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Quelle: Spektrum der Wissenschaft 8/2009
Wider den
Katastrophen-Konsens
Die Welt wird täglich besser, aber die Leute wollen es
nicht hören, sagen Dirk Maxeiner und Michael Miersch.
Keine Uhrzeit wird so oft zitiert wie "fünf
vor zwölf". Dann naht nicht etwa die verdiente
Mittagspause, sondern das Ende der
Welt. Atomkraftgegner sehen es kommen,
weil immer noch kein Endlager für den
strahlenden Müll gefunden wurde und jederzeit
ein marodes Atomkraftwerk in Osteuropa
hochgehen könnte; Gentechnikgegner,
weil gentechnisch veränderte Kartoffeln
nun auch in Deutschland angebaut werden
dürfen; und Artenschützer, weil Wälder in
rasantem Tempo vernichtet werden.
Die Uhren des Autorenduos Dirk Maxeiner
und Michael Miersch zeigen eine
frühere, weit weniger beängstigende Uhrzeit,
etwa zwölf vor fünf. In ihrem neuen
Buch haben sie zahlreiche ihrer Kolumnen
zusammengetragen, die in der "Welt" erschienen
sind.
Kein Zweifel: Diese Journalisten sind Optimisten.
Das war wohl früher anders, als
beide noch leitende Redakteure beim Umweltmagazin
"Natur" waren und über Waldsterben,
Robbensterben, Insektensterben
und Vogelsterben schrieben. Für positive
Umweltmeldungen, etwa dass der Rhein
sauberer wurde, war damals die falsche
Zeit. Auch heute, so die Meinung der Autoren,
üben sich die Deutschen im Katastrophenkonsens.
Den wollen sie mit ihrem neuen
Buch bekämpfen.
Sind so genannte eingeschleppte Arten
tatsächlich eine Bedrohung für die heimische
Flora und Fauna? Wachsen Kinder
heutzutage wirklich in einer gefährlicheren
Umwelt auf als damals? Was ist so schlimm
daran, dass der Wolf Deutschland wieder
als Lebensraum entdeckt? In jedem Beitrag
beantworten Maxeiner und Miersch eine
derartige Frage – so kurz, wie eine Kolumne
eben Platz lässt.
Einige Beispiele: Im Kapitel "Wald und
Wetter" lästern die Autoren über die "neuen
Grünen" wie George Clooney oder Julia
Roberts, die es neuerdings schick finden,
die Welt zu retten, aber nur "apokalyptischen
Schmarrn" verbreiten, wenn sie den "planetaren
Notstand" ausrufen. Konkret: Sie dürfen
gerne für die gute Sache löhnen, sollen
aber bitte nicht die Welt mit ihren grünen Parolen
zu retten versuchen. In einem anderen
Beitrag im Kapitel "Chemie und Wahnsinn",
in dem es um den Kampf gegen Durchfallerkrankungen
und HIV geht, schreiben Maxeiner
und Miersch: "Wir wollen hier den Einsatz
von Prominenten auf Spendengalas und
Konzerten gar nicht gering schätzen, doch
ein wenig mehr Aufmerksamkeit und öffentliches
Lob für die unbekannten Menschenretter
in den Labors und Forschungseinrichtungen
dürfte es schon sein." Versöhnliche
Töne der Autoren, die doch sonst meist eine
Seite oder Partei kritisieren.
Eine weitere Kolumne, diesmal aus der
Rubrik "Wild und Geflügel", befasst sich mit
Zirkustieren. Auch wenn es noch kleine
Schmuddelbetriebe gebe, sei in vielen Zirkussen
die Tierhaltung nicht zu beanstanden.
Aber Moralaktivisten würden eine einmal
begonnene Sache ohne Ansehen der
Realität bis zum Ende durchziehen. Sie würden
erst Ruhe geben, wenn der letzte noch
so sichere Atommeiler abgeschaltet und das
letzte Zirkustier befreit sei.
Natürlich sollte man nicht die Augen vor
den – möglicherweise verbesserten – Fakten
verschließen. Aber die Behausungen
vieler Zirkustiere sind immer noch nicht artgerecht,
und bei der Atomkraft geht es nicht
nur um die Sicherheit der Kraftwerke, sondern
auch um die Endlagerung des Atommülls.
Selbst wenn schon viel erreicht wurde,
es geht noch besser, liebe Autoren!
Maxeiner und Miersch schreiben witzig,
haben interessante Themen – mit Ausnahmen:
Wozu muss ich wissen, wie eine Gartenparty
ablief, bei der die Autoren zugegen
waren? – und geben bei manchen Themen
dem Leser Anlass, seine Position neu zu
überdenken ("Finde ich Wölfe in Deutschland
vielleicht doch okay?"). Gelegentlich
lassen sie auch ihre Kritiker zu Wort kommen
und führen Zahlen als Belege für ihre
Aussagen an. Im Vordergrund steht jedoch
ihre eigene Meinung, und die ist oftmals
eher provokant.
Da fallen manches Mal auch wichtige
Argumente unter den Tisch. In ihrer Kolumne
"Wir sind die neuen Grünen" heißt es:
"Die Gentechnik verringert den Einsatz von
Pestiziden,
sorgt für mehr Ertrag und damit
für weniger Flächenbedarf." Das kann ja
alles zutreffen, doch führen Maxeiner und
Miersch weder die problematische Monopolstellung
der Konzerne an, die gentechnisch
verändertes Saatgut herstellen, noch
gehen sie darauf ein, dass gentechnisch
veränderte Pflanzen die Qualität der Biogewächse
auf dem Nachbarfeld gefährden
können. Da wäre an manchen Stellen mehr
Ausgewogenheit angebracht gewesen.
Alles in allem ist "Frohe Botschaften"
aber ein Buch mit vielen interessanten Beiträgen.
Jeder einzelne für sich ist schnell gelesen
– und gibt Stoff für deutlich längeres
Nachdenken.
Jochen Steiner
Der Rezensent ist freier Wissenschaftsjournalist in Mainz.