Sprachevolution
Mensch, du alte Plaudertasche!
Sprache entstand nicht als Vehikel für den Wissensaustausch, sondern weil unsere Vorfahren damit am effektivsten soziale Beziehungen pflegen konnten. Das glauben immer mehr Forscher - und rütteln so an einem alten Dogma.
Zigtausend Jahre später das gleiche Bild: Was bringt uns dazu, bei so vielen Gelegenheiten lieber Nichtigkeiten von uns zu geben, anstatt tatsächlich Relevantes zu besprechen – oder eben nichts zu sagen? Das großartige Werkzeug der Sprache, unsere Wunderwaffe zum Austausch von Gedanken und Informationen – missbraucht für leeres Palaver? Irrtum, glauben viele Sprachforscher, die in der sozialen Beziehungspflege den eigentlichen Sinn und Zweck unseres Sprachtalents erblicken. Das fast körperliche Unbehagen, das uns Momente der Sprachlosigkeit bereiten, zeigt, wie tief in uns das Bedürfnis wurzelt, zu reden, zu plaudern, zu grüßen oder sich anderweitig mitzuteilen

Jan Dönges ist Linguist und freier Wissenschaftsjournalist in Heidelberg.
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1. Ergänzung zur Literaturliste
16.09.2008, Ingo Bading, Berlin2. "Laute von sich geben" vs. "Sprechen in einer Sprache"
20.10.2008, Ingo-Wolf Kittel, AugsburgDie in dem Artikel angeführte Annahme klingt logisch und stellt überdies die m.W. einzige empirisch sinnvolle These dar, "dass sich unsere Sprachbeherrschung schrittweise aus primitiveren Kommunikationsformen" wie diesem angeborenen Lauteerzeugen als einer der vielen Formen biologisch verankerten Signalverhaltens entwickelt hat. Weniger logisch erscheint demgegenüber die Annahme, die Aufklärung der anatomischen Entwicklung des menschlichen Kehlkopfes und der hirnphysiologischen Voraussetzungen seiner Betätigung etwa zum Schreien könnte zum Verständnis von Ursprung und Entwicklung menschlicher Sprache etwas beitragen.
Entscheidend dürfte vielmehr die Frage sein, welche Umstände bei einem Lebewesen wie dem Menschen mit seinem ausgesprochen vielfältigen natürlichen Möglichkeiten, sich gegenseitig auf Befindenszustände und Reaktionsimpulse aufmerksam zu machen, Anlass und Bedingung dafür waren, darüber hinaus auch noch ein selbstgeschaffenes und sozial stets auf neue und komplett zu vermittelndes Signalsystem zu entwickeln. Das ist umso erstaunlicher, als es ja zu dem enormen Aufwand zwingt, dass sich jeder Menschen dieses, in interaktionellen Zusammenhängen zunächst allein im Hören zu erfassendes System in kommunikativ ausreichendem Umfang erst einprägen und praktisch erfolgreich einüben muss.
Nach den Überlegungen des Princeton-Psychologe Julian Jaynes zur "Evolution der Sprache" ("Annals of the New York Academy of Science" Bd. 280, S. 312 ff., "Der Ursprung des Bewusstseins" 1993, S. 163 ff.) dürfte die Sprachentwicklung durch den Übergang von "unwillkürlichen" Aus-Rufen zu intentionalen Zu-Rufen in Gang gekommen sein, also in interaktiven Zusammenhängen mit Aufforderungscharakter. Vor allem bei Kindern sind solche gut vorstellbar, etwa bei Versuchen sie anzuregen etwas mit- oder nachzumachen.
Der entscheidende Schritt "auf dem Weg zur Sprache" ist dagegen rein psychologischer Art. Es ist verwunderlich, dass dieser Umstand kaum beachtet und reflektiert wird.
Menschen müssen unter Bedingungen, wegen denen Lautsignale immer nützlicher, wenn nicht sogar nötig wurden, irgendwann angefangen haben, gleichartige Lautfolgen regelmäßig mit immer denselben zunächst immer nur situativ erfassbaren Intentionen zu verbinden. Nur dadurch kann es zu einer gedächtnismäßig ausreichend sicheren Verankerung der "Verbindung" von an sich beliebigen Lauten oder Lautfolgen mit jenen sinnlich(!) vermittelten Eindrücken gekommen sein, die sich im situativen Erleben eingeprägt hatten - zusammen mit dem als jeweils intendiert Erlebten oder Erfassten und dabei ggf. auch Bezeichneten!
Erst dann und nur dann kann das für Sprache typische Phänomen auftreten, dass sich beim bloßen Wiederhören dieser Lautfolgen zu einem anderen und dann immer späteren Zeitpunkt und vor allem auch noch in ganz anderen Situationen mehr oder weniger zuverlässig auch die damit "assoziierten" Erinnerungen einstellen, die nötig sind, um sich den, treffender Weise als "Sinn" bezeichneten Gehalt oder "Inhalt" des Gesagten vorzustellen, also das damit Gemeinte oder Intendierte. (Zur Rolle von Vorstellungen beim Reden und Sprachverstehen s. Kapitel 12 "Bedeutung" in dem Buch "Das geistige Auge" von Colin McGinn, Darmstadt 2007, S. 163 ff.)
Nach meinem Eindruck wird dieser eminent psychologische Zusammenhang bei Reflexionen auf die "Entstehung" und Eigenart von SPRACHE selten berücksichtigt, wenn er überhaupt bekannt ist oder erkannt wird. Die Tatsache, dass die Erfindung der Schrift bereits vor etwa 5000 Jahren gezeigt hat, dass für Sprache Sprechen weder nötig noch wesentlich ist, hätte neben der Tatsache, dass Sprachen auch ineinander "übersetzbar" sind, schon lange darauf hinweisen können, dass bloßes und beliebiges Lauteerzeugen nicht das ist, worauf es bei Sprache ankommt.
3. Leider ohne Quellenangabe ...
30.04.2009, Ingo-Wolf Kittel, Augsburg (FA für pt. Medizin)4. Literaturhinweis: Jonas & Jonas: "Das erste Wort"
13.07.2009, Peter WinklerErste Indizien, die sie auf diese Spur führten, waren die wesentlich geringere Anfälligkeit für Sprachstörungen bei Frauen und Mädchen und damit in Kontext gebrachte Fakt der genetisch fundierten emotionalen Mutter-Kind- Bindung via Plappersprache in den ersten Monaten des Kindes. Ein äußerst lesenswertes Buch, das leider nur noch antiquarisch erhältlich ist. Ein Artikel, der einen Überblick über diese spannenden Untersuchungsergebnisse gibt, erscheint 2010 im Carl-Auer-Verlag in dem Buch "Ich spreche also bin ich".
Weitere Literatur zu den Paläoanthropologischen Ansätzen von Jonas und Jonas ist gerade wieder neu aufgelegt worden:
Jonas A.D. u. Jonas D.F.: "Signale der Urzeit" (2009) im Huttenschen Verlag 507
Peter Winkler
Dipl.Psych., Psychologischer Psychotherapeut
5. Neuer Artikel zur Sprachentstehung
08.06.2010, Peter Winkler, StuttgartFür evolutionär Interessierte auch zu empfehlen:
Jonas & Jonas: "Signale der Urzeit - Archaische Mechanismen in Medizin und Psychologie"
sowie
Winkler: "Eigensprache - Körpersymptome verstehen mit Evolutionärer Psychosomatik und Idiolektik - Seminare mit A.D. Jonas"
beides ebenfalls beim Huttenschen Verlag 507:
http://www.huttenscherverlag507.de/
6. Ergänzung zu meiner vorstehenden ersten Zuschrift
08.05.2013, Ingo-Wolf Kittel