Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Die Kunst der Wissenschaft: Widersprüche minimieren

    01.06.2011, Peter Klamser, Egeln
    Der Autor, Gerhard Börner, zeigt die wesentlichen Probleme der heutigen naturwissenschaftlichen Forschung auf die zu dem Ergebnis führen, dass mit immer höherem Aufwand immer "kleinere" oder unter Umständen gar keine Ergebnisse erzielt werden: Die Kosten pro Einheit Erkenntnisgewinn steigen dabei wahrscheinlich exponentiell.

    Ob wir nun

    * Gravitationswellen-Detektoren errichten, die noch keine
    Gravitationswellen nachweisen können

    (vielleicht weil im für die Gravitationswellen die einsteinschen Feldgleichungen zu lösen sind, die bis heute nur näherungsweise mit linearen Differenzialgleichungen angenähert gelöst werden können, was zu Ungenauigkeiten führen kann und vielleicht die unbekannte genaue Lösung dazu führt, dass eine Gravitationswelle nicht als Längenänderung messbar ist)oder

    * mit riesigen Teilchenmaschinen theoretisch vorhergesagte und erhoffte Higgs-Boson suchen sollen, das aber ebenfalls unter Umständen gar nicht existiert, wir das aber wegen einer Lücke in der Theorie heute nicht erkennen können oder

    * wir mit riesigen Messmaschinen wie Tomografen ebenso große
    Datenmengen sammeln, die auf neue Erkenntnisse in der Biologie ausgewertet werden

    (wobei man den Eindruck hat das die Zahnräder und Schalter gesucht werden, die sich beim Denkvorgang drehen und beim Entscheidungsvorgang umgelegt werden),

    immer hat man den Eindruck, dass die Diskussion in der Mathematik zwischen Herrn Hilbert und Herrn Gödel zur Frage der widerspruchsfreien Mathematik (und damit einer widerspruchsfreien Theorie über die Welt) dann doch nicht so ganz ernst genommen wird.

    Denn was soll eine Theorie von allem, die manche Physiker suchen, leisten, wenn sie nicht widerspruchsfrei verschiedenen Felder der Physik verbinden kann?

    Am besten noch deterministisch, also z. B. dass beim Überschreiten einer Entscheidungsschwelle mit dem Wert X ich mich für eine Ehe mit der Frau Y entscheiden werde und ich das messen und vielleicht sogar vorhersagen kann.

    Kann es eine solchen Theorie vor dem Hintergrund der
    Unvollständigkeitssätze von Gödel geben?

    Ich meine, nein, denn dann wäre ein Unvollständigkeitssatz von Gödel falsch, da es es ihm insofern widersprechen würde.

    Die Kunst der Wissenschaft ist es also wahrscheinlich, diese
    Widersprüche zu minimieren, ausräumbar oder vermeidbar sind sie aber grundsätzlich nicht.

    Entweder versuchen wir so viel zu messen, dass aus den vielen Daten keine hinreichend einfache, sondern beliebig komplexe Theorie entsteht, die im Grunde genommen nur im Stande ist, den gemessenen Einzelfall zu beschreiben.

    Oder die Theorie ist unvollständig, kann z. B. nicht die
    Quantenmechanik mit der Gravitation koppeln und umgeht damit die sich vielleicht genau aus dieser Kopplung ergebenden Widersprüche.

    Oder sie ist an sich widersprüchlich, wobei wir wahrscheinlich dazu neigen, Widersprüche nicht erkennen zu wollen. Jeder Wissenschaftler will beim Schaffen von Wissen nicht gleich darauf hinweisen müssen, dass auf Grund der Widersprüche X, Y und vielleicht auch Z sein geschaffenes Wissen nur eingeschränkt, in wenigen Fällen, anwendbar ist.

    Ignorierte grundlegende Widersprüche sind vielleicht die Hemmschwelle an sich, die dazu führen, dass wir uns beim Schaffen von Wissen festfahren. Ein Beispiel:

    Der Anfang der modernen Wissenschaft ist eng mit der
    Infinitesimalrechnung von Newton und Leibniz verbunden, die auf der kartesischen Darstellung von Funktionen von René Descartes aufbaut. Die Idee der Grenzwertbildung gegen null für eine Differenz delta x war genial und revolutionär und hat die Wissenschaft bis heute maßgeblich bestimmt.

    Steht dieser Ansatz im Sinn des Unvollständigkeitssatzes im
    Widerspruch zu den heutigen Erkenntnissen?

    Ich meine, dass das zumindest nicht ausgeschlossen werden kann, wenn der Widerspruch zur Planck-Länge von 10^-35 m als kleinste denkbare Strecke, bei deren Unterschreitung wir den Gültigkeitsbereich der heute hergeleiteten Physik verlassen, bei der Grenzwertbildung einer Strecke dx gegen null beachtet wird.

    Vielleicht ist es deswegen sinnvoll in der Ordnung der zellulären Automaten zu denken, wie es Stephen Wolfram in seinem Buch "A new kind of science" getan hat.

    Zumindest könnten solche fundamentalen Grenzen, wie der Planck-Länge, der Grund sein, warum wir bei der Anwendung der hergebrachten Mathematik zur Lösung der offenen Probleme der Physik im Sinn des Artikels von Gerhard Börner in einer Sackgasse stecken.
  • Die Welt außerhalb unseres Selbst

    30.05.2011, Thomas Schmidt, Pullach
    Den Vertretern des Skeptizismus fehlt die empirische Basis für ihre Behauptung, dass wir in einer Scheinwelt leben. Es ist eine reine Fantasieannahme, die zwar in gewisser Weise amüsant ist, aber für die es keine Beweise gibt. Solche Fantasieannahmen lassen sich allerdings auch nicht widerlegen, da es erkenntnistheoretisch unmöglich ist, einen positiven Beweis für eine Nichtexistenz (hier der Nichtexistenz der postulierten Scheinwelt) zu führen.
    Deshalb stimme ich der Autorin zu, dass dann, wenn objektiv nichts für eine globale Täuschung spricht, d.h. wenn keine reproduzierbaren Daten für eine Täuschung vorliegen, eine von uns unabhängige Außenwelt angenommen werden darf und ein Wissen darüber möglich ist. Wozu haben wir denn unsere Sinnesorgane, wenn es außerhalb unseres Selbst nichts geben soll, das sinnlich wahrnehmbar ist?
  • Die Geschichte gibt es zu Dantzig auch

    30.05.2011, Max Gebhardt, Saarbrücken
    Die Geschichte über das Lösen einer
    vermeintlichen Übungsaufgabe, die in Wirklichkeit ein
    offenes Problem war, erinnert mich an eine isomorphe Geschichte über George Dantzig, den Erfinder des Simplex-Verfahrens (siehe http://en.wikipedia.org/wiki/George_Dantzig und http://supernet.som.umass.edu/photos/gdobit.html).
    Ob diese Geschichte stimmt, weiß man natürlich auch nicht.
    Antwort der Redaktion:
    Die Geschichte, dass John Milnor seinen ersten
    Satz, über die Gesamtkrümmung, quasi
    "versehentlich" bewiesen hat, ist also eine
    (schöne) Legende. Wahr ist hingegen, dass er
    seinen wohl bekanntesten Satz, die Existenz der
    "exotischen Sphären", tatsächlich "versehentlich"
    bewiesen hat. Das erzählte er mir vor wenigen Tagen am Rande der
    Abel-Preisverleihung: Er hatte
    versucht, bestimmte Mannigfaltigkeiten zu
    verstehen, die sich aus Produkten von drei- und
    vierdimensionalen Sphären zusammensetzen lassen.
    Dabei war er verwirrt, weil er anscheinend
    einen Widerspruch in der Mathematik entdeckt hatte:
    Ein Argument zeigte, dass die entstehende
    Mannigfaltigkeit homöomorph zu einer
    7-dimensionalen Sphäre war, ein anderes Argument zeigte
    das Gegenteil. Dann fiel ihm auf, dass das zweite
    Argument nur gelten würde, wenn die Mannigfaltigkeit "diffeomorph" zur
    7-Sphäre wäre; und damit waren die exotischen
    Sphären quasi versehentlich geboren.


    Prof. Dierk Schleicher, Jacobs University Bremen
  • Schnellerer Zugang zum "Beugungsgitter CD"

    30.05.2011, Prof. Dr. Gerhard Ackermann, 12167 Berlin
    Die Ideen und Experimente von Herrn Schlichting laden immer wieder zum Nachdenken und Weiterdenken ein. So auch seine interessanten Ausführungen zum "Beugungsgitter CD". In der Tat sind die merkwürdigen Resultate bei zeitweiligem Abdecken einer CD oder DVD überraschend, weil Teile des Spektrums, die zu verschiedenen Radien gehören, verschwinden.

    Einen schnelleren Zugang zu dem Phänomen und seiner Erklärung bekommt man, wenn man die CD/DVD bis auf einen radial angeordneten Spalt von vielleicht 5 Millimeter Breite abdeckt. Dann hat man ein lineares Gitter, und die +/- erste Ordnung liegt - wie immer - symmetrisch zum Gitter und natürlich nicht zur CD. Bezüglich der CD liegt deswegen ein Spektrum der 1. Ordnungen bei größerem, das andere bei kleinerem Radius. Wenn man nun die Schablone dreht oder eine andere mit vier zueinander wie ein Koordinatenkreuz angeordneten Spalten fertigt, hat man die ganze Figur und die notwendige Erklärung.

    Dass die zweite Ordnung sehr schwach ist oder nicht zu sehen, hängt vielleicht damit zusammen, dass bei dem mir nicht genau bekannten Herstellungsprozess der CD/DVD ein Sinusgitter herauskommt. Dann gibt es ja außer der ersten keine weiteren Ordnungen.

    Dank an Herrn Kollegen Schlichting für das schöne Experiment.
  • Bäume wachsen "oben"!

    29.05.2011, Dr. Karl-Ernst Friederich, Freiburg i. Br.
    Eine Markierung, die man 1 m über der Erdoberfläche an einem Baum anbringt, befindet sich auch nach 100 Jahren noch 1 m über der Erdoberfläche, denn das Längenwachstum der Bäume findet wie bei allen Pflanzen nur an den Vegetationspunkten in den Knospen statt - das Beispiel passt also nicht.
    Das ist auch der Grund dafür, dass man Wegweiser oder Wanderzeichen an Bäumen anbringen kann, ohne befürchten zu müssen, dass sie nach oben entschwinden.

    Antwort der Redaktion:
    Es kann durchaus sein, dass Bäume für unseren Vergleich zu ungleichmäßig wachsen. Nehmen wir ersatzweise ein treffenderes, wenn auch weniger lustiges Beispiel: Wir messen die thermische Ausdehnung eines Stoffes mit einem Maßband, das sich selbst stärker ausdehnt.


    Prof. Dr. Norbert Treitz
  • Was ist die Ursache für den Tod des Mauerflüchtling?

    26.05.2011, Jörg Wartmann, Volkenshagen
    Anknüpfend an die Person, die mit der brennenden Zigarette die Explosion der Tankstelle auslöst, wende ich die im Artikel vorgestellte Theorie auf einen DDR-Flüchtling an, der an der innerdeutschen Grenze ums Leben kommt und auch noch seine Angehörigen unter nachfolgenden Sanktionen zu leiden haben.

    Die "Mauer" ist insbesondere aus Sicht des Flüchtlings als invariabler potenzieller Differenzfaktor anzusehen. Die Handlung des Flüchtlings ist dagegen genauso kausal spezifisch wie die des Todesschützen. Da wir aber mehrheitlich das rigide Grenzregime als Todesursache ansehen, kommen womöglich moralische Bewertungen der Kausalfaktoren in die Diskussion.
  • Wünschenswerte Alternative

    26.05.2011, Winfred Krech, Itzehoe
    Immer wieder lese ich, dass das direkte Essen pflanzlicher Proteine, spricht die vegetarische Ernährung besser und ökologischer sei, weil so der große Umweg über die Fleischprodution vermieden würde, bei dem ein Vielfaches an Biomasse - und damit Ackerfläche - erforderlich wäre. Ich bezweifle aber, dass das so stimmt.

    Während einer Reise kam ich mit einer Meterologin oder Klimatologin aus der Schweiz zusammen. Als ich ihr gegenüber erwähnte, dass in der Bibel (1. Mose, bzw. Genesis) merkwürdigerweise bis zur Sintflutgeschichte nur die vegetarische Ernährung (1. Mose 1, 29 f) erwähnt wird, erst nach der Sintflut in 1. Mose 9, 2.3. der Fleischgenuss freigegeben wird (die Kainsgeschichte spricht von Tieropfer, aber nicht vom Fleischessen), wurde sie sehr interessiert. Sie erzählte, dass einer ihrer Doktoranten über eine gewaltige Regenflut im ausgehenden Mittelalter im Zusammenhang mit den damaligen Klimaveränderungen eine Promotionsarbeit verfasst. Die Ernte der Nahrungspflanzen wurde damals stark in Mitleidenschaft gezogen bzw. weit gehend vernichtet. Der Doktorant fand Hinweise, dass die Ernährung der Menschen sich in der Folge vom Pflanzlichen zum Tierischen hin veränderte.

    Uns schien das logisch: Tiere können Pflanzen fressen, die auch nach einer derartigen Katastrophe schnell wieder heranwachsen, für Menschen aber völlig unbekömmlich sind. So mag Rolffs These vielleicht für die moderne, industrielle Fleischproduktion gelten. Wenn die Kuh nach Altvätersitte auf der Weide ihren Nahrungsbedarf deckt, trifft dies sicher so nicht zu.

    Darüber hinaus ist der Mensch nach meiner Kenntnis physiologisch auf eine ausgewogene Nahrung angewiesen, zu der auch tierische Proteine gehören. Insbesondere Kleinkinder sind durch einseitig pflanzliche Ernährung der extremen Form des Vegetarismus der Veganer in ihrer Entwicklung gefährdet, und viele Kinderärzte verstanden die unerklärliche verminderte Entwicklung manches Kleinkindes erst, als sie erfuhren, daß die Eltern auch ihr Kind veganisch ernähren.

    Mich würde sehr interessieren, ob es zu diesem Thema (Übergang von pflanzlicher zu tierischer Ernährung nach großen Katastrophen sowie Nachteile und Vorteile vegetarischer Ernährung) wissenschaftliche Untersuchungen gibt. Immerhin, wenn ich ein Steak zu Mittag esse, kann ich fast auf das Abendbrot verzichten. Bei pflanzlicher Kost knurrt mir zur Kaffeestunde längst der Magen. Und die gegenwärtigen Darmbakterienepidemie lässt daran zweifeln, ob pflanzliche Kost tatsächlich immer so gesund ist. Insofern sind Sarah Simpsons Aquakulturen eine wünschenswerte Alternative.
  • An einer Stelle zu kurz abgebogen ...

    25.05.2011, Daniel Schiller, Köln
    Warum gewinnt der Mond an Drehimpuls? Mit den Worten, dass alle Energieanteile bis auf Reibungswärme ins Schwerefeld wandern und so der Mond angehoben wird, wird das Phänomen zwar formal knackig kurz erfasst, aber der Prozess nicht beschrieben, schon gar nicht anschaulich. Warum ändert sich die Bewegung? Warum beschleunigt der Mond? Was "jeder" nachvollziehen kann, ist die Wirkung von Kräften auf eine Masse. Eine Kraft beschleunigt eine Masse. Und genau diese Argumentation fehlt.
    Der Flutberg auf der Erde liegt nicht genau unter dem Mond, sondern wird, durch Reibung an der schnell drehenden Erdoberfläche, mitgezogen ... "vor" den Mond. Dadurch wirkt die Gravitation dieser Wassermassen nicht lotrecht nach "unten" sondern auch aus Sicht des Mondes nach vorne. So wird er beschleunigt, gewinnt Drehimpuls und steigt höher. Umgekehrt wird der Flutberg durch den Mond zurück gezogen und bremst so die rotierende Erde.
    Die Größenordnung ist klein, aber wirkt ewig und anhaltend ... und der Kreis schließt sich zu Kant.

  • Alles Chimäre, aber mich unterhalt’s

    25.05.2011, Martin Piehslinger, Wien
    sagte Johann Nestroy.
    Oder, moderner:
    "Das Leben ist ein Sch...spiel, aber die Grafik ist geil."

    Warum wollen wir das skeptische Argument überhaupt anfechten und zurückweisen? Wenn wir in einer Scheinwelt der Illusionen leben, so leben wir doch ganz gut und die Illusionen folgen den Gesetzen die wir über sie herausgefunden haben.

    Ich sehe auch keinen Grund, dem Verursacher der Illusionen von vornherein unlautere Motive zu unterstellen. Sofern wir benutzt werden (und der Benutzer unserer Logik folgt), ist unser Nutzen wahrscheinlich die Ursache unserer Existenz - wie bei einem Nutztier.

    Wenn wir das skeptische Argument aus unserem Denken verbannen, berauben wir uns selbst jeglicher Möglichkeit eine eventuelle Täuschung zu durchschauen.

    Also: Ich bekomme soeben die Illusion vorgespiegelt, einen Leserbrief zu schreiben und kann mich der Illusion hingeben, dass Sie ihn lesen. Ist doch nicht schlecht!

    PS: Sollten die Verursacher der Illusion hier mitlesen: Bitte den Bug in der Matrix zu beheben, der mir immer wieder einzelne Socken vorgaukelt! Danke.
  • Parallaxefehler beim Ablesen

    24.05.2011, Helmut Leffler
    Die falsche Beschreibung der Nonius-Funktion im Heft 05/11 hat Reinhard Göller zwar richtiggestellt; trotzdem trifft die Beschreibung nicht auf die abgebildete Schieblehre zu.
    Diese hat nämlich einen 20-teiligen Nonius von
    39 mm Länge und gestattet somit die Maß-Ablesung mit einer Genauigkeit von 5/100 mm, wie auch auf dem Schieber eingraviert.
    Der Gewinn an Genauigkeit wird aber durch den Parallaxefehler beim Ablesen der langen Skale wieder zunichtegemacht.
  • Bewusstsein und Zeit

    24.05.2011, Dr. Klaus-Werner Böddeker
    Das Bewusstsein wird als akut in der Gegenwart erlebt. Tatsächlich ist die Gegenwart schon weiter. - Erfahrung: Ich befinde mich in einem Raum mit Gesprächen, Geräuschen, Gerüchen etc. Plötzlich wird der die ganze Zeit laufende Ventilator abgestellt. Ich nehme das wahr und denke: "komisch, gerade in der letzten Sekunde hatte ich das Geräusch des Ventilators bemerkt." - Kontinuierlich werden externe und interne Informationen aus den verschiedenen Modalitäten vom Gehirn aufgenommen, in ihrer großen Fülle natürlich nicht wahrgenommen, und verblassen zu Gunsten der nachfolgenden Informationen. Erst durch nachfolgende Informationen - hier das Aufhören des Ventilatorgeräuschs - bekommen die in einer kurzen Latenz befindlichen Informationen Bedeutung und werden wahrgenommen (für wahr genommen = für bedeutsam). Jemand anderes im Raum nimmt die Geräuschveränderung nicht wahr, weil er vielleicht intensiv im Gespräch ist; d.h. in die Bereitschaft, etwas im Nachhinein mit Bedeutung zu versehen, gehen individuelle motivationale und andere Faktoren ein (siehe auch "Meinigkeit"), - was Bearbeitungszeit braucht und verschiedene Hirnregionen beschäftigt. - Was für die Wahrnehmung von sinnlichen Reizen gilt, nämlich der zeitliche Nachklapp des Bewusstseins gegenüber der akuten Gegenwart, gilt ebenso für das Sprachverstehen, die Sprachproduktion, das Musikhören etc. Erst wenn sich (oder dadurch dass sich) aus der Informationsfülle (mit Hilfe von Invarianten etc.) etwas wie eine bedeutsame Gestalt gebildet hat, wird diese bewusst wahrgenommen. Dabei ändert sich die Gestalt in der Zeit ständig, bleibt aber in einem Zusammenhang, so dass das Vorangehende einen Einfluss auf die Bedeutungsgebung des Nachfolgenden ausübt. - Dass wir das Bewusstsein als in der akuten Gegenwart stattfindend erleben, hängt damit zusammen, dass wir im Ultrakurzzeit-Bereich keine Zeitwahrnehmung haben. Gibt man einem Probanden zwei Stimuli in kurzem zeitlichem Abstand, so kann er eindeutig sagen, dass sie nicht gleichzeitig erfolgen, nicht aber welcher der erste und welcher der zweite war; das betrifft je nach Unterschiedlichkeit der Reize und der betroffenen Sinnesorgane einen Zeitbereich bis weit über eine Zehntelsekunde (eigene kursorische Untersuchungen; Veröffentlichungen sind mir nicht bekannt). Dabei spielen notwendigerweise auch Leitungs- und Verknüpfungszeiten eine Rolle. - Während das alles für die verschiedenen Bewusstseinszustände - ob qualitativ unterschiedlich oder als Kontinuúm verstanden - gilt, könnte man spekulieren, dass das Traumbewusstsein in Echtzeit stattfindet.
  • Pech - oder Schlamperei

    24.05.2011, Dominique Boursillon, Scheer
    Sehr geehrte Damen und Herren!

    Die pauschale Aussage, man könne sich durch persönliche Hygiene vor einer Infektion mit EHEC wappnen, ist nur bedingt zutreffend. Persönliche Hygiene ist in der Tat der wichtigste Faktor, um sich selbst zu schützen. Die Verbreitung der Erkrankungsfälle momentan deutet aber darauf hin, dass ein industriell hergestelltes Lebensmittel, z. B. eine Rohwurst, verantwortlich ist. Dagegen kann der Verbraucher nur bedingt etwas ausrichten.

    Inwieweit ein Betrieb für den Vertrieb gesundheitsschädlicher Produkte verantwortlich gemacht werden kann, lässt sich nur im Nachhinein sagen: Manchmal ist es nur Pech, häufiger ist es sicherlich Schlamperei. Dennoch, in Anbetracht der (mindestens) 200 Salmonellosen und Campylobacterinfektionen, die jeden Tag deutsche Haushalte treffen, kann die Einhaltung elementarer persönlicher Hygienemaßnahmen nicht genug betont werden.

    Mit freundlichen Grüßen
  • Chapeau, Herr Musser!

    22.05.2011, Edward König, Amberg
    Die Kritik anderer Leserbriefe kann ich nicht nachvollziehen: War doch von vornherein selbstverständlich, dass hier keine endgültige Theorie der Zeit vorgelegt wird. Aber als Gegenüberstellung oder Zusammenfassung aktueller Forschungen und Sichtweisen finde ich den Artikel großartig!
  • Keine Planeten

    19.05.2011, T. Harms Bremen
    Ungebundene Planeten sind per se ein Paradoxon.
    Der Begriff Planet kommt von sich um ein Zentrum (oder exzentrisch) bewegender Körper. Also sind es keine Planeten sondern andere Himmelkörper oder sie bewegen sich in noch unbekannt verlaufenden (gebundenen) Bahnen.

  • Cartesisches Dilemma nicht lösbar

    18.05.2011, Christian Krippenstapel, Heiligenhafen
    Wie Brendel richtig bemerkt, konnte das cartesische Dilemma, ob tatsächlich irgendetwas außer dem Selbst existiert, bis heute nicht gelöst werden. Das wird nicht nur in der genannten "Matrix"-Trilogie thematisiert, sondern gilt allgemein als Grundübel der Philosophie, der viele gar keine Relevanz für das tägliche Leben zuerkennen, weil sie nach wie vor darüber streitet, ob die Welt wirklich existiert, während andere versuchen Übel wie Kriege, Hunger, Klimawandel und etlichen anderen, von ihr abzuwenden.

    Hilfreich finde ich dabei das genannte "Gehirn im Tank-Experiment" von Putnam, in dem das (cartesische) Selbst in einem Gehirn inseriert, das mit der Außenwelt lediglich über Nervenimpulse interagiert. Obwohl wir nicht einmal sicher sein können, dass besagtes Gehirn nicht auch bloß eine lllusion ist, müssen wir als Materialisten dennoch davon ausgehen, dass es irgendetwas Stoffliches geben muss, in dem die zu Grunde liegenden Vorgänge ablaufen und dem wir getrost die Qualität "Gehirn" zuerkennen dürfen.

    Interessant ist dabei m. E. die Unterscheidung zwischen ein- und ausgehenden Impulsen (oder was wir als solche erkennen), denn es impliziert die grundsätzliche Differenzierung in "Selbst" und "Nicht-Selbst"; mithin die Existenz einer, wie auch immer gearteten Außenwelt und mithin einer Grenze zwischen "innen" und "außen". Selbst wenn wir annehmen, dass unser ganzes Leben nur eine Illusion ist, müssen wir nicht nur die Existenz eines denkenden Selbst, sondern auch die einer Außenwelt postulieren, in der diese Illusion stattfindet und mit der besagte Interaktion stattfindet. Selbst wenn wir und unsere gesamte Welt bloß die Simulation in einem Computer sind, muss dort diese Grenze zwischen Selbst und Nicht-Selbst existieren, selbst wenn sie lediglich virtuell ist.

    Wenn wir das annehmen, bringt uns das an einen Punkt, an den die Atomforscher schon vor etlichen Jahrzehnten gelangten: Während Bohr noch ein konkret-anschauliches Bild vom Atom mit Kern und seinen Elektronen auf diskreten Kreisbahnen ringsherum entwarf, zeigte sich sehr bald, dass gar kein konkret-anschauliches Bild dem "wirklichen" Atom gerecht werden könne. Noch akuter zeigte sich dieser Mangel beim Licht, dessen Welle-Teilchen Dualismus sich von vornherein jeglicher Anschaulichkeit entzieht, wie etliches Andere aus der Welt der Quanten oder der Kosmologie auch. Das Dilemma nicht erkennen zu können, was und wie die Welt, also uns umgebende Nicht-Selbst, "wirklich" ist, ist also durchaus kein abgehobenes Denkmodell weltfremder Denker, sondern tritt uns im ganz normalen Forschungsalltag überall entgegen. Nur haben wir uns dort längst damit abgefunden, dass wir von der Welt an sich ohnehin nur ein höchst unzureichendes Bild entwerfen können und uns stattdessen mit Modellen behelfen müssen, die zwar immer nur Teilaspekte der "Welt an sich" beschreiben können, für die Lösung einer konkrete Fragestellung aber das einzig zur Verfügung stehende Hilfsmittel sind. Und der Erfolg gibt dieser Methode Recht!

    Damit hat die Wissenschaft das cartesische Dilemma, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre, wenn nicht gelöst, so doch wenigstens längst handhabbar gemacht: Der oben genannten In- und Output wird von uns in nichts anderes übersetzt, als in ein Modell des Nicht-Selbst, das wir als Umwelt erleben, im Grunde aber nichts anderes ist als die Schatten an der Wand des platonischen Höhlengleichnisses.

    Wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass Input, Turnover und Output der Signale zwischen Innen und Außen nicht willkürlich sind, sondern gewissen Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Auch diese Erkenntnis stammt nicht aus der Philosophie, sondern aus dem Zeitalter der Aufklärung, in der Leute wie Newton darlegten, dass die Vorgänge in der Natur, also im "Nicht-Selbst", offenbar nicht die willkürlichen Ergebnisse göttlichen Waltens darstellen, sondern klar umrissenen Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Eben diese Naturgesetze zu erkennen und zu beschreiben ist seither Aufgabe der Naturwissenschaften.

    Da wir also ohnehin nichts über die Welt an sich erfahren können, lassen sich doch eben die Gesetzmäßigkeiten erkennen und beschreiben, denen die Welt folgt. Damit löst sich das cartesische Dilemma, ob die Welt wirklich existiert, plötzlich in Nichts auf, da dem Selbst, das sich durch Denken definiert ("Cogito, ergo sum") zwangsläufig ein Nicht-Selbst gegenüberstehen muß, mit dem das Selbst wechselwirkt. Was wir davon erfahren können, kann aber nie mehr sein als ein Modell, das unser Selbst vom Nicht-Selbst entwirft, die platonischen Schatten an der Wand also. Wichtig für uns ist zu erkennen, nach welchen Gesetzmäßigkeiten Selbst und Nicht-Selbst interagieren, welche intrinsischen Prozesse zu welchem Output unseres Selbst führen, mit welchem extrinsichen Input wir rechnen müssen und wie sich die Interaktion zwischen beiden gestaltet. Damit kann das, was wir als unsere Umwelt ansehen niemals mehr sein als das, womit sich die Wissenschaftler lange angefunden haben: Ein Modell des Nicht-Selbst, dessen Existenz unbezweifelbar ist, dessen Natur an sich wir aber niemals ergründen können.