Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Verhindern kann man derzeit weltweit so gut wie keine Anwendung wissenschaftlicher Ergebnisse

    20.01.2012, E.Bieski
    Man kann ja trefflich über die Anwendung wissenschaftlicher Ergebnisse und deren Umsetzung oder Verhinderung streiten. Auch ob sie gut oder böse sind. Dadurch wird diese Umsetzung aber nicht verhindert. Man selber schließt sich nur von der Weiterentwicklung aus, die dann von anderen und unter Umständen noch weniger kontrolliert weiterentwickelt, angewendet und letztendlich auch für uns nicht abwendbar auf uns zukommt. Wie Erfahrungen zeigen, verhindern kann man so etwas global jedenfalls derzeit nicht. Wer aber auch nicht auf dem Gebiet mitarbeitet, verliert den Anschluss und damit auch mögliche Einflussnahme.
  • Wissenschaftstheorie

    19.01.2012, Joachim Blechle
    Ein interessanter und aufschlussreicher Beitrag!
    Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich viele der Wissenschaftstheoretiker ausschließlich damit beschäftigen, aus Hieroglyphen und Zahlenkolonnen zu lesen, wie Wahrsager aus dahingeworfenen Knochen. Den Wissenschaftstheoretikern fehlen drei wesentliche Voraussetzungen:
    Sie sind nicht in der Lage –
    1. durchs Fernrohr von Galileo Galilei zu schauen,
    2. ein weißes Blatt Papier zu beschreiben und
    3. zu akzeptieren, was ein Dritter sieht.
    (Ich möchte hier nur anmerken, dass das nicht voll umfänglich wörtlich zu verstehen ist!)
    Da kann man auch nicht zu den in diesem Beitrag in Rede stehenden gewünschten Erkenntnissen kommen, z. B. welcher physikalische Mechanismus hinter der Trägheit der Masse steckt oder wie viele Dimensionen das Universum besitzt.
    Joachim Blechle
  • Sauber argumentieren und überzeugen

    19.01.2012, Dr. Karl-Heinz Klär
    Das Problem, das sich hier auftut, wird nicht gelöst durch Empörung und starke Worte, sondern allein durch saubere Analyse und eine achtbare Kommunikation in der Öffentlichkeit.

    Zwei Hinweise.

    Ökonomie: Die stärksten Widerstände gegen den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen stützen sich nach meiner Erfahrung und Einschätzung in der Europäischen Union schon seit Längerem nicht mehr auf fachliche, pseudofachliche oder ideologische Raisonnements, sondern auf ... ökonomische. Nehmen Sie die Toskana. Dort ist der Widerstand gegen gentechnisch veränderte Organismen nahezu 100 Prozent. Warum? Weil die Marke "Toskana" in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit (nicht nur Italiens) das gerade Gegenteil von Gen-Food ist und ums Verrecken nicht gefährdet werden soll.

    Risiko: Ich verbinde mit der grünen Gentechnik ein kleineres Risiko als mit Mutation und Selektion im evolutionären Prozess. Bei der roten Gentechnik bräuchte ich trotz positiver Einstellung zwei, drei Sätze mehr, um meine Haltung zu beschreiben und zu begründen. Was dagegen die so genannte friedliche Nutzung der Atomenergie durch Atomspaltung anlangt: Ich bin nachweisbar seit Anfang der 1970er Jahre ein scharfer Gegner dieser Art der Energiegewinnung.

    Warum erwähne ich das? Weil es in die Irre führt, Debatten wie z. B. die zur grünen Gentechnik unter einem allgemeinen Rubrum wie "Risiko", "Risikoabneigung", "Risikoscheu" etc. anzustrengen und weltanschaulich aufzuladen. Es ist nicht wahr, dass es in der gesellschaftlichen Debatte sinnvollerweise um DIE Risiken der technischen Entwicklung gehen könnte. Sinnvollerweise kann es immer nur um je spezifische Risiken und um damit verbundene Argumente gehen.

    Wenn alle Leute, denen dies nach ihrer Ausbildung einleuchten müsste, sich an die Regeln des sauberen Argumentierens hielten, wäre etwas für die öffentliche Diskussion gewonnen.
  • Angst kann auch gefährlich sein

    19.01.2012, Norbert H. Burchartz
    Ich kann den zuerst erschienen Kommentaren nur zustimmen. Als Lehrer muss ich schon seit Jahren beobachten, dass sich Schülerinnen und Schüler immer häufiger von den Natuwissenschaften, insbesondere von Chemie und Biochemie, abwenden und auch kaum noch einen Gedanken daran verwenden, ein solches Fach zu studieren. Wenn sich hier in der Gesinnung unserer Bevölkerung nicht schnell etwas ändert, gehen vielleicht doch die Lichter aus.
  • Wohl der Menschheit? Profitinteressen der Konzerne!

    19.01.2012, Gerhard Pahl
    Sehr geehrter Herr Willmitzer,

    nach meiner Überzeugung dient die Forschung in der Grünen Gentechnik nicht dem Wohl der Menschen sondern der Profitmaximierung von Konzernen – und so lange das so ist, bin ich entschieden für null Toleranz und Umkehrung der Beweislast im Falle von Schädigungen durch GVO-Anbau und -Verwendung!

    Bestes Beispiel ist Monsanto (No food shell be grown that we don’t own), ein Konzern, der mit kriminellen Mitteln versucht, Umweltskandale (Dioxin) zu vertuschen, Farmer mit angeblichen Lizenzrechtsverletzungen zu erpressen und ggf. in Konkurs zu treiben, Kleinbauern in Entwicklungsländern von seinen Patenten abhängig zu machen und die Öffentlichkeit über die Eigenschaften seiner Produkte zu belügen. Und das in den USA dank guter Lobbyarbeit mit Unterstützung aus der Politik, z.B. durch zwei Generationen Bush!

    Und wo liegen derzeit die Vorteile für die Menschen? Die Roundup-Ready-Technologie führt zu verstärktem Einsatz des Totalherbizids, dessen Grundwasserneutralität stark angezweifelt werden muss. Auch die Unschädlichkeit von BT-Mais im Tierfutter darf angezweifelt werden. Und seit bekannt ist, dass miRNAs aus der Nahrung Auswirkungen auf den Stoffwechsel des Konsumenten haben (können), wird ein weiteres Risikopotenzial von GVOs in Nahrungsmitteln offenkundig. Auf Naturschutzaspekte durch Monokulturen will ich hier gar nicht weiter eingehen.

    Auf die Unehrlichkeit des Kennzeichnungsverfahrens weisen Sie in Ihrem Beitrag zu Recht selbst hin. Aus meiner Sicht ist auch das das Ergebnis von erfolgreicher Lobbyarbeit und durch sonst nichts gerechtfertigt als durch Profitinteressen.

    Nicht verkennen darf man meines Erachtens aber auch die Chancen, die die Gentechnik eröffnet: Sie nennen die gentechnische Herstellung von Insulin, und man könnte zahllose Beispiele ergänzen wie Medikamente für Bluter, aber auch Zusatzstoffe für die Lebensmittelgewinnung (z.B. Lab). Der entscheidende Unterschied ist aber der, dass es hier – verantwortungsbewusste und optimal kontrollierte Produktionsbedingungen vorausgesetzt – zu keiner Freisetzung von GVOs kommt, sondern nur das naturidentische Genprodukt zur Anwendung kommt.
  • Es fehlt eine allgemeine Theorie der Physik

    19.01.2012, Bernhard Kaczmarek
    Es stimmt, oft wird Physik sehr unkritisch dargestellt. Die Natur benutzt keine Mathematik, die Physik nur. Die heutige Physik kann die Natur nicht erklären, es fehlt etwas. Die Lösung liegt versteckt in den beiden Formeln von Einstein und Planck.
  • Guten Tag, Europa!

    19.01.2012, Philipp K.
    Die Frage ist, abgesehen von den ökonomischen Interessen, die dahinter stehen, warum wir in Europa respektive im Rest der Welt die grüne Gentechnik überhaupt brauchen. Der Vergleich mit der weißen/roten Gentechnik ist insofern völlig unzulässig als das diese nach wie vor in geschlossenen, kontrollierbaren Systemen stattfindet.

    Die ökologischen Konsequenzen von freigesetzten und sich möglicherweise auskreuzenden Bt-Genen dürfen auch die "Öko"-Skeptiker nicht aus den Augen lassen. Außerdem ist es auch Faktum, dass gerade in den Entwicklungsländern, die ja laut Monsanto & Co. so von eben diesen Technologien profitieren, tödliche Abhängigkeiten entstehen (von der Terminatorsorte bis zur Bodenverarmung).

    Ich bin selbst in der Molekularbiologie tätig, also sicher kein polemischer "Ökofritze", und stehe als Kritiker auch in meinem Fach nicht alleine da. Ich sehe die hierzulande herrschende Skepsis gegenüber der grünen Gentechnik auch nicht als "blindwütige Verteufelung" sondern eher als zivilgesellschaftliche Entwicklung: nicht alles schlucken was einem als "toll" verkauft wird!

    Was den Herrn Siegler angeht, würde mich interessieren an welche "Gestaltungsmöglichkeiten" er denn denkt... Die technologischen Vorteile sind nach wie vor umstritten, und ebenso kaum je unabhängig geprüft worden.
  • Ein Modell ist immer fehlerhaft

    19.01.2012, Wojciech Morawiec
    Die Physik lehrt uns, die Welt um uns herum in Modellen zu erfassen und diese Modelle je nach Bedarf zwischen einfach und unlösbar zu skalieren. Dieses Bild wurde mir an meiner Universität zumindest in den bisherigen fünf Semestern beigebracht. Möchte man genau sein, war der abschließende Satz der meisten Theorien, Gleichungen und Formulierungen: "Dies ist nur eine Näherung, die per definitionem inhärent unvollkommen ist."

    Deshalb kann ich dem Autor zumindest in dem Punkt widersprechen, den Studenten würde das Bild einer vollkommenen und exakten Physik vermittelt. Auch wenn dies möglicherweise in den ersten (beiden) Semestern der Fall sein kann, geschieht es doch aus rein didaktischen Beweggründen, die das Ziel haben, die Anwendung des stets strikten mathematischen Apparates an physikalischen Systemen darzustellen.

    Dass die exakte Mathematik die inexakte reale Welt nie genau beschrieben können wird, ist, so denke ich, den meisten Physikstudenten klar. Für mich macht das Übergehen kleinerer und größerer Fehler einer Theorie gerade die Physik aus, deren Modelle immer fehlerhaft sein werden.
    Übrigens, selbst wenn man bei einem Pendel den Faden mit einer Feder ersetzt, ist dieses System unter Anwendung des erwähnten Lagrange-Formalismus keine so schreckliche Aufgabe, wie der Text andeutet. ;)
  • Bewundernswert

    19.01.2012, Jörg Wagner
    Die Statements von Herr Voland sind von einer Präzision und geistigen Klarheit, die mich begeistert. Danke für diesen hochwertigen Beitrag.
  • Gute Nacht, Europa

    19.01.2012, Axel Siegler
    Gerade die vollkommen irrationale und blindwütige Verteufelung der Gentechnik zeigt aufs Neue, dass die heutigen Ökoquisatoren kaum weniger borniert sind als die damaligen Inquisitoren. Letztlich verbirgt sich hinter der strikten Ablehnung der menschlichen Gestaltungsmöglichkeiten unter naiv-verlogener Heiligsprechung der Natur nichts anderes als nackte Misanthropie. Ein weitere Episode des zivilisatorischen Rückfalls hierzulande in Richtung Neandertal!
  • Mehr Information dringend nötig!

    19.01.2012, Jimmy
    Leider besteht in weiten Teilen der Bevölkerung - wahrscheinlich als Ergebnis einer oft unsauberen, unvollständigen oder polemischen Berichterstattung - eine sehr emotionale und nicht auf Fakten begründete Angst vor jeder Form von Gentechnik. Eine umfassende, objektive und verständliche Berichterstattung wäre erstrebenswert, damit da Thema Gentechnik nicht weiterhin für manipulative Aussagen in der Tagespolitik missbraucht werden kann.
  • Besser fragen: Warum glauben wir?

    19.01.2012, Winfried Faas
    Das Thema "Vernunft und Glaube" ist durchaus auch ein Thema, das meines Erachtens in Spektrum der Wissenschaft behandelt werden sollte.

    Aber wie bereits mehrfach von vielen meinen Vorkommentatoren erwähnt wurde, ist es wissenschaftlich gesehen nicht zielführend, dieses aus der subjektiven Perspektive eines christlichen Theologen zu versuchen, der scheinbar nahezu blind für sämtliche anderen religiösen Strömungen ist, die es auf der Welt gibt, und Glaube auf ein christlich-religiöses Phänomen reduziert. Glaube ist keineswegs nur religiös! Es gibt einen Grund dafür, dass das kleine rote Buch Maos auch als Mao-Bibel bezeichnet wird, um nur ein Beispiel zu nennen!

    Und es ist weiter historisch belegt, dass ein einziger Glaube in einer Gesellschaft eher die Norm war und ist. Religiöser Pluralismus war - um es verkürzend und damit nicht ganz korrekt auszudrücken - meist nur ein vorübergehendes Phänomen. Da ich hier ja gerade nur ein Kommentar schreibe, bitte ich diese sehr vereinfachende Verkürzung zu entschuldigen.

    Die religiöse Vielfalt, die es in der Menschheitsgeschichte gab und gibt, ist enorm und in der neueren Geschichte kamen auch einige ideologische Glaubensysteme hinzu. Nun die Unterschiede aufzuzählen und zu erfassen, die die einzelnen Religionssysteme und sonstigen Glaubenssysteme ausmachen, würde die Frage, wieso Menschen glauben, kaum erklären können und dennoch Bibliotheken füllen.

    Was allen Systemen aber gemeinsam ist, ist der Glaube, der aber gar nicht als Glaube angesehen wird, sondern als Selbstverständlichkeit (um es in den Worten der vieler Christen auszudrücken Glaubenswahrheit ist) und Glaube war und ist die Norm in menschlichen Gesellschaften und nicht die Ausnahme.

    Die Frage, die mich interessieren würde ist daher: "Wieso glauben wir?" Die Thesen und Theorien von Verhaltensforschern, Psychologen und Ethnologen abzufragen und zu veröffentlichen, die eine Antwort auf diese Frage geben könnten, würde meines Erachtens zu Artikeln in Spektrum der Wissenschaft führen, die dieser Zeitschrift angemessen sind.
  • Glaube vs. Vernunft

    19.01.2012, Jakob Thomsen
    Jedes Mal, wenn das Thema "Glaube" auftaucht, überlege ich, ob ich mein "Spektrum der Wissenschaft"-Abonnement kündigen soll. Dann überlege ich mir, dass ich Spektrum seit über fünfzehn Jahren lese und dass ich die anderen, guten Artikel sehr vermissen würde. Ich versuche es also mit konstruktiver Kritik.

    Wenn das Thema "Glaube" schon drankommt, dann wäre es interessant, es wirklich wissenschaftlich zu untersuchen. Also zum Beispiel Neurologen und Psychologen zu Wort kommen zu lassen: Was passiert im Gehirn, wenn jemand an etwas glaubt? Gibt es so was wie ein "Glaubenszentrum" im Gehirn? Welche psychologischen Mechanismen wirken? So fällt zum Beispiel auf, dass das Positive in der Welt einer höheren Macht zugeschrieben wird, das Negative dagegen den Menschen. Wie kommt es zu dieser Spaltung?

    Interessant wäre auch die evolutionäre Sicht: Ist "Glaube" ein evolutionärer Vorteil oder das psychische Äquivalent zum Schnupfen, also eine lästige aber meist harmlose Fehlfunktion des Gehirns, deren Ursache darin liegt, wie unser Gehirn die Welt abbildet? "Simuliert" unser Gehirn etwa alle Objekte mit demselbem Mechanismus, als "Aktoren" mit bestimmten Zielen und Absichten, egal ob es sich um Menschen, Tiere, Steine oder Götter handelt?

    Interessant fand ich im Artikel den Ansatz zu versuchen, das Glaubenssystem widerspruchsfrei zu machen. Etwas, was nicht mit experimentellen Mitteln fassbar ist, mit mathematischen Mitteln zu untersuchen, erscheint sinnvoll. Die Mathematik, als Wissenschaft aller Muster und Strukturen, bietet vielleicht auch hier passende Werkzeuge an. Was mir hier fehlt, ist ein konsequentes Vorgehen. Bevor die "Arena" zur Diskussion "Glaube versus Vernunft" eröffnet wird, ist es notwendig, erst einmal die grundlegenden "Spielregeln" aufzustellen.
    (1) Analog zum antropischen Prinzip ließe sich festlegen, dass ein Glaubenssystem sich an die Logik bzw. Mathematik halten muss. Nicht, weil die Logik über "Glaube" steht, sondern weil wir sonst von Anfang an aufgeben müssten überhaupt darüber zu reden. Insbesondere gilt das mathematische Werkzeug "Beweis durch Widerspruch".

    Das reicht leider erfahrungsgemäß nicht aus, da in glaubensbezogenen Diskussionen oft "Logikfouls" auftreten. Vielleicht wäre ein logisch/rhetorisch gewandter Linguist hier gefragt, der übliche Fehler und Tricks aufzeigt und analysiert. Beispiel: Beliebt ist etwa, die implizierten Voraussetzungen zu wechseln, z. B. einen Gott mal als "allmächtig" darzustellen (erschafft die Welt, die Naturgesetze, das Jenseits etc.), anderseits als hilflos den Umständen ausgeliefert (muss hilflos mitansehen, wie die Menschen Übles tun). Begründet wird dies oft mit folgender Verneblungstaktik: Man könne nicht wissen, ob Allmächtigkeit oder Hilflosigkeit zutreffen.

    Daraus folgt die nächste Regel:
    (2) Die unterschiedliche Szenarien dürfen nicht vermischt werden. Entweder wir befinden uns im Szenario A, "dauerhaft allmächtiger Gott" oder im Szenario B "dauerhaft hilfloser Gott". Besteht jemand darauf, A und B zu kombinieren, eröffnen wir das Szenario C "variabel-mächtiger Gott" usw. Es können beliebig viele Szenarien sein, wichtig ist nur dass klar ist, über welches wir gerade sprechen. In diesem Beispiel gehört etwa die Formulierung "Gott lässt Leid zu" ins Szenario B oder C, die Formulierung "Gott verursacht Leid" hingegen in A oder C.

    Ein weiteres verbreitetes "Foul" besteht darin, dass Widersprüche mit der Frame "warum?" oder dem Verweis auf ein "tiefes Geheimnis" verschleiert werden. Hier die Funktionsweise an einem trivialen (mathematischen) Beispiel:
    Behauptung: Es gibt nur endlich viele natürliche Zahlen.
    Überlegung: Wenn n die größte Zahl wäre, ließe sich n + 1 bilden.
    Dieser Widerspruch zur Behauptung lässt sich nicht "reparieren". Weder durch die Frage "warum gibt es n + 1?" noch durch die Aussage "n + 1 ist ein tiefes Geheimnis". Die Behauptung ist ganz einfach und für immer widerlegt.
    Das führt zu folgender Regel:

    (3) Tritt in einem Szenario ein Widerspruch auf, so ist dieses Szenario damit ein für alle Mal erledigt, d. h. diese spezielle Kombination von Voraussetzungen existiert nicht. Dieses Szenario lässt sich nicht "reparieren". Man kann nur versuchen, eine oder mehrere Voraussetzungen zu ändern. Damit entwirft man aber ein neues Szenario, d. h. Schlussfolgerungen aus dem widerlegten können nicht ungeprüft übernommen werden. Stellt sich heraus, dass eine Voraussetzung in sich widersprüchlich ist, so sind alle Szenarien, die diese Voraussetzung enthalten, ungültig. Diese Regel scheint oft missachtet oder missverstanden zu werden, daher hier einige Beispiele:

    Beispiel: der Allmächtigkeitsbegriff. Kann irgendetwas allmächtig sein? Angenommen X wäre allmächtig. Dann könnte X einen Gegenstand erschaffen, den nichts (auch X selbst) niemals verändern (z. B. zerstören) kann. Kann X so einen Gegenstand nicht erschaffen, so ist X trivialerweise nicht allmächtig. Gelingt es X anderseits so einen Gegenstand zu schaffen, so ist X auch nicht allmächtig, denn dann gibt es etwas, das X nicht kann: diesen Gegenstand verändern. (Erschafft anderseits X so einen Gegenstand und kann ihn doch verändern, so hat X "geschummelt": der Gegenstand war nicht unveränderbar). Alle Szenarien, die als Annahme einen allmächtigen Akteur voraussetzen, sind also hinfällig. Für jedes der betroffenen Szenarien (z. B. A, C, ...) können wir nur eine modifizierte Version (z. B. A', C', ...) untersuchen, die dann z. B. den Begriff "allmächtig" etwa durch "sehr mächtig" ersetzt.

    Ein komplizierteres Beispiel:
    Immer wieder wird der "freie Willen" ins Spiel gebracht. Der Begriff ist umstritten und nicht richtig definiert. Unterscheiden wir daher zwischen mehreren Typen "freien Willens", die es geben könnte: der "starken" und schwachen" Variante. "Starker" freier Wille besagt, dass eine Entscheidung nur frei ist, wenn sie nicht vorhergesagt werden kann. Könnte man sie vorhersagen, so wäre sie festgelegt und nicht mehr frei (könnte man sie entgegen der Vorhersage ändern, so wäre es keine richtige Vorhersage). "Schwacher" freier Wille würde dagegen akzeptieren, dass eine Entscheidung festgelegt bleibt auch wenn neue Informationen, hier eben in Form der Vorhersage des Verhaltens, eintreffen. Kombinieren wir das mit dem Begriff "Allwissenheit", so zeigt sich, dass "Allwissenheit" nicht mit "starkem" freien Willen verträglich ist: Allwissenheit" beinhaltet das eigene Verhalten im Voraus zu kennen. Nur "schwacher" freier Wille ist mit "Allwissenheit" verträglich. Es gibt in dieser Art weitere einander ausschließende Voraussetzungen. Leider scheinen diese Zusammenhänge wenig beachtet zu werden.

    Eine Hypothese:
    Glaubensssysteme sind in sich notwendigerweise widersprüchlich. Aus einem Widerspruch kann bekanntlich alles gefolgert werden, und genau das ist wohl das Ziel. Die Widersprüche werden durch Denkverbote ("kein Bild machen!") geschützt oder als "Geheimnisse" und "tiefe Wahrheiten" verschleiert, bzw. hinter Fragen versteckt, um keine Konsequenzen daraus ziehen zu müssen "Aber WARUM gibt es diesen Widerspruch?". Widersprüche zu verstecken statt ihre Konsequenzen zu akzeptieren bringt darüber hinaus immer neue Konzepte als "Ausrede" hervor, wie z. B. den "freien Willen" (der dazu dient zu verschleiern, dass ein Wesen, das die Welt erschafft auch die Verantwortung dafür trägt) so dass das resultierende Gebilde weit komplexer erscheint, als es ist. Auch der "Sinn des Lebens" dient zu dazu, von etwas abzulenken: Der Tatsache, dass die (meisten) Menschen sich eine gute Welt wünschen, aber stattdessen eine Welt vorfinden, in der es auch Leid gibt. Es ist nicht der Zweck des Konstrukts "Sinn des Lebens", gefunden zu werden. Kein Leid wäre weniger schlimm, wenn klar wäre, "warum"/"wozu" es passiert! Die Suche nach dem Sinn lenkt schlicht davon ab, das die Welt nicht so ist, wie wir sie gerne hätten. Um es auf den Punkt zu bringen: Der "Sinn des Lebens" ist irrelevant! Im Grunde möchte jeder Mensch doch nur ein glückliches Leben leben.

    Fazit: wenn das Thema "Glaube" schon unbedingt im Spektrum vorkommen muss, dann wünsche ich mir eine Diskussion auf WISSENSCHAFTLICHEM Niveau!
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Thomsen, viele der Beispiele, die Sie diskutieren, und auch die Art, wie Sie sie diskutieren, sind vollkommen auf dem Niveau der heutigen analytischen Religionsphilosophie. Ihre Schlussfolgerungen sind aber manchmal etwas zu schnell. Das Allmachtsproblem mit dem unveränderbaren Gegenstand z. B. wird schon seit Jahren diskutiert. Die Lösung, die Ihnen entgangen zu sein scheint, ist, dass ein allmächtiges Wesen aufhören könnte, allmächtig zu sein. Dann kann es tatsächlich etwas Unveränderbares erschaffen – es muss nur zugleich seine Allmacht ablegen. Oder, eine andere Lösung: Etwas Unveränderbares zu erschaffen ist grundsätzlich logisch unmöglich, und zwar völlig unabhängig davon, ob ein Wesen allmächtig ist oder nicht. Logisch Unmögliches kann man aber von einem allmächtigen Wesen nicht fordern (oder Allwissenheit ist trivialerweise ein leerer Begriff)! Was Sie über die Unerträglichkeit von Widersprüchen schreiben hat meine vollste Zustimmung. Verstecken, Ausreden erfinden oder Ablenken sind nicht statthaft. D’accord. Deshalb hatte ich in meinem Artikel ja auch einige anscheinende Widersprüche sehr deutlich herausgestellt. Sie sollten den Theologen nur nicht pauschal unterstellen, sich vor den Problemen zu drücken. Bedenken Sie z. B., dass theologische Forschung im Durchschnitt etwas anderes ist, als das, was manches fromme, aber einfach gestrickte Blättchen so schreibt. Und auch die Frage nach dem „Sinn des Lebens“ so pauschal als Ablenkungsmanöver darzustellen, schießt wohl über Ihr Ziel hinaus. Das ist eine ernsthafte Frage, die Menschen umtreibt, ob sie nun religiös oder nichtreligiös sind! Schließlich ein letzter Punkt: Wenn Sie die mathematisch-logischen Methoden erwähnen, sollte auch klar sein, dass ein indirekter Beweis (=ein Beweis durch Widerspruch) NICHT erlaubt, auf die Falschheit aller, sondern nur auf die Falschheit mindestens einer Prämisse zu schließen (oder auf die inkompatible Formulierung der Prämissen). Man kann also mit Widersprüchen durchaus wissenschaftlich umgehen und sich z. B. fragen, welche der Prämissen man verwerfen muss oder wie man die Prämissen vernünftig umformulieren sollte. Es gibt darüber hinaus auch eine so genannte „parakonsistente Logik“ (Graham), die dem Faktum Rechnung trägt, dass wir in unseren Alltagsüberzeugungen oft beides haben: Widersprüche und logische Zusammenhänge.

    Christian Tapp
  • Deprimierende Entwicklung nicht nur für grüne Gentechnik

    19.01.2012, E. Bieski
    Leider scheinen die Deutschen ein wenig risikoreiches Völkchen zu sein. Das mag seine Gründe haben. Einer der Gründe liegt in den immer weniger vorhandenen biologischen und physikalischen Interessen und damit auch Kenntnissen breiter Bevölkerungsschichten. Das nutzen interessierte Kreise aus, um ihr eigenes Süppchen zu kochen. Man hat den Menschen ein Sicherheitsbedürfnis und dessen mögliche Erfüllung für alle Lebenslagen ja direkt suggeriert, obwohl in der Natur das Leben selbst mit den größten Risiken belastet ist.

    Durch diese Einstellung breiter Schichten wird technischer Pioniergeist und die Wissenschaftsforschung gerade für neue und noch nicht weltweit etablierte Grundlagen und Prozesse mehr und mehr nun auch nach außerhalb Deutschlands abwandern. Wen wundert es. Aber gerade diese Prozesse sind es, die vor allem unsere wirtschaftliche Zukunft mitbestimmen. Ohne Risiko keine Weiterentwicklung und kein Fortschritt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Auswirkungen klar erkennbar werden. Hoffentlich ist es dann nicht zu spät für Kurskorrekturen.
  • Deprimierende Entwicklung

    19.01.2012, Ulrich Heemann
    Ich finde es bezeichnend, hier die redaktionelle Einschränkung "Die Meinungen unserer Autorinnen und Autoren geben nicht unbedingt die Position der Redaktion wieder" eingefügt zu finden, die nach meiner Erinnerung auch in anderen Kommentarbeiträgen keineswegs immer beigefügt war.

    Verbirgt sich dahinter tatsächlich ein Meinungsstreit in der Redaktion (was diese Einschränkung rechtfertigen würde) oder ist es nur die gleiche Angst, die auch andere angesichts des zu erwartenden Widerspruchs einiger gesellschaftlicher Gruppen in solchen Situationen befällt und eine klare Positionsbeziehung oder - besser - substanzielle Positionsabwägung verhindert resp. diese nur einzelnen Vertretern überlässt.

    In jedem Falle würde ich mir (mit der Bitte, obige etwas polemische Fragerstellung nicht zu persönlich zu nehmen) wünschen, dass zur grünen Gentechnik endlich einmal eine fundierte Darstellung aller Argumente und Gegenargumente erschiene, die mit solcher Ernsthaftigkeit erstellt würde, dass niemand an dieser Zusammen- bzw. Gegenüberstellung und ggf. auch den entsprechenden politischen Konsequenzen vorbei käme. Mir ist dabei durchaus bewusst, dass hierzu in Ihrer (sehr guten!) Zeitschrift schon einiges zu diesem Thema erschienen ist, aber (nach meiner Erinnerung) eher punktuell.

    Mut!

    Mit freundlichen Grüßen,
    U. Heemann
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Heemann,

    vielen Dank für Ihre Zuschrift. Nach interner Diskussion sind wir zum Schluss gekommen, dass dieser Zusatz zukünftig bei allen Kommentaren standardmäßig erscheinen soll, gleich ob sie in der Redaktion erstellt oder von Gastkommentatoren geliefert werden (er wurde bereits nachträglich in einige Kommentare der letzten Zeit eingefügt).

    Ihre Anregung nehme ich ebenfalls dankend auf, dieses Thema brennt uns schon länger auf den Nägeln und sollte bald umgesetzt werden.

    Mit freundlichen Grüßen
    Daniel Lingenhöhl
    Redaktionsleiter Online