Essay: Zukunft des Lebens
Gaias böse Schwester
Die Erde gleicht nicht der mythischen Gaia, der behütenden Mutter allen Lebens, sondern vielmehr der mörderischen Medea.
Für zwei NASA-Wissenschaftler jedoch, den Atmosphärenforscher James Lovelock und seine Fachkollegin Dian Hitchcock, war das keine wirkliche Überraschung. Bereits ein Jahrzehnt zuvor hatten sie aus Beobachtungen der Marsatmosphäre den Schluss gezogen, dass es auf dem Planeten kein Leben geben könne. Im Rahmen ihrer Forschungsarbeiten entwickelten sie eine der einflussreichsten und bahnbrechendsten wissenschaftlichen Theorien des 20. Jahrhunderts: die Gaia-Hypothese – benannt nach Gaia, der griechischen Göttin der Erde, die als Nährmutter allen Lebens gilt.
Neue wissenschaftliche Befunde deuten nun darauf hin, dass das Leben auf der Erde von völlig anderer Art ist, als dem romantischen Bild von Gaia entspricht. Wenn man eine mythologische Mutterfigur für die Biosphäre suchen wollte, wäre die treffendere Wahl Medea, die Gattin des Argonauten Jason. Sie war eine Zauberin und Prinzessin – und sie tötete ihre eigenen Kinder


Peter Ward ist Professor für
Paläontologie an der University of
Washington in Seattle.
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1. Medea – Gaias alter ego
16.11.2009, Dr. Anton Vogel, MünchenWäre das Leben auf Selbsttötung angelegt, hätte es in der Tat schon mehrere Gelegenheiten dazu gehabt. Wollte „Medea“ das traurige „You can never win“-Spiel lediglich verlängern und das Leben sadistisch von einer Katastrophe zur nächsten treiben? Können wir aus Computer-Abstürzen schließen, dass die Entwickler ihr System auf Selbstsabotage programmiert haben? Die Umstände auf der Erde waren, wie sie waren, und das Leben hat in verschiedenartiger Form seine Chancen genutzt. Freilich wurden die Karten mehrfach gewaltsam neu gemischt. Doch blieb die langfristige Balance trotz oder vielleicht gerade wegen solcher Einbrüche aufrecht erhalten.
Dass die Pflanzen CO2 verbrauchen müssen, ist ihnen ebenso wenig vorzuwerfen wie der Sonne, dass sie mit zunehmendem Alter mehr Wasserstoff verbrauchen muss und dadurch heißer wird.
Auch ist fraglich, wieweit der Umfang der Biomasse in Milliarden Tonnen Kohlenstoff tatsächlich Ausschlag gebend ist für ein grundsätzliches, stabiles Funktionieren der Biosphäre zu einem bestimmten Zeitpunkt, so, wie es Peter Ward in seinem Buch „Medea Hypothesis“ auf einer gedanklichen Zeitreise auch für die nächsten 500 Millionen Jahre einräumt (s. Chapter 8, "Predicted Future Trends of Biomass"). Wir Menschen haben uns nun einmal nicht auf den blühenden Mikrobenmatten des Präkambriums entwickelt, die eine sehr viel höhere Biomasse enthielten als alle heutigen Reiche des Lebens (Prokaryoten, Eukaryoten, höhere Organismen). Trotz rückläufiger Biomasse und stagnierender Artenentwicklung hält unser Planet eine Vielzahl an Möglichkeiten, aber auch Gefahren und Handlungsnotwendigkeiten für uns bereit. Die Aufforderung, diese Möglichkeiten zu nutzen, ist der positive Schluss von Wards Buch. Ab hier stimme ich mit dem Autor überein. Gaia alias Medea würde es sicher auch tun.
2. Inhaltlicher Fehler
17.11.2009, Dr. Wilhelm Richard Baier, Graz"Die Fotosynthese wandelt CO2 in Sauerstoff um, während der aerobe Stoffwechsel das Gegenteil bewirkt." Das stimmt so nicht. Bei der Fotosynthese wird Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff gespalten, wobei der Wasserstoff auf das Kohlendioxid übertragen wird (es entsteht Zucker) und der Sauerstoff als giftiges Abfallprodukt übrig bleibt. Bei der Atmung passiert genau das Gegenteil: Dem Zucker wird Wasserstoff entzogen und auf den Sauerstoff übertragen - es entsteht Wasser (kontrollierte Knallgasreaktion). Das Abfallprodukt ist hier neben dem Wasser natürlich Kohlendioxid.
3. Ward ist fantasielos
09.12.2009, Daniel Arnold, 91322 GräfenbergAuch in einem Essay wie diesem kann man erwarten, dass die Regelmechanismen von Gaia nicht nur durch Aneinanderreihung von Details unklar darstellt werden. Wenigstens hätte der Autor die Funktionsweise von Gaia anhand eines einfachen Modells anschaulich erläutern können, wie Lovelocks Daisyworld [1], welches beschreibt, wie das Leben den Wärmehaushalt eines Planeten bei veränderlicher Strahlungsleistung seines Sterns regelt [2]. Die Zusammenfassung von Gaia auf Kernsätze muss daher wie Postulate einer quasireligiösen Theorie auf den Leser wirken. Dem stellt der Autor die globalen Katastrophen der Erdgeschichte gegenüber, welche er im Widerspruch zu Gaia sieht. So lässt sich leichtfertig argumentieren.
Auch halte ich seine Ansicht, dass die Erde ohne Leben eine kohlendioxidreiche Atmosphäre wie der Mars oder die Venus hätte, für schlichtweg falsch. Auf der Erde gab und gibt es neben einer dichten Atmosphäre große Mengen offenen Wassers. Der allergrößte Teil des früheren Kohlendioxids der Erdatmosphäre ist in Form von in Wasser gebildetem Kalk gebunden. Würde das Leben heute verschwinden gäbe es immer noch die Ozeane, welche Kohlendioxid (wenn auch nicht mehr ganz so effektiv wie mit Leben) binden würden. Die Erde würde ohne Leben eine stickstoffreiche, sauerstoffarme Atmosphäre haben, deren Kohlendioxidanteil durch die Ozeane relativ niedrig gehalten wird. Auch die Venus dürfte am Beginn ihres galoppierenden Treibhauseffekts wenig Kohlendioxid in ihrer Atmosphäre gehabt haben. Vielmehr dürfte der Treibhauseffekt durch einen zu hohen Wasserdampfanteil ausgelöst worden sein, als die Venus komplett in Wolken gehüllt war und eine Zunahme des Wasserdampfes die Albedo nicht mehr erhöhen und somit keine weitere Kühlung mehr erreichen konnte. Erst als die Ozeane der Venus verdampft waren, konnte das vulkanische Kohlendioxid nicht mehr gebunden werden. Eine kohlendioxidreiche heiße Atmosphäre steht bei erdähnlichen Planeten also wohl erst ganz am Ende und nicht am Anfang eines galoppierenden Treibhauseffekts. Das heißt, rudimentäre Gaiaregelkreisläufe können sogar vollkommen abiotisch ablaufen.
Vor allem in der Vergangenheit, aber auch noch heute sorgt das Leben durch einen geregelten Treibhauseffekt für eine mittlere optimale Temperatur. Dass ein einzelner Regelkreislauf durch einen Eingriff in seinen Mechanismus empfindlich gestört werden kann, ist nicht weiter verwunderlich, genauso wenig, dass der zeitweilige Ausfall eines einzelnen dominierenden Regelkreislaufs drastische Folgen haben kann. So geschehen bei der Sauerstoffrevolution mit dem Methanregler. Die methanerzeugenden Archaeen sind aber dennoch nicht von der Erde verschwunden. Zu ihrem heute nicht mehr dominanten, aber immer noch funktionsfähigen Regler kamen weitere biogene Temperaturregler hinzu, wie die Landpflanzen, welche unter anderem die Albedo der Erde beeinflussen (außerdem hat sich die Sonneneinstrahlung erhöht, sodass es weniger Temperaturerhöhung bedarf). Je mehr redundante gleichgerichtete Regelkreisläufe es gibt, desto stabiler reagiert das System auf Störung, ganz gleich welcher Art diese ist – dies kann natürlich auch eine biogene Störung sein. Es wäre doch viel merkwürdiger, wenn es überhaupt keine biogenen Störungen gegeben hätte. Dann würde Gaia doch noch viel teleologischer, ganz so als hätte das Leben einen ihm innewohnenden lenkenden Oberhirten. Gaia heißt nicht, dass es niemals Katastrophen gibt, sondern dass das Leben das Klima eines Planeten in der Summe (aber nicht auch stets in allen seinen Teilen) auf Werten stabilisiert, die dem Leben zuträglich sind.
Wie stark dieser Stabilisierungseffekt ist, ist eine offene und wie ich finde auch spannende Frage, welche unmittelbar mit der Zukunft des Lebens auf der Erde in den nächsten 500 Millionen Jahren zusammenhängt. Ohne Zweifel wird es den gegenwärtigen natürlichen Treibhauseffekt durch die weiter erhöhte Sonneneinstrahlung dann nicht mehr brauchen – im Gegenteil, die Erde muss gekühlt werden. Dies kann auf verschiedenen Wegen geschehen:
* Zum einen abiotisch durch Reflexion an Wolken und Eis, wie auch schon heute, zum anderen durch erhöhte Reflexion durch Landpflanzen. Schon heute gibt es sehr helle bis fast weiße Pflanzen ganz unterschiedlichster Ordnungen an lichtdurchfluteten Standorten: Kakteen mit ihren dichten hellen Stacheln, Pappeln und Sanddorn durch silbrige Blätter, ebenso viele Gräser. Diese sind gegenüber dunkelgrünen, stark absorbierenden Schattenpflanzen an diesen Standorten im Vorteil, und derartige Standorte werden in erdgeschichtlicher Zukunft mehr werden. Die Farbe der Pflanzen der Zukunft wird weiß-grün sein.
* Wenn schon Landpflanzen durch konvergente Evolution mehrfach auf denselben Trick kamen, wieso dann nicht auch Algen im Meer? Vielleicht geschieht das zuerst im Wattenmeer und in Seen, wo durch Trockenfallen Algen mit Verdunstung klarkommen müssen und weißere Algen somit länger feucht blieben. Das Meer der Zukunft hätte dann keine grüne, sondern eine milchige Algenblüte, und das Meer würde insgesamt mehr hellblau werden.
* Aber noch ein ganz anderer Regler wäre über die Verringerung der Dichte der Atmosphäre und somit größere Transparenz (dank nachlassender Druckverbreiterung von Absorptionslinien) auch im die Temperatur der Erde bestimmenden Infrarot möglich (vgl. [3]). Heute gibt es bereits Pflanzen, die sich auf schlechten Böden einen Standortvorteil durch Symbiose mit luftstickstoffbindenden Bakterien verschaffen. In Zukunft wird der Vulkanismus nachlassen, welcher fruchtbare Böden schafft und Gase in die Atmosphäre ausstößt. Stickstoffbindende Pflanzen werden also zunehmen, und zudem wird das Inertgas Stickstoff wieder in den Boden zurückgeführt, was ohne Leben nicht möglich wäre.
All diese kühlenden Effekte könnten dann auch ausreichen, einen Mindestanteil von 1 bis 40 ppm Kohlendioxid, auf heutige Atmosphärendichte (je nach Pflanzentyp die untere Grenze für Photosynthese) bezogen, auch länger als 500 Millionen Jahre ohne galoppierenden Treibhauseffekt zu halten. Ich halte daher auch die derzeit in dieser Zeitschrift häufiger zu lesende Ansicht, dass das Leben in seiner Spätblüte sei und das heutige reiche Leben auf der Erde in 200 bis maximal 500 Millionen Jahren vorbei sei, für phantasielosen Defätismus, welchen ich mir auch zum Teil psychologisch als Ist-Sowieso-Egal- Antwort auf die in viel kürzeren Zeitspannen ablaufende drohende Selbstauslöschung der Menschheit in der aktuellen biogenen Katastrophe interpretiere.
Die wirklich entscheidende Frage in Sinne der Tauglichkeit der Gaiatheorie ist also nicht, ob Gaia immer fürsorgend ist, sondern wie widerstandsfähig Gaia gegen alle Arten von Störungen ist und ob wirklich – und wenn ja, wie sehr – diese Widerstandsfähigkeit mit der Entwicklungszeit zunimmt. Eine Frage, deren erster Teil sich vielleicht auch durch die spektrale Untersuchung von erdähnlichen Exoplaneten in den nächsten Jahrzehnten entscheiden lassen kann, selbst wenn man dabei nur vollkommen abiotische Gaias entdecken sollte.
[1] Ein Überblicksartikel zu Daisyworld siehe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Daisyworld
[2] Eine interaktive Javasimulation von Daisyworld:
http://gingerbooth.com/courseware/pages/demosdaisy.html
[3] Atmospheric pressure as a natural climate regulator for a terrestrial planet with a biosphere:
http://www.pnas.org/content/early/2009/06/01/0809436106.abstract
4. Fragwürdige Beweisführung
09.12.2009, Dr. Steffen Eckmannihre eigene Lebensgrundlage".
5. Die Frage nach Erkenntnissen
04.05.2010, Martin FreudenreichDie Medea-Theorie birgt meiner Meinung nach nichts weiter als destruktives lebensfremdes Potential. Natürlich könnten wir das Wissen um eine selbstzerstörerische Erde dazu verwenden, unser eigenes kurzlebiges Verhalten zu rechtfertigen. Doch was bringt uns das? Die Gaia-Theorie ist ein Schritt in die Zukunft, in eine nachhaltige lebenswerte Zukunft. Das Leben auf unserem Planeten existiert seit etwa 3,5 bis 3,8 Milliarden Jahren. Die gesamte erdgeschichtliche Artenvielfalt schätzt man auf bis zu 30 Milliarden. All diese Erkenntnisse lassen für mich nur eine Erkenntnis erwachsen: Das Leben geht seinen Weg, vielfältig, komplex und vor allem fortdauernd. Was ist das für ein Wesen, welches sich nun anmaßt zu behaupten, die Erde gliche einer Medea, nur weil einige Daten dafür sprechen. Was bedeuten solche Daten schon in Hinblick auf den Reichtum unserer Natur. Ist sie nicht der größte Beweis für ein taugliches und effektives Zusammenspiel zwischen Erde und Organismen? Nutzen wir die Erkenntnisse der Gaia-Theorie lieber, um das Leben zu erhalten, anstatt die "Beweise" der Medea-Theorie, um den zerstörerischen Homo sapiens aus seiner Natur heraus zu rechtfertigen. Unsere Kinder werden uns dafür danken.