Antimikrobielle Mittel enthalten chemische Wirkstoffe wie Chlor, Alkohole oder Phenole. Chlor reagiert mit praktisch allem, was ihm in die Quere kommt und zerstört dadurch auch biologisches Gewebe. Alkohol greift die Bakterienhüllen an. Phenole verändern die Struktur von Eiweißverbindungen im Zellinneren von Bakterien. Manche Desinfektionsmittel wirken nur gegen Bakterien, aber nicht gegen Viren, weil diese oft gar keine Hülle besitzen. Allen Mitteln gemeinsam ist: Die gewünschte Wirkung entfalten sie nur in bestimmten Konzentrationen. Auch darum sollten sie nur von geschulten Personen zum Beispiel in Krankenhäusern angewandt werden.
Antibiotika wirken schlechter
Ein solcher Wirkstoff ist Triclosan. Und auch Benzalkoniumchlorid hat eine unerwünschte Nebenwirkung: Diese Ammoniumverbindung befindet sich in vielen Desinfektionsreinigern und wird auch verwendet, um Textilien herzustellen. In Strümpfen oder Sportunterwäsche soll sie verhindern, dass Bakterien Schweiß zersetzen und so Gerüchen vorbeugen. Sind bestimmte Erreger, die eine Lungenentzündung verursachen können, ihr ausgesetzt, können sie gegen ein häufig verwendetes Antibiotika, das Ciprofloxazin, widerstandsfähig werden. Das zeigte eine soeben im Fachjournal Microbiology veröffentlichte irische Studie.
Wie also verhalten sich Hausfrauen und Hausmänner richtig? Dr. Thomas Hauer, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin und einer der ärztlichen Leiter des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene am Universitätsklinikum in Freiburg, bekommt zahlreiche Anfragen, insbesondere zum Wäschewaschen. Aber seiner Meinung nach "macht der Einsatz von Desinfektionsmitteln im Haushalt normalerweise überhaupt keinen Sinn". Solche Zusätze stellten nur eine unnötige Belastung für die Umwelt dar und erhöhten das Risiko für Allergien. Besonders kleine Kinder seien gefährdet, sagt der Arzt, weil sie viele Dinge in den Mund nähmen und chemischen Zusätzen dadurch mehr ausgesetzt seien. Dabei reiche eine "normale Sauberkeit mit umweltverträglichen Mitteln" vollkommen aus. "Desinfektionsmittel haben ihren Platz in der Klinik, aber nicht im Haushalt, wenn keine Ausnahmesituation vorliegt", sagt er. Wäsche, die bei 60 Grad Celsius mit herkömmlichem Waschmittel gewaschen wurde, erfüllt laut Hauer sogar die hygienischen Anforderungen eines Krankenhauses.
"Man klebt sein Schnitzel nicht an die Kühlschrankwand"
Trotzdem, aus Angst vor Krankheiten fällt es Manchem schwer, die Flasche mit dem Desinfektionsmittel zur Seite zu stellen. Und die Werbung nutzt das aus: Damit man sich "zu Hause richtig wohl fühlen" kann, will sie Kühlschränke, Müllbeutel oder sogar Fußböden verkaufen, die mit kleinsten Silberteilchen antibakteriell beschichtet sind. "Volksverdummung", sagt Prof. Dr. Franz Daschner, Gründer des Hygiene-Beratungszentrums in Freiburg und ehemaliger Leiter des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene des dortigen Universitätsklinikums. Eine Innenbeschichtung beispielsweise im Kühlschrank wirkt nämlich nur an Ort und Stelle. "Aber man klebt doch sein Schnitzel nicht an die Kühlschrankwand", sagt Daschner.
Außerdem wisse noch keiner genau, welche Nebenwirkungen die nanokleinen Silberteilchen auf den Menschen haben. "Das Silberzeug muss aber irgendwann entsorgt werden und geht in die Umwelt", sagt der Arzt, der unter anderem den Deutschen Umweltpreis erhalten hat. Einen Vorteil versprechen dagegen Silberbeschichtungen von medizinischen Produkten, zum Beispiel Kathetern, die in die Vene eingeführt werden. An deren Oberfläche siedeln sich Keime nämlich gerne an und können dann ins Blut gelangen.
In die Umwelt geraten aber fast alle keimabtötenden Produkte. Gerade im Abwasser können sie dann großen Schaden anrichten, weil sie Mikroorganismen abtöten, die das Wasser reinigen sollen und so die Funktion von Kläranlagen beeinträchtigen. Darauf verwies das Bundesinstitut für Risikobewertung schon 2003 in einer Presseerklärung.
Kinder spielen gerne im Schlamm – viele Mütter sehen sie lieber sauber. Zu viel Sauberkeit kann aber "Nebenwirkungen" haben.
Moralisch sauber
Slogans wie "nicht nur sauber sondern rein" und "weißer als weiß", haben zwar seit Jahrzehnten unser Bewusstsein geprägt, doch spätestens bei "Sagrotan schützt – für Hygiene zum Wohlfühlen" sollten wir skeptisch werden. Noch vor hundert Jahren war eine Hygieneerziehung durchaus erwünscht, sagt der Soziologe Prof. Dr. Christoph Rülcker, der an der Universität Duisburg-Essen ein Seminar mit dem Titel "Porentief sauber – die Soziologie der Hygiene" gibt. Denn "zu dieser Zeit musste man die Leute überzeugen, sauberer zu sein", erzählt er. "Das taten zum Beispiel Lehrer und Ärzte, indem sie vermittelten: Wer putzt, der wird auch innerlich, also moralisch sauber."
Heute sei ein gutes Hygienebewusstsein allerdings selbstverständlich geworden. Aber es "ist wohl unsere Lebensphilosophie, alles immer noch ein bisschen besser zu machen", sagt er – in diesem Fall also: sauberer. Dahinter stecke vielleicht die Hoffnung, die persönliche Lebenserwartung noch ein wenig zu steigern. Ein Trugschluss, wie die schädlichen Nebenwirkungen von desinfizierenden Zusätzen zeigen.
Bakterien und andere Mikroben gehören nämlich zu unserem natürlichen Umfeld. Auch auf unserer Haut sind sie reichlich vertreten und schützen uns dort vor krankmachenden Keimen. Im Mund, im Darm und in der Scheide spielen sie ebenfalls eine wichtige Rolle, um schädigende Stoffe abzuhalten. Gelangt ein Krankheitserreger dennoch in unseren Körper, trifft er dort auf unsere Abwehr, die weißen Blutkörperchen, die ihn unschädlich machen. Schon lange vermuten Wissenschaftler, dass die steigende Zahl von Allergien in einer Unterforderung unseres Immunsystems im Kindesalter begründet ist. Die Abwehrzellen im Blut reagieren dann auf fremde Stoffe aus der Umwelt zu stark.
Dorothee Schulte studiert Wissenschaftsjournalismus an der Hochschule Darmstadt.






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