Kaum eine Leistung des menschlichen Geistes ist stupender als der Fortschritt der theoretischen Physik. Die triumphale Anwendung ihrer Erkenntnisse beweist, dass hier mehr am Werk ist als mathematisches Gedankenspiel. Von den physikalischen Gleichungen führt eine überschaubare Reihe von Übersetzungsschritten zu Dampfmaschinen, Fabriken, Raffinerien, nachts hell erleuchteten Großstädten, Autos, Raketen und Rechenmaschinen.
Doch trotz ihres gigantischen Erfolgs ist aus der theoretischen Physik kein harmonisches, widerspruchsfreies Gebilde geworden. Immer wieder schien die große Vereinigung aller Teilbereiche zum Greifen nah, die einheitliche Feldtheorie, die Weltformel – aber jedes Mal kam eine neue Entdeckung dazwischen und erforderte Anbauten und Umbauten des Theoriegebäudes, das darum weniger einem kompakten Haus als einer losen Siedlung gleicht. Wer sich darin orientieren will, braucht die Philosophie. Sie übersetzt die mathematischen Gleichungen in ein Mittelding von Umgangssprache und Fachlatein. Vor allem die Begründer der Quantenphysik argumentierten notgedrungen philosophisch, um

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1. Unbehagen
24.03.2013, Walter WeissPhilosophie MUSS heute die wesentlichen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse als ganz wesentlichen Umstand berücksichtigen, was bedauerlicherweise fast bei keinem modernen Philosophen der Fall ist. Das andere Extrem ist indessen der Versuch, die Dinge aus der Sicht eines modernen Physikers zu betrachten, und zwar aus dem ganz simplen Grund, dass der Philosoph einen umfassenden wissenschaftsübergreifenden Standpunkt einnehmen muss, also insbesondere für den rundum interessierten Laien immer verständlich zu bleiben hat.
Mit anderen Worten: Der heutige Philosoph darf und soll durchaus u. a. die in der modernen Physik bestehenden Forschungs-Tendenzen und -Methoden einbeziehen, niemals aber den (ohnehin untauglichen) Versuch unternehmen, Einzelergebnisse oder auch Einzeltheorien der modernen Physik verständlich zu machen. An diesem Bestreben scheitern ja bereits - seit Jahrzehnten - die physikalischen Fachleute, und zwar ganz einfach deswegen, weil der menschliche Verstand durchaus Vorgänge aus dem Bereich der Reichweite der menschlichen Sinne verstehen kann, aber alle physikalischen Forschungsergebnisse, die den Bereich außerhalb dieser Reichweite betreffen (und das sind nahezu 100 %!), eben nur berechnet, d. h. mit mathematischen Formeln angenähert werden können.
Das fängt ja schon bei der Vorstellung der Doppelnatur der Materie (Korpuskel und Welle) an, setzt sich mit der Unschärferelation fort, auch mit den Relativitäts- und Quantentheorien, der Vierdimensionalität des Raums usw. usf.
Ein heutiger Philosoph sollte also stets an den Anfang seiner Überlegungen die Untersuchung stellen, was denn - entwicklungsgeschichtlich - überhaupt 'Denken' bedeutet, mit dem Ergebnis, dass dies schon von Anfang an auf den evolutionstechnisch allein wichtigen Raum der Reichweite der menschlichen Sinne bezogen und mit diesem Bereich immanent verbunden ist. In dieses Ausgangsszenario lassen sich dann alle wesentlichen Denkprobleme einschließlich der modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse einsortieren.
Ich habe das längst in meinem Text 'Exzerpt' (eBook ISBN 978-3-8442-2681-2, Epubli-Verlag, auch bei Amazon) zusammengestellt und dabei übrigens letztenendes nur diejenigen Vorstellungen zu 'Papier' gebracht, die jeder Naturwissenschaftler ohnehin unbewusst benutzt. Darauf möchte ich verweisen.