Springers Einwürfe
Lehren aus Fukushima
Michael Springer
Kein Wunder, dass sich in der Fachwelt bald Kritik am deutschen Ausstieg regte: Die Verhältnisse, unter denen ein Erdbeben der Stärke 9 und ein vernichtender Tsunami auf einen Schlag sämtliche Kühlsysteme lahmgelegt hatten, seien nie und nimmer auf Deutschland übertragbar. Um die Betriebssicherheit heimischer Anlagen stünde es nach Fukushima keinen Deut schlechter als vorher. "Es gibt somit keinen sicherheitstechnischen Grund, deutsche Kernkraftwerke vorzeitig abzuschalten", schrieben vier ausgewiesene Experten für Reaktorsicherheit in der Augustnummer dieser Zeitschrift

abrufen

1. Zurück zu den Sachfragen
29.09.2011, Dr. Wolfgang Monninger, Essenhochradioaktiver Müll über einen Zeitraum von einer Million (!) Jahren sicher aufbewahrt werden müssen. Offenbar geht dies weit über das menschliche Vorstellungsvermögen hinaus. ABER: Große Salzstöcke in tektonisch stabiler Umgebung (unter anderem Gorleben) liefern eine Lösung - sie bieten gegenüber einer Endlagerung in Tonformationen oder Tiefengesteinen (wie Graniten) generell die besseren Möglichkeiten.
Die Bewegung eines Salzstocks in der geologischen Vergangenheit lässt sich sehr genau aus der Konfiguration der überlagernden Schichten ablesen. Diese erlaubt eine zuverlässige Prognose der Bewegung des Salzstocks in der Zukunft. Wenn man zum Beispiel für Gorleben eine Aufstiegsrate von 1/10 Millimeter pro Jahr (die höchste und damit "gefährlichste" Rate in den letzten zwei Millionen Jahren) zu Grunde legt, erhält man nach einer Million Jahren (so lange soll Gorleben sicher sein) einen Aufstieg des Salzstocks und damit der eingelagerten radioaktiven Abfälle von 100 Metern. Es ist kein Problem, die Endlagerungsteufe so tief zu platzieren, dass aus diesem Aufstiegsbetrag kein Problem erwächst, zumal massives nutzbares Steinsalz bis zu eine Teufe von über 3000 Metern vorliegt. Das Niedersächsische Becken ist tektonisch sehr ruhig. Sollte, wenn der Teufel es will, aus heute nicht erkennbaren Gründen ein Erdbeben eine Störung von einem(?) Meter Sprunghöhe mitten durch das postulierte Endlager schlagen, so würde eine offene Kluft durch das Steinsalz sehr schnell verschlossen werden, da Steinsalz plastisch reagiert. Zwar ist die Plattentektonik noch eine relativ junge Wissenschaft, die meisten offenen Fragen aber betreffen die Plattenränder, nicht eine Position im Inneren einer Platte wie im Fall von Gorleben und ähnlichen.
Wichtig für die Endlagerung ist, dass die einzelnen Fässer
(Pollux-Behälter, Durchmesser zirka 1,50 Meter) in der Mitte der Salzstocks eingebracht werden. Dort gibt es radial nach allen Seiten auf mehrere 100 Meter massives Steinsalz. Es ist ohne Weiteres möglich, die komplizierten Randbereiche zu meiden, wo problematische Gesteine wie Anhydrit vorliegen (siehe "Endlager" Asse) und wo Taschen von Formationsfluiden unter Druck angetroffen werden können, zumal dann, wenn man die Fässer als einen langen Turm bis zu einer Teufe von zirka 3000 Metern übereinanderstapelt. Bei dieser Lagerung sind die Fässer sicher. Zusätzlicher Vorteil: Bei der Einlagerung als Turm ließen sich die Fässer kostengünstig wieder herausholen, falls neue Techniken (zum Beispiel Transmutation, Wiederentdeckung des Mülls als Wertstofflager) irgendwann einmal dies erwünscht erscheinen lassen.
Eines aber ist klar: Die Castoren können nicht eine Million Jahre im Freien stehen bleiben. Es ist allerhöchste Zeit, dass wir von der hochemotionalisierten Diskussion wieder zurück zu den Sachfragen kommen.
2. Keine einseitige Polemik, bitte!
06.10.2011, Axel SigwartAußerdem ist die Behauptung, es gäbe noch nirgends eine „akzeptable Lösung für das Endlagerproblem“ so nicht richtig. In Finnland, in der Schweiz und in Schweden werden gerade Lösungen umgesetzt – fragt sich nur, was Herr Springer mit „akzeptabel“ meint!
Der Schlusssatz mit seiner rhetorischen Frage ist in zweierlei Weise naiv – und für ein wissenschaftliches Magazin wie Spektrum der Wissenschaft völlig inakzeptabel! Die chemische Industrie erzeugt abertausende Tonnen giftigen Abfalls, der tatsächlich über geologische Zeiträume hinweg gefährlich bleiben wird, behandelt man ihn nicht. Radioaktiver Abfall zerfällt von allein und müsste lediglich auf das Niveau einer Uranerzmine gesenkt werden, was durchaus mit bestimmten Techniken möglich ist! So würde ein Abfall entstehen, der in wenigen hundert Jahren – also in überschaubarer Zeit – irdischen Verhältnissen gleichkommt. Warum weiß Herr Springer davon nichts – ein betrüblicher Umstand nicht nur für ihn, sondern für Spektrum der Wissenschaft!
Gerade Spektrum der Wissenschaft sollte es sich zur Aufgabe machen, keiner einseitigen Polemik gegen Kernenergie Raum zu geben, wie dies Herr Springer tut, sondern eine zwar kontroverse, aber wissenschaftlich bestimmte Darstellung liefern, in der einerseits die technische Seite beleuchtet wird, andererseits der bisweilen höchst unsachliche Umgang mit diesem Thema in Presse und Fernsehen. Denn gerade hier liegt in Deutschland einiges im Argen!
Der Ausstieg Deutschlands wird jedenfalls die Frage zur Behandlung des Abfalls in keiner Weise einer Antwort näher bringen! Das sollte sich eigentlich auch Herr Springer sagen können!
3. Unzureichende Teillösungen
10.10.2011, Jörg Michael, HannoverEin weiterer Punkt, der in Bezug auf Radioaktivität zu beachten ist, besteht darin, dass die "nackte" Strahlendosis alleine wenig Aussagekraft hat. Man beachte nur, dass Krebspatienten bei einer Strahlentherapie routinemäßig im Laufe von mehreren Wochen bzw. Monaten eine kumulierte Strahlendosis abbekommen (und im Regelfall auch überleben), die als Einzeldosis verabreicht mehr oder weniger tödlich wäre. Wenn diese Dosis über einen hinreichend langen Zeitraum verteilt wird, hat der Körper offensichtlich Zeit, sich zwischendurch wieder ausreichend zu erholen. Ich will damit nicht sagen, dass Kerntechnik harmlos ist, sondern nur, dass es bei jeder Technik Risiken gibt. "There is no free lunch", wie die Engländer sagen.
4. Technologie im wahrsten Sinn des Wortes zu "heiß"
12.10.2011, Peter Franke, CelleNochmals meinen aufrichtigen Dank für die für jedermann verständliche Argumentation.
5. Kompetenz der Ingenieure
14.10.2011, Prof. Dr.-Ing. Joachim Böcker, BerlinProf. Dr.-Ing. Joachim Böcker
Universität Paderborn
Fakultät für Elektrotechnik, Informatik und Mathematik
Leistungselektronik und Elektrische Antriebstechnik
6. Sauber informiert und analysiert
28.10.2011, Wolfgang Fischer, Schlägl (Österreich)7. Klärungsbedarf
02.11.2011, Otto Schult, JülichDer von unserer Regierung beschlossene kurzfristige Kernenergieausstieg ist falsch. Er ist antieuropäisch und widerspricht der globalen Energiestrategie. Herrn Springers Aussage „darf es kein Atomprogramm ohne langfristig geplante Endlagerung geben“ bedarf der Klärung. Kernenergie, die mit Reaktionen des Atomkerns zu tun hat, und Atomenergie, die auf Prozesse in der Elektronenhülle zurückzuführen ist, wie jede chemische Reaktion, also auch die Verbrennung von Kohle oder Treibstoff im Automotor, sollte man sauber trennen. Herr Springer weiß das sicherlich. Die Forderung von Dr. Springer bedeutet, dass man auch aus dem Automobilverkehr aussteigen muss und alle Kohlekraftwerke abzustellen sind. Denn das Problem der „Endlagerung“ von Kohlendioxid ist ungelöst. Der Straßenverkehr bedeutet im Verlauf eines Menschenlebens allein in Deutschland rund 300 000 Tote und ein vieles mehr an Verletzten. Das wird besonders von den Nachrichtensprechern beim Fernsehen kaum erwähnt, denn das Auto ist des Deutschen liebstes Kind.
Dass der Ausstieg aus der Kernenergie langfristig richtig ist – und zwar global – wird jedem klar, der sich im Internet darüber informiert, wie lange wir auf Öl, Gas und Kohle, oder auch Kernenergie zurückgreifen können um unseren weltweiten Energiebedarf zu decken. Langfristig (mehr als ~1000 Jahre) haben wir nur Wasser, Wind und Sonne. Kurzfristig falsch war auch die massive Subvention von Photozellen auf unsern Dächern und sogar Feldern (Brot für die Welt?). Bei uns scheint die Sonne nicht so intensiv wie in südlichen Ländern. Offenbar geschieht der Aufbau von Off-Shore-Windenergieanlagen auch überhastet, was Pannen beweisen. Solide Forschung und Entwicklung aus Steuermitteln und nicht durch Zwangsbeglückung des Stromverbrauchers ist die richtige Politik. Solide Politik beansprucht Zeit, die verfügbar ist, globales Denken und weltweite Kooperation. Da haben wir alle Nachholbedarf.
8. Durch Erfahrung und Irrtum lernen
29.02.2012, Gerhard Rudolf, Bad Homburg v. d. HöheSolide langfristige Politik ist langfristig vonnöten, gerade auch in der Energiefrage. Da hätte ich ein Plädoyer für nachhaltige Energieerzeugung erwartet, die Sie langfristig ja auch befürworten. Langfristige Politik auf die lange Bank zu schieben aber erscheint, mit Verlaub, wie eine allzu bekannte Mogelpackung.
Da Sonnenenergie auf Dauer im Überfluss verfügbar ist, plädiere ich vor allem für diese Energiequelle und -form. Ich habe es immer für ieal gehalten, dass der größte Fusionsreaktor, den es im Umkreis von Lichtjahren gibt (und jemals geben wird), im sicheren Abstand am Himmel kreist und mit der ungefährlichsten Technologie so gut wie überall angezapft werden kann; wenn auch, etwas gefährlicher, via Wasser- und Windenergie. Dass in manchen Gegenden mehr, in anderen weniger einfällt, ist kein Gegenargument, da gerade diese Technologie erfahrungsgemäß durch Massenproduktion und weiter Forschung immer biliger wird. Also kann man nicht früh genug anfangen damit zu pflastern, und ist die weitere Kürzung der Förderung das falsche Signal. Wozu sind Hausdächer und Fassaden gut? Zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen ist immer ein starkes Argument; es ist elegant, da Schönheit und Eleganz eng zusammenhängen, werden Glitzerdächer bald als elegant gelten. Gezielte Förderung ist keine "Zwangsgeglückung", gilt doch Freiwilligkeit, anders als bei Atomanlagen. Das größte Problem dezentraler Energiegewinnung scheint jene andere Unkontrollierbarkeit zu sein, die sie für Energiekonzern bedeutet. Kernenergie erzwingt die zentralste Produktion.
Den nötigen Anschub vorausgesetzt, ist die vollständige Versorgung der Menschheit mit regenerativer Energie nur eine Frage weniger Jahrzehnte (siehe etwa "Emissionsfreie Welt bis 2030", Spektrum der Wissenschaft 12/2009). Haben wir vergessen, mit welch gewaltigem öffentlichen Aufwand die Kernernergie gefördert wurde, und per Entsorgung, (End-)Lagerung und Forschung auf absehbare Zeit gefördert werden muss? Nur ein Energiepreis, der das alles enthält, lässt sich fair vergleichen. Diese Mittel wären anderweitig besser eingesetzt gewesen. Eine regenerative Energiewelt könnte heute schon Wirklichkeit sein. Die Frage nach der Weltsicht in Wissenschaft wie Politik stellt sich nicht nur in diesem Zusammenhang.
In jedem Fall ist Vorreiter- und Vorbildfunktion alles andere als "antieuropäisch". Auch widerspricht sie keiner "globalen Enegiestrategie", die es meines Wissens nicht gibt. Ich vermute, dass Sie damit das allgemeine dem westlichen Vorbil Nacheifern meinen. Lasten zu hinterlassen, indem man auf zukünftigen Fortschritt setzt, ist schlicht unverantwortlich, da dieser stets unsicher ist. Unfälle, Pannen und Fehler sind nicht nur jederzeit möglich, sondern erfahrungsgemäß die Regel. Folglich lohnt es sich umso mehr, auf möglichst ungefährliche Technologien zu setzen. Fukushima war ein Wachrüttler, der im ökologisch sensiblen Deutschland ein kleines Beben ausgelöst hat, das die Welt erfassen sollte.
Nicht planloses, aber schnellstmögliches Umschwenken in der Energiepolitik samt Ausstieg aus der Kernenergie ist daher nur logisch und konsequent und nicht zuletzt dringend erforderlich, schon um nicht noch mehr radioaktiven Abfall zu erzeugen, der ein großes, doch kein "separates" Sicherheitsproblem darstellt, da es von der Kernenergienutzung nicht zu trennen ist. Ein weiteres großes findet sich in Abbaumethoden samt gesundheitlichen und ökologischen Folgen, ein weiteres in der Proliferation von Bombenmaterial. Eine seriöse Kosten-Nutzen-Rechnung muss immer den ganzen Kreislauf einbeziehen.
Wenn die Lebensbedingungen unserer Nachkommen und ihr Bild von uns schon nicht viel gelten, möchte ich hinzufügen. Dass das Verbrennen der fossilen Vorräte hunderter Jahrmillionen in nur wenigen Jahrzehnten das Klima ruinieren muss, liegt auf der Hand, abgesehen davon, dass sie als Rohstoff zum Verbrennen viel zu wertvoll sind. – Alles "nur" eine Intelligenzfrage also? So würde ich es jedenfalls sagen. Sagen wir, Wissenschaft findet Wege, stellt sich Fakten und weiß, dass sie durch Erfahrung und auch durch Irrtum lernt.