Es mutet wie Ironie an, dass ausgerechnet eine Studie über Vorahnungen bei vielen Psychologen das ungute Gefühl auslöste, ihr Fachgebiet befinde sich in Schwierigkeiten. Der Sozialpsychologe Daryl Bem von der Cornell University in Ithaca (New York) hatte eine Aufsehen erregende Untersuchung durchgeführt. Er präsentierte Studenten 48 Wörter und bat sie anschließend darum, alle zu notieren, die sie im Gedächtnis behalten hatten. Später erhielten die Studenten eine zufällige Auswahl der Wörter, verbunden mit dem Auftrag, die Begriffe abzutippen. Dabei zeigte sich ein verblüffender Effekt: Einige Teilnehmer konnten sich im ersten Teil des Experiments besonders gut an jene Wörter erinnern, die sie im zweiten Teil des Experiments übten. Die Wirkung ging also der Ursache voraus.
Bem veröffentlichte seine Ergebnisse zusammen mit acht weiteren Experimenten im "Journal of Personality and Social Psychology". Er wollte damit Phänomene beweisen, die er als übersinnliche oder "Psi"-Effekte bezeichnete. Erwartungsgemäß stellten zahlreiche Wissenschaftler seine Behauptungen in Frage. Drei Teams versuchten unabhängig voneinander, die Effekte zu reproduzieren. Es gelang ihnen nicht. Als sie dieses Negativergebnis nun ihrerseits veröffentlichen wollten, stießen sie auf große Hürden: Zunächst wollte es niemand drucken. Für die Wissenschaftler war das ein Alarmsignal.
Positive Ergebnisse in der Psychologie sind wie Gerüchte – leicht zu verbreiten, aber schwer zurückzunehmen. Sie prägen den Inhalt der meisten Fachzeitschriften, was kein Wunder ist, denn die Journale berichten mit Vorliebe über neue, spannende Studien. Versuche, diese zu reproduzieren, bleiben dagegen oft unveröffentlicht, insbesondere wenn sie scheitern
Magazin | 18.01.2013
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Ed Yong lebt als freier Schriftsteller in London und betreibt den Blog "Not Exactly Rocket Science" (sinngemäß "Nicht wirklich geniale Wissenschaft").
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1. Eine begrüßenswerte Kritik
31.01.2013, Rainer Hartmann, Bad Soden am Taunus2. Pro internationales Studienregister mit Anmeldepflicht
31.01.2013, Ines EueZum Artikel von Ed Young möchte ich zum einen anmerken, dass es, wenn man über Reproduzierbarkeit wissenschaftlicher Daten spricht, vielleicht nicht so ganz ratsam ist, ein Fachgebiet wie die Psychologie mit ihren semiquantitativen Mess-, Auswerte- und Konklusionssystemen, die von diversen Unwägbarkeiten bzw. Subjektivitäten beeinflussbar sind, als Grundlage zu nehmen. Genexpressionsstudien, wie sie im Artikel auch angeführt sind, halte ich für aussagefähiger. Normalerweise sollte ja zumindest eine In-vitro-Studie unter den angegebenen Laborbedingungen überall die gleichen Daten liefern. Inwiefern "kulturelle Eigenheiten" in Fernost die Ursache für andere oder signifikantere Ergebnisse als in westlichen Ländern sein soll, erschließt sich mir nicht. Dazu kann ich nur meine Erfahrungen mit chinesischen Kollegen aus meiner Postdoc-Zeit in den USA beisteuern, wo es (ohne ein großes Geheimnis draus zu machen) üblich war, aus einer Triplikate-Messreihe denjenigen Wert herauszustreichen, der am weitesten von der gewünschten These abwich. So viel zum Thema "kulturelle Unterschiede" …
Unterstützen möchte ich dringend die Idee eines internationalen Studienregisters, bei dem jede Studie vor Beginn registriert wird mit definiertem Ziel, Endpunkt und Messparametern und der definierten Pflicht zur Publikation, unabhängig davon, ob das Ergebnis positiv oder negativ ausfällt. Solange es eine solche Objektivierbarkeit nicht gibt, bleiben alle Publikationen das, was sie im Moment sind: begrenzt aussagefähig und begrenzt vertrauenswürdig. Und in erster Linie nicht dem Fortschritt oder der Gesundheit bzw. dem Wohl von Patienten dienend, sondern dem eigenen Ego, der Karriere oder wissenschaftspolitischen Ränkespielchen. Die Wissenschaftsgemeinde sollte endlich ihrer Verantwortung für eine belastbare und aussagefähige Forschung nachkommen. Im Moment beobachte ich angesichts von ständig neu aufgedeckten Plagiatsskandalen und Betrugsfällen in der Wissenschaft einen grassierenden Moralverfall und eine Situation, in der man sich nicht wundern muss, dass das Ansehen von Medizinern und Naturwissenschaftlern inflationär verfällt. Das zu ändern können wir nur selbst tun.
3. Falsifizierbarkeit einzig tragfähiges Kriterium
01.02.2013, Till Schauen