Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  1. 1
  2. ...
  3. 3
  4. 4
  5. 5
  6. 6
  7. 7
  8. ...
  9. 695
  • freier Wille

    22.08.2015, Peter Bier
    Es ist doch bemerkenswert, dass es Tendenzen in der Neurowissenschaft gibt, die Existenz des freien Willens zu widerlegen, ohne auch nur im Ansatz zu deklarieren, was freier Wille denn wäre. Im Beitrag von Johannes kommt gut zum Ausdruck, dass beispielsweise in einer deterministisch bestimmten Welt kein Raum für einen freien Willen sei. Auch hier wird nicht erklärt, was denn unter einem freien Willen zu verstehen wäre. Auch der den freien Willen verteidigende Artikel benennt nicht, was darunter zu verstehen ist; er kommt einer "Definition" einer Erläuterung des Begriffs nicht näher als dass er ihn - in der Umfrage in Bezug auf den Film, der erwähnt wird - dadurch umreißt, dass die Menschen ihn durch die Geschichte des Films, zu dem sie befragt werden, als nicht widerlegt auffassen.

    Ich glaube, dass die Vorstellung eines freien Willens ein ausgesprochen komplexes zivilisatorisches Konstrukt ist. Er ist ein Begriff der bei der Beschreibung ganzer "Verhaltenssysteme", ja ganzer Lebensgeschichten eine Rolle spielt. Eine Naturwissenschaft, die sich - zur Zeit noch, das muß nicht auf immer so bleiben - lediglich mit einzelnen Handlungen beschäftigt, sich im Bereich intersubjektiv zweifelsfreier Phäneomene bewegt - hat er die Hand nach rechts oder nach links bewegt ?, hat sie eine Addition oder eine Subraktion ausgeführt ?, war auf dem bildgebenden Verfahren die Region XY "aktiv" ? - beeinhaltet gar nicht erst die Möglichkeit etwas wie "freien Willen" auch nur zu artikulieren. Eine Wissenschaft, die mit einer "Sprache", einem Vorrat an Elementarbegriffen, daherkommt, deren Natur ausschließt, so etwas wie freien Willen auch nur zu formulieren, beweist überhaupt Nichts, wenn sie feststellt, dass in diesem Paradigma "freier Wille" nicht "existiert". Denn eigentlich stellt sie ja nur fest, dass sie nicht die leiseste Idee hat, wie man etwas wie freien Willen in ihrem Ausdrucksvorrat formulieren könnte.

    Diese Situation scheint mir auch der Grund dafür, dass in diesem Diskurs der "freie Wille" gar nicht erst beschrieben wird. Wer sagt, dass er sich darauf beschränkt, "objektiv" feststellbare, "messbare" Tatsachen zu beschreiben und Zusammenhänge zwischen diesen Tatsachen herzustellen - wie den Zusammenhang zwischen gewissen "Hirnaktivitäten" und (nachfolgenden, einfachen) Aktivitäten - der sagt lediglich, dass er diese Zusammenhänge ohne Bezugnahme auf den freien Willen ausdrücken kann, denn der "freie Wille" taucht in dieser Theorie nicht auf. Daraus zu folgern, dass es den freien Willen nicht geben könne, ist in meinen Augen vollkommen ungerechtfertigt.

    Noch dazu ist die Argumentation der Neurowissenschaftler etwas so: "Wir haben festgestellt, dass Herr Meier immer nur und genau bei Sonnenschein im Stadtpark spazieren geht. Also hat Herr Meier keinen freien Willen, in Wirklichkeit entscheidet das Wetter für Herrn Meier". Das würde jeder Zuhörer für Unsinn halten, oder ? Das Argument ist, nebenbei bemerkt, dahin, wenn Herr Meier ein einziges Mal im Regen im Stadtpark spazieren geht. Dass das aber kein Argument FÜR die Existenz des freien Willens sein muß, sieht man , wenn dies ausgerecht an dem Tag geschieht, an dem in seinem Haus ein Brand ausgebrochen ist.

    Die Hirnforschung steckt in den Anfängen. Sie kann einfache Zusammenhänge zwischen "Aktivitäten" in Hirnarealen, die sie bildgebenden Verfahren entnimmt mit Reaktionen wie das Drücken eines Knopfes, oder vielleicht gerade noch der Entscheidung, eine einfache arithmetische Operation auszuführen, herstellen. Daraus zu folgern, dass weitaus umfassendere Entscheidungen grundsätzlich mit den gleichen Hilfsmitteln beschreibbar sind, ist eine kühne - wenn auch natürlich nicht widerlegte - Vermutung. Aus diesem "Programm für die Zukunft" schon mal abzuleiten, dass ein nicht näher charakterisierter Begriff wie der "freie Wille" nicht existiere, ist derart unwissenschaftlich, dass es dem Anspruch der Wissenschaftler an ihren eigenen Status nicht gerecht wird. Ja, wir können nicht ausschließen, dass die Entscheidungen eines Menschen sich durch eine genaue Beobachtung seines Gehirns - zu der wir noch nicht in der Lage sind - möglicherweise vorhersagen lassen; aber es ist völlig offen, ob dem so ist. Und selbst wenn sich dies bewahrheiten sollte, wäre doch erst einmal zu klären, was denn genau unter freiem Willen zu verstehen ist, um nachzuweisen, dass dessen Existenz zumindest als Charakteristikum des Menschen und seines Handelns widerlegt sei.

    Die Neurowissenschaft, genauer: Ihre Ergebnisse, sind eine Herausforderung an den Menschen, sich eine klarere Vorstellung zu machen, was denn nun unter "freiem Willen" zu verstehen sei. Natürlich sind die Resultate aus der Neurowissenschaft eine Herausforderung an Vorstellungen wie dem "freien Willen", der "Verantwortlichkeit", der "Schuldfähigkeit", an unsere Rechtsystem und vieles Andere mehr.

    "Freier Wille", dazu würde ich neigen, ist ein kulturelles Konstrukt, das sich in Sätzen äußert wie: "Ich hätte auch den Zug nehmen können, der eine Stunde später fährt, aber ich dachte mir, Du freust Dich, wenn ich ein wenig früher komme und habe mich deshalb beeilt". Derlei scheint mir Ausdruck freien Willens zu sein. Wenn wir den freien Willen zu einem Gegenstand im wissenschaftlichen Diskurs machen wollen dann müssen wir einen klareren, präziseren Begriff dieser "Rolle", die die Vorstellung vom freien Willen in unserem Leben und unserer Auffassung der Welt spielt, entwerfen um ihn - eventuell - einer wissenschaftlichen Prüfung zu unterziehen. Es sei nur angemerkt: Bei der "Entscheidung" den früheren Zug zu nehmen fällt es in der Regel schon schwer auch nur den Zeitpunkt, an dem die Entscheidung denn nun gefallen ist, zu benennen.

    Ein anderer Aspekt des "freien Willens" ist häufig, dass er "bewußt" sei. Auch dieser Zusammenhang erscheint mir zweifelhaft: Ist der Sprung des Torwarts, nach dem Ball, der auf ihn zufliegt, "bewußt" ? "Entscheidet" der Torwart: "ich springe jetzt nach vorne rechts, hoch" ? Wenn er das aber nciht tut ist seine Entscheidung etwa "unfreiwillig" ? Und ist die Schonung des Knies, das vom letzten Zusammenprall noch geschwollen ist und weshalb er nicht nach diesem "hohen" Ball springt, etwa nicht freiwillig ?
  • Zeitstillstand am Ereignishorizont

    22.08.2015, Rolf Pfister
    Wenn es stimmt dass in der Nähe des Ereignishorizonts sich die Zeit verlangsamt und dann am Ereignishorizont selbst die Zeit still steht, verstehe ich nicht wie dann überhaupt etwas ins Schwarze Loch fallen kann. Also z.B. bei der Hawkings-Strahlung würde das Teilchen das gegen das Schwarze Loch fällt erst nach unendlich langer Zeit (von ausserhalb gesehen) den Ereignishorizont erreichen. Wenn wir also das wegfliegende Teilchen beobachten, egal wie weit weg wir sind, dann hat das andere den Ereignishorizont immer noch nicht erreicht.
    Und überhaupt bei der Entsteheung des Schwarzen Lochs, müsste da nicht auch bei Erreichen der kritischen Dichte die Zeit stehen bleiben? Somit würde die Masse innerhalb des Schwarzen Lochs gar nie zu einem Punkt zusammenfallen, sondern bei der kritischen Dichte stehen bleiben, oder kurz davor, da ja die kritische Dichte wohl erst nach unendlich langer Zeit erreicht würde.
    Antwort der Redaktion:
    Ein außen stehender Beobachter würde tatsächlich nicht wahrnehmen können, wie ein Objekt den Ereignishorizont überquert. Doch aus Sicht des hinein Fallenden verginge die Zeit ganz normal. Das ist natürlich sehr eigenartig, liegt aber an der extremen Zeitdilatation in der Umgebung eines Schwarzen Lochs.
  • Vom Sinnlichen in Sinnhafte

    22.08.2015, Jens Janus
    Wer hat schon einmal eine "bewusste Entscheidung" gesehen? Mich würde sehr interessieren, wie diese aussieht. In den beschriebenen Experimenten gelingt es den Forschern scheinbar, den Moment der bewussten Entscheidung festzumachen. Es gibt angeblich einen Zeitpunkt, zu dem eine bewusste Entscheidung sichtbar wird. Das Heben einer Hand oder die sprachliche Äußerung (des Ergebnis einer Rechnung) sind ja etwas anderes als eine Entscheidung.
    Rätselhaft ist mir auch, wie "neuronale Aktivität" in einer Entscheidung zum Grund wird. Dass man jetzt Lust auf etwas hat oder dass etwas Nutzen verspricht, sind Gründe, die man verstehen kann. Aber entscheidet man sich für eine Handlungsoption, weil "neuronale Aktivität" vorhanden ist? Das ist doch kein Argument, etwas zu tun!
    Der unvermittelte Wechsel von einer Sprache der Sinnlichen in eine Sprache des Sinnhaften ist ein Felhschluss oder ein Trick.
  • Schreibfehler

    21.08.2015, Roman Koutny
    In dem Periodensystem auf S.14 hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen. Statt La Ce Ce muss es wohl La Ce Pr (Praseodym) heißen.
  • Ich denke, also habe ich einen freien Willen

    21.08.2015, Dr. rer. nat. Jaromir Konecny
    Wenn wir bewusst erst dann überlegen und entscheiden, nachdem "neuronale Weichenstellungen unterhalb der Schwelle unseres Bewusstseins zuvor festgelegt haben, was wir wählen werden", frage ich mich, warum wir überhaupt bewusst überlegen und entscheiden. Warum hat sich im Laufe der Evolution überhaupt unser Denken als ein "Kommentator" ohne Einfluss herausgebildet? Welcher Selektionsdruck wirkte bei der Evolution eines solchen Denkens?

    Ich denke, der Autor hat recht, wenn er dafür spricht, wir sollten unseren freien Willen weiter "behalten". Dass viele "automatisierte" Vorgänge unterhalb unseres Bewusstseins ablaufen, ist sowieso nichts Neues, jeder Musiker weißt das. Als "automatisierte Vorgänge" kommen mir die Experimente von Libet und seinen Nachfolgern aber vor. Bei all diesen Experimenten wussten ja die Probanden, dass sie untersucht werden und mussten dann nur zig mal einen automatischen Vorgang ausführen.

    Vielleicht können wir, "Ich denke, also bin ich", von Descartes auch auf unseren freien Willen beziehen: "Ich denke, also habe ich einen freien Willen". Das klingt zwar trivial, ist es aber nicht.
  • 7. Zweifelhafte Verteidigung des freien Willens von Johannes

    21.08.2015, Paul
    Solltest du deiner These, selbst und ernsthaft Glauben schenken, dann ist dies der Beweis für die Willensunfreiheit deines Gehirns!
  • Simulierbarkeit

    21.08.2015, Wiesinger
    Die Sache ist doch die, dass bisher noch kein Vorgang im Gehirn entdeckt wurde der nicht prinzipiell durch einen Computer simulierbar wäre. Das würde aber bedeuten, der menschliche Geist wäre, mit ausreichend Rechenleistung und genug Speicher, also prinzipiell in einem Computer simulierbar. Dieser simulierte Geist hätte dann genau die selbe Illusion eines freien Willen wie eine reale Person, allerdings sind die getroffenen Entscheidungen deterministisch. Man muss nur den Zustand des Modells wieder zurück setzen, die selben Inputs anlegen und man bekommt wieder exakt das selbe Ergebnis wie beim ersten mal und der simulierte Geist wird auch beim zweiten mal denken, er habe eine freie Entscheidung getroffen.
  • Schwache Argumente

    21.08.2015, Gradwohl Werner
    Die üblichen schwachen Argumente der Verfechter einer wie auch immer gearteten Willensfreiheit.

    Fehlende Willensfreiheit schließt Verantwortlichkeit nicht aus (sie wird dadurch sogar bestärkt).
    Wie viel wir vom Akt einer willentlichen Entscheidung bewusst wahrnehmen, sagt nichts darüber aus wie freiwillig dieser zustande

    gekommen ist.

    Das Gedankenexperiment über Frau Jill mit der Sensorkappe zeigt die Unmöglichkeit eines freien Willens.
    87 Prozent vertraten dennoch eine (nicht näher spezifizierte) Willensfreiheit.
    Mindestens 12 Prozent vertraten die Meinung eine solche Technik würde den freien Willen infrage stellen.
    Diese sollten sich überlegen, was Jills Gehirn eigentlich tut.
    Denn eine solche Sensorkappe kann es nicht geben, da der einzige Automat, der die Handlungen (und Gedanken) von Jill vorraussagen

    könnte, ihr Gehirn selbst ist.

    "Anscheinend fanden sie nicht, dass Jills Gehirn ihr etwas aufzwingt – und sie keinen freien Willen hat –, sondern dass der

    Hirnscanner einfach nachweist, wie der freie Wille im Gehirn arbeitet."

    Das sind eindeutig Argumente einer dualistischen Anschauung.
    Willensfreiheit im engeren Sinn ist ohne dualistische Annahmen nicht erklärbar.

    "...Wenn das Gehirn für alles zuständig ist, gibt es für den bewussten Geist nichts zu tun."

    Der bewusste Geist wird ja durch das Gehirn und seine Tätigkeit ausgedrückt (und nicht bloß repräsentiert).
    Und für das Gehirn gibt es mehr als genug zu tun.
  • Philosophische Argumente?

    21.08.2015, Dieter Freundlieb
    Ich finde es schade, dass bisher keiner der Foristen sich mit den philosophischen Argumenten auseinander gesetzt hat, von denen ich einige hier eingebracht habe und die in der relevanten philosophischen Debatte zur Willensfreiheit vielfach vorgetragen worden sind.

    Allerdings findet man in der Diskussion unter einigen Hirnforschern immer wieder die Redeweise, dass bei Entscheidungsprozessen ein Ich ('Wir') den Hirnprozess beeinflussen kann. Selbst Hirnforscher, die fest an ein naturalistisches Weltbild glauben, tun das gelegentlich. Sie setzen also die Existenz einer Instanz (das Ich oder ein Selbstbewusstsein) voraus, das keinen Sinn ergibt, solange man es wiederum als nichts weiter versteht, als naturwissenschaftlich beschreibbare Prozesse in einem Gehirn. Nur scheinen sie das nicht zu bemerken. Ihre Argumentation ist fehlerhaft, weil sie nur Überzeugungskraft haben kann, wenn sie etwas als existierend voraussetzt, das es in einer naturalistisch verstandenen Welt gar nicht geben kann. Das meinte ich mit dem Ausdruck 'performativer Selbstwiderspruch'.

    Egal wie fortgeschritten die neurophysiologische oder sonstwie naturwissenschaftlich verstandene Beschreibung von Gehirnprozessen ist, die einer Behauptung bei ihrem Aussprechen unterliegen, es läßt sich daraus niemals ablesen, ob sie wahr oder falsch, wahrscheinlich wahr oder wahrscheinlich falsch ist. Die gesamte Wissenschaft lebt aber davon, dass sie beansprucht, mehr als beliebiges BlaBla zu sein. D. h., sie beansprucht Erkenntnisse über die Welt zu liefern. Dazu braucht man kognitive Normen und nicht nur bloße Fakten. Für eine solche Normativität ist in einer Welt naturwissenschaftlich erhobener Fakten und Theorien aber kein Platz. Aus Fakten folgen keine Normen. Das kann man schon bei David Hume nachlesen. Es wäre das, was man den naturalistischen Fehlschluss nennt.

    Die Besonderheit des menschlichen Geistes, begründete Urteile, zum Beispiel über die Wahrheit und Falschheit von Behauptungen, abgeben zu können, kann innerhalb eines naturalistischen Weltbilds nicht verständlich gemacht werden. Darauf haben Thomas Nagel und viele andere Philosophen hingewiesen. Hirnforscher wollen das nicht hören oder sich argumentativ damit auseinanderzusetzen, weil es die Begrenztheit des naturalistischen Weltbilds zeigt, dem sie verpflichtet sind.

    Damit ich nicht missverstanden werde: Ich will mit meinen Argumenten keineswegs einer religiösen Weltanschauung das Wort reden. Das kann jeder halten wie er will.

    Ich will nur sagen, dass das Universum, in dem wir uns vorfinden, anscheinend sehr viel mysteriöser ist, als die meisten Hirnforscher sich das vorstellen können oder wollen. Bereits in seinem berühmten Aufsatz "What Is it Like to Be a Bat?" von 1974 hat Thomas Nagel gezeigt, dass es Dinge gibt, die einer physikalistischen Analyse prinzipiell nicht zugänglich sind. Wenn das von den 'Willusionisten' unter unseren Hirnforschern erstmal anerkannt werden würde, würde die Diskussion ganz anders verlaufen, als sie est tut.
  • Begriffsverwirrung?

    21.08.2015, Ein Verwunderter Leser
    Hier mal ein paar Zitate aus dem Artikel:
    "Anscheinend trifft das Gehirn die Entscheidung vor der Person."
    und
    "Anscheinend fanden sie nicht, dass Jills Gehirn ihr etwas aufzwingt – und sie keinen freien Willen hat –, sondern dass der Hirnscanner einfach nachweist, wie der freie Wille im Gehirn arbeitet."

    Alle diese Sätze ergeben nur aus einer dualistischen Perspektive einen Sinn, denn sie enthalten eine Unterscheidung zwischen dem Gehirn (oder meinetwegen auch dem Nervensystem oder dem ganzen Körper) und einer "Person", die etwas anderes sein soll. Ohne Dualismus ergibt diese Unterscheidung keinen Sinn und man kann bloß allgemein die Frage stellen, ob unsere Welt (von der Vorgänge in Lebewesen nur ein Spezialfall sind) deterministisch funktioniert oder nicht.

    In so fern ist das Ganze mehr Begriffsverwirrung als eine inhaltliche Debatte.
  • Hilfreich aber nicht hinreichend

    21.08.2015, Dr. Josef König
    Der Dualismus, also die Trennung von Geist und Materie (seit Decartes - siehe auch Damasio, "Decartes Irrtum") ist ebenso wenig hilfreich, wie die Annahme eines physikalischen Determinismus in der Naturwissenschaft.
    Die Diskussion des "Freien Willens" ist eine philosophische, und keine, die mit wenig aussagekräftigen Experimenten, wie das von Libet, entschieden werden kann. So hatten z.B. die Probanden von Libet die Aufgabe bekommen, die Hand zu bewegen - und gemessen wurde, wann sie die Ausführung im Hirn und in der sichtbaren Form vollführen. Damit waren sie in ihren Handlungsoptionen bereits eingeschränkt. Die Interpretation von Libets Experimenten beruht daher auf einem fragwürdigen Dualismus, nämlich der Trennung des Hirns vom Körper der Person. Beide sind aber eins: Mein "Ich" ist nichts ohne meinen Körper, mein Hirn ist dessen Teil.
    Wenn man sich also der Diskussion des "Freien Willens" stellt, sollte man philosophisch zuvor klären, was man unter dem "Freien Willen" verstehen will. Schon Kant schrieb in der "Kritik der reinen Vernunft", dass, hätte man nur alle Parameter zur Verfügung, man die Handlungen eines Menschen so wie eine Mondfinsternis vorhersagen könne. Nur: Die tatsächliche Anzahl der Parameter kann beliebig erweitert werden und somit ins tendenziell unendliche gehen. Da helfen uns leider die noch immer sehr groben Instrumente der Hirnforschung keinen Deut weiter, erst recht nicht, wenn diese versucht, philosophische Probleme mit physiologischen Messungen zu beantworten. Bei allem Interesse, das ich für die moderne Hirnforschung und die Neurowissenschaften aufbringe, sehe ich nicht, dass sie bislang auch nur eine vernünftige Antwort auf philosophische Fragen befriedigend gegeben habe.
  • Vielleicht?

    21.08.2015, Uta Baranovskyy
    Lieber Herr Schubert,

    ob das für das Gehirn zu viel verlangt wäre, wäre erst noch zu beweisen. Vielleicht gibt es den nächsten Nobelpreis für den Nachweis, dass das Gehirn (nicht das einer Ratte) nicht nur das Plancksche Wirkungsquantum erdenken konnte, sondern dass es sogar in der Lage ist - auch das einer Ratte - einen Ort auf etwa 10–17 Meter und die Geschwindigkeit auf etwa 10–16 Meter pro Sekunde zugleich genau zu erfassen. Ich wette eine Flasche Champagne Armand de Brignac Brut Gold Magnum, derzeit 650 Euro.

    Mit besten Grüßen
    Antwort der Redaktion:
    Wette angenommen. :-)

    Mit besten Grüßen
    Frank Schubert
  • Bewußtsein

    21.08.2015, Dipl.-Phys. Ulrich Schulz
    Letztendlich führen die obigen Diskussionen auf die Frage: Was ist "Bewusstsein" bzw. was bedeutet "Ich"?
    Für interessierte Leser empfehle ich
    1. Penrose "Computerdenken" und
    2. Hofstadter "Ich bin eine seltsame Schleife".
    Während Penrose u. a. über Algorithmen bzw. algorithmisches Denken den Zugang zu finden sucht diskutiert Hofstadter z. B. über Spiegelneuronen u. ä.
    Beide versuchen sich dem "Bewusstsein" auf unterschiedlichen Wegen zu nähern. Bin ich dadurch einer Antwort näher gekommen?
    Ein herzhaftes "Vielleicht". Ob man irgendwann einer Antwort wirklich richtig nahe kommt?
    Aber einem Wissenschaftler vorzuwerfen, er forsche zu einem Thema und speziell an diesem um an Gelder zu kommen ...
    Ich bin sicher, daß dieser in der" freien Wirtschaft" ein Vielfaches mehr erhalten würde. Wo kommt bloß so eine Argumentation her? Fehlt noch der "FerraBenzMW" in der Garage, der auch immer mal wieder von dem einen oder anderen "Kritiker" vermutet wird.
  • Zweifelhafte Verteidigung des freien Willens

    21.08.2015, Johannes
    Die vorgebrachten Argumente sind insofern problematisch, als sie den eigentlichen Kern deterministischer Weltanschauung nicht widerlegen. Dass Handlungen oftmals bewusster Kalkulation unterliegen berührt ja nicht die Hypothese, dass alle, auch bewusste Denkprozesse kausal ablaufen.

    Akzeptiert man dies, so lässt sich nicht mehr von Freiheit sprechen, zumindest nicht in einem Sinne von dem sich moralische Verantwortung ableiten ließe. Bestreitet man hingegen die kausale Natur von Denkprozessen erringt man in der Sache des freien Willens wenig mehr als einen Pyrrhussieg.

    All dies behält seine Gültigkeit natürlich nur innerhalb eines physikalistischen Weltbildes - wird von jenem abgewichen ist allerdings die übergeordnete Frage nach Prüfbarkeit und Sinnhaftigkeit angebracht.
  • Schwieriger Beweis

    21.08.2015, Klaus Wrede
    Wenn jemand spontan addiert statt zu subtrahieren, dann wird man das seinem freien Willen wohl auch dann zuschreiben können, wenn die neurologischen Bedingungen der Wahl erklärbar sind. Jedenfalls sind neurologische Erregungen vor der Rechenoperation (selbst wenn deren Prognosekraft 100% betrüge), schon deshalb kein Beweis, weil damit nicht geklärt ist, ob weiter zurück liegende Erfahrungen und Überlegungen solche neurologischen Erregungen möglicherweise beeinflussen oder formen können.

    Der Beweis für die Unmöglichkeit von Willensfreiheit wäre doch erst erbracht, wenn gezeigt würde, dass die Wahl vollständig einer Steuerung unterliegt, die ganz unabhängig von einer freien Entscheidung der Person ist. Erst dann läge eine „Illusion des freien Willens“ vor. Oder einfach gesagt: es kann nur dann keinen freien Willen geben, wenn alle Gedanken und Handlungen vollständig unfrei sind.

    Der Beweis, dass der Wille nicht frei ist, müsste demnach zeigen, dass jede beliebige menschliche Handlunge vollständig beschrieben werden kann, ohne auf das Konzept eines freien Willens zurückgreifen zu müssen.

    Die Forderung der Vollständigkeit setzt übrigens voraus, dass menschliche Sprache überhaupt geeignet ist, vollständige Beschreibungen der Wirklichkeit zu geben. Sollte das nämlich nicht der Fall sein, wäre die Unfreiheit des Willens prinzipiell nicht beweisbar.

    Gerade aufgrund des Problems der Vollständigkeit scheint es mir nicht wahrscheinlich zu sein, dass dieser Beweis in nächster Zeit tatsächlich erbracht werden kann.
  1. 1
  2. ...
  3. 3
  4. 4
  5. 5
  6. 6
  7. 7
  8. ...
  9. 695