Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Aktuelles Modell für diesen Effekt in den Südtiroler Alpen?

    05.03.2015, Marcus Gröber
    Interessanterweise gibt es dazu vielleicht passende Beobachtungen aus jüngster Zeit in Südtirol: kürzlich wurden in Quellen im Schnalstal, die aus Gletscher- oder Permafrost-Tauwasser gespeist werden, erhöhte Schwermetall-Konzentrationen beobachtet, selbst wenn das Wasser von jahrtausendealtem Eis stammt:

    http://www.stol.it/Artikel/Chronik-im-Ueberblick/Lokal/Permafrost-contra-glasklarem-Wasser

    Ganz aktuell gibt es jetzt wohl auch die Bestätigung, dass tatsächlich altes Gletschereis dafür verantwortlich ist (leider habe ich dafür als Quelle nur einen Tweet des Lokalfernsehens, der auf Ergebnisse der Bozener EURAC verweist):

    https://twitter.com/raisuedtirol/status/570854809781329920

    Ob da wohl ein ähnlicher Mechanismus am Werk ist?
  • Nun ja Herr Weigelt...

    05.03.2015, Daniel Hage
    Voranannahmen über "Dunkle Materie" ist das eine...
    -und Urteile über solche Haarsträubende Esoterik wie diese hier von Mister Rampino ist noch einmal etwas ganz anderes !
    Was die "dunle Materie" angeht müssen wir uns nur noch ganz wenig gedulden- falls die Experimente am LHC in Genf welche wohl is in wenigen Wochen mit dann annähernd verdoppelter Maximalenergie, KEINE Glsklaren Fingerzeige bieten, es also keinerlei hinweise auf eine Schwache-Wechselwirkungs-Interaktion gibt - ja dann dürfen Sie, denke ich, Ihr Fass aufmachen- dann hat die ganze "CDM" Hypothese eine schweren Schlag abgekriegt- warten wirs ab. Über den Kern des Artikels hier oben dagegen, lohnt es sich nicht lohnt es sich nicht sich ins Zeug zu legen- merkwürdig dass SO etwas bei Spektrum überhaupt erscheint!
  • Natürlich, was auch sonst ...

    05.03.2015, Gert Weigelt
    Die arme, nichtexistende Dunkle Materie muss mal wieder für einen neuen Unsinn herhalten. Man bekommt den Eindruck, wenn jemand keine andere Möglichkeit mehr hat, auf sich aufmerksam zu machen, dann "entwickelt" er eine neue Weltuntergangstheorie und die am besten auf exotischer, nicht bewiesener und meines Erachtens auch nicht vorhandener Dunkler Materie. Das einzig totmachende an dieser Theorie ist, dass man sich totlachen könnte ... wenn es nicht so traurig wäre.
  • Wir Menschen als Gewinner der Evolutionslotterie?

    05.03.2015, Karl Hostettler, Aadorf (Schweiz)
    In seinem Aufsatz „Gewinner der Evolutionslotterie“ erwähnt Ian Tattersall manche bemerkenswerten und sachlich auch unbestrittenen Ereignisse unseres menschlichen Werdegangs. Und doch muss ich vor allem über eine Behauptung, auf die er offensichtlich einen besonderen Wert legt, den Kopf schütteln. Es geht um seine Aussage, vor etwa 70 Millionen Jahren, als „Homo sapiens“ bereits seit langer Zeit existierte, sei eine neue kulturelle Errungenschaft aufgetreten, das symbolische Denken, das den Homo sapiens gleichsam zu einem neuen, effizienteren Denken geführt und ihm auch erlaubt hätte, „sämtliche Konkurrenz in der Alten Welt in erstaunlich kurzer Zeit auszustechen“.
    Dazu ist Verschiedenes zu sagen. Tattersall schließt anhand eines Steins, der vermutlich symbolische Zeichen enthält, auf ein völlig neues Denken. Ein völlig neues Denken? Aus der Denkpsychologie ist mir der Ausdruck „symbolisches Denken“ nicht bekannt. Eine Frage: Müssen wir nicht jedes Denken grundsätzlich als „symbolisch“ betrachten? Tattersall schweigt auch zu konkreten Angaben darüber, was denn eine bestimmte Art zu denken zu einem symbolischen Denken mache. Im Weiteren besteht auch kein Grund zur Annahme, dass unsere Vorfahren nicht schon seit langer Zeit, vielleicht lange bevor sie zu eigentlichen Menschen wurden, materielle Gegenstände als Symbole gebraucht hätten. Es gibt zum Beispiel auch heute noch Kulturen, die keine Schrift kennen. Sie können daher keine entsprechenden Zeugnisse hinterlassen haben. Trotzdem sind diese Menschen uns Europäern geistig absolut gleichwertig!
    Wir hätten sämtliche Konkurrenz in erstaunlich kurzer Zeit ausgestochen? Offenbar lebten unsere Vorfahren und die Neandertaler während einigen zehntausend Jahren zum Teil in derselben Gegend. Soll das eine „relativ kurze Zeit“ sein? Ihr Aussterben kann manche Gründe haben. Möglicherweise haben wir ihre Ernährungsgrundlage zerstört, indem wir die grossen Landsäugetiere, die damals lebten, ausgerottet haben. Wir selbst konnten dank unserer Fähigkeit, Stärke zu verdauen, uns auch anders ernähren. Es gibt keine hinreichend klaren Hinweise, die uns erlaubten, die Neandertaler nicht als geistig ebenbürtige Wesen zu betrachten.
    Offensichtlich verfügt Tattersall auch über ein stark vereinfachtes Verständnis der Bedeutung einer Kultur für uns Menschen. Sicher gehören zur Kultur technische Einrichtungen und geistige Fähigkeiten. Auch die Sprache und unsere Fingerfertigkeit haben daher wohl entscheidend zu unserem Werden beigetragen. Meine eigenen Erfahrungen bei den Dayak, der Urbevölkerung Borneos, zeigen aber ein differenzierteres Bild kultureller Leistungen. Zweck einer Kultur ist offensichtlich in erster Linie, aus einem Haufen von Individuen, wie wir sie im Wesentlichen bei Schimpansen finden, eine handlungsfähige Gemeinschaft zu bilden. Alle Mitglieder müssen die Interessen der Gemeinschaft in manchen Fällen über ihre eigenen stellen. Alle tragen zum Wohle aller bei. Zur Kultur gehören Rechte und Pflichten, es gehört aktive und passive Orientierung an Auffassungen und Bräuchen der anderen Mitglieder. Überlebten die offenbar wenig wehrhaften Vormenschen dank eines höher entwickelten Soziallebens?
    Nichts, wirklich gar nichts, spricht dafür, dass sich unser Denken vor kurzer Zeit plötzlich entscheidend verändert hätte.
  • Eher kulturell entwickelte Gruppenstruktur

    05.03.2015, Eduard Kirschmann, Hannover
    Von einem führenden Paläoanthropologen wie Ian Tattersall hätte ich mehr erwartet. Wenn man eine Erklärung für den Prozess der Menschwerdung anbietet, dann muss man auch auf die Fakten eingehen, die diese Erklärung am stärksten in Frage stellen.
    Ian Tattersall sieht in der Kultur einen Evolutionsmotor. Damit ist er ein Verfechter der eher geistesgeschichtlich als wissenschaftlich begründeten Hypothese, dass der Mensch von Natur aus ein Kulturwesen sei. Er versteigt sich zu der Aussage: „Für die Menschenevolution war mit Sicherheit bedeutsam, dass sich unsere Vorfahren den Herausforderungen dank ihrer materiellen Kultur zu stellen vermochten.“ Da diese These offensichtlich nicht zur verfügbaren Evidenz passt – der Handgriff evolvierte bereits bevor die ersten Steinwerkzeuge auftraten und die bekannten Werkzeuge weisen über viele Jahrhunderttausende keinerlei Entwicklungsdynamik auf, während das Gehirn sich vergrößerte – versucht er seine angeschlagene Hypothese dadurch zu retten, dass er Zuflucht beim wechselhaften Klima sucht. Wie einem Sündenbock kann man dem Klima zwischen der 20 Weltklimakonferenz in Lima und der 21 in Paris so ziemlich alles in die Schuhe schieben – es wirkt auf den ersten Blick plausibel. Dabei variieren die bekannten Steinwerkzeuge noch nicht einmal mit den Klimazonen, von den Klimaschwankungen ganz zu schweigen. Die vorgetragene Hypothese ist also spekulativ und eher unwahrscheinlich.
    Das ist jedoch kein handwerklicher Fehler. Spekulationen sind in der Wissenschaft erlaubt und häufig auch hilfreich, nur die Benutzung von Formulierungen wie „mit Sicherheit“ für eine Interpretation die ausschließlich auf Spekulationen und Wunschdenken basiert und zur vorhandenen Evidenz eher nicht passt ist unangebracht.
    Wirklich problematisch ist dagegen zu verschweigen, dass es spätestens seit der Doktorarbeit von Neil T. Roach 2012 und der im Folgejahr erfolgten Veröffentlichung einiger seiner Forschungsergebnisse in Nature auch „ganz offiziell“ bekannt ist, dass bei der Entwicklung des Homo erectus Anpassungen an das Werfen eine wichtige Rolle spielten.
    Entwicklungsprozesse stellen lange Ketten von Ereignissen dar, wobei jedes Ereignis die Rahmenbedingungen für alle Folgenden verändern kann. Frühe Ereignisse sitzen daher am längeren Hebel. Was vor 2 Millionen Jahren geschah kann den Verlauf unserer Evolution entsprechend lang beeinflusst haben. Kulturelle Veränderungen vor 70 000 Jahren hatten dagegen keinerlei Einfluss z. B. auf das vorangegangene Gehirnwachstum. Für das Verständnis der menschlichen Evolution ist es daher sehr wichtig die Anpassungsleistungen des Homo erectus richtig zu interpretieren. Der Befund, dass sein Körperbau deutliche Anpassungen an das Werfen aufwies, stellt alles in Frage, was Ian Tattersall postuliert und hätte von ihm daher diskutiert werden müssen:
    1) Ian Tattersall beginnt seine Argumentation mit den ersten Steinwerkzeugen vor 2,6  Millionen Jahren und sieht darin so eine Art Startsignal für die Evolution des Kulturwesens Mensch der evolvierte, weil er sich Selektionsvorteile durch kulturelle Lösungen für Umweltprobleme ersann. In der folgenden Jahrmillion gab es bei den Steinwerkzeugen keinerlei Neuerungen, während der gesamte Körperbau remodelliert wurde und das Gehirn wuchs, wobei es, wie wir dank Neil Roach nun auch ganz offiziell wissen, zu deutlichen Anpassungen ans Werfen kam. Diese Anpassungen belegen sowohl, dass unsere Vorfahren in diesem Zeitraum mit Steinen warfen als auch, dass sie durch diese Verhaltensweise Selektionsvorteile erzielten.
    Die Homininen die vor 2,6 Millionen Jahren anfingen Steinansammlungen zu hinterlassen, hatten also zwei nachgewiesene Verwendungszwecke für handliche Steine. Der eine hinterließ archäologische Spuren, aber keinerlei nachweisbare Anpassungsleistungen, der andere führte zu tief greifenden Veränderungen des Körperbaus dieser Homininen. Nun die Preisfrage: Welcher war wohl wichtiger für den Verlauf ihrer Evolution?
    Barbara Isaac plädierte bereits 1987 dafür in den so genannten pebble tools in erster Linie Wurfgeschosse zu sehen (The African Archaeological Review, 5 (1987), pp. 5-17. Throwing and human evolution. BARBARA ISAAC.)
    Die Steine könnten als Munition gesammelt und da sie schon mal da waren gelegentlich auch zur Herstellung sehr primitiver Werkzeuge verwendet worden sein. Für diese Interpretation spricht auch die Auswahl der Hammersteine. Während experimentelle Archäologen längliche Steine als Hammersteine bevorzugen, griffen unsere Vorfahren eher zu runden Steinen, die infolge wiederholter Anwendung zum Hämmern eine perfekte Kugelform annahmen (Spheroide). Dieser Befund lässt sich damit erklären, dass es unseren Vorfahren vor allem darum ging die besten Wurfsteine bei der Herstellung von scharfen Abschlägen nicht zu beschädigen. Je mehr die Form eines Steins einer Kugel glich, desto wertvoller wurde er in ihren Augen. Splitter wurden von den schlechteren Wurfsteinen abgeschlagen, die besseren kamen nur als Hammersteine in Frage.
    Die Steine markieren nicht den Beginn der Anpassungen unserer Vorfahren an die Nutzung handgeführter Waffen. Unbewaffnet wären die Australopithecinen mit geringer Reproduktionsrate und ohne körpereigene Bewaffnung wohl kaum in der Lage gewesen bis in die Savannen vorzustoßen. Richard W. Young führt sowohl den aufrechten Gang als auch die Evolution der Hand auf die Nutzung handgeführter Waffen zurück. Seine Interpretation hat einiges für sich. Das Verlassen der Bäume ging für unsere Vorfahren mit einer deutlichen Steigerung der Gefährdung durch Raubtiere einher. Da sie sich als Menschenaffen in den Bäumen mit aufrechter Wirbelsäule fortbewegten, wiesen sie beweglichere Schultern und eine bessere Balance bei zweibeinigen Bewegungsabläufen auf als Tieraffen. Dies mag den Ausschlag dafür gegeben haben, dass Tieraffen bei der Ausweitung ihres Lebensraums auf den Boden die schnelle Flucht auf vier Beinen und die Betonung langer Eckzähne favorisierten, während bei den Menschenaffen in der Regel die Abwehr von Raubfeinden unter Verwendung von Stöcken und Steinen im Vordergrund stand. Dass kurze Eckzähne von Anfang an zu den Merkmalen der Homininen zählten, spricht für diese Interpretation. Als Homininen vor 2,6 Millionen Jahren anfingen primitive Werkzeuge zu fertigen, verfügten sie infolge der vorangegangenen Anpassungen an die Nutzung handgeführter Waffen bereits über Hände und Gehirne, die wesentlich mehr zu leisten vermochten, als die Herstellung dieser Abschläge (Young 2013, Kirschmann 1999).

    2) Das Werfen ist beim Menschen eine äußerst dynamische Ganzkörpertätigkeit. Sowohl beim Laufen als auch beim Werfen werden vor allem die Extremitäten relativ zum Rumpf beschleunigt. Die dabei erreichte Relativgeschwindigkeit zwischen Extremitätenspitze und Rumpf kann als Messgröße herangezogen werden um die Dynamik sehr unterschiedlicher Bewegungsabläufe miteinander zu vergleichen. Beim Laufen erreichen die Füße beim Menschen eine maximale Relativgeschwindigkeit zum Rumpf von gut 40 km/h. Beim aktuellen Geschwindigkeitsrekord im Baseball müssen die Fingerspitzen der Wurfhand eine Relativgeschwindigkeit von knapp 170 km/h relativ zum Rumpf aufgewiesen haben. Die Wurfhand des Menschen ist rund viermal schneller als sein Lauffuß. Sie ist sogar um 40% schneller als die Pfoten des Geparden beim Sprint! Dieser quantitative Vergleich spricht dafür, dass Menschen nicht einfach nur Anpassungen an das Werfen aufweisen, sondern sich körperlich auf diese Tätigkeit spezialisiert haben.
    Den menschlichen Körperbau - wie bei Ian Tattersall auf dem Bild auf S. 60 geschehen - zu interpretieren, ohne dessen herausragendstes Leistungsmerkmal auch nur zu erwähnen, ist spätestens nach den Veröffentlichungen von Neil Roach und Richard Young fachlich inakzeptabel. So interpretiert Ian Tattersall z. B. die lange, bewegliche Taille des Menschen einseitig als Anpassung an den aufrechten Gang, ungeachtet der Tatsache, dass die Oberkörperrotation, die durch diese Taille ermöglicht wird, beim Werfen sowohl einen um eine Größenordnung größeren Winkel als auch eine um eine Größenordnung höhere Winkelgeschwindigkeit aufweist als beim Sprint. Sogar die Anatomie der Beine lässt sich mit Anpassungen an den aufrechten Gang allein nicht verstehen. Für das Laufen sind sie eigentlich zu schwer, sie werden aber auch als Gegengewicht für den beim Werfen sehr dynamisch beschleunigten Oberkörper benötigt und Richard Young konnte belegen, dass das Gewicht der Beine positiv mit Wurfleistungen korreliert.
    Wer einen vorläufigen Überblick bekommen will, welche Körpermerkmale des Menschen wahrscheinlich auf die Nutzung handgeführter Waffen zurückzuführen sind, sollte zu Richard W. Youngs 2013 erschienenem Buch „Human Origins & Evolution“ greifen, wo er unter Bezug auf annähernd 700 Literaturstellen für dieses Thema relevantes Material unter Berücksichtigung der aktuellsten Fossilfunde zusammengetragen und ausgewertet hat. Die Arbeit von Neil T. Roach konnte er allerdings noch nicht berücksichtigen (Dessen Dissertation mit dem Titel „The Biomechanics and Evolution of High Speed Throwing“ wurde von der Harvard University online gestellt).

    3) Schon Darwin hat 1871 vermutet, dass das gezielte Werfen hohe Anforderungen an das menschliche Gehirn stellen könnte. Die Liste der Anforderungen, die das gezielte Werfen ans menschliche Gehirn stellt, ist in der Tat lang und äußerst anspruchsvoll – zu anspruchsvoll für eine Kurzfassung in einem Leserbrief (Eduard Kirschmann: „Das Zeitalter der Werfer“, 1999). Es ist nahe liegend den Anpassungen an das Werfen nicht nur eine zentrale Rolle bei der Entstehung des menschlichen Körperbaus vor knapp zwei Millionen Jahren zuzusprechen, sondern auch für das zeitlich parallel einsetzende Gehirnwachstum.
    Leider hat es in den 144 Jahren seit Darwins Hinweis nur marginale Anstrengungen gegeben zu erforschen, wie das Gehirn die Wurfbewegung kontrolliert. Ausgerechnet um die wahrscheinlich anspruchsvollste Aufgabe, mit der sich je ein menschliches Gehirn befasst hat, machen die Gehirnforscher einen großen Bogen. Aber wer soll ihnen das verübeln, wenn die für die menschliche Evolution zuständigen Paläoanthropologen die Wurfmaschine Mensch für körperlich unspezialisiert erklären?

    4) Auch der Ursprung der Sprachfähigkeit erscheint durch die Werfer-Anpassungen in neuem Licht. Robin Dunbar hat die These aufgestellt, dass die Sprache ursprünglich in erster Linie soziale Funktionen besaß. Sie hätte das Lausen als soziale Bindungen stiftendes Mittel abgelöst. Dunbar vermutete, dass diese Entwicklung positiv selektiert wurde, weil sie die Stabilisierung größerer Gruppenverbände ermöglichte. Die Anpassungen an das Werfen legen eine andere Interpretation nahe. Robin Dunbar hat das Sprechen auch als „Lausen über Distanz“ bezeichnet und damit bereits ungewollt einen Bezug zu den Werfer-Anpassungen hergestellt.
    Der geworfene Stein ist eine Fernwaffe. Mit den Anpassungen an das Werfen entwickelten unsere Vorfahren die Fähigkeit Konflikte über Distanz auszutragen. Als soziale Primaten benötigten sie zum Ausgleich Fähigkeiten zur sozialen Interaktion über Distanz (z. B. um Konflikte innerhalb der Gruppe wieder beizulegen). Neben der Sprachfähigkeit wurden daher auch Mimik und Gestik positiv selektiert. Die weißen Augäpfel sorgen beim Menschen dafür, dass die bei sozialen Interaktionen von Primaten wichtige Blickrichtung von Weitem zu erkennen ist und die sexuelle Attraktivität wird in erster Linie anhand gut erkennbarer, äußerlicher Merkmale beurteilt, während der Nähe voraussetzende Geruchssinn an Bedeutung verloren hat. Die Biologie des Menschen kennzeichnet ihn als Distanztier.

    Selbst die Entwicklung der für die Kulturfähigkeit des Menschen so wichtigen Sprache könnte also ursprünglich lediglich eine Reaktion auf die Werfer-Anpassungen gewesen sein. Die Annahme, dass die Kulturfähigkeit des Menschen ein Nebenprodukt der Werfer-Evolution, also eine Exaptation ist, ist viel besser geeignet um Gehirnwachstum und archäologischen Befund miteinander zu vereinbaren als die Annahme, dass es sich bei der Kulturfähigkeit selbst um die Anpassungsleistung gehandelt hat, die das Gehirnwachstum vorantrieb.

    5) Homo erectus ist nicht nur durch körperliche Anpassungen an das Werfen und ein wachsendes Gehirn gekennzeichnet, sondern auch durch die Entwicklung eines ausgesprochen robusten Skeletts und Schädels. Ich habe diese anatomischen Merkmale 1999 als Anpassungen Interpretiert, die das Verletzungsrisiko durch geworfene Steine verringerten. Leider wurde diese These bisher nicht auf die Probe gestellt, obwohl sie sich mit forensischen Methoden gut überprüfen lassen sollte. Nachdem Neil Roach und Richard Young durch ihre Untersuchungen meine Kernhypothese bestätigt haben, dass die Anpassungen an das Werfen eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung des Homo erectus gespielt haben, sollte die Klärung der Frage, welche Funktion die Robustizität des Homo erectus besaß, Priorität bei der weiteren Erforschung der Menschwerdung erhalten.
    Ich sehe in dieser Robustizität einen Beleg für die von mir propagierte, zentrale Bedeutung von Revierkonflikten für den Prozess der Menschwerdung in den letzten zwei Millionen Jahren. Ein Wettrüsten erklärt die enorme Dynamik dieses Prozesses. Unter Berufung auf dieses Szenario habe ich 1999 postuliert, dass der späte Homo habilis ein besserer Kandidat für das erste Verlassen Afrikas sei, als der fertige Homo erectus. Noch im gleichen Jahr, vor allem aber drei Jahre später tauchten in Dmanissi Fossilien auf, die diese Voraussage bestätigen.

    Revierkonflikte ergeben sich aus der Konkurrenz um beschränkte Ressourcen. Die Konkurrenz ist umso höher, je größer der Reproduktionsüberschuss ausfällt. Daher sind die Revierkonflikte in den Habitaten am intensivsten, in denen die günstigsten Überlebensbedingungen herrschen. Unsere Vorfahren, die sich ursprünglich in Afrika entwickelt haben, kamen dort auch in der Folgezeit am besten zurecht. Dies erklärt, warum in den letzten zwei Millionen Jahren immer wieder afrikanische Populationen einen Entwicklungsvorsprung aufbauten und expandierten. Wenn Klimaschwankungen oder die Herausforderungen der Jagd der entscheidende Evolutionsmotor gewesen wären, hätten sich eher die Bewohner gemäßigter Breiten durchgesetzt.
    Nur die letzte und größte Expansionswelle gehorchte wohl anderen Regeln. Die Entwicklung des Homo sapiens stand im Zeichen der sich nun Bahn brechenden kulturellen Evolution. Die Überlegenheit der kleinen, afrikanischen Homo-sapiens- Population, deren Nachkommen die Welt eroberten, beruhte vermutlich nicht auf einem biologischen Entwicklungsvorsprung, sondern auf einer neuen, kulturell entwickelten Gruppenstruktur.
  • Antwort der Autorin

    05.03.2015, Elisabeth Stachura
    Sehr geehrter Herr Koslowski,
    vielen Dank für Ihre Hinweise. Die gemeinten physiologischen Abbauprodukte sind glykosylierte Endprodukte, im Englischen "advanced glycation end products", kurz AGEs genannt. Folgende Studie beschäftigt sich mit diesen im Zusammenhang mit Arthritis: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15987483 und eine weitere belegt ihre Ausscheidung bei sehr langen Fastenkuren (bei Patienten, die unter rheumatischen Erkrankungen leiden): http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=iwashige+fasting. Die Sache mit der Darmspülung ist allerdings schwierig zu belegen, da Hunger subjektiv wahrgenommen wird. Sind wir beispielsweise mit Freude mit etwas beschäftigt, vergessen wir manchmal das Hungergefühl, obgleich wir "unterzuckert" sind. So berichteten Fastende darüber, nach einer Darmspülung keinen Hunger mehr zu empfinden - im Vergleich zu Fastenden, die sich nicht dieser Prozedur unterzogen. Weiterführunde Informationen dazu finden Sie hier: Stange & Leitzmann, 2010, S. 167–198.
  • Daten, Zahlen, Fakten

    05.03.2015, Ekkehard Bronner
    Der Beitrag gibt eine Ahnung von den damaligen Zuständen.
    Nun frage ich mich aber:
    Wie viele Menschen brauchte es, eine derartige Pyramide und den handwerklichen Schmuck herzustellen?
    Wie viel subsidiäre Leistung haben diese Menschen verbraucht (Essen, Trinken, Kultur (auch "Sklaven" haben kulturelle Ansprüche, sonst leisten sie nichts (zu Recht)))
    Ich werde mich freuen, wenn diese Artikel neben Spekulationen zu Gottkönigen auch Berechnungen zur physischen Realität bereithalten werden.

    Ekkehard Bronner
  • Nichts Neues

    04.03.2015, Walter Weiss, Kassel
    Wenn sich - was evolutionslogisch richtig ist - eine zur Bewältigung der Umwelt besser geeignete Mutation ergibt, dann selbstverständlich nur in EINEM Menschen, also nicht gleich in einer ganzen Gruppe von Menschen oder gar parallel auch in einer anderen Gruppe. Je kleiner die Gruppe ist, der der ŒGewinner¹ angehört, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Mutation in der Gruppe durch Vererbung verbreitet, also nicht in einem großen Pool gleich wieder untergeht.

    Das ist die selbstverständliche Ausgangsposition - die ich indessen in diesem Text vergeblich suche.

    Wenn tatsächlich eine solche konkrete Mutation unabhängig in mehreren Gruppen auftaucht, was der Verfasser wohl - ich denke: zu Recht - voraussetzt, muss man diese Möglichkeit schon einmal ganz streng genetisch begründen. Auch eine solche Begründung vermisse ich. Sie könnte darin bestehen, dass Mutationen bevorzugt an ganz bestimmten Stellen im Genom ansetzen, also durchaus nicht völlig beliebig an allen nur denkbaren Stellen. Statistisch - und es steht ja eine sehr lange Zeit für solche Erscheinungen zur Verfügung - dürften also ganz bestimmte konkrete Stellen im menschlichen Genom besonders anfällig für solche Mutationen gewesen sein. Und auf diese Weise könnte es zu gleichen Parallelmutationen gekommen sein.

    Unter diesen Aspekten ist der Untertitel der Textüberschrift überhaupt nichts Neues, sondern selbstverständlich - wozu dann dieser Artikel überhaupt?
  • Ganz besonders dunkle Materie löst solche Artikel aus

    04.03.2015, Yael Schlichting
    Ich würde es durchaus verstehen, wenn eine Ansicht in Peter Mosleitners Magazin veröffentlicht würde, aber in einer seriösen publikation hat sowas nichts zu suchen.
    Dunkle Materie löst Vulkanausbrüche aus..... ts ts ts
  • Ein bisschen Butter hilft

    03.03.2015, Christian Amling, Quedlinburg
    Für die Beherrschung des Teekanneneffekts müssen nicht unbedingt Scharen von Physikern jahrzehntelang zum Einsatz kommen, wie es Herr Schlichting beschreibt. Keramiker kennen hier einen einfachen Trick (den Sie auf jedem Töpfermarkt erfahren können). Um die Oberflächenspannung an der Abrisskante der Austrittsöffnung herabzusetzen, wird direkt an dieser Stelle eine winzige Menge Butter mit der Fingerspitze unter die Tülle geschmiert. Ab sofort fließt der Strahl in schönem Bogen aus der Tülle, unabhängig von ihrem Neigungswinkel oder der Temperatur der Flüssigkeit. Das Ergebnis ist nachhaltig und lang anhaltend, es gilt für Steingut-, Steinzeug-, Porzellan-, Glas- sowie emaillierte oder blanke Metallkannen mit Tülle oder Schnepfe! Probieren Sie es selbst aus! Es kostet auch gar kein Geld! Viel Spaß!
  • Komplexe selbstorganisierende Prozesse

    02.03.2015, Harald Huber, Remseck
    Vielen Dank für den interessanten Artikel. Die Ergebnisse von Lein und Hawrylycz sind sicherlich beeindruckend. Die Schlussfolgerung jedoch, die frühere Annahmen verschiedener, räumlich strukturierter Aktivitäts- oder Funktionszentren, die bei verschiedenen Individuen ähnlich oder gleich strukturiert seien, würden durch diese Ergebnisse widerlegt, erscheint mir zu rasch und nicht wirklich begründet oder zumindest in dieser Absolutheit nicht angebracht.

    Es sind eine Vielzahl beispielsweise selbstorganisierender Prozesse denkbar, die zu einer strukturierten Funktionsverteilung im Großhirn führen und die dennoch nicht zwingend unterschiedliche genetisch bedingte Verhaltensprogramme der einzelnen Zellen bedingen. Bei genetisch bedingt ähnlichem Verlauf der individuellen Entwicklung werden die Funktionszentren auch ähnlich lokalisiert.

    Es ist sicherlich zu kurz gegriffen zu vermuten, der "Modulaufbau" des Gehirns wäre in den Genen abgelegt. Hier dürften komplexere Prozesse zum Tragen kommen.
  • Vom Sinn der Urknallhypothese

    02.03.2015, Christian Amling, Quedlinburg
    Ich fand es sehr interessant, in diesem Artikel endlich einmal eine gewisse Kritik an der Sinnhaftigkeit der Urknallhypothese zu erahnen. Ich glaube, es wäre an der Zeit, eine geeignete Korrelation zwischen den Leistungsmöglichkeiten des menschlichen Gehirns und der Größe des uns bekannten Universums herzustellen. Dazu ein (grobes) Gedankenexperiment: Das Universum sei so groß wie ein Dreifamilienhaus, also die Sonnensysteme sind so groß wie Atome, die Planeten vielleicht so wie deren Kerne oder wie Neutronen. Das menschliche Gehirn mit seinen 15 Zentimetern Ausdehnung käme in diesem Maßstab etwa auf ein Quarkteilchen. Meint wirklich jemand im Ernst, dass dieses Quark, das noch dazu erst vor einigen tausend Jahren aus irgendeiner Savanne getragen wurde, das gesamte Dreifamilienhaus erkennen kann?
    Ich persönlich halte es da mehr mit der Aussage: Die Urknallhypothese ist das Zugeständnis der modernen Physik an den Vatikan! Dazu fand ich übrigens vor einigen Monaten in einem Ihrer Hefte den Nebensatz, dass der Begründer der Urknallhypothese ein belgischer Jesuitenpater sei …
  • Denguefieber-Erfahrung

    27.02.2015, Herr Mzner
    Ich würde mir wünschen, dass dieser Test schnell auf den Markt kommt und dann auch weltweit anerkannt und eingesetzt wird. Ich selbst litt vor geraumer Zeit am Denguefieber (Mein Bericht www.denguefieber-erfahrungen.de ) und wurde zuerst negativ getestet.

    Auf das Ergebnis musste ich einige Tage warten, der zweite Test brachte dann zwar Gewissheit, allerdings hatte ich diese auch schon, aufgrund meiner körperlichen Verfassung.

    Leider handeln einige Ärzte (in meinem Fall im Ausland) erst dann, wenn sie die Anweisung schwarz auf weiss haben.

    Vielen Dank für den Artikel.
  • etwas grundsätzliches:

    26.02.2015, michael markwardt
    aus dem verlinkten nature-artikel: "Obtained by Greenpeace through a Freedom of Information Act request and released by an affiliated group, the documents include research contracts and describe specific commitments that Soon and the CfA, based in Cambridge, Massachusetts, made to corporate funders. "
    greenpeace, die multimillionen dollar von energieunternehmen bekommen, und dies auch gern verschweigen, machen dr. soon einen vorwurf weil er sich von den selben quellen finanzieren lassen hat?
    ***
    der IPCC wird von shell und co gefördert, doch davon steht nix in den dokumenten.
    ***
    dr. soon konnte bis jetzt scheinbar fachlich nicht widerlegt werden, denn dann müsste keine hetz-kampagne gegen ihn gestartet werden.
    sie haben aber insofern recht, das dr. soon die finanzer's seiner arbeit hätte offenlegen sollen. und wenn man seine arbeiten zum einfluss der sonne durchliest, dann kann man sicherlich auch fragen was für ein interesse energieunternehmen daran haben könnten (fragen sie mal einen netzbetreiber, wie die sonne da so reinstört ;) ).

    das alles hat aber keinen einfluss auf sein 'Models run Hot' paper, welches der grund ist weshalb greenpeace nun hinter im her ist.
  • Auf den Boden?

    26.02.2015, Manfred
    Man könnte sich natürlich auch kurz nach vorne beugen und einfach auf den Boden niesen, da ist es egal, wie schnell das Sekret trocknet ...