Eine werdende Mutter müsste ihr Baby ungefähr 18 bis 21 Monate lang in ihrem Bauch tragen, damit sein kognitiver Status bei der Geburt in etwa dem eines neugeborenen Schimpansen entspricht. Warum kommen wir dann schon nach neun Monaten und nicht erst in einem weiter entwickelten Stadium zur Welt? In den Fachbüchern und den Köpfen der Biologen herrschte lange Zeit eine unangefochtene Lehrmeinung: Verantwortlich für den frühen Zeitpunkt sei vor allem der aufrechte Gang des Menschen. Als unsere Vorfahren vor Millionen von Jahren begannen, auf zwei Beinen zu laufen, sei das Becken allmählich schmaler geworden, da dies die aufrechte Fortbewegung vereinfachte. Die Frau müsse das Kind also wegen der anatomischen Form ihres Beckens nach neun Monaten zur Welt bringen, damit sein Kopf noch durch den Geburtskanal passe.
Holly Dunsworth, Anthropologin an der University of Rhode Island, und ihre Kollegen haben jedoch kürzlich eine andere Hypothese entwickelt, die für Aufruhr im anthropologischen Lager sorgte: Verantwortlich sei nicht die Beckenanatomie der Frau, sondern ihr Energiehaushalt
Patrick Spät ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Journalist und Autor in Berlin.
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1. Powern und haushalten
27.03.2013, Walter Weiss, KasselDeshalb überzeugen mich die von den Forschern gezogenen Schlüsse durchaus nicht.
2. Schwangere verhungern nicht
08.04.2013, Dr.med. Josef Peter Kosek, GüterslohDie Hypothese von Dunsworth et al. ist benannt: "energetics of gestation and growth" also Energieumsatz (entsprechend Metabolismus) bei Schwangerschaft (auch Dauer der Schwangerschaft) und Größe (des Fötus, speziell dessen Kopfes). Also nicht, wie in SdW dargestellt, "Energie, Schwangerschaft und Wachstum". Das ist doch ein wesentlicher Unterschied.
Dass "eine werdende Mutter ihr Baby ungefähr 18 bis 21 Monate lang in ihem Bauch tragen müsste, damit sein kognitiver Status bei der Geburt in etwa dem eines neugeborenen Schimpansen entspricht", haben die Autoren nach einer Einschätzung von A. Portmann aus dem Jahr 1969 zitiert ("to be born at neurological and cognitive developmental stage"). Zwischenzeitlich sind fast 45 Jahre hocheffektive Neuroscience ins Land gegangen und wir wissen, dass die Verschaltung von Neuronen verschiedener Gehirnabschnitte ein lebenslanger Prozess mit Bahnung und Depression von Informationen ist. Der Mensch verschaltet da ein Vielfaches mehr als Menschenaffen. Somit kann man den Vergleich zwischen Mensch und Schimpansen hinsichtlich neurologischer und kognitiver Entwicklung bei der Geburt und in Relation zur Tragezeit als unhaltbar zu den Akten legen. Es kommt nur zum Teil auf die relative Größe des Gehirns im Vergleich zum Körper zum Zeitpunkt der Geburt an, vielmehr entscheidet, was sich daraus entwickelt.
Die zentrale Aussage des Originalartikels, wonach die Schwangerschaftsdauer nicht von der Relation von Kindsgröße zu mütterlicher Gebärmutter und dem Beckenausgang, sondern von dem Gleichgewicht des Metabolismus zwischen Kind und Mutter abhängt, ist in dieser apodiktischen Form sicher nicht richtig. Werdende Mütter zehren in den letzten Monaten der Schwangerschaft nicht aus, selbst wenn deren Stoffwechsel zu dieser Zeit katabol sein sollte. Sie nehmen durchschnittlich 12 bis 16 kg bis zum Ende der Schwangerschaft an Gewicht zu, wobei dies zur Hälfte einerseits auf den Zuwachs von Gewicht der Gebärmutter, Plazenta, Fruchtwasser, Kind, Brust- und Blutvolumen der Mutter und andererseits auf Zuwachs an Fettgewebe und eingelagertes Wasser im Organismus der Mutter zurückzuführen ist. Schwangere würden nicht verhungern, auch wenn das Kind noch einige Monate länger auszutragen wäre. Sie haben bei der Geburt nach neun Monaten erhebliche Energiereserven angespart.
Schließlich verweisen die Autoren darauf, dass die Gehirngröße der Feten weniger als 30 Prozent jener der Erwachsenen ausmacht, wogegen etwa Schimpansen 40 Prozent an Gehirngröße im Vergleich zu erwachsenen Schimpansen auf die Welt bringen. Der Vergleich ist frei von jeglicher wissenschaftlicher Bedeutung, um nicht zu sagen absurd. Es wird richtig darauf hingewiesen, dass die Gehirngröße Neugeborener fast die Hälfte größer ist als jene von Gorillababys. Selbstverständlich, denn Menschen haben mindestens dreimal so viele Neurone wie Menschenaffen. Aber der erhebliche weitere Zuwachs an Gehirnmasse bis zum Erwachsenenalter kommt nicht durch zusätzliche Nervenzellen zu Stande, denn die bringt jedes Individuum bereits in nahezu voller Zahl bei der Geburt mit sich, sondern durch die noch zu bildenden Synapsen zwischen den Zellen sowie dem Wachsum von Hirnzellen und Gliazellen. Das ist eine lebenslange Angelegenheit.
Würde das Gehirn der Kinder bei Geburt 40 Prozent der Größe jenes von Erwachsenen ausmachen, so wären dies knapp 600 ml Organmasse statt jetzt 450 ml oder 12 cm Kopfdurchmesser statt derzeit 9 cm. Die Autoren halten dies physiologisch für durchaus machbar. Große moderne Frauen könnten solche Kinder gebären. Und es sei die Größe des Kindes gewesen, die die Größe des Beckens der Frau bestimmt habe, nicht die Größe des Beckens begrenze die Maße der Neugeborenen. Hier ist Wissenschaft und Spekulation vermischt. Heutzutage würden weder die Gebärmutter noch die Geburtswege einen derartigen Massenzuwachs unbeschadet aushalten. Die Anatomie der Frau müsste erheblich anders aussehen.
Dass der Geburtstermin, genetisch bedingt, tief greifende hormonelle Veränderungen bei der Frau voraussetzt und der Gebärmuttermund sich erst dadurch öffnet, ist in dem Originalartikel mit keinem Wort erwähnt. Man sollte die "EGG-Hypothese" aus Distanz betrachten.
Was also bleibt von EGG? Es ist eine Hypothese, die noch dazu überhaupt nicht in die heutige Zeit passt, denn die Zahl der Risikoschwangerschaften würde bei diesen Riesenkindern exponentiell steigen. Eine interessante Form der Geburtenregulierung.
3. Volumen- und Durchmesserzunahme
31.05.2013, Dr. Hans Schiefer, Eggersriet (Schweiz)4. Räumlich statt linear rechnen
31.05.2013, Friedrich Kalny, WienAusgangsbasis: Organmasse Köpfe (muss ich für mich als gegeben annehmen): 600 Milliliter anstatt 450 Milliliter, wobei 450 Milliliter einem Kopfdurchmesser von 9 Zentimeter zugeordnet sind
Rechnung: Die größere Kopfmasse entspricht dem 1,333-fachen der Ausgangsbasis
Annahme: Der Kopf vergrößert sich gleichmäßig in allen drei Dimensionen. Daraus folgt, dass sich jede Dimension des Kopfes um die dritte Wurzel aus 1,333... vergroßert
Das ist um Faktor 1,09.... Daher (neuer) Kopfdurchmesser 9,82 Zentimeter
Der Leserbriefschreiber geht in seinen Folgerungen aber von 12 Zentimeter aus(das heißt, es wurde linear und nicht räumlich gerechnet)!
Bedenkt man, dass die menschliche Körpergröße durchaus um plus/minus 15 Prozent und mehr schwankt (Nordeuropa, Afrika, Asien), so scheinen mir plus 9 Prozent zwar beachtlich - aber doch ohne gravierende anatomische Veränderung machbar zu sein!
(Randfälle würde die Evolution aussortieren...)