Erde 3.0
Das Gewächshaus im Wolkenkratzer
Nahrungsmittelanbau in eigens dafür errichteten Hochhäusern spart Wasser und fossile Energien. Die Umwelt bleibt von landwirtschaftlichen Schadstoffen verschont, und Stadtbewohner haben stets frisches Obst und Gemüse vor der Haustür.
Zudem verbraucht die Landwirtschaft zur Bewässerung 70 Prozent des weltweit verfügbaren Süßwassers; danach ist es mit Düngemitteln, Pestiziden, Herbiziden und Schlamm kontaminiert und lässt sich nicht mehr trinken. Wenn das so weitergeht, wird sauberes Wasser in vielen dicht besiedelten Regionen bald Mangelware. Außerdem verschlingt die Landwirtschaft Unmengen an fossilen Treibstoffen - in den USA zum Beispiel 20 Prozent des gesamten Benzin- und Dieselverbrauchs. Besorgnis erregend sind dabei nicht nur die emittierten Treibhausgase, sondern auch die steigenden Nahrungsmittelpreise, da sie an den Ölpreis gekoppelt werden; allein dadurch ist das Essen zwischen 2005 und 2008 vielerorts ungefähr doppelt so teuer geworden.
Einige Agrarwissenschaftler schlagen als Lösung eine noch intensivere industrielle Landwirtschaft vor, mit einer weiter sinkenden Anzahl hoch mechanisierter Agrarkonzerne und mit noch ertragreicheren Ernten durch Gentechnik und Chemie. Doch das ist kurzsichtig, denn der Klimawandel verändert die Rahmenbedingungen rapide und vereitelt selbst die raffiniertesten Strategien. Kurz nach dem Amtsantritt von US-Präsident Obama warnte sein Energieminister Steven Chu öffentlich, der Klimawandel könnte bis zum Ende des Jahrhunderts die Landwirtschaft Kaliforniens lahmlegen


Dickson Despommier ist Professor
für Gesundheitswesen und Mikrobiologie
an der Columbia University
sowie Präsident des Vertical Farm
Project, das als Vermittlungsstelle
für Entwicklungsarbeit dient (siehe
abrufen




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1. Mehr Esoterik als Wissenschaft
01.04.2010, Fabian Cundano Maltez, JenaSchon zu Beginn alle landwirtschaftlichen Produktionsflächen der Welt in einen Topf zu werfen - wo einerseits z.B. in Schweden Zuckerrüben subventioniert werden und z.B. andererseits in weiten Teilen Afrikas aber auch Lateinamerikas und Asiens nach wie vor mittelalterliche Landwirtschaftsmethoden vorherrschen - das ließ mir die Haare zu Berge stehen.
Die Aussage "im Jahr 2050 wird zusätzliche Anbaufläche von der Fläche Brasiliens benötigt - so viel Ackerfläche existiert nicht!" ist an Oberflächlichkeit nicht zu überbieten.
Die im Folgenden im Artikel genannten Argumente und Theorien stützen sich fast ausschließlich auf Milchmädchenrechnungen mit Extremwerten und schlichte Wunschvorstellungen:
Ein Mensch benötigt durchschnittlich 1500 Kalorien pro Tag - falsch! Die Empfehlungen der Medizin in Deutschland liegen bei 2000 pro Tag. Und um die Einhaltung schon dieser Grenze kämpfen z.B. Ärzte mit ihren Patienten in Deutschland seit Jahrzehnten erfolglos.
60 Etagen Pflanzenanbaufläche in 30 Geschossen übereinander, in welchem die natürliche Sonnenintensität (und aus dieser schöpfen Pflanzen ihre Biomasse) simuliert wird - das führt im besten Fall zu einem gigantischen Heizkraftwerk!
Die Idee, Anbaufläche für Pflanzen (hocheffektive Bio-Solarfabriken) in geschlossene Gebäude zu verlagern und den dafür nötigen Strom aus großflächigen Solarkraftwerken zu beziehen um Sonnenschein zu simulieren ist vollkommen absurd!
Ein Gebäude mit 60 Etagen Pflanzenanbaufläche (mit tausenden Tonnen Biomasse plus Wasser) übereinander, einem gigantischen Wasserversorgungs- und Luftumwälzungssystem inklusive - das ist statisch und architektonisch gesehen Humbug!
"Ein normaler Stuhlgang hat einen Brennwert von 300 Kalorien..." - das ist wirklich der absolute Gipfel! Wissenschaftliche Betrachtungen dieser Art gehören in den Bereich der Esoterik, welche sich wissenschaftliche Begriffe und Konstanten ausleiht, um abstruse und völlig abwegige Theorien aufzustellen.
"...produzieren seit Jahren schmackhafte Tomaten, Gurken und Paprika." Solche Thesen mag man von der Werbeabteilung eines Lebensmittelkonzerns erwarten, aber nicht in einer wissenschaftlichen Zeitschrift! Die Qualität von Gewächshausgemüse liegt unbestreitbar weit unter dem von Produkten aus ökologischer Landwirtschaft.
Nicht zuletzt wird im gesamten Artikel ein Fakt komplett ignoriert:
Es gibt schon jetzt nicht zu wenig Nahrungsmittel auf der Erde - sie werden nur nicht gerecht verteilt!!!
2. Zu euphorisch
07.04.2010, Dieter SulzbacherDer Autor bemüht, wie so oft, die Ersparnis der Transportkosten, um seine Glashochhäuser effizienter werden zu lassen. Letztere sind jedoch noch immer extrem niedrig, praktisch alles, was nicht verderblich ist, wird heute aus China importiert, man findet hier zu Lande kaum mehr Produkte europäischer Herkunft.
Es haben sich im Artikel auch einige Rechenfehler eingeschlichen: New York soll demnach nur fast vier Millionen Liter fäkalienhältiges Abwasser täglich produzieren, was pro Kopf lediglich einen halben Liter ausmachen würde. Weiter meint der Autor, allein in N.Y. 100 GWh elektrischer Energie jährlich aus Fäkalien produzieren zu können. Er dürfte dabei einen Wirkungsgrad von etwa 10 Prozent angenommen haben, was viel zu hoch gegriffen scheint, ist doch besagte Fäkalienmenge mit nicht weniger als 300 Milliarden Liter Wasser vermengt. Weiter nimmt Zement bei der Hydration meines Wissens nach keinen Sauerstoff aus der Luft auf, was als einer der Gründe für das Scheitern des "Biosphere 2"-Projekts genannt wird.
3. Katastrophale Energiebilanz
20.04.2010, Dr. Reinhard Malz, FellbachEine ebenerdige landwirtschaftliche Fläche der Größe A soll ersetzt werden durch ein Hochhaus mit N Etagen, gebaut auf der Grundfläche A/N. Seine Produktionsfläche ist also N*A/N = A und benötigt daher auch eine künstliche Beleuchtung entsprechend der Solarstrahlung auf die Fläche A. Auch bei optimiertem Lichtspektrum benötigt man zur Erzeugung dieser Lichtleistung rund die dreifache elektrische Leistung, zur Erzeugung der elektrischen Leistung mit Fotovoltaik (bei einem optimistischen Wirkungsgrad von 30 Prozent) insgesamt also die zehnfache Fläche der ursprünglichen Anbaufläche nur für die Energiebereitstellung - zusätzlich zum Hochhaus.
Welch eine Flächenverschwendung! Dann doch lieber ein Acker der Größe A, der mit einem Fotovoltaikkraftwerk am schmalen Feldrain oder mit einem Windkraftwerk in einer winzigen Ecke den Strom für den E-Traktor und den E-LKW gleich mitproduziert.
4. Schöne neue Welt der Nahrungsmittelproduktion
21.04.2010, Richard BeilNahrungsmittelproduktion, die Pflanze als Produkt von Licht, Kohlendioxid, ein paar Nährstoffen aus der Nährlösung und Wasser. Dass die Pflanze genau wie der Mensch und jedes andere Naturprodukt mehr ist als die Summe seiner Einzelteile, scheint der Autor zu vergessen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich normal gewachsenen Pflanzen etwas andichten will, ich bin auch kein Anhänger der Antroposophie. Ich bin nur ein einfacher Landwirt der seit fast 30 Jahren biologischen Landbau betreibt und mit diesem Wissen und dieser Erfahrung mit Sicherheit sagen kann, dass eine Pflanze ausser den oben genannten Dingen einen gesunden Boden mit Humus und einem gesunden Bodenleben und vor allem Zeit braucht, um schmackhaft und gesund zu werden. Man braucht ja nur mal die Probe zu machen und ein paar Radieschen vom Discounter zu probieren und dann vom Biobauern. Die Discounter zwingen ihre Lieferanten möglichst billig zu produzieren, und das kann man nur, indem man die Pflanzen mit viel Wasser und Kunstdünger dazu bringt, möglichst schnell zu wachsen. Heraus kommt dann eben Gemüse, das wässrig und fade schmeckt und keine gesundheitsfördernten Inhaltsstoffe hat.
Und was die Ernährung der Weltbevölkerung angeht, habe ich den Eindruck das hier um den heißen Brei herumgeredet wird, denn die Nahrungsmittelproduktion wird immer hinter dem Bevölkerungswachstum hinterherhinken, da kann man noch so viel Kunstdünger und Gentechnik einsetzen, so dass man dem Problem des Welthungers nur Herr werden kann, wenn man eben dieses Bevölkerungswachstum stoppt.
5. Fakten zur naiven Utopie
22.04.2010, Dr. Georg Ebert, MünsterA) Es ist kaum anzunehmen, dass bei den immensen Erstellungs- und Unterhaltungskosten eines hoch technisierten Hochhauses einerseits und niedrigen Nahrungsmittelpreisen andererseits eine wirtschaftliche Pflanzenproduktion unter solchen Bedingungen möglich sein wird. Das im Artikel aufgeführte Beispiel der völlig unwirtschaftlichen Getreideerzeugung unter Glas zeigt, wie weit der Autor von der Realität entfernt ist.
B) Pflanzen brauchen für ihr Wachstum neben Wasser und Nährstoffen vor allem Licht, das es im Inneren von Hochhäusern nicht ausreichend gibt. Assimilationslicht müsste also unter hohem Energieaufwand erzeugt werden, während es im Freiland von der Sonne kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Der Autor selbst zeigt im Bild anschaulich, dass Gewächshäuser genau aus diesem Grunde flach gebaut werden.
C) Auch in geschlossenen Produktionssystemen treten Pflanzenkrankheiten und Schädlinge auf, die zusammen mit sich anreichernden Abfallprodukten aufwändig bekämpft bzw. beseitigt werden müssten. Das Argument des Einsparens von Pestiziden im Gewächshaus ist also völlig aus der Luft gegriffen.
Die Lösung für die gigantische Zukunftsaufgabe Ernährungssicherung liegt sicher nicht in -von jeglichem Sachverstand freien- Hochhausutopien, sondern in der optimalen Nutzung der vorhandenen Anbauflächen. Die Potenziale dazu sind vor allem in den Entwicklungsländern noch riesig.
6. Aprilscherz
23.04.2010, H. Weiche, Garbsen7. Ein vergessener Pionier
14.05.2010, Ing. Rudolf Hiller, WienDer Genannte entwickelte Ende der 1950er Jahre ein Turmgewächshaus, in welchem die Pflanzen mittels eines Paternostersystems in speziellen Pflanztrögen auf- und abbefördert wurden, wobei die Tröge in Nährlösungen eintauchten. Durch die kontinuierliche Bewegung waren alle Pflanzen der gleichen Lichteinwirkung ausgesetzt.
Dr. Ruthner gründete um 1960(?) in Wien die Ruthner Industriepflanzenbau GmbH, die Turmgewächshäuser entwickelte und ausführte. Auf der Wiener Internationalen Gartenschau 1964 war ein derartiges Gewächshaus (Turmhöhe 30m) in Betrieb zu sehen.
Nach den Ideen von Dr. Ruthner sollten Turmgewächshäuser u. a. die Bewohner arider Zonen mit frischem Gemüse versorgen.
Dr. Ruthner war zwar auf dem Gebiet des Baus elektrochemisch-metallurgischer Industrieanlagen ein sehr erfolgreicher Unternehmer, aber betreffend des Baus von Turmgewächshäusern seiner Zeit zu weit voraus und scheiterte letztendlich. Er erlitt in dieser Hinsicht das sprichwörtliche österreichische Erfinderschicksal.
Dr. Ruthner wurde 1964 Ehrensenator der Technischen Hochschule Wien (heute TU Wien), sein metallurgisches Unternehmen lebt als Andritz Metals-Ruthner weiter, seine Turmgewächshäuser sind aber leider fast vergessen.