Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Die Guttenberg-Hatz einer Gruppe von Wissenschaftlern

    04.03.2011, Gerd Höglinger 83026 Rosenheim
    Die in den Medien jetzt groß herausgestellte aufgeplusterte Entrüstung einer Reihe von Professores, Doktores und Studiosi erscheint doch recht unverhältnismäßig, theatralisch und scheinheilig zu sein.

    Es darf doch nicht unbegründet vermutet werden, dass in der älteren und jüngeren Vergangenheit viele Doktorarbeiten mit einem mehr oder weniger großen Anteil von fremdem Geistigem Eigentum "veredelt" wurden. Die damaligen Doktoranden hatten das Glück und ihre Prüfer das Pech, dass es damals noch kein Internet und keine Suchmaschinen gab.
    Im Fall einer per Zufallsgenerator stichprobenweise durchgeführten Durchleuchtung alter Dissertationen gäbe es heute bestimmt manch Heulen und Zähneknirschen und Einkassierung alter Doktortitel.

    Im Übrigen ist die klare Definition des "schädlichen Plagiats" auch nicht gerade einfach. Es besteht da eine recht diffuse, schwammige Grenze bzw. Übergang von der teilweisen oder ganzen Verwendung fremder geistiger Inhalte jedoch mit eigener Textformulierung bis zum wörtlichen "Abschreiben".
  • Freiheit widerspricht Determinismus

    04.03.2011, Gunter Berauer, München
    Michael Pauen benutzt in seinem Beitrag den Begriff Determinismus, erläutert ihn aber nicht genauer. In Lexika wird eine deterministische Welt als eine beschrieben, in der grundsätzlich alle Ereignisse und Zustände durch vorherige und diese wieder durch vorherige u.s.w. exakt festgelegt sind. Damit hätte buchstäblich alles, was in einer solchen Welt heute ist, früher war und künftig sein wird, bereits von eh her lückenlos und exakt festgestanden – auch die Existenz und das tägliche und sekündliche Verhalten eines jeden Menschen auf der ganzen Welt und zu jeder Zeit. Wenn man einmal annimmt, unsere Welt sei tatsächlich so, wovon Herr Pauen ja wohl ausgeht (Kausallücken hält er jedenfalls expressis verbis für “sehr unwahrscheinlich“), dann muss man sich die Frage stellen, was dann all die in dem hier diskutierten Beitrag von ihm benutzten wohlklingenden Verben, wie motivieren, verhindern, fördern, jemanden zu etwas bringen oder veranlassen und ermahnen überhaupt bedeuten sollen. Wie will man etwas in einer Welt beeinflussen, in der alles von Anfang an unbeeinflussbar abläuft? Von Urheberschaft, von Selbstbestimmung, vom Freisein von inneren und äußeren Zwängen oder von der Möglichkeit des Andershandelns könnte doch gar keine Rede sein, und auch der schöne Begriff Autonomie wäre ein nutzloses Fremdwort in unserer Welt.

    Ich verstehe wirklich nicht, wie man unsere Welt für deterministisch halten und dennoch permanent Begriffe verwenden kann, die in einer solchen Welt völlig sinnlos sind. Oder wie man von der Möglichkeit von Freiheit in einer Welt sprechen kann, in der kein einziges Attribut übrig bleibt, an welchem man einen Freiheitsbegriff festmachen könnte. (Siehe dazu auch meinen und die anderen Lesebriefe im Internet zum Spektrum- Diskurs “Schuld und Freier Wille“ vom Juni 2010, die Herr Pauen aber vermutlich nicht gelesen hat).

    Heute müssen (oder dürfen) wir zum Glück davon ausgehen, dass unsere Welt ganz anders ist. Aus der bestbestätigten Theorie aller Zeiten, der Quantenmechanik, folgt, dass mikrophysikalische Vorgänge hochgradig indeterministisch sind. Den mikrophysikalischen Zufall kann man häufig direkt im Mesokosmos beobachten, darüber hinaus wird er aber auch über mannigfache andere Mechanismen in den Meso- und Makrokosmos transformiert. Neben den quantenmechanischen gibt es aber auch noch viele andere Argumente und Fakten gegen den Determinismus, die ich gerade dabei bin, in einem Buch über den “Irrtum vom Determinismus“ zusammenzutragen (siehe dazu auch mein Buch über den Begriff der Freiheit, LIT-Verlag, 2. Auflage). Wir haben es in unserer Welt nicht nur mit ein paar kleinen Kausallücken zu tun, die Herr Pauen vielleicht konzedieren würde, sondern es gibt fast nichts (genau genommen sogar gar nichts) in dieser Welt, was strikt kausal abliefe.

    Nun zum Begriff der Freiheit. Zunächst sollte man zwischen objektiver (von außen zu beurteilender) und subjektiver (empfundener) Freiheit unterscheiden. Objektive Freiheit verbietet nicht den Zufall, wie Herr Pauen sagt, sondern setzt ihn voraus. Oder besser gesagt: Zufall ist ein wesentlicher Bestandteil von objektiver Freiheit. Denn wer würde die Entscheidungen eines Menschen noch als frei bezeichnen, wenn man sie (prinzipiell) sicher hätte vorhersagen können? Nicht sichere äußere Vorhersagbarkeit ist damit ein wichtiges Attribut für objektive Freiheit. Da aber Unvorhersagbarkeit und Zufall Synonyme sind, hat Freiheit eben doch etwas mit Zufall zu tun. Zu einem vernünftigen Freiheitsbegriff kommt man nur, wenn man die Welt so nimmt, wie sie ist, und den physikalisch begründeten Zufall auch als Grundvoraussetzung für Freiheit in die Definition einbezieht (schon Immanuel Kant und später Martin Heidegger sprachen davon, dass die praktische Freiheit des Menschen in der “absoluten Spontaneität“ gründet, was aber nichts anderes ist als der Zufall). Das gelingt mit einem Begriff von Freiheit als Zusammenwirken von Zufall und Kausalität, der damit, um mit den Worten Jacques Monods zu sprechen, “Zufall und Notwendigkeit“ miteinander verbindet. In einem in der Süddeutschen Zeitung vom 10.2.2011 abgedruckten Interview mit dem Titel “Die Freiheit der Fruchtfliege“ hat sich der Zoologe Dr. Björn Brembs genau in dieser Weise über die Freiheit geäußert (siehe dazu auch mein oben bereits genanntes Buch).“
  • Philosophische Schonkost

    04.03.2011, Bernhard Becker, Duisburg
    Betrifft: „Die größten Rätsel der Philosophie“
    Seine Antwort auf die Frage nach dem „Wesen des Ich“ fasst Newen selbst so zusammen: „Ich bin ein Mensch (als biologisches Wesen), der ein Ich-Gefühl und ein begriffliches Selbstbild entwickelt. Dieses Ich-Gefühl entsteht aus der Erfahrung heraus, dass ich einen eigenen Körper habe, die Welt aus einer eigenen Perspektive sehe und der Urheber des eigenen Handelns bin. Das begriffliche Selbstbild entwickelt sich erst in Verbindung mit der Fähigkeit, die eigenen Überzeugungen, Wünsche, Hoffnungen und so weiter von denen anderer Personen neu abzugrenzen.“

    Auch ohne meine Kursivsetzung von „ich“ und „eigen“ dürfte deutlich werden, dass andere Wesen (ob nun Menschen, Tiere oder Sachen) hier eigentlich nur stören können: sie kommen nur negativ vor – im Prozess der Abgrenzung vom Nicht-Ich. Dass wir alle ein personales „Ich“, wie unter Soziologen und Psychologen wohlbekannt, erst sozial, d.h. im verstehenden Umgang mit anderen Menschen erlangen, das Bewusstsein des Einzelnen letztlich also immer „Antwort auf eine Kommunikation“ bzw. „gesellschaftliches Produkt“ ist, bleibt außen vor (und alles, was Buber jemals dazu geschrieben hat, fiele in Ihrem Blatt vermutlich unter „Esoterik“).
    Andererseits verbleibt der Autor mit seiner Unterscheidung Geist/Materie ebenso wie Pauen, der eifrig nach „Lücken“ im „naturgesetzlichen Kausalzusammenhang“ sucht, trotz aller Kritik an Descartes innerhalb der Grenzen eines (wie auch immer „kritischen“) Rationalismus. Dieser so gewonnene „Geist“ entspricht jedoch im wesentlichen einer Reduktion auf Evidenzen des inneren Erlebens als „Subjekt“: fortlaufend sich Erneuerndes faßt es als statisch auf, wähnt sich bzw. seinen „Willen“ gar als „Urheber“ von Handlungen und Kommunikationen, glaubt souverän in jeweils konstruierten Vergangenheiten und imaginären Zukünften zu verweilen und sieht sich so wenigstens in seinem Denken den Beschränkungen von Raum und Zeit enthoben. Kein Wunder also, dass der klassische Idealismus darum auch konsequent von der Existenz einer „unsterblichen Seele“ ausging – dabei jedoch immerhin noch wusste, dass eine derartig exponiere Sonderstellung sich allein eine „Teilhabe“ am göttlichen Geist verdanken könne: einem „Wunder“ also, nicht aber einer noch so fleißigen Selbstabgrenzung egoistischer Individuen.

    Was den Lesern hier als Philosophie präsentiert wird, überschreitet somit leider nirgendwo den Rahmen des, so Heidegger, „natürlichen“ (=idealistischen) Bewusstseins. Doch „wenn man den Bannkreis der idealistischen Spekulation wirklich durchbrechen will“, so Gadamer, darf man „die Seinsart des Lebens nicht vom Selbstbewußtsein aus denken.“ Sicherlich lässt sich auf diese Weise auch heute noch „analytische“ Philosophie betreiben – selbst wenn es schon etwas her ist, dass Quine die Unterscheidung analytisch/empirisch als metaphysisches bzw. „unempirisches Dogma des Empirismus“ qualifiziert hat (Quine, From a Logical Point of View, Cambridge [USA] 1953, S. 37). Die damit zugleich einhergehende Beschränkung einer auf Eigeninteresse und Machbarkeit fixierten „Vernunft“ des methodologischen Individualismus folgt zwar brav dem heute dominierenden Paradigma der Naturwissenschaft (und ist somit gerade für Leser Ihres Blattes hochkompatibel), wird jedoch, wie Breuers skeptische Interview-Fragen zu Recht zeigen, vermutlich nicht einmal dort ernstgenommen: Wer seinen Popper gelesen hat, weiß, dass Normen sich nicht aus Tatsachen „gewinnen“ lassen, sondern stets unterstellt werden und sich dann bewähren müssen.

    Denn dass es „gut“ sei, nach dem „Guten“ zu suchen und andere zu verstehen, ließe sich zwar (wie jede Tautologieentfaltung) durchaus am empirischen Ertrag messen: Eine solche Welt wäre komplexer und differenzierter. Doch man könnte es hier natürlich ebenso halten wie die Riesen bei Harry Potter: Durch Mord und Totschlag wird dann alles wieder einfacher und verständlicher. Werte und Normen – was Moore und Ayer noch wussten – lassen sich darum nicht (oder eben nur zirkulär) „begründen“.

    Folge ich z.B. etwa Pauens Argumentation, so sei Willensfreiheit Hirnforschern zufolge zwar einerseits unmöglich. Weil ohne die Bestrafung von Verbrechern aber keine Staatsordnung denkbar ist, bleibe sie andererseits „eine sowohl pragmatisch wie systematisch begründete Notwendigkeit“. So weit kam freilich schon vor 100 Jahren Vahingers „Philosophie des Als Ob“. Kants „unrealistische“ (und in der Tat für Logiker und Rationalisten eher beunruhigende) Herleitung verweist Pauen ins Reich der „fundamentalen und unlösbaren Rätsel“. In Josef Simons „Philosophie des Zeichens“ dagegen (Berlin 1989, S. 222 f.) erscheint sie durchaus nicht rätselhaft: „Dieses Sich-als-frei-Denken ist also Imagination und als solche der wirkliche Zugang Kants zur Freiheit. Man denkt sich (im ,inneren’ Reden mit sich selbst) als frei, und „eo ipso“, d.h. darin ist man es (Kant: Vorlesungen über die philosophische Religionslehre, AA XXVIII, Berlin 1968, 1068).“ Auch eine Paradoxie wie „Freiheit“ läßt sich nicht begründen – ich muß sie mir nehmen: nur, wer sich frei denkt, kann es überhaupt sein – ebenso, wie derjenige tatsächlich unfrei ist, der sich für unfrei hält.

    Sicher ließe sich dann immer noch bestreiten, ob es so etwas wie Entscheidungen überhaupt geben könne. Das postuliert jedoch nur hilfsweise den magisch-metaphysischen Determinismus naiver Neurologen: Denn die Möglichkeiten eines durch Kommunikation geformten Denkens hängen vom Aufbau der Nerven ungefähr so ab wie die Struktur einer Orgelfuge Bachs vom boyleschen Gesetz. Um nachzuweisen, wieso Freiheit trotz Strukturdeterminiertheit möglich ist, müßte man allerdings z.B. Luhmann gelesen haben – ein Autor von Weltrang, der für SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT als Wissenschaftler aber offenbar nicht existiert.

    Vielleicht würde er ja eine Leserschaft zu sehr verstören, der man zwar Monat für Monat neue hochkomplizierte physikalische Kosmologien zutraut, in gesellschaftlichen Fragen aber gut abgehangene Plausibilitäten des common sense serviert. Erst diese Haltung des Es-gar-nicht-so-genau-wissen-Wollens aber macht Philosophie zu einem „weichen“ Fach. Während meines Studiums bei Kurt Flasch in Bochum durfte ich jedenfalls ein etwas ernsthafteres Niveau kennen lernen und hoffe, dass Ihre angekündigte Serie „Die größten Rätsel der Philosophie“ demnächst etwas mehr als nur Schonkost bietet.
    Antwort der Redaktion:
    Herr Becker weist darauf hin, dass für die Diskussion des Ich auch die soziale Dimension relevant ist. Das ist richtig und die soziale Seite des Ich wird mit der Theory-of-Mind-Fähigkeit zwar thematisiert, wenngleich sie u. a. aus Platzgründen nur gestreift wird. Der Hauptgrund für das Ausblenden ist jedoch, dass bei der Kernfrage, ob das Ich ein Naturwesen oder ein geistiges Wesen ist, der Streit nur verlagert würde, falls es richtig wäre, dass das Ich ausschließlich sozial verankert sei; denn dann kann man immer noch problemlos argumentieren, dass alle sozialen Merkmale Teil der Natur sind und nicht Merkmale einer dezidiert geistigen Entität. Die Kernthese meines Artikels, dass das Ich vollständig ein Teil der Natur ist, welches mittels des Ich-Gefühls und (spätestens) ab dem vierten Lebensjahr zusätzlich aus einem begrifflichem Selbstbild aufgebaut wird, bleibt von der Rolle sozialer Merkmale unberührt (wenn man nicht voraussetzt, dass soziale Merkmale nur rein geistige Wesen haben können, wozu es eine eigene Diskussion gibt).
    Welche Rolle spielen denn nun soziale Merkmale für die Konstitution des Ich tatsächlich? Diese sachliche Frage steht in einem Spannungsfeld von Antworten: Individualistische Theorien des Ich sagen, dass die Interaktion mit dem Anderen überhaupt keine Rolle für das Herausbilden eines Ich spielt, während soziale Theorien des Ich behaupten, dass das Ich nur in der sozialen Interaktion mit anderen überhaupt entstehen kann. In diesem Kontrastbild liegt – wie so oft – die Wahrheit in der Mitte bzw. es ergibt sich ein kompliziertes Bild, wenn man genau hinschaut. Zunächst einmal muss man mit einem Missverständnis aufräumen: Ein Neugeborenes ist klarerweise auf andere Menschen angewiesen, weil es sonst nicht überleben würde. Es würde ihm an Nahrung und emotionaler Zuwendung fehlen. Aber diejenigen Merkmale, die für das reine Überleben notwendig sind, sind deswegen nicht zwangsläufig für ein Ich wesentlich (auch wenn ein Ich nur bei einem lebenden Wesen vorliegen kann). Sonst kommen wir zu den trivialen Aussagen, dass Sauerstoff wesentlich für ein Ich ist. Das aber wollen wir mit guten Gründen nicht sagen: Zwar ist Sauerstoff ganz notwendig dafür, dass ein Lebewesen ein Ich ausbilden kann, aber es ist keine wesentliche (konstitutive) Voraussetzung. (Dagegen ist Sauerstoff eine wesentliche Voraussetzung für die Knallgasreaktion, ohne dass man in solchen Fällen von einem Ich sprechen möchte.)
    Notwendige Voraussetzungen für einfaches Überleben sind nicht automatisch wesentliche Voraussetzungen für das Herausbilden eines Ich. Wenn wir die Rolle des Sozialen für die Entstehung des Ich diskutieren möchten, so lautet die zentrale Frage: Welche sozialen Merkmale, Bedingungen sind denn wesentliche Voraussetzungen für die Entstehung eines Ich? Um diese Frage zu untersuchen, unterscheidet man am besten zwischen individual-kognitiven und sozial-kognitiven Eigenschaften eines Menschen. Individual-kognitive Eigenschaften kann ein Kind allein in einer Kind-Umwelt-Interaktion erlernen, z.B. ein Gefühl der Urheberschaft beim Greifen eines Objekts, ein Grundverständnis von größeren und kleineren Mengen (Anzahlen), ein Erfassen von Objektkonstanz, eine Kategorisierung von Objekten nach Farben, Formen etc. sowie ein Grundverständnis von kausalen Zusammenhängen. Sozial-kognitive Eigenschaften dagegen kann ein Kind nur in einer Kind-Person-Interaktion erlernen, z.B. die Fähigkeit zu erfassen, dass Mutter und Kind dasselbe Objekte im Blick haben („geteilte Aufmerksamkeit“). Zu diesen sozial-kognitiven Fähigkeiten gehören auch vorsprachliche und erst recht sprachliche Kommunikation sowie eine „Theory of Mind“-Fähigkeit (wenn man anderen Personen Wünsche und Überzeugungen zuordnen kann). Es lässt sich gut dafür argumentieren, dass die individual-kognitiven Merkmale in der Anfangsphase der Entstehung eines Ich eine sehr große Rolle spielen, während die sozial-kognitiven Merkmale zwar von Anfang an da sind, aber erst Zug um Zug wichtiger werden und dann mit Beginn des zweiten Lebensjahres zunehmen dominant werden (eine ausführliche Begründung dazu finden Sie in: Newen, A., Fiebich, A. 2009). Im Detail zeigt sich dies u.a. darin, dass ein Ich-Gefühl wie ein Gefühl der Urheberschaft wesentlich individual-kognitiv entsteht, d. h. allein in der Interaktion mit Objekten in der Umwelt, während z. B., sich selbst als Teil einer Gruppe zu verstehen, für die bestimmte Gepflogenheiten gelten, erst mit ungefähr 2,5 Jahren in der Interaktion mit anderen Menschen sich herausbildet. Kurz gesagt: Von den Merkmalen des Ich entstehen einige wesentlich in einer Kind-Umwelt-Interaktion, während andere wesentlich auf eine Kind-Person-Interaktion angewiesen sind. Nur die letztgenannten Merkmale des Ich sind wesentlich auf eine soziale Dimension angewiesen. Und solche Eigenschaften sind zwar von Anfang an da, aber sie sind nicht dominant im Vergleich zu den individual-kognitiven Eigenschaften. Die zentrale Rolle von sozial-kognitiven Eigenschaften bildet sich erst nach dem zweiten Lebensjahr heraus (nachdem mit der geteilten Aufmerksamkeit ab dem 1. Lebensjahr schon eine wichtige sozial-kognitive Fähigkeit entstanden ist). Diese These wird u. a. untermauert durch eine Studie aus der Arbeitsgruppe von Prof. M. Tomasello, bei der ca. 80 Schimpansen mit 100 Kleinkindern im Alter von 2,5 Jahren vergleichend getestet wurden (Hermann et al., 2007). Dabei bekamen Schimpansen und Kleinkindern dieselben vorsprachlichen Aufgaben vorgelegt. Die Aufgaben waren in dem oben eingeführten Sinn aufgeteilt in individual-kognitive und sozial-kognitive Aufgaben. Es zeigt sich, dass die Schimpansen bei den individual-kognitiven Aufgaben genauso gut abschneiden wie 2,5 Jahre alte Kinder, aber bei den sozial-kognitiven Aufgaben liegen die Kinder eindeutig vorne. Es entsteht in dieser Altersphase bei den Kindern ein deutlicher Unterschied in der sozialen Kompetenz: Die Kinder entwickeln ein soziales Verstehen anderer Personen in immer ausgefeilterer Form und damit wird auch das Ich Schritt für Schritt stärker durch sozial-kognitive Eigenschaften geprägt. Auch ist es klar, dass z.B. in der pubertären Entwicklung die sozial-kognitiven Eigenschaften (Phänomene der Gruppenzugehörigkeit) nochmals viel wichtiger werden. Aber alle diese Prozesse finden im Rahmen von natürlichen Prozessen statt, die keineswegs ein rein geistiges Wesen voraussetzen und auch die sozialen Interaktionen sind ganz wesentlich neuronal verankert. Dazu wird es im letzten Heft der Reihe einen Artikel zum Thema „Den Anderen verstehen“ geben. Literatur: Newen, A., Fiebich, A.: A developmental theory of self-models, in: Wolfgang Mack, Gerson Reuter (eds.): Social Roots of Self-Consciousness. Psychological and Philosophical Contributions. Akademie Verlag, Berlin 2009, 161-186. 

    Albert Newen
  • Zum Ich-Gefühl/Das Ich, eine Fiktion?

    04.03.2011, Karl Hostettler, Aadorf, Schweiz
    Zum Ich-Gefühl
    Newen erwähnt entscheidende Schritte in der Entwicklung der kognitiven Eigenschaften des Kindes. Er spricht von Ich-Gefühl. Ich würde eher von „kognitivem Ich“ sprechen. Wir könnten es einem „Empfindungs-Ich“ gegenüberstellen. Denn um die Entwicklung unseres kognitiven Bereichs geht es Newen offensichtlich; um die Reifung desjenigen, welches wir im Alltag als „Bewusstsein“ bezeichnen. Natürlich fühlt sich die kognitive Beschaffenheit unseres Denkens auch an. Insofern passt der von Newen verwendete Ausdruck „Ich-Gefühl“. Doch kann er Identität der kognitiven Seite mit der empfindenden Seite unserer Gefühle vortäuschen.

    Wir müssen unsere Gefühle eben von verschiedenen Seiten betrachten. Da ist die kognitive Seite, die Seite des Wissens um uns selbst. Wir könnten, um den vieldeutigen Ausdruck „Bewusstsein“ zu vermeiden, von „Bewusstheit“ sprechen. Newen erwähnt wichtige Schritte in der kleinkindlichen kognitiven Entwicklung. Diese ist natürlich mit dem Bestehen des „False Belief-Tests“ nicht abgeschlossen. (Das behauptet auch Newen nicht.) Eine wesentliche Eigenschaft der reifen Bewusstheit bildet die Fähigkeit, uns in unserem Sein zu hinterfragen, uns Gedanken zu machen über Sinn und Zweck unseres Tuns und auch unseres Lebens.

    Aber alle diese Fähigkeiten oder Eigenschaften spielen in bestimmten Fällen überhaupt keine Rolle, obschon wir in solchen Situationen durchaus über Empfindungen verfügen, nämlich in unseren Träumen. Daher scheint es mir unvermeidbar, ein Kognitions-Ich und ein Empfindungs-Ich zu unterscheiden. Beide nehmen Anteil an unseren Gefühlen. Beide entwickeln sich im Lauf unserer Ontogenese. Das kann nicht anders sein. Aber es handelt sich ganz klar um zwei Sachen, und ihre Entwicklung muss nicht im Gleichschritt verlaufen.


    Das Ich, eine Fiktion?
    Unser Denken wird stark von Intuitionen geprägt, welche sich bei genauem Betrachten als Fiktionen erweisen. Eine solche Fiktion ist die im Alltag weit verbreitete Auffassung von einer Seele als einem Gegenstand, der unabhängig von materiellen Vorgängen bestehen soll. Albert Newen kritisiert diese Ansicht zu Recht. Aber worum handelt es sich beim Geist oder beim Ich? Ist das Ich, wie Philosoph Metzinger es meint, auch nur einfach eine Fiktion?

    Nein, weder Geist noch Ich und auch nicht Seele, richtig verstanden, sind Fiktionen. Das Problem liegt bei einer auch in der Philosophie leider noch stark verbreiteten, in unserer Intuition sehr stark verankerten naiven Sicht von Wirklichkeit. Als wirklich werden nach dieser Sicht Dinge betrachtet. Dinge gibt es, und sie haben Eigenschaften. Trägerin der Eigenschaften ist die Substanz, die an sich besteht. Sachlich ist diese Sicht nicht haltbar. Wir können es uns leicht vorstellen. Betrachten wir einen materiellen Gegenstand, etwa eine Zwiebel. Denken wir alle ihre Eigenschaften weg, auch Form, Grösse und Masse. Was bleibt? Nichts! Das heisst, es bleibt die bloße Tatsache, dass wir uns gedanklich auf eine Zwiebel beziehen. Substanzen gibt es also nicht. Wir bilden sie, indem wir unsere Gedanken auf ein bestimmtes Objekt lenken. Die Welt besteht nicht aus Dingen, wir sehen sie nur so an. Daher können wir auch die Existenz besonderer Dinge „Geist“ oder „Ich“, die sich irgendwo im Gehirn befinden und auf die Gehirnvorgänge Einfluss nehmen, nicht erwarten. Und doch sind „Ich“ und „Geist“ höchst reale Gegenstände. Die Welt besteht eben nicht aus Dingen. Sie hat eine Beschaffenheit. Sie ist real in ihrer Beschaffenheit!

    Sollen wir Computer-Software als Fiktion betrachten? Sie besteht ja bloß aus einer bestimmten Ordnung von Nullen und Einsen. Aber, wenn doch nicht wirklich, warum bezahlen wir dafür denn viel Geld?

    Zweifellos beruhen „Geist“ und „Ich“ auf Vorgängen im Gehirn. Aber um sinnvolle Gedanken zu schaffen, müssen diese Vorgänge in ganz bestimmter Weise beschaffen sein. Gehirn ist nicht nur Material. Gehirn ist auch Ordnung! Und diese Ordnung, während Hunderten von Millionen Jahren im Rahmen der Evolution entstanden, ist als Eigenschaft des Gehirns genauso real wie seine Masse, Ausdehnung und chemische Zusammensetzung. Denken wir auch daran, dass es diese Vorgänge sind, welche auch das wirklich Rätselhafte erzeugen, das, woran niemals gezweifelt werden kann, das demnach eigentlich in erster Linie die Bezeichnung „wirklich“ verdient: unser eigenes Erleben, an welchem wir nicht nur ein psychologisches, sondern objektives Interesse haben, indem es sich als freudvoll oder leidvoll erweist.

    Geist ist real, aber er ist kein Ding. Seine Rätselhaftigkeit verliert er zum Teil, wenn wir aufhören, einer Fiktion „Geist als Ding“ nachzulaufen.
    Antwort der Redaktion:
    Zwei Punkte möchte ich aus den Ausführungen aufgreifen. Der erste ist die Frage nach der Rolle von Empfindungen bei der Entwicklung des Ich. Da in meinen Theoriebildung klar zwischen einem Ich-Gefühl und einem begrifflichen Selbstbild unterschieden wird, sind damit genau die beiden Aspekte erfasst, die Herr Hostettler als Empfindungs-Ich und Kognitions-Ich unterschieden haben möchte. Hier sehe ich höchsten kleineren Dissens im Detail.

    Der zweite Punkt ist eine allgemeine Anmerkung über die Voraussetzung die in der Geschichte der Philosophie eine große Rolle spielt, nämlich die Substanz-Eigenschaft-Unterscheidung mit der Annahme, dass jede Eigenschaft einen Träger benötigt, dem diese Eigenschaft anhaftet. Sie geht auf Aristoteles zurück und bei Descartes eine wesentliche Voraussetzung für die Cogito-Überlegung. Die einfache Form der Kritik ist durch das Zwiebelbeispiel schön illustriert. Wenn alle Eigenschaften weg sind (alle Zwiebelschalen), dann ist nichts mehr übrig, auch kein vermeintlicher Träger von Eigenschaften. Aristoteles hat damals schon von der Subjekt-Prädikat-Struktur der Sprache („Peter ist 1,80 m groß“) darauf geschlossen, dass die Natur entsprechend in Träger und Eigenschaft aufgeteilt sei. Dieses falsche Verständnis wird bei meiner Theoriebildung gerade nicht vorausgesetzt. Ich nehme lediglich an, dass es Menschen als biologische Wesen gibt und dass sie die Fähigkeit haben, sich selbst zu erfassen (zu repräsentieren), zunächst auf der Gefühlsebene und dann auf der begrifflichen Ebene. Ein Mensch, der eine solche Fähigkeit der Selbstrepräsentation besitzt, der ist ein Ich. Ein Ich setzt somit nur ein biologisches System (den Menschen) und die Prozesse des Gehirns voraus. Wir müssen keine zusätzliche Sache, ein Ich als nichtbiologische Sache, annehmen. Ein Mensch mit der durch Hirnprozesse ermöglichten Fähigkeit der Selbstrepräsentation einerseits und ein Ich (bzw. eine Person) andererseits sind schlicht dasselbe.

    Trotzdem gibt es noch interessante Fälle, wenn die Selbstrepräsentationen von den biologischen Grenzen eines Menschen abweichen, z.B. wenn ich die Gummihand zu meinem Ich hinzuzähle. Dann müssen wir eine Differenz zwischen dem biologischen Ich (der Mensch) und dem Inhalt des Ich-Gefühls bzw. eines begrifflichen Selbstbildes machen. Für letzteres benötigen wir die Rede von einem Selbstmodell, die Metzinger eingeführt hat. Aber das Ich erschöpft sich nicht in von Gehirn konstruierten Inhalten. Um diesen Phänomenen Rechnung zu tragen, benötigen wir die genannte Unterscheidung von einem biologischen Ich (= der Mensch mit bestimmten Fähigkeiten der Selbstrepräsentation) sowie von Ich-Inhalten, die ein Gefühls-Ich (als Einheit meiner Ich-Gefühle) oder ein begriffliches Ich (als Einheit meiner begrifflichen Ich-Vorstellungen) ausmachen. An keiner Stelle meiner Theorie wird mehr vorausgesetzt, als dass es Lebewesen in der Welt gibt, die Empfindungen haben und Inhalte erfassen können, die sich unmittelbar auf das Lebewesen selbst beziehen.



    Albert Newen
  • Selbstbestimmung löst das Problem der Willensfreiheit nicht

    04.03.2011, Dr. Eugen Muchowski, Unterhaching
    1. Das Problem des freien Willens ist zunächst einmal das Problem der Urheberschaft. Kann eine Person Urheber Ihrer Handlungen sein, wenn diese von physikalischen Prozessen, Molekülen und Neuronen bewirkt wurde? Da führt der Hinweis auf Selbstbestimmung nicht weiter, denn Selbstbestimmung hat keine Macht über Moleküle.
    2. Ist Selbstbestimmung notwendig für die Zumessung von Verantwortung? Offensichtlich nicht. Denn es gibt Verhaltensweisen, die nicht selbstbestimmt sind, für die aber trotzdem Verantwortung getragen werden muss: Handeln im Affekt, Handeln gegen die eigene Überzeugung z.B. aus Angst vor Nachteilen etc.

    Urheberschaft und Verantwortung sind nicht dasselbe. Also sollte man die beiden Begriffe nicht in einen Topf werfen. Urheberschaft kann auch ohne Verantwortung vorkommen, bei Kindern oder bei Menschen, die nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind, etwa durch Krankheit oder durch Rausch. Die Zumessung von Verantwortung beruht auf gesellschaftlichen Konventionen und ist von Kulturkreis zu Kulturkreis verschieden. Kinder werden sind bei uns erst ab 14 Jahren schuldfähig, in den USA aber bereits mit 10 Jahren.

    Das Problem des freien Willens lässt sich eleganter auf andere Weise lösen, als durch die schwer nachvollziehbare Begründung durch Selbstbestimmung, nämlich durch die Vorstellung von der Einheit der Person. Diese Vorstellung kann tatsächlich die Urheberschaft der Person begründen. Wenn einer behauptet, nicht er sei der Täter, sondern die Neuronen und Moleküle hätten die Tat naturgesetzlich notwendig herbeigeführt, muss er sich fragen lassen, ob denn die Neuronen und Moleküle, aus denen er besteht, nicht zu ihm gehören. Dies kann er schwerlich bestreiten, ohne sich als Person zu verleugnen. Nachzulesen sind diese Gedanken in: Die Einheit der Person, Zur Frage der Begründbarkeit von Verantwortung im Determinismus In: Widerspruch, Münchner Zeitschrift für Philosophie Nr. 47/ 2008 ., abzurufen unter www.widerspruch.com/artikel/47_08_Muchowski.pdf
  • Sie sollten etwas vorsichtiger sein!

    04.03.2011, Dr. Helmut Forberich, Bielefeld
    Sehr geehrter Herr Dr. Springer,
    auch in Spektrum 6/2006 "Ist das Gehirn ein Quantencomputer ?" schlagen Sie sich auf die Seite des Hirnforschers Ch. Koch /...volle Breitseite...), wenn es um Quantenprozesse im Gehirn geht, die ja wegen zu hoher Temperaturen und Zellmolekülen riesigen Ausmaßes schlicht nicht möglich sein können. Wie immer in der Wissenschaft werden solche Gemeinplatz-Unfehlbarkeits Päpste widerlegt!

    Wahrscheinlich ist Ihnen entgangen der Artikel in Nature Physics 6, 462-467 (2010): Quantum entanglement in photosynthetic light-harvesting complexes.
    Gerade bei Riesenmolekülen und Zimmertemperatur!

    Seit über 40 Jahren warte ich nun schon auf diesen Nachweis.
    Ich bin sicher, auch im Gehirn, wenn auch nicht unbedingt da, wo Hammeroff es vermutet, werden sich Quanteneffekte nachweisen lassen. Ich habe auch schon einen Kandidaten im Visier, die Natur wird doch einen einmal erfundenen, so leistungsfähigen Prozess nur deshalb im Gehirn nicht anwenden, weil Herr Koch oder Sie es für unmöglich halten!
    Antwort der Redaktion:
    Zweifellos laufen im Gehirn und in der Fotosynthese Quantenprozesse ab. Letztlich beruht jeder Naturvorgang auf Quantenprozessen. Nicht einmal die Stabilität der Atome und Festkörper lässt sich ohne Quantenmechanik erklären. Eine ganz andere Frage ist, ob Bewusstsein als solches ein Quantenphänomen ist. Beruht das ganzheitliche Verhalten von Neuronenkomplexen im Gehirn auf Quantenverschränkung, wie Roger Penrose und Stuart Hameroff meinen? Max Tegmark und Christoph Koch rechnen vor, dass eine makroskopisch wirksame Quantenverschränkung großer Neuronenverbände unmöglich ist – weil die Quantenmechanik selbst das ausschließt.
  • Freiheit und Moral

    04.03.2011, Stephan Sandhaeger
    Die Diskussion um die Willensfreiheit krankt meist schon an der Definition: Wenn Willensfreiheit die Fähigkeit wäre, zwischen Möglichkeiten ohne Zwang auszuwählen, dann wäre auch ein Schachcomputer willensfrei, wenn er nicht gerade unter Zugzwang steht. Das ist jedoch nichts anderes als die - völlig unumstrittene - Handlungsfreiheit: also zuweilen gemäß seiner Präferenzen zu handeln.

    Das reicht nun aber Philosophen wie Pauen nicht aus. Sie fragen sich, was sie "Willensfreiheit" nennen könnten, damit man weiterhin Schuld und Sanktion zuweisen kann.

    Pauen vollzieht zuerst einmal einen stillschweigenden Schwenk von der Sanktion zur Prävention und stellt fest, dass es nur dann sinnvoll ist, auf jemanden moralisch verstärkend oder hemmend einzuwirken, wenn dessen Gehirn auf Grund dieser Einwirkung vermutlich in einer zukünftigen vergleichbaren Situation gemäß der Präferenz des Einwirkenden entscheiden wird. Das könnte man trivial nennen, und dagegen wird selbstverständlich kein Inkompatibilist etwas einzuwenden haben.

    Wenn der Angesprochene keinen äußeren oder inneren Zwängen unterliegt, nennt Pauen das "Autonomie". Sehr wohl aber soll derjenige empfänglich sein für die moralische Determinierung in Form obiger Einwirkung. Das zeigt ein weiteres Problem mit der Willensfreiheit: Wir möchten uns bei Entscheidungen zwanglos und selbstbestimmt fühlen, aber die anderen sollen sich - jedenfalls bei wichtigen moralischen Entscheidungen - vorhersagbar und konform verhalten.

    Sind wir selbstbestimmt, wenn wir bei roter Ampel brav stehen bleiben? Oder bleiben für unsere "Freiheit" nur Entscheidungen wie die, ob wir Erdbeer- oder Aprikosenkonfitüre aufs Brot schmieren?
  • Ich-Gefühl und deterministische Freiheit

    04.03.2011, Wolfram Friedrich
    Zu "Wer bin ich?" von Albert Newen und
    "Eine Frage der Selbstbestimmung" von Michael Pauen

    Zunächst einmal bin ich ein biologisches Wesen mit einem lernfähigen Informationssystem. Dieses Informationssystem - unser Nervensystem - entwickelt durch jahrelanges Lernen ein bewusstes Sebstmodell (Metzinger) bzw. Ich-Gefühl und ein begriffliches Selbstbild (Newen). Diese sind als vom Gehirn realisierte geistige Konstrukte real. Wenn Metzinger sagt, das "ich" sei eine Illusion, dann meint er das "ich" in der Bedeutung "Seele" oder "Unbewegter Beweger" wie wir es alltäglich erleben. Was wir als unsere freien Entscheidungen erleben, sind aber ganz normale determinierte Ereignisse wie fast alle anderen in unserer makroskopischen Welt. Da wir keinen Zugang zu den gelernten Synapsengewichten der Realisierer von Gründen und Argumenten haben, können wir nicht anders, als diese Ereignisse als unsere freien Entscheidungen zu erleben. Newen macht leider keine Aussage zu der Kernfrage: Kann das von ihm postulierte Ich-Gefühl und begriffliches Selbstbild Erstursache für unser Wollen und Handeln sein?

    Pauen löst das Problem, indem er einen deterministischen Freiheitsbegriff einführt. Er sagt, wir sind frei, wenn unser Wollen und Handeln von unseren Wünschen und Überzeugungen bestimmt wird - wir also selbstbestimmt sind. Dagegen sind wir nicht frei, wenn äußere oder innere Zwänge unser Wollen und Handeln bestimmen. Aus naturwissenschaftlicher Sicht sind es, wenn man es genauer formulieren will, die neuronalen Realisierer von Wünschen und Überzeugungen, die unser Wollen und Handeln mit ihren gelernten Kausalbeziehungen bestimmen. Dieser deterministische Freiheitsbegriff hat aber mehrere gravierende Probleme.
    Zum Ersten weckt er immer Assoziationen zum alltagssprachlichen Freiheitsbegriff, was leicht zu Missverständnissen oder gar Unverständnis führt.
    Zum Zweiten ist nicht klar, ob es überhaupt Wünsche gibt, die von äußeren Umständen völlig unabhängig sind und damit selbstbestimmt bzw. frei sind.
    Zum dritten sind Wünsche und Überzeugungen Dispositionen, die ihre Kausalwirkungen nur entfalten können, wenn sie mit einem Ereignis interagieren. Wenn ein externes Ereignis eine ganze Kaskade von internen Ereignissen auslöst (wir nennen das Überlegen oder Nachdenken), dann kann man alltagssprachlich pragmatisch das Anfangsereignis vernachlässigen und von Selbstbestimmung bzw. Freiheit sprechen. In einem wissenschaftlichen explanatorischen Kontext kann man das aber nicht, weil das externe Ereignis insofern nicht irrelevant ist, als ohne es der ganze Prozess nicht abgelaufen wäre. Die Selbstbestimmung und damit die Freiheit kann demnach niemals vollständig sein.
    Zum Dritten sind unsere Wünsche und Überzeugungen nicht vom Himmel gefallen, sondern haben Ursachen gehabt. Und diese Ursachen kommen immer letztlich aus Bereichen, auf die wir keinen Einfluss hatten und für die wir nicht verantwortlich sein können. Die Selbstbestimmung schlägt deshalb in Fremdbestimmung um. Der deterministische Freiheitsbegriff aus Selbstbestimmung wird damit zu einer leeren Worthülse, die nichts anderes sagt, als was wir Naturalisten schon immer gesagt haben: Es kann keine Freiheit in unserer Welt geben. Das beste, was ein Kompatibilist haben kann, ist eine weit gehende Freiheit aus weit gehender Selbstbestimmung.

    Verantwortlichkeit kann man allerdings nicht aus einem so eingeschränkten deterministischen Freiheitsbegriff ableiten. Trotzdem ist es sinnvoll Menschen verantwortlich zu machen, also zu loben, zu tadeln und im Extremfall zu bestrafen, weil das in unseren Gehirnen ein moralisches Gewissen entstehen lässt und es damit auch moralisch gerechtfertigt ist.
  • Ende dieser Heuchelei und weniger Selbstgefälligkeit

    04.03.2011, Wilhelm Dyckerhoff
    Ich finde dies langsam als absolut heuchlerisch, was dort aus dem Doktoranden- und Professoreneck an Beiträgen kommt.
    Ein Professor geht mit seinem neuen Buch an die Öffentlichkeit, obwohl der Inhalt zu 90 Prozent von Hiwis des akademischen Systems zusammengetragen und verfasst worden ist. Es geht hier nicht um die aktuelle Leistung eines Professors, aber die akademische Arroganz mancher Professoren ist schon beeindruckend. Unterscheiden Sie doch bitte endlich zwischen formalen Fehlern und dem Plagiatvorwurf! Plagiat ist ein Ideenklau und nichts anderes. Und dann bekommt diese Arbeit von den Doktorvätern auch noch ein summa cum laude, was absolut selten ist.

    Die heftigste Stimme gegen Guttenberg (Prof. Lepsius) war übrigens 2007 bereit Staatsrechtler in Bayreuth und hat mit Sicherheit vor der endgültigen Titelvergabe diese Arbeit einmal gelesen. Warum hat er damals nicht aufgeschrien. Er forscht übrigens in diesem Bereich und beklagt sich auch noch über das Theoriedefizit der Rechtslehre in Deutschland. Alles sehr mysteriös.

    Also hören Sie auf, auf Herrn Guttenberg einzuschlagen. Es hat etwas von der typischen deutschen Selbstgefälligkeit. Kritisiert wird, wenn es nicht mehr zu verleugnen ist. Und dann gilt es nur noch in eigener Selbstgerechtigkeit, die betreffende Person klein zu bekommen. Hier wird alle Verhältnismäßigkeit außen vorgelassen. Also lassen Sie die Kirche im Dorf und zeigen Sie der Gesellschaft, dass Ihre intellektuelle Brillanz der Gesellschaft nutzt.

  • Mit einem "natürlichen Kolben" wird's nicht einfach

    03.03.2011, Johann H. Addicks
    Auch wenn die Idee bestechend ist:
    Überschlagsmäßig halte ich es für unmöglich, so etwas mit einem "natürlich gewachsenen" Granit hinzubekommen.

    Dieser müsste komplett frei von Störungen sein, denn sonst droht der Kolben -im schlimmsten Fall- in zwei Teile zu zerreißen. Aber selbst wenn nur kleine Bruchstücke abplatzen: Es geht schließlich um eine Fläche von Abertausenden Quadratmetern.
    Spätestens wenn der Kolben 500m ausgefahren einen Winter überstehen muss, dann wird es Frostsprengungsrisse geben. Es wird nicht viel Bruch benötigen, um den Kolben zu verkeilen.

    Man könnte natürlich sagen "geben wir dem Zylinder einen Stahlbetonmantel.
    Ein Statiker mag das sicher rechnen können, aber ich schätze, dass dieses die Kostenrechnung über den Haufen wirft.
    Vermutlich wird es günstiger, wenn man den Zylinder komplett abträgt, also alles im Tagebau erstellt, einen ausgesteiften Stahlzylinder einsetzt, der dann mit dem Verbruch verfüllt (oder billigerem Material, weil man für den hochwertigen Granit einen Abnehmer gefunden hat).


    Andere Aspekt: Wie verhält sich dieses System bei einem Erdstoß, sagen wir der moderaten Stärke 4? Werden die als "Balancierkammern" genutzten Wassertanks oberhalb der Dichtungen die Kräfte so übergeben können, ohne dass der Kolben an der Wand anschlägt und bei dieser Gelegenheit die Dichtungen zermahlt?
  • Nicht glaubwürdig !

    02.03.2011, E.Kohls, Bernsdorf
    Wenn ich von Gutachtern, Experten und Fachleuten im Zusammenhang mit Rohstoffen, Ölkatastrophen und überhaupt im Zusammenhang mit Geld höre, denke ich sofort an Bestechlichkeit, Korruption und Abhängigkeit vom großen Zaster. Der Satz "Gutachter widersprechen dieser Interpretation zwar;....". erzeugt bei mir Übelkeit, weil man an die Integrität dieser "Spezialisten" schon lange nicht mehr glauben kann.
  • Ehrlichkeit im Wissenschaftsbetrieb

    02.03.2011, Dr. jur. Max Josef Weigl
    " Die Wissenschaft " gibt es nicht. Es gibt nur die Personen die im Wissenschaftsbetieb aktiv sind.
    Zu meinen Studienzeiten - in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts - war es durchaus üblich, daß die Herren Professoren meiner Fakultät die " schriflichen Ausarbeitungen, Untersuchungen usw. " ihrer Assistenten und HIWIs in ihren wissenschaftlichen Publikationen " verwerteten ", ohne daß jemals diese Hilfen in den veröffentlichten Publikationen auch nur mit Namen, geschweige denn mit dem Umfang ihres Beitrags genannt oder gelistet wurden. Das muß kein Plagiat sein, wenn und soweit diese "Vorarbeiten" nicht wörtlich übernommen werden. Korrekt ist es dennoch nicht; denn der Verfasser einer Publikation nimmt mit der Veröffentlichung in aller Öffentlichkeit für sich in Anspruch, der alleinige Urheber dieser geistigen Leistung zu sein. Das ist aber nicht der Fall.
    Ob es heute anders gehandhabt wird, weiß ich nicht. Dazu stehe ich seit vielen Jahren dem Wissenschaftsbetrieb viel zu fern.
    Eine solche Praxis färbt ab, leider nicht positiv. Überspitzt gefragt: Besteht denn ein großer Unterschied zwischen einem Plagiat und der Verwertung fremder geistiger Leistungen der " Wasserträger" - außer daß wegen der wörtlichen Übernahme trotz des fehlenden Fundstellennachweises das Plagiat mit heutigen Suchroutinen leicht bewiesen werden kann.
    Wenn ich einen Aufsatz lese mit nur einem Autor als Verfasser frage ich mich immer, welcher Umfang der geistigen Leistung der "Wasserträger" verschwiegen wird?
  • Hirnphysiologische Vorgänge sind nicht determinierbar

    02.03.2011, Wolfgang Gorisch, München
    Willensfreiheit, Handlungsverantwortung und Gewissen des einzelnen Bürgers sind sowohl Prämissen als auch Forderungen unserer offenen Gesellschaft. Sowohl die demokratisch bestimmten Gesetze als auch deren geregelte Durchsetzung sind sehr hohe gesellschaftliche Güter. Es muss deshalb kritisch hinterfragt werden, ob es sich bei der willensfreiheitsnegierenden Determiniertheitsthese, die derzeit durch die Blätter rauscht, nicht vielleicht um eine irrige szientistische Idee, wenn nicht sogar um eine Ideologie handelt. Dieser notwendigen Untersuchung gibt Pauen leider nicht den gebührenden Raum.

    Die Verfechter der Determiniertheitsthese müssen sich fragen lassen, welche Widerlegung sie denn akzeptieren würden. Es ist sogar zu fragen, ob sich diese These überhaupt widerlegen lässt. Ließe sie sich nicht widerlegen, dann hätte die hirnphysiologisch begründete Determiniertheitsthese weder für die Hirnforschung noch gesellschaftswissenschaftlich irgendeine Relevanz. Die philosophische Erörterung baute dann auf Meinung auf und nicht auf empirischen Fakten.

    Die Behauptung, jeder bewussten Handlung entspräche ein materieller hirnphysiologischer Prozess, ist nicht gut zu widerlegen. Die anschließende, viel weitergehende Behauptung, das Gewissen oder der freie Wille an sich seien immateriell, gehirnphysiologisch in den bekannten neuronalen Aktivitätsschemata nicht zu verorten und deswegen per se nicht vorhanden, oder wenn vorhanden, dann als Illusion, gehört entweder in die Kategorie Gottesglauben oder ist, als wissenschaftliche Behauptung aufgefasst, jedenfalls nicht belegt. Ich weiß natürlich, dass die ideologische Position nicht zu erschüttern ist. Mein folgender Kommentar geht von der wissenschaftlichen, kritisierbaren Position aus.

    Die These von der Determiniertheit der hirnphysiologischer Vorgänge ist bis heute kein gesichertes wissenschaftliches Wissen. Zur Prüfung: Sucht man nach einer empirischen Methode, wie man die Determiniertheitshypothese überprüfen könnte, dann müsste man erheben, wie Menschen unter bestimmten gleichen Anfangsbedingungen handeln. Ergeben sich identische Handlungsweisen, dann könnte man auf Determiniertheit schließen. In der Tat gibt es eine Fülle psychologischer Forschungen zu Handlungsmaximen. Die Identität der Handlungen wurde jedoch nie überzeugend bewiesen. Schon bei wenigen Nachweisen von Handlungsvielfalt bei gleichen Anfangsbedingungen sähe es schlecht aus für die Determiniertheitsbehauptung.

    Hirnforscher erklären die Funktion des Gehirns letztlich mit biochemischen und biophysikalischen Gesetzen. Dieses reduktionistische Programm mag Erfolg versprechend sein, um manche Verhaltensweisen plausibel zu deuten, zugegeben. Es ist aber falsch, die prinzipielle hirnphysiologische Modellierbarkeit solcher Vorgänge mit Determiniertheit gleichzusetzen.

    Schon gar nicht die gesellschaftsrelevanten, nicht einmal die direkten Auswirkungen solcher hirnphysiologischen, letztlich physikalischen Vorgänge können je vorausbestimmt (determiniert) werden. Erstens verbietet die heisenbergsche Unschärferelation jegliche Voraussage im Einzelfall, selbst für ein einziges Elektron im Molekülverband (die eine Wellenfunktion, die geeignet sein soll, die Idee des Determinismus zu retten, ist meiner Meinung nach eine neuplatonische falsche Sichtweise). Zweitens verhalten sich rekursive, nichtlineare komplexe Systeme chaotisch. Das heißt, das Auftreten bestimmter makroskopischer Wirkungen ist in solchen Systemen nicht voraussagbar. Beim Gehirn handelt es sich nicht um ein einfaches System wie z.B. einen tropfenden Wasserhahn, der schon chaotisches Verhalten zeigt, sondern um eine vielfache Verschaltung von hundert Milliarden Nervenzellen. Ionenkanäle öffnen und schließen sich. Schwärme von Ladungsträgern werden periodisch ausgetauscht, triggern und behindern solchen Austausch an anderer Stelle. Zahllose Leitungsbahnen verbinden das Gehirn mit Millionen Sinneszellen. Zahllose Muskelzellen werden aktiviert oder gebremst. Das alles ist bekannt. Hier von Determiniertheit zu sprechen, halte ich schon für recht ‚mutig’.

    Insofern sieht das Gehirn eher wie ein extrem erratisches System aus. Jedoch: Faktisch ist das Gehirn nicht erratisch, denn offenbar sind seine körperlichen Auswirkungen bei Weitem nicht beliebig, der Mensch ‚flimmert’ nicht. Also: Wie hat es die Evolution geschafft, die jederzeit fast unendlich vielen möglichen individuellen Handlungsvarianten auf sinnvolles, vielleicht sogar intelligentes, problemlösendes Handeln so einzuschränken, dass das Überleben des Individuums und letztlich die Weitergabe der Gene möglich ist? In Wirklichkeit geht es meiner Auffassung nach also nicht um positive handlungsdeterminierenden Regeln oder Abläufe im Gehirn, sondern um seine negativen Diskriminierungsstrategien oder Mechanismen, welche die fast unendlich vielen Handlungsvarianten aussieben, so dass zu jedem Zeitpunkt ein einziges Handlungskonzept übrig bleibt, nämlich dasjenige, das momentan zur Wirkung kommt.

    Viele Wissenschaftler akzeptieren das Emergenzprinzip. Dieses besagt, dass komplexe Systeme in der Lage sind, neue überraschende, d.h. vorher unbekannte und aus den Systemregeln nicht ableitbare Effekte oder Phänomene entstehen zu lassen (z.B. Geld und Vertragsrecht in Handel treibenden Gesellschaften). Eine wichtige emergente Eigenschaft des Gehirns ist der Einbezug von Metaebenen in dessen Abbildungsleistung. Dazu gehören die Ich-Wahrnehmung als denkendes Wesen und als Körper, die Abstraktionsfähigkeit, das Lernen, das das Ich einbezieht, die Fähigkeit zur Entwicklung von Theorien einschließlich der Theorien über den Menschen und sein Gehirn, die Kreativität im Allgemeinen, die Empathiefähigkeit, das Gewissen, d.h. die Reflexion und Wertung der eigenen Handlung, die Möglichkeit, in abstrakten Begriffen zu denken, von denen der Wahrheitsbegriff vielleicht einer der abstraktesten ist, zu denen aber auch Begriffe gehören wie Ehre, Moral, Recht, Gerechtigkeit, Strafe usw., nicht zu vergessen die ganze Welt von Hemmungen und Antrieben. Selbstverständlich dann auch die Verschmelzung all dessen zum freien Willen, unter Einbezug und Bewertung von äußeren und inneren Beschränkungen, das alles unter dem Einfluss von unbewussten und bewussten Gefühlen. Die Möglichkeit, dass im menschlichen Gehirn Raum ist für die emergente Fähigkeit zur Selbstbestimmung ist nach meiner Meinung sehr viel plausibler als die willkürliche und durch nichts belegte Negierung dieser Möglichkeit.

    Dem Gedanken, dass das Gehirn in der Lage ist, mehrere Metaebenen zugleich zu verarbeiten folgt konsequenterweise der Gedanke, dass sich die Handlungssteuerung ebenfalls auf mehreren Ebenen gleichzeitig abspielt, von der Expression des Willens bis hinunter zur Muskelzell-Enervierung.

    Die Determiniertheitshypothese stellt sich mir letztlich nur als eine grob simplifizierende Vorstellung dar, wonach die menschliche Handlung nichts anderes ist als das Resultat einer mechanistisch bestimmten linearen Reiz-Wirkungs-Kette des Großhirns. Weder berücksichtigt sie die prinzipielle Nichtdeterminiertheit dieser Vorgänge überhaupt, noch gibt sie den reflexiven und emergenten Eigenschaften des hochkomplexen Systems Gehirn den Platz, den sie verdienen. Deren philosophische Behandlung im vorliegenden Text greift deshalb bezüglich der Selbstbestimmung viel zu kurz, sogar ohne überhaupt Nennenswertes zu diesem Begriff auszusagen. Es überrascht dann auch nicht, dass Pauen in den zwei letzten Abschnitten dieses Artikels („Halten wir also fest: …“) außer Gemeinplätzen zur Selbstbestimmung nichts wirklich Interessantes festhält. Enttäuschend.
  • ...wie in den Niederlanden, so in Schweden

    02.03.2011, Uwe Zimmermann, Uppsala
    ...abgesehen davon, daß Doktortitel im Ausland in der Regel nicht Bestandteil des Namens werden, und z.B. nicht als schmückendes Beiwerk im Pass auftauchen, so überwiegt wohl die Heranziehung externer Gutachter.

    Hier in Schweden gibt es mit dem Doktortitel keine Schulnoten (auch nicht auf Latein). Der Doktor allein zeigt, daß man etwas selbständig erarbeitet hat. Naturwissenschaftliche Dissertationen bestehen in der Regel aus einer vergleichsweise kurzen Einführung (ca. 100 Seiten), gefolgt von 5-10 beigefügten Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften und Konferenzen, die also bereits zuvor durch externe und unabhängige Stellen begutachtet worden sind.

    Abgeschlossen wird die Promotion durch eine Disputation vor einem externen Opponenten, der die Arbeit vor einem öffentlichen Publikum im Dialog mit dem werdenden Doktor durchgeht, der aber selbst kein Stimmrecht besitzt. Auch der Betreuer oder Professor des Doktoranden hat keinen direkten Einfluß, stattdessen wird über Werden oder Nichtwerden des Doktors durch eine Kommission aus 3-5 Gutachtern unterschiedlicher Herkunft - vor allem nicht aus derselben Arbeitsgruppe - entschieden. Und hier gilt einzig und allein das Urteil "Bestanden" oder "Durchgefallen".

    Letzteres kommt wohl außerordentlich selten vor, weil man die Kommission und den Opponenten erst dann einlädt, wenn man sich der Qualität der Doktorarbeit schon recht sicher ist.

    Uwe Zimmermann, Uppsala
  • Schaden für die Wissenschaft

    02.03.2011, Dr. H. Ullrich
    Berechtigt zeigt sich die Gemeinschaft der Wissenschaftler bestürzt über die Art und Weise, wie einige Zeitgenossen zu ihren akademischen Weihen gelangen.

    Aber genauso entzetzt sollten wir sein, wenn wir solch enstellende Überschriften lesen, die dem spannenden Befund einer Korrelation der Zapfenanordnung auf der menschlichen Netzhaut und den lokalen Lichtverhältnissen vorangestellt wurde: "Afrikas Licht beeinflusste unsere Augenevolution".

    Die Autoren in PLoS beschreiben einen Tatbestand, wie er sich aktuell vorfindet und nicht im geringsten, wie es zu diesem gekommen ist. Erst wenn Letzteres geklärt ist, sollte man die hier leider auch nur als plakativ zu wertende Überschrift dem geneigten Leser anbieten.

    Man kann der Wissenschaft nicht nur durch falsche Titel sondern u.a. auch durch ungedeckte Überschriften schaden.