Geometrie
Unendliche regelmäßige Körper
Kann es ein geometrisches Gebilde geben, bei dem sich in jeder Ecke sieben, acht oder gar neun gleichseitige Dreiecke treffen? Die Antwort lautet: Ja – sofern sich dieses Gebilde durch den ganzen unendlichen Raum erstreckt.
Huylebrouck verallgemeinert diesen überkommenen Begriff an einer unscheinbaren Stelle. Mit modernen mathematischen Mitteln findet er dann eine große Anzahl potenzieller neuer Formen. Der Versuch, Ordnung in diese Vielfalt zu bringen, führt ihn unversehens auf noch gänzlich unbeackertes Gelände. So kurz kann der Weg von der antiken Mathematik bis zum Unbekannten sein!


Christoph Pöppe ist promovierter Mathematiker und Redakteur bei "Spektrum der Wissenschaft".
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1. Benzol ist eben!
21.12.2010, Fritz Diem, München2. Benzolringe sind nicht gewellt
07.01.2011, Martin BernhauerGewellt sind sechseckige Ausschnitte aus der Diamantstruktur,
wobei dort alle Tetraederwinkel aufweisen.
Diese gewellten Sechsecke gibt es in zwei Formen:
Man male sich ein Sechseck auf ein Blatt Papier mit zwei gegenüberliegenden Spitzen nach rechts und links zeigend.
Die anderen vier Ecken sollen in der Ebene des Papiers liegen. Dann ragen die beiden äußeren Spitzen aus dem Papier heraus und zwar entweder (a) einer nach oben und den andere nach unten (die so genannte Sesselform) oder (b) beide auf dieselbe Seite (z. B. nach oben) (die so genannte Wannenform (bei den Engländern als Seefahrervolk wird diese Form stattdessen die Bootform genannt) ).
3. Transitivität
16.01.2011, Prof. Werner Hoffmann, Bielefeld{3,6}, {4,4}, {6,3} (Pflasterungen der Ebene, Geschlecht 1),
{4,6}, {6,4} (Geschlecht 2),
{6,6} (Geschlecht 3).
Das Fundamentalgebiet von {6,6} unter der Wirkung der Translationssymmetrien ist das abgestumpfte reguläre Tetraeder, bei dem je zwei parallele Schnittkanten miteinander identifiziert werden.
4. Nicht platonisch, sondern archimedisch
15.03.2011, Heinrich Bubeck, OStR. a. D., PH Weingarten{3,3} = Tetraeder
{3,4} = Oktaeder
{3,5} = Ikosaeder
{3,6} = Ebenes Parkett mit regelmäßigen Dreiecken
{3,7} = Zusammensetzung aus Ikosaedern und Oktaedern
{3,8} = Zusammensetzung aus lauter Oktaedern
weiterführt (oder weiterzuführen scheint). Zum andern, weil es dem Satz widerspricht, dass die Winkelsumme in einer Polyederecke kleiner als 360° ist. Doch dies gilt nur für konvexe Polyeder.
Wer das bisher übersehen hat, braucht sich nicht zu schämen. Der berühmte Geometer H. S. M. Coxeter hielt es zuerst auch für ausgeschlossen, was ihm J. F. Petrie erklärte: Er habe 2 neue platonische Polyeder entdeckt. In jeder Ecke des ersten sollten 6 Quadrate, beim andern 4 regelmäßige Sechsecke aneinander stoßen. Coxeter überzeugte sich von der Richtigkeit – Petrie hatte die unendlichen regelmäßigen Polyeder {4,6} und {6,4} entdeckt – und fand dann auch noch das dritte und letzte dieser Art, das Polyeder {6,6}. In “The Beauty of Geometry: Twelve Essays” (Dover Publications) berichtet er darüber und führt auch die nun bekannten 15 regelmäßigen Polyeder auf, nämlich:
die Oberflächen der 5 Platonischen Körper {3,3}, {3,4}, {3,5}, {4,3}, {5,3};
die 4 regelmäßigen Sternpolyeder {5, 5/2}, {5/2, 5}, {3, 5/2}, {5/2, 3};
die 3 regelmäßigen ebenen Parkette {3,6}, {4,4}, {6,3} als Übergang zu
den 3 regelmäßigen unendlichen Polyedern {4,6}, {6,4}, {6,6}, die übrigens alle drei vom Geschlecht g=3 sind.
Und was ist nun mit den 11 „Anwärtern“ vom Geschlecht g=2 inklusive {3,7}?
Sie sind nicht regelmäßig! „Platonisch“, synonym mit „regelmäßig“, bedeutet in Christoph Pöppes Formulierung „größtmögliches Maß an Regelmäßigkeit“, und das heißt für die Elemente Flächen, Kanten, Ecken eines Polyeders in mathematischer Terminologie:
1) Alle Flächen sind äquivalent und regelmäßig.
2) Alle Kanten sind äquivalent; das beinhaltet gleiche Längen und gleiches Winkelmaß zwischen ihren beiden anliegenden Flächen (Keilwinkel).
3) Alle Ecken sind äquivalent und regelmäßig.
Zwei verschiedene Elemente eines Polyeders sind genau dann äquivalent, wenn es eine Deckabbildung des ganzen Polyeders auf sich selbst gibt, die das eine Element auf das andere abbildet. Äquivalenz verlangt also mehr als Kongruenz!
Eine genaue Betrachtung zeigt: Alle 3 Forderungen sind beim {3,7} nicht erfüllt:
1) Es kann keine Deckabbildung dieses Polyeders auf sich selbst geben, die ein „Ikosaederdreieck“ auf ein „Oktaederdreieck“ abbildet.
2) Es gibt am {3,7}-Polyeder Keilwinkel in 3 verschiedenen Größen.
3) Seine Ecken sind nicht regelmäßig.
Dies gilt entsprechend auch für die übrigen Kandidaten!
Sind diese zwar nicht regelmäßig, so sind sie aber doch halbregelmäßig wie die (konvexen) archimedischen Polyeder, von denen nur Regelmäßigkeit der Flächen, gleiche Kantenlängen und Äquivalenz der Ecken verlangt wird. Solche Polyeder wird man am einfachsten als „unendliche archimedische Polyeder“ bezeichnen!
Im Übrigen ist der Artikel informativ, anregend, bietet einige theoretische Grundlagen, ist locker geschrieben und lädt so zu weiterer und genauerer Erforschung der unendlichen archimedischen Polyeder ein, die vermutlich noch nicht alle bekannt sind (es gibt davon sicher mindestens 50 Exemplare). Die meisten von ihnen haben verschiedene (regelmäßige) Flächen. Sie können durch eine geeignete Bauanleitung definiert werden, oder (nicht immer eindeutig) durch die Abfolge der Flächenordnungen in einer Ecke: 3, 4, 6, 6, 4 bedeutet, dass in jeder Ecke dieses Polyeders nacheinander ein gleichseitiges Dreieck, ein Quadrat, zwei regelmäßige Sechsecke und wieder ein Quadrat aneinanderstoßen.
Die erwähnten Polyeder {3,7}, {3,8}, {3,9} und {4,5} vom Geschlecht g=2 können nun als Elemente einer speziellen Teilmenge dieser unendlichen archimedischen Polyeder betrachtet werden, weil sie aus lauter kongruenten, aber nicht äquivalenten Flächen bestehen. Dazu zählen aber auch noch andere dieser Art wie z. B. {3,8} vom Geschlecht g=3, {3,9} und {3,12} mit g=4 und noch ein zweites {4,5}-Polyeder (ohne Keilwinkel von 180°), an dem ein Problem deutlich wird:
Sein „Atom“ erhält man, wenn man an vier „tetraedrisch gelegene“ Sechsecke des Oktaederstumpfs je ein archimedisches Sechseckprisma ansetzt und dann alle Sechsecke entfernt. Das Atom hat dann 8 Löcher; dieses {4,5}-Polyeder ist also vom Geschlecht g=4, was durch E=24, K=60 und F=30 bestätigt wird. Es gibt aber noch ein zweites Atom aus 10 Quadraten, 20 Kanten und 8 Ecken mit 4 Löchern, was g=2 bedeutet (siehe Stephen Dutchs Website „Wells’ Hyperbolic Tesselations“). Das ist merkwürdig und kaum vorstellbar! Sollte etwa jeder der beiden Seiten des Polyeders ein eigenes Geschlecht zugeordnet werden; oder ist das erste Atom gar kein Atom, weil es genau den dreifachen Satz an Ecken, Kanten und Flächen aufweist? Das sind Vermutungen! Zur weiteren Klärung ist eine genaue Definition von „Atom“ als erzeugende Konfiguration hier unumgänglich.
Wie man sieht, ist das Feld der unendlichen archimedischen Polyeder theoretisch wie praktisch noch wenig beackert. Eine Bearbeitung lohnt sich vor allem auch deshalb, weil geeignetes Baumaterial zum Experimentieren erhältlich ist (z. B. Polydronplatten und -rahmen und Ähnliches).
Es gibt weder eine Liste aller unendlichen archimedischen Polyeder, noch eine Beschreibung ihrer speziellen Eigenschaften wie Aufbau, Symmetriegerüst, Geschlecht, „Atome“, Volumenverhältnis der beiden Raumteile, Verbindungsgraph (Mittelpunkte benachbarter Atome werden durch eine Strecke verbunden) … noch eine Liste von Problemen, deren Lösung von Interesse ist. Einen ersten Einstieg liefert die englische Wikipedia-Seite über unendliche Polyeder.
Ein ungelöstes Problem, das etwas weiter ausgreift: Zu jedem konvexen archimedischen Polyeder gibt es ein duales (catalanisches) Polyeder. Bei den unendlichen archimedischen Polyedern ist das nur selten der Fall. Es sind wohl deshalb auch nur wenige solche Polyeder bekannt; ich selbst habe einige Beispiele beschrieben („Unendliche regelmäßige und halbregelmäßige Polyeder“ in: „Beiträge zum Mathematikunterricht 1996“ S. 118 – 121, Verlag Franzbecker, und „Modelle zu besonderen Eigenschaften des halbregelmäßigen Rhombendodekaeders“ in: „6. Tagung der DGfGG“ S. 84-87, Shaker-Verlag, Aachen 2010). Sie müssen beliebige, aber äquivalente Flächen besitzen, alle Keilwinkel müssen gleich sein und ihre Ecken regelmäßig, aber nicht kongruent! Ihre Bezeichnung müsste „unendliche catalanische Polyeder“ lauten.