Spektrum: Wissenschaft basiert auf Zweifeln und Hinterfragen, Religion baut auf Glaube und Dogma. In der Religion ist Glaube eine Stärke, in der Wissenschaft eine Schwäche. Warum also sprechen wir überhaupt über die Beziehung zwischen diesen Welten?
Professor Dr. Eckart Voland: Weil sich Religionen mit dieser Trennung nicht zufriedengeben. Sie erheben den Anspruch, Aussagen über das Sein, also ontologische Aussagen, zu treffen, ohne dabei die Überlegenheit der Wissenschaft gegenüber dem Mythos anzuerkennen. Und da wissen es die Wissenschaften dank ihrer kontrollierten Methoden zwar nicht immer, aber gelegentlich eben doch besser als die Dogmen der Religion. Dadurch entstehen fundamentale Konflikte.
Professor Dr. Dr. Winfried Löffler: Ich stelle die Entgegensetzung – hier Wissenschaft, da alle außerwissenschaftlichen Diskurse – in Frage. Unsere kognitive Verfassung hat drei Schichten. Innen gibt es den Bereich der Wissenschaften, wo wir es mit überprüfbaren Behauptungen zu tun haben. Darum herum liegen sonstiges Orientierungswissen und Grundannahmen. In der dritten Schicht schließlich gibt es weltanschauliche Ausdeutungen, die mehr oder minder rational sein können.


Die Fragen stellten die Spektrum-Redakteure Reinhard Breuer und
Carsten Könneker.
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1. Einige Anmerkungen zum Thema „Wissenschaft und Religion”
23.12.2011, Gerhard WeilandGlaube ist ein willentlicher Akt und bildet ein in sich geschlossenes System. Niemand glaubt versehentlich oder gegen seinen Willen. Wissen dagegen ist offen. Neues Wissen kann alte Überzeugungen über den Haufen werfen, sofern man wissen und nicht glauben will. Herr Voland übersieht aber ein strukturelles Problem. Ein Großteil der Menschen, SdW-Leser eingeschlossen, sind eben nicht Fachleute, die die Erkenntnisse der Naturwissenschaft nachvollziehen können, sondern interessierte Laien. Und denen bleibt dann auch nichts anderes übrig als alles, was über ihre jeweilige Bildung hinausgeht, zu glauben, nur eben den Wissenschaftlern. Wer ist denn in der Lage Einstein, Heisenberg und viele andere wirklich zu verstehen. Deren Erkenntnisse werden der Bevölkerung doch auch mit mehr oder weniger tauglichen Bildern nahegebracht. Selbst viele Wissenschaftler müssen sich auf die Aussage ihrer Kollegen verlassen, da eine Überprüfung der Erkenntnisse wiederum nur einem kleinen Kreis von Forschern mit Zugang zu teuren Instrumenten und langen Verfahren möglich ist.
Eine Form der Argumentation von Herrn Löffler finde ich merkwürdig und auch ärgerlich. Wenn die Theologen an den Unis mit ihrer Interpretation der alten Schriften schon lange über den naiven Gottesglauben hinaus sind, dann frage ich mich, warum nicht die ganze Theologengemeinschaft geschlossen aufsteht und sagt, dass das, was auf den Kanzeln der Kirchen erzählt wird, Mumpitz ist. Denn dort wird immer noch das Bild von dem gütigen oder strafenden „Alten Mann mit Bart”, dem bösen „Mister Smith” Teufel und den strahlenden Engeln weitergegeben. Hier ist der eigentliche Unterschied in der Vermittlungsmethodik der Wissenschaft und der Theologie zu sehen. Wissenschaftler sind immer bestrebt ihre Erkenntnisse der Welt mitzuteilen, ob in Fachpublikationen oder populären Magazinen wie SdW. Die breite Öffentlichkeit soll den Fortschritt in der Erkenntnis miterleben. Bei den Theologen muss man den Eindruck haben, dass Ergebnisse ihrer Tätigkeit am liebsten nur dem kleinen Kreis von anderen Theologen weitergegeben werden. Der Rest der Gemeinde könnte verschreckt werden. Also wird in Kirchen weiter an einem persönlichen Gott, der sich auch um ein Individuum kümmert, mit Riten, Pomp und viel Brimborium gebastelt. Bei den gegebenen Hierarchien aller Religionen: welcher Pfarrer, Rabbi, Imam oder wer auch immer wird da aufstehen und in der Öffentlichkeit sagen, dass alles ganz anders ist.
2. Nur an der Oberfläche
23.12.2011, Erdmute Wittmann3. Streit unter Geschwistern
27.12.2011, Prof. Dr. HE Killer, Suhr (Schweiz)Es handelt sich, um mit Kant zu sprechen, um verschiedene Kategorien. Wissenschaft bemüht sich um Objektivität, Religion bleibt subjektiv. Lediglich als Betrachtungsobjekt von Religionsgeschichte kann sie den Anspruch auf Objektivität erheben. Der Streit zwischen Religion und Wissenschaft ist ein falsch verstandener Streit. Am Deutlichsten wird das in der Polemik von Richard Dawkins, einem typischen Vertreter eines dogmatischen Atheismus. Doch sein extremer Standpunkt lehrt uns etwas Wesentliches. Es kann zwischen Kategorien keine sinnvolle Verständigung geben. Im besten Fall Akzeptanz oder Toleranz. Und da es sich, wie eingangs erwähnt, bei Religion und bei Naturwissenschaft um Phänomene des menschlichen Geistes handelt, deren Ursache in den neuronalen Aktivitäten unseres Gehirns zu suchen ist, werden sie wohl auch weiterhin in Form von Parallelwelten nebeneinander und in uns weiter existieren. Ob sie etwas voneinander lernen können ist fragwürdig. Sicher aber findet immer eine gegenseitige Beeinflussung statt. Religion und Wissenschaft sind wesensungleich aber ursprungsgleich. Unsinnig ist die Polarisierung mit Verkrampften einseitigen Stellungnahmen, denn letztendlich handelt es sich um Geschwister der gleichen Eltern, in diesem Fall dem menschlichen Gehirn, und leider ist Geschwisterstreit eine nicht ganz unbekannte Sache.
4. Religionsphilosoph kontra Naturwissenschaftler
29.12.2011, Klaus Teutenberg, Lindlar5. Weder Religion und Theismus noch Atheismus!
09.01.2012, Dipl.-Pol. Edgar Guhde, DüsseldorfAgnostizismus kann von seinem Wesen her keinen missionarischen Bekehrungseifer entfalten, kein Brandbeschleuniger in politischen und sozialen Konflikten sein, denn Heilsgewissheiten sind ihm fremd. Eifernder Fundamentalismus kann aus ihm nicht erwachsen. Als Werkzeug und Herrschaftsmittel der Politik ist er unbrauchbar.
Dem „offenen“ agnostischen Denken entspricht die „offene Gesellschaft“. Agnostizismus ist ideologiekritisch; aus seinem Unwillen, die Welt im Ganzen zu erkennen und zu deuten, bezieht er die Kraft, jene geschlossenen Denk- und Politiksysteme zu kritisieren, die sich nicht Gründen, sondern Interessen verdanken. Freiheit und Toleranz sind nur dann unverfügbar und unverführbar, wenn sie nicht auf geschlossene Theorien festgelegt werden. Agnostisches Denken korrigiert alle in theoretischer und praktischer Absicht vorgebrachten totalen Geltungsansprüche. Hierin liegt sein rationaler wie humaner Charakter.
Richtig ist gleichwohl: Jean Amery (1912-78) kam als Agnostiker ins NS-KZ und kehrte als solcher zurück – anerkennend, dass „im weitesten Sinne gläubige Menschen“ (wozu er hier auch Marxisten zählt) die Schrecken der Lager selbstsicherer überstanden als dies den skeptisch-humanistischen Intellektuellen möglich gewesen sei.
Letztlich aber gilt (oder sollte gelten), was der Religionskritiker und Gründer der Humanistischen Union Gerhard Szczesny (1918-2002) schrieb: „Ich bin dafür, Menschen nach ihrem Verhalten, nicht nach ihrem Bekenntnis zu beurteilen, und halte Sachlichkeit, Fairness und Geduld, Verständnis und Kompromissbereitschaft für unvergleichlich höhere Tugenden als Parteilichkeit und Eifertum.“
6. Gelungene Fragen und argumentative Antworten
09.01.2012, Herbert Höhnel, Weilheim7. Es ist ja so einfach
10.01.2012, Ulrich DittmannDer daraus folgende, logische Umkehrschluss, "Was du willst, das man dir tu, das füg auch anderen zu", beinhaltet auch das Gebot einer allumfassenden Nächstenliebe zu allen unseren kleinen tierischen Mitgeschwistern, was Albert Schweitzer so trefflich mit vier Worten, als die "Ehrfurcht vor dem Leben" definierte.
Es ist ja so einfach.
Alles ist vielfach gesagt und geschrieben - und auch allen bekannt. Logischerweise wäre ein solches Leben auch im Sinn eines möglichen Schöpfergotts.
Doch offenbar ist der Mensch unfähig, all das in dicken Büchern verstaubende, hehre Gedankengut zu Religionen und Wissenschaften im Alltag umzusetzen.
8. Kann man die Welt kausal beschreiben?
16.01.2012, Alexander Besch, GifhornIm Mathematikstudium habe ich durch das Arbeiten und durch das funktionierende Erzielen von Aussagen mit Gedankenstrukturen, die ich mir nicht vorstellen kann, gelernt, wie beschränkt der menschliche Geist ist, und dass man die Möglichkeit der Existenz von Dingen, die man sich nicht vorstellen kann, akzeptieren kann. Man kann sich nur eine kleinere Intelligenz als die eigene vorstellen, nicht eine größere. Wenn davon gesprochen wird, dass Gott Gebete hört, vergibt, straft, liebt, urteilt, eingreift, Leid geschehen lässt, dann gehen wir doch stillschweigend davon aus, dass Gott eine Person darstellt, ähnlich wie wir es sind, mit nur mehr Macht. Gott in dieser Vorstellung ist ein Abbild des Menschen. Vielleicht steckt hinter Gott doch viel mehr, als was sich über „eine Person“ beschreiben lässt. Vielleicht ist bei Gott auch eine ganz andere Logik und Vernunft als die unsere anzufinden. Eine, in der die Aussage „für jede Religion gilt: sie ist die einzig wahre“ richtig ist. (Das könnte man z. B. auflösen über: der Sinn des Lebens ist es, über den Sinn des Lebens nachzudenken.)
Man kann jedenfalls feststellen, dass die Welt so beschaffen ist, dass uns das Herausfinden von Zusammenhängen innerhalb kleiner Teilaspekte der Realität vergönnt ist. Das ist doch immerhin nett von der Realität, dass sie das zulässt! Genauso aber scheint eine Eigenschaft der Welt zu sein, dass wir das große Ganze bei heftigster Grübelei nicht ergründen. Vielleicht gibt es diese beiden Eigenschaften ja mit Absicht.
Dass die Realität einfach nur ist, ohne Grund und Ursache, kann ich mir nur schwer vorstellen.
9. Erkennen Wissenschaftler Wunder?
16.01.2012, Andreas Pohl, Bronschhofen (Schweiz)Ihre Bemerkung im Interview, Wunder, die gegen die Naturgesetze verstießen, könnten von Naturwissenschaftlern erkannt werden, hat mich stutzen lassen. Auch wenn ich bis anhin kein so offensichtlich materielles Wunder erlebt habe, frage ich mich doch, wie die Wissenschaft ein potenziell einmalig auftretendes und ebenso unerwartetes wie unglaubliches Ereignis erfassen könnte. Im entscheidenden Moment wären sicherlich keine Messapparaturen installiert, oder die Messergebnisse würden als statistischer Ausreißer ausgeblendet, und nachprüfen bzw. reproduzieren ließe sich ja auch nichts mehr.
Müsste die Aussage folglich nicht lauten: Wissenschaftler sind prinzipiell blind gegenüber Wundern?
10. Bewundernswert
19.01.2012, Jörg Wagner11. Wie viel Gramm Metaphysik dürfen’s denn sein? –: Naturalismus und Agnostizismus
20.01.2012, Dr. Josef Klein, BerlinDie Zersetzung des positivistischen Begriffs von Wissenschaft geht geistesgeschichtlich nicht nur einher mit dem Postszientismus (bzw. der Postmoderne) und der Aufkündigung aller erkenntniskritischen und wissenschaftstheoretischen Standards durch den Naturalismus. Freilich ist das Spektrum des Naturalismus breit gefächert, da W. Sellars (mit metaphysischem Anstrich), dort W. v. O. Quine und so weiter. Dabei bleibt bei Quine rätselhaft, wie sein Naturalismus einerseits und seine beträchtlichen Arbeiten zur Logik andererseits zusammen harmonieren sollen. Denn wie Logik und Mathematik empirisch sich herleiten und sonst in der Natur sinnlich wahrnehmbar gründen und per Beobachtung gleich kapitaler Hirsche und Elche im Forst sich bewahrheiten lassen sollen, bleibt Quines und der übrigen Naturalisten Geheimnis. Möglicherweise weiß da die eine Gehirnhälfte nicht, was die andere tut. Bei der Unterhöhlung des Begriffs von den exakten Naturwissenschaften tut das Erstarken der Biowissenschaften ihr Übriges. Zu erinnern wäre etwa an deren Nachweis tierischer Intelligenz bei Experimenten, von denen man sich wünschen würde, dass sie den Härtetest bestehen gleich den epochemachenden Forschungen des nobelpreisverdächtigen Nanophysikers Jan Hendrik Schön. Da haben doch die drolligen Tierchen so liebliche Namen wie Ulla, Udo, Kasimir und Cosima, damit auch noch dem letzten Begriffsstutzigen klar wird, welch groß angelegte Feldstudien die Generalisierung der tierischen Intelligenz bei Hund, Ratte, Affe und Katz belegen sollen, nämlich reduziert auf zumeist ein Exemplar der Gattung. Und so nimmt es nicht wunder, was solcherart in einem westfälischen Hühnerhof Großartiges beobachtet ward. Dort in Westfalen, wo sinnigerweise Voltaires „Candide“ bekanntlich in die Schule von Maître Pangloss am Hof des Leibniz-Land-schlosses von Baron von Thunder ten Tronckh ging, soll es Hennen geben, die beim Aufpicken der Körner tatsächlich ganz artig zählen, ja sogar Additionsspiele um die Wette betreiben und mitunter – als Höchstleistungen in Sachen höherer Mathematik – über den gödelschen Unvollständigkeitssatz sinnieren, indem sie, plötzlich innehaltend, sich hinterm Ohr verlegen mit dem rechten Hühnerbeinchen kratzen. Oder anders gesagt: Man weiß bei diesen Sensationsmeldungen nur allzu oft nicht, was Dressur, was intelligente Versuchsanordnung durch den Menschen und was überhaupt durch andere Experimente empirisch da überprüfbar ist. Aber wir haben eben alle so gerne unseren „echten“ Max Ernst, unseren „echten“ Picasso und unseren „echten“ Mann mit dem Goldhelm (Rembrandt respektive Rembrandtschule) über dem Kanapee hängen. Und ein Naturwunder zur Abwechslung ist doch auch mal schön. Es muss ja nicht immer gleich ein Marienwunder à la Fatima sein – da hätte die Gottesmutter denn wirklich viel zu tun. Aber nicht dass ich etwas gegen die These von der tierischen Intelligenz einzuwenden hätte! Als ich noch Pennäler war, hatte unser Hund zu Hause, ein Foxterrier, Bello geheißen, mein Lateinbuch aufgefressen, ganz wißbegierig, und fortan hat er immerzu Zitate von Tacitus, Caesar, Lukrez, Seneca und Cicero sowie von Sextus Empiricus gebellt, aber so deutlich und klar artikuliert, dass er nicht nur Petronius, den Verschwörer des guten Geschmacks, sondern auch Descartes derart entzückt hätte, dass letzterer über die Tiere etwas anthropomorpher gedacht haben würde. Seit geraumer Zeit weilt Foxterrier Bello indes in den ewigen Jagdgründen und paukt mit Winnetou und Old Shatterhand das Anglerlatein. Auf die Idee, ihm mein Mathematikbuch zu verfüttern, bin ich leider damals nicht gekommen. Sonst hätte ich Quines Naturalismusdoktrin sicherlich verifizieren können. Schade.
Bliebe also der Begriff vom „Naturalismus“. Kein Zweifel, dass das biologische Erkenntnisproblem ein eigenes biologisches Wissensideal zeitigt, das, auf die eigene WissenschaftrRegion begrenzt, neben dem der exakten Naturwissenschaften herläuft, ist mehr als selbstverständlich, nicht aber, dass dies für alle Wissenschaften – gleichgültig ob diese Natur- oder Geisteswissenschaften seien – allgemein-verbindlich sein soll. Den methodologischen Naturalismus, der nur die Naturwissenschaften auf die experimentell und logisch kontrollierbare Erfahrung verpflichtet, wollen wir dahingestellt bleiben lassen. Der „ontologische Naturalismus“ geht indes weiter in seinem Alleinvertretungsanspruch in Sachen Wissenschaft, der einzig der Naturwissenschaft gebühre. Ich kann hier die Widersprüchlichkeit desselben – zudem in all seinen Varianten, sei’s der von W. Sellars, sei’s der von G. Vollmer etc. – nicht im einzelnen ausbreiten.
Aber wie bereits mit dem Hühnerhofbeispiel zur höheren Mathematik angedeutet, ist der starke Begriff vom „ontologischen Naturalismus“ – von dem Christian Tapp meint, dass er der Theologie als Glaubenswissenschaft Kopfschmerzen bereiten würde – schon einmal ein theoretisches Unding, da ein Widerspruch in sich wie jene Figur von der Güte „rundes Viereck“; denn noch nie, seit sich die Erde um die Sonne dreht, war die Ontologie eine Naturwissenschaft, und wird wohl auch nie eine sein. Diese contradictio in adiecto läßt sich selbstverständlich ganz leicht umgehen, indem wir den Namen „ontologischer Naturalismus“ kurz in „starken Naturalismus“ abändern. Aber das hilft nicht viel. Denn alles, was zu diesem Thema überhaupt geschrieben und erörtert wird, ist metatheoretischer Natur und gehört nicht der ersten Natur noch der Objektsprache an. Die metatheoretischen Erörterungen gehören stattdessen der Welt III an – ich verwende nun der Einfachheit halber den Trialismus der Drei-Welten-Theorie von Popper; diese Drei-Welten-Theorie hat, wie Popper (in: Objektive Erkenntnis) zugibt, eine Ähnlichkeit mit Hegels Unterscheidung vom subjektiven und objektiven Geist; nur sei sie enttheologisiert. Welt I ist die Welt der Physik und der Biologie, Welt II ist die Welt des subjektiven Erlebens, Welt III ist die Welt der geistigen Gegenstände und der Gestalten des objektiven Geistes – also das Reich der Wissenschaften, der Mathematik nicht zuletzt, sowie zudem des Rechts etc.
Aber auch in Ansehung dessen, dass es von dem seit Pythagoras, Euklid und Archimedes nicht gerade geringsten Vertreter unter den Mathematikern, Kurt Gödel, einen mathematisch ontologischen Gottesbeweis gibt, der seiner Widerlegung erst harrt, muss festgehalten werden, dass einige Herrschaften da denn doch etwas zu voll den Mund in Sachen „Naturalismus“ als höchstes Stadium des wissenschaftlichen Atheismus nehmen. R. Dawkins geht im „Gotteswahn“ vorsichtshalber oder aus Unkenntnis gar nicht darauf ein; möglicherweise wäre ihm hierzu auch nur eine Sottise (von wegen Wissenschaftsblenderei) eingefallen wie zur Kontroverse Euler versus Diderot. Schon I. Kant muß Dawkins als „Atheisten“ verkaufen, was Kant nie war: Die Gottesbeweise (den ontologischen, den kosmologischen und den physiko-theologischen) hat Kant nur „deshalb“ widerlegt, um seinen eigenen Gottesbeweis, den moralischen mit dem Postulat Gottes, zu installieren (vgl. hierzu J. Klein, Semiotik des Geistes, Buch I, Berlin 2010, S. 761,771). Und ferner wird Frank J. Tipler – als Beiträger zum „anthropischen Prinzip“ – implizit zum Atheisten umfunktioniert und zurechtgebürstet, als ob der nicht sich in einer „Physik der Unsterblichkeit“ versucht hätte. Tiplers wissenschaftlich positives Argument für das Dasein Gottes, auf informationstheoretischer Basis, habe ich – neben dem von C. F. v. Weizsäcker – in der „Semiotik des Geistes I“ (S. 689, 692 ff.) freilich zurückgewiesen. Was Gödel anlangt, so bin ich allerdings selbst nicht der Auffassung, dass das quod erat demonstrandum unter Gödels Gottesbeweis allzu lange Bestand haben würde: Das q. e. d. steht freilich ohnehin nirgendwo darunter. (Ich selbst gehe erst in Buch II der „Semiotik des Geistes“ darauf ein; in SdG I – Berlin 2010 – habe ich mich nicht dazu geäußert.) Gleichwie. Haltbar ist einzig ein methodologischer Agnostizismus.
Auch E. Volands Eingeständnis, Naturwissenschaftler würden notgedrungen nicht voraussetzungslos arbeiten – hierin ganz Popper folgend, dass seine Prämisse vom Realismus nur eine metaphysische sein kann, da sie nicht wissenschaftlich überprüfbar sei (vgl. Popper, Objektive Erkenntnis) –, ist nicht ohne kurios pikante Würze, wenn er meint, trotzdem sei es den Naturwissenschaften vergönnt, empirisch zu arbeiten, obwohl sie gar nicht darüber entscheiden könnten, ob sie nun in einer Simulation leben oder nicht! Da können wir gleich an Wunder glauben. Was ist da noch der Unterschied zwischen kritischer Wissenschaft, Sciencefiction und Lourdes respektive Fatima? (Aber zum Thema Skeptizismus und Simulation habe ich schon im Sommer 2011 einen Vorschlag gemacht, wie externalistisches Wissen trotz des Gehirn-im-Tank-Problems nach Putnam & Brendel möglich ist: www.spektrumverlag.de/artikel/1073683, www.spektrumverlag.de/artikel/1115669 . Und dieser mein Vorschlag erfüllt sogar mit den Sherrington-Formeln die Mindestanforderungen des Galilei-Programms der Mathematisierung der Natur. (Trotzdem trete ich Quines Naturalisierungen der Erkenntnistheorie mitnichten bei, obgleich gerade meine Sherrington-Formeln genau diese wie nichts anderes sonst wohl zu bestätigen scheinen.)
Ähnlich wie Popper (der kein Naturalist ist) und wie Voland für den Realismus räumt für den Naturalismus unter anderem auch Vollmer ein bißchen Metaphysik ein, die sich nicht vermeiden lasse, schon um sich von den großen Systemen der Metaphysik abgrenzen zu können: Aber wie viel Gramm Metaphysik dürfen's denn sein? Wenn Johannes Paul II. äußert, dass der Geist nicht aus der Evolution stammen könne, so ist das für E. Voland schon eine gehörige Prise zu viel an Metaphysik. Dabei muss das päpstliche Statement vom Primat des Geistes in philosophie-systematischem Anbetracht mitnichten dem Prinzip der Evolution widersprechen, so etwa, nun rein als Hilfskonstruktion, wenn die Theologen sich der Grundannahme des objektiven Idealismus von Ch. S. Peirce bedienen würden, wonach (ähnlich wie im System Schellings), die Materie geronnener Geist sei; dies läßt sich desgleichen in die informationstheoretische Hypothese von C. F. v. Weizsäcker übertragen, wonach Materie gleich Form gleich Information sei (vgl. hierzu J. Klein, SdG I, S. 357, 404 f., 412, 481). Und Peirce ebenso wie Weizsäcker vertreten evolutionistische Positionen. Woher der Geist stammt, dies ist eine noch ziemlich ungeklärte Frage. Der (Inquisitions-)Fall Galilei liegt hier indes total außer jeder Vergleichbarkeit. Überdies rekurrieren nicht wenige Physiker auf platonistische bzw. neuplatonistische Positionen, so Weizsäcker, Heisenberg, Shimon Malin etc., welche immer auf den Primat des Geistes hinauslaufen. Wollen oder sollen wir diese Herrschaften nun aus der Science-Kirche exkommunizieren? Wer gäbe wem das Recht dazu? Die kritische Vernunft etwa? Womöglich die von der Vernunftreligion des Immanuel Kant! Mit dem stehen unsere Naturalisten ja auf bestem Fuß! War nur ein kleiner Scherz am Rande.
Nach alledem kurzum: Der Agnostizismus ist kein „windelweicher Atheismus“, wie die Spektrum-Redakteure fragend in den Raum stellen, sondern ein wissenschaftliches Gebot, aus dem Ignoramus-ignorabimus und aus der Einsicht, daß Gott keine wissenschaftlich überprüfbare Hypothese abgeben kann, eine wissenschaftliche Tugend zu machen, statt sich im Smalltalk (irgendwo zwischen den „Feuchtgebieten“, den „Schoßgebeten“ und „Harry Potter“) zu ergehen oder in verunglückter Poetry of Science, und möge auch laut Dawkins Wissenschaft die Poesie der Realität sein[1]. Da täte eine kritische Ästhetik wider naturalistische Spekulationen ohnehin not, ein „Candide“ à la Voltaire: Diesmal gegen den Pseudo-Galilei als Inbegriff der naturalistischen Spekulationen vom Biohühnerhof statt gegen die spekulative Metaphysik von Leibniz.
12. Weisheit erreicht man nur mit Demut
30.01.2012, Eike BlumIn der Ausgabe 2/12 zeigt in dem Artikel „Die Physik – ein baufälliger Turm von Babel“ Herr Tony Rothmann unter anderem auf, dass die mathematisch und experimentell bewiesene Sätze über das Doppelpendel etwas beschreiben, was es in dem „kausal geschlossenen System unserer Welt“ gar nicht existieren kann. Konsequenterweise müsste Professor Voland jetzt eigentlich das Doppelpendel als neuen Gott anerkennen mit der hierzu gehörigen „Religion“, welche für verstörte Physiker wie Mathematiker als seelische Krücke zugelassen werden kann.
Damit hier kein falscher Eindruck entsteht, möchte ich als Gegner des unbedingten Kreationismus noch hinzufügen: Selbst höchste Intelligenz führt nie zur Weisheit, wenn sie nicht mit Demut verbunden wird.
13. Der Fehlschluss des Prof. Eckart Voland
09.02.2012, Manuel StelzlVoland hob in der Diskussion hervor: "Es gibt keinen Bedarf für Gottesbeweise, weil Naturwissenschaft die Welt als kausal geschlossen beschreiben kann." Ganz unabhängig von der Bedeutung von Gottesbeweisen beinhaltet die These Volands, dass Naturwissenschaft die Welt als kausal geschlossen erklären kann, einen signifikanten Fehlschluss, auf den ich hier eingehen möchte. Der Fehlschluss Volands wird in der Philosophie als Zirkelschluss (nach Aristoteles "petitio principii") definiert und äußert sich dadurch, dass etwas, das gefolgert wird, in den Prämissen einer Argumentation bereits enthalten ist. Wenn nämlich unter dem Begriff "Welt" all das verstanden wird, was für die Naturwissenschaft der Fall ist, so kann nur das der Fall sein, was für die Naturwissenschaften ohnehin bereits bekannt und erklärbar ist. Aus kritisch-philosophischer Sicht sollte hier unbedingt hinzugefügt werden, dass für die Naturwissenschaft all das, was für sie noch nicht erklärbar ist, in ihrer Welt gewissermaßen nicht existiert. Dafür gibt es allein aus der Philosophie des Geistes unzählige Beispiele. Es gibt nach wie vor keine befriedigenden Lösungen für das so genannte "Körper-Geist-Problem", auch nicht für das "Problem der mentalen Verursachung", das um die Frage kreist, in welchem kausalen Verhältnis nicht materielle Entitäten (z. B. der menschliche Wille) zu neuronale Strukturen stehen. Die Annahme, dass Naturwissenschaft die Welt kausal geschlossen erklären kann, ist daher aus sprachkritischer und logischer Sicht unhaltbar.