste unsere Augenevolution".

    Die Autoren in PLoS beschreiben einen Tatbestand, wie er sich aktuell vorfindet und nicht im geringsten, wie es zu diesem gekommen ist. Erst wenn Letzteres geklärt ist, sollte man die hier leider auch nur als plakativ zu wertende Überschrift dem geneigten Leser anbieten.

    Man kann der Wissenschaft nicht nur durch falsche Titel sondern u.a. auch durch ungedeckte Überschriften schaden.
  • Endlich eine Erklärung!

    02.03.2011, Hugo Bender, Edegem, Belgien
    Mit viel Vergnügen habe ich diesen Artikel gelesen. Am 19. September 2007 fotografierte ich selbst einen Eiszapfen in der Nähe des Maessersee im schweizerischen Wallis (siehe Bild). So etwas hatte ich vorher nie gesehen. In unserer Mineralienzeitschrift "Geonieuws" (Ausgabe 33(6), Juni 2008, www.minerant.org), die der Mineralogische Kring Antwerpen herausgibt, hatte ich das Foto veröffentlicht (auf der letzten Seite). Damals hatte ich mich gewundert, wie so ein Gebilde wachsen kann - in einem kleinen Wasserbecken auf einem Stein inmitten einer Wiese nach nur einer kalten Nacht!

    Jetzt konnte ich die Erklärung lesen, vielen Dank dafür!

  • Nach oben wachsender Eiszapfen

    02.03.2011, Dr. Helen Wider, Wettingen, Schweiz
    Vor rund zwei Wochen habe ich auch einen Eiszapfen beobachten können, der gegen oben wuchs. Er wuchs aus einer gelochten Abdeckung eines Pfostens heraus. Da ich nur ein Handy bei mir hatte, ist die Bildqualität begrenzt.

  • Software und Hardware des menschlichen Geistes

    02.03.2011, Paul Kalbhen, Gummersbach
    Wenn Albert Newen behauptet: "Der Geist ist untrennbar an Materie gebunden und seine Existenz unabhängig vom Körper eine pure Fiktion", so meint er damit doch nichts anderes, als dass die "Software" des menschlichen Geistes in der "Hardware" des menschlichen Gehirns fixiert ist. Doch wo bleibt dann Platz für einen eventuellen "informationstechnischen" Hintergrund, nämlich die Intelligenz des Progammierers?
  • Bei Gärtnern seit Urzeiten bekannt

    02.03.2011, Ernst Schwemmer, Heidelberg
    Der Verfasser schreibt: "Auch Untersuchungen der in Deutschland verbreiteten Regenwurmart Lumbricus terrestris wären noch wünschenswert." Ich halte sie aber für überflüssig, denn alles was der Autor herausgefunden hat, ist bei uns den Gärtnern und Anglern seit Urzeiten bekannt.

    Zwei Möglichkeiten sind noch nicht genannt. Das Herausziehen von kleinen Unkräutern mit ihren Wurzeln zwischen den ausgesäten Kulturpflanzen veranlasst die Würmer ebenfalls schnell an die Oberfläche zu kommen. Angler dagegen benutzen zwei Eisenstäbe und eine Autobatterie, eine sehr gefährliche Methode, schnell viele Regenwürmer zu sammeln!
  • Wer bin ich? – Lückenhaft

    02.03.2011, Kinseher Richard, Kelheim
    Der Beitrag ´Wer bin ich?´ ist hervorragend geschrieben geht aber leider nicht auf wichtige Fragen ein:
    Wie lange dauert ein Ich? Wodurch entsteht das Gefühl einer dynamischen Kontinuität des Ich-Gefühles?

    Hier lohnt es sich, im Buch ´Grundlagen tibetischer Mystik, (von Lama Anagarika Govinda, Fischer Taschenbuch, Ausgabe August 1975) nach zu lesen: Darin wird die Idee eines Ichs als Illusion betrachtet, da (Zitat:) "... dass die Lebensdauer eines Lebewesens genau genommen nicht länger sei als die Dauer eines Gedankens".

    Die dynamische Natur, welche das Gefühl einer anhaltenden Ich-Kontinuität erzeugt, entsteht demnach erst dadurch, dass dauernd (im Gedächtnis gespeicherte) Erfahrungen (als Abfolge von Gedanken) bei Bedarf ins Wachbewusstsein treten.
  • Im Ausland inspirieren lassen

    02.03.2011, Stephan Schleim, Groningen
    An unserer Universität (Groningen, Niederlande), beruft der Betreuer ("Promoter") eine Promotionskommission ein, die die Arbeit prüft. Geht es um die Verleihung des Prädikats (hier schlicht "cum laude"), muss sogar eine zweite Kommission eingeschaltet werden. Ich denke, das ist in den Niederlanden so üblich. Die Arbeit muss daraufhin übrigens nicht erst publiziert werden; nach der Verteidigung wird sofort die Urkunde verliehen.

    Ein Kollege aus Großbritannien erzählte mir, an ihrer Universität seien akademischer Arbeitgeber und Gutachter der Promotion nicht identisch.

    Natürlich kann es sehr schön sein, von jemandem promoviert zu werden, mit dem man lange zusammen gearbeitet hat. Im Fall zu Guttenbergs hat das persönliche Betreuungsverhältnis aber wohl dazu geführt, dass die Arbeit nicht kritisch genug untersucht wurde. Auch für den Doktoranden kann es im Konfliktfall unangenehm werden, von Chef und Doktorvater/-mutter in Personalunion abhängig zu sein.

    Mein Eindruck ist übrigens, dass die Promotion gerade auch in den Naturwissenschaften mehr und mehr zu einer bloßen Formalität wird. Die kumulative Zusammenstellung mehrerer Arbeiten von mehreren Autoren kommt der Publikationspraxis in Journals entgegen; die Doktorarbeit ist dann aber nicht mehr das eine große Werk eines jungen Forschenden, das es einmal war. Wenn in der zukünftigen akademischen Laufbahn der Doktorgrad selbst keine Rolle mehr spielt, sondern man nur anhand seiner akademischen Vita (Publikationen, Drittmittel, Lehre, …) bewertet wird, dann verändert sich der Charakter der Promotion vielleicht zunehmend. Welche Rolle spielt sie dann noch?
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