Derart junge Gesellschaften wie damals in Südkorea stellen auch heute noch meist die ärmsten Ländern der Welt. Und viele Demografieforscher halten deren spezielle Altersstruktur für eines der größten Entwicklungshemmnisse überhaupt. Sie fordern deshalb, in der Entwicklungspolitik nicht nur Faktoren wie Armut, Bildung oder politische Stabilität, sondern vor allem dynamische Alterungs- oder Verjüngungsprozesse zu berücksichtigen. "Die Bevölkerungsdynamik ist das vergessene Thema der Entwicklungspolitik, weil es jahrzehntelang nicht auf der Tagesordnung stand", erklärt Lilli Sippel vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. "Natürlich wurde es auf den internationalen Bevölkerungskonferenzen diskutiert, aber es hat in der Entwicklungspolitik selbst immer nur eine Nebenrolle gespielt."
Die Politikwissenschaftlerin ist Autorin einer aktuellen Studie [1], die Politiker an die Ergebnisse der Weltbevölkerungskonferenz Kairo im Jahr 1994 erinnern möchte. Damals wurde Familienplanung als grundsätzliches Menschenrecht anerkannt und insbesondere die Gleichberechtigung und die Gesundheit von Frauen in den Mittelpunkt gestellt. Diese Bemühungen wurden unter anderem durch Präsidentschaft von George W. Bush in den USA zurückgeworfen: Seine Regierung reduzierte zum Beispiel das Budget von "Marie Stopes International" um ein Drittel, weil diese ihr politisch nicht ins Konzept passte. Die Organisation gehört zu den weltweit größten Initiativen für reproduktive Gesundheit und fördert die selbstbestimmte Familienplanung, etwa über die Ausgabe von Verhütungsmitteln.
In sehr jungen Staaten sind 60 Prozent aller Einwohner unter 30 Jahre alt, die Wahrscheinlichkeit für autokratische oder schwache demokratische Strukturen war im späten 20. Jahrhundert in diesen Ländern besonders groß. Diese Staaten zeigen bereits sinkende Geburtenraten, während die junge Bevölkerungmehrheit langsam das arbeitsfähige Alter erreicht. Die Gefahr für Unruhen ist weiter hoch, wenn Regierungen keine wirtschaftliche und politische Partizipation zulassen. In Übergangsstaaten haben Mortalitäts- und die Geburtenraten so weit abgenommen, dass sich ein wesentlicher Teil der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter befindet, während entwickelte Länder diesen stabilen Zustand bereits voll erreicht haben. Staaten, in denen HIV beziehungsweise Aids weit verbreitet sind oder eine hohe Immigration haben, weichen von diesem Muster der klassischen Entwicklung ab.
"Wenn man Frauen im Entwicklungsprozess nicht vernünftig berücksichtigt, sondern in ihrer bisherigen Rolle belässt, können viele Hürden in der Familienplanung nicht überwunden werden", sagt Koppers – und verweist auf Erfolge in diesem Bereich: Weltweit habe sich in den vergangenen 50 Jahren die Zahl der Kinder pro Frau beinahe halbiert und liegt heute bei 2,5. Aber: "Das ist eben nur der Durchschnitt", erwidert Lilli Sippel. "Das sieht in manchen Ländern ganz anders aus, im Niger werden etwa immer noch sieben Kinder pro Frau geboren." Diesen Staaten gelingt es wegen schlechter Regierung oder fehlenden Mitteln meist nicht, die Fruchtbarkeit ihrer Einwohner mit gezielter Familienplanung zu verringern.
Deshalb konzentriert sich die deutsche Entwicklungszusammenarbeit immer stärker darauf, dass Frauen und Familien ihre Kinderwünsche selbst bestimmen können. Im vergangenen Jahr verdoppelte Minister Dirk Niebel die Ausgaben für diesen Bereich auf 80 Millionen Euro. Das erkennt auch Ute Stallmeister von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung an. Sie schränkt aber ein: "Die Ausgaben genügen aber noch lange nicht, um die Millenniumsziele der Vereinten Nationen zu erreichen." Die meisten aktuellen Bevölkerungsprognosen gehen deswegen davon aus, dass die Ausgaben für Verhütungsmittel und Aufklärung noch in bisher unerreichte Höhen ansteigen müssen.
Erfolgreich, aber (noch) unruhig
Doch selbst wenn es gelingt, das Bevölkerungswachstum zu bremsen: Die Mittel für den dringenden Ausbau der Infrastruktur müssen diejenigen erwirtschaften, die in diesen Staaten aber oft nur in der Minderheit sind. Dennoch müssen in dieser Situation Schulen gebaut, Ausbildungsplätze geschaffen und Unternehmen angesiedelt werden, damit sich die Arbeitskraft der jüngeren Einwohner für die wirtschaftliche Weiterentwicklung ausschöpfen lässt. Doch dafür benötigt man eine gute politische Führung und Stabilität, die in vielen jungen Gesellschaften selten existiert: Die US-amerikanische Nichtregierungsorganisation "Population Action International" untersuchte 2005, wie anfällig junge Gesellschaften für Konflikte sind [2]. Danach fanden 80 Prozent der schweren Konflikte zwischen 1970 und 1999 in Staaten statt, in denen die Mehrheit der Einwohner jünger als 30 Jahre war. Sehr junge Bevölkerungen dienten oft als Spielmasse für Agitatoren, die unzureichende Bildung und ökonomische Ängste ausnutzen könnten.
Einigen Entwicklungsländern gelang dennoch in den vergangenen Jahrzehnten ein umfassender demografischer Wandel, darunter Tunesien. Es besitzt heute eine der niedrigsten Geburtenraten der arabischen Welt. Mehr als 50 Prozent aller tunesischen Frauen im reproduktiven Alter verwendeten laut einer UNICEF-Untersuchung im Jahr 2006 moderne Verhütungsmittel; Kondome und Pillen wurden in Krankenhäusern kostenlos ausgelegt. Auch durch das ergänzende Aufklärungsangebot sank die Zahl der Kinder pro Frau von über sieben auf unter zwei.
Viele arabische Länder haben eine sehr junge Bevölkerung, können ihnen aber nicht ausreichend Arbeit oder Freiheit zur persönlichen Entfaltung bieten. Das kann zu Unruhen führen, wie die Ereignisse der vergangenen Monate in Nordafrika und dem Vorderen Orient andeuten.
Wieder abhängig: Die alternde Gesellschaft
Die Regierung im Entwicklungsland Südkorea erkannte dagegen 1962 das enorme Kapital seiner jungen Generation. Durch gezielte Programme zur Familienplanung wurde die Geburtenrate gesenkt. Gleichzeitig investierte der Staat – unterstützt von westlicher Entwicklungshilfe – massiv in den Aufbau von Bildungs- und Gesundheitssystemen. Dadurch nahmen Säuglingssterblichkeit und Bevölkerungswachstum schnell ab und die Lebenserwartung begann zu steigen. Wirtschaftlicher Erfolg stellte sich ein, als die arbeitsfähige, gut ausgebildete Bevölkerung einen immer größeren Anteil der Einwohner stellte. Im Jahr 1995 erreichte das Bruttoinlandsprodukt 10 000 Euro pro Kopf und Südkorea wurde Mitglied der OECD, und damit als entwickelter Staat anerkannt.
Neben der staatlich gelenkten Familienplanung beschleunigte der Wohlstand den demografischen Wandel in Südkorea: Mit 1,2 Kindern pro Frau gibt es dadurch heute so wenig Nachwuchs, dass wirtschaftlich abhängige Bevölkerungsteile schon in wenigen Jahren wieder die Mehrheit stellen werden. Sie setzen sich aus wenigen Jugendlichen und einem Heer von Pensionären zusammen, die von einer Minderheit von Berufstätigen versorgt werden muss. Staaten wie Italien, Japan oder Deutschland könnten diese Schwelle sogar noch schneller überschreiten.
Im Herbst soll der siebenmilliardste Mensch geboren werden. Aus diesem Anlass berichtet spektrumdirekt in einer mehrteiligen Serie über die "Zukunft der Menschheit" und ihre Chancen wie Probleme, die sich durch die wachsende Zahl an Erdenbürgern ergeben.
Die übrigen Teile der Serie finden Sie unter:
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Doch erneut ließe sich ein ungewollter Geburtentrend abschwächen, indem besonders die berufliche Situation von Frauen verbessert wird. Das ist in Frankreich erkennbar, wo die Zahl der Geburten pro Frau nach den Jahren der Babyboomer zunächst ebenfalls stark abnahm. Doch dort versuchte die Regierung schon in den 1970er Jahren, Familien mit zwei Verdienern stärker zu unterstützen, etwa durch öffentliche Betreuungsangebote für Kleinkinder. Heute liegt die Geburtenrate jenseits des Rheins wieder bei mehr als zwei Kindern pro Frau: Europarekord!
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Laut einer aktuellen Studie des Berlin-Instituts über die demografisch "ungleichen Nachbarn" Deutschland und Frankreich können solche Maßnahmen erst greifen, wenn sie zur sozialen Norm werden [3]. Eine langfristig geringe Fertilitätsrate wie in Deutschland oder Südkorea würde sich daher erst nach Jahrzehnten konsequenter Familienpolitik wieder umkehren.







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1. Familienpolitik und die Macht der Kultur
10.05.2011, Martin Holzherr, CH-8406 WinterthurFamilienplanung begünstigt die wirtschaftliche Entwicklung, die wiederum den Trend zu weniger Kindern verstärkt.
Kann Südkorea also in dieser Hinsicht ein Vorbild für Ägypten sein? Die meisten würden das verneinen, denn die islamische Kultur steht der Familienplanung ablehnend gegenüber. Zudem begünstigt die Stellung der Frau in islamischen Ländern ihre Rolle als Gebärerin. Tatsächlich beträgt das Bevölkerungswachstum bei den 21 arabischen Ländern im Durchschnitt bei 2.3% und 1.8% bei den islamischen Ländern insgesamt - verglichen mit einem Populationswachstum von 1.12% weltweit. Viele subsaharische nicht-islamische Länder haben jedoch ein noch viel stärkeres Bevölkerungswachstum.
Die islamische Kultur nimmt eine hohe Kinderzahl nicht einfach hin , sondern ermutigt sie. Dazu kommen viele kulturelle Besonderheiten, die eine hohe Kinderzahl begünstigen wie das typisch tiefe Heiratsalter.
In Europa wurde noch vor wenigen Jahrzehnten ein Bevölkerungszuwachs mit einem Machtzuwachs assoziiert, sowohl von staatlicher als auch von religiöser (christlicher) Seite. Das moderne China hat mit der ökonomischen Rechtfertigung der 1-Kind-Familienpolitik erstmals dieses tief verankerte Denkmuster in Frage gestellt.
Die Tatsache, dass in 20 Jahren jeder 4. Mensch ein Muslim sein wird und dass beispielsweise im Jahre 2100 320 Millionen Inder Muslime sein werden, obwohl sie heute nur 13% der indischen Bevölkerung ausmachen, kann tatsächlich einen Machtzuwachs der Muslime bedeuten, es kann aber auch mit einer Zunahme von Elend und Unterentwicklung einhergehen oder aber beides trifft zu: Es gibt relativ mehr Muslime, die zurecht mehr Macht einfordern und gleichzeitig sind sie ärmer als die Menschen in weniger stark wachsenden Ländern.
Kultur und Religion lassen jedoch immer noch große Unterschiede im Bevölkerungswachstum zu. Die tunesische Bevölkerung hat sich seit 1956 verdreifacht, liegt jedoch jetzt mit 1% pro Jahr sogar unter dem Weltdurchschnitt. Ähnliches gilt für den Iran, dessen Bevölkerung bis vor kurzem rasant zunahm, so dass das Durchschnittsalter 27.2 Jahre beträgt. Doch heute wächst der Iran nur noch um 0.88% pro Jahr.