Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Erste Brustamputation

    17.03.2009, Jörg Michael, Hannover
    Im Kasten "Meilensteine der Brustkrebstherapie" (S. 40) schreiben Sie, dass die erste Brustamputation im Jahr 1882 stattfand. Wie ich soeben in der aktuellen Ausgabe des "New Scientist" (7. März 2009, S.44)
    erfahren habe, muss man dieses Datum offenbar noch um etliche Jahrzehnte nach vorne korrigieren.


    So wurde die englische Schriftstellerin Fanny Burney bereits im Jahr 1811 auf diese Weise behandelt - und das ohne Betäubung.
    Aber auch dies war nicht die weltweit erste Brustamputation wegen Brustkrebs.
    "Unknown to the rest of the world" hat der japanische Chirurg Seishu Hanaoka bereits am 13. Oktober 1804 bei der 60-jährigen Kan Aiya die krebskranke Brust
    entfernt - und hat dabei ein von ihm entwickeltes, auf einheimischen Pflanzen basierendes Narkosemittel benutzt.


    Da Hanaoka die Anregung zur Brustamputation als Brustkrebsbehandlung aus Beschreibungen in "westlichen Büchern" bezogen hat und anschließend fast
    zwanzig Jahre für die Entwicklung seines Narkosemittels gebraucht hat, könnte es sein, dass die allererste Brustamputation sogar noch ein paar Jahrzehnte früher stattgefunden hat.
  • Zuschreibung eigener Motive auf das Gegenüber

    16.03.2009, Dipl.-Med. Andreas Thumulla, Bomlitz
    An Ihrem Kurzbericht wird das Phänomen der Zuschreibung eigener Motive auf das Gegenüber deutlich. An dem Beispiel zeigt sich ein eklatantes Problem unserer heutigen Gesellschaft.

    Entgegen der Schlussfolgerung des Testberichts ist der Hund nicht neidisch. Wäre er es, dann würde er aggressiv gegenüber dem bevorzugten Hundekollegen reagieren. Dieser schaut aber gar nicht ängstlich. Der Beleidigte begreift offenbar, von wem er ungerecht behandelt wurde und ist abweisend gegenüber dem, der die Spielregeln verletzt. Das heißt, er agiert die Spannung nicht affektiv an dem Blitzableiter aus, weil er Angst vor dem Untersucher hat, sondern reagiert logisch auf dem Boden der Regel und präsentiert sich souverän gegenüber dem Regelverletzer. Das Gerechtigkeitsgefühl ist nachgewiesenermaßen genetisch-neurobiologisch präformiert.

    Wer hier nicht versteht und destruktive Motive unterstellt (projiziert), das ist der Mensch.

    Der gleiche Effekt ist gegenwärtig im Sozialsystem zu beobachten: Wer auf Ungerechtigkeiten hinweist, der wird des Neides bezichtigt. Angriff ist die beste Verteidigung des Argumentlosen. Eigene Aggression wird unter dem Vorwurf der Aggression versteckt.

    Aber schon Konfuzius wusste: „Wenn sich die Worte verwirren, bleiben die richtigen Dinge unbenannt, die wichtigen Dinge ungetan und der Staat verdirbt.“

    Ein Beispiel: Eine Bank kann einem Siebzigjährigen keinen Kredit über acht Jahre geben. Aber sie kann 1000 Siebzigjährigen einen Kredit über acht Jahre geben, wenn sie eine durchschnittliche Lebenserwartung von 10 Jahren haben.

    Das stimmt aber nur, wenn die 1000 nichts miteinander zu tun haben. Wenn sie aber alle in einem Altersheim leben und von derselben Grippewelle dahingerafft werden können, dann ist das Risiko nicht gestreut, sondern gebündelt.

    Ebenso war die Risikostreuung der "Giftpapiere" CDO-Derivate keine Streuung, sondern eine Bündelung, denn die Risiken waren über den erhitzten Immobilienmarkt verbunden. Der Markt suchte ja zwecks "Streuung" des Risikos gerade nach hohen Risiken. Kunden mit niedrigen Risiken wurden überredet, ihr gedecktes Darlehen aufzustocken auf die Höhe des durch eben diese Risikosuche überbewerteten "Wertzuwachses" der Immobilie. Die überschüssigen "Nickelschips" sollten verkonsumiert werden. Als dann weniger neue Risiken (neue Hoffnungen) akquiriert werden konnten als sich manifestierten (platzten), da wurde der Kahn kopflastig.
    Das war insgesamt ein Schneeballsystem, welches in Europa und den USA strafbewehrt verboten ist. Da es aber als "geniales Finanzprodukt" benannt wurde, wurden und werden die falschen Dinge getan. Neue Kredite (Hoffnungen) sollen nun das Kredit-(Vertrauens-)problem lösen. Das ist als ob die Suchtberatung Alkohol ausschenkt, damit ja niemand ins Entzugsdelir gerät (vor allem dem Bürgermeister und dem Sparkassenchef, denn die sind ja "systemrelevant"!).

    Auch in Sozio- und Psychologie muss man eins und eins zusammenzählen können, denn da der Mensch auch Natur ist, unterliegt auch er letztlich Naturgesetzen.


  • Form der Menschentrauben

    16.03.2009, Dr. Lothar Kiefer, Bietigheim-Bissingen
    Bermerkenswert erscheint mir die Form der Menschentrauben vor den Großbildschirmen. Die Menschen versuchen, das Geschehen auf dem Bildschirm unter nicht zu kleinem Winkel zu sehen, wodurch sich als Rand einer Menschentraube in guter Näherung ein Fasskreis durch die Seiten der Leinwand ergibt.
  • Aussage über Vertrauenswürdigkeit einer Theorie

    15.03.2009, Philipp Wehrli, Winterthur, Schweiz
    Die Erkenntnistheorie soll klären, wann eine Aussage oder eine Theorie vertrauenswürdig ist und wann nicht. Genau dies leistet Poppers Kriterium nicht.


    Angenommen, ich habe 100 Steine zum Fenster hinausgeworfen und alle sind hinuntergefallen. Es gibt unendlich viele falsifizierbare Theorien, die mit dieser Beobachtung übereinstimmen, z. B.:


    Theorie 1: Die ersten 100 Steine fallen hinunter, alle weiteren nicht.


    Theorie 2: Die ersten 101 Steine fallen hinunter, alle weiteren nicht.


    Theorie 3: Die ersten 102 Steine fallen hinunter, ...


    Alle diese Theorien sind falsifizierbar. Alle haben sich gleich oft bewährt, wie die Behauptung, alle Steine fallen immer hinunter. Poppers Kriterium sagt uns nicht, welche Theorie die vertrauenswürdigste ist. Wäre Induktion nicht möglich, so hätten wir nicht den geringsten Grund zur Annahme, der nächste Stein falle auch hinunter.


    Hume hat gezeigt, dass Induktion nie zur absoluten Sicherheit führen kann. Das bedeutet aber nicht, dass auch keine Wahrscheinlichkeitsabschätzungen über die Zukunft gemacht werden können. Denn Bayes hat gezeigt, dass dies sehr wohl möglich ist.
  • Fischerlatein

    14.03.2009, Dr. Kurt Schütz, A2325 Himberg, Anton-Stidlgasse 3
    Als Angler mit fünfzig Jahren Fischereipraxis auf dem Buckel frage ich den Autor:
    Glaubt er wirklich allen Ernstes, dass Hochseeangler aus den Gewässern um Florida Haie mit durchschnittlich 35 cm Länge aus dem Wasser holen?
    Ein bisschen Nachdenken über das eigene Schrifttum kann doch wirklich nicht schaden!
    M.f.G.
    Dr. Kurt Schütz
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Schütz,



    ich bin selbst kein Angler, deshalb habe ich auch keine Erfahrung mit Hochseeangeln. Ich muss mich also darauf verlassen, was die Wissenschaftler präsentieren - und das sind in diesem Fall offensichtlich von Anglern zur Schau gestellte Fische, deren Größe statistisch ausgewertet wurde.



    Im Text wird zudem explizit darauf hingewiesen, dass die Durchschnittsgröße aller angelandeten Fische von etwas über zwei Metern auf nur noch 34 Zentimeter sank. Die Durchschnittsgröße der gefangenen Haie schrumpfte dagegen "nur" auf knapp unter einen Meter - sofern sie überhaupt noch gefangen werden: Sie sind vor Ort wegen der Überfischung mittlerweile sehr selten.



    Mit freundlichen Grüßen


    Daniel Lingenhöhl


    Redaktion spektrumdirekt
  • Pekingmensch

    12.03.2009, Ulrich Heemann, Hannover
    Die Schlussfolgerung, dass sich der Pekingmensch sowohl in gemäßigten Wäldern als auch in trocken-kalten Grasländern wohl gefühlt habe müsse, da zu dieser Zeit Eis- und Zwischeneiszeiten miteinander abwechselten, ist ganz sicher etwas voreilig, da für die Existenz der alten Zähne und Knochen auch die alleinige Anwesenheit in den Warmzeiten ausreichen würde. Auch von den Neandertalern weiß man heute, dass sie sich nur in den Warmzeiten im nördlichen Europa halten konnten. Außerdem muss erst einmal geklärt werden, wie die beiden unterschiedlichen Datierungen miteinander verträglich werden können bzw. welche wirklich gilt.
  • Kritische Stimmen

    11.03.2009, Genten, Aachen
    Wem soll man heute noch glauben? Synthetisches Vitamin D hat jedenfalls laut dieser Untersuchung
    http://www.g-o.de/dossier-detail-386-9.html
    deutlich negative Effekte. Ich werde also wegen dieses eher zufällig entdeckten Artikels lieber kein künstliches Vitamin D nehmen.
  • Evolutionsbiologischer Nutzen

    11.03.2009, Dominique Boursillon
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    im Bericht heißt es: "Religion muss einen verborgenen evolutionsbiologischen Nutzen haben". So verborgen scheint es mir nicht, auch sind Vertrauen und Trost (als Erklärungsversuch) etwas zu vage formuliert. Im Laufe der Evolution entwickelte der Mensch nicht nur eine steigende Intelligenz, sondern auch ein Ich-Bewusstsein. Demnach wussten bereits unsere entfernten Vorfahren, dass sie als Individuen sterblich waren, und Religiosität ist der evolutionäre Versuch der Natur, die Todesangst zu sublimieren. Vertrauen und Trost beziehen sich auf eine transzendentale Hoffnung: die Überwindung des irdischen, leiblichen Todes. Dies haben alle Religionen in irgendeiner Form gemeinsam.

    Viele Grüße
  • Warum Poppers Kriterium sich selbst nicht genügt

    08.03.2009, Rechtsreferendar Jochen Koch, Leinfelden
    Interessant hinsichtlich Poppers Theorie der Falsifizierbarkeit erscheint die Tatsache, dass sie selbst ihrem eigenen Kriterium nicht unterworfen zu sein scheint. Denn, als den Geisteswissenschaften zuzuordnende Theorie kann sie keiner Falsifikation im strengen Sinne unterliegen, da ihre objektive Überprüfbarkeit (die Existenz des einen schwarzen Schwanes), mangels eines objektiven Maßstabs von "richtig" und "falsch" unmöglich ist. Insbesondere im Bereich der Geisteswissenschaften drängt sich das von Howson entwickelte Kriterium der überwiegenden Wahrscheinlichkeit auf - zumal es selbst sich dem Wettbewerb der Wahrscheinlichkeiten und damit seinem eigenen Kriterium stellt.
  • Überprüfung an arabischen Tonsystemen

    08.03.2009, Stephan Sandhaeger, Germering
    Die von den Autoren präsentierten Ergebnisse scheinen mir für den Bereich abendländischer Musik recht plausibel. Ebenso kann ich die Theorien für altgriechische, pentatonische Systeme, Kirchentonarten und einige asiatische Systeme nachvollziehen.

    Die Autoren selbst erwähnen jedoch auch komplexere Ton-Systeme wie etwa in der arabischen Musik. Es wäre interessant, anhand dieser tonalen Systeme die Obertontheorien des Wohlklangs zu überprüfen. Immerhin erscheinen Vierteltonabstände (der arabischen Maqamat) oder gar die Neunteltonintervalle der türkischen Tonleiter erst sehr weit oben in der Obertonreihe. Ist die Tatsache, daß arabische Musik stärker melodisch, aber weniger harmonisch ist, Ursache oder Folge des tonalen Systems? Und passt der vermutete Zusammenhang der Dur-/Mollterz mit sozialen Hierarchiesignalen auch zur türkischen Musik?
    Antwort der Redaktion:
    Sammelantwort der Autoren auf alle Zuschriften


    Zunächst möchten wir allen Kommentatoren für ihre sorgfältige Lektüre des Artikels und die anregende Diskussion danken. In der Tat ist die Abbildung, die das Phänomen der Obertöne grundlegende erklären soll, durch den Vergleich zur bekannten Klaviatur etwas unpräzise, beispielsweise müsste F2 näher bei F3 liegen. In der heute üblichen wohltemperierten Stimmung allerdings werden die Unterschiede ein wenig nivelliert. Detlev Rosbach hat natürlich Recht damit, dass beispielsweise der 6. Oberton, vom Grundton aus gesehen, zwischen dem 33. und 34. Halbton liegen würde, mit C als Grundton also wäre das ein Ton zwischen A und Bb. Musikalisch bedeutet das übrigens, dass höhere Ordnung der Obertöne immer etwas Dissonanz erzeugen, was heute allgemein akzeptiert wird, in den Stimmungen des Mittelalters Bedeutung hatte.


    Wie Theo Hartogh richtig moniert, wird das Deutschlandlied nicht immer in D-Dur gespielt, Haydn komponierte die Melodie ursprünglich in G-Dur. In der wohltemperierten Stimmung bedeutet die Wahl einer anderen Dur-Tonart lediglich ein Verschieben der Tonhöhe, der grundlegende Charakter – kraftvoll, hell, optimistisch – ändert sich dadurch nicht. Hartogh irrt, was den Beatles-Song »Yesterday« angeht: Die Tonfolge von »Why she had to go« ergibt einen Moll-Akkord in 2. Umkehrung auf (D, G, Bb), so erzielte Paul McCartney den beabsichtigen Eindruck von Verlorenheit und Trauer.


    Dieser Moll-Charakter bleibt übrigens auch dann erhalten, wenn man die Passage mit Dur-Akkorden begleitet. Dennoch steht die Bedeutung des musikalischen Kontextes von Mehrklängen und Tonfolgen für deren Funktion innerhalb eines Stücks außer Frage. Der Clou unserer Arbeit ist aber gerade, dass wir einen biologischen „Mechanismis“ entdeckt haben, der einen Dur- oder Moll-Charakter auch dann zu erklären vermag, wenn Akkorde und Sequenzen für sich allein, also ohne Kontext erklingen. Und dieser Charakter entspricht der musikalischen Erfahrung.


    Die Tonalität von Dreiklängen wird unseres Erachtens also primär von ihrer akustischen Struktur, nicht von der jeweiligen Kultur mit ihren Wahrnehmungsgewohnheiten bestimmt. Auch wenn seit der Renaissance meist mit Bezug zur Dur-Tonalität komponiert wurde, symmetrische, spannungsvolle Akkorde hingegen seltener Verwendung fanden, eignen sie sich unseres Erachtens besser als Referenz, um die emotionale Qualität von Mehrklängen modellhaft zu untersuchen.


    Ein Blick auf nichtwestlichen Musikkulturen ändert daran übrigens nichts, mögen diesen 5-, 7- oder gar 22-tönige Skalen zugrunde liegen. Auch dort gibt es Tonfolgen mit implizit Dur- oder Moll-Charakter. Das gilt für traditionelle chinesische und japanische Stücke ebenso wie für nordindische Ragas. Die Wahrnehmung der Tongeschlechter ist also ein Kulturen übergreifende Phänomen und das spricht wohl ebenfalls für eine biologische Grundlage.
  • Evolution

    08.03.2009, Dieter Krogmann
    Die rezensierte DVD beschreibt verständlich die Erkenntnisse einer jahrzehntelangen Forschungsarbeit von Wissenschaftlern aus aller Welt. Sie sind wohl kaum anzuzweifeln, weil diesen Forschern aus vielen Nationen keine machtpolitische Indoktrinierung zu unterstellen ist.

    Die von der Bush-Administration und deren Anhängern eingeleitete neue Weltanschauung, die die Evolutionstheorie bestreitet, soll die Menschheit dagegen in das geistige Mittelalter zurückführen.

    Noch werden diese Bestrebungen von jedem aufgeklärten Menschen belächelt. Erschreckend ist aber, dass diese Bewegung bereits unsere Schulen erreicht hat. In unserer Gesellschaft eigentlich unvorstellbar, soweit wir uns noch als weltoffene Menschen betrachten.

    Aber die Gilde der an der Globalisierung gewachsenen Vorstreiter dieser Verblödungstheorie sind auf dem Vormarsch. Eine Bestätigung dafür, dass sich leider die Masse der Menschen immer manipulieren lässt, man muss nur Lügen und Täuschungen oft genug wiederholen.

    Aber eventuell wird der Weltbürger mit der Zeit ja kritischer.
  • Vorsicht bei der Biologisierung musikalischer Phänomene!

    06.03.2009, Prof. Dr. Theo Hartogh, Vechta
    Die Biologie des Wohlklangs wird von den Autoren dieses Beitrags nicht überzeugend begründet, da in der Argumentation von musiktheoretisch ungenauen bzw. falschen Sachverhalten ausgegangen wird, die gar nicht in Gänze hier aufgezeigt werden können.
    Das Deutschlandlied wird nicht nur in D-Dur, sondern auch in anderen Dur-Tonarten musiziert. Ein Blick in Liederbücher kann schnell davon überzeugen, dass die Nationalhymne auch in Es-Dur oder C-Dur erklingt; bei großen Sportveranstaltungen wird sie auf unterschiedlichen Tonhöhen angestimmt.
    Der Song „Yesterday“ von den Beatles hat eine traurige Wirkung, steht jedoch nicht in Moll, sondern in Dur. Die im Beitrag angesprochene Passage „Why she had to go, I don´t know“ baut nicht auf einem Molldreiklang auf, denn in der Begleitung tauchen sowohl Dur- als auch Mollakkorde auf; die „Klage“ wird musikalisch vor allem durch das langsame Tempo und die Melodieführung (z.B. Seufzermelodik zu Beginn des Songs) ausgedrückt. Da sowohl Dur- als auch Mollakkorde vorkommen, können gerade am Beispiel dieses Songs die Harmonie-Thesen der Autoren widerlegt werden.
    Zur Mehrstimmigkeit: Schon vor der Renaissancezeit wurden mehr als drei verschieden geführte Stimmen kunstvoll kombiniert. Die Analyse mehrstimmiger Werke spätgotischer Meister (z. B. G. de Machaut) zeigt, dass deren Musik noch fernab des kadenzierenden Dur-Moll-Systems komponiert wurde.
    Man muss nicht bis nach Südindien reisen, um auf Tonsysteme zu stoßen, die in keiner Weise unserer Dur-Moll-Tonalität entsprechen – sie können als Gegenbeweis für universale biologisch begründete Harmoniegesetze angeführt werden. Zudem ist es müßig, einzelnen Akkorden eine bestimmte Wirkung zuzuschreiben, denn Musikwahrnehmung ist Gestaltwahrnehmung. Wir hören nicht eine Folge isoliert wirkender Einzeltöne und -harmonien, sondern Melodiegestalten und Akkordfolgen, die eine bestimmte Spannung auf- und abbauen, z. B. in der besagten Passage des Beatles-Songs. Das komplexe Zusammenwirken musikalischer Parameter wie Melodie, Rhythmus, Harmonie, Dynamik und Klangfarbe kann nicht aus einer Einzelbetrachtung erschlossen oder gar berechnet werden; es müssen immer alle Parameter in den Blick genommen werden, beim Song „Yesterday“ kommen z. B. der Sound und die Stimme Paul McCartneys hinzu, die maßgeblich zur spezifischen Wirkung des Songs beitragen.
    Es bleibt in diesem Beitrag auch die Frage offen, mit welchen Probanden die Versuchsergebnisse zum Dur-, Mollerleben ermittelt wurden; waren es etwa Teilnehmer, die in abendländischer Musiktradition groß geworden sind? Dann können die Ergebnisse nicht als Beleg für eine kulturübergreifende Phylogenese der Dur-Moll-Harmonik angeführt werden.
    Die am Schluss des Beitrags konstruierte Homologie zwischen Symmetriebrechungen der Akkorde, die genauen Frequenzunterschieden zugeordnet werden, und den Stimmäußerungen von Tieren und Menschen, die meistens gar nicht bestimmten musikalischen Tonhöhen entsprechen, ist überhaupt nicht nachvollziehbar und entbehrt jeder empirischen Basis.
    Antwort der Redaktion:
    Sammelantwort der Autoren auf alle Zuschriften


    Zunächst möchten wir allen Kommentatoren für ihre sorgfältige Lektüre des Artikels und die anregende Diskussion danken. In der Tat ist die Abbildung, die das Phänomen der Obertöne grundlegende erklären soll, durch den Vergleich zur bekannten Klaviatur etwas unpräzise, beispielsweise müsste F2 näher bei F3 liegen. In der heute üblichen wohltemperierten Stimmung allerdings werden die Unterschiede ein wenig nivelliert. Detlev Rosbach hat natürlich Recht damit, dass beispielsweise der 6. Oberton, vom Grundton aus gesehen, zwischen dem 33. und 34. Halbton liegen würde, mit C als Grundton also wäre das ein Ton zwischen A und Bb. Musikalisch bedeutet das übrigens, dass höhere Ordnung der Obertöne immer etwas Dissonanz erzeugen, was heute allgemein akzeptiert wird, in den Stimmungen des Mittelalters Bedeutung hatte.


    Wie Theo Hartogh richtig moniert, wird das Deutschlandlied nicht immer in D-Dur gespielt, Haydn komponierte die Melodie ursprünglich in G-Dur. In der wohltemperierten Stimmung bedeutet die Wahl einer anderen Dur-Tonart lediglich ein Verschieben der Tonhöhe, der grundlegende Charakter – kraftvoll, hell, optimistisch – ändert sich dadurch nicht. Hartogh irrt, was den Beatles-Song »Yesterday« angeht: Die Tonfolge von »Why she had to go« ergibt einen Moll-Akkord in 2. Umkehrung auf (D, G, Bb), so erzielte Paul McCartney den beabsichtigen Eindruck von Verlorenheit und Trauer.


    Dieser Moll-Charakter bleibt übrigens auch dann erhalten, wenn man die Passage mit Dur-Akkorden begleitet. Dennoch steht die Bedeutung des musikalischen Kontextes von Mehrklängen und Tonfolgen für deren Funktion innerhalb eines Stücks außer Frage. Der Clou unserer Arbeit ist aber gerade, dass wir einen biologischen „Mechanismis“ entdeckt haben, der einen Dur- oder Moll-Charakter auch dann zu erklären vermag, wenn Akkorde und Sequenzen für sich allein, also ohne Kontext erklingen. Und dieser Charakter entspricht der musikalischen Erfahrung.


    Die Tonalität von Dreiklängen wird unseres Erachtens also primär von ihrer akustischen Struktur, nicht von der jeweiligen Kultur mit ihren Wahrnehmungsgewohnheiten bestimmt. Auch wenn seit der Renaissance meist mit Bezug zur Dur-Tonalität komponiert wurde, symmetrische, spannungsvolle Akkorde hingegen seltener Verwendung fanden, eignen sie sich unseres Erachtens besser als Referenz, um die emotionale Qualität von Mehrklängen modellhaft zu untersuchen.


    Ein Blick auf nichtwestlichen Musikkulturen ändert daran übrigens nichts, mögen diesen 5-, 7- oder gar 22-tönige Skalen zugrunde liegen. Auch dort gibt es Tonfolgen mit implizit Dur- oder Moll-Charakter. Das gilt für traditionelle chinesische und japanische Stücke ebenso wie für nordindische Ragas. Die Wahrnehmung der Tongeschlechter ist also ein Kulturen übergreifende Phänomen und das spricht wohl ebenfalls für eine biologische Grundlage.
  • Glaube an Determinismus - Brief Dr. Grob

    06.03.2009, Stephan Froede, Wiesbaden
    Würde man dem beschriebenen Ansatz folgen, so müsste man in finaler Konsequenz das gesamte Universum simulieren,um den Regelkreis vollständig verstehen zu können.

    Die von Herrn Dr. Grob beobachteten "hektischen Bemühungen" sind das Zeichen unserer Ohnmacht, unseres Nicht-Verstehens und auch unserer Ignoranz gegenüber dem Unbekannten.

    Der unbeirrte Glaube in die Unfehlbarkeit unserer deterministisch getriebenen Planungsfähigkeit, hat uns erst in die Misere gebracht.

    Und diese Erkenntnis ist nicht originär von mir, sondern leitet sich direkt aus der objektiven Erkenntnis und Logik der Forschung Teil 2, von Sir Karl Popper und aus Benoit Mandelbrots "misbehaviour of markets" bzw. seinem Multifraktalen Modell-Ansatz ab.

    Der Glaube an den Determinismus ist ein Fluch, eine Sichtweise, die uns das Erkennen und Verstehen des Universums erschwert. Und letztlich nur aus dem fast irrationalen Bestreben nach totaler Sicherheit und
    Kontrolle resultierend.

    Es hat auch etwas mit Physik zu tun, denn letztlich hindert uns hier auch das Fehlen der Vereinheitlichung der Quantengravitation und der Relativitätstheorie, denn so wissen wir noch nicht mal ob das Chaos der Quantenwelt sich in unserer Makrowelt wiederfindet oder nicht. So benutzen wir Krücken wie die Emergenz oder Selbstorganisation, im
    Sinne "und hier geschieht" ein Wunder.

    Das was wir aber haben, ist unser Hirn und unsere kritische
    Sichtweise, und die hat uns bisher geholfen von der Savanne bis zum Mond zu bringen.

  • Messbare Größen und Wahrscheinlichkeit entscheidend

    06.03.2009, Prof. Otto Schult, Jülich
    Im praktischen Leben interessiert, ob etwas wahr oder falsch ist. Und da haben wir allen Grund, Karl Popper für seine Klarstellung zu danken, wobei die Falsifizierung eine, die Validierung die andere, allerdings nur qualitative Beurteilungen gestattet.

    Bei "harten" Wissenschaften benötigt man quantitative, messbare Größen. Da gebührt Bayes das Verdienst, die Wahrscheinlichkeit in den Blick gerückt zu haben. Für Kern- und Teilchenphysik ist das besonders wichtig. Die Wahrscheinlichkeit, dass es unsere Erde wirklich gibt, ist so extrem nahe bei 1,0, dass wir ihre Existenz als "wahr" betrachten dürfen, denn wir können ihren Durchmesser, ihre Masse etc. physikalisch messen.

    Multiversen sind aber für uns unmessbar! Wir können weder ihre Existenz noch ihre Nicht-Existenz beweisen, ebenso wie wir naturwissenschaftlich weder die Existenz noch die Nicht-Existenz Gottes beweisen können. An Gott können wir nur glauben, müssen es aber nicht. Ebenso halte ich es mit den Multiversen. Warum sind wir nicht bescheiden und demütig? Lassen wir den Multiversen-Freaks ihr "Spielzeug". Wir wissen einfach nicht, ob es sie wirklich gibt! Da helfen auch keine Wahrscheinlichkeitsüberlegungen.
  • Elektroautos sind ein Nischenprodukt?

    05.03.2009, Friedrich Braun, Bonn
    Im Leserbrief von Thomas Wietoska wird das Problem der Infrastruktur für die Ladestationen angesprochen, welches auch mich beschäftigt. Ich habe erhebliche Zweifel daran, dass in nennenswertem Umfang ausreichende Kapazitäten dafür bereitgestellt werden könnten.

    Für den E-Mini-Versuch in Berlin werden z.B. Kandidaten gesucht, die entweder privat über eine Garage oder einen Carport oder beruflich über einen Stellplatz verfügen.
    Wenn diese Bedingung auf 10 Prozent aller Autofahrer zuträfe, wäre das sicherlich schon hochgegriffen.

    Wie soll das zweifelsfrei vorhandene Risiko bei frei zugänglichen Plätzen, wie z.B. bei einem Carport, eigentlich gelöst werden? Ganz zu schweigen von einem unbewachten Fahrzeug vor der Haustür.

    Da bin ich mal gespannt, wie diese Fragen gelöst werden.
    Ich fahre zur Zeit ein Dieselfahrzeug mit einem Tankvolumen von 50 Litern. Damit komme ich 1000 km weit. Das Tanken dauert 10 Minuten. Tankstellen gibt es genug. Auch das Tanken im Ausland ist kein Problem.

    Die Industrie, die sich mit Elektrofahrzeugen befasst, steht mithin vor großen Herausforderungen.