Serie Philosophie (Teil 1) | Selbstbild
Wer bin ich?
Auf diese klassische Frage der Philosophie gaben große Denker die unterschiedlichsten Antworten. Erst heute rückt eine allgemein akzeptierte Erklärung des Selbst in greifbare Nähe - nicht zuletzt dank neuer Impulse aus der Neuropsychologie.
Der Philosoph René Descartes (1596-1650) vertrat bekanntlich die These, dass wir im Kern rein geistige Wesen seien, die nur zufällig während unseres irdischen Daseins in einem Körper stecken. Dazu formulierte er sein berühmt gewordenes "Cogito"-Argument


Der Autor leitet an der Ruhr-Universität
Bochum das Institut für Philosophie II mit
Schwerpunkt in systematischer Gegenwartsphilosophie
und baut dort gerade ein Zentrum
für "Mind, Brain and Cognitive Evolution" auf.
Er hat an den Universitäten Freiburg und Bielefeld
Philosophie, Psychologie und Geschichte
studiert und 1994 in Philosophie promoviert. Von
2003 bis 2007 war er Professor für Philosophie mit Schwerpunkt
Sprachphilosophie und Philosophie des Geistes an der Universität
Tübingen. Von 2000 bis 2004 gehörte er dem Vorstand der Europäischen
Gesellschaft für Philosophie und Psychologie (ESPP) an
und hat die 18. Jahrestagung dieser interdisziplinären Gesellschaft
2010 zum ersten Mal für Deutschland leitend organisiert.
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1. Gehört Philosophie in Spektrum der Wissenschaft?
24.02.2011, Helmut Fink, Erlangen2. Ich-Gefühl und deterministische Freiheit
04.03.2011, Wolfram Friedrich"Eine Frage der Selbstbestimmung" von Michael Pauen
Zunächst einmal bin ich ein biologisches Wesen mit einem lernfähigen Informationssystem. Dieses Informationssystem - unser Nervensystem - entwickelt durch jahrelanges Lernen ein bewusstes Sebstmodell (Metzinger) bzw. Ich-Gefühl und ein begriffliches Selbstbild (Newen). Diese sind als vom Gehirn realisierte geistige Konstrukte real. Wenn Metzinger sagt, das "ich" sei eine Illusion, dann meint er das "ich" in der Bedeutung "Seele" oder "Unbewegter Beweger" wie wir es alltäglich erleben. Was wir als unsere freien Entscheidungen erleben, sind aber ganz normale determinierte Ereignisse wie fast alle anderen in unserer makroskopischen Welt. Da wir keinen Zugang zu den gelernten Synapsengewichten der Realisierer von Gründen und Argumenten haben, können wir nicht anders, als diese Ereignisse als unsere freien Entscheidungen zu erleben. Newen macht leider keine Aussage zu der Kernfrage: Kann das von ihm postulierte Ich-Gefühl und begriffliches Selbstbild Erstursache für unser Wollen und Handeln sein?
Pauen löst das Problem, indem er einen deterministischen Freiheitsbegriff einführt. Er sagt, wir sind frei, wenn unser Wollen und Handeln von unseren Wünschen und Überzeugungen bestimmt wird - wir also selbstbestimmt sind. Dagegen sind wir nicht frei, wenn äußere oder innere Zwänge unser Wollen und Handeln bestimmen. Aus naturwissenschaftlicher Sicht sind es, wenn man es genauer formulieren will, die neuronalen Realisierer von Wünschen und Überzeugungen, die unser Wollen und Handeln mit ihren gelernten Kausalbeziehungen bestimmen. Dieser deterministische Freiheitsbegriff hat aber mehrere gravierende Probleme.
Zum Ersten weckt er immer Assoziationen zum alltagssprachlichen Freiheitsbegriff, was leicht zu Missverständnissen oder gar Unverständnis führt.
Zum Zweiten ist nicht klar, ob es überhaupt Wünsche gibt, die von äußeren Umständen völlig unabhängig sind und damit selbstbestimmt bzw. frei sind.
Zum dritten sind Wünsche und Überzeugungen Dispositionen, die ihre Kausalwirkungen nur entfalten können, wenn sie mit einem Ereignis interagieren. Wenn ein externes Ereignis eine ganze Kaskade von internen Ereignissen auslöst (wir nennen das Überlegen oder Nachdenken), dann kann man alltagssprachlich pragmatisch das Anfangsereignis vernachlässigen und von Selbstbestimmung bzw. Freiheit sprechen. In einem wissenschaftlichen explanatorischen Kontext kann man das aber nicht, weil das externe Ereignis insofern nicht irrelevant ist, als ohne es der ganze Prozess nicht abgelaufen wäre. Die Selbstbestimmung und damit die Freiheit kann demnach niemals vollständig sein.
Zum Dritten sind unsere Wünsche und Überzeugungen nicht vom Himmel gefallen, sondern haben Ursachen gehabt. Und diese Ursachen kommen immer letztlich aus Bereichen, auf die wir keinen Einfluss hatten und für die wir nicht verantwortlich sein können. Die Selbstbestimmung schlägt deshalb in Fremdbestimmung um. Der deterministische Freiheitsbegriff aus Selbstbestimmung wird damit zu einer leeren Worthülse, die nichts anderes sagt, als was wir Naturalisten schon immer gesagt haben: Es kann keine Freiheit in unserer Welt geben. Das beste, was ein Kompatibilist haben kann, ist eine weit gehende Freiheit aus weit gehender Selbstbestimmung.
Verantwortlichkeit kann man allerdings nicht aus einem so eingeschränkten deterministischen Freiheitsbegriff ableiten. Trotzdem ist es sinnvoll Menschen verantwortlich zu machen, also zu loben, zu tadeln und im Extremfall zu bestrafen, weil das in unseren Gehirnen ein moralisches Gewissen entstehen lässt und es damit auch moralisch gerechtfertigt ist.
3. Zum Ich-Gefühl/Das Ich, eine Fiktion?
04.03.2011, Karl Hostettler, Aadorf, SchweizNewen erwähnt entscheidende Schritte in der Entwicklung der kognitiven Eigenschaften des Kindes. Er spricht von Ich-Gefühl. Ich würde eher von „kognitivem Ich“ sprechen. Wir könnten es einem „Empfindungs-Ich“ gegenüberstellen. Denn um die Entwicklung unseres kognitiven Bereichs geht es Newen offensichtlich; um die Reifung desjenigen, welches wir im Alltag als „Bewusstsein“ bezeichnen. Natürlich fühlt sich die kognitive Beschaffenheit unseres Denkens auch an. Insofern passt der von Newen verwendete Ausdruck „Ich-Gefühl“. Doch kann er Identität der kognitiven Seite mit der empfindenden Seite unserer Gefühle vortäuschen.
Wir müssen unsere Gefühle eben von verschiedenen Seiten betrachten. Da ist die kognitive Seite, die Seite des Wissens um uns selbst. Wir könnten, um den vieldeutigen Ausdruck „Bewusstsein“ zu vermeiden, von „Bewusstheit“ sprechen. Newen erwähnt wichtige Schritte in der kleinkindlichen kognitiven Entwicklung. Diese ist natürlich mit dem Bestehen des „False Belief-Tests“ nicht abgeschlossen. (Das behauptet auch Newen nicht.) Eine wesentliche Eigenschaft der reifen Bewusstheit bildet die Fähigkeit, uns in unserem Sein zu hinterfragen, uns Gedanken zu machen über Sinn und Zweck unseres Tuns und auch unseres Lebens.
Aber alle diese Fähigkeiten oder Eigenschaften spielen in bestimmten Fällen überhaupt keine Rolle, obschon wir in solchen Situationen durchaus über Empfindungen verfügen, nämlich in unseren Träumen. Daher scheint es mir unvermeidbar, ein Kognitions-Ich und ein Empfindungs-Ich zu unterscheiden. Beide nehmen Anteil an unseren Gefühlen. Beide entwickeln sich im Lauf unserer Ontogenese. Das kann nicht anders sein. Aber es handelt sich ganz klar um zwei Sachen, und ihre Entwicklung muss nicht im Gleichschritt verlaufen.
Das Ich, eine Fiktion?
Unser Denken wird stark von Intuitionen geprägt, welche sich bei genauem Betrachten als Fiktionen erweisen. Eine solche Fiktion ist die im Alltag weit verbreitete Auffassung von einer Seele als einem Gegenstand, der unabhängig von materiellen Vorgängen bestehen soll. Albert Newen kritisiert diese Ansicht zu Recht. Aber worum handelt es sich beim Geist oder beim Ich? Ist das Ich, wie Philosoph Metzinger es meint, auch nur einfach eine Fiktion?
Nein, weder Geist noch Ich und auch nicht Seele, richtig verstanden, sind Fiktionen. Das Problem liegt bei einer auch in der Philosophie leider noch stark verbreiteten, in unserer Intuition sehr stark verankerten naiven Sicht von Wirklichkeit. Als wirklich werden nach dieser Sicht Dinge betrachtet. Dinge gibt es, und sie haben Eigenschaften. Trägerin der Eigenschaften ist die Substanz, die an sich besteht. Sachlich ist diese Sicht nicht haltbar. Wir können es uns leicht vorstellen. Betrachten wir einen materiellen Gegenstand, etwa eine Zwiebel. Denken wir alle ihre Eigenschaften weg, auch Form, Grösse und Masse. Was bleibt? Nichts! Das heisst, es bleibt die bloße Tatsache, dass wir uns gedanklich auf eine Zwiebel beziehen. Substanzen gibt es also nicht. Wir bilden sie, indem wir unsere Gedanken auf ein bestimmtes Objekt lenken. Die Welt besteht nicht aus Dingen, wir sehen sie nur so an. Daher können wir auch die Existenz besonderer Dinge „Geist“ oder „Ich“, die sich irgendwo im Gehirn befinden und auf die Gehirnvorgänge Einfluss nehmen, nicht erwarten. Und doch sind „Ich“ und „Geist“ höchst reale Gegenstände. Die Welt besteht eben nicht aus Dingen. Sie hat eine Beschaffenheit. Sie ist real in ihrer Beschaffenheit!
Sollen wir Computer-Software als Fiktion betrachten? Sie besteht ja bloß aus einer bestimmten Ordnung von Nullen und Einsen. Aber, wenn doch nicht wirklich, warum bezahlen wir dafür denn viel Geld?
Zweifellos beruhen „Geist“ und „Ich“ auf Vorgängen im Gehirn. Aber um sinnvolle Gedanken zu schaffen, müssen diese Vorgänge in ganz bestimmter Weise beschaffen sein. Gehirn ist nicht nur Material. Gehirn ist auch Ordnung! Und diese Ordnung, während Hunderten von Millionen Jahren im Rahmen der Evolution entstanden, ist als Eigenschaft des Gehirns genauso real wie seine Masse, Ausdehnung und chemische Zusammensetzung. Denken wir auch daran, dass es diese Vorgänge sind, welche auch das wirklich Rätselhafte erzeugen, das, woran niemals gezweifelt werden kann, das demnach eigentlich in erster Linie die Bezeichnung „wirklich“ verdient: unser eigenes Erleben, an welchem wir nicht nur ein psychologisches, sondern objektives Interesse haben, indem es sich als freudvoll oder leidvoll erweist.
Geist ist real, aber er ist kein Ding. Seine Rätselhaftigkeit verliert er zum Teil, wenn wir aufhören, einer Fiktion „Geist als Ding“ nachzulaufen.
4. Philosophische Schonkost
04.03.2011, Bernhard Becker, DuisburgSeine Antwort auf die Frage nach dem „Wesen des Ich“ fasst Newen selbst so zusammen: „Ich bin ein Mensch (als biologisches Wesen), der ein Ich-Gefühl und ein begriffliches Selbstbild entwickelt. Dieses Ich-Gefühl entsteht aus der Erfahrung heraus, dass ich einen eigenen Körper habe, die Welt aus einer eigenen Perspektive sehe und der Urheber des eigenen Handelns bin. Das begriffliche Selbstbild entwickelt sich erst in Verbindung mit der Fähigkeit, die eigenen Überzeugungen, Wünsche, Hoffnungen und so weiter von denen anderer Personen neu abzugrenzen.“
Auch ohne meine Kursivsetzung von „ich“ und „eigen“ dürfte deutlich werden, dass andere Wesen (ob nun Menschen, Tiere oder Sachen) hier eigentlich nur stören können: sie kommen nur negativ vor – im Prozess der Abgrenzung vom Nicht-Ich. Dass wir alle ein personales „Ich“, wie unter Soziologen und Psychologen wohlbekannt, erst sozial, d.h. im verstehenden Umgang mit anderen Menschen erlangen, das Bewusstsein des Einzelnen letztlich also immer „Antwort auf eine Kommunikation“ bzw. „gesellschaftliches Produkt“ ist, bleibt außen vor (und alles, was Buber jemals dazu geschrieben hat, fiele in Ihrem Blatt vermutlich unter „Esoterik“).
Andererseits verbleibt der Autor mit seiner Unterscheidung Geist/Materie ebenso wie Pauen, der eifrig nach „Lücken“ im „naturgesetzlichen Kausalzusammenhang“ sucht, trotz aller Kritik an Descartes innerhalb der Grenzen eines (wie auch immer „kritischen“) Rationalismus. Dieser so gewonnene „Geist“ entspricht jedoch im wesentlichen einer Reduktion auf Evidenzen des inneren Erlebens als „Subjekt“: fortlaufend sich Erneuerndes faßt es als statisch auf, wähnt sich bzw. seinen „Willen“ gar als „Urheber“ von Handlungen und Kommunikationen, glaubt souverän in jeweils konstruierten Vergangenheiten und imaginären Zukünften zu verweilen und sieht sich so wenigstens in seinem Denken den Beschränkungen von Raum und Zeit enthoben. Kein Wunder also, dass der klassische Idealismus darum auch konsequent von der Existenz einer „unsterblichen Seele“ ausging – dabei jedoch immerhin noch wusste, dass eine derartig exponiere Sonderstellung sich allein eine „Teilhabe“ am göttlichen Geist verdanken könne: einem „Wunder“ also, nicht aber einer noch so fleißigen Selbstabgrenzung egoistischer Individuen.
Was den Lesern hier als Philosophie präsentiert wird, überschreitet somit leider nirgendwo den Rahmen des, so Heidegger, „natürlichen“ (=idealistischen) Bewusstseins. Doch „wenn man den Bannkreis der idealistischen Spekulation wirklich durchbrechen will“, so Gadamer, darf man „die Seinsart des Lebens nicht vom Selbstbewußtsein aus denken.“ Sicherlich lässt sich auf diese Weise auch heute noch „analytische“ Philosophie betreiben – selbst wenn es schon etwas her ist, dass Quine die Unterscheidung analytisch/empirisch als metaphysisches bzw. „unempirisches Dogma des Empirismus“ qualifiziert hat (Quine, From a Logical Point of View, Cambridge [USA] 1953, S. 37). Die damit zugleich einhergehende Beschränkung einer auf Eigeninteresse und Machbarkeit fixierten „Vernunft“ des methodologischen Individualismus folgt zwar brav dem heute dominierenden Paradigma der Naturwissenschaft (und ist somit gerade für Leser Ihres Blattes hochkompatibel), wird jedoch, wie Breuers skeptische Interview-Fragen zu Recht zeigen, vermutlich nicht einmal dort ernstgenommen: Wer seinen Popper gelesen hat, weiß, dass Normen sich nicht aus Tatsachen „gewinnen“ lassen, sondern stets unterstellt werden und sich dann bewähren müssen.
Denn dass es „gut“ sei, nach dem „Guten“ zu suchen und andere zu verstehen, ließe sich zwar (wie jede Tautologieentfaltung) durchaus am empirischen Ertrag messen: Eine solche Welt wäre komplexer und differenzierter. Doch man könnte es hier natürlich ebenso halten wie die Riesen bei Harry Potter: Durch Mord und Totschlag wird dann alles wieder einfacher und verständlicher. Werte und Normen – was Moore und Ayer noch wussten – lassen sich darum nicht (oder eben nur zirkulär) „begründen“.
Folge ich z.B. etwa Pauens Argumentation, so sei Willensfreiheit Hirnforschern zufolge zwar einerseits unmöglich. Weil ohne die Bestrafung von Verbrechern aber keine Staatsordnung denkbar ist, bleibe sie andererseits „eine sowohl pragmatisch wie systematisch begründete Notwendigkeit“. So weit kam freilich schon vor 100 Jahren Vahingers „Philosophie des Als Ob“. Kants „unrealistische“ (und in der Tat für Logiker und Rationalisten eher beunruhigende) Herleitung verweist Pauen ins Reich der „fundamentalen und unlösbaren Rätsel“. In Josef Simons „Philosophie des Zeichens“ dagegen (Berlin 1989, S. 222 f.) erscheint sie durchaus nicht rätselhaft: „Dieses Sich-als-frei-Denken ist also Imagination und als solche der wirkliche Zugang Kants zur Freiheit. Man denkt sich (im ,inneren’ Reden mit sich selbst) als frei, und „eo ipso“, d.h. darin ist man es (Kant: Vorlesungen über die philosophische Religionslehre, AA XXVIII, Berlin 1968, 1068).“ Auch eine Paradoxie wie „Freiheit“ läßt sich nicht begründen – ich muß sie mir nehmen: nur, wer sich frei denkt, kann es überhaupt sein – ebenso, wie derjenige tatsächlich unfrei ist, der sich für unfrei hält.
Sicher ließe sich dann immer noch bestreiten, ob es so etwas wie Entscheidungen überhaupt geben könne. Das postuliert jedoch nur hilfsweise den magisch-metaphysischen Determinismus naiver Neurologen: Denn die Möglichkeiten eines durch Kommunikation geformten Denkens hängen vom Aufbau der Nerven ungefähr so ab wie die Struktur einer Orgelfuge Bachs vom boyleschen Gesetz. Um nachzuweisen, wieso Freiheit trotz Strukturdeterminiertheit möglich ist, müßte man allerdings z.B. Luhmann gelesen haben – ein Autor von Weltrang, der für SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT als Wissenschaftler aber offenbar nicht existiert.
Vielleicht würde er ja eine Leserschaft zu sehr verstören, der man zwar Monat für Monat neue hochkomplizierte physikalische Kosmologien zutraut, in gesellschaftlichen Fragen aber gut abgehangene Plausibilitäten des common sense serviert. Erst diese Haltung des Es-gar-nicht-so-genau-wissen-Wollens aber macht Philosophie zu einem „weichen“ Fach. Während meines Studiums bei Kurt Flasch in Bochum durfte ich jedenfalls ein etwas ernsthafteres Niveau kennen lernen und hoffe, dass Ihre angekündigte Serie „Die größten Rätsel der Philosophie“ demnächst etwas mehr als nur Schonkost bietet.
5. Wo bleiben Konstruktivismus und Psychoanalyse?
15.03.2011, Rudi Zimmerman, BerlinDas "Ich" eines Individuums hat bedeutende Funktionen, eine besteht darin, optische, akustische, taktile usw. Wahrnehmungen aus den im Hirn stattfindenden elektrochemischen Vorgängen zu konstruieren, die aus der Umwandlung von Außenweltreizen (elektromagnetischen Wellen, Schallwellen, körperliche Berührungen usw.) in Nervenimpulse durch unsere Sinnesorgane (Auge, Ohr, Haut usw.) entstanden sind. Diese konstruktivistische Sicht klammert Newen völlig aus. Eine andere Aufgabe des Ichs ist das Treffen von Entscheidungen, vor die das Individuum durch seine Umwelt gestellt wird. Dieser Bezugspunkt zum Thema "Willensfreiheit", das im gleichen Heft behandelt wird, wird gar nicht hergestellt. Eine eindeutig handlungsdeterminierte lebende Maschine "Mensch" benötigt diese psychische Instanz des Ichs gar nicht. Damit sind wir bei der Psychoanalyse Sigmund Freuds, der das "Ich" als eine psychische Instanz definiert, die zwischen den inneren Anforderungen genetisch determinierter Triebregungen (dem "Es") und den Anforderungen der Gesellschaft (im "Über-Ich" repräsentiert) vermitteln und entscheiden muss. Die Dimension unbewusst tätiger Ich-Anteile (die "Zensur"), die bestimmte Gedächnisinhalte von ihrer Bewusstwerdung abhält (die "Abwehr"-Funktion des Ichs), weil diese die Handlungskongruenz (die gesunde gesellschaftskonforme Verhaltensweise) des Individuums stören würde, geht bei dieser philosophischen Betrachtungsweise völlig verloren. Eine Philosophie, die an der Denkoberfläche bewusster Reflexion verleibt, den Konstruktivismus und psychoanalytische Erkenntnisse übergeht, ist über platonisches Denken nicht hinausgekommen. Ich kann mich Herrn Becker nur anschließen und ebenfalls hoffen, dass die weiteren Artikel tiefer greifen.
6. Geist/Materie
15.03.2011, Klaus Teutenberg, Lindlar7. Die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit
16.03.2011, Christian Amling, QuedlinburgMann muss nicht Esoteriker oder religiös sein, um sich vorstellen zu können, dass die Wechselwirkung zwischen eine sehr komplexen Außenwelt und unserem höchst beschränkten Primatenhirn wesentlich komplizierter sein sollte, als es sich unserer Schulweisheit träumen lässt! In diesem Sinn empfinde ich die beiden ersten Beiträge als wesentlich zu kurz gegriffen. Was darin steht, konnte man bereits vielen anderen Artikeln Ihrer Zeitschrift entnehmen.
Die existierende Außenwelt in Frage stellen zu wollen oder das Ich als übernatürliches Phänomen aufzufassen, hindert die Philosophie daran, im Konzert der anderen Wissenschaften zu spielen, das ist der Grundtenor in Newens Artikel. Geist, Seele und Ich werden unzulässig in einen Topf geworfen und versucht, die Begriffe auf neurophysiologischer Ebene zu erklären. Ohne die Existenz einer Außenwelt zu bestreiten, erfahren und/oder glauben bekanntlich Milliarden Menschen an eine Seele als unabhängig geartete Entität. Da unser Gehirn nur so gut wie nötig zum Überleben und nicht so gut wie möglich auf unsere Umwelt reagiert, bleibt objektiv mannigfaltiger Spielraum für Ereignisse jenseits "unserer Wirklichkeit", auch für nicht religiöse Menschen. Dass das Ich in Autisten, Alzheimerkranken oder Schlaganfallpatienten anders antwortet als bei "normalen" Menschen, kann einfach zur Ursache haben, dass sich die Seele in diesen Ichs nicht optimal ansiedeln konnte. Mit derart wirklich interessanten Fragen der Philosophie hat sich der Autor erst gar nicht auseinandergesetzt, sondern nur (s)eine persönliche Meinung wiedergegeben. Mich hat dieseer Artikel enttäuscht.
8. Glaubhafte Axiome sammeln
21.03.2011, Ekkehard Domning, HildesheimDaher reduziert Descartes seine Beobachtung auf das Hervorbringen von Gedanken. Nicht der Inhalt der Gedanken selbst, sondern nur die Tätigkeit des Denkens wird beobachtet. Descartes stellt fest: Ich erzeuge einen Gedanken (Objekt), den ich beobachte (Subjekt), da ich das Objekt selbst erschaffen habe, existiere ich. Für den Existenzbeweis ist es unerheblich, welcher Natur die Gedanken sind oder welches Wesen der sie Beobachtende hat. Die Bedeutung dieses Existenzbeweises kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, ermöglicht sie mir doch, abseits jeder weiteren Annahme, mich meiner Existenz zu vergewissern. Welch ein Sieg des Geistes über Gott oder Materie! Philosophisch kann nämlich dieser Standpunkt nur durch das Hinzufügen von mindestens einem Axiom verlassen werden. Beispielsweise durch "Ich existiere weil Gott mich schuf" oder "Die von mir wahrgenommenen Objekte existieren auf materieller Basis". Vor dem Zeitalter der Aufklärung war Ersteres Axiom das Bestimmende, heute ist es das Zweite. Der Autor behauptet, Descartes setze den Dualismus von Geist und Welt voraus und bleibe den Beweis dafür schuldig. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall, der Autor verwendet ein Axiom und bleibt uns Lesern dessen Definition schuldig. Möglich, das dem Autor dies nicht einmal bewusst ist, und er sich deshalb in der fruchtlosen Diskussion über die Verhältnisse von Geist und Materie verheddert. Hätte er z.B. das Axiom "Die von mir wahrgenommenen Objekte existieren ausschließlich auf materieller und rationaler Basis" eingeführt, bräuchten wir uns über den "Geist" als immaterielle Realität nicht zu streiten. Eine wissenschaftliche Philosophie sollte bemüht sein (ähnlich der Geometrie) glaubhafte Axiome zu sammeln und deren Widerspruchsfreiheit aufzuzeigen. Schade, Teil 1 der Philosophiereihe hätte einen klareren Anfang verdient.
9. Ist Geist ein Quantenphänomen?
21.03.2011, Gerhard Fischer, NeubauUnbestritten gilt aber für Vorgänge im atomaren Maßstab die Quantenmechanik. Ein spezielles Phänomen der Quantenmechanik ist die gleichzeitige Überlagerung von eigentlich einander ausschließenden Zuständen von Teilchen oder Teilchensystemen. Ein zweites Phänomen ist der Kollaps (auch Dekohärenz genannt) von überlagerten und daher nicht eindeutig bestimmten Zuständen zu einem bestimmten Zustand. Der Kollaps erfolgt in dem Augenblick, in dem das Teilchen oder das Teilchensystem beispielsweise von einem Menschen beobachtet (bzw. gemessen) wird. Welcher der dabei möglichen bestimmten Zuständen dabei tatsächlich erreicht wird, ist absolut zufällig und mit Sicherheit nicht durch irgendwelche versteckte Parameter determiniert – dies ist experimentell oft und oft mittels der Bell‘schen Ungleichung nachgewiesen worden.
In makroskopischen Vorgängen merkt man von den genannten Spezialitäten der Quantenmechanik normalerweise nichts, da sie durch die Statistik einer großen Zahl von gleichartigen Teilchen (Atome, Moleküle, Photonen etc.) durch Mittelwertbildung von Zuständen verdeckt werden.
Im menschlichen Gehirn ist es jedoch denkbar, dass der Effekt der Mittelwertbildung nicht mehr zutrifft. Möglicherweise führt bereits der Austausch des Zustands eines einzigen Transmittermoleküls in einer Synapse zu einem völlig anderen Zustand des gesamten Nervennetzes des Gehirns, wodurch auch ein anderer Gedankeninhalt repräsentiert wäre. Wenn nun unterschiedliche Zustände der Transmittermoleküle einander überlagert sind, so sind theoretisch nun auch unterschiedliche Gedankeninhalte gleichzeitig repräsentiert. Wenn aber dennoch nur ein bestimmter Gedankeninhalt bewußt wird, so interpretiere ich das als das Wirken des quantenmechanischen Kollapses.
Anders gesagt: Gedanken können entstehen ohne dass es dafür deterministische Ursachen gibt.
Noch anders gesagt: Der quantenmechanische Kollaps ist ein denkbarer Aktivierungsmechanismus für einen reinen Geist.
Ich höre schon das Gegenargument, dass überlagerte (kohärente) Zustände durch das Abstrahlen von Wärme- und Lichtphotonen so blitzartig in bestimmte (dekohärente) Zustände zerfallen, dass die Überlagerung keinerlei signifikante Bedeutung besitzen kann. Doch dieses Argument sehe ich bloß als Behauptung, es genügen ja schon kleinste Reste von Kohärenz damit bei geeigneter riesiger Verstärkung mittels chaotischer Rückkoppelungen doch ein signifikanter Effekt bezüglich des repräsentierten Gedankeninhalts entstehen kann. Es gibt auch experimentelle und theoretische Hinweise aus dem Gebiet der Biophotonik, dass das Gehirn tatsächlich wie ein Quantencomputer arbeiten könnte. Ich bin auch überzeugt, dass die biologische Evolution einen hohen Selektionsdruck auf die Entstehung von quantencomputerähnlichen Mechanismen des Gehirns ausgeübt hat, da ja dadurch dessen Leistungsfähigkeit enorm gesteigert werden kann.
10. "Das Ich" ist kein Gefühl, sondern eine Erkenntnis
26.07.2011, Winfried Faas, ErdingDer Geist ist eben nicht untrennbar an Materie gebunden, wie Newen schreibt.
Wir sprechen auch nicht davon, dass die Atmung untrennbar an die Lunge gebunden ist. Es ist uns bewußt, dass das Atmen eine Eigenschaft der Lunge ist und nichts Immaterielles das an die Lunge "gebunden" wäre. Nur aus dem Denken und Fühlen machen wir ein immaterielles Ding.
Denken und fühlen sind Fähigkeiten, die der materielle menschliche Organismus besitzt und etwas detailierter betrachtet eben insbesondere das zentrale Steuerungsorgan dieses Organismus besitzt. Und der Geist ist eine Sammelbezeichnung für eine ganze Reihe von menschlichen Fähigkeiten und Eigenschaften bzw. Fähigkeiten und Eigenschaften des Gehirns - aber kein immaterielles Ding.
Diese Vorstellung dass das Ich etwas ist, was den menschlichen Körper steuert, scheint sich fast unweigerlich im Laufe der Kindheitsentwicklung beim Menschen herauszubilden. Dass dieses Ich aber das Gehirn ist - um das zu begreifen, muss man sich weiterbilden.
Eine Fiktion ist das Ich auch nur dann, wenn man es als immaterielles "Ding" begreift, wobei das komplette Wegdiskutieren dieser Fiktion, das Kind mit dem Bade ausschütten würde. Es ist keine völlige Fiktion, es ist nur etwas anders, als von vielen angenommen wird.
Es reicht zwar aus, dieses Selbst als etwas Immaterielles zu begreifen, das den menschlichen Körper steuern kann um mit der Wirklichkeit und dem Leben klarzukommen. Viele Tiere scheinen nicht einmal diese Erkenntnis zu besitzen und sind gut lebensfähig.
Die Hirnforschung bietet aber die Möglichkeit diese etwas schiefe Erkenntnis, der wohl die meisten Menschen irgendwann einmal angehangen haben oder anhängen, zu verfeinen und diese Erkenntnis nachzukorrigieren.
11. Was ist Bewusstsein?
07.05.2012, Josef Gnadl, RegensburgAuch zu einigen älteren Beiträgen von Michael Springer (Springers Einwürfe und Buchbesprechungen)
Wenn man die subjektive Gewissheit über die Existenz des Bewusstseins als etwas nichtmateriellem mit dem empirischen Wissen über die materielle Natur des Denkens vereinbaren will, hat man das Problem zu erklären, wie die Information über die Existenz des Bewusstseins ins Gehirn gelangt.
Dazu habe ich mir folgendes Modell überlegt: Das Bewusstsein ist ein passiver Beobachter der Aktivitätsmuster des Gehirns. Nach der Viele-Welten-Hypothese der Quantentheorie entwickelt sich das Gehirn auf Grund von Messprozessen in Zweige auseinander. Ich nehme nun an, dass das Bewusstsein sich dabei nicht spaltet, sondern sich für einen Zweig entscheidet und nur noch diesen Zweig beobachtet. Wenn in einem der Zweige die Information über die Existenz des Bewusstseins vorliegt, wählt es diesen Zweig.
Die Auswahl durch das Bewusstsein sollte Abweichungen von quantenmechanisch berechneten Wahrscheinlickeiten zur Folge haben, die im Prinzip experimentell beobachtbar sein sollten.
Das Modell bringt ein neues Problem mit sich, nämlich das Problem des Zusammenhalts zwischen den Bewusstseinen. Es ist zu postulieren, dass die Bewusstseine aller Menschen und Tiere demselben Zweig der Welt folgen. Gründe dafür sind noch zu suchen.
Dieses Modell habe ich auch hier zur Diskussion gestellt: http://www.mikrocontroller.net/topic/254701
Noch eine Anmerkung: Wer argumentiert, die Quantentheorie könne bei Normaltemperatur im Gehirn keine Rolle spielen, der kann ebenso behaupten, bei Normaltemperatur könne es keinen Laser geben, oder Quanten-Kryptografie oder Quanten-Teleportation seien unmöglich.