Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Konstruktionsfehler unseres Sozialstaats

    31.01.2007, Jörg Michael, Hannover
    Herr Lehnemann hat natürlich Recht, wenn er in seinem Leserbrief (SdW 2/07) hervorhebt, dass es sich für einen Arbeitslosen kaum lohnt, für "nur" 100 Euro mehr pro Monat zu arbeiten.
    Das eigentliche Problem ist jedoch ein gravierender Konstruktionsfehler unseres Sozialstaats.
    In Dänemark beispielsweise bekommen Arbeitslose nach 12 Monaten einen Job zugewiesen. Das "Ausnutzenwollen" von Sozialleistungen lässt sich damit leicht und wirkungsvoll unterbinden. Das gleiche gilt für eventuelle Schwarzarbeit des Arbeitslosen.
  • Beleidigende Vorurteile

    30.01.2007, PD Dr. Rainer Oesterreich, Technische Universität Berlin
    In dem Leserbrief mit der Überschrift „Staatliche Alimention“ wird zunächst gesagt, eine „bessere Erklärung“ für die in Europa anhaltend hohe Arbeitslosigkeit sei die Alimentation nicht arbeitender Bevölkerungsteile, viele arbeitslos Gemeldete wollten lediglich die Unterhaltszahlungen erhalten. Offenbar ist dem Leserbrief-Autor entgangen, dass die Arbeitslosigkeit nicht „in Europa“ anhaltend hoch ist, sondern in Deutschland; weitaus geringer bzw. nicht vorhanden ist sie gerade in den europäischen Staaten mit höheren und länger andauernden Unterhaltszahlungen für Arbeitslose, wie z.B. in Dänemark. Und würden in Deutschland alle ca. 0,4 Millionen offene Arbeitstellen trotz der behaupteten Unwilligkeit der Arbeitslosen sofort besetzt, blieben immer noch ca. 3,6 Millionen, also ca. 90 % der derzeit Arbeitlosen arbeitslos.


    Weiterhin wird im Leserbrief ausgeführt, viele hoch Qualifizierte arbeiteten wegen der Steuerprogression lieber weniger und für einen geringeren Bruttolohn auf Stellen für eigentlich geringer Qualifizierte, die sie damit aus der produktiven Tätigkeit verdrängten. Aus welchen empirisch belegten Tatsachen bezieht der Leserbriefschreiber diese Erkenntnis? So müsste während der Zeit, in der dies zutreffend gewesen wäre, ein entsprechendes Angebot leerstehender und gut bezahlter Arbeitsplätze für hoch Qualifizierte entstanden sein. Die unbefriedigte Nachfrage sollte zu höheren Entgelt-Angeboten für sie geführt haben. Nichts davon ist auch nur ansatzweise erkennbar, vielmehr wird zunehmend versucht, hoch Qualifizierte als unbezahlte „Praktikanten“ und ohne Aussicht auf Anstellung zu beschäftigen. Sollte Obiges, wie im Leserbrief behauptet, gar eine „bessere Erklärung für die … Arbeitslosigkeit“ sein, müsste die Anzahl der leerstehenden und gut bezahlten Arbeitsplätze für hoch Qualifizierte doch wenigstens in die Nähe relevanter Bruchteile der Anzahl von ca. 4 Millionen Arbeitslosen kommen.


    Man sollte so offensichtlich vorurteilsbeladene Behauptungen eigentlich unbeachtet und unkommentiert lassen. Aber mit ihnen werden die ca. 4 Millionen arbeitslosen Menschen unseres Landes beleidigt, die Mehrzahl in tiefen persönlichen Sinnkrisen und verzweifelt, viele mit Familie und Kindern, ein erheblicher Teil unter ihnen hoffnungslose junge Menschen.
  • HEXE ???

    30.01.2007, Keller Heinz
    > ...das heißt, ich habe eine eigene Meinung und vertrete sie auch
    > laut und deutlich.
    So steht es im Leserbrief von Frau Dr. Reiterer.
    In meiner Vorstellung sind Hexen weise Frauen, die viel Wissen über einen Teil der Welt angesammelt haben, damit aber nicht prahlen oder es lauthals anderen Leuten auf's Auge drücken wollen.

    Gewissermaßen das komplette Gegenteil von dem oben Geschriebenen ...

  • Problem schon gelöst

    29.01.2007, Dr. Hans Schottky, Bremen
    Time Magazine hat zu diesem Thema bereits in den 1970ern einen Artikel veröffentlicht und einen Techniker oder Physiker vorgestellt, der das Problem des nicht steuerbaren Fahrrads gelöst hatte. Es handelte sich, glaube ich, um eine extreme Vorverlagerung der Gabel.
  • Wer ist legitimiert?

    29.01.2007, Claus-Hartwig Otto, Homberg
    "selbst ernannt"
    Wie verräterisch doch so mancher Begriff ist. Reinhard Breuer bricht in seinem Editorial den Stab über die "selbst ernannten" Tierschützer, die in der Vergangenheit oft (auch sinnlosen) Aktionismus zur "Tierbefreiung" unternommen haben. Es geht mir weder um deren Rechtfertigung, noch um die Legitimierung des massenhaften "Tierverbrauchs", den Herr Breuer - zumindest unterschwellig - weniger irrational findet. Es geht mir um den Begriff "selbst ernannt". Wer ist legitimiert zu sprechen und zu handeln? Vetreten nur staatliche Institutionen legitime Interessen? Mit diesem diffamierend gebrauchten Begriff trifft Herr Breuer sie alle - Tausende von NGO's, die sich für die Rechte der Menschen und Natur einsetzen - sie alle tragen ihre Legitimation aus sich, ziehen den ethischen Impuls aus eigener Gewissensfreiheit. Auch die Geschwister Scholl und Albert Schweitzer waren "selbst ernannte" Menschen - und/oder Naturschützer. Von solchen mutigen Menschen brauchen wir in dieser Welt mehr, aber sie haben gestört und stören noch heute - offensichtlich auch Herrn Breuer.

    PS: Evtl. waren es genau die irrationalen Aktionen der Tierversuchsgegner, die dafür gesorgt haben, dass wir heute einen humaneren Umgang mit Versuchstieren haben als noch vor Jahren.
  • Verhaltenstipps

    28.01.2007, Hubert Kauker, Mülheim
    Es wäre sehr wichtig gewesen, wenn Sie die wichtigsten Verhaltenstipps, die im Artikel teils nur sehr indirekt zu ersehen waren, in einer "Infobox" hervorgehoben hätten. Der wichtigste Schwachpunkt liegt nämlich nicht in der Technik, sondern im Benutzer und dessen Eile, Neugier, Spieltrieb und Leichtgläubigkeit. Hier muss sich jeder selbst im Griff behalten.

    Ich empfehle:

    (1) Installation von Programmen via Bluetooth nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Besitzers zulassen. Anders arbeitende Betriebsmodi abschalten.

    (2) Installation von Programmen, die man nicht selbst angefordert hat, ablehnen.

    (3) Wenn ein Programm mit dauernden Installationsversuchen "nervt", einfach ein paar Meter weiter gehen oder Bluetooth kurz abschalten.

    (4) Keine Programme aus unbekannter Quelle installieren, wenn sie auch noch so schöne Spiele zu sein scheinen oder sonstige "coole" Effekte haben. Hier muss man seinen Spieltrieb oder seine Neugier leider sehr zügeln.

    (5) Möglichst nur Geräte mit Zertifizierungstechnik verwenden.

    (6) Keinesfalls glauben, wenn Programme behaupten, angeblich vom Netzbetreiber oder Hersteller zu stammen und zur Softwareaktualisierung eingespielt werden zu müssen.

    Außerdem wäre es keine schlechte Idee, Druck auf die Hersteller auszuüben, so dass die Geräte auf Knopfdruck in einen sicheren Grundzustand zurück versetzt werden können.

  • Der Blick von außen

    28.01.2007, Klaus Deistung, Wismar
    Ein guter Ansatz ist: „Erst mit einem distanzierten Blick von außen, ...“ Wegen eines schnellen Erfolges, einer gewissen Routine und traditionell wird das aber schon mal vergessen – oder sollte nicht erfolgen?! Da sind mehrere Generationen von Sprachwissenschaftlern angetreten, um die seit 1840 übersetzbaren über 35.000 sumerischen Keilschrifttafeln zu übersetzen – offiziell sind nur die 12 vom Gilgamesch Epos bekannt [GE][MS]. Der Assyriologe Prof. Marvin A. Powell sagte über den Inhalt [EV]: "Die Keilschrifttafeln enthalten eine unzählige Anzahl von Informationen über Astronomie, fremde Planetensysteme, Sternenbesucher und Angaben über die Entstehungsgeschichte des Menschen, die unser Weltbild auf den Kopf stellen würden..."
    Wenn es um den Homo sapiens, seine Fähigkeiten und Entwicklungen geht, dann unterdrückt man die dort gegebenen Informationen [KS][SA][SE].
    Ein bedeutenderes Epos ist das Enuma Elisch – das babylonisch-sumerische Schöpfungsepos [Zi], zu dem sich die Uni Essen mit einem Teil befasst [UE]: „Marduk schafft den Menschen“. Evolution im Allgemeinen schon – aber die Bibel mit 1 Mo 1,26 Gott schuf... wird hier klar und durchaus wissenschaftlich nachvollziehbar herausgearbeitet [SA]. Am Ende dieser Entwicklung sagte der König Anu vom (rausgerechneten [DN]) Nibiru in Nasca vor seinem Rückflug im Jahr 3760 v. Chr. [SE]: „Was auch immer die Bestimmung für die Erde und die Erdlinge vorgesehen hat, so möge es geschehen! Wenn dem Menschen und nicht den Anunnaki vorbestimmt ist, die Erde zu beherrschen, sollten wir das Schicksal befördern!“ Viele seiner Zuhörer – Kinder und Kindeskinder – sind namentlich bekannt: Ea/Enki/Ptah, Enlil, Ninhursag/Hathor, Marduk/Amun, Ningischzidda/Thot/Hermes, Ischtar/Inanna... Durch das Studium dieser Unterlagen (auch aus Indien...) in der Gegenwart könnten wir noch viel aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen!
    Vielleicht verstehen wir so auch Prof. Linke besser [GK]: "Viele deutsche Wissenschaftler fürchten, ihr Gesicht zu verlieren, wenn sie sich auf religiöse Fragestellungen einlassen."

    Literatur
    [GE] -: Gilgamesch-Epos. Reclam 1999
    [MS] Maul, St. M.: Das Gilgamesch-Epos. Beck, München 2005
    [EV] Ercivan, E.: Verbotene Ägyptologie. Kopp, Rottendorf 2001
    [KS] Kramer, S. N.: History Begins at Sumer. Thirty-Nine Firsts in Recorded History, Pennsylvania University Press, 1998, erste Ausgabe 1956, dt. 1959
    [SA] Sitchin, Z.: Am Anfang war der Fortschritt. Knaur, München 1998, neu 2004: Die Hochtechnologie der Götter.
    [SE] Sitchin, Z.: Das verschollene Buch Enki. Kopp, Rottenburg 2006
    [Zi] Zimmermann, H.: Enuma Elisch - der mesopotamisch-altbabylonische Schöpfungsmythos.
    http://www.earlyworld.de/enuma_elish.htm
    [UE] Enuma Elisch: Marduk schafft den Menschen.
    http://www.uni-essen.de/Ev-Theologie/courses/course-stuff/meso-enuma.ht
    [DN] Deistung, K.: Planet X - Nibiru rausgerechnet!? Beitrag vom 02.05.06
    http://www.wissenschaft-online.de/artikel/840775
    [GK] Gaschler, K.; Könneker, C.: Die Kopflastigkeit der Religion. Gehirn & Geist 02/2002, S. 14 – 17
  • Subjektive Meinung

    28.01.2007, Andreas Maier, Regenburg
    Zum Leserbrief von Maurus Candrian möchte ich Folgendes anmerken:
    Man muss kein Kenner auf dem Gebiet der Religion sein, um verstanden zu haben, dass die christliche Religion keineswegs im Widerspruch zu naturwissenschaftlicher Bildung steht. Nicht nur den Theologen ist es spätestens seit Ratzinger klar, dass Glaube weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Somit setzt die Gretchenfrage eine subjektive Entscheidung voraus, die Willenserklärung und Bereitschaft, zu glauben oder nicht zu glauben. Die These von Maurus Candrian, Religion sei Irrtum, erweist sich somit leider als eine subjektive Meinung. Die weiteren weltverbessernden Ausführungen sind ebenfalls längst bekannt und diskutiert (vgl. „Weltethos“ von Hans Küng) und was sich theoretisch so wunderschön anhört, ist in der Praxis schon mehrmals gescheitert und wird, nach Samuel P. Huntington, auch keine realistischen Chancen haben.
  • Mit Wissenschaftlichkeit zum Wissen

    28.01.2007, Andreas Maier, Regensburg
    Sehr geehrte Redaktion von Spektrum der Wissenschaft
    Bei der Lektüre dieses Artikels musste ich mit Bedauern feststellen, dass die sonst in SdW aus offenliegenden Gründen peinlich genau gewahrte Wissenschaftlichkeit leidet.
    Springer führt einen unwissenschaftlichen Rundumschlag gegen viele verschiedene Thesen von Benedikt XVI. Schon der erste Absatz, wo der Autor auf die Islamkritik anspielt, zeigt, dass sich Springer offensichtlich als „gelernter Physiker“ lieber nicht auf dieses weite Feld gewagt hätte. Denn weder hat er den Sinn des Zitats erfasst, das in diesem Fall lediglich Beiwerk ist, noch ist er kundig auf diesem Fachgebiet. Wenn er sich wenigstens einiger weniger (theo-)logischer Argumente bewusst gewesen wäre, hätte er sie – in wissenschaftlicher Tradition – anführen und widerlegen müssen, anstatt einfach nur eine angedeutete Hypothese als allgemeingültig in den Raum zu stellen.
    Auch werden theologische Fragestellungen wie die Beziehungen Glaube-Vernunft, Glaube-Wissenschaft und der Lückenbüßergott vermeintlich ernstzunehmend behandelt und als ungelöst und vom Klerus gemieden dargestellt, die im theologischen Gedankengut längst bekannt und vom Tisch sind! Ironischerweise muss ich dem Autor das Buch „Einführung in das Christentum“ von Joseph Ratzinger empfehlen, in dessen ersten 100 Seiten diese Themen schlüssig abgearbeitet werden.
    Mit viel Interesse würde ich eine wissenschaftlich fundierte und sachkundige Ausführung über dieses Thema lesen, egal, ob sie, wie hier, gegen oder für den christlichen Glauben spricht. Wenn aber selbst mein Wissen als Laie ausreicht, um jeden zweiten Absatz des Essays als sachunkundig und unbegründet zu erkennen, kann es mit der Sachkenntnis und Neutralität des Autors nicht weit her sein.
    In diesem Sinne bitte ich sie, den Anspruch von SdW auf Wissenschaftlichkeit und Kompetenz auch bei scheinbar unwissenschaftlichen und subjektiven Themen wie Religion zu wahren.

  • Geld nicht entscheidender Motivationsfaktor

    28.01.2007, Klaus-Peter Schmelter, Niederzissen
    (Den erwähnten Leserbrief von Dr. Lehnemann finden Sie hier. Die Red.)

    Zum Leserbrief von Herrn Dr. Bernd Lehnemann, Frankfurt, möchte ich Folgendes anmerken:

    Bei 4,5 bis 5 Millionen Arbeitslosen und weit unter einer halben Million freier Stellen kann ich nicht zwanglos erkennen, dass ein Absenken von Unterstützungszahlungen an Arbeitslose die Arbeitslosigkeit nennenswert eindämmen könnte.

    Ab einem bestimmten monatlichen Nettoeinkommen (es heißt bei Motivationsforschern der Wert läge bei ca. 2500,- €) ist Geld nicht mehr der entscheidende Motivationsfaktor. Auch wenn man klagt: Es ist nicht die Steuerprogression, die demotiviert, sondern die Position in der Firma, das Arbeitsklima, die Kollegen, der Chef, der eigene Status, so er denn als zu niedrig empfunden wird.

    Und was sollen Überqualifizierte machen, wo bleiben sie, wenn sie nicht auf den Stellen der geringer Qualifizierten sitzen? Entweder sind sie dann selbst arbeitslos oder sie verdrängen die ehemaligen Stelleninhaber mit hoher Qualifikation in die Arbeitslosigkeit.

    Ein interessanter Gedanke: Als Folge hätten wir keine Menschen mit wenig Qualifikation als Arbeitslose, sondern vor Allem Akademiker und andere Hochqualifizierte. Bildung und Ausbildung als Weg in die Arbeitslosigkeit?
  • Was ist Bewusstsein

    28.01.2007, Joachim Stiller
    Als angehender Philosoph bin ich der Meinung, dass das Bewusstsein im engeren Sinne niemals Gegenstand neuro-physiologischer Untersuchung sein kann und sollte, sondern einzig und allein Gegenstand philosophischer Reflexion und Selbstreflexion.
    Im Kosmos hat alles Bewusstsein, so sagen die Esoteriker, und ich möchte mich einmal dieser Auffassung anschließen. Nur hat das Bewusstsein auf den unterschiedlichen Stufen eine andere Qualität: Das Mineral hat ein anderes Bewusstein als die Pflanze, diese hat ein anderes Bewusstsein als das Tier, und dies hat ein anderes Bewusstsein als der Mensch. Aber was ist Bewusstsein, was können, müssen oder dürfen wir uns darunter vorstellen? Ich möchte einmal die These wagen, dass das Bewusstsein eine Art von Feld ist. In diesem Sinne spreche ich etwa von Bewusstseinsfeldern, beim Menschen mit selbstreflexiver Eigenschaft. Ein solches Bewusstseinsfeld hat beim Menschen, so meine weitergehende These, die Form einer Lemniskate. Ließen sich höhere geistige Wesenheiten nachweisen, wie Engel und Erzengel, so hätten sie sicherlich auch ein höher entwickeltes Bewusstsein. Mit dieser Auffassung stehe ich durchaus nicht allein da, sie wurde bereits von mehreren Philosophen bestätigt und geteilt.
    Joachim Stiller
    Münster
  • Fortschritt in der begrifflichen Fassung der Umgebung

    27.01.2007, Tigris Seyfarth, München
    In der Fokussierung auf das Gehirn als angenommenen Ort der "Erkenntnis" liegt die Blockade, der Voland wie so viele andere unterliegen. Dieses zeigt tatsächlich seit langer Zeit keine "Evolution". Neurophysiologisch ist es eine Binsenweisheit, dass das Nervensystem keine andere Funktion hat als sensorische Afferenzen auf motorische (i.e. muskuläre) Efferenzen zu übertragen. Das ist auch beim Menschen nicht anders.
    Hieraus ergibt sich allerdings die Frage, wodurch sich der Mensch motorisch/muskulär von den anderen beweglichen Organismen unterscheidet. Denn nicht die Nervenzellen sind die Grundlage der Bewegung, sondern die muskulären Strukturen der jeweiligen Organismen. Beim Menschen sind es immer noch die - zugegebenermaßen recht vielfältigen - Muskeln, die dem Sprechen zu Grunde liegen. Dass aber die daraus abgeleitete "begriffliche" Fassung der Bedingungen der Umgebung wie auch des menschlichen Organismus keine Fortschritte gemacht hätten, wird auch Prof. Voland nicht bestreiten. Wie die Menschen ihre Umgebung begrifflich fassen, so können sie auf die Umgebung ("Technik") bzw. auf ihren Körper (Medizin) einwirken.
    Zugleich stellt die menschliche Bewegungsform einen wichtigen Faktor für den menschlichen Stoffwechsel dar, da in der Atemmuskulatur die Versorgung des Körpers mit Sauerstoff und das Sprechen zusammenfallen (an erster Stelle ist das Gehirn davon abhängig).
    Fortschritt im Voland´schen Sinn kann es tatsächlich nicht geben, da kein Mensch sein Gehirn registrieren noch beeinflussen kann. Die Fokussierung auf das Gehirn bedeutet insofern eine "begriffliche" Sackgasse für die Menschen. Man bedenke, dass "Gehirn" und "Gott" gleiche Konstellationen beinhalten: das eine im Menschen, der andere außerhalb, werden beiden die gleichen Funktionen zugeschrieben: "steuern alles", beide kann man nicht "registrieren" und nicht "beeinflussen". Insofern konstituiert die Fokussierung auf das Gehirn lediglich eine neue Transzendenz - jetzt im Menschen. Das passt zur Individualisierung ohne begrifflichen Erklärungs-Fortschritt
  • Subjektivität des Fortschritts mathematisch beweisbar

    27.01.2007, Manfred Weis, Malsch
    Beschränkt man sich auf einen einzigen, objektiv messbaren Aspekt des Lebens, wie z. B. das verfügbare Einkommen, den IQ etc., so kann entschieden werden, ob etwas mehr geworden ist, und in dieser Hinsicht werden manche Dinge sicherlich mehr und führen zu einem objektiven Fortschritt.
    Wenn nun aber mehrere Ziele berücksichtigt werden sollen, so ist jedes Maß willkürlich in der Bewertung der Teilziele und was im Maß des einen Fortschritt ist, ist im Maß des anderen ein Rückschritt.
    Der mathematische Hintergrund ist die Unmöglichkeit, Punkte eines 2-, 3- oder höherdimensionalen Raumes (für jedes Ziel eine Dimension) stetig auf den Zahlenstrahl abzubilden, und jeder hat eine eigene Vorstellung davon, wo geschnippelt und geklebt werden sollte, um eine subjektive Bewertung zu ermöglichen.
    Diese Erkenntnis stammt von Georg Cantor aus dem vorletzten Jahrhundert.
    Noch übler ist, dass komplexe Zahlen eine wichtige Rolle in physikalischen Modellen des Universums spielen, man aber beim Versuch, diese zu vergleichen unweigerlich widersprüchliche Ergebnisse erhält.
    Somit existiert Fortschritt mangels objektiver Vergleichbarkeit von Lebensumständen bezüglich der real gegebenen Pluralität von Zielvorgaben bewiesenermaßen nur in Gehirnen mit eindimensionaler Wahrnehmung.
  • Fortgeschritten von seiner Mitte

    27.01.2007, Gerd Winkler, Berlin
    Es war einmal, da lebte der Mensch in seiner Mitte. Wenn er nicht aufpasst, kommt er nie mehr dahin.

    Also der heutige Fortschritt ist schon eine Illusion.
  • Evolution und Fortschritt

    27.01.2007, Dr. Peter Altreuther, Wuppertal
    An den Faust könnte man sich schon erinnert fühlen - "...und wie wirs doch zuletzt so herrlich weit gebracht" - so sagt es Fausts Assistent Wagner und Faust quittiert bissig - "ja weit, bis an die Sterne weit..."- und den Fortschrittsglauben damit zur Seite legen. "Die Erfahrungen dieses Jahrhunderts sind eigentlich schrecklich genug, um den Fortschrittsglauben zu diskreditieren - zumal einer der Greuel dieses Jahrhunderts, der sowjetische Totalitarismus, durch eine Geschichtsphilosophie des Fortschritts entscheidend legitimiert wurde" (V. Hösle, Moral und Politik) - ohne ihn gleich grundsätzlich zu diskreditieren als bloße Marotte der Evolution.
    "Evolution setzt bekanntlich auf Nützlichkeit" wird zu Beginn festgestellt. Wer ist dieses Subjekt "Evolution", das etwas mit uns anstellt, das wir vielleicht gar nicht wollen? Ist es ein Nachfahre der "vis vitalis", die man zur Erklärung anderweitig nicht verständlicher Lebensvorgänge brauchte? Oder ist sie einfach eine Erklärung von (bereits erfolgten) Strukturänderungen, die ohne sie nicht verstanden werden können? "Survival of the fittest", das klingt zielgerichtet - wie, wenn auch diese Zielrichtung nur eine Illusion wäre? Wäre sie keine Illusion, dann gäbe es Prognosen über Ziel und Ende der Evolution. Stattdessen aber nur:" Die Evolution geht ziemlich langsam nirgendwohin" (Michael Ruse, Zitat Voland). Zur Erklärung eines Fortschritts via Wettrüsten und natürlicher Selektion ist diese Idee nicht brauchbar, vielleicht weil Evolution eben kein handelndes Subjekt ist. Damit wäre aber auch die Behauptung erledigt, ein Trick der Evolution habe uns den Fortschritt vorgegaukelt, "nicht weil sie wirklich Fortschritt generiert, sondern allein um im System zu bleiben" (Voland).
    Dass wir die Welt nicht so sehen, wie sie ist, ist keine neue Erkenntnis; das "Ding an sich" ist keine Erfindung der Neuzeit. "Die Realität ist das, was man nicht erkennt, wenn man sie erkennt" (N. Luhmann). Oder (Drewermann): "Unser Wahrnehmungssystem ist ein Instrument eben nicht zum Erkennen der Wahrheit, sondern zum Bestehen der Wirklichkeit". Sollte es auch nützlich sein, anstelle der Farbe Grün eine Wellenlänge zu erkennen oder alles nur grau in grau zu sehen? So kann man unser Wahrnehmungssystem durchaus als "nützliche Konstruktion des Gehirns" betrachten, aber es erzeugt nicht Illusionen, sondern Transskriptionen von Wirklichkeit, mit denen wir besser umgehen können.
    Was ist dann der Fortschritt, Illusion oder transskribierte Wirklichkeit? Dass es ihn nicht gäbe, weil man ihn nicht messen könne, greift zu kurz. "Wer mag schon angesichts der heutigen biologischen und kulturellen Lebenschancen im Mittelalter leben - oder auch nur in der Generation seiner Großeltern"? fragt der Autor. Natürlich müsste man die Parameter kennen, an denen Fortschritt zu messen wäre; am Beispiel der Lebensverlängerung durch die Fortschritte der Medizin erschiene das einfach - oder auch nicht? Vielleicht könnte Ernst Bloch helfen: "Klar bleibt, der Ruf nach vorwärts ist so wenig mit sich selber fertig wie die Sache, die er bedeutet. Der Begriff Fortschritt impliziert ein Wohin und Wozu, und zwar ein zu wollendes, also gutes Wozu und ein zu erkämpfendes, also noch nicht Erreicht-Vorhandenes. Ohne Wohin und wozu ist ein Fortschritt überhaupt nicht denkbar, an keinem Punkte meßbar, vor allem auch als Sache gar nicht vorhanden". Wohin und wozu - Fortschritt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft, nicht für das Tretrad, aber zum Wohle von Menschen. Frieden wäre so ein Ziel und ein ungeheurer Fortschritt.