"Ich will wissen, warum die Dinge sind, wie sie sind. Und ich will die fundamentalen Gesetze verstehen, die unser Universum zu dem machen, was es ist." So oder ähnlich würden wohl viele angehende Physiker erklären, was sie bewegt, diese Wissenschaftsdisziplin zu ihrem Beruf zu machen. Wir Physiker wollen schlicht und einfach lernen, wie die Welt funktioniert.
Physik ist die fundamentalste der Naturwissenschaften – so sehen es die Physiker selbst, und diese Sichtweise prägt auch die Art und Weise, wie Physik gelehrt wird. Demzufolge ist das gedankliche Gebäude der Naturbeschreibung, das die Disziplin zu errichten versucht, allumfassend, frei von inneren Widersprüchen, konzeptionell zwingend und über all das hinaus auch noch überwältigend schön. Das Feld der von der Physik erklärbaren und erklärten Phänomene ist weit, und es bildet nichts weniger als die Grundlage der gesamten modernen Zivilisation.
Doch in dem Gebäude zeigen sich Risse. Je weiter ein Physiker auf seinem Berufsweg voranschreitet, als desto auffälliger wird er sie empfinden. Er wird den Schmutz entdecken, der unter den Teppich gekehrt worden ist, und all die Schummeleien und Betrügereien, die auch der Physik nicht fremd sind. Das vermeintlich stabile Bauwerk, so stellt er beunruhigt fest, sieht eher aus wie eine moderne Version von Pieter Bruegels Turm zu Babel – eine heruntergekommene Struktur aus isolierten Modellen, die durch schiefe Erklärungen notdürftig miteinander verbunden sind, kurz eine Monströsität, die himmelwärts taumelt.
Uns allen ist klar, dass noch immer viele grundlegende Fragen unbeantwortet sind. Welcher physikalische Mechanismus steckt hinter der Trägheit der Masse? Besitzt der Raum mehr als drei Dimensionen? Existiert eine Theorie von allem, die die Grundkräfte der Natur in einem gemeinsamen Rahmen beschreibt? Doch schon weit diesseits der Forschungsfront, auf dem Niveau von Vordiplom und Bachelorarbeit, klaffen große Lücken oder gar Abgründe.
Das hindert die Lehrenden allerdings nicht daran, die Themen als vollständig verstanden zu präsentieren. Denn auch sie fürchten die Gefahren, die darin lauern. Diese Vorgehensweise ist intellektuell unredlich und untergräbt genau jene Tugenden, die unabdingbar zur Wissenschaft gehören, nämlich die Dinge zu hinterfragen und Antworten mit einem angemessenen Grad an Skepsis zu betrachten.
In jeder Anfängervorlesung über Physik müssen sich die Studenten schon in den ersten Wochen mit dem Phänomen der Reibung auseinandersetzen. Sie lernen, dass Reibung die Bewegung von Objekten hemmt und durch die mikroskopische Wechselwirkung zweier aneinander entlanggleitender Oberflächen zu Stande kommt. Diese Erklärung erscheint ihnen ziemlich plausibel, ja sogar offensichtlich. Doch unabhängig von den Modellen, die man ihnen präsentiert und die hochtrabend von molekularen Bergen sprechen, die sich gegenseitig den Weg versperren, oder von Laufschuhen, die an der Bahn kleben, erzeugt Reibung Wärme und damit eine Zunahme von Entropie. Damit schafft sie aber auch einen Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Die zwangsläufige Zunahme der Entropie bei irreversiblen Prozessen, der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, ist das einzige Naturgesetz, das diese grundlegende Unterscheidung trifft. Hingegen sind die newtonschen Gesetze, die Gesetze der Elektrodynamik und die der Relativität alle reversibel – für keines spielt es eine Rolle, ob die Uhr des Universums vorwärts- oder rückwärtsläuft. Doch wenn die newtonschen Gesetze tatsächlich das Fundament bilden, dann sollte sich der zweite Hauptsatz der Thermodynamik aus der newtonschen Mechanik herleiten lassen. Das ist aber niemals befriedigend gelungen. Die Unvereinbarkeit des zweiten Hauptsatzes mit den anderen grundlegenden Theorien der Physik bleibt das vielleicht größte Paradoxon der gesamten Disziplin. In den Anfängerkursen lassen es die Dozenten jedoch einfach aus, und die Autoren der Lehrbücher widmen ihm kein einziges Wort.
Der große Schwindel der Einführungsvorlesungen
Und es gibt weitere Probleme. Für einen Physiker besteht die Welt aus Billardkugeln und Schraubenfedern. Eine ideale Feder beispielsweise schwingt bis in alle Ewigkeit. Jeder, der schon einmal eine reale Feder beobachtet hat, weiß indessen, dass diese Ewigkeit in Wirklichkeit nur einige Sekunden andauert. Mathematisch ist das kein Problem: Wir führen einfach einen Reibungsterm in die Federgleichung ein und bringen auf diese Weise Theorie und Beobachtung in Übereinstimmung. Doch der Term wird ad hoc eingeführt, von Hand justiert und nicht näher begründet, quasi aus dem Ärmel geschüttelt. Erklärt er auf irgendeine Weise das Verhalten von Federn? Nicht im Geringsten.
Vielleicht hat unsere Selbstgefälligkeit einfach damit zu tun, dass wir eine plausible Gleichung zu Papier gebracht haben. Tatsächlich glaubten die Physiker lange, die Mathematik sei der Stein von Rosette zur Entschlüsselung der Geheimnisse der Natur. Seit der ungarisch-amerikanische Nobelpreisträger Eugene Wigner (1902–1995) im Jahr 1960 sein berühmtes Essay "The Unreasonable Effectiveness of Mathematics in the Natural Sciences" (etwa: "Die unbegreifliche Effizienz der Mathematik in den Naturwissenschaften") veröffentlicht hat, ist diese Ansicht regelrecht zu einem Glaubenssatz geworden.
Doch der Glaube, dass Gott ein Mathematiker ist, dürfte eher das Ergebnis selektiver Wahrnehmung sein. Der große Schwindel der physikalischen Anfängerkurse besteht ja gerade in der Behauptung, dass jedes Problem eine exakte Lösung besäße. Mehr noch: Man erwartet von den Studierenden sogar, dass sie diese Lösung finden, und impft sie dadurch regelrecht mit einer Erwartungshaltung, die kaum etwas mit der Realität zu tun hat. Denn nur verschwindend wenige physikalische Probleme besitzen exakte Lösungen, verglichen mit dem großen Rest. Ein Physiker muss im Verlauf seiner Karriere daher vor allem Näherungslösungen finden – und hoffen, dass sie einigermaßen stimmen.
Unverzichtbarer Bestandteil der ersten Physikvorlesungen ist auch das Pendel. Seine einfachste Variante besteht gerade einmal aus einer Masse, die am Ende eines Fadens hin- und herschwingt. Wendet man die newtonschen Gesetze auf das Pendel an, gelangt man zu einer Gleichung, die sich nur sehr schwer lösen lässt. Wir sagen den Studierenden daher, sie sollen davon ausgehen, dass das Pendel nur kleine Oszillationen ausführt. Mit dieser Vereinfachung lässt sich die Aufgabe leicht erledigen.
Tatsächlich ist das ursprüngliche Problem aber nicht nur für Anfänger zu schwierig. Es besitzt gar keine exakte Lösung, jedenfalls nicht in Form "elementarer Funktionen" wie Sinus und Kosinus. In Lehrbüchern für Fortgeschrittene heißt es zwar, es gäbe doch eine. Indessen kann man lange darüber diskutieren, ob das Wort "exakt" für diese Ungeheuer von mathematischen Termen wirklich zutrifft. Spätestens wenn man den Faden durch eine Feder ersetzt, vergeht Physikern die Freude an dem Problem gänzlich.
Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir die reale Welt von ihrer mathematischen Beschreibung unterscheiden müssen. Einstein drückte das im Widerspruch zu Wigner so aus: "Insofern sich die Sätze der Mathematik auf die Wirklichkeit beziehen, sind sie nicht sicher, und insofern sie sicher sind, beziehen sie sich nicht auf die Wirklichkeit."
Unendlich große Kräfte gibt es nicht – zumindest hoffen wir das
Diese Maxime sollten sich Dozenten vielleicht zu Herzen nehmen, wenn sie mit ihren Studierenden dann auch über das berühmte newtonsche Gravitationsgesetz sprechen. Eine seltsame Eigenheit bleibt nämlich oft unerwähnt. Gemäß der Gleichung wird die Anziehungskraft zwischen zwei Körpern unendlich groß, wenn sie sich unendlich nahe kommen. Unendlich große Kräfte kommen in der Natur jedoch nicht vor – zumindest hoffen wir das –, weshalb wir diese unerwünschte Singularität mit dem Argument beseitigen, dass reale Objekte eine endliche Größe besitzen. Dann können sich ihre Mittelpunkte einander nie so stark annähern, dass es zu einem Problem käme.
In der Einführungsvorlesung zum Elektromagnetismus lernen die Studenten jedoch auch das coulombsche Gesetz kennen. Es beschreibt die Anziehung zwischen elektrischen Ladungen, und seine Form ist identisch mit der des newtonschen Gesetzes. In der modernen Physik, in der viel von punktförmigen Teilchen wie Elektronen und Positronen die Rede ist, müssen wir uns nun aber wirklich Sorgen über unendliche Kräfte machen. Und es war genau diese Schwierigkeit, die zu den modernen Feldtheorien wie der Quantenelektrodynamik führte.
Vorlesungen über Elektrizität und Magnetismus bergen weitere Mysterien. Einer der Höhepunkte einer Anfängerveranstaltung, zumindest für uns Professoren, ist die Einführung der Maxwell-Gleichungen, in denen diese Phänomene zum Elektromagnetismus vereinigt werden. Einige Vorlesungen später erklären wir den Studenten, dass Licht aus elektrischen und magnetischen Feldern besteht, die senkrecht zueinander schwingen und sich durch den Raum ausbreiten. Und als Nächstes behaupten wir, dass Licht Druck auf Materie ausübt. Dieser Strahlungsdruck ermöglicht beispielsweise die Detonation einer Wasserstoffbombe, erlaubt aber auch, Raumsonden durch Sonnensegel anzutreiben.
Einführende Lehrbücher erklären den Strahlungsdruck üblicherweise so, dass das elektrische Feld einer Lichtwelle Elektronen in eine Richtung beschleunigt und das magnetische Feld sie dann weiter vorantreibt. Diese Erklärung, die sich manchmal noch in der fünften Auflage eines Lehrbuchs findet, ist aber völlig falsch. Will man das Phänomen korrekt erklären, muss man stattdessen auf eine berühmte Ad-hoc-Idee zurückgreifen, nämlich auf das Abraham-Lorentz-Modell.
Beschrieben mit den Mitteln der klassischen Physik liefert das Modell allerdings paradoxe Ergebnisse. Der Versuch, es auf eine solide Grundlage zu stellen, führte wiederum zur Entwicklung der Quantenelektrodynamik. In dieser schließlich finden sich an jeder Ecke Unendlichkeiten, mit denen kein Physiker irgendetwas anfangen kann. Will man sie beseitigen, benötigt man eine weitere Ad-hoc-Prozedur, die so genannte Renormierung. Paul Dirac empfand sie als so abstoßend, dass er die Physik gleich komplett an den Nagel hängte. Zwar hat sich die Theorie seither weiterentwickelt, doch viele Physiker würden wohl Richard Feynman zustimmen, der die Renormierung – als einer ihrer Erfinder – schlicht als Hokuspokus bezeichnete. Hat die Physik also tatsächlich ein adäquates Fundament für all die Weisheit zu bieten, die in Anfängervorlesungen so unbekümmert ausgebreitet wird?
Einer der großen Augenblicke im Leben eines jeden jungen Physikers ist die erste Begegnung mit dem Lagrange-Formalismus. In ihm enthüllt Gott die Wahrheit über die Welt. Seine Wurzeln liegen im alten Griechenland sowie in der im 17. Jahrhundert von Pierre de Fermat geäußerten Idee, dass Licht zwischen zwei Punkten den Weg wählt, der die geringste Zeit in Anspruch nimmt. Dieses fermatsche Prinzip erlaubt unter anderem, das berühmte snelliussche Gesetz der Lichtbrechung herzuleiten. Die Idee, dass die Natur bestimmte Größen zu minimieren versucht, führte schließlich zum "Prinzip der kleinsten Wirkung". Es besagt, dass man nur eine Größe namens "Wirkung" minimieren muss, um – Simsalabim – wie durch ein Wunder die newtonsche Gleichung für ein System zu erhalten. (In klassischen Systemen ist die Wirkung im Wesentlichen definiert als die kinetische Energie minus der potenziellen Energie, was als Lagrange-Funktion bezeichnet wird, multipliziert mit der Zeit. Mit der umgangssprachlichen Bedeutung von Wirkung hat der Begriff nichts zu tun.)
Man weiß oft nicht einmal, ob die Lösung korrekt ist
Die Erkenntnis, dass die newtonschen Gesetze aus dem Prinzip der kleinsten Wirkung folgen, ist Ehrfurcht erregend. Junge Physiker lassen sich sofort davon überzeugen, dass die Wirkung – in logischer Hinsicht, wenn auch nicht in historischer – den newtonschen Gesetzen vorausgeht. Wenn sie sich an die Anfängerübung erinnern, in der sie für ärgerlich komplizierte Systeme aus Seilen und Hebeln die newtonschen Gleichungen formulieren sollten, dann erscheint ihnen dieselbe Übung im Lagrange-Formalismus nun erstaunlich einfach.
Der große Schwindel der Einführungsvorlesungen besteht aber weiterhin in der Unterstellung, dass Probleme exakte Lösungen besitzen. In meinem zweiten Studienjahr sollten wir die Gleichungen für ein Doppelpendel herleiten – für ein Pendel also, das an einem zweiten Pendel aufgehängt ist. Mit dem Lagrange-Formalismus hat man diese Aufgabe schnell erledigt. Was uns damals allerdings nicht gesagt wurde oder vielleicht auch noch gar nicht bekannt war: Das Doppelpendel ist ein chaotisches System. Es ist daher prinzipiell unmöglich, die hergeleiteten Gleichungen auch zu lösen. Was also haben wir bei dieser Aufgabe eigentlich gelernt?
Nichtsdestoweniger funktioniert der Formalismus sehr gut, wenn man ihn auf Standardsysteme anwendet. In solchen Systemen sind die Hebel durch ideale Seile verbunden, die sich nicht dehnen. Unglücklicherweise ist die Lagrange-Methode aber alles andere als simpel, wenn sich die Länge der Seile mit der Zeit verändert. Dann werden die nötigen Korrekturterme so aufwändig, dass sich nahezu jeder Lehrbuchautor erhebliche Fehler leistet – oder diese Szenarien gleich vollständig weglässt. Tatsächlich ist die Situation dermaßen heikel, dass man häufig nicht einmal weiß, ob die gefundene Lösung korrekt ist.
Dies ist keineswegs ein rein akademisches Problem. Einstein betrachtete seine Theorie der Gravitation, die allgemeine Relativitätstheorie, als unvollständig, solange er seine Feldgleichungen nicht aus einer Wirkung herleiten konnte (eine Leistung, die der Mathematiker David Hilbert schließlich fünf Tage vor ihm vollbrachte).
Aus der Relativitätstheorie lassen sich zahlreiche Modelle des Kosmos ableiten, von denen die meisten allerdings in keiner Weise dem realen Universum ähneln. Wie wir aber heute wissen, erhält man für einige dieser Modelle ein falsches Ergebnis, wenn man die zugehörigen Feldgleichungen aus einer Wirkung herleitet. Warum das Verfahren dort versagt und wie es sich korrigieren lässt, ist Gegenstand einer beachtlichen Zahl eher esoterischer Forschungsarbeiten. Soweit ich weiß, erfordern all diese Korrekturen jedoch eine Kenntnis der korrekten Antwort, also der einsteinschen Feldgleichungen.
Moderne Physiker nehmen den Vorrang der Lagrange-Mechanik ernst. Zeitgenössische Praktiker, ob Kosmologen oder Stringtheoretiker, beginnen unvermeidlich damit, für ihre Lieblingstheorie eine Wirkung zu postulieren, aus der sie dann die Gleichungen herleiten. Doch wie können sie sicher sein, die korrekte Lösung gefunden zu haben, wenn sie nicht bereits einen Satz akzeptierter Feldgleichungen besitzen? Diese Frage stellt sich insbesondere dann, wenn sich die Theorie weit von den Experimenten entfernt hat, wie es heute der Fall ist.
Es wäre wenig überraschend, wenn nicht auch die Welt der subatomaren Teilchen und die Quantenphysik Mysterien hervorbringen würde. Und tatsächlich werden wir nicht enttäuscht. So enthält beispielsweise das Standardmodell der Teilchenphysik nicht weniger als 19 frei justierbare Parameter. Das ist eine ganze Menge. "Mit vier Parametern kann ich einen Elefanten anpassen!", soll John von Neumann gesagt haben. An dieser Stelle könnte man auch erwähnen, dass "Schönheit" nicht gerade zu den bevorzugten Begriffen gehört, wenn man über das Standardmodell spricht.
Doch so weit muss man in der Quantenphysik gar nicht gehen, wenn man sich verwirren lassen will. Das Konzept des Spins eines Elektrons spielt in jeder Einführungsvorlesung über Quantenmechanik eine grundlegende Rolle. Spin ist der Fachausdruck für den Eigendrehimpuls des Teilchens. Doch was genau sich hier dreht, wird nie zum Thema gemacht. Einer der Erfinder dieses Konzepts, Wolfgang Pauli, hatte es zunächst sogar wieder verworfen. Denn wenn das Elektron einen endlichen Radius besitzt, worauf einige Experimente hindeuteten, dann müsste es an seiner Peripherie mit Überlichtgeschwindigkeit rotieren. Betrachten wir es hingegen als punktförmig, müssen wir uns ein rotierendes Teilchen mit Radius null vorstellen. Keine leichte Aufgabe, ganz abgesehen von dem Ärger, den uns die damit einhergehenden unendlichen Kräfte bereiten.
Schwierigkeiten unter den Teppich kehren
Für gewöhnlich ignorieren Lehrbücher der Quantentheorie selbst jene Schwierigkeiten, die mitten im Zentrum der Disziplin lauern. Die grundlegendste von ihnen ist das berüchtigte Messproblem. Die Schrödinger-Gleichung, die das Verhalten von Quantensystemen beschreibt, ist ebenso deterministisch wie die newtonsche Gravitation. Doch die Quantenmechanik sagt nur die Wahrscheinlichkeit voraus, mit der ein Experiment ein bestimmtes Ergebnis liefert. Wie ein deterministisches System, in dem das Ergebnis vorherbestimmt ist, just im Augenblick der Messung abrupt zu einem probabilistischen werden kann, ist das große ungelöste Mysterium der Quantentheorie. Doch keines der vielen mir bekannten Lehrbücher über Quantenmechanik erwähnt dieses Problem überhaupt. Ein weit verbreitetes unter ihnen treibt die Ironie gar auf die Spitze: Es enthält ein Kapitel "Messungen", ohne darin das Messproblem zu behandeln.
Gerade die Verfasser von Lehrbüchern über Quantenmechanik sind geschickt darin, konzeptionelle Schwierigkeiten unter den Teppich zu kehren. Vielleicht hängt dies mit ihrem Thema zusammen, das dem gesunden Menschenverstand so sehr widerspricht. Beim berühmten Doppelspalt-Versuch wird dies besonders deutlich. Das Experiment dient im Allgemeinen dazu, den Welle-Teilchen-Dualismus des Lichts zu illustrieren, und konfrontiert uns direkt mit der Unergründlichkeit der Natur.
Im Grunde ist es ganz einfach: Man lässt einen Lichtstrahl durch ein Paar schmaler Schlitze auf einen Schirm fallen, beobachtet, was passiert, und stellt fest, dass sich Licht einerseits wie eine Welle, andererseits wie ein Teilchen verhalten kann, aber nicht beides gleichzeitig. Dieses große Paradoxon soll uns hier aber nicht interessieren, sondern vielmehr die Tatsache, dass bei der Erklärung des Experiments in Lehrbüchern üblicherweise sowohl klassische Lichtwellen als auch Lichtteilchen – Photonen – eine Rolle spielen. Gewöhnlich kapitulieren die Autoren nämlich bei der Analyse des Experiments. Unweigerlich fangen sie an, über die Intensität des einfallenden Lichts zu schreiben, die ein Maß für die Stärke der elektrischen und magnetischen Felder ist. Dann – nach einem völlig unlogischen Gedankensprung – schreiben sie plötzlich über Photonen und tun so, als besäßen diese quantenmechanischen Objekte elektrische und magnetische Felder. Das ist aber nicht der Fall. Will man das berühmte Experiment tatsächlich akkurat beschreiben, ist ein so genannter kohärenter Zustand erforderlich. Näher als mit dieser raffinierten quantenmechanischen Konstruktion kann man der Beschreibung einer klassischen Lichtwelle nicht kommen.
Tatsächlich verzichten die Lehrbuchautoren sogar völlig auf eine Erklärung des Experiments. "Erklärung" bedeutet in der Physik im Allgemeinen, einen Mechanismus zu finden, der den beobachteten Vorgang kausal in Gang setzt. Zu einem solchen Mechanismus gehören Kräfte. Statt also zu beschreiben, wie das Licht mit den Spalten wechselwirkt, und damit zu erklären, warum es sich wie beobachtet verhält, sagen sie lediglich, dass die Lichtwelle an den Rändern der beiden Spalte bestimmte Bedingungen erfüllen muss, und lassen die dabei auftretenden Kräfte unter den Tisch fallen. Die Ergebnisse stimmen zwar gut mit den Beobachtungen überein. Doch das in diesem Zusammenhang am häufigsten benutzte Verfahren vermeidet nicht nur den Kern des Problems, sondern ist auch noch mathematisch inkonsistent. Ganz zu schweigen davon, dass sich hier ebenfalls in vollem Ausmaß das Messproblem stellt.
Solche Beispiele gibt es in der Physik zuhauf. Statt so zu tun, als ob es sie nicht gäbe, sollten Physiker daher ehrlich bleiben und es gegenüber ihren Studierenden zugeben, wenn sie mit ihren Erklärungen die Abgründe vermeiden. Noch gegen Ende des 20. Jahrhunderts galt Physik als empfangene Wahrheit – in ihr enthüllte Gott sein Antlitz. Einige Physiker mögen diese Vorstellung weiterhin bewahren. Ich selbst sehe die Physik lieber als eine Sammlung von theoretischen Modellen. Sie beschreiben die Landschaft, sind aber nie die Landschaft selbst. Endgültige Antworten liegen darum schlicht außerhalb unserer Reichweite. Sicher sind die Physiker bei der Beschreibung der Natur weiter vorangekommen als die Vertreter anderer Wissenschaften. Mit Verständnis sollten sie dies aber nicht verwechseln.








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1. Ein Modell ist immer fehlerhaft
19.01.2012, Wojciech MorawiecDeshalb kann ich dem Autor zumindest in dem Punkt widersprechen, den Studenten würde das Bild einer vollkommenen und exakten Physik vermittelt. Auch wenn dies möglicherweise in den ersten (beiden) Semestern der Fall sein kann, geschieht es doch aus rein didaktischen Beweggründen, die das Ziel haben, die Anwendung des stets strikten mathematischen Apparates an physikalischen Systemen darzustellen.
Dass die exakte Mathematik die inexakte reale Welt nie genau beschrieben können wird, ist, so denke ich, den meisten Physikstudenten klar. Für mich macht das Übergehen kleinerer und größerer Fehler einer Theorie gerade die Physik aus, deren Modelle immer fehlerhaft sein werden.
Übrigens, selbst wenn man bei einem Pendel den Faden mit einer Feder ersetzt, ist dieses System unter Anwendung des erwähnten Lagrange-Formalismus keine so schreckliche Aufgabe, wie der Text andeutet. ;)
2. Es fehlt eine allgemeine Theorie der Physik
19.01.2012, Bernhard Kaczmarek3. Wissenschaftstheorie
19.01.2012, Joachim BlechleIch kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich viele der Wissenschaftstheoretiker ausschließlich damit beschäftigen, aus Hieroglyphen und Zahlenkolonnen zu lesen, wie Wahrsager aus dahingeworfenen Knochen. Den Wissenschaftstheoretikern fehlen drei wesentliche Voraussetzungen:
Sie sind nicht in der Lage –
1. durchs Fernrohr von Galileo Galilei zu schauen,
2. ein weißes Blatt Papier zu beschreiben und
3. zu akzeptieren, was ein Dritter sieht.
(Ich möchte hier nur anmerken, dass das nicht voll umfänglich wörtlich zu verstehen ist!)
Da kann man auch nicht zu den in diesem Beitrag in Rede stehenden gewünschten Erkenntnissen kommen, z. B. welcher physikalische Mechanismus hinter der Trägheit der Masse steckt oder wie viele Dimensionen das Universum besitzt.
Joachim Blechle
4. Messproblem
20.01.2012, KeeperAber ich muss Ihnen zustimmen, dass die Physik ein Sammelsurium aus geschickten Näherungen darstellt (das Zitat von Einstein schmückt den Beginn meiner Diplomarbeit ^^). Doch bin ich während meines Studiums häufig genug darauf aufmerksam gemacht worden. Nur wenn eine Gleichung einen Vorgang beschreibt, ist doch schon viel gewonnen. Man möge da nur an das plancksche Strahlungsgesetz denken und wie viel sich daraus entwickelt hat.
Wenn man sich nur mit exakten analytischen Ergebnissen oder Lösungen zufrieden gibt, wird man natürlich sehr schnell enttäuscht sein. Aber mit Näherungen, besonders numerischen, kommt man -zumindest in der klassischen Thermodynamik - recht weit.
P.S: @Reibung: in einer letzten Übungsstunde habe ich meinen Erstsemestern noch klar gemacht, dass Reibung so nur phänomenologisch erklärt werden kann und es da sehr schnell sehr kompliziert werden kann.
5. Die Suche nach Erklärungen, wo es keine gibt
20.01.2012, Gilbert BrandsDie Physik will nichts erklären. Ihre Aussage besteht mehr oder weniger in "wenn du unter diesen Randbedingen diesen Schalter umlegst, schlägt das Messgerät dort hinten bis zur Marke 5 aus". Unter Einhalten der Randbedingungen funktioniert die Physik ausgezeichnet. Die Mathematik ist für die Systematik zuständig, nicht für Erklärungen. Und auch das funktioniert ausgezeichnet.
Ich weiß nicht, warum der Autor die Physik offensichtlich auf das Niveau einer Geisteswissenschaft herunterziehen will, die schon einen völlig anderen Theoriebegriff besitzt (in den Naturwissenschaften dient eine Theorie zur Voraussage, in den Geistenwissenschaften in der Regel zur nachträglichen Begründung). Stört es ihn, dass es noch Wissenschaften gibt, deren Berechnungen und Vorhersagen in der Praxis eintreffen? Möglicherweise, denn der Genderismus in der Wortwahl deutet in diese Richtung (zu diesem Thema orientiert man sich am Besten auf den Seiten der Academie Francaise).
6. Wohltuend
20.01.2012, Herbert Kern7. Merkwürdig
20.01.2012, Michael KargerWas soll also die Bemerkung über die Singularität beim Coulombschen Gesetz? Teilt der Autor seinen Studenten nicht mit, was der Gültigkeitsbereich einer physikalischen Formel ist? Oder benutzt er das Coulombgesetz auch in Bereichen, wo die Quantentheorie das Sagen hat? Wer sagt denn, dass die Newtonschen Gesetze das Fundament der Physik bilden?
Das war ein erster Ansatz, der jetzt schon mehr als 300 Jahre alt ist. Wir haben doch längst erkannt, in welchem Bereich sie gültig sind und wo man bessere Beschreibungen verwenden sollte (siehe Relativitätstheorien). Newton war ein erster grober Ansatz, nicht falsch, aber doch nur begrenzt gültig. Mit Newton kann man die Welt nicht vollständig beschreiben, also warum bemüht der Autor den Begriff Entropie, um Newton zu kritisieren?
Worin bestehen denn die "Schummeleien" und "Betrügereien" in der Physik? Hat der Autor nicht die Idee verstanden, die hinter dem Begriff "Näherung" liegt? Glaubt der Autor wirklich, die Gesetze der Physik beschreiben die Wirklichkeit? Sie sind allenfalls Beschreibungen von Modellen der Wirklichkeit. Fairerweise sollte man das auch den Studierenden sagen und zwar nicht nur einmal.
Die Wirklichkeit ist nicht erkennbar, wir werden immer mit Näherungen leben müssen und sollten uns im Klaren über die Begrenztheit der Näherungen sein. Theorien sind lokal entstanden und können zu Widersprüchen führen, wenn sie in andere Bereiche verlängert werden. Dessen sollte man sich bewusst sein.
Die Mathematik ist nicht das beste Mittel, die Natur zu beschreiben. Näherungsweise mag es funktionieren, global sicher nicht. Warum sollte die Natur mathematisierbar sein?
Und warum sollte die Natur so strukturiert sein, dass der Mensch sie versteht? Dass es Lehrbücher mit unzureichenden und schlechten, manchmal sogar falschen Erklärungen gibt, sollte nicht dazu führen, der Physik Betrügereien vorzuwerfen.
Der Beitrag dieses Autoren ist sehr ärgerlich und unnötig. Unverständnis kann nicht die Basis fundierter Kritik sein. Sein letzter Absatz ist hingegen richtig und wir sollten uns dessen bewusst sein. Vergessen wir nie die Ehrlichkeit gegenüber der Begrenztheit der physikalischen Methode.
8. Deutsches Problem
20.01.2012, Andreas Maierhttp://en.wikipedia.org/wiki/List_of_unsolved_problems_in_physics
9. turtle of doom
20.01.2012, David CrollEs hat noch nie geholfen, zu warten bis andere etwas tun.
10. Wenig neues...
20.01.2012, Arthur SchönbergDie Aussage des Autors, es gäbe unter den vielen nur numerisch berechenbaren Problemen nur eine fast vernachlässigbar geringe Anzahl von analytisch (exakt) lösbaren ist natürlich richtig; es wird jedoch keinen Erstsemester vom Hocker hauen. Es ist schlicht und ergreifend falsch, dass diese Tatsache den Studenten (bewusst?) verschwiegen wird.
Manche Näherungsmodelle, auf die ein Physikstudent im Laufe des Studiums stößt, sind so drastisch und wirken so aus dem Ärmel gezaubert, dass ein jeder Anfänger mit einer gesunden Kritikfähigkeit protestieren wird. Jedoch ist der Sinn solcher Näherungen klar: Rein aus didaktischen Gründen sind diese Modelle häufig sehr nützlich. Sie zeigen oft grundlegende Eigenschaften eines Systems, ohne dass viel programmiertechnischer Aufwand betrieben wird.
Es wird also überhaupt nichts unter den Teppich gekehrt. Jeder Physiker weiß, dass selbst die besten Theorien nur Annäherungen an die (so genannte) Realität sind, und kein seriöser Wissenschaftler würde jemals etwas anderes behaupten.
11. Völlig haltlose Behauptungen
20.01.2012, Gerhard BrunthalerDass grundlegende Fragen offen sind, ist wohl klar, und wenn dann die Frage nach der Trägheit der Masse, der Anzahl der Raumdimensionen in kleinsten Bereichen und die gemeinsame Beschreibung der Grundkräfte der Natur aufgezählt werden, dann sind dies eben einige der aktuellsten, aber auch der anspruchsvollsten Probleme.
Dann wird gleich die Reibung und die Zunahme der Entropie aufgegriffen. In diesem Zusammenhang wird behauptet, dass die Zunahme der Entropie der einzige Unterschied sei, der Vergangenheit und Zukunft von den physikalischen Gesetzen her unterscheidet. Dies ist aber zu kurz gegriffen. Es werden mindestens drei Effekte in diesem Zusammenhang diskutiert, zu denen neben der Entropiezunahme auch eine Asymmetrie bei der Ein- und Ausstrahlung von elektromagnetischen Wellen und eine einseitige Zeitentwicklung ausgehend vom Urknall des Universum gehören (siehe z.B. V. I. Konushko „Where is the Time Arrow Flying?“ in Journal of Modern Physics, Vol. 2, 2011, DOI: 10.4236/jmp.2011.27074).
Die Zunahme der Entropie wird durch den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik beschrieben. Es wird behauptet, dass es nicht gelungen sei, diesen aus den Newton’schen Gesetzen herzuleiten. Dieser Behauptung möchte ich hier klar widersprechen. Der Ablauf eines thermodynamischen Systems unterliegt völlig den klassischen Gesetzen der Physik. Aber Ludwig Boltzmann gelang es ein neues Prinzip zu erkennen. Wenn das System sehr viele Möglichkeiten hat einen neuen Zustand einzunehmen, so wird es mehr oder weniger zufällig in einen davon gehen und die Wahrscheinlichkeit in den Ausgangszustand zurückzufinden ist einfach extrem unwahrscheinlich.
Boltzmann hat die klassische Physik mit einer Wahrscheinlichkeitsrechnung verbunden. Das ist alles, was dahintersteckt und steht auch nicht im geringsten Widerspruch zur klassischen Physik. Wenn der Autor des Artikels schreibt „Die Unvereinbarkeit des zweiten Hauptsatzes mit den anderen grundlegenden Theorien der Physik bleibt das vielleicht größte Paradoxon der gesamten Disziplin“, so ist das schlichtweg Unsinn.
Nach der Zwischenüberschrift „Der große Schwindel der Einführungsvorlesungen“ geht es dann weiter. Wieder wird behauptet, der Reibungsterm in der Federgleichung werde ad hoc eingeführt und würde das Verhalten einer Schwingungsfeder nicht im Geringsten erklären. Aber natürlich tut sie das. Man muss sich nur klar sein, dass im Inneren eines Festkörpers die geordneten Schwingungsanregungen durch Streuprozesse in ungeordnete Schwingungen übergeführt werden und dies genau einer Temperaturzunahme entspricht. Mit diesen und ähnlichen Argumenten kann man sehr wohl verstehen was passiert.
Der Autor hat recht, wenn er dann schreibt, dass es überaus bemerkenswert ist, dass sich die Physik und damit die Natur durch relativ wenige mathematische Gleichungen beschreiben lässt, die noch dazu eine überaus „schöne“ Symmetrie aufweisen. Tatsächlich wird dies vor allem in der Elementarteilchenphysik zu einer Art Glaubenssatz erhoben, der sich aber bisher immer wieder bestätigt hat.
Dann kommt der Autor (wieder) zum Pendel. Die mathematischen Gleichungen dafür sind nur unter der Näherung kleiner Schwingungen einfach lösbar. Für die vollständige Beschreibung ist ein größerer Aufwand nötig – na und? Es wird ja nie behauptet, dass die gesamte Physik und die zu deren Beschreibung notwendige Mathematik, einfach sei. Aber daraus wieder ein Mysterium zu konstruieren ist wirklich zu viel des Guten.
Für ein Pendel mit beliebig großen Winkelausschlägen erhält mein eine Differentialgleichung und muss ein Integral von der Form „integral d_theta/sqrt(cos(_theta) - cos(_theta0))“ lösen, wobei _theta0 den Anfangswinkel darstellt. Wenn das Pendel senkrecht nach unten hängt, ist der Winkel _theta = 0. Für _theta0 = 0, d.h. 90° Anfangsauslenkung, wird die Lösung am einfachsten. Geben Sie doch selbst einmal „integral dx/sqrt(cos(x))“ in das Eingabefeld von WolframAlpha (http://www.wolframalpha.com), dem Webinterface zu Mathematica ein – schon haben sie die Lösung (in der Eingabezeile wird die Variable „x“ anstelle von „theta“ verwendet, da WolframAlpha damit gewisse Probleme hat). Sie können auch das Integral für beliebige Anfangswinkel eingeben „integral dx/sqrt(cos(x)-a)“, wobei a für cos(_theta0) steht und erhalten sofort die Lösung.
Durch Weiterklicken kann man sich über die zur Lösung benötigten Funktionen, das sind die elliptischen Funktionen, informieren. Nicht ganz einfach, aber auch keine Hexerei, aber daraus eine Verschwörung zu konstruieren, es gäbe Risse in der Physik!?
Einstein hat zur Beziehung zwischen Physik und Mathematik wohl eine etwas unglückliche Aussage gemacht, die man aber wohl nicht auf alles beziehen sollte.
Dann kommt im Artikel das Kapitel über „Unendlich große Kräfte“. Hier werden Probleme angesprochen, aber dann wohl auch stark verzerrt. Zu den Feldtheorien, der Quantenelektrodynamik und dem Abraham-Lorentz Modell möchte ich aber keine Aussagen treffen, da ich mich da zu wenig auskenne.
Unter derselben Überschrift taucht aber auch noch der Lagrange-Formalismus auf und wird – Simsalabim – gleich wieder mystifiziert. Der Lagrange-Formalismus ist wirklich nicht ganz einfach. Als Physikstudent habe ich ihn nicht begriffen, aber mich später noch einmal damit beschäftigt. Wenn man nur eine Anzahl von freien Teilchen betrachtet, kann man darauf sehr einfach die Newton’schen Bewegungsgleichungen anwenden. Wenn aber zwischen den Teilen eines Systems weitere Beziehungen, so genannte Zwangsbedingungen, herrschen, so ist es meist einfacher neue Parameter einzuführen, mit denen man die eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten des Systems gerade vollständig beschreiben kann.
Es handelt sich hierbei dann um einen Satz linear unabhängiger Parameter, denen man den Begriff der verallgemeinerten Koordinaten zuordnet. Da dieser Parameterraum genau alle Freiheitsgrade abdeckt, kann man auch jeden Parameter unabhängig von den anderen variieren, was bei den kartesischen Koordinaten, die wegen der vorhandenen Zwangsbedingungen teilweise voneinander abhängen, nicht möglich ist. Eine Umrechnung der Newton’schen Gleichung „Kraft ist Masse mal Beschleunigung“ bzw. in der Form „Kraft ist gleich Impulsänderung“ auf diese neuen Parameter ergibt (nach einer zugegebenermaßen etwas aufwändigeren Rechnung) direkt die Lagrange Gleichungen für jede dieser verallgemeinerten Koordinaten getrennt.
Im nächste Schritt, dem Hamilton’schen Prinzip, kann man zeigen, dass dieser zeitliche Ablauf eines Systems, der durch die Lagrange-Gleichungen beschrieben wird, direkt identisch ist mir der Aussage, dass das Integral der Lagrange-Funktion über die Zeit minimal ist (im allgemeinsten Fall extremal, also minimal oder maximal, aber tatsächlich fast immer minimal). Dieses Integral wird als die Wirkung des Systemablaufs bezeichnet. Bis hier her folgt alles direkt über Zwischenschritte und Ableitungen aus der Newton’schen Dynamik, ohne Zauberei und Mystik. Die Aussagen sind alle gleichwertig zueinander.
Ein Vorteil des Lagrange-Formalismus besteht darin, dass die Kräfte nicht mehr direkt aufscheinen sondern durch Ableitungen von Potentialen ersetzt werden. Und ist in weiten Bereichen der Physik, wie z.B. bei den Elementarteilchen von Vorteil, wo man meist mit Potenzialen arbeitet. Auch beim Übergang zur Quantenmechanik ist die von Vorteil, da in der Schrödingergleichung keine Kräfte vorkommen, sondern nur Potenziale. Dies ist auch der Grund, warum die besagte Gleichung von Erwin Schrödinger 1926 aus dem Lagrange- und Hamilton-Formalismus „abgeleitet“ wurde. Es macht also durchaus Sinn in gewissen Bereichen nicht direkt mit dem Newton-Formalismus zu arbeiten. In der Elementarteilchenphysik sind der Lagrange-Formalismus und die Wirkung aufgrund ihrer Universalität und Erfolge dann quasi zum Prinzip erhoben worden. Da spricht ja wohl nichts dagegen!
Etwas weiter unten nimmt sich der Autor auch noch den Elektronenspin vor und bezeichnet ihn als „Fachausdruck für den Eigendrehimpuls des Teilchens“. Dies ist eine irreführende Darstellung. Es wurde vielfach gezeigt, dass es sich nicht um einen Eigendrehimpuls im klassischen Sinne handelt, sondern um einen „inneren Freiheitsgrad“ in der Quantenphysik, der genau zwei mögliche Eigenzustände besitzt und kein kontinuierliches Spektrum wie ein normaler Drehimpuls.
Diese inneren Freiheitsgrade, die nichts mit räumlichen Dimensionen zu tun haben, muss man erst einmal akzeptieren. Aber genau um solche inneren Freiheitsgrade handelt es sich auch, wenn man die elementaren Kernkräfte mit Symmetrien diskutiert, die auf komplexen Zahlen aufbauen (Stichwort SU(2) und SU(3)).
Im letzten Abschnitt mit dem Titel „Schwierigkeiten unter den Teppich kehren“ kommt der Autor dann auf grundlegende Aussagen und Fragen der Quantenphysik zu sprechen und erwähnt zunächst das Messproblem. Um dieses mit Mitteln der Quantenphysik beschreiben zu können, ist es erforderlich eine grundlegend neue Annahme zu treffen, also ein Postulat einzuführen, das besagt, dass das System durch den Messprozess spontan in genau einen der möglichen Endzustände des Systems übergeht. Das ist ein neues Prinzip, das nicht aus der klassischen Physik abgeleitet werden kann. Aber das überrascht nicht, da die Gesetze der Quantenphysik prinzipiell nicht aus der klassischen Physik herleitbar sind, genauso wenig wie man die spezielle oder allgemeine Relativitätstheorie aus der Physik bei niedrigen Geschwindigkeiten herleiten kann.
Auf Grund von Beobachtung und Experiment musste in diesen Bereichen die bekannte Physik erweitert werden, sodass sie im Grenzfall noch mit dieser übereinstimmt, aber eben in der Lage ist die neuen Bereiche zu erfassen.
Der Messprozess in der Quantenphysik ist also etwas grundlegend Neues, genauso wie die Quantenphysik selbst. Das Problem das man im Allgemeinen damit hat ist, das man es auf etwas Bekanntes oder Anschauliches zurückführen kann, sodass man es weitgehend in Einklang mit der uns vertrauten klassischen Physik bringen kann. Und damit ist Interpretation und Philosophie die Tür geöffnet, es bleibt aber die Frage ob man dazu überhaupt eine befriedigende Antwort finden kann. Ich widerspreche der Aussage im hier besprochenen Artikel, dass das Messproblem in keinem Lehrbuch der Quantenmechanik erwähnt wird. In dem Buch „Modern Quantum Mechanics“ von J. J. Sakurai, wird das Messproblem auf den Seiten 23 bis 25 diskutiert, in dem Buch „Essential Quantum Mechanics“ von Gary E. Bowman wird es auf den Seiten 12, 30 – 31 und 183 – 184 behandelt um nur willkürlich welche herzunehmen, in die ich zuletzt geblickt habe.
Die letzten vier Absätze des Artikels sind dann, pardon schon, so niveaulos, dass ich im Detail gar nicht mehr darauf eingehen möchte. Man ist eher geneigt zu meinen, der Autor hat das Doppelspaltexperiment nicht verstanden und möchte es nun allen Physiklehrern und Lehrbüchern in die Schuhe schieben. Ich möchte das Doppelspaltexperiment aber jetzt nicht auf einen kurzen Absatz hier abtun und andererseits ist meine Kommentar eh schon lange genug. Dem Doppelspaltproblem müsste man einen eigenen Artikel widmen.
Zusammengefasst, sehe ich die meisten Probleme, die der Autor Tony Rothman hier aufzeigt als konstruiert, übertrieben und teilweise sogar falsch an. Natürlich gibt es offenen Frage, wie die geschlossenen Beschreibung der Grundkräfte der Natur, was nichts anderes ist als die Frage nach einem vereinheitlichten Modell Kräfte und Elementarteilchen, oder die Zahl der Dimensionen bei kleinsten Abmessungen, aber die streift der Autor nur beiläufig. Vielleicht sollte er doch seine Zeit lieber mit dem Schreiben von Sciencefictionromanen ausfüllen, was ja ohnehin seine Hauptbeschäftigung sein dürfte!
12. Endlich ein ehrlicher Physiker
20.01.2012, Rudi ZimmermanEinige Grundzüge dieser Verhaltensregeln beschreibt die Philosophie lebender Systeme - vielleicht könnte eine interdisziplinäre Zusammenarbeit die Physik befruchten?
13. Vorsicht vor Verallgemeinerung
20.01.2012, Konrad Hinsen14. Bitte ein wenig mehr Fantasie...
20.01.2012, Detlef KöhlerI believe in intuition and inspiration. Imagination is more important than knowledge. For knowledge is limited, whereas imagination embraces the entire world, stimulating progress, giving birth to evolution. It is, strictly speaking, a real factor in scientific research.
15. Kein großes Paradoxon!
21.01.2012, Johann PrellIm Doppelspaltexperiment kann man genau erkennen, dass das Interferenzmuster von Licht, d.h. dessen Welleneigenschaft, durch unterschiedliche Anhäufung von Photonen in Form von Streifen zustandekommt. Dieses Interferenzmuster wird allerdings zerstört, wenn die Photonen im Experiment zur Wechselwirkung mit der Umgebung gezwungen werden. Warum sie in diesem Fall ihre Interferenzfähigkeit verlieren, ist nach wie vor ein großes Rätsel.
Was kann bei dieser m.E. korrekten Interpretation des Welle-Teilchen-Dualismus noch unter "den Teppich" gekehrt werden? Es sei denn, man verwendet die in o.a. Artikel falsche Auslegung des Welle-Teilchen-Dualismus.
16. Großartiger Beitrag von Rothman!
22.01.2012, LHC-Kritik17. Tröstlich für mich
22.01.2012, Wolfgang GegnerIn meine Jugend hatte ich ein Faible für Physik und wollte eventuell dieses Fach studieren.
In den letzten Jahren musste ich allerdings immer mehr den Eindruck gewinnen, dass ich für das Verständnis der Vorgänge zu dumm sei oder dass es niemanden mehr gäbe, der bereit wäre sein Wissen zu veröffentlichen oder verständlich zu machen.
Wie ich offenbar erkennen darf, gründet sich dieser Eindruck jedoch überwiegend darauf, dass es schlüssige Erklärungen nicht gibt, man dieses Unwissen aber nicht zugeben möchte.
Wie Herr Rothman darlegt, wird offenbar zu oft die erfolgreiche Anwendung von Berechnungsverfahren mit Verständnis verwechselt. Die Berechnung führt zwar zum (wirtschaftlichen) Erfolg, reicht aber als Basis für neues Wissen nicht aus, hierfür war in der Vergangenheit immer Verständnis nötig.
18. Weltformel / Strahlungsdruck
25.01.2012, Walter OrlovOb sie alle wirklich gleichbedeutend sind, kann man darüber selbstverständlich noch diskutieren, aber was den Strahlungsdruck betrifft, hat er meine Vermutung ( http://worlov.wordpress.com/2010/12/09/lichtdruck/ ) wohl bestätigt.
19. Lehrbücher und Professoren
25.01.2012, Name ist der Redaktion bekanntDarüberhinaus kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dem Autor in seinem Studium verheimlicht wurde, dass ein Doppelpendel ein chaotisches System ist. Das wurde bei uns bereits in der ersten Einführungsvorlesung in Experimenteller Physik sehr sehr deutlich gemacht (Deterministisches Chaos) und selbstverständlich in der Klassische Mechanik-Vorlesung in der Theoretischen Physik besprochen. Auch die Probleme der unendlichen Eigenenergie eines Elektrons wurden in der Elektrodynamik natürlich besprochen, dabei hat unser Professor unumwunden klar gemacht, dass diese Schwierigkeiten bestehen und dass diese noch nicht gelöst sind!
Und wenn der Autor sich in seinem Studium den Spin mit einer drehenden Kugel bildlich vorgestellt hat oder ihm das gar von einem Professor so erklärt wurde, dann stellt sich mir schon die Frage wo genau er denn studiert hat. Denn auch das wurde selbstredend so erklärt. Dass man sich die Quantenmechanik eben nicht im klassischen Sinne vorstellen kann, da der Erfahrungshorizont von Menschen zwangsläufig auf die makroskopische Ebene beschränkt ist, sollte jedem Physiker klar sein. Dazu passt natürlich hervorragend die berühmte Aussage Richard Feynmans: "Es gab eine Zeit, als Zeitungen sagten, nur zwölf Menschen verstünden die Relativitätstheorie. Ich glaube nicht, dass es jemals eine solche Zeit gab. Auf der anderen Seite denke ich, es ist sicher zu sagen, niemand versteht Quantenmechanik."
Dass der Herr auf die Schlussfolgerung kommt, die Physik sei "eine Ansammlung von theoretischen Modellen", die die Landschaft beschreiben, sie aber nicht selbst sind, ist ja löblich. Ich bezweifle nur, dass man dafür Kosmologe in Princeton sein muss, denn diese Sichtweise wurde mir und vielen Freunden schon im Grundstudium klar.
20. Kann die Physik überhaupt die Welt erklären?
26.01.2012, AaronDiese Auffassung der Physik hat sich erst allmählich herausgebildet: [url=http://der-philosoph.cms4people.de/50.html]Genügt die Naturwissenschaft zur Erklärung der Welt?[/url].
Nur ganzheitliches Denken vermag uns die Welt erklären. Hier finden wir einen schönen Ansatz dazu: [url=http://geheimnisdesmenschen.blogspot.com/search/label/Vom%20Sinn%20des%20Kosmos]Vom Sinn des Kosmos[/url]
21. Warum das Gejammer?
27.01.2012, Klaus TeutenbergFallgesetz mit der Aerodynamik. Und in der Federgleichung steht die Federkonstante für ihre MaterialeigenscGhaft. Soll man da etwa Festkörperphysik betreiben?
Seinem letzten Satz (... man soll die Beschreibung nicht mit Verständnis verwechseln) kann man mit Richard Feynman ("Wer behauptet, er habe die Quantenmechanik verstanden, der hat sie nicht verstanden.") zustimmen.
22. angeregt :-)
30.01.2012, Volker BiallaßKeine Erregung ohne erfolgreiche Koppelung, Vorzeichen hin oder her.
Carl Friedrich von Weizäcker merkte zur Kopenhagener Deutung an:
»"Was beobachtet worden ist, existiert gewiss; bezüglich dessen, was nicht beobachtet worden ist, haben wir jedoch die Freiheit, Annahmen über dessen Existenz oder Nichtexistenz einzuführen." Von dieser Freiheit macht sie dann denjenigen Gebrauch, der nötig ist, um Paradoxien zu vermeiden.«
Mir scheint, als würden mit genau diesem Verfahren dem Autor nun genau die Impulse zugeschoben, die nötig sind, um Paradoxien zu verschleiern. Oder anders gesagt, viele Begriffe wie z.B. Vorstellung werden in der Kritik weitaus unschärfer und beliebiger geführt, als es sich im Essay selbst beobachten lässt.
Wenn ich einem ungenehmen Text [oder noch viiiiel einfacher gleich seinem Autor bzw dessen Genese] Sinn- und Zusammenhanglosigkeit unterstelle, dann habe ich ihn abgefertigt. Es scheint hier eine Tendenz zutage zu treten, die sich in ihrer Ehre verletzt fühlt und nicht mehr als eine Abfertigung im Sinn hat (so wie der GRID am CERN im Wesentlichen ja auch nur an der Eliminierung des Nichtssagenden malocht).
Unterstellt man aber, dass Princeton kein Schilda ist, dann kann man dem Essay Zusammenstellungen entnehmen, die weniger auf die Ehre der Pyhysik als auf das Ehrgefühl vieler Physiker abzielen, die ehedem spannende und das Agreement der Physiker strapazierende Fragestellungen wach halten wollen.
Kann es selbstverständlich sein, dass die Wirklichkeit nicht selbstverständlich ist? Anhand der meisten Kommentare müsste dem so sein, dann aber wohl nicht wirklich, ja vielleicht sogar wirklich nicht :-))
Die 'Erfahrbarkeit' der Quantenphysik unterscheidet sich meines laienhaften Erachtens nicht fundamental von den Erfahrbarkeiten der makroskopischen Welt, denn man kann den Umgang mit dem Mikroskop durchaus so trainieren, dass es als eine Verfeinerung des evolutiv entstandenen Augenapparates zur Normalität zuzurechnen ist. Bezüglich der Mathematik ist es nicht anders, auch hier ist ein Apparat angeboren, kann trainiert und mit Werkzeugen aufgerüstet werden.
Was kritisiert Rothman nun anderes, als dass viele abgeschlossene Studiengänge gerne abgeschlossene Zusammenhänge darbieten, den Fokus so verschieben, dass zwischen Technik und Wissenschaft gar nicht mehr unterschieden wird, da die Wissenschaft verzichtbar wird, sich die Technik verselbstständigt hat.
Dass man vieles nicht so sehen und betrachten darf, wie gemeint wird, dass der Autor es eben so präsentiere, da es nicht anders in das Verständnis passt, weckt in mir die Angst, dass es um die 'Wahr'nehmung nicht immer gut bestellt ist, dass sich da ein technischer (gar technokratischer) Dogmatismus einwurzeln könne, wo der Boden lieber locker und der Erosion aufgeschlossen bleiben müsste.
23. O je ...
30.01.2012, Fritz Kronberg24. Quantenphysik: Keine Wellen, sondern Wahrscheinlichkeitsfelder
30.01.2012, Hans Palm, Frankfurt am MainDieses Fundament erscheint unsicher, weil wir im Mikrokosmos in der Regel nicht mit festen Werten arbeiten können, sondern mit Wahrscheinlichkeiten vorlieb nehmen müssen.
Zudem begegnen uns hier Gesetzmäßigkeiten, die scheinbar unserer Alltagserfahrung und dem gesunden Menschenverstand widersprechen:
a) Ein Teilchen erscheint je nach Art der Messung entweder kompakt, einen engen Raum einnehmend, oder als Welle, im Raum "verschmiert".
b) Man kann nur entweder den Ort oder den Impuls eines Teilchens messen, nicht beide gleichzeitig (heisenbergsche Unschärferelation).
So haben wir es im Physikunterricht gelernt, doch beschreiben diese Aussagen meiner Meinung nach die Realität nicht ganz richtig.
Zu a) Wenn wir zum Beispiel im Doppelspalt-Experiment ein kompaktes Teilchen messen, handelt es sich um einen möglichen Zustand (Ort) des Teilchens, während andere Zustände (Orte) auch möglich sind; also erhalten wir keinen absolut gültigen exakten Wert, sondern einen Näherungswert, der nur einen Teil der realen Möglichkeiten zeigt.
Wenn wir hier aber das messen, was gemeinhin als Welle bezeichnet wird, handelt es sich in Wirklichkeit um die Menge aller Zustände (Orte), die dem Teilchen möglich sind, verbunden mit den jeweiligen Wahrscheinlichkeiten. Wir erhalten also mehr und ausführlichere Informationen, aber eben keinen exakt definierten Einzelwert, sondern ein Feld aller Wahrscheinlichkeiten für die Werte, die das Teilchen annehmen kann, was viel aussagekräftiger ist.
Zu b) Wenn wir den exakten Ort eines Teilchens kennen, sind wir nicht in der Lage, den exakten zugehörigen Impuls zu messen (genauso umgekehrt), einfach weil es ihn nicht gibt.
Was wir stattdessen erhalten, ist wieder ein Wahrscheinlichkeitsfeld aller möglichen Impulszustände, die das Teilchen an diesem Ort annehmen kann (und natürlich umgekehrt).
Es wäre auch unsinnig, sowohl für den Ort als auch für den Impuls exakte Werte zu erwarten, da beide nur Möglichkeiten darstellen und sich ihre Unsicherheiten multiplizieren würden
* * *
Ein weiteres scheinbares Problem im Fundament der Physik ist die Gültigkeit der Gravitation in der Quantenwelt:
Wenn zwei punktförmige Teilchen sich so nahe wie möglich kommen, müsse die Anziehungskraft zwischen ihnen unendlich groß werden.
Tatsächlich spielt die Gravitation aber im Quantenbereich keine Rolle, weil die Teilchen nicht wie die Massen im Makrokosmos als ruhend angesehen werden können, sondern stets mit hoher Geschwindigkeit unterwegs sind. So wäre hier die Bestimmung einer Ruhemasse unsinnig. Unser Universum ist darauf aufgebaut, dass die Teilchen in Bewegung in bleiben, sonst könnten sie sich nicht verbinden.
* * *
Ein Fehler im Artikel ("Die Physik - ein baufälliger Turm von Babel", Spektrum 2/12, Seite 61):
Der Autor interpretiert den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik so, dass bei irreversiblen Prozessen die Entropie zwangsläufig zunähme. Wäre diese Betrachtungsweise richtig, hätte Leben nie entstehen können.
25. Schön, wenn sich ein Physiker einmal nicht im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt
30.01.2012, Wilfried Knapp26. Einstürzende Altbauten
31.01.2012, Udo Holländerbin begeistert über diesen Artikel von Tony Rothman. Soviel Nestbeschmutzung
in diesem Forum hätte ich nimmer erwartet. Chapeau !
Um das Ganze noch würziger zu machen:
Zu der erwähnten Selbstgefälligkeit der Physikerzunft kommt m. E. noch eine
vollkommene Blindheit gegenüber den eigenen kategorial gesetzten
Voraussetzungen eigenen Forschens. Es wimmelt sozusagen nur so von Aporien: Plato lässt
grüßen, Aristoteles hat´s als Systemdenken eingetütet, die arabischen Rück-Übersetzungen waren oftmals nur vergebliche Rettungsversuche, Descartes hat den Sack dann richtig zugemacht und das sich so seiner selbst vergewisserte Ego braucht später nur noch zu sagen, daß die Natur quantifizierbar sei. Der Widerspruch hielt sich in Grenzen, weil schon keiner mehr so recht merkte, welch Verdünnisierung der Wirklichkeit und Einengung des Blickes damit einherging.
Wacklige Altbauten mit Rissen im atomarem Fundament sind bei rausgekommen. Nicht schön !
(das war meine Kurzform).
Ich denke, das diese Diskussion deshalb an´s Eingemachte geht, weil sich die >Form< der Rationalität kritisieren lassen muss. Also das, was die meisten Wissenschaftler als ihre eigene Denkvoraussetzung gar nicht wahrnehmen. Es geht um geltende Denkformen und Strukturen, die eigentlich nur noch auf eine zweite, Menschen gemachte Naturform rekurrieren können
( das Wissen um die erste ist m. E. spätestens mit den Vorsokratikern, hier insbesondere mit Parmenides` Abweisung des >Nichts abhanden gekommen). Trost für die armen Platoniker, die im Nebenberuf Physiker sind:
alle Anderen stehen genauso im Regen, sind aber mittlerweile im Anspruch etwas
bescheidener geworden.
Wie lautet sinngemäß einer der letzten Sätze des wunderbaren Artikels:
"Die Physiker sollten nicht die Beschreibung einer Landschaft mit der
Landschaft selbst verwechseln."
Dem kann ich nur beipflichten und an den sympathischen Computer aus:
"Per Anhalter durch die Galaxis" erinnern:
Die von den Menschen gestellt Frage nach dem Ganzen und überhaupt kann er
nach vielen Jahren des Rechnens nur adäquat mit >42< beantworten.
Diese Antwort hat Klasse !
Will sagen:
Allein die Möglichkeit einer Fragestellung, die nach einem sinnhaften Ganzen im Kleinen und im Großen fragt (und sage mir keiner, das sei n i c h t die Frage nach der Wahrheit >Grüße auch an die Tunnelbauer am CERN ) ist schon Teil des Problems.
Woher kommt bloß diese denkerische Abwehr gegen Unwägbarkeiten, Nichtkausalität, Nicht-Abgeschlossenheit und Nicht-Linearität ?
Wow, liebe Gemeinde, seht´s mir nach. Ich weiß: Widerspruch gibt´s zuhauf, aber das hat einfach mal Spaß gemacht (obwohl mir eigentlich schon nach Tschernobyl nicht mehr so recht zum Lachen war).
MIt Wunsch nach Veränderung und
umstürzlerischen Grüßen
Udo Holänder
27. Guter Aufruf zur Besinnung
01.02.2012, Harald Bruckner28. Punktförmige Teilchen?
01.02.2012, Hans Palm, Frankfurt am MainEs ist unklar, ob es überhaupt punktförmige Teilchen, also Teilchen ohne räumliche Ausdehnung gibt. Bei Elektronen, Myonen und Neutrinos hält man es für möglich. Allerdings sind diese Teilchen besonders schnell, also erst recht keine Angriffspunkte für Gravitationskräfte.
Für Quarks wird auch Punktförmigkeit angenommen; jedenfalls können sie sich nicht unendlich nahe kommen, weil dann die Teilchen, die sich aus ihnen zusammensetzen, auch punktförmig würden.
29. Intuition statt Herleitung
02.02.2012, Dr. Wolfgang KleinVor einiger Zeit habe ich mal versucht, mich ein wenig mit Stringtheorie zu befassen (z.B. mit dem Lehrbuch von M. Kaku). Dieses fängt im Grund damit an, dass die verwendeten Symmetriegruppen vom Himmel fallen. Das Thema Symmetriegruppen steht meines Wissens in enger Beziehung zu dem, was Tony Rothman über den Lagrangeformalismus und das Wirkungsprinzip schreibt (Erhaltungsätze, Satz von E. Noether). Gerade beim Satz von E. Noether habe ich den Eindruck, dass der von Physikern zwar häufig zitiert, aber nicht wirklich verstanden wird, falls die Betreffenden überhaupt die Arbeit von Emmy Noether gelesen haben.
Bedauerlich ist auch der teilweise schlampige Umgang mit mathematischen Theorien (Operatortheorie, Lie-Gruppen). Man sehe sich beispielsweise die Ausführungen von Walter Greiner über Lie-Gruppen und Lie-Algebren an und vergleiche die mal mit einem Mathematikbuch zum selben Thema. Mir ist noch die denkwürdige Aussage meines Professors für theoretische Physik (Haug) in Erinnerung: "Ein Hilbertraum ist ein undendlichdimensionaler Vektorraum mit Skalarprodukt." Ein anderes Beispiel ist sein Umgang mit uneigentlich Integralen: Ein existierendes beidseitig uneigentliches Integral wandelte er in zwei nicht existierende einseitig uneigentliche Integrale um, formte diese zu zwei existierenden eigentlichen Integralen um und hatte dann in Summe das beidseitig uneigentliche Integral vom Anfang in ein eigentlich Integral umgewandelt.
Man erinnere sich an die Aussage von Bertrand Russell, dass man ausgehend von einer falschen Aussage jede Aussage herleiten kann. Beispiel: 0 = 1 => Bertrand Russell ist der Papst.
30. Haltlose Vorwürfe, aber dennoch eine Bereicherung
06.02.2012, Prof. Dr. Wolfgang Kinzel, WürzburgUnsere Studentinnen und Studenten lernen, dass Physik keinen absoluten Wahrheitsanspruch hat, sondern auf Hypothesen beruht, die zwar experimentell äußerst gut bestätigt wurden, die jedoch immer wieder kritisch hinterfragt und gegebenenfalls erweitert oder sogar ersetzt werden müssen. In den Vorlesungen wird keinesfalls verschwiegen, dass Physiker trotz universeller Gesetze auf Näherungen angewiesen sind, um diese Gesetze auf komplexe Systeme anzuwenden. Schwierigkeiten mit der Interpretation und dem anschaulichen Verständnis der Quantenmechanik, mit der Herleitung der Statistischen Mechanik und ungelöste Problem werden offen angesprochen. Rothmans Vorwürfe zu Schmutz, Schwindel, Unredlichkeit, ja sogar Betrügereien bei der Vermittlung der Physik sind daher haltlos.
Selbstverständlich verwenden wir nicht den Großteil unserer Vorlesungen, um ungelöste Probleme zu diskutieren. Wir wollen unsere Studierenden dafür begeistern, dass es einen Teil unserer Natur gibt, für den wir eine Vielzahl von messbaren Phänomenen durch einige wenige mathematische Gesetze erklären können. Die Eigenschaften von Licht, Radiowellen und Röntgenstrahlung werden beispielsweise durch die Maxwell-Gleichungen erklärt. Das sind großartige Erkenntnisse, die schließlich zu wichtigen technischen Anwendungen geführt haben.
In der Relativitätstheorie und in der Quantenmechanik lernen Physikerinnen und Physiker, dass sie die Anschauung verlassen müssen, um mithilfe weniger grundlegender mathematischer Gesetze zahlreiche völlig unterschiedliche experimentelle Ergebnisse zu erklären. Solche Erkenntnisse führen ebenfalls zu wichtigen Anwendungen, beispielsweise zu den elektronischen Bauelementen.
Wir verschweigen aber auch nicht, dass die Physik (noch?) keine Lösung zu einem großen Teil unserer Natur liefert. Für die Biologie gibt es beispielsweise noch keine universelle quantitative Theorie. Und obwohl die Biophysik immer mehr zu diesen Fragen beitragen kann, darf durchaus bezweifelt werden, ob es die universelle Theorie des Lebens jemals geben wird.
Obwohl die harte Kritik von Tony Rothman für unser Physikstudium nicht zutrifft, hat sein Aufsatz an unserer Fakultät unter Studenten und Dozenten zu einer lebendigen Diskussion geführt. Brauchen wir mehr Erkenntnis- und Wissenschaftheorie im Physikstudium? Wird zuviel gerechnet und zuwenig verstanden? Müssen die Schwierigkeiten und Grenzen der Physik stärker betont werden? Sollen lösbare Probleme in den Übungen reduziert und mehr Wert auf Näherungs-Methoden gelegt werden? Solche Diskussionen sind ein erfreulicher Effekt des Aufsatzes von Rothman, der damit zur ständigen Verbesserung des Physikstudiums beiträgt.
31. Erstaunlich deutlich
30.03.2012, Klaus GrigoleitUnd die Kosmologie geht auch stets vornehm über die Frage hinweg, wie die elektrisch gebrochenzahlige Ladung der Quarks aus dem urknall entstanden sein könnte.
Aber die Physik ist sowieso irrational und transzendent! Wieso? In nahezu allen maßgeblichen physikalischen Parametern wie Spin, Drehimpuls, Kreisumfang usw. steckt die Zahl Pi, und Pi ist nun einmal eine irrationale und transzendente Zahl, es sei denn, der Wirkungswert von Pi würde in einer letzten Nachkommastelle mit dem Erreichen des physikalisch kleinstmöglichen Wirkungs-Teilbetrags von hquer/halbe (Planck'sches Wirkungsquantum) auf Null aufgehen.