Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Träge Reizleitung kein Widerspruch zur Willensfreiheit

    15.03.2011, Walter Weiss, Kassel
    Wenn die Entscheidung zwischen mehreren Möglichkeiten schon zeitlich meßbar im Gehirn getroffen ist, bevor wir sie selbst formulieren und aussprechen/realisieren können, ist das allein durch träge Reizleitung ausreichend zu erklären und spricht nicht gegen Willensfreiheit.

    Dass eine Entscheidung nicht von äußeren oder inneren Zwängen abhängig sei, ist erkennbar eine Illusion. Was jeweils als Entscheidung herauskommt, ist wohl nicht nur so wenig multikausal bestimmbar wie das Wetter (sondern noch viel komplizierter), aber doch bei Kenntnis aller ermittelbarer Begleitumstände eingrenzbar - ohne dass auch dadurch eine Determiniertheit resultieren kann: Wir könnnen unmöglich das gesamte Geflecht der Begleitumstände kennen.

    Man braucht also - Gott sei Dank! - die opportunistische Überlegung einer 'Alltagsvorstellung' überhaupt nicht, um einen zurechnungsfähigen Menschen für eine falsche - strafbewehrte - Entscheidung/Handlung bestrafen zu können. Ganz abgesehen davon, dass die Einführung einer solchen 'Alltagsvorstellung' in eine wissenschaftliche Abhandlung ein Armutszeugnis darstellt.

    In diesem Zusammenhang: Die Strafbewehrung bestimmter Handlungen in einer menschlichen Gesellschaft ist stets und ausnahmslos eine menschliche Erfindung, also weder etwas durch Gene Bestimmtes noch eine naturwissenschaftlich begründbare Einrichtung. Eine solche Strafbewehrung ist in einer menschlichen Gemeinschaft zweckmäßig, gegebenenfalls sogar zwingend erforderlich.
  • Steinzeit-Picassos sind selten

    15.03.2011, Gerhard Rudolf, Bad Homburg v. d. Höhe
    Es muss wirklich nicht wundern, dass unsere Vorfahren abstrakt denken konnten. Schließlich konnte das schon deren Vorfahren, die Primaten. Wie man weiß, können die an die hundert abstrakte Zeichen unterscheiden, zuordnen und sich merken, wenn auch nicht tausende wie spätestens der antike Mensch. Im Memoryspiel damit sind sie sogar noch weit besser und schneller als wir, uns sie haben Spaß daran, wenn sie auch noch keines entwickelt haben. Sie kennen Überlieferung und räumlich und zeitlich variierende wie übergreifende Kultur. Man vergleiche die genetische Distanz, welche die Grundlagen der kulturellen liefert.

    Zwei weitere Rechnungen muss man aufmachen, nämlich Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Eine findet Erwähnung: Nur zu gern schließt man vom jeweils ältesten Fund auf das erste Auftauchen einer Neuerung. Der Fehler, den man dabei macht, entspricht dem Verhältnis der Menge gefundener Artefakt zur Summe der noch in der Erde schlummernden und der für immer verlorenen. Das andere betrifft deren Qualität. Picassos sind immer sehr selten, entsprechende Hinterlassenschaften also auch, während insgesamt einen große Menge anfällt. Von beiden Sorten gefunden werden je nach verstrichener Zeit immer weniger. Wie hoch wird die Wahrscheinlichkeit sein, dass in 30 000 Jahren ein Original-Picasso auftaucht, verglichen mit der irgendeiner Kritzelei? Diese Gemälde könnten Werke von Künstlern sein, die bei einem Schüler eines Steinzeit-Picassos zur lehre gingen. Kritzeleien, auch Handabdrücke, einfache Gravuren, Zeichen, Werkzeuge wie Musikinstrumente dürften wie heute auch schon Kinder angefertigt haben.

    Nach allem überrascht die Existenz eines prähistorischen Kodes kaum. Mehr schon weltweite Übereinstimmungen darin, die die Grafik zeigt. Folgte der Kode dem Weg Heyerdahls, der Beringstraße, oder ergeben sich einfache Zeichen durch Abstraktion? Das könnte unabhängige Entstehung erklären. Kombinationen aller Möglichkeiten sind denkbar. Auf jeden Fall aber muss man zwischen Sprache und Schrift unterscheiden. Schriftmerkmale können nicht »erste Anzeichen eines rudimentären Sprachsystems« sein.
  • Nicht platonisch, sondern archimedisch

    15.03.2011, Heinrich Bubeck, OStR. a. D., PH Weingarten
    Überraschend ist es schon, das {3,7}-Polyeder. Zum einen, weil es so schön konsequent die Folge

    {3,3} = Tetraeder
    {3,4} = Oktaeder
    {3,5} = Ikosaeder
    {3,6} = Ebenes Parkett mit regelmäßigen Dreiecken
    {3,7} = Zusammensetzung aus Ikosaedern und Oktaedern
    {3,8} = Zusammensetzung aus lauter Oktaedern

    weiterführt (oder weiterzuführen scheint). Zum andern, weil es dem Satz widerspricht, dass die Winkelsumme in einer Polyederecke kleiner als 360° ist. Doch dies gilt nur für konvexe Polyeder.
    Wer das bisher übersehen hat, braucht sich nicht zu schämen. Der berühmte Geometer H. S. M. Coxeter hielt es zuerst auch für ausgeschlossen, was ihm J. F. Petrie erklärte: Er habe 2 neue platonische Polyeder entdeckt. In jeder Ecke des ersten sollten 6 Quadrate, beim andern 4 regelmäßige Sechsecke aneinander stoßen. Coxeter überzeugte sich von der Richtigkeit – Petrie hatte die unendlichen regelmäßigen Polyeder {4,6} und {6,4} entdeckt – und fand dann auch noch das dritte und letzte dieser Art, das Polyeder {6,6}. In “The Beauty of Geometry: Twelve Essays” (Dover Publications) berichtet er darüber und führt auch die nun bekannten 15 regelmäßigen Polyeder auf, nämlich:

    die Oberflächen der 5 Platonischen Körper {3,3}, {3,4}, {3,5}, {4,3}, {5,3};
    die 4 regelmäßigen Sternpolyeder {5, 5/2}, {5/2, 5}, {3, 5/2}, {5/2, 3};
    die 3 regelmäßigen ebenen Parkette {3,6}, {4,4}, {6,3} als Übergang zu
    den 3 regelmäßigen unendlichen Polyedern {4,6}, {6,4}, {6,6}, die übrigens alle drei vom Geschlecht g=3 sind.

    Und was ist nun mit den 11 „Anwärtern“ vom Geschlecht g=2 inklusive {3,7}?
    Sie sind nicht regelmäßig! „Platonisch“, synonym mit „regelmäßig“, bedeutet in Christoph Pöppes Formulierung „größtmögliches Maß an Regelmäßigkeit“, und das heißt für die Elemente Flächen, Kanten, Ecken eines Polyeders in mathematischer Terminologie:
    1) Alle Flächen sind äquivalent und regelmäßig.
    2) Alle Kanten sind äquivalent; das beinhaltet gleiche Längen und gleiches Winkelmaß zwischen ihren beiden anliegenden Flächen (Keilwinkel).
    3) Alle Ecken sind äquivalent und regelmäßig.
    Zwei verschiedene Elemente eines Polyeders sind genau dann äquivalent, wenn es eine Deckabbildung des ganzen Polyeders auf sich selbst gibt, die das eine Element auf das andere abbildet. Äquivalenz verlangt also mehr als Kongruenz!
    Eine genaue Betrachtung zeigt: Alle 3 Forderungen sind beim {3,7} nicht erfüllt:
    1) Es kann keine Deckabbildung dieses Polyeders auf sich selbst geben, die ein „Ikosaederdreieck“ auf ein „Oktaederdreieck“ abbildet.
    2) Es gibt am {3,7}-Polyeder Keilwinkel in 3 verschiedenen Größen.
    3) Seine Ecken sind nicht regelmäßig.
    Dies gilt entsprechend auch für die übrigen Kandidaten!

    Sind diese zwar nicht regelmäßig, so sind sie aber doch halbregelmäßig wie die (konvexen) archimedischen Polyeder, von denen nur Regelmäßigkeit der Flächen, gleiche Kantenlängen und Äquivalenz der Ecken verlangt wird. Solche Polyeder wird man am einfachsten als „unendliche archimedische Polyeder“ bezeichnen!
    Im Übrigen ist der Artikel informativ, anregend, bietet einige theoretische Grundlagen, ist locker geschrieben und lädt so zu weiterer und genauerer Erforschung der unendlichen archimedischen Polyeder ein, die vermutlich noch nicht alle bekannt sind (es gibt davon sicher mindestens 50 Exemplare). Die meisten von ihnen haben verschiedene (regelmäßige) Flächen. Sie können durch eine geeignete Bauanleitung definiert werden, oder (nicht immer eindeutig) durch die Abfolge der Flächenordnungen in einer Ecke: 3, 4, 6, 6, 4 bedeutet, dass in jeder Ecke dieses Polyeders nacheinander ein gleichseitiges Dreieck, ein Quadrat, zwei regelmäßige Sechsecke und wieder ein Quadrat aneinanderstoßen.
    Die erwähnten Polyeder {3,7}, {3,8}, {3,9} und {4,5} vom Geschlecht g=2 können nun als Elemente einer speziellen Teilmenge dieser unendlichen archimedischen Polyeder betrachtet werden, weil sie aus lauter kongruenten, aber nicht äquivalenten Flächen bestehen. Dazu zählen aber auch noch andere dieser Art wie z. B. {3,8} vom Geschlecht g=3, {3,9} und {3,12} mit g=4 und noch ein zweites {4,5}-Polyeder (ohne Keilwinkel von 180°), an dem ein Problem deutlich wird:
    Sein „Atom“ erhält man, wenn man an vier „tetraedrisch gelegene“ Sechsecke des Oktaederstumpfs je ein archimedisches Sechseckprisma ansetzt und dann alle Sechsecke entfernt. Das Atom hat dann 8 Löcher; dieses {4,5}-Polyeder ist also vom Geschlecht g=4, was durch E=24, K=60 und F=30 bestätigt wird. Es gibt aber noch ein zweites Atom aus 10 Quadraten, 20 Kanten und 8 Ecken mit 4 Löchern, was g=2 bedeutet (siehe Stephen Dutchs Website „Wells’ Hyperbolic Tesselations“). Das ist merkwürdig und kaum vorstellbar! Sollte etwa jeder der beiden Seiten des Polyeders ein eigenes Geschlecht zugeordnet werden; oder ist das erste Atom gar kein Atom, weil es genau den dreifachen Satz an Ecken, Kanten und Flächen aufweist? Das sind Vermutungen! Zur weiteren Klärung ist eine genaue Definition von „Atom“ als erzeugende Konfiguration hier unumgänglich.

    Wie man sieht, ist das Feld der unendlichen archimedischen Polyeder theoretisch wie praktisch noch wenig beackert. Eine Bearbeitung lohnt sich vor allem auch deshalb, weil geeignetes Baumaterial zum Experimentieren erhältlich ist (z. B. Polydronplatten und -rahmen und Ähnliches).
    Es gibt weder eine Liste aller unendlichen archimedischen Polyeder, noch eine Beschreibung ihrer speziellen Eigenschaften wie Aufbau, Symmetriegerüst, Geschlecht, „Atome“, Volumenverhältnis der beiden Raumteile, Verbindungsgraph (Mittelpunkte benachbarter Atome werden durch eine Strecke verbunden) … noch eine Liste von Problemen, deren Lösung von Interesse ist. Einen ersten Einstieg liefert die englische Wikipedia-Seite über unendliche Polyeder.
    Ein ungelöstes Problem, das etwas weiter ausgreift: Zu jedem konvexen archimedischen Polyeder gibt es ein duales (catalanisches) Polyeder. Bei den unendlichen archimedischen Polyedern ist das nur selten der Fall. Es sind wohl deshalb auch nur wenige solche Polyeder bekannt; ich selbst habe einige Beispiele beschrieben („Unendliche regelmäßige und halbregelmäßige Polyeder“ in: „Beiträge zum Mathematikunterricht 1996“ S. 118 – 121, Verlag Franzbecker, und „Modelle zu besonderen Eigenschaften des halbregelmäßigen Rhombendodekaeders“ in: „6. Tagung der DGfGG“ S. 84-87, Shaker-Verlag, Aachen 2010). Sie müssen beliebige, aber äquivalente Flächen besitzen, alle Keilwinkel müssen gleich sein und ihre Ecken regelmäßig, aber nicht kongruent! Ihre Bezeichnung müsste „unendliche catalanische Polyeder“ lauten.
  • Geist/Materie

    15.03.2011, Klaus Teutenberg, Lindlar
    Den Fehler, den Descartes mit dem Argument B (Ich kann mir jedoch widerspruchsfrei vorstellen, dass ich auch ohne alle körperlichen Eigenschaften existiere. Also bin ich kein Körper, sondern ein reiner Geist.) macht, kann man auch ganz einfach so verdeutlichen: Geist/Denken = Information = Energie = Materie
  • Der Totenkopf lässt sich noch entzerren!

    15.03.2011, Prof. Dr. Jürgen Newig, Flintbek


    Wenn der Totenkopf aus Holbeins Bild "Die Gesandten" schon entzerrt wird, kann man ihn gleich noch mit dem Faktor 2,5 in der Höhe strecken und erhält ein noch überzeugenderes Bild.





    Rechts ein größerer Ausschnitt des gestreckten Bildes:

  • Wo bleiben Konstruktivismus und Psychoanalyse?

    15.03.2011, Rudi Zimmerman, Berlin
    Newen meint, mit der Reduktion auf das Ich-Gefühl eine Lösung anbieten zu können. Schon das Thema "Wer bin ich", verführt zu philosophischer Schonkost, wie Bernhard Becker den Inhalt dieses Aufsatzes korrekt charakterisiert.
    Das "Ich" eines Individuums hat bedeutende Funktionen, eine besteht darin, optische, akustische, taktile usw. Wahrnehmungen aus den im Hirn stattfindenden elektrochemischen Vorgängen zu konstruieren, die aus der Umwandlung von Außenweltreizen (elektromagnetischen Wellen, Schallwellen, körperliche Berührungen usw.) in Nervenimpulse durch unsere Sinnesorgane (Auge, Ohr, Haut usw.) entstanden sind. Diese konstruktivistische Sicht klammert Newen völlig aus. Eine andere Aufgabe des Ichs ist das Treffen von Entscheidungen, vor die das Individuum durch seine Umwelt gestellt wird. Dieser Bezugspunkt zum Thema "Willensfreiheit", das im gleichen Heft behandelt wird, wird gar nicht hergestellt. Eine eindeutig handlungsdeterminierte lebende Maschine "Mensch" benötigt diese psychische Instanz des Ichs gar nicht. Damit sind wir bei der Psychoanalyse Sigmund Freuds, der das "Ich" als eine psychische Instanz definiert, die zwischen den inneren Anforderungen genetisch determinierter Triebregungen (dem "Es") und den Anforderungen der Gesellschaft (im "Über-Ich" repräsentiert) vermitteln und entscheiden muss. Die Dimension unbewusst tätiger Ich-Anteile (die "Zensur"), die bestimmte Gedächnisinhalte von ihrer Bewusstwerdung abhält (die "Abwehr"-Funktion des Ichs), weil diese die Handlungskongruenz (die gesunde gesellschaftskonforme Verhaltensweise) des Individuums stören würde, geht bei dieser philosophischen Betrachtungsweise völlig verloren. Eine Philosophie, die an der Denkoberfläche bewusster Reflexion verleibt, den Konstruktivismus und psychoanalytische Erkenntnisse übergeht, ist über platonisches Denken nicht hinausgekommen. Ich kann mich Herrn Becker nur anschließen und ebenfalls hoffen, dass die weiteren Artikel tiefer greifen.

  • Regenwürmer als Seismografen

    14.03.2011, Raimund Luksch, Klagenfurt (Österreich)
    Ich beziehe mich auf folgende Aussage im unten genannten Artikel:
    Wurmgrunzen kennt man nicht nur vom Maulwurf und Regenwurm-suchenden Fischern, sondern auch vom Planeten Erde. So sagte einmal ein erfahrener alter Demeterbauer: "Wenn bei schönem Wetter so viele Regenwürmer herumkriechen, dann kommt ein Erdbeben."

    Dazu mein Beitrag:

    Diese Behauptung des Demeterbauern ist vollkommen richtig, wie sich bei den beiden Erdbeben in Friaul vom 5. Mai und 15. September 1976 zeigte. Belege finden Sie Buch "Verhalten von Tieren vor Erdbeben" von Robert Samonig, Verlag: Carinthia 1980 (S. 36 und S. 33).

    Dazu möchte ich erwähnen, dass ich Herrn Otto Hilpert persönlich gekannt habe, der mir seine Beobachtungen bezüglich dem Verhalten der Regenwürmer vor Erdbeben genauso
    geschildert hat, wie es im genannten Buch zu lesen ist. Er hatte sich sein Wissen darüber durch persönliche Erfahrungen während des 2. Weltkrieges in Italien erworben. Er war als Sanitätsoffizier unter anderem in Montecassino, später als Kriegsgefangener in der Nähe von Bari und als Gutsverwalter nahe von Uderzo.

    Bekanntlich bebt ja die Erde in Italien wesentlich häufiger als bei uns, deshalb konnte Herr Hilpert genaue Kenntnisse hinsichtlich der Verhaltensweise der Tiere erwerben, und seine Aussagen mit Bestimmtheit treffen.

    Meiner Meinung nach reagieren die Regenwürmer auch auf Infraschall unter 20 Hertz, das ist die untere Schallfrequenzgröße des menschlichen Gehörs. Das ist sicher der Grund, warum bei den Beben im Jahr 1976 kein menschliches Wesen das Wurmgrunzen der Erde schon Stunden vor dem Beben wahrgenommen hat, sehr wohl reagierten aber
    verschiedene Tierarten, darunter auch die Regenwürmer darauf.

  • Wie kommen die Löcher in die Eisdecke?

    11.03.2011, Dr. med. Hanswerner John
    Auf einem 42 Hektar großen stehenden und 2 bis 6 Meter tiefen Binnensee entstehen, wie ich regelmäßig beobachten kann, bei noch dick zugefrorener Eisdecke (20 Zentimeter dick) bei Rückgang des Frostes um die Null Grad Celsius in größeren Abständen natürliche kreisrunde Löcher in der Eisdecke.



    Diese Löcher haben die Form einer auf dem Boden liegenden Krake mit kreisrundem Körper und davon
radial abgehenden – anfangs dicken und an den Enden dünn auslaufenden – Armen mit ca. einem bis zu fünf Meter Länge 
(ähnlich einer gemalten Sonne). Der Lochdurchmesser beträgt 5 bis zu 50 Zentimeter und geht trichterförmig ins Eis – mit der Trichteröffnung nach oben. Bei Null Grad Celsius steht darin Wasser.



    Der See besitzt keine Quellen am Grund!


    Wer kennt die Erklärung für dieses Phänomen? Ich leider nicht.
  • Titel Ihres Leserbriefes

    09.03.2011, Pertti, Berlin
    "In nur einem Jahr hatte es 54 der 1235 bislang von ihm entdeckten Exoplanetenkandidaten als erdähnlich eingestuft – und sie alle befinden sich in einer Zone, die Leben ermöglichen könnte."

    Das ist leider falsch! Von den 1235 bislang von Kepler entdeckten Exoplanetenkandidaten wurden 54 als in der habitablen Zone befindlich eingestuft. Dagegen galten 68 als erdähnlich (bis 1,25 Erdradien) - und nirgends wird gesagt, diese 68 Kandidaten gehörten alle zu den 54 habitabelgezonten.

    Pertti
  • Falsche Rückkopplung

    08.03.2011, Dr. Ekkard Brewig, Overath
    Es ist bestenfalls eine vergnügliche Übung, Fragen der wissenschaftlichen Erkenntnis auf ihre religiösen Implikationen hin abzuklopfen.
    Zur Erinnerung: Religion, allgemeiner Weltanschauung umfasst den Wertekanon einer Gesellschaft, ihre Standortbestimmung und ihre Urteilsweise. Hingegen ist (Natur-)Wissenschaft ist eine anerkannte Methodenlehre, deren Grundlagen durch den Wertekanon geschaffen wurden.
    Es ist daher direkt widersinnig, dem Ergebnis eines Erkenntnisvorgang einen Einfluss auf den Wertekanon sprich: auf die Religion/Weltanschauung einzuräumen.

    Wenn man Kritik an der Religion üben will, dann muss dies auf der Ebene jener Forderungen geschehen, welche der Methodenlehre "Wissenschaft" zugrunde liegen z. B. "intellektuelle Redlichkeit", "Ausklammerung von Vorurteilen" und "raumzeitliche Bestimmtheit". M. a. W. es muss für die Religion völlig belanglos sein, ob dereinst außerirdisches Leben gefunden wird oder nicht. Wird solches jemals (methodisch einwandfrei) gefunden, lautet die wesentliche Frage: "Wie gehen wir damit um?" Ist es uns heilig, lassen wir es in Ruhe, sezieren wir es, nutzen wir es aus? Und dazu können uns die religiösen Verkündigungen durchaus etwas sagen!
  • Ratten haben's gut

    05.03.2011, Dr. Ulrich Starke, Zirndorf
    Schade, dass ich keine Ratte bin. Die Übertragbarkeit auf den Menschen ist nur mit einem Fall belegt, und außerdem ist ein Eingriff ins Hirn notwendig. Das Verfahren müsste mit anderen kombiniert werden (z.B. Ultraschall- oder Magnet-Stimulation).
  • Unglaubliche Blamage

    04.03.2011, Heinrich Gundlach
    Wenn ich eine Doktorarbeit mit summa cum laude bewerte mus ich diese Arbeit doch gründlich gelesen habe, um dieses herausragende Urteil zu begründen. Deshalb ist es für die Bewerter dieser Arbeit eine unglaubliche Blamage, dass eine Kontrolle von außen erfolgen muss, um die Wertmaßstäbe wieder zurecht zu rücken.

    Offensichtlich ist es möglich, mit zusammengestellten Kopien aus verschiedenen Werken, den Doktortitel zu bekommen, weil man darauf hoffen kann, dass Professoren jeden "Mist" akzeptieren.

    Wer zu Gutenberg verurteilt, muss auch diejenigen, die dies nicht bemerkt haben, zur Rechenschaft ziehen.
  • Die Guttenberg-Hatz einer Gruppe von Wissenschaftlern

    04.03.2011, Gerd Höglinger 83026 Rosenheim
    Die in den Medien jetzt groß herausgestellte aufgeplusterte Entrüstung einer Reihe von Professores, Doktores und Studiosi erscheint doch recht unverhältnismäßig, theatralisch und scheinheilig zu sein.

    Es darf doch nicht unbegründet vermutet werden, dass in der älteren und jüngeren Vergangenheit viele Doktorarbeiten mit einem mehr oder weniger großen Anteil von fremdem Geistigem Eigentum "veredelt" wurden. Die damaligen Doktoranden hatten das Glück und ihre Prüfer das Pech, dass es damals noch kein Internet und keine Suchmaschinen gab.
    Im Fall einer per Zufallsgenerator stichprobenweise durchgeführten Durchleuchtung alter Dissertationen gäbe es heute bestimmt manch Heulen und Zähneknirschen und Einkassierung alter Doktortitel.

    Im Übrigen ist die klare Definition des "schädlichen Plagiats" auch nicht gerade einfach. Es besteht da eine recht diffuse, schwammige Grenze bzw. Übergang von der teilweisen oder ganzen Verwendung fremder geistiger Inhalte jedoch mit eigener Textformulierung bis zum wörtlichen "Abschreiben".
  • Freiheit widerspricht Determinismus

    04.03.2011, Gunter Berauer, München
    Michael Pauen benutzt in seinem Beitrag den Begriff Determinismus, erläutert ihn aber nicht genauer. In Lexika wird eine deterministische Welt als eine beschrieben, in der grundsätzlich alle Ereignisse und Zustände durch vorherige und diese wieder durch vorherige u.s.w. exakt festgelegt sind. Damit hätte buchstäblich alles, was in einer solchen Welt heute ist, früher war und künftig sein wird, bereits von eh her lückenlos und exakt festgestanden – auch die Existenz und das tägliche und sekündliche Verhalten eines jeden Menschen auf der ganzen Welt und zu jeder Zeit. Wenn man einmal annimmt, unsere Welt sei tatsächlich so, wovon Herr Pauen ja wohl ausgeht (Kausallücken hält er jedenfalls expressis verbis für “sehr unwahrscheinlich“), dann muss man sich die Frage stellen, was dann all die in dem hier diskutierten Beitrag von ihm benutzten wohlklingenden Verben, wie motivieren, verhindern, fördern, jemanden zu etwas bringen oder veranlassen und ermahnen überhaupt bedeuten sollen. Wie will man etwas in einer Welt beeinflussen, in der alles von Anfang an unbeeinflussbar abläuft? Von Urheberschaft, von Selbstbestimmung, vom Freisein von inneren und äußeren Zwängen oder von der Möglichkeit des Andershandelns könnte doch gar keine Rede sein, und auch der schöne Begriff Autonomie wäre ein nutzloses Fremdwort in unserer Welt.

    Ich verstehe wirklich nicht, wie man unsere Welt für deterministisch halten und dennoch permanent Begriffe verwenden kann, die in einer solchen Welt völlig sinnlos sind. Oder wie man von der Möglichkeit von Freiheit in einer Welt sprechen kann, in der kein einziges Attribut übrig bleibt, an welchem man einen Freiheitsbegriff festmachen könnte. (Siehe dazu auch meinen und die anderen Lesebriefe im Internet zum Spektrum- Diskurs “Schuld und Freier Wille“ vom Juni 2010, die Herr Pauen aber vermutlich nicht gelesen hat).

    Heute müssen (oder dürfen) wir zum Glück davon ausgehen, dass unsere Welt ganz anders ist. Aus der bestbestätigten Theorie aller Zeiten, der Quantenmechanik, folgt, dass mikrophysikalische Vorgänge hochgradig indeterministisch sind. Den mikrophysikalischen Zufall kann man häufig direkt im Mesokosmos beobachten, darüber hinaus wird er aber auch über mannigfache andere Mechanismen in den Meso- und Makrokosmos transformiert. Neben den quantenmechanischen gibt es aber auch noch viele andere Argumente und Fakten gegen den Determinismus, die ich gerade dabei bin, in einem Buch über den “Irrtum vom Determinismus“ zusammenzutragen (siehe dazu auch mein Buch über den Begriff der Freiheit, LIT-Verlag, 2. Auflage). Wir haben es in unserer Welt nicht nur mit ein paar kleinen Kausallücken zu tun, die Herr Pauen vielleicht konzedieren würde, sondern es gibt fast nichts (genau genommen sogar gar nichts) in dieser Welt, was strikt kausal abliefe.

    Nun zum Begriff der Freiheit. Zunächst sollte man zwischen objektiver (von außen zu beurteilender) und subjektiver (empfundener) Freiheit unterscheiden. Objektive Freiheit verbietet nicht den Zufall, wie Herr Pauen sagt, sondern setzt ihn voraus. Oder besser gesagt: Zufall ist ein wesentlicher Bestandteil von objektiver Freiheit. Denn wer würde die Entscheidungen eines Menschen noch als frei bezeichnen, wenn man sie (prinzipiell) sicher hätte vorhersagen können? Nicht sichere äußere Vorhersagbarkeit ist damit ein wichtiges Attribut für objektive Freiheit. Da aber Unvorhersagbarkeit und Zufall Synonyme sind, hat Freiheit eben doch etwas mit Zufall zu tun. Zu einem vernünftigen Freiheitsbegriff kommt man nur, wenn man die Welt so nimmt, wie sie ist, und den physikalisch begründeten Zufall auch als Grundvoraussetzung für Freiheit in die Definition einbezieht (schon Immanuel Kant und später Martin Heidegger sprachen davon, dass die praktische Freiheit des Menschen in der “absoluten Spontaneität“ gründet, was aber nichts anderes ist als der Zufall). Das gelingt mit einem Begriff von Freiheit als Zusammenwirken von Zufall und Kausalität, der damit, um mit den Worten Jacques Monods zu sprechen, “Zufall und Notwendigkeit“ miteinander verbindet. In einem in der Süddeutschen Zeitung vom 10.2.2011 abgedruckten Interview mit dem Titel “Die Freiheit der Fruchtfliege“ hat sich der Zoologe Dr. Björn Brembs genau in dieser Weise über die Freiheit geäußert (siehe dazu auch mein oben bereits genanntes Buch).“
  • Philosophische Schonkost

    04.03.2011, Bernhard Becker, Duisburg
    Betrifft: „Die größten Rätsel der Philosophie“
    Seine Antwort auf die Frage nach dem „Wesen des Ich“ fasst Newen selbst so zusammen: „Ich bin ein Mensch (als biologisches Wesen), der ein Ich-Gefühl und ein begriffliches Selbstbild entwickelt. Dieses Ich-Gefühl entsteht aus der Erfahrung heraus, dass ich einen eigenen Körper habe, die Welt aus einer eigenen Perspektive sehe und der Urheber des eigenen Handelns bin. Das begriffliche Selbstbild entwickelt sich erst in Verbindung mit der Fähigkeit, die eigenen Überzeugungen, Wünsche, Hoffnungen und so weiter von denen anderer Personen neu abzugrenzen.“

    Auch ohne meine Kursivsetzung von „ich“ und „eigen“ dürfte deutlich werden, dass andere Wesen (ob nun Menschen, Tiere oder Sachen) hier eigentlich nur stören können: sie kommen nur negativ vor – im Prozess der Abgrenzung vom Nicht-Ich. Dass wir alle ein personales „Ich“, wie unter Soziologen und Psychologen wohlbekannt, erst sozial, d.h. im verstehenden Umgang mit anderen Menschen erlangen, das Bewusstsein des Einzelnen letztlich also immer „Antwort auf eine Kommunikation“ bzw. „gesellschaftliches Produkt“ ist, bleibt außen vor (und alles, was Buber jemals dazu geschrieben hat, fiele in Ihrem Blatt vermutlich unter „Esoterik“).
    Andererseits verbleibt der Autor mit seiner Unterscheidung Geist/Materie ebenso wie Pauen, der eifrig nach „Lücken“ im „naturgesetzlichen Kausalzusammenhang“ sucht, trotz aller Kritik an Descartes innerhalb der Grenzen eines (wie auch immer „kritischen“) Rationalismus. Dieser so gewonnene „Geist“ entspricht jedoch im wesentlichen einer Reduktion auf Evidenzen des inneren Erlebens als „Subjekt“: fortlaufend sich Erneuerndes faßt es als statisch auf, wähnt sich bzw. seinen „Willen“ gar als „Urheber“ von Handlungen und Kommunikationen, glaubt souverän in jeweils konstruierten Vergangenheiten und imaginären Zukünften zu verweilen und sieht sich so wenigstens in seinem Denken den Beschränkungen von Raum und Zeit enthoben. Kein Wunder also, dass der klassische Idealismus darum auch konsequent von der Existenz einer „unsterblichen Seele“ ausging – dabei jedoch immerhin noch wusste, dass eine derartig exponiere Sonderstellung sich allein eine „Teilhabe“ am göttlichen Geist verdanken könne: einem „Wunder“ also, nicht aber einer noch so fleißigen Selbstabgrenzung egoistischer Individuen.

    Was den Lesern hier als Philosophie präsentiert wird, überschreitet somit leider nirgendwo den Rahmen des, so Heidegger, „natürlichen“ (=idealistischen) Bewusstseins. Doch „wenn man den Bannkreis der idealistischen Spekulation wirklich durchbrechen will“, so Gadamer, darf man „die Seinsart des Lebens nicht vom Selbstbewußtsein aus denken.“ Sicherlich lässt sich auf diese Weise auch heute noch „analytische“ Philosophie betreiben – selbst wenn es schon etwas her ist, dass Quine die Unterscheidung analytisch/empirisch als metaphysisches bzw. „unempirisches Dogma des Empirismus“ qualifiziert hat (Quine, From a Logical Point of View, Cambridge [USA] 1953, S. 37). Die damit zugleich einhergehende Beschränkung einer auf Eigeninteresse und Machbarkeit fixierten „Vernunft“ des methodologischen Individualismus folgt zwar brav dem heute dominierenden Paradigma der Naturwissenschaft (und ist somit gerade für Leser Ihres Blattes hochkompatibel), wird jedoch, wie Breuers skeptische Interview-Fragen zu Recht zeigen, vermutlich nicht einmal dort ernstgenommen: Wer seinen Popper gelesen hat, weiß, dass Normen sich nicht aus Tatsachen „gewinnen“ lassen, sondern stets unterstellt werden und sich dann bewähren müssen.

    Denn dass es „gut“ sei, nach dem „Guten“ zu suchen und andere zu verstehen, ließe sich zwar (wie jede Tautologieentfaltung) durchaus am empirischen Ertrag messen: Eine solche Welt wäre komplexer und differenzierter. Doch man könnte es hier natürlich ebenso halten wie die Riesen bei Harry Potter: Durch Mord und Totschlag wird dann alles wieder einfacher und verständlicher. Werte und Normen – was Moore und Ayer noch wussten – lassen sich darum nicht (oder eben nur zirkulär) „begründen“.

    Folge ich z.B. etwa Pauens Argumentation, so sei Willensfreiheit Hirnforschern zufolge zwar einerseits unmöglich. Weil ohne die Bestrafung von Verbrechern aber keine Staatsordnung denkbar ist, bleibe sie andererseits „eine sowohl pragmatisch wie systematisch begründete Notwendigkeit“. So weit kam freilich schon vor 100 Jahren Vahingers „Philosophie des Als Ob“. Kants „unrealistische“ (und in der Tat für Logiker und Rationalisten eher beunruhigende) Herleitung verweist Pauen ins Reich der „fundamentalen und unlösbaren Rätsel“. In Josef Simons „Philosophie des Zeichens“ dagegen (Berlin 1989, S. 222 f.) erscheint sie durchaus nicht rätselhaft: „Dieses Sich-als-frei-Denken ist also Imagination und als solche der wirkliche Zugang Kants zur Freiheit. Man denkt sich (im ,inneren’ Reden mit sich selbst) als frei, und „eo ipso“, d.h. darin ist man es (Kant: Vorlesungen über die philosophische Religionslehre, AA XXVIII, Berlin 1968, 1068).“ Auch eine Paradoxie wie „Freiheit“ läßt sich nicht begründen – ich muß sie mir nehmen: nur, wer sich frei denkt, kann es überhaupt sein – ebenso, wie derjenige tatsächlich unfrei ist, der sich für unfrei hält.

    Sicher ließe sich dann immer noch bestreiten, ob es so etwas wie Entscheidungen überhaupt geben könne. Das postuliert jedoch nur hilfsweise den magisch-metaphysischen Determinismus naiver Neurologen: Denn die Möglichkeiten eines durch Kommunikation geformten Denkens hängen vom Aufbau der Nerven ungefähr so ab wie die Struktur einer Orgelfuge Bachs vom boyleschen Gesetz. Um nachzuweisen, wieso Freiheit trotz Strukturdeterminiertheit möglich ist, müßte man allerdings z.B. Luhmann gelesen haben – ein Autor von Weltrang, der für SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT als Wissenschaftler aber offenbar nicht existiert.

    Vielleicht würde er ja eine Leserschaft zu sehr verstören, der man zwar Monat für Monat neue hochkomplizierte physikalische Kosmologien zutraut, in gesellschaftlichen Fragen aber gut abgehangene Plausibilitäten des common sense serviert. Erst diese Haltung des Es-gar-nicht-so-genau-wissen-Wollens aber macht Philosophie zu einem „weichen“ Fach. Während meines Studiums bei Kurt Flasch in Bochum durfte ich jedenfalls ein etwas ernsthafteres Niveau kennen lernen und hoffe, dass Ihre angekündigte Serie „Die größten Rätsel der Philosophie“ demnächst etwas mehr als nur Schonkost bietet.
    Antwort der Redaktion:
    Herr Becker weist darauf hin, dass für die Diskussion des Ich auch die soziale Dimension relevant ist. Das ist richtig und die soziale Seite des Ich wird mit der Theory-of-Mind-Fähigkeit zwar thematisiert, wenngleich sie u. a. aus Platzgründen nur gestreift wird. Der Hauptgrund für das Ausblenden ist jedoch, dass bei der Kernfrage, ob das Ich ein Naturwesen oder ein geistiges Wesen ist, der Streit nur verlagert würde, falls es richtig wäre, dass das Ich ausschließlich sozial verankert sei; denn dann kann man immer noch problemlos argumentieren, dass alle sozialen Merkmale Teil der Natur sind und nicht Merkmale einer dezidiert geistigen Entität. Die Kernthese meines Artikels, dass das Ich vollständig ein Teil der Natur ist, welches mittels des Ich-Gefühls und (spätestens) ab dem vierten Lebensjahr zusätzlich aus einem begrifflichem Selbstbild aufgebaut wird, bleibt von der Rolle sozialer Merkmale unberührt (wenn man nicht voraussetzt, dass soziale Merkmale nur rein geistige Wesen haben können, wozu es eine eigene Diskussion gibt).
    Welche Rolle spielen denn nun soziale Merkmale für die Konstitution des Ich tatsächlich? Diese sachliche Frage steht in einem Spannungsfeld von Antworten: Individualistische Theorien des Ich sagen, dass die Interaktion mit dem Anderen überhaupt keine Rolle für das Herausbilden eines Ich spielt, während soziale Theorien des Ich behaupten, dass das Ich nur in der sozialen Interaktion mit anderen überhaupt entstehen kann. In diesem Kontrastbild liegt – wie so oft – die Wahrheit in der Mitte bzw. es ergibt sich ein kompliziertes Bild, wenn man genau hinschaut. Zunächst einmal muss man mit einem Missverständnis aufräumen: Ein Neugeborenes ist klarerweise auf andere Menschen angewiesen, weil es sonst nicht überleben würde. Es würde ihm an Nahrung und emotionaler Zuwendung fehlen. Aber diejenigen Merkmale, die für das reine Überleben notwendig sind, sind deswegen nicht zwangsläufig für ein Ich wesentlich (auch wenn ein Ich nur bei einem lebenden Wesen vorliegen kann). Sonst kommen wir zu den trivialen Aussagen, dass Sauerstoff wesentlich für ein Ich ist. Das aber wollen wir mit guten Gründen nicht sagen: Zwar ist Sauerstoff ganz notwendig dafür, dass ein Lebewesen ein Ich ausbilden kann, aber es ist keine wesentliche (konstitutive) Voraussetzung. (Dagegen ist Sauerstoff eine wesentliche Voraussetzung für die Knallgasreaktion, ohne dass man in solchen Fällen von einem Ich sprechen möchte.)
    Notwendige Voraussetzungen für einfaches Überleben sind nicht automatisch wesentliche Voraussetzungen für das Herausbilden eines Ich. Wenn wir die Rolle des Sozialen für die Entstehung des Ich diskutieren möchten, so lautet die zentrale Frage: Welche sozialen Merkmale, Bedingungen sind denn wesentliche Voraussetzungen für die Entstehung eines Ich? Um diese Frage zu untersuchen, unterscheidet man am besten zwischen individual-kognitiven und sozial-kognitiven Eigenschaften eines Menschen. Individual-kognitive Eigenschaften kann ein Kind allein in einer Kind-Umwelt-Interaktion erlernen, z.B. ein Gefühl der Urheberschaft beim Greifen eines Objekts, ein Grundverständnis von größeren und kleineren Mengen (Anzahlen), ein Erfassen von Objektkonstanz, eine Kategorisierung von Objekten nach Farben, Formen etc. sowie ein Grundverständnis von kausalen Zusammenhängen. Sozial-kognitive Eigenschaften dagegen kann ein Kind nur in einer Kind-Person-Interaktion erlernen, z.B. die Fähigkeit zu erfassen, dass Mutter und Kind dasselbe Objekte im Blick haben („geteilte Aufmerksamkeit“). Zu diesen sozial-kognitiven Fähigkeiten gehören auch vorsprachliche und erst recht sprachliche Kommunikation sowie eine „Theory of Mind“-Fähigkeit (wenn man anderen Personen Wünsche und Überzeugungen zuordnen kann). Es lässt sich gut dafür argumentieren, dass die individual-kognitiven Merkmale in der Anfangsphase der Entstehung eines Ich eine sehr große Rolle spielen, während die sozial-kognitiven Merkmale zwar von Anfang an da sind, aber erst Zug um Zug wichtiger werden und dann mit Beginn des zweiten Lebensjahres zunehmen dominant werden (eine ausführliche Begründung dazu finden Sie in: Newen, A., Fiebich, A. 2009). Im Detail zeigt sich dies u.a. darin, dass ein Ich-Gefühl wie ein Gefühl der Urheberschaft wesentlich individual-kognitiv entsteht, d. h. allein in der Interaktion mit Objekten in der Umwelt, während z. B., sich selbst als Teil einer Gruppe zu verstehen, für die bestimmte Gepflogenheiten gelten, erst mit ungefähr 2,5 Jahren in der Interaktion mit anderen Menschen sich herausbildet. Kurz gesagt: Von den Merkmalen des Ich entstehen einige wesentlich in einer Kind-Umwelt-Interaktion, während andere wesentlich auf eine Kind-Person-Interaktion angewiesen sind. Nur die letztgenannten Merkmale des Ich sind wesentlich auf eine soziale Dimension angewiesen. Und solche Eigenschaften sind zwar von Anfang an da, aber sie sind nicht dominant im Vergleich zu den individual-kognitiven Eigenschaften. Die zentrale Rolle von sozial-kognitiven Eigenschaften bildet sich erst nach dem zweiten Lebensjahr heraus (nachdem mit der geteilten Aufmerksamkeit ab dem 1. Lebensjahr schon eine wichtige sozial-kognitive Fähigkeit entstanden ist). Diese These wird u. a. untermauert durch eine Studie aus der Arbeitsgruppe von Prof. M. Tomasello, bei der ca. 80 Schimpansen mit 100 Kleinkindern im Alter von 2,5 Jahren vergleichend getestet wurden (Hermann et al., 2007). Dabei bekamen Schimpansen und Kleinkindern dieselben vorsprachlichen Aufgaben vorgelegt. Die Aufgaben waren in dem oben eingeführten Sinn aufgeteilt in individual-kognitive und sozial-kognitive Aufgaben. Es zeigt sich, dass die Schimpansen bei den individual-kognitiven Aufgaben genauso gut abschneiden wie 2,5 Jahre alte Kinder, aber bei den sozial-kognitiven Aufgaben liegen die Kinder eindeutig vorne. Es entsteht in dieser Altersphase bei den Kindern ein deutlicher Unterschied in der sozialen Kompetenz: Die Kinder entwickeln ein soziales Verstehen anderer Personen in immer ausgefeilterer Form und damit wird auch das Ich Schritt für Schritt stärker durch sozial-kognitive Eigenschaften geprägt. Auch ist es klar, dass z.B. in der pubertären Entwicklung die sozial-kognitiven Eigenschaften (Phänomene der Gruppenzugehörigkeit) nochmals viel wichtiger werden. Aber alle diese Prozesse finden im Rahmen von natürlichen Prozessen statt, die keineswegs ein rein geistiges Wesen voraussetzen und auch die sozialen Interaktionen sind ganz wesentlich neuronal verankert. Dazu wird es im letzten Heft der Reihe einen Artikel zum Thema „Den Anderen verstehen“ geben. Literatur: Newen, A., Fiebich, A.: A developmental theory of self-models, in: Wolfgang Mack, Gerson Reuter (eds.): Social Roots of Self-Consciousness. Psychological and Philosophical Contributions. Akademie Verlag, Berlin 2009, 161-186. 

    Albert Newen
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