Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Erst Pons und Fleischmann, jetzt Keppler und Röckmann?

    08.05.2007, Dr. Karl Mistelberger, Erlangen
    Beim ersten Durchlesen des Artikels schienen mir die Befunde ganz sensationell zu sein. Am Ende hatte ich den Eindruck, dass es wohl dringend notwendig sei, den Mechanismus der Methanproduktion zu klären, zumindest aber die Produktion unter garantiert kontrollierten Bedingungen nachzuweisen, frei nach dem sinngemäß von James Randi geäußerten Satz: "Wenn jemand behauptet eine Ziege in seinem Hinterhof zu halten, glaube ich ihm sofort, behauptet er aber, ein Einhorn zu besitzen, muss er schon überzeugende Beweise haben."

    Nun ist ein gerade online veröffentlichter Versuch, die Ergebnisse von Keppler und Röckmann zu bestätigen, negativ verlaufen. Ein Team um Tom Dueck aus Wageningen begaste Pflanzen mit Kohlendioxid, das mit Kohlenstoff-13 markiert war, und fand kein C-13-haltiges Methan (New Phytologist, EarlyOnline Articles, siehe: http://www.blackwell-synergy.com/doi/pdf/10.1111/j.1469-8137.2007.02103.x)

    Nach Veröffentlichung der Arbeit von Dueck et al. habe ich den Artikel noch einmal gründlich gelesen und nach Abwägung aller Argumente würde es mich nicht mehr wundern, wenn es der im Widerspruch zu aller Lehrmeinung beträchtlichen Methanproduktion von Pflanzen nicht anders erginge als der kalten Kernfusion: Der Effekt ist im Experiment nur schwierig nachzuweisen und je genauer er untersucht wird, desto kleiner wird er, bis er schliesslich ganz verschwunden ist.


  • Kritikpunkte

    08.05.2007, Dr. Hartmut Wiegand, Hannover
    Der Artikel ist lesenswert und regt zum Nachdenken, jedoch auch zur Kritik an.

    Erstens: einen Fortschritt kann man natürlich nur dann konstatieren, wenn man entsprechende Kriterien vorgibt. So mag es scheinen, dass das Leben als Ganzes keinen Fortschritt zeigt, wohl aber, wenn man feststellt, dass Lebewesen Informationen sammeln und speichern, die im Gehirn als Verhaltensschablonen, Instinkte, Archetypen und schließlich Bewusstseinsinhalte abgelegt beziehungsweise repräsentiert sind.

    Zweitens: ich finde den Ausdruck "bloßer elektromagnetischer Strahlung in einer absolut farblosen Welt" nicht in Ordnung, da es so klingt, als sei in der Welt, wenn ihr die Farbillusionen des Gehirns genommen wird, nichts mehr los. Dies ist natürlich Unsinn, denn das große Spektrum der elektromagnetischen Strahlung, aber auch der Luftwellen, der durch die Luft fliegenden kleinen Moleküle sowie der Formen und Festigkeit der Gegenstände besteht selbstverständlich auch ohne irgendwelche Sinnesorgane, die es aufnehmen und in Erlebnisqualitäten umformen könnten.

    Drittens: es gibt eine wissenschaftliche Diktion, und die wendet auch Herr Voland in diesem Artikel an, die aggressiv und etwas menschenfeindlich klingt. Beispiele sind: entlarven, Illusion, Enttarnung etc., die in diesem Artikel vorkommen; andere Beispiele sind: zurechtrücken, entthronen und stürzen, die in diesem Artikel nicht vorkommen, aber in diese Art der Diktion gehören. Die Aufgabe der Wissenschaft ist nach meinem Empfinden jedoch nicht derart destruktiv, sondern Wissenschaft abstrahiert, klärt, erklärt und klärt auf. Und die Ergebnisse sollten möglichst menschenfreundlich oder zumindest neutral formuliert werden.


  • Rundungsfehler

    08.05.2007, Prof. Dr. Axel Stahl, Esslingen
    Zum Essay von Herrn Bruss hätte ich eine Frage: Kann es sein, dass der vom Autor angegebene Wert von 0,35 Prozent für die Wahrscheinlichkeit, unter den ersten 5000 Stellen von pi mindestens einmal eine Sequenz der Form ...999999... zu finden, nicht korrekt ist ? Ich hab's versucht nachzurechnen und komme etwa auf 0,45 Prozent.
    Antwort der Redaktion:
    Mein Dank an Herrn Stahl für seinen Leserbrief! Er hat Recht. Es lag am Rundungsfehler meiner (älteren) Software, die eine etwas ungewohnte Präzisionsdefinition braucht. (Man ist heutzutage ja so verwöhnt!)

    Es soll in meinem Artikel (Spektrum 03/07, S. 111) also richtig heißen "... von etwa 0,45 Prozent".

    Der auf 8 Stellen genaue Wert ist 0,00448554. Andere Aussagen im Artikel sind davon nicht betroffen.

    Einige Leser sind an meiner Rekursionsformel ebenfalls interessiert. Hier ist sie:

    Sei q(n) die Wahrscheinlichkeit, dass k e i n e Folge 999999 bis zur Stelle n auftritt.

    Wir suchen dann p=1- q(5000). Die Anfangsbedingung der Rekursion ist natürlich q(0)=q(1)=...=q(5)=1, da ja mit weniger als 6 Stellen nicht genug Platz ist. Nun bedingen wir entsprechend aller möglichen Anfangsfolgen ohne 999999.
    Schreiben wir N für Nicht-9. Diese Anfangsfolgen sind


    N ..... ; 9 N .... ; 9 9 N ... ; 9 9 9 N.. ; 9 9 9 9 N . ; 9 9 9 9 9 N;

    mit enstprechenden Wahrscheinlichkeiten 0,9; 0,09 ; 0.009; 0,0009; 0,00009

    und 0.000009. Aus der Unabhängigkeitsannahme folgt dann:


    q(n)=0,9 q(n-1)+0,09 q(n-2)+0.009 q(n-3)+0,0009 q(n-4)+0,00009 q(n-5)+0.000009 q(n-6);


    Setzen Sie dies auf Ihren Computer mit der Anfangsbedingung oben für n=6 bis 5000. Sie bekommen

    q(5000) und damit 1-q(5000)=0,00448554 (auf Rundungsfehler achten!)


    Prof. Dr. F. Thomas Bruss

  • Minimale Eingangsdosis

    07.05.2007, Dr. Stefan Brosig, Stuttgart
    In dem Artikel von Herrn Wiesing wird die Methode der Wahl, um Medikamente am Menschen wesentlich gefahrloser erproben zu können, leider nur sehr kurz angeschnitten: Die Eingangsdosis senken! Und zwar drastisch, sozusagen auf eine hohe homöopathische Verdünnung und von dieser aus langsam zu steigern und das Befinden des Probanden dabei zu beobachten. Kleinste Mengen einer fremden Substanz hält nämlich jeder Organismus aus und dadurch eventuell ausgelöste kleine Schäden bügelt sein Selbstreparaturmechanismus auch noch leicht aus. Die gleichzeitige Untersuchung relevanter Parameter zeigt aber trotzdem schon, ob und ab welcher Menge des zu testenden Mittels eine Wirkung einzusetzen beginnt oder ob sich zuerst die schädlichen Nebenwirkungen zeigen. Dieses iterative Herangehen ausgehend von minimalsten Mengen dürfte auch die Zulassung solcher Tests erleichtern.
  • Eine Massenhypochondrie wird erzeugt

    07.05.2007, Dr. med Wolfgang Wittwer, Ålesund (Norwegen)
    Abgesehen von dem unwillkürlichen Unbehagen wegen des heruntergespielten immensen Missbrauchspotenzials derartiger Technologie, das einen beim Lesen des Artikels aus dem Hause Kleinstweich befällt, müsste es doch zu denken geben, dass in den meisten Kulturen das Vergessen als dem Erinnern zumindest gleich wichtig erachtet wird. Auch in den Religionen spielt das Vergessen eine wichtige Rolle, ist sogar das erlösende Ziel. Das Christentum hat hierzu ebenso Ideen entwickelt („Meer des Vergessens“) wie der Buddhismus mit seinem Nirwana.

    Auch in meinem Beruf als Psychiater und Psychotherapeut kann ich dieser laienhaft-positivistischen Einschätzung des absoluten Gedächtnisses nicht folgen. Ich sehe immer wieder das krankmachende und lebenszerstörende Nicht-Vergessen-Können, zwanghafte Wieder-Erinnern und die Hyperreflexion in der Posttraumatischen Belastungsreaktion: Viele andere Psychopathologien gehen mit der Unfähigkeit zu sortieren, zu werten und zu vergessen einher.

    Systeme wie das vorgestellte mögen zwar in der humanwissenschaftlichen Forschung durchaus nützlich sein, haben aber im täglichen Leben nichts zu suchen. Aufgrund der Massierung von Daten stellt sich grundsätzlich die Frage nach der individuellen Nutzbarkeit. Anfangs wird Datenmüll produziert, der aufgrund seiner Komplexität und/oder Menge für den Probanden zumeist nicht nutzbar ist und erst nach eingetretenem Schadensfall Erkenntnisse bringt. Was die Medizin betrifft: In der Folge wird eine Massenhypochondrie erzeugt, die von keinem Gesundheitssystem der Welt bewältigt werden kann.

    Der Artikel zeigt deutlich den kulturellen Wandel. Nicht kritische Reflexion, nicht Kontemplation, nicht bewusstes „Loslassen-Können“, sondern die Zwänge des Machens, des Konsums, der Wiederholung und der Kontrolle sind bestimmend geworden. Einen Sinn dahinter – außer den eines verzweifelten Bewältigungsversuchs einer verdrängten, aber abgrundtiefen Lebensangst – findet man nicht.


  • Weizsäcker, einer der bedeutendsten Denker des 20. Jahrh.

    05.05.2007, Dr. Wolfgang Schulz
    Carl Friedrich von Weizsäcker halte ich für einen der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts. Mir ist niemand bekannt, der so umfassend über fast alle Gebiete der Forschung Bescheid wusste und eine Synthese versucht hat.

    Ich mag noch dazu beisteuern, dass ich (als Ossi) Weizsäcker in Ostberlin bei einer Tagung der evangelischen Akademie in Berlin-Weissensee über das Verhältnis von Naturwissenschaft und Philosophie gehört habe und sehr begeistert war. Leider konnte ich seine Bücher erst nach der Wende kaufen und lesen. Er hat sich zeit seines Lebens sehr für die Menschen in der DDR interessiert, sehr sympatisch. Ich habe ihn auch einmal vor der Wende im berühmten Physikhörsaal der Uni Leipzig, in dem Heisenberg seine Vorlesungen gehalten hatte, über die Interpretation der Quantentheorie gehört. Eindrucksvoll wie er ellenlange komplizierte Sätze ohne Manuskript richtig und klar zu Ende bringen konnte.

    Ich hätte gerne noch etwas über die Aufzeichnungen von Bohr über das berühmte Gespräch mit Heisenberg gewusst.

  • Neues durch Zufall

    04.05.2007, Prof. Dr. Fritz Müller, Weitenhagen
    Fortschritt ist schon deshalb unvermeidlich, weil die Zeit
    fortschreitet. Man darf nur Fortschritt nicht mit
    Verbesserung verwechseln.
    Aus der Sicht der Informationstheorie kann etwas Neues nur
    durch Zufall entstehen. Alles, was aus bekannten Sätzen
    durch Deduktion oder andere logische Operationen gefolgert
    werden kann, steckt in den Sätzen schon drin; es muss nur
    ausgegraben werden. Das ist keine Diskriminierung, denn
    manche Vermutung, z. B. Fermats Vermutung, musste 300 Jahre warten, bis sie bewiesen werden konnte. Entdeckungen, die durch Zufall gemacht werden, verlangen zwar Beschäftigung
    mit dem Gegenstand, erfordern aber keine besondere Begabung.
    Der Angler fängt einen Fisch nur durch Zufall, vorausgesetzt,
    er hält eine Angel in ein Wasser, in dem er Fische vermutet.
  • Was nützt diese totale Speicherung aller Daten?

    04.05.2007, Vogt, Nürnberg
    Was nützt die Speicherung dieser Daten für einen persönlich? Wer wertet sie aus?

    Was nutzt es, ständig nachzuschauen, wie man früher gehandelt hat? Das hätte nur einen Sinn, wenn jemand anderes daraus Rückschlüsse zieht. Doch wollen wir das wirklich, dass jemand anders immer und ständig weiß, was wir gesagt, gehört oder getan haben?

    Wer hat im Zorn schon mal rassistische Bemerkungen gemacht, auch wenn er kein Rassist ist, oder darüber gesprochen, wie man auch nicht ganz legal reich werden könnte?

    Wer hat noch nie beleidigt, beschimpft und strafbare Handlungen – z.B. im Straßenverkehr – durchgeführt?

    Wollen wir wirklich, dass all dies dokumentiert wird, um später dann bei geeigneter Gelegenheit gegen uns verwendet werden zu können?

    Das größte Problem sehe ich aber darin, dass viele versuchen werden zu schauen, wie sie früher gehandelt haben, und dadurch vollkommen abhängig von der Technik des ALL-Aufzeichnens werden und nicht mehr in der Lage sein werden, allein auf sich gestellt Entscheidungen zu treffen.

    Wie wollen diese Menschen z.B. nach einer Katastrophe überleben, wenn sie nicht auf ihren externen "Erfahrungsspeicher" zugreifen können, der interne Speicher aber diesen externen Speicher als Teil seiner selbst sieht? Diese Menschen werden an so einfachen Dingen wie der Nahrungsbeschaffung im Wald schon scheitern.
  • Ein Gehirn, das nicht vergessen kann, ist krank

    04.05.2007, Dr. Wolfgang Boese, Feldkirch (Österreich)
    Vergessen ist nicht mangelnde Fähigkeit des Gehirns, Erinnerungen zu speichern, sondern eine aktive Leistung des Gehirns, unter anderem um vergangene Erlebnisse richtig zu bewerten, Wichtiges von Irrelevantem zu trennen und in die aktuelle Gegenwart richtig einzuordnen, sowie um frei zu sein für neue Eindrücke und das Hier und Jetzt unter angemessener Berücksichtigung der Erfahrungen zu bewältigen.

    Ein Gehirn, das nicht vergessen kann, ist krank! Ein schönes, aber auch etwas exotisches Beispiel ist die Fallgeschichte von Lurija ("Kleine Geschichte eines großen Gedächtnisses") über einen Mann, der nichts vergessen konnte, auf der Bühne glänzte, da er fast unendlich Zahlenreien, Gedichte etc. memorieren konnte, im Alltag aber durch seine Erinnerungen beeinträchtigt war.

    Viel häufiger ist allerdings das Problem der Fixierung auf vergangene Erlebnisse bei Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Neurosen etc., die es unmöglich macht, den gegenwärtigen Alltag befriedigend zu bewältigen. Muss man eine an sich gesunde Leistung des Gehirns technisch unbedingt konterkarieren?

    Das Speichern aller Alltagserlebnisse ist problematisch, wichtiger als alles zu speichern ist zuerst die Frage, was es wert ist zu speichern (viel bleibt bei genauer Betrachtung nicht übrig; vielleicht medizinische Daten, Termine, persönlich relevantes Faktenwissen), und was es wert ist gelöscht zu werden. Sonst geht die Erkenntnis dessen, was wesentlich ist, endgültig im Datenmüll verloren.
  • Bitte weiterhin Preisrätsel !

    04.05.2007, Christof Weiss, Wien
    Aus der Anzahl der Einsendungen zu den Preisrätseln auf die Anzahl der Leser bzw. Löser zu schließen halte ich nicht für gerechtfertigt.
    Die meisten Leute mit Spektrum-der-Wissenschaft-Abo, die ich kenne, beschäftigen sich (ebenso wie ich) ausgesprochen gerne mit dem Rätsel und versuchen es zu lösen, nur dass sie eben (ebenso wie ich) im Allgemeinen keine Lösung einschicken, weil dazu dann die Zeit oder die Lust fehlen.
    Während man nämlich zum Lösen (oder Versuch dazu) selbst keinen besonderen Aufwand hat (das geht in der Strassenbahn ebenso wie in einem Lokal oder im Bett), muss man zum Einsenden der Lösung doch etwas Aufwand betreiben und kann das eben nicht so nebenbei, wenn man gerade den Artikel liest.

    Ich hoffe also, das Preisrätsel bleibt weiterhin als regelmäßige Rubrik.
  • Diskussion erfordert Spielregeln

    03.05.2007, Johann Bahr, Wien
    Das Streitgespräch zwischen Religion und Wissenschaft wird so lange fruchtlos bleiben, als davon ausgegangen wird, dass die beiden inkompatible Alternativen wären, die um die exklusive Gunst des Laien buhlen. Das mag in früheren Zeiten auch gestimmt haben, ist aber inzwischen ein Anachronismus. Dass die beiden Institutionen in letzter Zeit ihre selbstgesteckten Abgrenzungen gründlich korrigiert haben, ist obigem Laien größtenteils entgangen, weil diese nur in den internen Fachsprachen publiziert sind. Es fehlt an einer klaren Neudefinition der Materie in einer Sprache, die auch interessierte Laien verstehen, deren Sprecherrolle ich mir hier anmaße.

    Der lawinenartige Wissenszuwachs der Neuzeit bringt mit sich, dass der Anteil dessen, was der einzelne davon weiss immer mikroskopischer wird. Wo ist die Zeit eines Faust geblieben, dessen Wissensdurst noch grösser sein konnte als das ihm zur Verfügung stehende allgemeine Wissen! Der Mensch von heute leidet darunter, dass er immer weniger von dem begreifen kann, was zu seinem Leben gehört, und was er folglich eigentlich wissen sollte. Und was liegt näher, als diese Wissenslücken nach mittelalterlicher Manier mit Glauben zu füllen: glauben heisst zwar nichts wissen, aber wenn wissen immer mühsamer und aussichtsloser wird, ist glauben allemal bequemer und vollständiger. Damit verursacht die Wissenschaft genau jene Volksverdummung, die zu beseitigen sie eigentlich angetreten ist: anstatt das glauben allmählich abzulösen, wird paradoxer weise das wissen mehr und mehr durch glauben substituiert, und die Esoterik wird ein immer gefragterer Markt.

    Indem unsere Bildung immer mehr darauf angewiesen ist, vernünftig nachvollziehendes Verstehen durch blind vertrauendes Glauben zu substituieren, steigt naturgemäss die Gefahr, dass sich dazwischen auch Unvernünftiges einschwindelt. Dazu kommt, dass mit „Glauben“ auch ein Religionsbekenntnis bezeichnet wird, was zu peinlichen Missverständnissen führen muss. So verwechseln viele Menschen das komplexe Wissensgebäude der universitären Wissenschaft mit den Weisheiten einer Religion und meinen, damit einen vollwertigen Ersatz für ihr natürliches Religionsbedürfnis gefunden zu haben. Dass universitäre Wissenschaft dazu keineswegs geeignet bzw. gedacht ist, sollte diesen Menschen endlich klar gemacht werden, selbst wenn sie dies oft gar nicht wahrhaben wollen.

    Das religiöse Glaubensbekenntnis wird von manchen „Gläubigen“ (zumindest vielen „liberalen“ Katholiken) als eine Art Selbstbedienungsladen interpretiert, aus dem man sich die Rosinen zusammenklaubt, an die man intuitiv glauben möchte. Und da es hier nun einmal mehrere widersprüchliche Traditionen gibt, und diese zum Teil auch offensichtlichen wörtlichen Unsinn mitschleppen, muss man ohnehin selektieren und uminterpretieren, und nirgendwo ist konkret definiert, was davon nun noch absolut wahr zu bleiben hat; also muss und darf man sein Wunschdenken austoben. Und indem die Wissenschaft zugibt, nur unwidersprochene Hypothesen anzubieten, wird dort die Wahlfreiheit des Glaubens oder Ignorierens gerne analog gehandhabt: schliesslich wäre sie ja auch nichts anderes als ein modernes Substitut der Religion. Dass dort seriösere Regeln gelten und eben keine kryptisch umdeutbaren Argumentationen erlaubt sind wie in den archaischen Religionen, muss diesen Menschen erst einmal vermittelt werden.

    An obiger Gleichsetzung ist aber primär die Wissenschaft selbst schuld, indem sie dem ungebildeten Menschen ihre Abgrenzung gegen Religion und Metaphysik nicht gebührend verständlich macht. Die komplexe Eigendefinition der Wissenschaft erweckt beim Laien den Eindruck, man müsse erst selber ein Wissenschaftler sein und dessen Sprache sprechen, um zu verstehen, was Wissenschaft ist und wie sie funktioniert. Es wäre höchst an der Zeit, wenigstens die Renovierung der Wissenschaftsdefinition der letzten Jahrzehnte derart publik zu machen, dass ihre internen Regeln auch von skeptischen Laien und Wissenschafts-Verweigerern unmissverständlich nachvollziehbar werden.

    Nachfolgend erlaube ich mir ein Beispiel zu skizzieren, wie eine simple Darstellung der modernen universitären Wissenschaft mittels einer Auswahl von markanten Geboten bzw. Verboten aussehen könnte. Diese Regeln reduzieren sich hier einfach auf eine Liste von disqualifizierenden Argumentationen. Die Ähnlichkeit mit den zehn Geboten der Bibel ist unbeabsichtigt, aber unbestritten: da es wie gesagt primär um die äussere Abgrenzung gegen Verwechslungen geht, genügt es nur den äusseren Umriss bzw. die Eckpunkte abzustecken, wie Wissenschaft nicht argumentiert. Eine Unvollständigkeit bedeutet hier keine Schlampigkeit, sondern Abstraktion auf ein Exzerpt der allerwichtigsten Regeln, sowie die Überschaubarkeit und Merkbarkeit auch für uneingeweihte Laien.

    Arroganz, Diktat
    -1) Besitz der ultimativen Wahrheit, Perfektion, Axiom-Postulat, Überprüfungs-Unmöglichkeit ; Dogma, Zweifelerhabenheit, Veränderungsverbot, Hinterfragungsverbot ehrwürdiger Traditionen
    -2) Autorität oder Tradition als alleinige Legitimation, Machtwort, Majestätsbeleidigung ; institutioneller Anspruch auf übergeordnete autoritäre Kontrolle bzw. Genehmigung
    -3) Elitäre Bevormundung, Bewiesenheits-Suggestion ; Lehrpflicht, willkürliche Bereichs-Sonderregeln

    Magie, Quacksalberei
    -4) Guter/böser Geist, Metaphysik, Wunder ; ignorierte logische bzw. mathematische Unmöglichkeit, Zauberei
    -5) Unnachvollziehbare oder vielfach widerlegte Hypothese als Erklärung, unabgeleitete bzw. unbestätigte Behauptung ; unbeobachtete bzw. unerklärte Annahme, Argument „gesunder Hausverstand“
    -6) Mystik, Jenseits-Geheimnis ; natürliche ultimative Unerklärlichkeit

    Missbrauch, Egoismus
    -7) Moraldiktat, Sakrileg, Tabu, Anstandsbewahrungs-Schweigegebot ; Religions-Substitution
    -8) Forschungsverbot, Erkenntnisunterdrückung ; diktatorische oder suggestive Sprachregelung
    -9) Schein-Statistik, Zitatverfälschung, Betrugsverschleierung, erzwungene Überprüfungsvereitelung ; Nutzungsmonopol-Geheimnis, Regel-Uminterpretation, Traditionslegitimation, eigennützige Manipulation

    Dieses Beispiel ist noch lange kein Postulat, sondern möge eine herzliche Einladung an alle Wissenschaftler und interessierte Laien darstellen, ihre persönlichen Varianten von Minimal-Regeln in diesem Forum zu deponieren, sei es als Ergänzung, Reduktion, Korrektur, Alternative oder Totalablehnung. Ziel dieser Cyber-Diskussion sollte die kollektive Erarbeitung einer allgemein anerkannten Kurzfassung der bislang „ungeschriebenen Gesetze“ der Wissenschaft sein, die auch gänzlich anders orientierte Diskussionspartner nachvollziehen können. Damit sollte sich die meist frustrierende Diskussion mit Religion, Kreationisten, Pseudowissenschaften etc. beleben und entemotionalisieren lassen. Und wer sonst als diese Zeitschrift wäre dazu prädestiniert, solche Regeln zu redigieren und an die Uni-Türen zu nageln!
  • Hilfe für die Alten?

    03.05.2007, Hartmut Förtsch, Schwelm
    Als älterer Mensch wünsche ich mir manchmal, ein besseres Gedächtnis zu haben. Aber wünsche ich mir deshalb eine generelle Aufzeichnung meines Lebens?


    Ich kann mir sehr gut Situationen vorstellen, in denen ich die Speicherung von Fotos/Videos für sinnvoll erachte. In anderen Situationen wird das von mir viellecht nicht gewünscht. Wenn aber die Maschine alles speichert, gebe ich meine Entscheidungsfreiheit auf. Auch der Einsatz von Filtern ist keine echte Lösung, da Filterprogramme Regeln benötigen, die wiederum zuvor festgelegt sein müssen und somit u.U. der Situation nicht adäquat sind. Deshalb muss es möglich sein, unmittelbar vorher bzw. in der Situation entscheiden zu können, ob ich die Datenermittlung wünsche. Schließlich möchte ich mir die Freiheit lassen, mich auch unvernünftig zu verhalten. Auch nach einer erfassten Situation muss jederzeit die Möglichkeit bestehen, die Datenaufzeichnung zu löschen. Bei einer derartigen Wahlfreiheit macht aber z.B. ein Gesundheitsprotokoll wiederum keinen Sinn. In anderen Situationen ist aber vielleicht eine Protokollierung erwünscht, etwa zur Beweissicherung. Aber ist mein Gegenüber damit einverstanden? Schließlich muss auch er das Recht haben, über seine Daten und damit über die Aufzeichnung der gemeinsam erlebten Situation zu verfügen.


    Der Autor des Artikels hat Recht, wenn er darauf hinweist, dass wir um das Problem der Erfassung und der Speicherung unseres Lebens nicht herum kommen. Die technischen Möglichkeiten sind – zumindest prinzipiell – vorhanden. Um so notwendiger ist es, sich bereits jetzt Gedanken darüber zu machen, wie und nach welchen Regeln wir unser Leben 'protokollieren' können, sollen oder dürfen. Eine Umfrage nach obigem Muster ist zwar interessant, wird aber der Problematik nicht gerecht.
  • Wagnis zur Metaphysik

    03.05.2007, Helmut Hansen, Hamburg
    Ich kann mich erinnern, mich mit einer Studie über Metaphysik als Wissenschaft an ihn gewandt zu haben. Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, einen Brief von diesem großen Physiker zu erhalten. Metaphysik ist für einen Physiker in etwa das, was für den Teufel das Weihwasser. Man meidet es, wo man kann...
    Doch erhielt ich einen Brief - und mehr noch: Er hat mich sogar ermuntert, mich an zwei ihm bekannte "jüngere" Professoren zu wenden - mit dem Hinweis, dass er das empfohlen habe.
    Bezeichnenderweise sollte ich dann von diesen jüngeren Professoren nicht das Geringste hören - trotz seiner Empfehlung.
    Heute weiss ich, dass er - ebenso wie Einstein, der in einem Gespräch mit dem Physiker Arnold Sommerfeld behauptet hatte, alle Physik sei letztendlich Metaphysik - einer letzten Metaphysiker unserer Zeit war. Und wer seine Schriften kennt, kennt auch die sensiblen Stellen, in denen er dies ausdrücklich erklärt.

    Ich war tief berührt, dass die Medien, selbst so gehobene Sendungen wie die 3sat-Sendung 'Kulturzeit' mit einem lauwarmen Beitragüber diesen Universalgelehrten hinweg gegangen sind. Diesen Beitrag hätten sich die Macher dieser Sendung auch ebenso gut schenken können.





  • Missbrauchsrisiko

    03.05.2007, Rüdiger Haake, Münster
    Das Forschungsprojekt klingt natürlich verlockend. Doch man möge nur einmal an Orwells Werk '1984' denken – und verliert das Interesse an einem alles aufzeichnenden System. Das Risiko eines Missbrauchs durch den Staat oder andere Institutionen, von welchen wir abhängig sind, ist einfach zu groß. Ein Beispiel ist die Krankenversicherung, der wir vielleicht mehr zahlen müssten, wenn unsere gesundheitlichen Werte nicht der Norm entsprechen.
  • Vergessen ist lebenswichtig

    03.05.2007, Dr. Eugen Knöpfle, Günzburg
    Das Vergessen bis zum Verdrängen von Dingen ist ganz wesentlich im Leben – für die weitere Zukunft, für Planung und Gestaltung und den emotionalen Ausgleich eines Individuums. Wenn man die ganze Vergangenheit speichern will, ist kein Platz mehr vorhanden für Neues.
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