Leonard M. Wapner Aus 1 mach 2
Aus d. Amerikan. v. Harald Höffner u. Brigitte Post
Spektrum Akademischer Verlag
ISBN: 3827418518
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Quelle: Spektrum der Wissenschaft, 07/2009
Volumen aus dem Nichts
Im abstrakten Raum der Mathematik ist das möglich, aber nicht
einfach. Das Banach-Tarski-Paradox erfordert für seinen Beweis
eine umfangreiche Vorbereitung.
Es ist möglich, eine Kugel im dreidimensionalen
Raum in endlich viele Stücke
zu zerlegen und diese dann so zusammenzusetzen,
dass zwei Kugeln entstehen, die
genau so groß sind wie die erste. Dieser erstaunliche
Satz der Mengenlehre wurde
1924 von den polnischen Mathematikern
Stefan Banach (1892 – 1945) und Alfred Tarski
(1901 – 1983) formuliert und bewiesen.
Allerdings haben die Teilstücke der Zerlegung
keine anschaulich verständliche
Form. Vielmehr sind diese Punktmengen
nicht messbar, das heißt so bizarr, dass man
ihnen kein Volumen zuschreiben kann.
Offensichtlich
hat der dreidimensionale mathematische
Raum Eigenschaften, die es in
der physischen Realität nicht gibt. Um die
Existenz solcher Punktmengen zu beweisen,
benötigt man das Auswahlaxiom, jene
merkwürdige Aussage, die nicht dieselbe
Selbstverständlichkeit genießt wie die klassischen
Axiome der Mengenlehre nach Zermelo
und Fraenkel. Denn mit diesen ist das
Auswahlaxiom ebenso gut vereinbar wie
sein Gegenteil (Spektrum der Wisenschaft
3/2009, S. 54).
Leonard Wapner, Professor für Mathematik
am El Camino College in Torrance
(Kalifornien) und seit 30 Jahren in der mathematischen
Didaktik aktiv, führt in seinem
Buch all diese Grundlagen, Beweise
und Erkenntnisse ein und verfasst nebenbei
sogar eine Einführung in die Mengenlehre.
Dabei geht er, den Leser stets an die Hand
nehmend, sehr systematisch vor. In der
nicht zu ausschweifenden Einleitung erklärt
er die Struktur seiner Darstellung und
nimmt später ausgiebig darauf Bezug: mindestens
zu Beginn und Ende eines jeden Kapitels,
manchmal zu häufig. Das hilft die
Motivation und schließlich auch die Beweisidee
nachzuvollziehen.
Während in den ersten Kapiteln die Geschichte
und die an der Entdeckung beteiligten
Mathematiker im Vordergrund stehen,
bringt Wapner später mathematische Grundlagen,
weitere Paradoxien sowie schließlich
die schwache und die starke Formulierung
des Satzes und deren Beweis.
Jedem Kapitel
ist ein Spruch vorangestellt, von der Warnung
des Kirchenvaters Augustinus ("Es besteht
nämlich die Gefahr, dass die Mathematiker
mit dem Teufel im Bund den Geist
trüben …") bis zu dem Satz "Mathe ist
schwer", der einer sprechenden Barbie-
Puppe einprogrammiert war und deren Hersteller
große Entrüstung eintrug. Diese inhomogene
Zusammenstellung zieht sich
leider wie ein roter Faden durch das Buch.
Einige Kapitel sind entbehrlich. Statt
einer ellenlangen Aufzählung von Skurrilitäten,
die mit dem Banach-Tarski-Paradox
nichts zu tun haben, hätte Wapner ruhig die
gelungenen, aber etwas zu kompakten theoretischen
Kapitel, die für den Beweis des
Theorems die nötigen Sätze und Definitionen
einführen, ausweiten können, um so
den unvertrauten Leser besser abzuholen.
Sprachlich ist das Buch sehr ungesund
geschrieben. Liegt es daran, dass es dem
Stil der Bücher "für Dummies" folgt, oder
ist die Übersetzung schlecht? Beides,
fürchte ich. Einige typisch englische Redewendungen
wurden direkt und ohne Nachdenken
ins Deutsche übersetzt. Und beinah
alle fünf Seiten werden wir daran erinnert,
dass das Banach-Tarski-Paradox Kugeln verdoppelt.
Da fühlt man sich nicht gerade
ernst genommen.
Auch die Zielgruppe ist mir nicht ganz
klar geworden. Der Autor stellt ausschweifend
die Motivation, die Geschichte und die
mathematische Entwicklung zum Banach-
Tarski-Paradox hin vor. Das liest sich durchaus
erfrischend. Sobald es aber an die echte
Mathematik geht, nimmt Wapner so sehr
Fahrt auf, dass es selbst dem Fachkundigen
schwerfällt, ihm zu folgen. Während er in
manchen Passagen den Leser seitenweise
mit Elementarem langweilt, überfordert er
ihn an den Stellen, die wichtige mathematische
Grundlagen bieten. Wer da ohne Vorkenntnisse
hineingerät, wird vermutlich
verloren gehen, ohne genau zu wissen, an
welcher Stelle er den inhaltlichen Fluss verlassen
hat.
All dieser Kritik zum Trotz hat das Buch
einem interessierten Leser durchaus viel zu
bieten. Das Paradox ist ein spannendes mathematisches
Ergebnis, und durch das Buch
erkennt man seine Bedeutung und auch den
Aufwand, der hinter der so einfach zu beschreibenden
Verdoppelung von Kugeln
steckt. Die mengentheoretischen Ausführungen
jedenfalls gehen in ihrer Tiefe bedeutend
über das bei populärwissenschaftlichen
Sachbüchern Übliche hinaus.
Lars Jeschio
Der Rezensent studiert Mathematik und Philosophie an der Freien Universität Berlin.