Serie Philosophie (Teil 2) | Willensfreiheit
Eine Frage der Selbstbestimmung
Willensfreiheit ist die Fähigkeit, ohne Zwang zwischen verschiedenen Möglichkeiten auszuwählen. Doch wie frei sind unsere Entscheidungen wirklich? Ist Willensfreiheit vielleicht nur eine Illusion?
Die andere, wesentlich moderatere Sichtweise nimmt an, dass es offensichtliche Unterschiede bei der Zurechenbarkeit von Handlungen gibt: Kleine Kinder und psychisch Kranke sind offenbar in einem wesentlich geringeren Maß verantwortlich für ihr Tun als gesunde Erwachsene. Hier stellt sich dann die Frage, ob diese Unterscheidung gerechtfertigt ist und worin sie genau besteht


Der Autor ist Professor für Philosophie
des Geistes an der Humboldt-Universität Berlin.
Außerdem ist er Sprecher der Berlin School
of Mind and Brain sowie des Center for Integrative
Life Sciences.
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1. Hirnphysiologische Vorgänge sind nicht determinierbar
02.03.2011, Wolfgang Gorisch, MünchenDie Verfechter der Determiniertheitsthese müssen sich fragen lassen, welche Widerlegung sie denn akzeptieren würden. Es ist sogar zu fragen, ob sich diese These überhaupt widerlegen lässt. Ließe sie sich nicht widerlegen, dann hätte die hirnphysiologisch begründete Determiniertheitsthese weder für die Hirnforschung noch gesellschaftswissenschaftlich irgendeine Relevanz. Die philosophische Erörterung baute dann auf Meinung auf und nicht auf empirischen Fakten.
Die Behauptung, jeder bewussten Handlung entspräche ein materieller hirnphysiologischer Prozess, ist nicht gut zu widerlegen. Die anschließende, viel weitergehende Behauptung, das Gewissen oder der freie Wille an sich seien immateriell, gehirnphysiologisch in den bekannten neuronalen Aktivitätsschemata nicht zu verorten und deswegen per se nicht vorhanden, oder wenn vorhanden, dann als Illusion, gehört entweder in die Kategorie Gottesglauben oder ist, als wissenschaftliche Behauptung aufgefasst, jedenfalls nicht belegt. Ich weiß natürlich, dass die ideologische Position nicht zu erschüttern ist. Mein folgender Kommentar geht von der wissenschaftlichen, kritisierbaren Position aus.
Die These von der Determiniertheit der hirnphysiologischer Vorgänge ist bis heute kein gesichertes wissenschaftliches Wissen. Zur Prüfung: Sucht man nach einer empirischen Methode, wie man die Determiniertheitshypothese überprüfen könnte, dann müsste man erheben, wie Menschen unter bestimmten gleichen Anfangsbedingungen handeln. Ergeben sich identische Handlungsweisen, dann könnte man auf Determiniertheit schließen. In der Tat gibt es eine Fülle psychologischer Forschungen zu Handlungsmaximen. Die Identität der Handlungen wurde jedoch nie überzeugend bewiesen. Schon bei wenigen Nachweisen von Handlungsvielfalt bei gleichen Anfangsbedingungen sähe es schlecht aus für die Determiniertheitsbehauptung.
Hirnforscher erklären die Funktion des Gehirns letztlich mit biochemischen und biophysikalischen Gesetzen. Dieses reduktionistische Programm mag Erfolg versprechend sein, um manche Verhaltensweisen plausibel zu deuten, zugegeben. Es ist aber falsch, die prinzipielle hirnphysiologische Modellierbarkeit solcher Vorgänge mit Determiniertheit gleichzusetzen.
Schon gar nicht die gesellschaftsrelevanten, nicht einmal die direkten Auswirkungen solcher hirnphysiologischen, letztlich physikalischen Vorgänge können je vorausbestimmt (determiniert) werden. Erstens verbietet die heisenbergsche Unschärferelation jegliche Voraussage im Einzelfall, selbst für ein einziges Elektron im Molekülverband (die eine Wellenfunktion, die geeignet sein soll, die Idee des Determinismus zu retten, ist meiner Meinung nach eine neuplatonische falsche Sichtweise). Zweitens verhalten sich rekursive, nichtlineare komplexe Systeme chaotisch. Das heißt, das Auftreten bestimmter makroskopischer Wirkungen ist in solchen Systemen nicht voraussagbar. Beim Gehirn handelt es sich nicht um ein einfaches System wie z.B. einen tropfenden Wasserhahn, der schon chaotisches Verhalten zeigt, sondern um eine vielfache Verschaltung von hundert Milliarden Nervenzellen. Ionenkanäle öffnen und schließen sich. Schwärme von Ladungsträgern werden periodisch ausgetauscht, triggern und behindern solchen Austausch an anderer Stelle. Zahllose Leitungsbahnen verbinden das Gehirn mit Millionen Sinneszellen. Zahllose Muskelzellen werden aktiviert oder gebremst. Das alles ist bekannt. Hier von Determiniertheit zu sprechen, halte ich schon für recht ‚mutig’.
Insofern sieht das Gehirn eher wie ein extrem erratisches System aus. Jedoch: Faktisch ist das Gehirn nicht erratisch, denn offenbar sind seine körperlichen Auswirkungen bei Weitem nicht beliebig, der Mensch ‚flimmert’ nicht. Also: Wie hat es die Evolution geschafft, die jederzeit fast unendlich vielen möglichen individuellen Handlungsvarianten auf sinnvolles, vielleicht sogar intelligentes, problemlösendes Handeln so einzuschränken, dass das Überleben des Individuums und letztlich die Weitergabe der Gene möglich ist? In Wirklichkeit geht es meiner Auffassung nach also nicht um positive handlungsdeterminierenden Regeln oder Abläufe im Gehirn, sondern um seine negativen Diskriminierungsstrategien oder Mechanismen, welche die fast unendlich vielen Handlungsvarianten aussieben, so dass zu jedem Zeitpunkt ein einziges Handlungskonzept übrig bleibt, nämlich dasjenige, das momentan zur Wirkung kommt.
Viele Wissenschaftler akzeptieren das Emergenzprinzip. Dieses besagt, dass komplexe Systeme in der Lage sind, neue überraschende, d.h. vorher unbekannte und aus den Systemregeln nicht ableitbare Effekte oder Phänomene entstehen zu lassen (z.B. Geld und Vertragsrecht in Handel treibenden Gesellschaften). Eine wichtige emergente Eigenschaft des Gehirns ist der Einbezug von Metaebenen in dessen Abbildungsleistung. Dazu gehören die Ich-Wahrnehmung als denkendes Wesen und als Körper, die Abstraktionsfähigkeit, das Lernen, das das Ich einbezieht, die Fähigkeit zur Entwicklung von Theorien einschließlich der Theorien über den Menschen und sein Gehirn, die Kreativität im Allgemeinen, die Empathiefähigkeit, das Gewissen, d.h. die Reflexion und Wertung der eigenen Handlung, die Möglichkeit, in abstrakten Begriffen zu denken, von denen der Wahrheitsbegriff vielleicht einer der abstraktesten ist, zu denen aber auch Begriffe gehören wie Ehre, Moral, Recht, Gerechtigkeit, Strafe usw., nicht zu vergessen die ganze Welt von Hemmungen und Antrieben. Selbstverständlich dann auch die Verschmelzung all dessen zum freien Willen, unter Einbezug und Bewertung von äußeren und inneren Beschränkungen, das alles unter dem Einfluss von unbewussten und bewussten Gefühlen. Die Möglichkeit, dass im menschlichen Gehirn Raum ist für die emergente Fähigkeit zur Selbstbestimmung ist nach meiner Meinung sehr viel plausibler als die willkürliche und durch nichts belegte Negierung dieser Möglichkeit.
Dem Gedanken, dass das Gehirn in der Lage ist, mehrere Metaebenen zugleich zu verarbeiten folgt konsequenterweise der Gedanke, dass sich die Handlungssteuerung ebenfalls auf mehreren Ebenen gleichzeitig abspielt, von der Expression des Willens bis hinunter zur Muskelzell-Enervierung.
Die Determiniertheitshypothese stellt sich mir letztlich nur als eine grob simplifizierende Vorstellung dar, wonach die menschliche Handlung nichts anderes ist als das Resultat einer mechanistisch bestimmten linearen Reiz-Wirkungs-Kette des Großhirns. Weder berücksichtigt sie die prinzipielle Nichtdeterminiertheit dieser Vorgänge überhaupt, noch gibt sie den reflexiven und emergenten Eigenschaften des hochkomplexen Systems Gehirn den Platz, den sie verdienen. Deren philosophische Behandlung im vorliegenden Text greift deshalb bezüglich der Selbstbestimmung viel zu kurz, sogar ohne überhaupt Nennenswertes zu diesem Begriff auszusagen. Es überrascht dann auch nicht, dass Pauen in den zwei letzten Abschnitten dieses Artikels („Halten wir also fest: …“) außer Gemeinplätzen zur Selbstbestimmung nichts wirklich Interessantes festhält. Enttäuschend.
2. Freiheit und Moral
04.03.2011, Stephan SandhaegerDas reicht nun aber Philosophen wie Pauen nicht aus. Sie fragen sich, was sie "Willensfreiheit" nennen könnten, damit man weiterhin Schuld und Sanktion zuweisen kann.
Pauen vollzieht zuerst einmal einen stillschweigenden Schwenk von der Sanktion zur Prävention und stellt fest, dass es nur dann sinnvoll ist, auf jemanden moralisch verstärkend oder hemmend einzuwirken, wenn dessen Gehirn auf Grund dieser Einwirkung vermutlich in einer zukünftigen vergleichbaren Situation gemäß der Präferenz des Einwirkenden entscheiden wird. Das könnte man trivial nennen, und dagegen wird selbstverständlich kein Inkompatibilist etwas einzuwenden haben.
Wenn der Angesprochene keinen äußeren oder inneren Zwängen unterliegt, nennt Pauen das "Autonomie". Sehr wohl aber soll derjenige empfänglich sein für die moralische Determinierung in Form obiger Einwirkung. Das zeigt ein weiteres Problem mit der Willensfreiheit: Wir möchten uns bei Entscheidungen zwanglos und selbstbestimmt fühlen, aber die anderen sollen sich - jedenfalls bei wichtigen moralischen Entscheidungen - vorhersagbar und konform verhalten.
Sind wir selbstbestimmt, wenn wir bei roter Ampel brav stehen bleiben? Oder bleiben für unsere "Freiheit" nur Entscheidungen wie die, ob wir Erdbeer- oder Aprikosenkonfitüre aufs Brot schmieren?
3. Selbstbestimmung löst das Problem der Willensfreiheit nicht
04.03.2011, Dr. Eugen Muchowski, Unterhaching2. Ist Selbstbestimmung notwendig für die Zumessung von Verantwortung? Offensichtlich nicht. Denn es gibt Verhaltensweisen, die nicht selbstbestimmt sind, für die aber trotzdem Verantwortung getragen werden muss: Handeln im Affekt, Handeln gegen die eigene Überzeugung z.B. aus Angst vor Nachteilen etc.
Urheberschaft und Verantwortung sind nicht dasselbe. Also sollte man die beiden Begriffe nicht in einen Topf werfen. Urheberschaft kann auch ohne Verantwortung vorkommen, bei Kindern oder bei Menschen, die nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind, etwa durch Krankheit oder durch Rausch. Die Zumessung von Verantwortung beruht auf gesellschaftlichen Konventionen und ist von Kulturkreis zu Kulturkreis verschieden. Kinder werden sind bei uns erst ab 14 Jahren schuldfähig, in den USA aber bereits mit 10 Jahren.
Das Problem des freien Willens lässt sich eleganter auf andere Weise lösen, als durch die schwer nachvollziehbare Begründung durch Selbstbestimmung, nämlich durch die Vorstellung von der Einheit der Person. Diese Vorstellung kann tatsächlich die Urheberschaft der Person begründen. Wenn einer behauptet, nicht er sei der Täter, sondern die Neuronen und Moleküle hätten die Tat naturgesetzlich notwendig herbeigeführt, muss er sich fragen lassen, ob denn die Neuronen und Moleküle, aus denen er besteht, nicht zu ihm gehören. Dies kann er schwerlich bestreiten, ohne sich als Person zu verleugnen. Nachzulesen sind diese Gedanken in: Die Einheit der Person, Zur Frage der Begründbarkeit von Verantwortung im Determinismus In: Widerspruch, Münchner Zeitschrift für Philosophie Nr. 47/ 2008 ., abzurufen unter www.widerspruch.com/artikel/47_08_Muchowski.pdf
4. Freiheit widerspricht Determinismus
04.03.2011, Gunter Berauer, MünchenIch verstehe wirklich nicht, wie man unsere Welt für deterministisch halten und dennoch permanent Begriffe verwenden kann, die in einer solchen Welt völlig sinnlos sind. Oder wie man von der Möglichkeit von Freiheit in einer Welt sprechen kann, in der kein einziges Attribut übrig bleibt, an welchem man einen Freiheitsbegriff festmachen könnte. (Siehe dazu auch meinen und die anderen Lesebriefe im Internet zum Spektrum- Diskurs “Schuld und Freier Wille“ vom Juni 2010, die Herr Pauen aber vermutlich nicht gelesen hat).
Heute müssen (oder dürfen) wir zum Glück davon ausgehen, dass unsere Welt ganz anders ist. Aus der bestbestätigten Theorie aller Zeiten, der Quantenmechanik, folgt, dass mikrophysikalische Vorgänge hochgradig indeterministisch sind. Den mikrophysikalischen Zufall kann man häufig direkt im Mesokosmos beobachten, darüber hinaus wird er aber auch über mannigfache andere Mechanismen in den Meso- und Makrokosmos transformiert. Neben den quantenmechanischen gibt es aber auch noch viele andere Argumente und Fakten gegen den Determinismus, die ich gerade dabei bin, in einem Buch über den “Irrtum vom Determinismus“ zusammenzutragen (siehe dazu auch mein Buch über den Begriff der Freiheit, LIT-Verlag, 2. Auflage). Wir haben es in unserer Welt nicht nur mit ein paar kleinen Kausallücken zu tun, die Herr Pauen vielleicht konzedieren würde, sondern es gibt fast nichts (genau genommen sogar gar nichts) in dieser Welt, was strikt kausal abliefe.
Nun zum Begriff der Freiheit. Zunächst sollte man zwischen objektiver (von außen zu beurteilender) und subjektiver (empfundener) Freiheit unterscheiden. Objektive Freiheit verbietet nicht den Zufall, wie Herr Pauen sagt, sondern setzt ihn voraus. Oder besser gesagt: Zufall ist ein wesentlicher Bestandteil von objektiver Freiheit. Denn wer würde die Entscheidungen eines Menschen noch als frei bezeichnen, wenn man sie (prinzipiell) sicher hätte vorhersagen können? Nicht sichere äußere Vorhersagbarkeit ist damit ein wichtiges Attribut für objektive Freiheit. Da aber Unvorhersagbarkeit und Zufall Synonyme sind, hat Freiheit eben doch etwas mit Zufall zu tun. Zu einem vernünftigen Freiheitsbegriff kommt man nur, wenn man die Welt so nimmt, wie sie ist, und den physikalisch begründeten Zufall auch als Grundvoraussetzung für Freiheit in die Definition einbezieht (schon Immanuel Kant und später Martin Heidegger sprachen davon, dass die praktische Freiheit des Menschen in der “absoluten Spontaneität“ gründet, was aber nichts anderes ist als der Zufall). Das gelingt mit einem Begriff von Freiheit als Zusammenwirken von Zufall und Kausalität, der damit, um mit den Worten Jacques Monods zu sprechen, “Zufall und Notwendigkeit“ miteinander verbindet. In einem in der Süddeutschen Zeitung vom 10.2.2011 abgedruckten Interview mit dem Titel “Die Freiheit der Fruchtfliege“ hat sich der Zoologe Dr. Björn Brembs genau in dieser Weise über die Freiheit geäußert (siehe dazu auch mein oben bereits genanntes Buch).“
5. Träge Reizleitung kein Widerspruch zur Willensfreiheit
15.03.2011, Walter Weiss, KasselDass eine Entscheidung nicht von äußeren oder inneren Zwängen abhängig sei, ist erkennbar eine Illusion. Was jeweils als Entscheidung herauskommt, ist wohl nicht nur so wenig multikausal bestimmbar wie das Wetter (sondern noch viel komplizierter), aber doch bei Kenntnis aller ermittelbarer Begleitumstände eingrenzbar - ohne dass auch dadurch eine Determiniertheit resultieren kann: Wir könnnen unmöglich das gesamte Geflecht der Begleitumstände kennen.
Man braucht also - Gott sei Dank! - die opportunistische Überlegung einer 'Alltagsvorstellung' überhaupt nicht, um einen zurechnungsfähigen Menschen für eine falsche - strafbewehrte - Entscheidung/Handlung bestrafen zu können. Ganz abgesehen davon, dass die Einführung einer solchen 'Alltagsvorstellung' in eine wissenschaftliche Abhandlung ein Armutszeugnis darstellt.
In diesem Zusammenhang: Die Strafbewehrung bestimmter Handlungen in einer menschlichen Gesellschaft ist stets und ausnahmslos eine menschliche Erfindung, also weder etwas durch Gene Bestimmtes noch eine naturwissenschaftlich begründbare Einrichtung. Eine solche Strafbewehrung ist in einer menschlichen Gemeinschaft zweckmäßig, gegebenenfalls sogar zwingend erforderlich.
6. Determinismus ja oder nein?
21.03.2011, Christoph RothIch nehme mir mal das Zitat vor, um es zu kommentieren: "Wie will man etwas in einer Welt beeinflussen, in der alles von Anfang an unbeeinflussbar abläuft?" Nun ja, dieses Problem wird über Rückkoppelung gelöst. Man darf bei dieser Betrachtungsweise etwas Wichtiges nämlich nicht außer Acht lassen: Die ganze Illusion vom freien Handeln und vom selbstinszenierten Handeln ist bereits in diesem "Determinismus" mit inbegriffen. Es widerspricht auch der Systemlogik davon Gebrauch zu machen, weil man dann sich selbst mitbeschreiben müsste, aber danach nicht mehr eindeutig determiniert wäre. In diesem Fall käme ein Paradoxon zum Tragen, welches plötzlich einen freien Willen ermöglichen, jedoch die Kausalität verletzen würde. Es ist unlogisch von freiem Willen zu sprechen, denn jeder Mensch würde zwar behaupten, er habe in allen Situationen selbst entschieden, aber er vergisst, dass er dafür Gründe hatte. Diese Gründe kommen von außen, und das Gehirn ist nur ein Teil des Gesamtprozesses und führt letztendlich mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zu einem festgelegten Ergebnis. Determinismus existiert also, aber die Möglichkeit besteht, dass er nicht vollständig ist. Dies jedoch bringt noch immer keinen freien Willen mit sich. Die Definition schon wortgemäß ist das Dilemma, welches überhaupt erst zu dieser Fehlannahme führt. Es ist schlicht und einfach die Fehlinterpretation dieses "Vorgangs". Wozu müsste ich noch auf äußere Einflüsse achtgeben, wenn ich alles selbst bestimmen kann? Welchen Sinn hätte Selbstbestimmung wenn sie nicht exakt auf die Umwelt reagieren würde? Wir alle sind "rückgekoppelt" wie eine riesige unvorstellbar große Schar von sich selbstregelnden PID-Systemen. Die Energiezustände seit dem Urknall ändern sich laufend bis zum nächsten Mal. Den Prozess dazwischen, welcher weitestgehend unbedeutend für das Universum ist, bezeichnen wir als das menschliche Leben.
7. Die Unentscheidbarkeit der Willensfrage
22.03.2011, Fabian Hauser, Gauting-Stockdorf1. Unser Wissen ist immer nur Vermutungswissen. Wir können zwar Experimente oder Theorien pro oder kontra auf die Willensfreiheit hin interpretieren, aber wir dürfen sie nie als endgültige Wahrheiten auffassen, da wir die Zukunft nicht kennen und damit immer nur vorläufiges, vermutetes Wissen besitzen. Damit können wir aber auch zu keinem abschließenden Urteil in der Willensfrage kommen. Zukünftige Erkenntnisse könnten frühere falsifizieren.
2. Wir können nicht unendlich genau messen. Selbst wenn Experimente überwältigend für oder gegen die Willensfreiheit sprächen, blieben auf Grund der eingeschränkten Messgenauigkeit Restzweifel.
3. Der wichtigste Aspekt, warum die Willensfrage unentscheidbar ist, ist aber ein logischer: Unsere Diskussionen und Handlungen würden in einer Welt mit freiem Willen genau so ausfallen und aussehen, wie in einer Welt ohne freien Willen, da in einer solchen Welt, konsequent gedacht, nichts einen freien Willen hätte. Es gäbe daher keinerlei Möglichkeit zu entscheiden, ob unser Wille frei ist oder nicht, da auch sämtliche Diskussion darüber und Schlussfolgerungen für einen freien Willen unfrei sein könnten, ohne dass wir dies je merken würden. Wir könnten die unfreie Illusion eines freien Willens haben.
Auf der Enge des Raums kann ich meine Vermutungen, dass die Willensfrage prinzipiell unentscheidbar ist, natürlich nur grob skizzieren. Man könnte sie in einer ausführlicheren Arbeit sicherlich überzeugender darstellen.
Abschließend sei bemerkt, dass ich solche „grundsätzlichen“, „ernsten“ Diskussionen über die Willensfrage aus den oben genannten Gründen für das reale Leben als sinnlos empfinde, da man nicht zu einem abschließenden Ergebnis kommen kann und daher auch keine Probleme lösen oder erklären kann (z. B. ethische). Im Gegenteil, sie können sogar unnötig verwirrend und verkomplizierend sein (siehe z. B. die Diskussion in SdW 6/2010). In punkto Ethik ist die „Strategie der Vernunft“, die Hans-Joachim Niemann, an Karl Popper und Hans Albert anknüpfend, im Rahmen des Kritischen Rationalismus entwickelt hat, in meinen Augen immer noch das überzeugendste Programm. Es kommt ohne überflüssige, tief gehende Diskussionen über die Willensfrage aus und besticht durch seine realitätsnahe Anwendbarkeit.
8. Gegenseitige Befruchtung statt Widerspruch
23.03.2011, Dr. Dieter Spies, EgmatingSo kann z.B der Versuch, im zweiten Artikel Freiheit so zu definieren, dass der Neurowissenschaftler als solcher zustimmen muss, nur scheitern: Wenn der Autor des zweiten Artikels als Voraussetzung der Freiheit die Abwesenheit von inneren und äußeren Zwängen bezeichnet, so ist dies ein philosophisch durchaus diskussionswürdiger Ansatz, aber ein Neurowissenschaftler wird nur zwingend kausal-determinierte Abhängigkeiten, also Zwänge beim menschlichen Handeln finden, weil es eine Denkkategorie "Freiheit" in den Naturwissenschaften gar nicht gibt und was von vornherein im naturwissenschaftlichen Denkrahmen als Möglichkeit ausgeschlossen ist, kann auch nicht gefunden werden. Sollte nun ein Neurowissenschaftler folgern, dass es freie Akte nicht gebe, so hat er seine Wissenschaft verlassen und befindet sich auf spekulativem gegebenenfalls philosophischem Gebiet, denn, was es als Denkmöglichkeit naturwissenschaftlich nicht gibt, kann nanturwissenschaftlich auch nicht geleugnet werden. Die Philosophie muss also gegebenenfalls den Neurowissenschaftler auf seine naturwissenschaftlichen Denk- und Methodenkategorien hin- und zurückweisen. Sie selbst kann aber zusätzliche Denkkategorien postulieren, um das "ganze" Leben erklären zu können und um damit z.B. zur kantischen Aussage der "Kausalität durch Freiheit" zu kommen.
Widerspruch kann es also eigentlich nicht geben, aber gegenseitige Befruchtung sehr wohl. Zwei Beispiele: Wenn die Physik sich in der Quantentheorie genötigt sieht, indeterministische Phänomene anzumehmen und somit ihren eigenen Denkrahmen zu sprengen, dann muss dies das Interesse der Philosophie wecken. Oder wenn Neurowissenschaftler von im Gehirn ankommenden elektrochemischen neuronalen Impulsen unvermittelt - und völlig unwissenschaftlich - aussagen über die Entstehung und das Wesen von Bewusstsein machen, dann muss das die Philosophie auf den Plan rufen.
9. Zur Frage der Selbstbestimmung
31.03.2011, Karl-Heinz Schack, 32427 MindenSicherlich werden die biochemischen Prozesse auf molekularer Ebene im menschlichen Gehirn ohne „naturgesetzliche Kausallücken“ ablaufen. Da es aber genug Beispiele gibt, in denen das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, ist der Rückschluss, dass wir deshalb keinen freien Willen haben können, nicht zwingend notwendig.
Auch bevor die Regeln der Ärodynamik bekannt waren, wird kaum ein Wissenschaftler behauptet haben, dass Dinge die schwerer als Luft sind grundsätzlich nicht fliegen können. Die praktische Erfahrung (Vogelflug) sprach einfach dagegen. Ähnlich ist es heute mit dem freien Willen. Man weiß zwar nicht wie er funktioniert, die praktische Erfahrung zeigt aber, dass es ihn gibt.
Die Feststellung, dass elektrische Aktivitäten im menschlichen Gehirn feststellbar sind, bevor eine Entscheidung bewusst wird, ist grundsätzlich auch kein Argument gegen einen freien Willen. Wie das Bewusstsein funktioniert ist z.Z. kaum mehr erforscht als der freie Wille. Wie Bewusstsein und freier Wille zusammenhängen und ob Bewusstsein überhaupt eine Grundvoraussetzung des freien Willens ist, steht daher noch gar nicht fest. Möglicherweise gibt es Lebewesen, die über einen freien Willen verfügen, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Deshalb kann bislang aus zeitlicher Abfolge irgendwelcher Nervenimpulse und bewusster Wahrnehmung keinerlei Aussage über die Nichtexistenz des freien Willen abgeleitet werden.
Ähnlich ist es mit weiteren menschlichen Fähigkeiten wie das Verständnis von Kausalitäten und der Handlungsweisen anderer Menschen, Planung zukünftiger Handlungen, Mitgefühl, etc. Wir sind gewohnt diese als zusammenhörig zu sehen. Welche davon jedoch z.B. Grundvoraussetzung für einen freien Willen sind und welche nicht unbedingt notwendig sind ist weitestgehend unklar. Auf der anderen Seite besteht durchaus die Möglichkeit, dass z. B. ein freier Wille ohne Mitgefühl durchaus möglich, aber nicht unbedingt wünschenswert ist.
Die grundsätzliche Verleugnung des freien Willens steht auf jedem Fall im Widerspruch zur Möglichkeit ein etwas tieferes Verständnis für den freien Willen zu bekommen. Wie funktioniert er, was sind die Grundvoraussetzungen, was ist zusätzlich notwendig bzw. sinnvoll, haben auch andere Lebewesen einen freien Willen etc.?
10. Fragen der Begrifflichkeiten
04.04.2011, Walter Pfohl, MünchenBei den vorgetragenen pragmatischen Überlegungen zu Sanktionierung und Belohnung geht es ja nun auch offensichtlich nicht um eigentliche Freiheit, sondern um Manipulation der individuellen Entscheidungen durch Schaffen von Bedingungen im Hinblick auf die zu erwartenden sozialen Konsequenzen, was eine Veränderung der Entscheidungssituation bedeutet. Was ist daran „frei“, wenn einer unter anderen Bedingungen zu anderen Entscheidungen findet? Ist denn einer, der sich durch solche Motivationsmittel zu sozial erwünschtem Verhalten manipulieren lässt, in irgendeinem Sinn selbstbestimmter als einer, der dagegen resistent ist?
Und wie sollte man wissenschaftlich sauber ein Grenze ziehen zwischen dominierenden Motivationen oder Zwängen? Wie weit können wir unsere (situationsabhängigen) Motivationen und deren Kraft denn selber frei bestimmen? Warum ist denn wohl nicht jeder zu kurz Gekommene in der Lage, mit seinem Los völlig zufrieden sein, einfach, indem er eben frei beschließt, ja gar nichts anderes zu wollen?
Insofern halte ich die komplette Terminologie von „Autonomie“, „Urheberschaft“, „Verantwortlichkeit“ etc. für vorwissenschaftlichen Pragmatismus, der weit davon entfernt ist, einen wissenschaftlichen Begriff von „selbstbestimmter Freiheit“ zu begründen und zu tragen. Den Freiheitsbegriff auf soziale Manipulierbarkeit zu gründen, hat für mich schon eher was von orwellscher Begriffsverdrehung: Freiheit ist die Fähigkeit, den sozialen Zwängen zu gehorchen, und Selbstbestimmung ist Empfänglichkeit für Fremdbestimmung!
(Liebe Philosophen, verdreht uns die gewachsenen Sprachbegrifflichkeiten bitte nicht so, dass sie für Euch irgendwann das Gegenteil von dem bedeuten, was Fachfremde darunter verstehen, sondern lasst Euch wenigstens signifikant andere Vokabeln dafür einfallen!)
Ich glaube somit nicht, dass Konzepte von selbstbestimmter Freiheit überzeugend zu verwissenschaftlichen sein werden, und halte diese für kulturelle Konstrukte, die als Realitätsmodell ebenso illusionären Charakters sind wie andere metaphysische Dogmen. Unfrei oder gezwungen fühlen wir uns im Wesentlichen dann, wenn wir keine Wahl bzw. keine andere als die zwischen verschiedenen Übeln sehen, die wir allesamt nicht wirklich wollen. Solange wir Möglichkeiten sehen, die ohne ernstliche Konflikte mit unseren (letztlich durch äußere Ursachen bedingten) Grundvorstellungen vereinbar wären, empfinden wir unsere diesbezüglichen Entscheidungen nicht als zwangsbestimmt, sondern als vernünftige und freie Wahl der (subjektiv) wünschenswertesten der Optionen. Aber deswegen kommen diese auch nicht freier oder selbstbestimmter zu Stande als die aus fühlbaren Zwängen resultierenden, nämlich durch die naturgesetzlichen Prinzipien von Ursache und Wirkung.
11. warum wird der Begriff "Zwang" in die Diskussion eingeführt?
18.04.2011, J BiUnd ist der Heißhunger auf die Sahnetorte, von der ich weiß, dass sie mir nicht gut tut, ein innerer Zwang? Abgesehen von der Schwierigkeit, die Stärke des Zwangs messen zu können, erscheint es mir plausibel, dass es willenstärkere Menschen gibt, die einem solchen inneren Zwang eher widerstehen können.
Also: Zwang ist nicht absolut - auch unter einem Zwang kann ich entscheiden. Ich habe die Freiheit nicht verloren.
(selbstverständlich: Der Zwang ist bei der Bewertung meiner Entscheidung zu berücksichten).
12. Wie schnell geht das Denken oder gibt es eine biologische Re
26.04.2011, Dr. Dr. Horst Koch, AueAn einem praktischen Beispiel der sei dieser Sachverhalt erläutert: Ein Tennisball im Tennis erreicht um die 150 km/h (ca 42 m/s), gelegentlich auch mehr. Nun leiten die schnellsten Nerven etwa 120 m/s. Die Latenz für zwei Synapsen kann grob mit 1 ms überschlagen werden. Die simple Reaktionszeit (Wahrnehmung und Handlung) nach Präsentation eines visuellen Reizes beläuft sich auf zirka 250 ms. Legen wir etwas vereinfacht eine Strecke von einem Meter (Auge bis Schlaghand) zu Grunde, berechnet sich die Geschwindigkeit für die Reizaufnahme und Verarbeitung approximativ zu 1m/250 ms oder 4 m/s. Wie bewerkstelligt das Nerven-Muskelsystem überhaupt, auf eine extrinsische Bewegung, die zehnmal schneller als der zugrunde liegende interne Prozess abläuft, zu reagieren? Und dennoch können Menschen diese Leistung erbringen.
Die Frage liegt auf der Hand, ob wir nicht doch Zellen besitzen, die quasi „vor der Zeit“ antworten. Das visuelle System scheint in der Tat über solche Neurone zu verfügen, die, reizt man sie mit einem sich mit konstanter Geschwindigkeit bewegenden Lichtbalken ∆x/∆t, scheinbar früher feuern („negative Latenz“), als experimentell nach der Balkengeschwindigkeit erwartet. Anders ausgedrückt, die Erregung auf dem visuellen Kortex (zwischen zwei Elektroden mit definiertem Abstand) erreicht höhere Geschwindigkeiten als die Geschwindigkeit des stimulierenden externen Balkens (Koch, 1997). Die Latenz von einigen Zellen ist geringer, als man dies erwarten würde. Scheinbar kompensiert das Gehirn intrinsische Zeitverzögerungen und ermöglicht somit eine adäquate Reaktion. Es scheint als verkürze sich die Zeit ∆t bei gleicher Neuroanatomie ∆x? Eine plausible Erklärung für dieses Phänomen gibt es derzeit nicht. Vielleicht spielen veränderte biophysikalische Effekte auf der Nanoebene (Nanotubes, Nanoballs) und die Berechnung der Bahn – sofern Zeit bleibt - eine Rolle? Oder fahren wir, bezogen auf unsere freie Willensentscheidung, quasi ständig in die Vergangenheit wie einst Admiral J. T. Kirk und seine Crew?
Referenzen
Koch HJ: Intrinsic neuronal time delays can be compensated in cat visual cortex and frog tectum with regard to motion analysis. Acta Physiol Hung (1997), 303-313
Pauen M: Eine Frage der Selbstbestimmung. Spektrum d. W. 3 (2011), 68-72
Kornhuber HH, Deecke L: Bereitschaftspotential und Willensfreiheit. Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie 159 (2008), 133