Herr Professor Veltman, Sie haben 2004 ein Buch über das Standardmodell der Teilchenphysik verfasst. Wenn Sie das Buch heute noch einmal schreiben müssten, was würde sich ändern?
Martinus Veltman: Wenn ich das Buch noch einmal schreiben würde, dann änderte sich daran nicht wirklich viel. Die Wissenschaft ist zeitlos, und ich habe schon damals über Leute geschrieben, die lange tot sind – Planck zum Beispiel. Etwa 80 bis 90 Prozent des Buchs gelten heute noch genauso wie vor ein paar Jahren. Aber ich würde einige Sachen ergänzen, die in den letzten Jahren passiert sind – zuvorderst natürlich die Suche nach dem Higgs-Boson.
Heute hat das CERN eine große Pressekonferenz abgehalten, um die neuesten LHC-Daten zu präsentieren. Wie sehen Sie diese Veranstaltung?
Was das CERN macht, ist meiner Meinung nach richtig doof. Es ist doch im Grunde genau das Gleiche wie mit den überlichtschnellen Neutrinos. Aus der Affäre sollten sie eigentlich gelernt haben. Wichtige Ergebnisse zu verkünden, ist Sache der Kollaborationen, ich verstehe nicht, warum das CERN extra Pressekonferenzen macht.
Das Higgs-Boson ist aber doch eine wichtige Entdeckung.
Zu den Aufgaben der Organisation gehört es, Wissenschaftlern die Gelegenheit zu ihren Experimenten zu geben und sie dabei zu unterstützen. Die CERN-Mitarbeiter selbst machen ja keine Versuche, sondern die Forscher, die von den Universitäten kommen. Aber wie ich jetzt in der "Sunday Times" gelesen habe, lud das CERN Leute ein, darunter Peter Higgs, um diese Pressekonferenz abzuhalten. Natürlich würden sie dann verkünden, dass sie jetzt das Higgs-Boson gefunden haben.
Im Grunde sind solche Veranstaltungen einfach Egotrips. In Wirklichkeit ist das alles nicht wichtig. Ich könnte mir nicht vorstellen, bei der Forschung auf so etwas zu achten – ich suche doch meine Themen nicht danach aus, ob ich damit in die Zeitung komme. Es ist überhaupt nicht wichtig, wer da wofür Öffentlichkeit bekommt. Die Physik schreitet voran und wird über all das hinweggehen.
Sollten sich also junge Wissenschaftler lieber zurückhalten und nicht versuchen, durch öffentliche Aufmerksamkeit in der Konkurrenz um Forschungsgelder und Posten besser dazustehen?
Ich persönlich habe nichts dagegen, dass junge Wissenschaftler versuchen, mit Pressekonferenzen und dergleichen Aufmerksamkeit für ihre Forschung zu erzeugen. Wissenschaft braucht Geld, aber die Menschen, die Wissenschaft finanzieren, wissen ja sehr genau, warum sie das tun. Forschung ist wichtig für die Gesellschaft. Und wir sollten uns nicht dafür schämen, dass wir für unsere Forschungen Geld benötigen und bekommen. Aber schauen Sie sich doch die Neutrinogeschichte an: Hat es den beteiligten Forschern etwas gebracht, auf diese Weise an die Öffentlichkeit zu gehen? Nein, im Gegenteil: Der Leiter der Kollaboration hat sich zurückziehen müssen. Und Nachwuchswissenschaftler müssen verstehen, dass Publicity zwei Seiten hat. Einerseits ist sie sehr positiv, aber wenn so etwas passiert wie bei den Neutrinos, hilft ihnen das auch nicht.
Wenn am LHC nun tatsächlich das Higgs-Boson entdeckt wurde: Wie geht es dann weiter?
Wenn es wirklich das Higgs-Boson ist, dann wird man anschließend seine Eigenschaften erforschen. Die Masse haben die Kollegen damit ja schon festgenagelt, das ist eine wichtige Sache. Anschließend müssen sie nach und nach alle möglichen Zerfallsprozesse des Teilchens untersuchen, um zu sehen, ob es sich gemäß den Vorhersagen verhält. Wie lange das dauert, weiß man nicht – sie fangen ja nicht bei null an, sondern sammeln seit geraumer Zeit ebenso Daten über andere Zerfallsreaktionen.
Aber das wirkliche Problem liegt ohnehin an anderer Stelle. Das Higgs-Boson ist ein dankbarer Untersuchungsgegenstand: Man sagt es voraus, macht ein großes Experiment, und am Ende findet man das Higgs. Aber die großen, wichtigen Fragen funktionieren nicht so einfach – etwa die Eigenschaften des Standardmodells, die drei Teilchengenerationen: Warum gibt es diese? Warum ist das so? Wir haben kein Experiment, das diese Fragen beantworten könnte. Ähnliches gilt für die Massen der Teilchen. Die Neutrinos sind sehr leicht, während Top-Quarks millionenfach schwerer sind. Wir wissen nicht, warum das so ist, und wir haben keine Versuche, die uns diese Frage beantworten können.
Was ist mit Ideen wie der String-Theorie?
Die String-Theorie ist ziemlich tot. Sie hat bis heute nichts dazu beigetragen, diese Fragen zu klären.
Und die Supersymmetrie?
Die Supersymmetrie hat ebenfalls nicht geliefert, was sie versprach. Es hieß vor einer Weile, wenn wir den Messbereich erweitern, finden wir Indizien für die Supersymmetrie. Aber das ist dann nicht passiert. Wir haben bis heute nichts, was auch nur annähernd danach aussieht.
Im Grunde zeigt sich dieses Muster bisher bei allen Beschleunigern. Sie wurden damit begründet, dass wir mit den dann möglichen neuen Messbereichen dieses oder jenes finden. Aber das geschah nie. Wenn sie jetzt das Higgs entdecken, ist der LHC meines Wissens die erste Maschine überhaupt, die tatsächlich das geliefert hat, wofür sie gebaut wurde. Eines muss man immerhin zugeben: Die Superstring-Theoretiker waren bisher stets sehr gut darin, ihre Theorien so zu modifizieren, dass sie die jeweiligen Probleme umschiffen. Möglicherweise schaffen sie es ja noch und belegen die Supersymmetrie. Aber vielleicht werden wir uns irgendwann auch damit abfinden müssen, dass wir gewisse Dinge experimentell nicht herausfinden können. Andererseits wird die Physik auch in Zukunft Schritt für Schritt ins Unbekannte vorstoßen. Und vielleicht bekommen wir dann doch noch unsere Antworten.
Herr Professor Veltman, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Lesen Sie mehr zum Thema in unserer aktuellen Meldung zur heutigen Bekanntgabe "Das schwerste Boson, das wir je gefunden haben" und unserem Hintergrundartikel "Das Gespenst von Genf wird greifbar".


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1. Erfolge auch einfach mal mitfeiern können
04.07.2012, Vera SpillnerSicher, wir sind ja alle kritisch, postmodern und abgeklärt - und dennoch: auch wenn das CERN natürlich eine allzu große Pressekonferenz veranstaltet hat, auch wenn das Higgs-Boson aus unerfindlichen Gründen den Titel ‚Gottesteilchen‘ erhält ... – die Entdeckung eines neuen Teilchens ist doch trotzdem großartig! Ein solches Ereignis ist immer aufregend - so finde ich es, so finden es die Physiker vom CERN - so finden es doch bestimmt auch andere Leser. Es ist ein toller Erfolg für ein Projekt, an dem unzählige Menschen aus vielen Ländern mitgearbeitet haben und dem sie Zeit und Begeisterung widmen.
Was erreichen wir mit dem Auffinden des Higgs-Teilchens? Nun, wir ergänzen einerseits unser Bild der Welt – und wir nähern uns andererseits möglicherweise einer ersten Falsifikation von Subtheorien im Spektrum der derzeit besten Universaltheorien: der Standard-Modell-Theorien und ihrer supersymmetrischen Erweiterungen. Dies ist doch unbestritten ein großer Fortschritt – war man doch jahrzehntelang nicht in der Lage gewesen, hier zwischen verschiedenen theoretischen Modellen zu unterscheiden.
Und ist die Stringtheorie tot, wie Veltman es 'möchte'? Ein vorurteilsfreier Leser wüsste sicher, dass in den vergangenen Jahrzehnten durch die Stringtheorie mindestens ein großer Fortschritt erzielt wurde: nämlich eine Reduktion der notwendig zu postulierenden Input-Parameter für eine Theory of Everything! Und wo Theorien den Experimenten vorauseilen, da ist dies ein spannendes neues Verständnis von Fortschritt (siehe auch der spannende Beitrag von Dieter Lüst, ‚Ist die Stringtheorie noch eine Wissenschaft?‘ in Spektrum der Wissenschaft Mai 2009, S. 34).
Müssen wir nun also alle mit dem Nobelpreisträger zynisch (und irgendwie auch ein wenig wütend) aus dem Abstand auf das CERN (hinab-) blicken? Ach wo, mitnichten, wie ich finde. Viel schöner ist es doch, einen Erfolg auch mal mitfeiern zu können! Ein neues Teilchen ist gefunden und eine spannende Zeit liegt in den kommenden Monaten noch vor uns. Wie schön, wenn Menschen gemeinsam friedlich an einem solch spannenden Großprojekt arbeiten, wie schön, wenn wir unseren Horizont und unser Wissen über unser Universum erweitern können! Ich werde die kommenden Erkenntnisse sicher interessiert verfolgen.
2. Etwas überspitzt...
04.07.2012, Karsten KönigDes Weiteren ist es doch so, dass die Entdeckung dieses neuen Bosons auch auf Supersymmetrie hinweisen könnte, wenn es nicht dem SM entspricht, aber Eigenschaften hat, die aus der SUSY folgen. Insofern könnte es auch zu einer Wiederbelebung der Stringtheorie führen.
3. Wissenschaft muss kommuniziert werden!
05.07.2012, Alejandro NunezAus diesem Grund begrüße ich die Veranstaltung des CERN zum Higgs-Boson sehr. Sie ist nicht "sehr doof", sie war dringend notwendig, da schließlich das Geld für den Bau so einer Riesenmaschine auch aus meiner Tasche kam! Und dann erleichtert es mich doch sehr zu wissen, dass dieses Opfer etwas Sinnvolles gebracht hat, auch wenn viele keine weitere Auswirkungen dieses Ereignis verstehen werden.
Mit allem Respekt gegenüber Prof. Veltman, aber er kommt aus einer Generation in der Kommunikation nicht groß geschrieben war, mitunter weil der Generation die heutigen Möglichkeiten zur Kommunikation fehlten, aber anderseits, weil sie sie nicht brauchten. In der globalisierten Welt, in der wir leben, können manche Herausforderungen nicht mit einem Team von 10 Personen erledigt werden, man braucht eine Vernetzung von unterschiedlichen Knowhows und so eine präzise Zusammenarbeit darf doch gefeiert werden und ist an sich schon ein Erfolg. Deswegen habe ich nichts gegen ein bisschen Freuen.
4. @Vera Spillner:
05.07.2012, Benni Banni5. Die Allgemeinheit muß informiert werden!
05.07.2012, Uwe Zimmermann, Ph.D.Vorbei sind die Zeiten von Life-Übertragungen von Shuttle-Starts, langen Reportagen über die neuesten Bilder der Voyager-Sonden. Vorbei sind leider auch die Zeiten, an denen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zur Spitzenzeit Wissenschaftssendungen für die Allgemeinheit gebracht haben (Aus Forschung und Technik, Kopf um Kopf, selbst Knoff-Hoff). Die Verbleibenden Sendungen dieser Kategorie sind nur noch ein schwacher Spiegel dessen, was in den 80ern und 90ern vermittelt wurde, und zudem teilweise auf nachtschlafende Sendetermine verbannt, die auf jeden Fall für den Nachwuchs unmöglich sind.
Wenn wir aber aufhören, über die aktuelle Wissenschaft, Forschung und Technik zu berichten, dann ist es auch nicht verwunderlich, wenn unsere Politiker und die Allgemeinheit zu der Überzeugung gelangen, daß erneuerbare Energien überflüssig, störend und im Fall der Photovoltaik sowieso nur ein teures Spielzeug für wenige sind. Es ist dann auch nicht verwunderlich, wenn eine Bundesregierung mit dem Slogan "Bildungsrepublik" durchkommt, ohne wirklich etwas dafür zu tun, um diesem Ruf gerecht zu werden.
Weiterhin ist es dann auch nicht verwunderlich, wenn sich die Öffentlichkeit gegenüber dem Erschleichen wissenschaftlicher Auszeichnungen ein sehr kurzes und sehr verzeihendes Gedächtnis zeigt, gerade weil man überhaupt keinen Einblick darin hat, worum es in der Wissenschaft und Forschung eigentlich geht.
Hier in Schweden sehen die Hochschulen in der sogenannten Dritten Aufgabe eine wichtige Herausforderung, nämlich neben Forschung und Ausbildung auch die Allgemeinheit auf dem Laufenden zu halten - leider sind die uns Forschern und Lehrern hierfür dann zur Verfügung gestellten Mittel auch nur allzu bescheiden, aber besser etwas als gar nichts.
6. Das Higgsfeld sollte das Vakuumfeld sein.
16.07.2012, karl heinz - beier @ web. de7. Stringtheorie und SUSY
18.07.2012, Dr. Wolfgang Klein"Was ist mit Ideen wie der String-Theorie?
Die String-Theorie ist ziemlich tot. Sie hat bis heute nichts dazu beigetragen, diese Fragen zu klären.
Und die Supersymmetrie?
Die Supersymmetrie hat ebenfalls nicht geliefert, was sie versprach. Es hieß vor einer Weile, wenn wir den Messbereich erweitern, finden wir Indizien für die Supersymmetrie. Aber das ist dann nicht passiert. Wir haben bis heute nichts, was auch nur annähernd danach aussieht."
Man fragt sich: Ist das eine Einzelmeinung von Martinus Veltman oder wird die von vielen seiner Kollegen geteilt? Wenn es sich um eine weitverbreitete Meinung unter Physikern handelt, heißt dies, dass es seit den 70er Jahren keinen grundlegenden Fortschritt im Bereich der theoretischen Physik gab und alles was über das Standardmodell hinausgeht eigentlich eingestampft werden muss?
Vor einiger Zeit habe ich in BRalpha einen kleinen Film über Werner Heisenberg gesehen, in dem es am Ende um Heisenbergs Versuch der Aufstellung einer Weltformel ging. In diesem Film kam auch eine junge Physikerin am CERN zu Wort. Ihre Aussage ging dahin, dass solche grundlegenden Überlegungen seit geraumer Zeit aus dem Blickfeld der Physik verschwunden sind (Stringtheorie mal ausgenommen - aber die ist laut Veltman ja auch "tot"). Mein Eindruck ist, dass noch nicht einmal ansatzweise Einigkeit über grundlegende philosophische Fragen wie die Deutung des QM-Formalismus (Kopenhagener Deutung vs. universelle Wellenfunktion (Everett)) gibt.
Insofern scheint es so zu sein, dass am CERN für sehr viel Geld ganz kleine Brötchen gebacken werden.
8. @ Vera Spillner - Stringtheorie
18.07.2012, Dr. Wolfgang KleinIch halte das für eine Illusion. In der Stringtheorie stecken konstruktiv noch viel mehr ad-hoc-Annahmen als im Standardmodell. Im Standardmodell sind die Teilchenmassen "willkürlich". Bei der Stringtheorie wird beispielsweise angenommen, dass die Physik sich (teilweise) in oder auf einer Calabi-Yau-Mannifaltigkeit abspielt. Calabi-Yau-Mfk sind spezielle Kähler-Mfk, die ihrerseits wiederum sehr spezielle Mfk sind. Und dieses Beispiel ist nur eines, das mir spontan einfällt.
Es wäre zunächst einmal experimentell zu bestätigen, warum diese Annahmen alle valide sind. Bislang sind das alles vom Himmel gefallene Voraussetzungen, die nach dem Motto entstehen: Wir suchen uns mal unsere Voraussetzungen so aus, dass die Ergebnisse zu unseren Behauptungen passen.
9. @Dr. Wolfgang Klein
10.09.2012, Vera SpillnerCalabi Yau Mannigfaltigkeiten werden derzeit ja hauptsächlich deswegen untersucht, weil sich dort der Raum der Komplex-Struktur-Moduli und der der Kähler-Moduli als direktes Produkt darstellen lassen - so dass man die Moduli getrennt voneinander stabilisieren kann (ein rein mathematisch-technischer Vorteil, den man natürlich einmal ausreizen sollte und kann). Ergäbe sich jedoch eines Tages, dass eine bestimmte CY, (oder eine andere Mfk.), nach Modulistabilisierung tatsächlich eine kosmologische Konstante größer Null erlaubten und drei Teilchengenerationen - dann hätte man doch (und so war das gemeint) die Menge der zu postulierenden Parameter (für _dieses Setup_ unseres Universums) reduziert (auf eben eine spezielle zu wählende Kompaktifizierung).
Ich sehe aber natürlich ein, dass man den Begriff des Inputparameters hier noch einmal diskutieren muss (; was an der Mfk. gilt als eigener Parameter / ist die ganze Mfk. 'ein' Parameter oder viele ...) - und sicher wäre dann eine genaue Abzählung auf beiden Seiten notwendig, um meinen Gedanken weiter zu diskutieren; ich sehe an dieser Stelle aber eben ein großes Potenzial der Stringtheorie (!), und einen neuen Ansatz für 'wissenschaftlichen Fortschritt'; Diskussionsansätze, die von vielen Autoren (Veltman et al.) nicht in Betracht gezogen werden (ich behaupte: aus Unkenntnis und pauschalem/ medienwirksamem Desinteresse). Und so etwas finde ich für jede kreative Idee und grundsätzlich schade und der Idee unwürdig.