Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Zu Antwort der Redaktion

    07.12.2006, Helmut Brandenburg Sprockhövel
    Meiner Meinung nach ist auch Ihr erster Vorschlag nicht richtig! Es geht nur so: .... benötigt die achtfache Zeit ...., oder, wie Sie schreiben ... mit einem Achtel der Geschwindigkeit ...
    Was nicht geht:
    Xmal so langsam, Xmal so klein, Xmal so dünn usw.
    Übrigens, das oft ohne Nachdenken verwendete "Xmal größer" und und und ist meist nicht gemeint, sondern "Xmal so groß". "Xmal größer" bedeutet nämlich "(X+1)mal so groß". Und das ist im allgemeinen nicht gemeint.
    Die Formeln zu der Aussage im Artikel oder zu Ihrer ersten Erläuterung würde mich interessieren.

    Und der Prinzenfreund? Ja, wenn er sich dreht, dann klappt es.
    Antwort der Redaktion:
    Na gut, das wird jetzt eine Auseinandersetzung unter Sprachpuristen. Ich bleibe zwar dabei, dass man "Xmal so langsam" eigentlich nicht falsch verstehen kann und es auch nicht ungebräuchlich ist – Musiker reden ständig so, wenn sie sich übers Tempo verständigen –; aber im Zweifel sollte man Ihre Formulierung verwenden, was ich mir zu Herzen nehmen werde.

    "Xmal größer" ist eine mir geläufige Falle (in die ich gleichwohl hineingetappt bin).

    Die Formeln stehen im Kasten auf S. 104 des Artikels unten: Man multipliziere die Gleichung MG / R^2 = v^2 / R mit R^2 und erhalte, dass R v^2 gleich der Konstanten MG ist. Wenn v auf ein Achtel sinkt, muss R auf das 8^2-fache steigen, damit die Konstante konstant bleibt. Die 8^3-fache Umlaufzeit folgt aus Kepler III (steht auch im Kasten).
  • Vorschrift, wie man zu sterben habe

    07.12.2006, Martin Behr, Mörlenbach
    Es wundert mich zwar erheblich, dass die Regelung zum assistierten Freitod im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten existiert, aber die Praxis gibt dem „Death with Dignity Act“ recht. Vor allem, dass die Ärzte auf die Möglichkeit der Patienten, dem ärztlichen Wirkungsbereich zu entfliehen, mit Verbesserung der Palliativmedizin reagieren, zeigt doch, woran es wirklich fehlt: an der guten Betreuung vor dem Tod! Und wer wirklich gute Gründe und den Willen hat, sein Leben selbst zu beenden, dem spricht Ronald Dworkin aus der Seele: „Nichts ist demütigender, als von anderen vorgeschrieben zu bekommen, wie man zu sterben habe.“
  • Das globale Sparschwein

    06.12.2006, Günter Peltz
    Guten Tag,
    eine Frage: Die angegebenen "125 Billionen $", sind das US-Billionen oder deutsche? US-Billion ist eine deutsche Milliarde, eine deutsche Billion sind tausend Milliarden!!
    Habe schon öfter in deutschen Texten aus dem amerikanischen gesehen, das dabei der Faktor 1000 eben als Fehler aufgetreten ist! Danke für eine Antwort. MfG. Günter Peltz
    Antwort der Redaktion:
    Lieber Herr Peltz,



    Es handelt sich um 125 deutsche Billionen, was wiederum 125 US-Trillionen entspricht.



    Mit freundlichen Grüßen



    Annette Hupfer
  • 8mal langsamer und Prinzenfreund

    05.12.2006, Helmut Brandenburg Sprockhövel
    So ein kluger Artikel und dann so etwas: "Der Mond kreist rund achtmal langsamer um die Erde ..." Diese Aussage muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen oder als Formel ausdrücken!


    Dann stelle ich mir den Freund des kleinen Prinzen vor, der angeblich die Laterne am Äquator nur vom Pol aus "mit ausgestrecktem Arm" schalten kann! Der kommt ganz schön ins Schleudern, es sei denn er streckt beide Arme exakt gleichzeitig und gegenüberliegend zum Äquator aus.
    Antwort der Redaktion:
    Ein Punkt für Sie: Statt "achtmal langsamer" hätte es "achtmal so langsam" heißen müssen. Letzteres jedoch in Formeln auszudrücken ist kein Problem. Doppelt so langsam bedeutet – zumindest in meinem Sprachverständnis – doppelt so viel Zeitverbrauch. Also meint "achtmal so langsam" dasselbe wie "mit einem Achtel der Geschwindigkeit".


    Der Laternenanzünder vom Kleinplaneten müsste jede Schleudergefahr vermeiden können, wenn er sich auf seinem Standplatz am Pol auf der Stelle dreht, sodass er bezüglich des Sternenhimmels in Ruhe ist. Ohne nennenswerte Handbewegung müsste er dann die Laterne mit rechts an- und mit links ausknipsen können – oder?
  • Anpassung der erwarteten Inflation

    04.12.2006, Daniel Schiller, Köln
    Im Artikel wird dargestellt, dass die Menschen ihre Inflationserwartung ausgehend von der Differenz zwischen in der Vergangenheit erwarteter und eingetretener Inflation anpassen. Dabei "hinkt" ihre Erwartung immer etwas hinter der realen Inflation her. Somit ergibt sich immer eine Delta(i)>0.
    Diese Prämisse, dass die erwartete Inflation IMMER hinter der dann realisierten Inflation hinterherhinkt, trifft so nicht zu. Das würde unterstellen, dass die Menschen nicht lernfähig wären und immer falsch lägen bei ihrer Erwartung. Neuere Theorien berücksichtigen das Lernen der Menschen. Es wird davon ausgegangen, dass sie die zu erwartende Inflation richtig prognostizieren, unabhängig von Vergangenheitswerten, da sie alle verfügbaren Daten (Politik, Wirtschaft, Ziele) "richtig" erfassen und bewerten. Somit stimmen in diesem Fall erwartete und eintretende Inflation überein. Delta(i) ist Null. Damit kann die Wirtschaftpolitik dann über die Inflation gar nicht mehr auf die Arbeitslosenrate einwirken, abgesehen von unvorhergesehen "Schocks". Aber unvorhergesehene Schocks können nunmal nicht in der Politik geplant werden.
    Antwort der Redaktion:
    Die Vorstellung, dass die Menschen ihre Inflationserwartung in der beschriebenen Weise aus Erfahrungen der Vergangenheit extrapolieren, ist ein frühes Modell von Phelps, das dieser später revidiert hat. In der Tat gilt der Gedankengang, der zum Konzept der Nairu führt, bereits dann, wenn die Leute die zukünftige Inflation richtig einschätzen – nicht nur, wenn sie wegen stabiler Verhältnisse bei der Einschätzung nichts falsch machen können, sondern auch wenn sie dank besserer Einsicht – im Durchschnitt – korrekte Prognosen stellen.


    Auch bei der "naiven" Extrapolation aus der Vergangenheit ist die erwartete Inflation nicht immer geringer als die tatsächliche – im Gegenteil. Der Fall Delta(i) < 0, dass die tatsächliche Inflationsrate hinter der erwarteten zurückbleibt, ist besonders unangenehm. Dann halten nämlich die zu hohen Inflationserwartungen die Arbeitslosigkeit auf unnötig hohem Niveau, und die Zentralbank sieht sich genötigt, die Leute durch ein "Tal der Tränen" mit hoher Arbeitslosigkeit zu führen, bis sie gelernt haben, stabile Preise zu erwarten.
  • Säuglingsbotulismus

    03.12.2006, Lothar Ristau
    Seltene Fälle, aber international bekannt.
    Fallbericht z.B. unter
    http://www.kinderklinik-buch.de/Botulismus/case_report.html

    Auch ein Merkblatt beim RKI vorhanden.

    Mit freundlichen Grüßen

    Lothar Ristau
  • Ein neues altes Familienalbum

    30.11.2006, Prof. Dr. Theodor Ickler
    Das Buch "Lucy und ihre Kinder" ist offensichtlich nicht in der Rechtschreibung von 1901 gedruckt, wie der Rezensent bemängelt, sondern in der Rechtschreibung von 1995. Diese ist nach wie vor sprachrichtig und zulässig, sogar an den Schulen wird sie noch toleriert. Von den Reformschreibweisen der Jahre 1996, 2000, 2004 und nun 2006 kann man das nicht sagen, die meisten sind schon wieder überholt oder so mangelhaft, dass sogar reformwillige Zeitungen sich teilweise davon distanzieren.
  • Ein neues altes Familienalbum vom 29.11.06

    30.11.2006, Hartmut Heumann
    Sehr geehrte Redaktion,
    dass die Rechtschreibung in "Lucy und ihre Kinder" noch auf die Regeln von 1901 setzt, erscheint A. Jahn "doch ein wenig fossil".
    Da haben den Rezensenten und auch "spektrumdirekt" wohl Gehirn&Geist im Stich gelassen. Denn erstens waren diese Regeln bis 1996 plus Übergangszeiten gültig und wurden ohne Not und Notwendigkeit verändert. Und zweitens stammt die jetzige "ss"-Regel aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
    Da sie sich nicht bewährte, wurde sie schnell wieder abgeschafft.
    Also: Wenn hier eine Schreibweise fossil ist, ist es wohl doch die des Rezensenten und die von "spektrumdirekt". Ich hoffe, Sie haben genug Gehirn&Geist, um die richtigen Folgerungen daraus
    zu ziehen. Die Leser werden es Ihnen danken.
    Mit freundlichen Grüßen und vielem Dank im voraus
    Hartmut Heumann
  • Nur 3000?

    29.11.2006, Andreas Jäger, Wien
    Der sehr interessante Artikel von T. L. Hunt hat doch einige Schwachstellen.

    Dass die polynesischen Ratten und nicht die Siedler sich die Palmen, beziehungsweise deren Samen, vorgenommen haben, ist denkbar und für Hunts Erklärungsmodell auch der funktionierende Ausweg.

    Aber was ist mit den Ahus und Moais? Wieviele Menschen muss eine mit beschränkten Mitteln ausgestattete Steinzeitgesellschaft freistellen und gut ernähren, um Tonnen von Gestein für die Plattformen herzuschaffen und die ungeheuere Anzahl dieser unglaublichen Kolosse zu transportieren und aufzurichten? Noch dazu mit gut und gerne 300 Jahren weniger Zeit als vorher angenommen?

    Wenn man einen derart populären "Mythos" zerstören will oder muss, sollte man doch etwas genauer argumentieren - gerade weil dieses Thema dem Wissenschaftler ungeheuer viel Gehör verschafft und er folglich eine gewisse Verantwortung hat.

    Vielleicht haben T. L. Hunt und Spektrum die Möglichkeit ihre divergierenden Gedanken - vielleicht in einem Streitgespräch - noch einmal genauer vorzutragen. Da wäre ich begeisterter Leser!

    Antwort der Redaktion:


    Es ist tatsächlich aus unserer heutigen Sicht oft schwer nachzuvollziehen, wie die Menschen in steinzeitlichen Kulturen gewaltige Steinmonumente errichten konnten; das gilt für Stonehenge ebenso wie für die maltesischen Tempel oder eben die Ahu und Moai auf der Osterinsel. An einen Maschinenpark gewöhnt können wir uns heute kaum vorstellen, dass nicht ein ganzes Heer von Arbeitern beschäftigt war, das dann natürlich versorgt werden mussten und als Kräfte beim Nahrungserwerb ausfielen.





    Antwort des Autors Terry L. Hunt:






    "It seems difficult to account for all the moai and ahu until one does the math. Only about 400 moai were ever moved from the quarry (moving them is the harder part); at that rate it is less than 1 per year of Rapa Nui prehistory. The likely method of moving them, by controlled rocking in an upright position, only takes a relatively small number of people. The ahu represent a lot of investment, but again there are only a little more than 300, and some forms of these ahu (without moai) were built or modified after European contact. Note that when you consider the investment as a rate (moving less than one moai per year, for example), there is no need to imagine hundreds (or thousands) of people who had to be fed by another large number of people.




    Estimates of population are nearly impossible to make with any precision. But my guess, given the limitations of the agricultural environment of the island, would be somewhere between 3000-5000 maximum population."
  • Wieso "oder"?

    29.11.2006, Markus Jordi
    ... Doch bleibt manchmal offen, inwieweit es sich um natürliche Schwankungen oder tatsächlich um eine Gefährdung handelt ...

    Wieso "oder"?

    Ist es derselbe Grund, aus dem der Genuss eines Knollenblätterpilzes zu einem gesünderen Tod führt als die Vergiftung mit Zyankali?


    Natur verniedlichen gilt nicht!
    Antwort der Redaktion:
    Lieber Herr Jordi,



    "oder" aus dem ganz einfachen Grund, dass Verbreitungsgrenzen dynamisch sind - wenn also eine Art aus einem Gebiet verschwindet, in dem sie vorher lebte, oder neu auftaucht, wo sie vorher noch nicht war, kann das ganz natürlich sein und im Jahr darauf wieder anders aussehen.



    Wenn sich aber Spezies auf Dauer aus einem Teil ihrer alten Heimat verabschieden oder sich, andere verdrängend, neu einbürgern, dann kann es zu einer Gefährdung des eigenen Bestandes oder der anderen führen. Beispiel Japan-Knöterich: In seiner Heimat bildet er bei weitem nicht diese Massenbestände wie hier, wo nun so manche Ufervegetation in Gefahr gerät. Zweites Beispiel Halsbandsittiche: Die grünen Papageien haben sich als eigentliche Fremdlinge hier in Heidelberg etabliert und werden auch von heimischen Greifvögeln geschlagen. Trotzdem gibt es Diskussionen darüber, welchen Effekt sie auf die Vogelwelt, aber auch beispielsweise Eichhörnchen haben.



    Nicht jede Veränderung ist eine Gefahr. Mit "verniedlichen" von Natur hat das nichts zu tun.



    Mit besten Grüßen

    Antje Findeklee, Redaktion
  • Sind Männer intelligenter als Frauen?

    28.11.2006, Dr. Cornelia Liesenfeld, Augsburg
    Dass Frauen und Männer unterschiedlich denken, weiß man seit den entsprechenden Analysen der Gehirne (bildgebende Verfahren). Frauen denken eher mit beiden Gehirnhälften, Männer stärker mit einer. Es wundert mich daher nicht, dass es Frauen erheblich leichter fällt als Männern, zwei oder mehr Dinge gleichzeitig zu machen. Ich persönlich zweifle nicht daran, dass Männer intelligenter sind als Frauen. Aber das stört mich nicht. Dafür können Frauen Kinder bekommen, Männer nicht. Frauen und Männer vergleichen kann ich schon deshalb nicht, weil ich nur eine Seite kenne.
  • Typhus und Salmonellose

    24.11.2006, Dominique Boursillon
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    ich möchte Sie auf einen Schnitzer aufmerksam machen, der etwas schwer im Magen liegt.

    Wenn Sie schreiben, dass wir dank guter Hygiene nicht mehr an Salmonella enterica erkranken, so ist das schlichtweg falsch. Salmonellosen gehören zu den häufigsten gemeldeteten Enteritiden (ca. 50.000 pro Jahr).

    Salmonella enterica ist die Art. Der Erreger des Bauchtyphus gehört ebenso wie die Erreger von Salmonellosen zur gleichen Art, sogar zur gleichen Unterart, ie. Salmonella enterica sub. enterica. Die Unterscheidung entsteht durch den Serotyp (auch Serovar). S. enterica sub. enterica ser. Typhi ist der Erreger des Bauchtyphus, S enterica sub. enterica ser. Enteritidis ist der z. Z. häufigste Erreger von Salmonellosen in Europa. Zu diesem gesellen sich ca. 2500 weitere serovare, einer davon ist der Typhuserreger.

    Die Konfusion ist wie Sie sehen bedauerlich, denn es macht schon einen Unterschied, ob Typhus oder Salmonellose... Typhus kommt bei uns kaum noch vor, aber Salmonellosen sind sehr häufig.

    Ich wünsche Ihnen und Ihrem Team ein angenehmes Wochenende und verbleibe
    mit freundlichen Grüßen

  • In der Praxis entscheidet die Mehrheit

    23.11.2006, Otto Stump, Köln
    Auch ich bin für das Prinzip "in dubio pro libertate", sehe aber leider nicht, wie dieser Grundsatz angewandt werden kann. Schon bei den "fünf wichtigen Implikationen" klemmt es:
    Beim 1. Grundsatz (Beweislast trägt, wer behauptet, dass ein Verhalten andere schädigt) stellt sich die Frage, was ist eine Schädigung? Je nach Weltanschauung und Lebenserfahrung fällt die Antwort sehr unterschiedlich aus.
    Da ändert auch der 2. Grundsatz (Argumente müssen überzeugend sein) leider nichts. Hier wäre zum Beispiel zu fragen, w e n müssen die Argumente überzeugen, und wer hat das Recht die Entscheidung darüber zu fällen?
    Auch das 3. Prinzip (ausschließlich sich selbst schaden ist erlaubt) verfängt leider nicht, weil sich fast bei jeder Handlung, die scheinbar nur mich selbst betrifft, jemand mit gutem Grund geschädigt fühlen kann. Fast jede Handlung hat ja Auswirkungen auf meine Umgebung.
    Im 4. Grundsatz (Kriminalisierung eines Verhaltens verursacht mehr Schaden, als sie verhindert) fällt es sicher oft schwer zu entscheiden, was ist denn der größere Schaden. Auch hier fragt sich wieder, w e r diese Entscheidung fällt.
    Der 5. Grundsatz (moralische Überzeugung anderer ist kein Maßstab) ist praktisch überhaupt nicht anwendbar, denn sämtliche Gesetze basieren (bewusst oder unbewusst) auf Moralvorstellungen des Gesetzgebers.
    Auch andere Argumente in dem Artikel sind nicht unbedingt schlüssig. So wird die Frage, ob es für ein Kind besser gewesen wäre, nicht geboren worden zu sein, als eine bestimmte Lebenssituation vorzufinden (zum Beispiel von homosexuellen Paaren aufgezogen zu werden oder mit einer schwerwiegenden Behinderung aufzuwachsen) sicher - auch "allen Ernstes" - sehr unterschiedlich beantwortet werden.
    Ob uns das passt oder nicht: In der Praxis letztlich entscheidend für alle diese Fragen ist eine Mehrheitsentscheidung. Die Vorstellung in dem Artikel, dass selbst gegen 99,9% der Bevölkerung die genannten Grundsätze angewandt werden müssten, erscheint mir beinahe abenteuerlich: Hieße das doch, dass die Entscheidung von den restlichen 0,1% der Bevölkerung zu treffen wären. Leider gibt es das in Diktaturen ja tatsächlich. Was dabei herauskommt kann man fast jeden Tag in den Nachrichten verfolgen.
    Zum Schluss, um Missverständnisse zu vermeiden: Ich hätte mit einer Änderung der fraglichen Gesetze keine Probleme.
  • Fragen zum Artikel

    16.11.2006, Dr. Berthold Häßlin
    Sehr geehrter Herr Jahn,

    offen gestanden, ich verstehe an dem Artikel einiges nicht:

    Wenn jemand heute die DNA von Homo sapiens mit der des Neandertalers vergleicht, so stellt er Abweichungen fest. Bei dieser Betrachtung muss ich eine Spezies als die "richtige" setzen, will heißen, als diejenige, an der ich die Abweichungen der anderen messe. Wie kommt es dann in der Abbildung Ihres Artikels dahin, dass man bei beiden, also beim Homo sapiens wie beim Neandertaler, Angaben über die unterschiedlichen Basenpaare findet? Das macht für mich logisch einfach keinen Sinn!

    Ferner was bedeutet eigentlich, wenn die Rede davon ist, altersbedingte Schäden herausgerechnet zu haben? Oder ist mit diesen Differenzen hinichtlich der Basenpaare gemeint, die Differenzen gegenüber dem gemeinsamen Vorfahren von Homo sapiens und Neandertaler?

    Beste Grüße

    Dr. Berthold Häßlin
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Dr. Häßlin,



    die Angaben in der Abbildung zu den Entwicklungslinien beziehen sich auf drei unterschiedliche Arten: den anatomisch modernen Menschen Homo sapiens, den Neandertaler Homo neanderthalensis und den Schimpansen Pan troglodytes. Die Wissenschaftler haben die beim Neandertaler isolierten Basenpaare mit den entsprechenden Gegenstücken der beiden anderen Arten jeweils untereinander verglichen und kamen zu folgendem Ergebnis:



    - 739 941 Basenpaare sind bei allen drei Spezies identisch;

    - 10 167 Basenpaare sind beim anatomisch modernen Menschen und Neandertaler gleich, jedoch unterschiedlich beim Schimpansen;

    - 3447 Basenpaare sind beim anatomisch modernen Menschen und Schimpansen gleich, jedoch unterschiedlich beim Neandertaler;

    - 434 Basenpaare sind beim Neandertaler und Schimpansen gleich, jedoch unterschiedlich beim anatomisch modernen Menschen und

    - 51 Basenpaaare sind bei allen drei Spezies unterschiedlich.



    Den mit fast 4000 Basenpaaren verhältnismäßig großen Unterschied vom Neandertaler sowohl zum anatomisch modernen Menschen als auch zum Schimpansen erklären die Wissenschaftler mit altersbedingten Schäden an der fossilen DNA. Sie haben daher einen Korrekturfaktor eingeführt, der diesen Verfall berücksichtigt, sodass sich H. sapiens und H. neanderthalensis vermutlich nur um 422 der untersuchten Basenpaare unterscheiden.



    Mit freundlichen Grüßen


    Andreas Jahn

    Redaktion spektrumdirekt
  • Bis zum letzten Barrel

    15.11.2006, Prof. em. Claus D. Kernig, München
    Der interessante Artikel "Ölpreis und Demokratie" von Mohssen Massarrat bietet eine gute Einsicht in die ökonomischen Funktionsmechanismen, deren sich Staaten bedienen, für die sich die Begriffe "Rentner- beziehungsweise Rentierstaaten" eingebürgert haben. Das Charakteristikum von Rentierstaaten ist, dass sich ihre Regierenden der lästigen Pflicht enthoben sehen, einen Staatshaushalt gegen Steueraufkommen ausbalancieren zu müssen. Die Einnahmen, die sie auf Grund von Exporten - meist Rohstoffen - beziehen, sind so groß, dass solche Probleme nicht aufkommen. Wenn sie vor dem Übergang zu Rentierstaaten keine Demokratie entwickelt haben, neigen sie der bisherigen historischen Erfahrung nach nicht im geringsten dazu, ihre meist feudalistischen, autokratischen oder diktatorischen Verfassungswirklichkeiten in diese Richtung zu ändern. In dieser Hinsicht erweckt der Artikel falsche Hoffnungen. Man könnte so weit gehen und behaupten, Ölpreis und Demokratie stehen in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis.
    Das Greater Middle East, von dem der Verfasser spricht, ist allerdings ein Betrachtereuphemismus. Die dortigen Staaten befinden sich doch untereinander in vielfältig verschachtelten Spannungsverhältnissen (religiösen, terroristisch-revolutionären, allianz-politischen und ökonomischen), die lediglich durch ihre Mitgliedschaft in der OPEC, die sie als bequemes Kartell zur Wahrung ihres Rentierstatus wahrnehmen, übertüncht werden. Ihre Innenpolitik zielt überall darauf ab, die Bevölkerung durch Tantiemen (leistungsschwache Beschäftigung im Staats- und Verwaltungsapparat, Steuervergünstigungen, Mauscheleien, Günstlingswirtschaft und Bestechung herrschaftsunterstützender Zirkel) ruhig zu stellen und aufbegehrende Kräfte mit menschenrechtsverletzenden Anklagen und Prozessen auszuschalten. Sie werden bis zum letzten Barrel ihre Energieressourcen zum höchstmöglichen Preis auf die Märkte zu bringen suchen. Und da sie ihre Bevölkerungen (mit partieller Ausnahme des Iran) nicht zureichend für eine Zukunft nach dem Öl vorbereiten, wird dann wahrscheinlich der Wüstenwind ihre Areale und Wunderwelten von Hotels, Shoppingmeilen, künstlichen Oasen, Airports und Autobahnen wieder unter dem Sand begraben.