Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin:
Dreierlei: Residual-, Integrations-
und Orientierungswissenschaft. Aber der Reihe
nach. Etwas ironisch gesprochen ist sie zuerst eine Residualwissenschaft.
Residual – also das, was an Fragen übrig bleibt,
die nicht in eigene Wissenschaften ausgewandert sind. Damit
bleiben der Philosophie die unlösbaren Fragen.
Das klingt nach intellektueller Resteverwertung.
Man kann es auch positiver sehen. Es gibt Grundfragen, die
sich nicht in das methodische Korsett einer Einzeldisziplin
zwängen lassen. Also zum Beispiel die Frage nach praktischer
oder theoretischer Vernunft: Was ist ein gutes Argument für
etwas? Das kann kein Thema sein für eine Einzelwissenschaft,
und deshalb bleibt sie der Philosophie erhalten. Dasselbe
gilt für metaphysische und ontologische Fragen.
Beschäftigt sich die Philosophie immer mit denselben
Fragen? Gibt es denn überhaupt Fortschritte in der Philosophie?
Sie sind Physiker. Ist Physik kein Fortschritt? Physik ist ein
Kind der Philosophie. Dort, wo die Philosophie sehr erfolgreich
ist, löst sich meistens


Der Autor ist Redakteur bei "Spektrum der Wissenschaft".
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1. Philosophie als Grundlagenwissenschaft
16.03.2011, Josef Klein, BerlinDerweise beantwortet sich die Frage eigentlich schon von selbst, wenn – wie Reinhard Breuer berichtet – die Physiker (und neuerlich die Vertreter der Neurowissenschaften etc.) meinen, die Philosophie, die sie brauchen, lieber selbst machen zu sollen. Gewiss, Heisenberg und C. F. v. Weizsäcker haben, wie Nida-Rümelin entgegnet, selbst wichtige Beiträge zur Philosophie geliefert, als Fußnoten zu Platon, wie Weizsäcker mit Whitehead zu formulieren pflegte, der in der modernen Physik die Aktualität Platons überhaupt erwiesen sah – eine These, an der man mittlerweile zweifeln darf, nachdem die so genannte Weltformel oder die „Theorie von allem“ ein bisschen allzu lange auf sich warten lässt. Doch Letzteres obliegt als Forschungsvorhaben nicht der Philosophie, gereichte sie auch – im Sinn einer längst vergessenen „induktiven Metaphysik“ (als Gegensatz zur spekulativen und deduktiven Metaphysik, der an sich auch der tradierte Platonismus und Neu-Platonismus zugehören) –zum Beweis des Platonismus. Man wird dieses Projekt wohl so allmählich ad acta legen dürfen (vgl. hierzu auch R.B. Laughlin, Abschied von der Weltformel). Gleichwie, damit ist die Philosophie als Grundlagenwissenschaft noch nicht aus dem Spiel. Ganz im Gegenteil. Es geht um die positiven Grundlagen der Sache überhaupt, nicht in spekulativer Weise um die letzten Dinge (der Residual- resp. Orientierungswissenschaft „Philosophie“ oder gar der theologischen Philosophie).
Hierfür einige Beispiele: zunächst erlaube ich mir, an ein Problem der Quantenlogik bei C. F. v. Weizsäcker zu erinnern, das Implikations-Paradox –: aus einer Beobachtungsaussage folgt eine Feststellung, wobei beide äquivalent seien mit dem ontischen Modell des Sachverhaltes als solchem. Die Frage war bislang nicht lösbar. Ich habe sie jüngst unter anderem und vornehmlich per Relevanzlogik aufgelöst (vgl. J. Klein, Semiotik des Geistes, Buch I: Das semiotische Tier Mensch und sein Geist, Logos-Verlag, Berlin 2010, 900 S.) Zweites Beispiel: Wolf Singer meint, dass es keine Willensfreiheit geben könne, weil der Zustandsraum durchdeterminiert sei. Der Ansicht stimme ich zwar auch zu, nur frage ich mich zudem nach den Verhältnissen im Phasenraum (der statt der Ist-Zustände die Bezugslagen von Ereignissen, Intentionen bzw. Kräften innerhalb der werdenden Zeitlichkeit darstellt). Nicht zu vergessen, dass die Rede vom Zustandsraum ohne Beachtung des Phasenraums eine bequeme Verkürzung der Sachfragen ist. Gleiches gilt des Weiteren für das so genannte Libet-Experiment bzw. für dessen deterministische Deutung. Ich habe in SdG I („Semioitk des Geistes“ I) darauf aufmerksam gemacht, dass das Bereitschaftspotenzial in etwa dem Begriff der Bewusstseinspassivität respektive der passiven Synthesis bei E. Husserl entspricht. Das hat aber mitnichten zur Folge, dass es keinen Spielraum für Freiheit gäbe. Endlich habe ich unter Bezug auf Karl Zilles hervorgehoben, dass die Fragen – wie das Zentralnervensystem kodiert ist, wie die Semantik und die Syntaktik organologisch sich abspielen und wie die informationellen Daten von den neuronalen Substraten in die mentalen Strukturordnungen (der Ästhesiologie des Geistes) zum einen und in die sprachlichen Strukturen (als Tiefen- und als Oberflächenstrukturen) im Sinn der Linguistik umgewandelt werden (und umgekehrt) – noch nicht einmal dem Ansatz nach thematisiert sind (meine SdG I einmal ausgenommen). Damit wäre zugleich zu begründen und zu beweisen, was an Chomskys Nativismus richtig und am Konstruktivismus falsch ist – vice versa. Ich habe diese dritte Position in SdG I grob skizziert und „Exstruktivismus“ genannt.
Und natürlich wird auch hier die These Weizsäckers einschlägig, wonach Materie gleich Form und damit gleich Information sei, bei A. Zeilinger wird daraus die These von der Information als Baustein der Natur. Aber ich habe mich dazu in der „Semiotik des Geistes“ bereits geäußert (kritisch sowie vor allem nicht-platonistisch) und nicht die Absicht, hier mich nun zu wiederholen.
2. Philosophie als wichtig anerkannt
16.03.2011, Herbert Höhnel, Weilheim3. Nida-Rümelins antirealistischer Realismus
21.03.2011, Norbert Hinterberger, HamburgMan muss allerdings wohl anmerken, dass Nida-Rümelin Normen und Erkenntnisse wesentlich nachlässiger vermischt als sein gelehrter Lehrer. Nachdem Stegmüller erkannt hatte, dass der ‚Logische Empirismus’, also der Positivismus des ‚Wiener Kreises’ um Carnap, der Kritik Karl R. Poppers (Kritischer Rationalismus/Realismus) nicht standgehalten hatte, ging er, wie auch die meisten anderen Antirealisten, zum erkenntnistheoretischen Pragmatismus über. Das war die Reaktion auf Poppers schlagende Kritik am Induktivismus, der mit dem Logischen Empirismus untrennbar verknüpft war. Karl Popper hatte schon in den 1930er Jahren ganz klargemacht, dass es so etwas wie strenge Verifikationen schon aus logischen Gründen nicht geben kann – übrigens weder auf induktivem noch auf deduktivem Wege. Er schlug stattdessen vor, die Tätigkeit der Forschung als fallibilistisch und falsifikationistisch zu charakterisieren bzw. als hypothesenbasiert deduktivistisch. Einzel-Beobachtungs- bzw. Basisaussagen wurden deshalb nur als Falsifikatoren, nicht als Verifikatoren vorgeschlagen. Allgemeine Hypothesen können sich nun aber immer als falsch herausstellen. Das war indessen etwas, was der Wiener Kreis und auch seine pragmatistischen Nachfolger (allen voran Stegmüller) auf keinen Fall wollten. Wahrheit sollte sicher sein, offenbar sogar um den Preis eines radikalen Empirismus, der jegliche Bildung allgemeiner Hypothesen als unwissenschaftlich hinstellen sollte. Kam man als Antirealist durch Popper zur Überzeugung, dass gehaltvolle, also nicht-tautologische Wahrheit nie streng verifizierbar sein kann, ging man mit fliegenden Fahnen zum Pragmatismus über, denn der winkte mit subjektiver Wahrheit: ‚Du hast Deine Wahrheit, ich habe meine, also ist Wahrheit relativ.’ Hier benötigte man die antirealistische Position nun sogar noch stärker als im Logischen Empirismus. Denn mit einem subjektivistischen Wahrheitsbegriff wird jede Wirklichkeitsbeschreibung, die über Formalismen hinausgeht, inkonsistent. So ergab auch die bloß verzierende Übernahme der Begriffe „falsifizierbar“ oder „fallibel“ (durch verschiedene Antirealisten) keinen Sinn, denn die Wirklichkeit durfte ja nur als Begründung nicht zur bedingten Widerlegung (wie beim Kritischen Rationalismus) herhalten. Bei den Logischen Empiristen sollten die Basisaussagen also von vornherein verifikativen Charakter besitzen. Überdies sollten sie wegen ihrer angeblichen Unmittelbarkeit sicher sein, so dass man nur (induktiv – also vom Besonderen zum Allgemeinen fortschreitend) mehr und mehr Beobachtungen scheinbar gleicher Art anhäufen musste, um irgendwann (niemand konnte allerdings sagen wann), zur Verallgemeinerung zu berechtigen und so ein Naturgesetz zu erhalten. Der fehlende Hinweis darauf, welche Anzahl von Beobachtungen zur Verallgemeinerung ausreichen sollte, war aber nicht mal das größte Problem. Das größte Problem war, dass die Induktion keine logische Schlussweise ist wie die Deduktion – was im Übrigen aber auch schon David Hume geklärt hatte.
Ursprünglich nannte sich der Wiener Kreis schlicht ‚Mach-Verein’. Daraus sollte ganz deutlich werden, dass hier eine antirealistische Position (eine impressionistische Position, die Machs eben) bezogen wird - trotz der Orientierung des Wiener Kreises an den Naturwissenschaften, denn es wurde den Naturwissenschaftlern gleichzeitig gewissermaßen verboten, sich mit der Realität an sich zu beschäftigen. Nach Meinung von Mach verfügen wir in erkenntnistheoretischer Hinsicht nur über einen Sinnesempirismus, der uns lediglich Auskunft über unsere Eindrücke gestatte – nicht über die Dinge. Wir könnten also nicht einfach sagen, (1) ‚Da steht ein Baum’, sondern müssten uns mit (2) ‚Ich habe jetzt (an Raumzeitpunkt k) den Eindruck, dass da ein Baum steht’ zufrieden geben. Dadurch kann sich (2) nun zwar nicht mehr als falsch herausstellen wie (1), kann sich andererseits aber auch auf nichts in der Wirklichkeit beziehen, abgesehen von den intersubjektiven Eindrücken, die so genannte „Kompetente Beobachter“ haben durften.
Auch Einstein war kurzfristig von Machs Impressionismus (also von der Annahme, dass wir, erkenntnistheoretisch verwendbar, über nicht viel mehr als unsere Netzhaut-Erlebnisse verfügen) beeindruckt, allerdings nur sehr kurz. Er ist dann sehr bald zu einem kritischen Realismus übergewechselt und bis an sein Lebensende dabei geblieben. Das war auch die Position, die er gegenüber dem offenen Antirealismus der so genannten „Kopenhagener Interpretation“ (Bohr & Co) vertrat.
Obwohl Reinhard Breuer aus meiner Sicht hier genau die richtigen, halb fragenden, halb feststellenden Kommentare zu Nida-Rümelins Ausführungen investiert, hat Letzterer es ganz in schwächster philosophischer Tradition verstanden, sie nicht verstanden zu haben oder nicht verstehen zu wollen.
Obwohl man spätestens seit Karl Popper und Hans Albert die Philosophie als eine Art Brückenwissenschaft zwischen den anderen Wissenschaften betrachtet und die Philosophen eben als Brückenwissenschaftler, die aufgefordert sind, den jeweiligen Problemen selbst weit genug in die fachspezifisch geschulten Fragestellungen insbesondere der Naturwissenschaften zu folgen, antwortet Nida-Rümelin auf Breuers Frage, was die Philosophie denn für eine Wissenschaft sei: „Dreierlei: Residual-, Integrations- und Orientierungswissenschaft.“ Integration und Orientierung werden von Nida-Rümelin dann im Weiteren nur auf normativer Ebene betrachtet, also in seiner praktischen Philosophie behandelt.
Seine Residual-Wissenschaft wird von ihm aber offenbar als theoretische Philosophie aufgefasst, und zwar als „das, was an Fragen übrig bleibt“, was „nicht in eigene Wissenschaften ausgewandert“ ist. Aus diesen Feststellungen schließt er (man weiß nicht wie): „Damit bleiben der Philosophie die unlösbaren Fragen.“ Diese Gussform wird auch gerne von Theologen verwendet. Dabei ist offenbar weder dem einen noch den anderen klar, dass sich heute unlösbar Erscheinendes morgen lösen lassen kann, denn das geschieht schon so, seit es Wissenschaften gibt. Mühselig und peinlich, sich dann jeweils wieder auf andere temporär noch ungelöste Probleme zurückziehen zu wollen. Das Prädikat der Unlösbarkeit ist also fließend. Nimmt man dagegen an, es wäre etwas Unverrückbares, wie Nida-Rümelin das offenbar tut, so beschäftigt sich seine Residual-Wissenschaft genau genommen mit gar nichts … Die Feststellung der Unlösbarkeit eines Problems macht ja weitere Arbeiten daran überflüssig.
Selbst wenn man diesem Gedanken nicht folgen mag, kann man, wie etwa Breuer, auch unabhängig davon, annehmen, dass das ganze zumindest stark nach „intellektueller Resteverwertung“ klingt. Insbesondere widerspricht doch dieses Warten auf das, was übrig bleibt, dem ständig proklamierten Schulterschluss mit den Naturwissenschaften, der ja wohl eher mit einem Hineingehen in die letztere verknüpft sein sollte, so wie deren Vertreter ja auch in die Philosophie hineingehen, indem sie selbst welche produzieren. Ein Erkenntnisproblem macht nicht vor irgendwelchen Wissenschaftsgrenzen halt.
Wie wir gesehen haben, hat die analytische Philosophie weder im Wiener Kreis, noch in ihren pragmatistischen Nachwehen wirklich verstanden, was Wissenschaftler tun und auch tun müssen. Solange ich etwas nicht sehen, hören, schmecken oder fühlen kann, bin ich gezwungen eine allgemeine Hypothese aufzustellen. Dazu gehörten prominent die Atomhypothese, die Molekülhypothese und viele andere, deren Bezugsobjekte seinerzeit – auf Grund fehlender Detektorentechnik – nicht direkt erfahrbar, also noch nicht experimentierbar waren. Genau das wurde den Naturwissenschaftlern von der analytischen Philosophie aber gewissermaßen untersagt. Den meisten Philosophieverbrauchern ist überdies nicht klar, was die betreffenden Philosophen selbst unter ‚Analytischer Philosophie’ verstanden haben. Ihre Analytik war eben genau das resignative (antirealistische) und wenn möglich rein formalistische Zwangsinstrument, das eine direkte Beschäftigung mit der Natur verhindern sollte. Streng verstanden ist eine analytische Aussage immer tautologisch, denn sie sagt nichts zur physikalischen Wirklichkeit. Bei den Logischen Empiristen sollten eben die berühmten ‚Unmittelbarkeiten’ in der Beobachtung, wie eben die Sinneseindrücke (oder Geräte, die diese verstärken) tatsächlich nur definitorisch behandelt werden. Jegliche Interpretation der Wirklichkeit war verboten. So beobachtete man am Ende auch nur mehr den Beobachter beim Beobachten. Es sollte nur noch eine „Begriffsklärung“ oder „Begriffsreinigung“ empirischer Begriffe stattfinden - weshalb die analytische Philosophie streckenweise auch Sprachphilosophie genannt wurde. Nun nehmen wir aber nachgerade nichts in unmittelbarer Form wahr, sondern immer „theoriegetränkt“ (also von erkenntnistheoretischen Vorurteilen mehr oder weniger allgemeiner Natur aus). Das war Poppers Auffassung. Von hier aus versteht man natürlich auch besser, dass diese rein analytisch-tautologische Haltung der Sprachphilosophie nicht mit den Naturwissenschaften kooperieren konnte. Definitionen sagen nichts über die Wirklichkeit, sondern nur darüber, welchen Begriff man gegen einen anderen eintauschen soll. Von hier aus versteht man auch, warum Popper seinen kritischen Rationalismus nicht zur analytischen Philosophie gezählt hat, ungeachtet der Tatsache, dass er von etwelchen Referenten immer wieder dazu gerechnet wurde. Popper ist aber, ganz im Gegenteil, für den Untergang des Logischen Empirismus verantwortlich gewesen. Die analytische Philosophie lebt indessen - mit Philosophen wie Nida-Rümelin - gewissermaßen als unbelehrbares Gespenst weiter.
So sehr ich hier Kanitscheider (ebenfalls ein Stegmüllerschüler) in einem älteren Leserbrief kritisiert habe, Kanitscheider hat die Konversion vom Antirealisten zum Realisten vollzogen – allerdings für meinen Geschmack im Zusammenhang einer problematischen Über-Ontologisierung genuin metaphysischer Aussagen (ähnlich wie man es bei Mario Bunge sehen kann, der zusammen mit Martin Mahner einen nicht-kritischen Materialismus entwickelt hat). Man kann es also auch immer in die andere Richtung übertreiben.
Philosophen wie Nida-Rümelin sind dagegen einfach Antirealisten geblieben, ohne das aber recht zugeben zu wollen oder überhaupt nur zu bemerken. Das, was er auf Seite 59 „ethischen Realismus“ nennt, ist ganz klar moralischer Positivismus, denn es beruht auf pragmatischen Normen. Aus dem eher sympathischen Versuch zu zeigen, dass Demokratien zumindest auch Werte wie Menschenrechte transportieren (was ja richtig ist) wird hier ganz schnell ein erkenntnistheoretisch-logischer GAU in der Bemerkung, dass fundamentale Werte und Normen (in einer Demokratie) „mit einem Wahrheitsanspruch vorgebracht werden.“ Hier verwechselt er, wie auch viele andere Philosophen, ‚Wahrhaftigkeit’ mit Wahrheit. Jedenfalls im besten Fall, sonst müsste man annehmen, dass er den ‚Naturalistischen Fehlschluss’ nicht kennt, der uns zu Recht verbietet, vom Sein aufs Sollen zu schließen, ebenso wie er verbietet, vom Sollen aufs Sein zu schließen – also etwa Wahrheit aus einer Norm beziehen zu wollen. Auf diese Art könnte man ja offenbar Wahrheit in Gesetzen herstellen … Fast scheint es so, dass er auf diffuse Weise irgendetwas in dieser Art meinen möchte, denn er redet sich regelrecht heiß: „Was im Grundgesetz zur Würde des Menschen gesagt wird oder zu den Freiheitsrechten – das beansprucht Ewigkeitsgeltung. Kein Parlament kann das je aufheben.“ (S. 59) Wir wissen aber natürlich (insbesondere aus eigener Geschichte), dass man das diktatorisch ganz leicht konnte und auch immer noch kann.
Nida-Rümelins philosophische Hybris kann man gleich am Anfang der Befragung (S. 57) erleben. Er findet, dass es „Grundfragen“ gibt, „die sich nicht in das methodische Korsett einer Einzeldisziplin zwängen lassen.“ Dazu gehören für ihn Fragen wie: „Was ist ein gutes Argument für etwas?“ Das könne kein Thema sein für eine Einzelwissenschaft und „Dasselbe gilt für metaphysische und ontologische Fragen.“ Nun wird aber die Frage, was ein gutes Argument ist, von Logikern und Linguisten untersucht. Und es ist Einzelwissenschaftlern auch nicht untersagt, metaphysische oder ontologische Überlegungen anzustellen – insbesondere die theoretischen Physiker (unserer neuen Theorien: M-Theorie und Schleifenquantengravitation) machen regen Gebrauch davon.
Auf Breuers Frage, ob es denn überhaupt „Fortschritte in der Philosophie“ gebe, antwortet Nida-Rümelin: „Dort wo die Philosophie sehr erfolgreich ist, löst sich meistens eine Einzeldisziplin ab.“ Nun könnte man auch die Meinung vertreten, dass es sich genau umgekehrt verhält und zwischen „Philosophie“ und „sehr“ das Wörtchen „nicht“ einfügen.
Breuer empfindet das (mit etwas anderen Worten) ganz ähnlich: „Haben solche Bewegungen nicht umgekehrt die Philosophie aus großen Bereichen der Naturwissenschaften hinausgeworfen?“ Nida-Rümelin räumt daraufhin ein „Die meisten der bedeutenden Physiker … haben zur Philosophie wichtige Beiträge geleistet“, um gleich anschließend zu bemerken, dass damit aber nicht die philosophischen Probleme erledigt seien. Was meint er? Probleme die gelöst wurden, sind gelöst - ob nun philosophische oder sonst welche. Dass es additiv auch noch nicht gelöste Probleme gibt, dürfte trivial sein. Also was meint er?
Auf S. 58 versucht er die Frage „Was ist eigentlich Rationalität?“ zu einer typisch philosophischen Frage zu promovieren. Diese „alte Frage“ sei im Zusammenhang der „gegenwärtigen Grundlagenkrise der Ökonomie“ aufgeworfen worden: Ökonomie ist eine Theorie, die auf einem bestimmten Rationalitätsmodell beruht, ganz zentral auf Basis der Spieltheorie …“
Breuer: „Das ist Mathematik. Was hat das mit Philosophie zu tun?“
Nida-Rümelin: „Die Mathematik ist da nur ein Hilfsmittel.“
Und so geht das weiter. Alle Wissenschaftler benötigen philosophische Beratung, um verstehen zu können, was sie da eigentlich tun. Poppers Bemerkung, dass der Größenwahn die häufigste Berufkrankheit unter Philosophen sei, scheint kein bisschen veraltet.
Auf Breuers Bemerkung, dass Normen doch letztlich willkürliche Setzungen sind, sagt er doch tatsächlich. „Da bin ich ganz anderer Meinung.“ Seine Vermischung von erkenntnistheoretischen mit normativen Fragen zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Interview – auch ein Symptom der antirealistischen Erziehung durch Stegmüller, der ja bekanntlich der Meinung war, dass derart realistische Fragen wie die nach der Wahrheit (eines Satzes in Korrespondenz zur Wirklichkeit) doch eher in die Kirche gehören. Mit einem solchen Wahrheitsrelativismus, wie er aus dem Pragmatismus im Übrigen notwendig folgt, kann man am Ende wohl auch Normen für ‚wahr’ halten oder Erkenntnis-Aussagen bzw. Behauptungen für ‚normativ sinnlos’ …, ganz wie man es braucht. Dabei ist es nicht schwer zwischen der Erkenntnis, dass ich den Mülleimer runterbringe (die wahr oder falsch sein kann – und sogar eines von beiden sein muss, denn sie ist nicht-antinomisch), und der Aufforderung (also der von irgendwem gewünschten Norm) „Norbert, bring bitte den Mülleimer runter“ zu unterscheiden.
Man versteht natürlich ohne Weiteres, dass antirealistische Positionen sowohl in der Philosophie als auch in der Physik beliebter sind als realistische, denn sie machen (unter Verzicht auf Wirklichkeitsaussagen bzw. Interpretationen) erheblich weniger Arbeit. Aber darum kann es in der Erkenntnissuche nicht gehen – wie letztlich doch ziemlich leicht einzusehen ist.
4. Kant schlicht ignoriert
03.06.2011, Dr. med. Michael Schott, BottropDie Wissenschaft, und genauso die Philosophie, sind aber nicht synonym mit Neopositivismus. Wissenschaft ist "bloß" der methodologisch reflektierte Erwerb von Wissen. Und "Methoden" bedeutet nicht nur die "Methoden innerhalb des Neopositivismus"; im Rationalismus, als Erkenntnisphilosophie, gibt es sie ebenso.
Bei der Lektüre dieser Serie dachte ich immer wieder das mathematische Problem der Quadratwurzel aus -1. Solange die Mathematiker Zahlen nur als eindimensionale Phänomene auf einem Zahlenstrahl denken konnten, solange fanden sie auch keine Lösung für dieses Problem. Erst als sie sich daran machten, neue Axiome für zweidimensionale Zahlenräume zu definieren, fanden sie eine Lösung. Die Versuche der neopositivistisch ausgerichteten Forscher, ein Verständnis des Bewusstseins zu erlangen, muten mir an wie die Versuche derjenigen Mathematiker, die die Quadratwurzel aus -1 auf einem Zahlenstrahl zu bestimmen suchten.
Auch wenn Sätze formuliert wurden, wie !mehrheitlich sind Philosophen wie Wissenschaftler der Überzeugung, dass das Bewusstsein keiner immateriellen, rein geistigen Sphäre angehört, sondern ein biologisches Phänomen ist" - Ist wissenschaftliche Wahrheit das mehrheitliche Ergebnis einer Abstimmung? - wird damit nicht das Faktum beseitigt, dass der Neopositivismus bestimmte Dinge einfach nicht erfassen kann. Ich finde es bemerkenswert, dass die Überlegungen Kants schlichtweg ignoriert werden, zeigen sie doch eindeutig auf, dass der Neopositivismus nicht alles erfassen kann, sondern dass ihm geistige Dinge - Kant nannte sie transzendental - zu Grunde liegen, die seine axiomatische Grundlage bilden. Sir Karl Popper, Begründer des Neopositivismus hat dies gewusst. Mit seinem 3-Welten-Konzept suchte er dies Wissen um Geistiges mit dem um Materielles zu vereinen.
Zudem sind Bemühungen, das Bewusstsein nur der biologischen oder nur der geistigen Sphäre zuzuschreiben, ungefähr genauso müßig wie die Versuche, Elektronen nur als Teilchen oder nur als Welle zu verstehen. Die Quantenphysiker sind da bereits im Verstehen der Welt weiter als die Hirnforscher, die immer noch meinen, das Phänomen Bewusstsein, allein mit einem "Entweder-oder-Denken" und nicht auch mit "Sowohl-als-auch-Denken" beschreiben zu müssen.
Als Psychotherapeut hatte ich ständig mit Ambivalenz zu tun; das "Sowohl-als-auch-Phänomen" par excellence. Auch weiß ich über mein psychotherapeutisches Handeln, dass es doch durchaus andere als neopositivistische Herangehensweisen an das Phänomen Bewusstsein gibt, die aber ganz offensichtlich von den Wissenschaftlern, die im Spektrum der Wissenschaft veröffentlichen, unbeachtet bleiben. Hier sind ganz vorrangig die dem Rationalismus (oder auch Idealismus genannt) entspringenden Überlegungen der Tiefenpsychologie zu nennen.
Letzten Endes aber ist die Beschäftigung mit dem Phänomen Bewusstsein das Feld auf dem sehr deutlich wird, dass der Alleinvertretungsanspruch des Neopositivismus für die Erklärung der Welt nicht haltbar ist.