Titelthema: Neurowissenschaft
Wie Zauberer mit der Wahrnehmung spielen
Zauberkünstler manipulieren seit Jahrhunderten Wahrnehmung und Aufmerksamkeit der Zuschauer. Dabei haben sie intuitiv manche Erkennt nisse der modernen Neurowissenschaft vorweggenommen. Die kann auch heute noch von ihnen lernen.
Der Lichtkegel des Scheinwerfers taucht die Assistentin des Zauberers in gleißendes Licht. Die attraktive junge Frau blendet das Publikum förmlich mit ihrem engen, strahlend weißen Kleid. Der Große Tomsoni verkündet, er werde die Farbe des Stoffs gleich in Rot verwandeln. Gebannt starren die Zuschauer auf die Assistentin, brennen deren Bild förmlich in ihre Netzhaut ein, um sie ja nicht aus den Augen zu lassen. Tomsoni klatscht in die Hände, einen Wimpernschlag lang erlischt der Scheinwerfer, um sogleich in leuchtendem Rot wieder aufzuflammen. Die Assistentin erscheint wie in Blut gebadet.
Moment mal! Das Publikum fühlt sich genarrt; einen farbigen Scheinwerfer benutzen kann schließlich jeder. Der Magier steht am seitlichen Bühnenrand, sichtlich erheitert ob seines kleinen Scherzes. Ja, räumt er ein, das sei ein billiger Trick gewesen; die habe er am liebsten, wie er diabolisch grinsend erklärt. Tatsächlich muss man zugeben, dass er das Kleid der Assistentin umgefärbt hat – aber auch alles andere drumherum. Nachsichtig richten die Zuschauer ihr Augenmerk wieder auf die hübsche junge Frau, als Tomsoni plötzlich in die Hände klatscht, das Licht erneut erlischt und die Bühne förmlich in einem Feuerwerk aus Weiß explodiert. Doch hoppla! Das Kleid ist wirklich rot geworden! Der Große Tomsoni hat es wieder einmal geschafft!
Dieser Trick und seine Erklärung verraten ein tiefes intuitives Wissen des Zauberers um die neuronalen Prozesse im Gehirn der Zuschauer. Wir Neurowissenschaftler können uns da noch eine Scheibe abschneiden. Und so funktioniert der Trick: Wenn John Thompson, wie Tomsoni mit bürgerlichem Namen heißt, seine Assistentin auf die Bühne bittet, verleitet ihr hautenges, weißes Kleid den Zuschauer stillschweigend zu der Annahme, darunter könne


Susana Martinez-Conde und
Stephen L. Macknik arbeiten am
Barrow Neurological Institute in
Phoenix. Martinez-Conde leitet
dort das Laboratory of Visual Neuroscience,
Macknik das Laboratory
of Behavioral Neurophysiology. Von
ihnen ist in dieser Zeitschrift im
Dezember 2007 bereits der Artikel
"Fenster ins Gehirn" erschienen.
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