Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

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  • Es geht um Schadensbegrenzung!

    12.04.2007, Karl-Heinz Haid, Isny-Beuren
    Im Zusammenhang mit Klimaprognosen Karl Popper zu bemühen, geht weit über das hinaus, was man von Prognosen erwarten darf. Popper fordert auch nicht die Falsifizierbarkeit von wissenschaftlichen Theorien, sondern er stellt fest, dass sie im mathematischen Sinn prinzipiell nicht beweisbar sind, und dass wir uns mit ihnen begnügen müssen, solange sie nicht zu widerlegen sind.

    Aber bei Klimaprognosen handelt es sich nicht um wissenschaftliche Theorien, ja nicht einmal um Hypothesen, denn zu diesen müssten Experimente machbar und wiederholbar sein, die ihre Relevanz erhärten könnten. Eine Klimaprognose ist nicht mehr als eine wissenschaftlich fundierte Prophetie; aber auch nicht weniger! Und wie bei allen Prophezeiungen geht es nicht darum, wie richtig oder falsch sie sind, sondern darum, durch vernünftiges Handeln die vorhergesagten Konsequenzen möglichst zu vermeiden oder ihnen zum Durchbruch zu verhelfen. Wichtig ist auch nur, dass die Anfangswerte der ihnen zu Grunde liegenden Rechnungen stimmen, wobei der Streit darüber, wie viel daran säkulare Fluktuation und wie viel antropogen ist, ebenso müßig ist, wie der Streit wer im Kinderzimmer die Unordnung gemacht hat. Es geht ums Aufräumen!

    Dabei interessiert nicht, ob das Leben auf dieser Erde den bevorstehenden Klimawandel übersteht, und auch nicht, ob es in einigen Jahrhunderten noch Menschen – Eskimos oder Buschmänner (?) – auf Erden gibt; sondern ob es gelingt die menschliche Zivilisation zu erhalten. Dazu müssen wir uns einerseits auf allerlei Wetterkapriolen einstellen und andererseits versuchen, die Ursachen für den Wandel möglichst nicht weiter zu verstärken. Es geht um Schadensbegrenzung.

    Es ist auch letztlich nicht entscheidend, welchen Glauben wir haben, den an die zufallgenerierte Evolution oder den der Kreatonisten. Wir stecken in diesem Prozess und können höchstens unsere Handlungsmotivation daraus gewinnen, ob wir glauben, ihn beeinflussen zu können oder – im Sinne von Bewährung – ihn beeinflussen zu müssen. Natürlich können wir uns auch in unser Schicksal ergeben oder warten, bis die Propheten sich einig sind, mit welchen minimalen Einschränkungen wir möglichst ungeschoren davon kommen. Oder wir können die Dinge, die da kommen werden, mit wissenschaftlicher Akribie protokollieren um herauszufinden, wer mit seinem Computer die richtigere Prognose erstellt hat. Jedenfalls werden wir nie zum Ausgangspunkt zurück können, um zu sehen, ob es mit anderen Maßnahmen besser gelaufen wäre.

    Bei der Frage, wer von der Klima-Prognosen-Diskussion profitiert, hat Herr Titz eine wichtige Gruppe übersehen: die Geowissenschaftler! Sie haben ein fundamentales und legitimes Interesse daran, die Diskussion in der Schwebe zu halten, um Geld für neue und zur Weiterführung der bestehenden Projekte zu erhalten.
    Antwort der Redaktion:
    Entgegnung des Autors



    Popper fordert sehr wohl, dass eine Theorie falsifizierbar sein muss, damit sie dem Bereich der Wissenschaft zugeordnet werden kann. Die Klimaprojektionen selbst stellen zwar keine wissenschaftliche Theorie dar, basieren aber auf einer. Es wäre demnach sehr hilfreich, wenn sich die Projektionen überprüfen ließen. Meteorologen haben aus fehlgeschlagenen Wettervorhersagen viel gelernt - bei den Klimaforschern wird der äquivalente Prozess entsprechend länger dauern. Herr Haid vertritt die Ansicht, dass wir unser Handeln auf eine "wissenschaftlich fundierte Prophetie" gründen sollten. Doch schließen sich die Begriffe "Prophetie" und "wissenschaftlich" nicht aus?
  • Fortschritt ist messbar

    11.04.2007, Ihr Name, Wohnort
    Meiner Meinung nach gibt es sehr wohl eine objektive Masszahl für Fortschritt, nämlich die Anzahl der Freiheitsgrade jedes einzelnen von uns. Jeder Mensch und jede Gruppe von Menschen ist bestrebt, die Anzahl seiner Freiheitsgrade zu erhöhen, wobei ein Freiheitsgrad eine Auswahlmöglichkeit vor einer Entscheidung darstellt. Freiheitsgrade kann ein Beobachter im Prinzip objektiv messen und sind daher keine Illusion, die vom menschlichen Gehirn erzeugt werden.

    Als Beispiel kann man praktische jeden Aspekt menschlichen Strebens und Schaffens nennen: Nahrungssuche, Partnerwahl, Medizin, Telekommunikation, Internet, globale Weltwirtschaft. Wir können heute aus einer für Menschen vergangener Epochen unvorstellbaren Vielzahl von Nahrungsmitteln auswählen und benötigen zur Zubereitung der täglichen Nahrung viel weniger Zeit als noch vor 100 Jahren. Je weniger Zeit wir mit Nahrungssuche verbringen, desto mehr bleibt für andere Wahlmöglichkeiten.

    Dank Wort, Schrift und Internet können wir heute im Gegensatz zu früher mit sehr vielen Menschen in Kontakt treten und von deren Erfahrungen profitieren. Damit können wir Aufgaben effizienter, d.h. in kürzerer Zeit erledigen wobei wir wiederum unsere Freiheitsgrade optimieren. Auf der Suche nach einem Lebenspartner können wir mit Hilfe von allen möglichen sozialen Events, Anzeigen, Chatrooms, mit tausenden von Menschen in Kontakt treten und damit die Aussicht auf ein glückliches, erfülltes Leben entscheidend verbessern. Dank der modernen Medizin leben wir wesentlich länger, können das Leben mehr geniessen als früher. Das bedeutet auch, dass wir unsere Möglichkeiten besser realisieren bzw. ausleben können.

    Was wir als Geniessen, Lebensqualität, Freizeit usw. bezeichnen hängt direkt mit persönlichen Freiheitsgraden zusammen. Man könnte auch die Anzahl Spielzeuge unserer Kinder, die Anzahl chemischer Substanzen der Umwelt oder die Menge an gespeicherter Information nehmen, um Freiheitsgrade zu quantifizieren.

    Die subjektive Erfahrung des Fortschritts im Sinn des Anwachsens persönlicher Freiheitsgrade ist relativ. Menschen nehmen nicht ihren Zustand sondern ihre Veränderung wahr. Dabei vergleichen wir uns nicht mit Steinzeitmenschen sondern mit unseren Mitmenschen und den Möglichkeiten, die sich uns in einem Zeitraum von maximal ein paar Jahren oder Jahrzehnten bieten, z.B. bei einem Jobwechsel oder einer Partnerwahl.

    Die Menschen heute nicht wirklich glücklicher als früher, weil sich die Aussichten der Möglichkeiten nicht grundlegend geändert haben. Trotzdem will niemand freiwillig in der Steinzeit oder im Mittelalter leben, weil dies die Anzahl unserer Freiheitsgarde dramatisch beschränkt. Die Angst vor den Konsequenzen des gegenwärtigen Raubbaus der fossilen Energieträger ist primär die Angst vor der Einbusse von Freiheitsgraden, indem wir z.B. nicht mehr Auto fahren können, weil das Benzin zu teuer ist. Die Angst vor Krieg, Tod, Massenvernichtungsmittel kann ebenfalls auf den dadurch zu erwartenden massiven Verlust an Freiheitsgraden zurückgeführt werden. Auch die Vorschläge zur Eindämmung des Klimawandels zielen letztlich auf die Maximierung der Freiheitsgrade jedes einzelnen. Sie sollen auch unseren Kindern ein würdevolles und glückliches Dasein ermöglichen, so wie es auch Bill Gates formulierte.

    Fortschritts im Sinn des Anwachsens persönlicher Freiheitsgrade hat nichts mit Evolution zu tun – allenfalls mit der Entwicklung des Gehirns und den damit verbundenen Konsequenzen. Evolution wirkt über viel längere Zeiträume als Fortschritt. Mit der Vorstellung, dass die Evolution aller Spezies kein messbares Ziel hat und der erwiesene Tatsache, dass der Mensch keineswegs komplexer ist als andere Spezies gehe ich mit dem Autor durchaus einig. Dass die Welt komplexer wird ist die Konsequenz unseres Bestrebens, mehr Auswahlmöglichkeiten zu schaffen. Warum das so ist und ob es sich dabei um eine Eigenschaft unseres Gehirns handelt, ist eine andere ganz andere und sehr interessante Frage. Immerhin existieren Völker, die noch heute wie Steinzeitjäger leben. Aber selbst diese verwenden Waffen, Feuer und alle möglichen Tricks, um sich das Leben zu vereinfachen d.h. sich mehr Freiheitgrade zu schaffen.

    Dr. Marc Eberhard
    Biochemiker
  • Fortschreiten statt Fortschritt

    10.04.2007, Reinhard Müller, Erlangen,
    Prof. Voland mag Recht haben mit seiner Behauptung, "Fortschritt" sei eine Illusion, solange er sich in seinem Fachgebiet "Philosophie der Biowissenschaften" bewegt und solange er unter Fortschritt etwas positiv Bewertetes im Vergleich zum bloßen Fortschreiten versteht.
    Sollte sich die Menschheit demnächst selbst vernichten oder sollten z.B. die Insekten aus diesem oder einem anderen Grund den Siegeszug antreten, so ist in der Tat zu fragen, was an dem Experiment "homo sapiens" fortschrittlich gewesen sein soll.
    Allerdings bezieht er in seine Argumentation auch Begriffe wie "erkenntnistheoretisch", "vorfindliche Objektivität", "Welt da draußen" usw. ein und verlässt damit sein Fachgebiet.
    Ich empfehle ihm, es vollständig zu verlassen, dann wird er auch die fehlende Messbarkeit, den fehlenden "archimedischen Punkt", die vermisste Objektivität (in neuem Sinn) finden. Rezept:
    1) Ersetze "Fortschritt" durch "Fortschreiten"
    2) Streiche den Begriff "(vorfindliche) Objektivität"
    3) Übernimm die erkenntnistheoretischen Methoden der Naturwissenschaften (Experiment und Begriffsbildungen, die ein Reduzieren auf möglichst wenige Begriffe erlauben)

    Emotional nützlich wäre es auch, sich von einigen romantischen Denkgewohnheiten zu verabschieden.
    Wieso leben wir in einer "absolut farblosen Welt", nur weil sich herausgestellt hat, dass unser Gesichtsinn elektromagnetische Strahlung auswertet und dies auch noch wellenlängenspezifisch? Sind dadurch z.B. die Farben des Frühlings eine Illusion? Ist es nicht evolutionär nützlich, die Farben auch emotional zu bewerten, z.B. Rot als aufmerksamkeitsheischend, um eine Verletzung mit Blutverlust als "groß", "bedenklich" einstufen zu können?

    Wieso ist die "Welt da draußen" illusionärer geworden, nur weil sich erwiesen hat, dass der uns umgebende Raum eben nicht so simpel euklidisch ist, die Zeit eben nicht so linear dahinplätschert, ein Teilchen eben nicht unbedingt ein Gegenstand zum Anfassen ist, wie das unser Gehirn zum Zwecke der bildlichen Vorstellbarkeit gern hätte?

    Ist es nicht erstaunlich, dass wir zu einer Abstraktion befähigt sind, obwohl die Evolution uns ursprünglich eben simpel "euklidisch" ausgestattet hat (was zum Speerwerfen ja ausreicht)?

    Vielleicht ist dies ein wohlverstandener "Fortschritt", dass wir unsere Umwelt auch in tieferen Strukturen erfassen und beschreiben können, was zusammen mit der erwähnten begrifflichen Reduktion unser neues "Verstehen" darstellt? (Wohlgemerkt: Hier ist nicht von Objektivität im althergebrachten Sinn oder gar von "Wahrheit" die Rede!)

  • Was mich schockiert

    10.04.2007, Willi Kolk
    Das Ergebnis der Betrachtung von Herrn Springer ist ja einerseits tröstlich für mich - er spricht sich erfreulicherweise gegen Folter aus.
    Aber nur, weil er - sicherlich zu Recht - der Meinung ist, dass Folter kein Mittel zur Findung der Wahrheit ist.
    Man könnte ja noch einen Schritt zurückgehen und wieder die Gottesurteile einführen.

    Was mich schockiert:

    1. Gelten die Menschenrechte nicht mehr?
    "Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden."
    Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

    2. Wer ist so naiv und glaubt, dass kein Missbrauch stattfinden würde - selbst wenn man eine (angeblich) enge Anwendung definieren würde - dass diese nicht durch die Machthaber beliebig interpretiert werden könnte und würde? Dass die Definitionen nicht nach aktueller Tageslage und politischen Erwägungen (wer ist uns im Weg) angewendet werden würden?

    3. Wissenschaftliche Erforschung, ob Folter der Wahrheitsfindung dient?
    Das erinnert mich an die KZ-Ärzte, die hilflose Opfer brutalen Qualen aussetzten, sie dabei gesundheitlich ruinierten oder ermordeten, um ihre Forschung am lebenden Objekt betreiben zu können. Wer behauptet das dieser Vergleich völlig aus der Luft gegriffen ist? Die eifrigen Befürworter schieben gute Gründe vor. Das haben auch die KZ-Ärzte getan!

    4. Auf welchem Weg sind wir, was ist unser Ziel? Unser Existenzrecht auf Teufel komm raus über das Existenzrecht der anderen zu stellen und jeden Widerstand bis zur eigenen Vernichtung bekämpfen?

    5. Hat die Wissenschaft noch immer nicht gelernt aus den Erfahrungen der Willfährigkeit gegenüber politischen Systemen, für die Menschenrechte nur Hindernisse des Machterhalts der politischen Führer sind?




  • Finale Weltanschauungen

    09.04.2007, Oliver Harder
    Wenn Fortschritt als eine Illusion interpretiert wird, sollte man dann nicht erst recht als Philosoph „finale Weltanschauungen“ (S. 113) wie

    << Und man wird ihn (Fortschritt) auch nicht finden weil – wie gesagt – Fortschritt der Evolution wesensfremd ist. >> (S. 112)

    als Ergebnis intellektueller Selbsttäuschung „dogmatischer Egozentriker“ (S. 109) erkennen. Vor allem weil einst gerade die bibelfesten Fortschrittsverneiner mit Folter und Feuer den vom Autor so gern zitierten Irrglauben erdscheibengetriebener Geozentrik als eben ultimative Weltsicht vertraten
  • Kein universelles Konstrukt des menschlichen Gehirns

    08.04.2007, Dr. Karl Wulff, Schneverdingen
    Der genannte Artikel von Herrn Voland und sein Kommentar haben mich sehr erstaunt. KDer Autor irrt in vieler Hinsicht:

    1. Der Begriff "Fortschritt" ist kein universelles Konstrukt des menschlichen Gehirns. Die alten Griechen und Römer sowie die Hochkultur des mittelalterlichen Islam kannten diesen Begriff nur ansatzweise, den alten Chinesen war er total fremd. In Europa wurde der Begriff des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts durch Fontenelle und Condorcet begründet, also erst relativ spät.

    2. Fortschritt entspringt nicht einem dumpfen Gefühl von Glück oder "besser gehen", sondern er ist objektivierbar.
    a). So starb z. B. der Dichter Wilhelm Hauff 1827 im zarten Alter von 25 Jahren an Typhus, einer Krankheit, die ein heutiger Arzt – falls er keinen groben Kunstfehler begeht – binnen weniger Tage auskurieren kann.
    b). Ein Schüler der Grundschule unterscheidet sich von einem Neugeborenen z. B. dadurch, dass er im Laufe seines Lebens u. a. nacheinander Laufen, Sprechen sowie Lesen und Schreiben lernte, also Fortschritte in der Entwicklung durchlief.
    c). Die 248-dimensionale Lie-Gruppe konnte kürzlich mit Hilfe eines Supercomputers berechnet werden, ein Fortschritt, von dem Herr Lie nicht einmal träumen konnte.

    3. Die Aussage, dass der H. sapiens keineswegs höher entwickelt sei als seine Primatenvettern, erweckt völlige Verwunderung. Einmal: s. die Beispiele unter (2). Zugegeben, in einem Faustkampf mit einem Gorilla hätte der H. sapiens keine Chance, mit einem 45er Colt wäre die Situation jedoch umgekehrt. Man sollte bei derartigen Vergleichen doch die Besonderheiten des menschlichen Gehirns und die daraus folgenden kulturellen und zivilisatorischen Leistungen berücksichtigen.

    4. Ernst Mayr wird von Voland missbraucht. Herr Voland sollte dessen Publikationen einmal gründlicher lesen: Mayr schreibt z. B. in einem seiner letzten Bücher "Das ist Evolution", Goldmann Tb Nr. 15349, S. 340:..."So betrachtet ist die Evolution also eindeutig mit Fortschritt verbunden...". Mayr widerspricht nur der alten These, dass "Fortschritt" die übergeordnete treibende Kraft der Evolution sei und dass also die Evolution teleologisch verlaufe.

    .

  • Fortschrittsglaube und Fortschrittsnihilismus

    05.04.2007, Peer Hosenthien; Magdeburg
    Die Begriffe Fortschritt und Entwicklung, die Herrn Professor Voland so bewegen, sind keine rein philosophischen, wir verwenden sie alle tagtäglich, ohne über ihre philosophische Bedeutung dabei nachzudenken. Deshalb ist auch die Diskussion darüber keine rein akademische. Dass Herr Professor Voland die Diskussion auf die Darwin'sche Theorie fokussiert, ist mir unverständlich, denn diese Begriffe haben darüber hinaus ihre Bedeutung. Wir sprechen von der Entwicklung des Kosmos, dem gesellschaftlichen und technischen Fortschritt, der Entwicklung von Produkten, Projekten und vielem mehr. Wenn Herr Professor Voland nur eine Attacke gegen Darwin reiten will, hat er dafür mächtig weit ausgeholt. Sein Fortschrittsnihilismus hätte aber, wenn er um sich greifen würde, erheblichere Auswirkungen auf viele praktische Lebensbereiche.

    Der Kern seiner Aussage ist für mich: wenn nicht exakt definiert werden kann, was Fortschritt ist, dann kann es auch keinen Fortschritt geben. Das Unerklärliche auszublenden ist physiotherapeutisch hilfreich, philosophisch aber recht platt.

    Der Fortschrittsbegriff ist nicht so alt, wie man annehmen sollte, im antiken, mittelalterlichen und östlichen Denken kann man ihn nicht finden. Er ist ein Produkt des europäischen Bürgertums und entstand zum Ende des Mittelalters und dem Beginn der Neuzeit. Er ist zu einem wesentlichen Element unseres Denkens und Handelns geworden, angefangen von: „Meine Kinder sollen es einmal besser haben“ bis zur „Globalisierung unserer Welt“. Dass der Begriff von Darwin auf die Entwicklung der biologischen Arten ausgedehnt wurde, ist dabei nur eine, wenn auch eine sehr interessante Facette.

    Wenn es Fortschritt gibt, muss es aus logischen Gründen auch Rückschritt geben. Wenn es Entwicklung gibt, muss es deshalb auch Rückentwicklung geben. Der Fortschritt durchzieht die Geschichte nicht als roter Faden, dem man nur weiter zu folgen braucht. Wer einen roten Faden sucht, sollte sich der Bibel oder dem Koran zuwenden, ihn aber nicht in der Wissenschaft suchen. Die Zukunft ist hier offen.

    Der Fortschrittsbegriff ist in erster Linie ein Fortschrittsglaube, er entwickelte sich aus dem christlichen Glauben heraus, basiert auf dem Selbstverständnis des Menschen als selbstständig denkendes und handelndes Wesen sowie seinem Lebenswillen und führt ihn dazu, all sein Wissen und Können zu nutzen, ein lebenswert empfundenes Leben zu führen.

    Die alten Athener sagten, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei. Dem Frommen ist Gott das Maß aller Dinge, dem Ökonomen das Geld, dem Ökologen die Erhaltung der Natur. Was ist das Maß des Fortschritts? Es ist die alte Kant'sche Frage: was darf ich hoffen?

    Bibel, Koran und andere Heilsschriften geben darauf eine klare Antwort, die Wissenschaft kann diese nicht bieten. Wenn die Zukunft offen ist, gibt es dann gar keine wissenschaftlich begründete Antwort auf diese Frage? Wenn niemand in die Zukunft blicken kann, niemand den Stein der Weisen besitzt oder die Weltformel kennt, müssen wir dann im geistigen Chaos leben, aus dem uns nur die Religion erlösen kann?

    Gegenfrage: Wenn ich das Ziel des Fortschritts kennen würde, zu dem die Entwicklung unaufhaltsam fortschreitet, zum Beispiel zu einem Gottesstaat, dem Sieg des Sozialismus oder dem Jüngsten Gericht, warum sollte ich dann selbst noch eigene Ziele suchen, die doch dann gegen den Fortschritt gerichtet wären? Wenn ich dieses externe Ziel verinnerlicht hätte, dann wäre ich nur ein Werkzeug zum Erreichen dieses Ziels. Wenn ich es ablehnen würde, dann könnte mein Lebensziel nur der pure Genuss des Lebens sein, weitergehende Aktivitäten wären sinnlos.

    Wenn ich aber nur vermuten kann, was Fortschritt sein könnte, so bin ich immer wieder aufs Neue gefordert, mein Handeln und die Kriterien, an denen ich es messen kann, zu überdenken. Das macht meines Erachtens das Leben erst interessant und lebenswert.

    Wenn der Fortschritt nun unabhängig von unseren Wünschen ist und kein endgültiges Ziel darstellt, wie kann ich zumindest die momentane Richtung des Fortschritts feststellen? Wie vollzieht sich der Fortschritt? Wie verläuft die biologische Evolution? Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft? Fortschritt ist Methode und nicht Ziel. Bei Darwin lässt sich beim besten Willen kein Ziel der Evolution erkennen, nur die Methode wird beschrieben. Zwar ist das Ziel im Detail klar. Der materielle Vorteil des einzelnen Individuums führt zur Evolution. Für die Entwicklung der Arten selbst ist das aber nur die Methode. Das gilt in ähnlicher Form auch beim technischen oder gesellschaftlichen Fortschritt.

    Ist der Fortschritt als Methode also nur Bewegung, wie Herr Professor Voland behauptet, wenn aus der Kenntnis der Methode das Ziel nicht erkennbar ist? Wenn weder die Entwicklung des Kosmos, des Lebens auf der Erde noch der menschlichen Gesellschaft einer externen und damit göttlichen Zielstellung folgen, kann es dieses Ziel nicht geben, es sein denn, der Kosmos, das Leben als Ganzes, oder die menschliche Gesellschaft würde selbst als Wesen aufgefasst, was aber zugegebenermaßen sehr exotisch klingt. Anhänger einer solchen Theorie sind mir auch nicht viele bekannt. Der Mensch besitzt weder eine Weltseele, wenn er sich nicht selbst für Gott hält, noch kann er als Retter des Universums auftreten, einmal abgesehen von Superman, 007 und anderen Koryphäen. Er kann aber als denkendes Wesen das nächste kleine Ziel der Entwicklung erkennen, wenn auch je nach seinem Wissenstand nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit: den Aktienkurs, das Konsumverhalten, das politische Kräfteverhältnis usw. Wenn sich der Mensch nicht als Beherrscher der Welt fühlt und sich so aufspielt, weil er zu wissen glaubt, was Fortschritt ist, sondern sich als integraler Bestandteil der Welt versteht, so kann er am realen Fortschritt teilhaben und ihn nutzen.

    Problematisch wird der Fortschrittsglaube immer, wenn sich religiöse und wissenschaftliche Anschauungen in unheilvoller Weise verquicken, z.B. weil Adam und Eva am 7. Tage erschaffen wurden, sind die Menschen das Endziel der biologischen Evolution oder dergleichen mehr. Aus der Erkenntnis, dass die Menschen heute das Leben auf der Erde dominieren, kann dieser Schluss nicht gezogen werden.

    Beim Lesen des Beitrages von Herrn Professor Voland musste ich an einen Punk denken, der mir vor vielen Jahren auffiel, weil er auf den Rücken seiner schwarzen Lederjacke mit vielen Nieten den Schriftzug angenagelt hatte: FORTSCHRITT WOZU? Fortschrittsnihilismus ist hip für Menschen, die an keine eigene positive Zukunft glauben. Er gibt ihnen ein ideologisches Fundament. Nun muss ich aber zur Ehrenrettung von Herrn Professor Voland annehmen, dass er das alles nur geschrieben hat, um eine Diskussion zu provozieren.


  • Rechenscheibe

    04.04.2007, Johnn Stoehr, Kiel
    Eine Variante des Rechenstabs ist die Rechenscheibe. Diese ist nicht selten auf der Rückseite einer Parkscheibe zu finden, auch wenn sie nicht genau gearbeitet ist.
  • Die Rolle der Wahlbeteiligung

    04.04.2007, Ruedi Marti, CH-4144 Arlesheim
    Danke für den schönen Artikel, der ein neues Zuteilungsverfahren beschreibt, welches bei Wahlen, die mehrere Wahlkreise übergreifen, mathematisch beweisbar zu einem möglichst gerechten Resultat führt.


    Nützlich wäre noch die Bemerkung gewesen, dass die scheinbaren Paradoxien des Verfahrens (dass zum Beispiel eine Partei in einem Wahlkreis für 1025 Stimmen drei Sitze erhält, eine andere Partei in einem anderen Wahlkreis für 1642 Stimmen aber nur zwei Sitze) vor allem damit zu tun haben, dass das Stimmverhalten in den einzelnen Wahlkreisen recht unterschiedlich ist.


    Aus den vorliegenden Zahlen aus Zürich lässt sich zum Beispiel schliessen, dass die Wahlbeteiligung im Kreis 12 nur knapp halb so gross war wie im Wahlkreis 7-8.


    Bei einigermassen einheitlicher Wahlbeteiligung in den verschiedenen Wahlkreisen ergäben sich wesentlich weniger Probleme (und scheinbare Paradoxien) bei der möglichst gerechten doppelt proportionalen Zuteilung.


    Ein Anreiz zur eigenen Beteiligung an der Wahl bleibt jedenfalls: Es sind nur die an der Wahl Teilnehmenden, welche über die parteiliche Zusammensetzung des Gemeindeparlaments der Stadt Zürich bestimmen.


    Also: Wählerinnen und Wähler, geht an die Urne !


    Antwort der Redaktion:
    In der Tat: In Wahlkreis 12 sind insgesamt 3618 Stimmen abgegeben worden, in Wahlkreis 7–8 dagegen 11710 Stimmen. Bei Zuteilung auf Wahlkreisebene wäre also in Wahlkreis 12 ein Sitz schon für 361,8 Stimmen zu haben gewesen, in Wahlkreis 7–8 dagegen erst für 688,8 Stimmen. Da die Sitzzahlen für jeden Wahlkreis so bestimmt werden, dass sie (bis auf Rundung) proportional zur Zahl der Wahlberechtigten sind, bleibt als einzige Erklärung für dieses Ungleichgewicht die unterschiedliche Wahlbeteiligung.
  • Rechenschieber und Generationenwechsel

    04.04.2007, Dipl.-Ing. Herbert Köhler, Wien
    Danke für Ihren Artikel über den guten alten Rechenschieber. Erinnerungen werden wach an die Zeit als er noch selbstverständlich war.
    Mein Sohn wollte schon als Zehnjähriger lernen wie man damit umgeht, obwohl oder vielleicht weil er in der Zeit zur Schule ging, als manche Lehrer noch Taschenrechner verbieten wollten.
    Mit Vierzehn erlebte er dann in einer International School Unterricht am Taschenrechner; der Professor dachte - wenn schon denn schon.
    Während seine Mitschüler noch am Eintippen waren, nannte mein Sohn bereits das Resultat der kleinen Übungsrechnung und löste ungläubiges Staunen aus. Sein sliderule wurde wie ein Gerät vom Mars bestaunt. Der Professor aber änderte sogleich den Unterricht und erklärte das faszinierende Prinzip des "fremdartigen Dings" und löste große Begeisterung aus.
    Inzwischen besitzt mein Sohn eine kleine Sammlung verschiedenster Rechengeräte, die auf dem Verschieben von Skalen beruhen, in skurrilsten Ausführungen. Ich darf sie manchmal noch praktisch anwenden.

    Ihr nostalgisch träumender
    Dipl.-Ing. H. Köhler
  • Die Krone ist schon entdeckt worden

    04.04.2007, Dr. Torsten Sillke
    Es gibt auch andere Amateure, die die Krone entdeckt haben.
    Siehe die Arbeit von Willi Jeschke unter http://www.primini.homepage.t-online.de/parkettierung-7.html
  • Es gibt doch einen Fortschritt

    03.04.2007, Eugen Muchowski, Unterhaching
    Um einen Fortschritt festzustellen, bedarf es keineswegs eines Ziels, sondern lediglich eines Maßstabs. Die unbelebte Natur strebt im abgeschlossenen System einem Maximum der Entropie (Unordnung ) zu. Infolgedessen kann man hier die Entropie als Maß für den Fortschritt anführen.

    Bei der belebten Natur sind die Dinge etwas komplizierter. Die Komplexität als Maß ist schwer zu fassen. Zu behaupten, dass Menschen nur 5% komplexer sind als Mäuse, nur weil sich ihre Genome um 5% unterscheiden, ist nicht zielführend. Angemessener wären Maßstäbe auf der phänomenologischen Ebene.

    Nimmt man also die Anzahl der Funktionen ( Mechanismen zur Erzeugung von Ausgangszuständen aus Eingangszuständen) als Maß für einen Fortschritt, so kann man in der Entwicklung der Arten durchaus eine Zunahme, also einen Fortschritt feststellen. Der Mensch ist überdies in der Lage, sich Ressourcen dienstbar zu machen, die Anzahl der ihm zur Verfügung stehenden Funktionen durch technische Mittel zu vergrößern ( Automobil, Transistor , Computer ..)

    Ein zusätzlicher Maßstab für den Fortschritt ist die Effizienz der Systeme, das heißt, die Menge der Ressourcen, die für die Erzeugung eines Ausgangszustands erforderlich sind.
    Auch hier ist Fortschritt feststellbar, z.B. in der Landwirtschaft, wo heute ein Bauer Nahrungsmittel für 20 Menschen produziert, während früher für diese Tätigkeit 10 Bauern benötigt wurden.

    Insofern ist also ein Fortschritt definierbar und feststellbar. Das hat überhaupt nichts mit Bewertung zu tun. Es ist keineswegs so, dass unser Gehirn nur im eigenen Saft lebt. Das Gehirn ist durchaus in der Lage, Zusammenhänge der äußeren Welt abzubilden und daraus Modelle zu entwickeln, die durch Experimente erhärtet werden können. (Newtonsche Mechanik, Relativitätstheorie, Quantenmechanik) Wie sonst könnten wir beispielsweise Sicherheit empfinden, dass sich unser Automobil nicht im nächsten Augenblick in seine Bestandteile auflöst.

  • Logarithmentafeln von Jost Bürgi

    03.04.2007, Hermann-Michael Hahn, Köln
    Wenn Napier seine Logarithmen-Tafeln erst 1614 veröffentlicht hat, werden sie Kepler bei der Findung seiner Gesetze zur Planetenbewegung kaum geholfen haben, denn die beiden ersten Kepler'schen Gesetze wurden bereits 1605 gefunden.
    Dagegen dürfte Kepler Zugriff auf die von Jost Bürgi erstellten Logarithmentafeln gehabt haben, da dieser ab 1604 ebenfalls in Prag wirkte und bereits seit 1588 an der Entwicklung der Logarithmen gearbeitet hatte.

  • Fragwürdige Theorie

    03.04.2007, Raimund Leistenschneider, Buckenhaldeweg 22, 71069 Sindelfin
    Herr Peter D. Ward hat sicherlich recht, wenn er die gängige Lehrmeinung zu den Massenextinktionen anzweifelt. Allerdings dürfte auch seine Theorie falsch sein! Er zieht das Mengenverhältnis der C13/C12-Isotope heran, welches in direktem Zusammenhang mit pflanzlicher Aktivität steht. Die gleichen Ergebnisse erhält man aber auch bei Eiszeiten. Dort ist dieses Mengenverhältnis ebenfalls stark verschoben, weil die pflanzliche Aktivität während Eiszeiten gering ausfällt. So passen die von ihm angegebenen Isotopenverschiebungszeiträume von 50.000 und 100.000 Jahren ausgezeichnet zu den Eiszeitperioden der jüngeren Erdgeschichte. Es ist davon auszugehen, dass es die Periodizität, die bei den jüngeren Eiszeiten auftrat, ebenso in früheren Erdepochen gab.

    Weiter ist unstrittig, dass die letzte große Massenextinktion im ausgehenden Eozän vor 36 Millionen Jahren, als z.B. die größten Räuber unter den Säugetieren, Basilosaurus (Meer) und Entrusakos (Land), die es je gab, verschwanden, auf das Zufrieren der Pole nach über 100 Millionen Jahren zurückzuführen ist, wodurch sich die Meeresströmungen in der Tethys und das Erdklima änderten.

    Des Weiteren passt die von Ward angegebene toxische Schwelle von 1000 ppm nicht mit den Funden aus erdgeschichtlicher Zeit zusammen. So ist aus Bohrungen in der Arktis bekannt, dass vor 49 Millionen Jahren der CO2-Gehalt bei fast 2000 ppm lag. In dieser Zeit gab es eine hohe pflanzliche und tierische Vielfalt. Auf dem Gebiet, welches später einmal Deutschland heißen sollte, erstreckten sich ausgedehnte Regenwälder mit üppiger Tierwelt.
  • Enttäuschend

    02.04.2007, Marcel Hänggi, Wissenschaftsredakteur, Zürich
    Mit großem Interesse begann ich die kritische Auseinandersetzung mit der Klimawissenschaft zu lesen; groß war aber auch die Enttäuschung. Dass außerwissenschaftliche Interessen die Klimaforschung beeinflussen, ist trivial: Das gilt für jede Forschung. Interessant würde es da, wo der Artikel nicht weiter fragt: Wie wirken diese Interessen? Wo (und warum) ist ihr Einfluss im IPCC-Prozess gar institutionalisiert? Wie geht das Gremium mit Dissens und Konflikten um? Wie integriert es selbst «Klimaskeptiker» wie Richard Lindzen, Hauptautor des 3.
    IPCC-Zustandsberichts von 2001? Von einem Wissenschaftsmagazin hätte ich erwartet, dass es auf die Forschungen eingeht, die sich diesen Fragen widmen (etwa die von Amy Dahan vom Pariser CNRS).

    Dass es nicht nur die Beschwichtiger sind, die auf die Klimawissenschaft Einfluss nehmen, ist ebenfalls trivial; ein paar simple Fragen hätte es auch dazu gebraucht: Wer hat mehr Macht und ist besser organisiert, die Erdöl- oder die Versicherungsindustrie? Welche Industrielobby hat den letzten IPCC-Vorsitzenden, Robert Watson, zu Fall gebracht? Welche Staaten sind im IPCC stärker vertreten: die Hauptverursacher des Klimawandels oder die Haupt-Leidtragenden? Welches Interesse sollten Regierungen daran haben, den Klimawandel drastischer erscheinen zu lassen, als er ist, wenn sie nicht einmal die Kioto-Verpflichtungen einzuhalten vermögen? Haben die im Artikel genannten Anhänger der Gaia-Hypothese, evangelikalen Christen und Antiamerikanisten einen vergleichbaren Einfluss wie orthodoxe Ökonomen, die die Arbeitsgruppe III des IPCC dominieren (und die Szenarien liefern, die der Arbeitsgruppe I zugrunde liegen)?

    Wenig hilfreich ist auch der Verweis auf Popper: Prognosen, die ein Ereignis betreffen, das nur einmal eintritt, können dem Kriterium der Falsifizierbarkeit gar nicht genügen (jeder Arzt, der den Krankheitsverlauf bei einem ganz bestimmten Patienten abschätzen und entsprechend handeln muss, steht diesem Problem gegenüber). Auf Popper zu beharren hieße da, auf jegliches Handeln zu verzichten.
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