"Sie wollen gerne wissen, was ich so mache? Gut, also
ja, ich lese! Lesen ist sogar eine meiner Hauptbeschäftigungen: zuerst die Wissenschaftsseiten in der Tages- und Wochenpresse, regelmäßig etliche Fachmagazine, bei mir beispielsweise neben "Nature" und "Science" etwa auch "Physics Today", "New Scientist" oder das "Physik-Journal", dann noch die liebe "Konkurrenz". Und wenn ich nicht lese, dann gibt es in der Redaktion viele Fragen zu klären: Wäre das nicht ein tolles Thema für uns? Kann das stimmen, was die Stammzellenforscher da wieder behaupten? Welcher Forscher wäre ein guter Autor dafür? Wer geht auf die nächste Tagung? Wie weit ist das Titelbild? Können wir uns für Version 12 entscheiden oder brauchen wir noch einen Plan B? Wie waren die Heftverkäufe? Was ist die Strategie? Brauchen wir eine neue Leserumfrage? Dann sitze ich wieder am Schreibtisch und sortiere das Chaos, kontrolliere Layouts, beantworte Emails. Und schon lese ich wieder – bis ich mich schließlich auf mein Rad schwinge, vielleicht auf dem Weg zum Physikalischen Kolloquium."
"Während des Studiums der Chemie entwickelte ich – quasi als Gegenpol zu der nüchtern-rationalen Wissenschaft – für mich selbst überraschend literarische Neigungen. Ich entdeckte die Lust am Schreiben – an der Schönheit, die sich in Worte kleiden lässt – und ging ihr in den späten Abend- und Nachtstunden nach. Heute muss ich daher nun nicht selbst mühsam im Steinbruch der Natur an abgelegenen Stellen nach verborgenen Goldklümpchen schürfen, sondern spüre täglich aufregende Entdeckungen in wissenschaftlichen Journalen und anderen Quellen auf. Das Schönste aber ist, den Funken der Begeisterung auf die Leser überspringen zu lassen, so dass sie die eigene Faszination teilen können."
"Wissenschaft pur, aber verständlich aufbereitet für Wissenshungrige – ob mir das wirklich liegen würde? Und könnte eine solche Arbeit mir gar Spaß machen? Was mir vor etlichen Jahren erst als Notlösung erschien, entpuppte sich als Glücksfall. Es machte Spaß. Und es befriedigte meine Neugier. Statt als Spezialistin für einen schmalen Bereich biologischer Forschung zu enden, konnte ich die Fortschritte auf der ganzen Breite der Biowissenschaften bis hin zur Biomedizin verfolgen."
"Beim Vorstellungsgespräch hatte Albrecht Kunkel, der damalige Chefredakteur, ernsthafte Bedenken, ob ich auf die Dauer mit dem Job zufrieden sein würde. Ich war Mathematiker mit erkennbar ungebrochener Liebe zu meinem Fach; die würde ich als Redakteur bei "Spektrum" nur unvollkommen ausleben können. Im Übrigen handele es sich um eine sehr dienende Tätigkeit, die wenig Gelegenheit zu spektakulärer Selbstdarstellung biete. Man müsse auf unzählige Kleinigkeiten achten und vor allem gehorsam den sehr detaillierten Anweisungen des Chefs folgen. Das ist jetzt ziemlich genau zwanzig Jahre her, und ich bin immer noch dabei. Und das Ausleben der mathematischen Neigungen? Auf die Dauer geht da mehr, als ursprünglich vorgesehen war."
"Als man mich 1986 einlud, Mitglied der Redaktion zu werden, erwartete mich eine Zeitschrift mit dem Image eines Edelprodukts: geschrieben von den Ersten ihres Fachs – nicht selten erhielten sie später einen Nobelpreis –, großzügig gestaltet und penibel redigiert. Was mir aber am meisten gefiel, war der frische Geist des ganzen Unternehmens, personifiziert im damals schon emeritierten Chefredakteur von Scientific American, Gerald Peel. Es war ein durch und durch amerikanischer Geist, der da aus der Neuen Welt in den akademischen Muff Europas fuhr und die urdemokratische Forderung erhob und gleich auch erfüllte, das akkumulierte Wissen in verständlicher Form preiszugeben, statt es zu horten als Bildungsprivileg."
"Ich hatte schon immer von Raumfahrten, Göttern und Gräbern geträumt, entschied mich dann für das Studium der Physik und lernte, was es mit Schrödinger Katze und der geheimnisvollen Welt der Quanten auf sich hat. Doch bald wurde mir klar: Statt zu forschen, wollte ich mich für Forschung begeistern. Und so kehrte ich zurück in die etwas buntere Welt des Wissenschaftsjournalismus. Warum möchte ich die Tarnkuttenkappe tragen und Wissenschaftlern die Feder führen? Antwort: Weil mich das so dicht an Forscher und Forschung heranbringt, wie es einem freien Autor nur selten möglich ist. Und weil jede 'Spektrum'-Ausgabe das Ergebnis eines Teams ist. Genauso wie ein Raumflug."
"Nach all den Jahren empfinde ich diesen Job immer noch als Herausforderung. Während meines Biologiestudiums hätte ich nie gedacht, dass ich mich einmal in wer weiß wie viele wissenschaftliche Fächer, Teildisziplinen und Spezialgebiete hineinkämpfen würde, Monat für Monat in neue. Die meisten Artikel aus den so genannten Lebenswissenschaften landen nun einmal auf den Schreibtischen von Inge Höfer oder mir. Das reicht im Prinzip von der Psychologie bis zur Medizin, von der Anthropologie bis zur Biologie in allen Facetten."
"Die Arbeit bei 'SdW' besitzt ihren ganz eigenen Reiz. Der Idealfall: ein renommierter Autor und Experte, ein großes Thema, ein spannender und verständlicher Text (oder einer, den man dazu machen kann). Dann gewinnt der Redakteur exklusive Blicke auf diejenigen, die (manchmal bahnbrechende) Entwicklungen in Physik und Astronomie vorantreiben – und darf sich von genau diesen die Welt erklären lassen. Anschließend folgt die handwerkliche Feinarbeit: Welche Sätze drücken am besten aus, was der Autor sagen will, und sind darüber hinaus unmissverständlich und verständlich, elegant und prägnant und in der Summe möglichst auch noch lebendig und unterhaltsam? Und nur dem äußeren Anschein nach sitzen wir bei dieser Arbeit alleine vor dem Computer. Tatsächlich fallen unablässig kritisch prüfende Blicke über unsere Schultern – der Leser ist immer mit dabei."




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