Spektrum: Herr Professor Ehlers – wie gültig ist Newtons Gravitationsgesetz?

Prof. Dr. Jürgen Ehlers: Newtons Gesetz ist eine Aussage nicht nur über unser Planetensystem, sondern auch über andere Doppel- und Mehrfachsysteme von Körpern, die in einem bestimmten Größen- und Genauigkeitsbereich als eine richtige Aussage über die Natur aufzufassen ist. Sie ist zwar in Feinheiten korrigiert und ergänzt worden durch die Allgemeine Relativitätstheorie, doch das hat überhaupt nichts daran geändert, dass diese Erkenntnis ein für alle Mal dasteht. Sie gilt unabhängig davon, in welchem Kulturkreis sie zu Stande gekommen ist und von welchen speziellen Menschen sie erfunden wurde.

Spektrum: Herr Professor Stichweh – "ein für alle Mal": Wie reagieren Sie auf so etwas?

Prof. Dr. Rudolf Stichweh: Die Frage ist, wovon wir sprechen. Sprechen wir vom Text der "Principia mathematica" und von dem, was wir da lesen – was ja kaum jemand getan hat; das Buch war schon bei Erscheinen "unlesbar", weil die archaische mathematische Darstellungsform für die meisten Zeitgenossen nicht mehr nachvollziehbar war. Was meinen wir, wenn wir sagen, das ist gültig für alle Zeit? Reden wir über den Text eines Buches, so wie es 1687 erschienen ist, oder reden wir über das, was ein Physiker heute sagt, der eine Selektion vornimmt und gewisse Dinge nach wie vor für gültig hält?
Das ist der Unterschied, der praktizierende Naturwissenschaftler und Historiker voneinander trennt. Naturwissenschaftler nehmen rationale Rekonstruktionen vor, und denen sprechen sie Überzeitlichkeit zu. Der Wissenschaftshistoriker liest zeitgenössische Texte und findet in den Originalquellen auf einmal nicht mehr die geordnete Abfolge wachsender Einsicht, die Sicherheit des Fortschreitens, sondern unverständliche Begriffe, eigent&uu