Um so flotter kommt Schöler dann zum Punkt. Dass wir von Heidelberg und Tübingen aus zu ihm ins ferne Münster gepilgert sind – mit mir ist der Biologe und freie Wissenschaftsjournalist Bernhard Epping gekommen –, liegt an der Spektrum-Serie "Große Wissenschaftler", für die wir den Forscher interviewen wollen. (Das Porträt erscheint in der Juli-Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft.) Kaum fragen wir ihn, wieso er denn 1953 in Toronto geboren wurde, gibt er verblüffende Einblicke in die Situation in Westfalen kurz nach dem 2. Weltkrieg.
Seine Mutter war für ihren Mann zum Protestantismus übergetreten, was in der damaligen Stimmung zu Spannungen in den Familien und im Umfeld führte. Kurz entschlossen wanderten Schölers Eltern daraufhin nach Kanada aus. Erst ein Jahrzehnt später trieb sie das Heimweh wieder zurück nach Deutschland, wo dann auch ihr Sohn aufwuchs.
Als Schüler begeisterten ihn noch Käfer und Insekten
Der grünlich schimmernde Glaskasten könnte zwar auch Domizil einer hypermodernen Computerfirma sein. Aber in einem Nebentrakt hüten Tierpfleger Tausende von Mäusen: Sie sind es, die den Zellforschern zu der Mehrzahl ihrer Erkenntnisse verhelfen. "Die Maus ist kein gutes Modell für den Menschen", schränkt Hans Schöler zwar gleich ein. Andererseits sind Forschungen etwa an Primaten ungleich schwieriger durchzuführen, nicht zuletzt auch aus gesetzlichen und ethischen Gründen. Was den Molekularbiologen international bekannt hat, sind indessen seine bisweilen genialen Experimente mit Stammzellen.
Zelluläre Universalisten als Heilsbringer?
Man darf es sich ruhig noch mal vor Augen führen: Jeder Mensch entspringt letztlich einer Zelle, deren Abkömmlinge im Laufe der Entwicklung zu den etwa 220 Gewebearten unseres Körpers ausdifferenzieren. Solchen zellulären Universalisten widmet sich Schöler seit vielen Jahren. Sie gelten oft als Heilsbringer, die uns die Zukunft des Tissue Engineering eröffnen sollen: Immun gegenüber den Abwehrmechanismen des eigenen Körpers könnten sie, so die Vision, im Krankheitsfall zur Züchtung von Ersatzgewebe dienen. "Herstellen" lassen sie sich aus körpereigenen multipotenten Stammzellen, die man im Idealfall bereits bei der Geburt aus dem Nabelschnurblut der Mutter gewonnen hat.
Dass solche Hoffnungen in vielen Bereichen verfrüht sind, belastet bisweilen die Forschung ebenso wie die Debatte um die so genannten embryonalen Stammzellen. In Deutschland hat der Gesetzgeber jedwede "verbrauchende" Forschung an embryonalen Stammzellen verboten. Andere Länder wie Israel, England oder die USA sind da liberaler – mit der Folge, dass deutsche Wissenschaftler gemäß der so genannten Stichtagsregelung Stammzelllinien aus dem Ausland importieren (was erlaubt ist, wenn diese vor dem Jahr 2007 gewonnen wurden).
Manche ausländischen Forscher bezeichnen die Regelung als "hypocracy", was ein unschönes Licht auf die recht spezielle politische und medizinethische Debatte in Deutschland wirft. Schöler hat viel zur Entschärfung dieser Situation beigetragen, indem er zeigte, dass sich durch spezielle Verfahren auch aus Körperzellen (etwa der Haut) neue, so genannte induzierte Stammzellen gewinnen lassen. Gleichwohl würde er befürworten, dass auch "in Deutschland etwa fünf eigene Stammzelllinien kontrolliert erzeugt werden" sollten.
Als ich ihn frage, was er denn dabei empfinde, in einem öffentlich so umstrittenen Gebiet zu forschen, meint der Molekularbiologe, dass man mit den meisten Politikern ganz normal sprechen könne. Sogar ein Bischof habe ihn einmal im Institut besucht – und der sagte, das müsse jeder mit seinem Gewissen abmachen.
Reinhard Breuer
Chefredakteur





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