Zu Beginn unseres Jahrtausends ging es dann Schlag auf Schlag: 2003 präsentierten Archäologen um Nicholas Conard von der Universität Tübingen einen Pferdekopf, einen Wasservogel sowie einen weiteren, wenn auch winzig kleinen Löwenmenschen. Im Jahr darauf folgte das älteste Musikinstrument der Welt – eine ebenfalls aus Elfenbein geschnitzte Flöte –, 2006 ein vollständiges Mammut und 2007 ein Phallus aus Stein. Die Funde stammen sämtlich aus der Kulturstufe des Aurignacien, das vor etwa 35 000 Jahren die jüngere Altsteinzeit, das Jungpaläolithikum, einläutete.
Die "Venus von Hohle Fels" wurde vor mindestens 36 000 Jahren aus Mammutelfenbein geschnitzt.
Ins Auge fällt sofort, worauf es dem steinzeitlichen Künstler ankam: Mit Liebe zum Detail hatte er (oder sie) einen mächtigen Busen geschnitzt, riesige Schamlippen münden übergangslos in die Pobacken. Arme und Beine erscheinen dafür winzig klein, der Kopf ist gar auf ein ösenförmiges Gebilde geschrumpft. "Es besteht kein Zweifel, dass mit den übergroßen Brüsten, den betonten Gesäßhälften und den Genitalien die Geschlechtsmerkmale der Figur absichtlich übertrieben dargestellt werden sollten", schreibt Conard.
Die Detailaufnahmen zeigen die sorgfältige Verarbeitung der Elfenbeinfigur. Bei den tief eingeritzten Linien entlang des Körpers könnte es sich um angedeutete Kleidung handeln.
Conards Kollege Paul Mellars von der britischen University of Cambridge unterstützt diese Deutung: "Das Füllhorn der kleinen, geschnitzten Elfenbeinstatuetten aus den süddeutschen Fundorten muss als Geburtsstätte einer europäischen – wenn nicht globalen – Tradition echter Bildhauerkunst gewertet werden." [2]
Die kunstbegeisterten Schwaben bleiben somit für ihre Zeit ohne Beispiel – und rätselhafter denn je. Wie aus dem Nichts tauchten die Zeugnisse ihrer Kultur auf. Von den Künstlern selbst fehlt jede Spur, alle bisher gefundenen menschlichen Überreste erwiesen sich als deutlich jünger. Conard ist zwar überzeugt, dass es sich um den aus Afrika eingewanderten Homo sapiens handelte, der vor schätzungsweise 40 000 Jahren den in Europa ansässigen Neandertaler nach und nach verdrängte. "Doch diese Vermutung", betont er, "kann mit den verfügbaren Skelettfunden aus den schwäbischen Höhlen weder bestätigt noch widerlegt werden."

Andreas Jahn ist promovierter Biologe und Redakteur bei GuG. 




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