Verhaltensforschung
Meerschweinchen als Sozialstrategen
Von ihren wilden Verwandten haben die Hausmeerschweinchen ein flexibles Sozialverhalten geerbt. Trotzdem müssen sie in der Jugend erlernen, worauf es dabei ankommt.
Schaut man den Nagetieren länger zu, beobachtet man viele soziale Kontakte. Hier balzt ein großer Bock ein Weibchen an, dort droht ein anderer kurz einem weiteren Männchen, und das flitzt daraufhin davon. Jüngere Tiere tollen miteinander herum. Ein Muttertier sucht sich mit seinen lebhaft drängenden Neugeborenen eine ungestörte Ecke – Meerschweinchen kommen als "Nestflüchter" zur Welt. Harte Auseinandersetzungen sind nicht zu sehen, auch keine verschreckten, kümmernden oder immerzu gejagten Tiere.
So viel Harmonie bei engem Zusammenleben vieler erwachsener Artgenossen ist für Säugetiere nicht selbstverständlich. Vor allem dürfen Tierpfleger von den meisten Arten normalerweise nicht mehrere erwachsene Männchen mit Weibchen zusammensperren, ohne ernste Verletzungen oder Siechtum wegen übermäßigen Stresses zu riskieren: Schon die reine Anwesenheit von Weibchen pflegt Männchen zu heftigsten Auseinandersetzungen zu veranlassen. Dass die Haltung Tieren nicht behagt, erkennen die Zoopfleger außerdem oft schon daran, dass sich kein Nachwuchs einstellt.
Doch sogar Hausmeerschweinchen vertragen sich nicht automatisch. Unter manchen Bedingungen kämpfen die Böcke bis aufs Blut, oder die Unterlegenen halten ihre Situation nicht aus und werden krank. Inzwischen verstehen wir, wie und unter welchen Voraussetzungen es größere Meerschweinchengruppen zu Stande bringen, in relativ engen Verhältnissen gut miteinander zurechtzukommen. Die wilde Stammart des Hausmeerschweinchens benimmt sich unter ähnlichen Bedingungen völlig anders


Norbert Sachser hat an der Universität
Münster eine Professur für
Zoologie und leitet dort seit 1994
die Abteilung für Verhaltensbiologie.
Sylvia Kaiser ist dort seit
1998 wissenschaftliche Assistentin.
Sie habilitierte sich im Jahr 2004
im Fachbereich Biologie.
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