Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Kant würde zustimmen

    23.02.2010, Norbert Tschierske, Eckental
    Ich denke, Kant würde Herrn Dahl zustimmen: die "Würde des Menschen" ist in dieser, unserer Welt antastbar, jedenfalls zu hinterfragen. Diese Welt ist durch unser Erkenntnisvermögen geprägt, von den Wissenschaften (auch der Rechtswissenschaft) gestaltet und bestimmt. Wir sind aber nicht nur Teil dieser Welt, sondern auch Teil der Welt "an sich", jener von unseren Denk- und Vorstellungsfähigkeiten unabhängigen Welt, die hinter allem steht. Wir müssen uns in beiden Welten korrekt bewegen, in unserer helfen uns die Gesetze dabei, in jener sind wir angewiesen auf die Willensfreiheit, den kategorischen Imperativ, die Würde, all das, was nicht so recht in unsere Welt - wenn sie die alleinige wäre - zu passen scheint.

    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Tschierske,

    als Naturalist muss ich bekennen, dass mir Ihr Kommentar wie eine Antwort erscheint, die "nicht aus dieser Welt" stammt.

    Edgar Dahl, Münster
  • Menschenwürde als ideologische Waffe

    23.02.2010, Dieter Kohl, Ludwigsburg
    Ein Argument als "Totschlagsargument" zu bezeichnen wird üblicherweise selbst als Totschlagsargument eingesetzt. Wenn eine Diskussion auf einmal darum geht, ob etwas ein Totschlagsargument, zeigen die Diskussionsteilnehmer nur, dass sie entweder nicht wissen wie man diskutiert oder dass einige sich schlicht weigern angemessen zu diskutieren.

    Genauso wie Edgar Dahl sich darüber beschwert, wenn der Begriff der Menschenwürde als ideologische Waffe eingesetzt wird, mit dem Versuch andere Diskussionsteilnehmer mundtot zu machen, lässt sich Edgar Dahl mit seinem Versuch, den Begriff der Menschenwürde als Diskussionspunkt in bioethischen Diskussion erst gar nicht zuzulassen, als Versuch werten, möglicherweise berechtigte Einwände erst gar nicht zuzulassen. Mit anderen Worten, auch Edgar Dahl versucht mit seinem Essay, Kritiker mundtot zu machen.

    Es stünde Edgar Dahl in einer Diskussionsrunde jederzeit frei, stichhaltige Argumente für einen Einwand basierend auf dem Begriff der Menschenwürde zu fordern, anstatt den Einwand von vornherein verbieten zu wollen.

    Edgar Dahl ignoriert in seinen Ausführungen zum Begriff der Menschenwürde im Grundgesetz, dass das Grundgesetz kein Strafgesetz ist, sondern im Bereich der Gesetzgebung der Leitfaden an dem sich die Gesetze in Deutschland zu orientieren haben. Es bildet außerdem den Leitfaden an den sich jeder, der in Deutschland lebt, halten sollte.

    Edgar Dahl scheint völlig unklar zu sein, dass es Oberbegriffe gibt, die durch andere Begriffe je nach Gegebenheit präzisiert werden. Im Grunde hat er sehr gut herausgearbeitet, das der Begriff der Menschenwürde durch die einzelnen Formulierungen der Menschenrechte präzisiert wird. Nur hat er übersehen, dass damit der Begriff der Menschenwürde einen Obergriff für die Menschenrechte darstellt. Und die Eigenschaft von Oberbegriffen ist allerdings auch, dass sie zusätzliche Präzisierungen ermöglichen, falls der Bedarf besteht.

    Im Bereich der bioethischen Diskussionen zu Themen wie Klonen und Chimären würden bei derzeitigem Stand die postulierten Menschenrechte vermutlich nicht greifen können, da sich diese letztendlich auf bereits geborene Menschen beziehen. Der allgemein gehaltene Begriff der Menschenwürde auf der Ebene des Grundgesetzes lässt es hingegen zu, darüber zu diskutieren, ob die Folgen von Klonen und Chimären letztendlich zur Verletzung der Menschenwürde führen könnten.

    Der Punkt ist, mit dem gezielten Eingriff in das Erbgut vor der Geburt (wenn nicht gar vor der Befruchtung), wird das spätere durch die Menschenrechte geschützte Individuum als Versuchsobjekt instrumentalisiert, ohne auch nur die Spur eine Chance zu haben, dagegen Einspruch zu erheben. Kommen noch die Versuche von Firmen hinzu, Gene patentieren zu lassen, wird dieses Individuum womöglich mit Lizenzforderungen von irgendwelchen Firmen konfrontiert werden.

    Dass das Thema der Menschenwürde durchaus seine Berechtigung hat, zeigen Fälle wie die des Kindes, das seine Eltern verklagt hatte, weil diese das Kind nur deswegen unter gezielter Auswahl gezeugt hatten, um ihrem anderen Kind zu helfen.

    Was Edgar Dahl außerdem außer Acht lässt, ist das Potenzial zur Diskriminierung in der einen oder anderen Richtung, das alle seine Beispiel in sich bergen. Hinzu kommt, das alle Beispiele auch darauf hinauslaufen, dass Menschen also Objekte der Wirtschaft (weiter) instrumentalisiert werden. Bislang gibt es bedauerlich keine Gesetze die ausdrücken, dass die Wirtschaft für den Menschen da ist und nicht der Mensch für die Wirtschaft. Eine Diskussion unter dem Aspekt der Menschenwürde im Bereich der Biomedizin erscheint mir auch für den Teil sehr angebracht.

    Einen gezielten Eingriff in das Erbgut mit dem evolutionsbedingter Änderungen im Erbgut gleichzusetzen, bedeutet nur den Versuch, jegliche Verantwortungen für sein Tun weit von sich weisen zu wollen. Eine Diskussion über Mensch versus Tier in diesem Zusammenhang erweckt auch nur den Verdacht, dass es Biomediziner gibt, die den Menschen ausschließlich als Tier begreifen - und Tierversuche sind ja im Rahmen juristisch erlaubt.

    Ein anderer Aspekt ist, dass bei Edgar Dahls Beispielen ein gezielter Eingriff in das Erbgut ohne medizinische Indikation einer vorliegenden Krankheit vorgenommen wird. Die meisten Menschen sterben weder an Krebs noch an Aids. Meines Wissens würde sich ein Arzt der Körperverletzung schuldig machen, wenn er eine Therapie ohne Notwendigkeit vornehmen würde.

    In meinen obigen Beispiele gibt es einige Fälle, die sicherlich auch unter dem Aspekt einer präzisen Menschenrechtsverletzung diskutiert werden können. Aber solange juristisch unklar ist, ob die Menschenrechte unter Berücksichtigung des in der Biomedizin Machbaren nicht sehr viel früher Anwendung finden müssen, wenn es darum geht, die Entwicklung einer Person zu einem extrem frühen Zeitpunkt zu beeinflussen, so lange wird es wohl erforderlich sein, den Einstieg in die Diskussion über den Oberbegriff der Menschenwürde zu führen.


    Der nachfolgende Teil bezieht sich auf einige der Beispiele von Edgar Dahl, deren Aussagen in sich meine Kritik hervorrufen, unabhängig vom Thema Menschenwürde.

    Die Argumente von Edgar Dahl, dass es sichere Verfahren ohne vorherige Versuche an Menschen geben könnte, erscheinen schlichtweg absurd. Jedes Medikament, das zuvor in Tierversuchen getestet wurde, wurde vor seiner Zulassung auch an Personen getestet, die sich dazu freiwillig bereit erklärt hatten. Das Problem mit der Erbgutveränderung ist, die spätere Person konnte nie einwilligen - und ich halte es für reichlich kühn, den Eltern, die in den allermeisten Fällen Laien im Bereich der Medizin sind, eine derartige Verantwortung aufhalsen zu wollen. Die Situation wäre dann die, dass einer der meint zu wissen, was er tut, anderen, die nicht wissen können, was der Betreffende tut, die Verantwortung zu übertragen.

    Darüber hinaus ignoriert Edgar Dahl auch, dass es absolute Sicherheit nicht gibt. Es gibt bestenfalls Sicherheit unter Berücksichtigung des aktuellen Kenntnisstands. Dass der nur manchmal auch nicht ausreicht, zeigten die Schlagzeilen, als eine medizinische Testreihe an freiwilligen Versuchspersonen sehr schiefging.

    Und sieht man sich an, wie schnell sich die Erkenntnisse in letzter Zeit verändern, und sich Kenntnisse die vor ein par Dekaden noch als sicher galten, als mehr oder minder falsch erwiesen haben, ist es reichlich vermessen, jemandem etwas als sicher anzupreisen, dessen mögliche Spätfolgen erst nach ein paar Dekaden erkennbar sein könnten.

    Sieht man sich die vollmundigen Versprechungen von Edgar Dahl an, kein Krebs und kein Aids, so ist es mehr als zweifelhaft, dass diese durch eine gezielte Genmanipulation im Erbgut des Menschen ein für alle Mal bekämpft werden könnten. Liest man die Beiträge in wissenschaftlichen Zeitschriften, gibt es im Bereich der Krebsbekämpfung und der Bekämpfung von Aids noch immer reichlich viel zu erforschen. In Anbetracht dessen ist es reichlich unverständlich, wie jemand annehmen kann durch Genmanipulation etwas zu heilen, bei dem noch unklar ist, wie es überhaupt geheilt werden kann.

    Bei Virusinfektionen sollte es vor allem Edgar Dahl als Biomediziner klar sein, dass sich Viren sehr viel leichter ändern, als eine festgeschriebene Erbgutveränderung abfangen könnte. Und wie will er ausschließen, dass eine Resistenz gegen die derzeitige Form des Aidserregers nicht Tür und Tor für andere zukünftigen Viren öffnet.

    Hinzu kommt, selbst wenn es gelingen sollte, dass jemand durch genetische Veränderung resistent gegen den Aidsvirus werden könnte, kommt dann das Problem hinzu, dass die betreffende Person immer noch in der Lage sein kann, den Aidsvirus auf andere zu übertragen. Das hat dann vielleicht nicht mehr viel mit einem allgemeinen Begriff der Menschenwürde des Einzelnen zu tun, dürfte jedoch reichlich juristische Probleme aufwerfen.
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Kohl,



    haben Sie recht herzlichen Dank für Ihren Leserbrief. Leider scheint er länger ausgefallen zu sein als mein eigener Essay.


    Anders als immer wieder behauptet, ist die Menschenwürde keineswegs die Quelle der Menschenrechte. In einer naturalistischen Weltsicht gibt es keinerlei vorgegebene Rechte und Pflichten. Alle Rechte und Pflichten beruhen einzig und allein auf menschlicher Setzung.

    Als etwa die Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika ihre Unabhängkeitserklärung und ihre Verfassung schrieben, haben sie nicht die Menschenwürde beschworen. Die Zuerkennung unverletzbarer Rechte genügte ihnen vollauf. Warum also einen so vagen Begriff wie den der Menschenwürde einführen, zumal wenn er so leicht und auch schon so oft missbraucht worden ist?


    Sie schreiben: "Der Punkt ist, mit dem gezielten Eingriff in das Erbgut vor der Geburt (wenn nicht gar vor der Befruchtung), wird das spätere durch die Menschenrechte geschützte Individuum als Versuchsobjekt instrumentalisiert, ohne auch nur die Spur einer Chance zu haben, dagegen Einspruch zu erheben."

    Sofern der Eingriff im Interesse der Betroffenen ist, verletzt er weder die Rechte noch die Würde eines Menschen. Nehmen Sie an, dass es eine Impfung für Neugeborene gäbe, die sie vor Krebs bewahren könnte. Würden Eltern, die von dieser Schutzimpfung Gebrauch machen, ihr Kind instrumentalisieren? Sicher nicht! Einige würden sogar so weit gehen, zu sagen, dass es eine Pflicht der Eltern wäre, ihr Kind vor Krebs zu schützen.



    "Die Argumente von Edgar Dahl, dass es sichere Verfahren ohne vorherige Versuche an Menschen geben könnte, erscheinen schlichtweg absurd."



    Ich habe an keiner Stelle behauptet, geschweige denn, "argumentiert", dass es sichere Verfahren ohne vorherige Versuche an Menschen gebe. Ich habe lediglich gesagt: Angenommen, ein biomedizinischer Eingriff wäre sicher und in unserem Interesse, weshalb sollten wir ihn dann unterlassen? Auf diese Frage möchte ich mehr hören, als nur den Einwand, "weil es unsere Menschenwürde verletzt". Statt mit dem unbestimmten Begriff der Würde sollten wir hier mit den Rechten argumentieren - besser noch, wir sollten konkret auf den vermeintlichen SCHADEN verweisen, der den Betroffenen angeblich entsteht.


    Edgar Dahl, Münster
  • Der Autor ordnet Bakterien dem Tierreich zu

    22.02.2010, Ernst Sauerwein
    Im vorletzten Absatz des Artikel heißt es:
    "Denn jeder von uns enthält tierische Zellen in seinem Gedärm, nämlich Bakterien."

    Damit ordnet der Autor Bakterien dem Tierreich zu.
    Das ist natürlich sachlich falsch. Tiere bilden ein Reich (kingdom) innerhalb der Domäne der Eukaryoten, Sutaxon Opisthokonta. Die viel primitiveren Bakterien bilden eine eigene Domäne.

    Man sollte das nicht als Haarspalterei abtun. Von daran interessierten Seiten werden bekanntlich solche abweichenden Äußerungen als Beleg für die Zerstrittenheit der Wissenschaft benutzt (oder 'instrumentalisiert').
  • Inhaltliche Schwäche des Artikels

    22.02.2010, Sauerwein, Ernst, München
    Leider kann ich mit diesem Artikel überhaupt nicht zufrieden sein.

    Zunächst ist der Artikel mit der reißerischen Überschrift 'Die Würde des Menschen ist antastbar!' versehen. Im Artikel selbst tritt der Autor aber dann doch dafür ein, den Begriff der Würde weder aus unserem Vokabular noch aus unserer Verfassung zu streichen! Das ist ein schlechter Stil, wie man ihn sonst nur von gewissen Boulevardblättern kennt. In einer Zeitschrift wie dem Spektrum sollte das nichts verloren haben. -

    Der Autor setzt zunächst 'Menschenwürde' mit dem Verbot der Instrumentalisierung eines Menschen gleich und versucht dann zu zeigen, dass es mit dieser Indentifikaton hapert. Aber was soll das sagen? Die Gleichsetzung stimmt nicht! Jedenfalls kann ich daraus nicht ableiten, dass 'die Menschenwürde antastbar' wäre!

    Zu den Belegen des Autors dafür:
    1) Sicher gibt es verschiedene Grade der Instrumentalisierung, aber der Flirtpartner der Frau, die ihren Mann nur eifersüchtig machen will, wird hier als Spielball benutzt und getäuscht. Er wird mit ihrem Verhalten zu Recht wohl kaum einverstanden sein.
    Auch wenn es nicht die Schwere eines Verfassungsverstoßes sein mag, seine Würde wird verletzt.
    2) Wenn der Autor umgekehrt feststellt, dass Mord (man beachte die Kriterien niederer Motive, Heimtücke & Planung) im Gegensatz zu Folter & Geiselnahme keine Instrumentalisierung darstellt, aber dennoch die Menschenwürde (nämlich auf ein selbstbestimmtes *Leben*) verletzt, so zeigt dies doch lediglich, dass Menschenwürde mehr umfasst als Instrumentalisierung, eben Mord/Totschlag in seiner Irreversibilität und Singularität das Leben eines anderen zu beenden und so über Instrumentalisierung vielleicht noch hinaus geht.

    Gerade zu diesem letzten Thema ist beispielsweise jüngst in der Süddeutschen Zeitung ein sehr bemerkenswerter Artikel erschienen (Andreas Zielcke: "Unschuldige Feinde im Visier", http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/498206).
    Mit seiner Infragestellung der Menschenwürde wischt Edgar Dahl solch subtilen Überlegungen einfach vom Tisch. Warum?

    Um Neurodoping und Chimärenbildung das Wort zu reden?

    Was das erste anbelangt, so wird wohl mit Recht immer vor der mehr und mehr um sich greifenden Benutzung leistungssteigernder Mittel vor Prüfungen (Neuro-Enhancer) gewarnt. Ist es das, wogegen sich der Autor richtet? Dann sollte er auch die Problematik von Gewöhnung, Sucht und Nebenwirkungen diskutieren. Und bei den Glückspillen, für deren Benutzung er eintritt, bitte auch sagen, wo sich sein Standpunkt noch unterscheidet von dem eines Timothy Leary, der sich vor Jahrzehnten für LSD stark gemacht hat.

    Wohlgemerkt, es ist hier ja nicht die Rede von stimmungsaufhellenden Mitteln für Depressive!

    Und wie steht er eigentlich - gerade zur Zeit Olympischer Winterspiele - zum Thema Sport-Doping? Alles kein Problem? -

    Unter Chimären versteht man laut Wikipedia Organismen mit genetischer Information verschiedener Individuen, egal ob von derselben Art oder nicht.
    Beispiele sind veredelte Pflanzen, Patienten nach einer Bluttransfusion, in einzelnen Fällen findet ein vorgeburtlicher Austausch auch bei mehreiigen Zwillingen statt.
    Das meint Herr Dahl aber nicht, da er den Begriff auf Individuen verschiedener Arten einengt. Umgekehrt subsummiert er hier aber auch Gentherapie, d. h. das Einbringen fremder Gene in den Zellkern (nicht nur das Nebeneinander von Zellen mit verschiedenem Genom im Körper).

    Hier wählt er als Beispiel eine Gentherapie bei HIV-Patienten mit tierischen Resistenz-Genen. "Sofern die Eingriffe sicher sind, spricht nichts dagegen" - Sind sie das (heute)? Man vergleiche besser dazu mal SdW 01/2010 S. 46ff "Doping für das Gehirn".

    Und wie steht es mit dem umgekehrten Fall?
    Die Übereinstimmung des Genoms von Mensch und Schimpanse beträgt etwa 98,7% In SdW 07/2009 S. 56 "Der feine Unterschied" wurde deutlich, dass die wirklich wichtigen Unterschiede nur wenige Gene betreffen zu scheinen. Schimpansen diese menschlichen Gene einzuschleußen scheint in nicht allzu ferner Zukunft möglich. Vielleicht werden sie nicht gleich wie ein Mensch sprechen, aber möglicherweise (fast) menschlich Denken können. Werden sie sich dann - noch viel besser als die Schimpansin Washoe - per Zeichensprache mitteilen können? Wie steht der Autor dazu?

    Und wie dazu, wenn einst durch verbreitete Xenotransplantationen (Chimärenbildung!) das Tor für Erreger - die heute noch keiner kennt - geöffnet wird, vom Tier auf den Menschen überzuspringen?

    Die Gefahr droht bestimmt nicht durch verwandtschaftlich weit entfernte Wesen wie Darmbakterien, die seit Millionen von Jahren etabliert sind (und die der Autor peinlicherweise den Tieren zurechnet), sondern durch neu eröffnete Möglichkeiten, und für dem Menschen nahestehende Tiere.

    Über all das verrät uns der Autor nichts.

    Ich hoffe SdW kehrt zu Artikeln mit dem bisherigen hohen Niveau zurück (wie es auch die hier erwähnten Artikel hatten!), so dass die hier nur eine Ausnahme bleiben möge! Leider gerade bei dem kritischen Thema Bioethik!

    MfG
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Sauerwein,

    dass ich nicht fordere, den Begriff der Menschenwürde aus unserem Sprachgebrauch und aus unserem Grundgesetz zu streichen, hat lediglich pragmatische Gründe - eine solche Forderung ist einfach unrealistisch.

    Ich persönlich zweifele jedoch an dem Sinn des Begriffs "Menschenwürde". In meinen Augen gibt es durchaus eine "Würde", aber keine "Menschenwürde".

    Wenn eine Frau vergewaltigt worden ist, hat man ihre "persönliche Würde" verletzt. Und wenn Frau Käßmann betrunken Auto fährt, hat sie die "Würde ihres Amtes" beschmutzt.

    Was Ihre anderen Anfragen anbelangt, so muss ich Sie auf einen im Herbst erscheinenden Aufsatz mit dem Titel "Hybride und Chimären" vertrösten.


    Edgar Dahl, Münster
  • Nachweis der Wirksamkeit einer Impfung

    19.02.2010, Dr. Jacek Bulicz, Frankfurt am Main
    Zu begrüßen wäre bei diesem Artikel, dass zumindest einer von den beiden Autoren indirekt einen "Conflict of interest" angibt, was auf der einen Seite einen hohen wissenschaftlichen Anspruch des Artikels unterstreicht, auf der anderen Seite aber verleiht das dem Artikel eine gewisse Einseitigkeit und Subjektivität, was dem Thema "Wirkverstärker" und Impfung im Allgemeinen leider nicht zugutekommt. Zu bemängeln wäre aber vor allem die Darstellung des Anstiegs von den neutralisierenden Antikörpern als einen Nachweis für die Wirksamkeit der Impfung. Dieser Surrogatparameter allein ist wenig geeignet Aussagen über die Effektivität und Sicherheit einer Impfung zu treffen, ein international anerkannter Standard in der klinischen Forschung für die Beurteilung der Wirksamkeit eines Arzneistoffs ist eine statistisch signifikante Aussage über die Verhinderung der Erkrankung oder Tod.
    Außerdem werden in der Arbeit die potenziellen und identifizierten Risiken ausgehend von den Wirkverstärkern für Kinder und Schwangere gar nicht erwähnt. Das aktuelle Thema "Schweinegrippe" hat leider die deutsche Bevölkerung in Befürworter und Gegner geteilt, was sich jetzt auch in einer gewissen Impfmüdigkeit bei Impfungen niederschlägt, die sinnvoll und lebenswichtig sind.
  • Willkür

    14.02.2010, Dr. Wolfgang Priebsch, Kiel
    Die Signifikanzgrenze ist ein vollkommen willkürlich gewählter Wert; mitnichten steckt dahinter eine tiefere wissenschaftliche Begründung. Meist wird dafür ein Wert von 95% genommen, so dass die Wahrscheinlichkeit eines Fehlers erster Art bei kleiner gleich 5% liegt. Somit kann durchaus auch bei 'signifikanter' Korrelation zweier experimenteller Wertereihen kein kausaler Zusammenhang zwischen den beobachteten Phänomenen vorliegen. Umgekehrt ist bei fehlender Signifikanz eine ursächliche Beziehung nicht unbedingt auszuschließen.
    Wertekorrelationen und andere statistische Ergebnisse können niemals als Beweis für wissenschaftliche Thesen dienen, höchstens als Hinweis auf mögliche Beziehungen zwischen den Beobachtungen. Lediglich eine Aufklärung der Kausalkette stellt einen genügenden Beweis dar. Leider haben viele Wissenschaftler dieses vergessen.
  • Entfärbung eines Haares erfolgt von der Spitze her

    13.02.2010, Klaus Stampfer, 86486 Bonstetten
    Über einen Zeitraum von mehreren Jahren habe ich die Haare meines Oberlippenbartes beobachtet. Diese Beobachtungen bestätigen die Aussage des Artikels nicht. In dem Artikel wird als die Weißfärbung eines Haares die Einstellung der Pigmentproduktion in der Haarwurzel angegeben. Damit müsste ein Haar in der Übergangsphase an der Spitze dunkel und von der Wurzel her weiß gefärbt sein. Dieser Prozess würde langsam ablaufen und für ein zwei Zentimeter langes Jahr zirka zwei Monate dauern. Es sollten somit ausreichend Haare im Übergangsstadium vorhanden sein, um solche Haare zu finden.


    Bei meinen Beobachtungen habe ich kein einziges Haar gefunden, das in dem vermuteten Übergangsstadium war. Es wurden jedoch mehrere Haare entdeckt, die im oberen Teil weiß (von der Spitze her) und im unteren Teil (von der Wurzel her) dunkel waren. Ein Beispiel in Zahlen ausgedrückt:

    Beobachtete Haare: 525
    davon vollständig dunkel: 382
    davon vollständig weiß: 121
    davon teilweise weiß: 22

    Die Zeit für die Weißwerdung verläuft relativ schnell, denn nach mehreren Tagen waren auffällig erkennbare zweifarbige Haare nicht mehr auffindbar, also vollständig weiß gefärbt. Da meine Versuche gescheitert sind, zweifarbige Haare sicher zu kennzeichnen (die Farben waren nicht duschfest), konnte die Entfärbungszeit an einzelnen Haaren nicht bestimmt werden.


    Meine Beobachtungen stehen somit nicht im Widerspruch zu historischen Überlieferungen, die eine relativ schnelle Graufärbung der Haare beschreiben.
    Ausgerissene und teilweise weiß gefärbte Haare behielten ihren Zustand bei. Sie sind erhalten und können zur Verfügung gestellt werden.
  • Deutscher Pionier auf dem Gebiet der Raketenantriebe nicht gewürdigt

    10.02.2010, Joachim Sieben
    Vielen Dank zunächst für den Artikel über elektrische Raketenantriebe, den ich sehr informativ finde. Es wäre so schön gewesen, wenn die deutsche Redaktion "unseren" deutschen Pionier auf diesem Gebiet, Herrn Prof. Horst Löb, in diesem Artikel gewürdigt hätte. Vielleicht gibt es ja in einer der nächsten Ausgaben noch eine Möglichkeit. Ich übersende Ihnen hier einen Link zu einer Pressemitteilung anlässlich der Verleihung der Medaille der "Electric Rocket Propulsion Society" an Professor Löb im Jahr 2005. Professor Löb ist in Gießen als Emeritus weiterhin tätig und die Arbeit an seinen Triebwerken wird weiter vorangetrieben.
  • Informationsproblem bei Schwarzen Löchern

    08.02.2010, Manfred Weis, 76316 Malsch
    Meiner Ansicht nach ensteht das Informationsproblem durch eine unsaubere Verwendung von Begriffen; so wird behauptet, dass Schwarze Löcher Information vernichten, weil keine Information über den kollabierten Stern mehr vorhanden sei.
    Es muss hier klar unterschieden werden zwischen einer Reduktion der Informationsmenge und einer irreversiblen Transformation der Information.
    Nimmt man als Maß der Informationsmenge eines Zustands die Anzahl der Bits, die zu dessen Beschreibung erforderlich sind, so ist der Informationsgehalt bei gleicher Teilchenzahl umso höher je zufälliger deren Positionen und Geschwindigkeiten verteilt sind.
    In diesem Sinn wären Schwarze Löcher also perfekte kosmische Verschlüsselungsverfahren, die den Ereignishorizont als öffentlichen Schlüssel präsentieren.
    Es stellt sich nun die Frage, was mit der Materie passiert, die in das Schwarze Loch stürzt - eine Möglichkeit wäre die Annahme, dass sie einen Quantenzustand übergeht, der einer perfekten Kristallisation entspricht, nämlich dass sie sich mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit am Ort der Singularität aufhält; die Hawkingstrahlung wäre in dieser Interpretation also analog einer Kristallisationswärme.
  • Anziehung der Geschlechter

    08.02.2010, Eugen Januschke, Berlin
    Michael Springer schließt seine Kolumne mit der Wertung: "Wie arm wäre doch ein Leben ohne die Spannung, die sich aus dem Gegensatz der Geschlechter und der Anziehungskraft zwischen Mann und Frau erwächst." Da drängt sich doch die Frage auf, ob er das Leben von Lesben und Schwulen für tatsächlich langweiliger hält als seine heterosexuelle Lebensweise oder ob er einfach nur den üblichen heteronormativen Diskurs wiederholen muss.

  • Vom Wert eines Ökosystems

    07.02.2010, Siegfried Demuth, 76137 Karlsruhe
    Jedem Forscher wächst sein Forschungsobjekt irgendwann ans Herz, so wie Joe Mascaro sein Sekundärwald aus überwiegend neophytischen Pflanzenarten auf Hawaii. Dagegen ist nichts einzuwenden. Einzuwenden ist aber etwas gegen seine Schlussfolgerung, dass das so wertgeschätzte Objekt zugleich auch eine allgemein gültige Wertigkeit besitzt. Herr Mascaro verwechselt, wie nicht wenige Forscher, interessant mit wertvoll und Ökologie mit Naturschutz. Für einen Biologen z.B. ist eine Mülldeponie mindestens so interessant wie ein intaktes Hochmoor, vor allem weil hier wesentlich mehr Arten vorkommen. Was aber nicht zu dem Schluss verführen darf, sie sei deshalb auch aus Naturschutzsicht wertvoller. Während es auf der Mülldeponie keine einzige Tier- oder Pflanzenart gibt, die ausschließlich in diesem „neuen“ Ökosystem vorkommt, wimmelt es in Hochmooren nur so von Spezialisten, die nirgendwo sonst existieren können. Der besondere Beitrag des Hochmoors zur Biodiversität ist also die Einmaligkeit seiner Artenausstattung und nicht die Anzahl der Arten. Die Mülldeponie hat in dieser Hinsicht nichts zu bieten und mögen noch so viele Arten sie bevölkern. Dass Wälder aus neophytischen Baumarten ähnliche Leistungen für den Wasserhaushalt und das Lokalklima einer Landschaft erbringen können wie ursprüngliche oder naturnahe Wälder, kann für uns durchaus nützlich sein. Bezüglich ihres Beitrags zur Biodiversität verhalten sie sich allerdings so wie die Mülldeponie zum Hochmoor. Welche Leistungen eines Ökosystems wir letztlich höher bewerten – sein Beitrag zur Biodiversität oder zum Landschaftshaushalt – ist eine Abwägungssache. Dies ist aber keine Aufgabe mehr der Ökologie, sondern des Naturschutzes: Was wollen (oder können) wir als Gesellschaft erhalten weil es uns wichtiger ist und was müssen wir aufgeben? An dieser Stelle hätte ich der Autorin des Artikels mehr Übersicht über das Thema und mehr kritische Distanz zur neuen Bewertung dieser „neuen“ Ökosysteme gewünscht.
  • Warum bleibt der Schnee liegen?

    05.02.2010, Dipl. Biol. Dr. Lutz Nevermann
    Das Sechseckmuster im Schnee von Leser Volker Häselbarth gefällt mir gut, weil es sehr anschaulich ist. Klar, die Ursache für das Muster liegt in der Wärmekapazität und der Wärmeleitfähigkeit der Steine begründet. Auf ihnen taut der Schnee stärker ab als über den Fugen, in denen etwas Vegetation eine isolierende Wirkung hat. Dabei kann die notwendige Wärme durchaus auch aus dem Erdreich unter den Steinen stammen. Was aber passiert hier auf dem Dach eines unbeheizten Schuppens? Nur auf zwei Ziegeln ist der Schnee liegengeblieben. Aber in diesem Fall ist er – im Gegensatz zu den Bildern der Pflastersteine – dort liegengeblieben, wo es weniger Bewuchs gibt.

    Foto: Lutz Nevermann

    Gut, auch die Ziegel könnten sich hinsichtlich ihrer Wärmekapazitäten und Wärmeleitfähigkeiten unterschieden. Oder sie haben zuvor unterschiedlich viel Wärme aus der Himmelsstrahlung aufgenommen? Ich vermute aber, dass der entscheidende Unterschied im Bewuchs mit Algen und Flechten zu suchen ist. Sie könnten durch extrazelluäre Polysaccharide und andere Frostschutzsubstanzen zu einer Gefrierpunkterniedrigung beitragen, die entsprechend dem Tausalz auf den Straße wirkt und den Schnee auf ihnen weggetaut hat.
  • Immer glücklich ist auch pathologisch

    04.02.2010, Stefan Taube, Spektrum der Wissenschaft
    Bleibt die Frage, ob die deutschen Verlage die Kritik von Barbara Ehrenreich an den Glücks-Bestsellern auch übersetzen. Bis jetzt sieht es nicht danach aus.
  • Informationsparadoxon

    03.02.2010, S. Gorbach

    Im Beitrag „Schwarze Sterne an Stelle schwarzer Löcher“ stieß ich auf den Begriff Informationsparadoxon und im Zusammenhang damit auf die Frage: Was ist beim Verschwinden eines Schwarzen Loches aus all der Information geworden? Auch habe ich gelernt, dass zu den Grundpfeilern der Quantentheorie gehört, dass sich Quantenzustände unitär entwickeln, und unter anderem, dass keine Information jemals wirklich gelöscht werden darf. Zum Beispiel mache der Brand einer Bibliothek, so die Autoren, die in Büchern gespeicherte Information praktisch unzugänglich, aber sie bleibe in den Schwaden von Rauch und Asche komplett erhalten.

    Im Sommersemester 1948 besuchte ich an der TH Graz die Vorlesung Physik 1 von F. Kohlrausch. Beim Thema Relativitätstheorie unterbrach er seinen Redefluss, wandte sich zum Auditorium und sagte: „Meine Herren“ - die vereinzelt anwesenden Damen wurden geflissentlich übersehen -, „das verstehen Sie sowieso nicht, lesen Sie mein Skript diesbezüglich wiederholt durch, Sie gewöhnen sich dann nach und nach an den Sachverhalt und glauben die Theorie verstanden zu haben.“ Beim jahrzehntelangen Studium dieser Zeitschrift musste ich so manches Mal an Kohlrausch denken.

    Für den Begriff Information, obwohl in aller Munde, gibt es keine allgemein gültige Definition. In unserer real erlebten Welt ist z. B. Information ein Muster, das - eingebettet in eine Unzahl anderer Muster - Aufmerksamkeit erzeugt, bewusst als relevant für mein Handeln erkannt wird und von den übrigen unterschieden werden kann. Sehe ich irgendwo Rot, halte ich mein Fahrzeug nicht unbedingt an. Erst wenn das Muster stimmt, also z. B. vor einer rot aufleuchtenden Verkehrsampel an meinem eingeschlagenen Fahrweg, egal ob im Gebirge oder auf dem platten Land, also eingebettet in sehr unterschiedliche Umgebungsmuster, halte ich auf Grund meines Vorwissens und in Kenntnis des zutreffenden Kodes an, dabei das Grün des Signals an der nahe vorbeiführenden Eisenbahnlinie als nicht relevant missachtend.
    Für die Herstellung des informierenden Musters, den Informationstransport sowie den Mustererkennungsprozess wird Arbeit geleistet. Die im Muster enthaltene Information ändert die Physis des Musterträgers nicht. Zum Beispiel: Das Muster eines Buchtextes kann für mich sehr viel Information enthalten, jedoch mit der identischen Anzahl identischer Zeichen aber mit unterschiedlichem Muster (hier Zeichenfolge) wenig oder gar keine (z. B. nur Grundrauschen). Außer der Zeichenfolge ändert sich dabei nichts. In allen drei Fällen wäre die spezifische Verbrennungsenthalpie des Buches dieselbe (vollständige, rauchfreie Verbrennung vorausgesetzt).
    Der Buchtext eines Buches in einer Bibliothek repräsentiert das zu Grunde liegende mentale Konstrukt des Autors. Er veröffentlicht es in einem Kode, den möglichst viele seiner Mitmenschen verstehen sollen (erhöht die Verkaufszahl). Sobald der Autor stirbt, verlöschen mit seinem Hirntod alle seine mentalen Konstrukte. Nur sein Buch informiert dann noch darüber, was er bezüglich des gewählten Buchthemas fühlte und dachte.
    Ich kann nicht erkennen, auf welche Art und Weise die Schwaden aus Asche und Rauch eines verbrannten Buches das mentale Konstrukt des Autors weiterhin repräsentieren können, denn das informierende Muster ist irreversibel zerstört. Zumindest ist das meine Alltagserfahrung in der von mir als real empfundenen Umwelt, auch wenn die Quantentheorie sagt, dass keine Information jemals wirklich gelöscht werden darf.

    S. Gorbach
  • Gebogene Eiskristalle?

    03.02.2010, Dipl. Biol. Dr. Lutz Nevermann
    „Sauberkeit ist für Schönheit also keine Voraussetzung.“ Dieser Schlußsatz von Prof. Dr. Schlichting ist mir sehr sympathisch, ist er doch eine willkommene Entschuldigung für alle, die - wie ich selbst - nicht so gerne und oft ihre Fenster putzen! Entlohnt werden wir also mit Eisblumen, so wir nicht in modernen Häusern wohnen.

    Neulich fand ich Eisblumen, die mich stutzig machten. Schön zu erkennen war ihre Wachstumsrichtung, ausgehend von Kristallisationskernen an Rand der Fensterscheibe (Foto 1), und der fraktale Charakter der Kristallbildungen. Doch manche der Hauptäste waren stark gebogen. Wie konnte das sein? Widerspricht es doch der Kristallstruktur des Eises.

    Foto 1. Alle Fotos: Lutz Nevermann

    Bei genauerer Betrachtung ist zu erkennen, dass sich der Hauptast stets zu der Seite krümmt, auf der keine Seitenäste wachsen.

    Eine Erklärung für die Krümmung der Eiskristalle könnte sein,
    1. dass Eis auf seiner Oberfläche (Grenzfläche) nicht vollständig kristallin, also unter Umständen nicht ganz fest ist bzw. noch nicht ganz fest mit der Unterlage (Glasscheibe) "verklebt" ist
    2. dass die aus energetischen Gründen an ihren Spitzen stärker wachsenden Kristalle einen "nach hinten" gerichteten Druck (durch Volumenzunahme bei der Kristallisation an der Spitze) ausüben
    3. dass der Druck von Seitenkristallen, wenn sie vornehmlich auf einer Seite an einem Hauptast wachsen, diesen für kurze Zeit noch minimal auf der Unterlage verschieben (und tatsächlich etwas biegen) könnten. Der Hauptast wächst unterdessen weiter, aber minimal in eine neue Richtung. Die Wiederholung des Vorgangs führt dann zur weiteren Einkrümmung des Fächers zu der Seite, die keine Seitenäste trägt (Foto 2).

    Foto 2

    Doch meist enthalten organisch anmutende Eisblumen (Foto 3) wie diese "gelockten" auf der Windschutzscheibe meines Autos keine gekrümmten Kristalle. Wie ein Detail aus Foto 3 zeigt (Foto 4), haben sich hier jeweils viele kleine Eisnadeln tangential um Zentren angeordnet und vermitteln so nur den Eindruck einer Krümmung.

    Foto 3

    Foto 4 (Detail aus Foto 3)